Auf der Great Ocean Road

Ab jetzt sind wir zu dritt. Unser Zuhause auf Rädern für die nächsten fünf Wochen ist ein ziemlich pfiffig ausgebauter Fiat Ducato. Sechs Meter lang, hinten ein überraschend großes Bett, überall Fächer, in denen fast unser kompletter Kofferinhalt verschwindet, dazu eine Küchenzeile und sogar ein kleines Bad. Fahrer- und Beifahrersitz lassen sich komplett drehen und plötzlich haben wir ein Wohnzimmer. Acht Quadratmeter zu zweit reichen erstaunlicherweise vollkommen.

Dazu gibts zwei Aussie-Outdoorstühle mit Bierdosenhalter und einen Klapptisch – wir sind bereit!

Bei Aldi füllen wir die Vorräte auf – Lebensmittel können in Australien kräftig zu Buche schlagen, hier stimmen Preis und Auswahl, also bleiben wir in diesem Punkt ganz deutsch.

Let’s go Aldi first

Unser erster Stopp liegt nur etwa 50 km von Melbourne entfernt in Breamlea, ein kleiner, etwas altmodischer Campingplatz am Meer, genau richtig zum Eingewöhnen. Und zum Glück nah genug an der Zivilisation, denn beim Blick auf einen unserer Reifen kommt mir unsere Tour durch Namibia in den Sinn – damals war Reifenkontrolle tägliche Pflicht, zweimal mussten wir zum Flicken. Und sieht unser Hinterrad nicht auch diesmal etwas schlaff aus? Wir telefonieren mit der Mietwagenfirma, schicken Bilder, und ja – den sollte man tauschen. Geht ja gut los, aber besser hier als irgendwo im Nichts.

Der Service unserer Mietwagenfirma überzeugt – am nächsten Morgen rollt pünktlich der Reifenmann an, schraubt, prüft, überlegt kurz und zaubert dann einfach einen neuen Reifen aus seinem Wagen hervor. Problem gelöst, ohne Werkstatt, ohne Warten. Wir drücken ihm dankbar ein paar Dollar in die Hand. „Are you sure?“ fragt er, Trinkgeld ist in Australien unüblich. Uns egal, wir sind einfach erleichtert, sofort weiterdüsen zu können.

Ein Mann und sein Van

Hinter Torquay beginnt die Straße, wegen der wir hier sind. 243 Kilometer lang windet sie sich entlang der Südküste des Bundesstaats Victoria. Menschenleere Traumstrände, wilde Brandung, das Meer in strahlenden Türkistönen, wasserumtoste Kalksteinfelsen vor der senkrecht abfallenden Steilküste – uns wird klar, warum jährlich über sieben Millionen Menschen diese Straße befahren wollen in einem Land, das insgesamt gerade einmal 25 Millionen Einwohner hat.

Was sich auf der Straße selbst an Besuchern noch verteilt hat, drängt sich auf dem Kennet River Campingplatz Wohnwagen an Campervan. Und wir mittendrin. Hinter uns eine Gruppe ziemlich rücksichtsloser Chinesen, die den Abend deutlich lauter genießt als wir. Am frühen Morgen gehört der Ort uns allein. Wir laufen zum Fluss, Kaffeebecher in der Hand, zwitschernde Vögel um uns herum und dann hoppeln Kängurus an uns vorbei.

Ok, es ist ein Wallaby…

Die Great Ocean Road wird hier kurviger und enger. Die Straße windet sich in Serpentinen den Berg hinauf, links das Meer, rechts der Fels. Für den uns ansonsten souverän steuernden Eric eine ziemliche Herausforderung – ein noch ungewohntes Auto, ordentlich Gegenverkehr und eine schreckhafte Julia auf dem Beifahrersitz. Die Blicke sind dafür einmalig, gerade von weit oben.

Hinter dem sehr entspannten Apollo Bay biegen wir ins Inland ab – die Küste ist toll, keine Frage, aber wir wollen Koalas! In Bimbi Park geht es so viel einsamer zu als am Kennet River und kaum stellen wir unsere Campingstühle hinter dem Van auf, sehen wir schon das erste Wollknäuel im Eukalyptus-Baum hängen. Weit oben, wenig Bewegung, aber sie sind da! Im Laufe des Tages bekommen wir sie aus immer kürzerer Distanz zu sehen.

Am nächsten Tag kehren wir zurück auf die Küstenstraße – und zu den berühmtesten Felsen der Strecke. Die Twelve Apostles waren noch nie zu zwölft und nachdem einer der Felsen 2005 im Meer versank sind es heute nur noch acht, die der Brandung trotzen, aber wen interessieren hier schon Zahlen.

Wir befürchten Menschenmassen, Parkplatzmangel, Anstehen für eine kurze Aussicht, aber die Nebensaison und die kluge Planung der Australier macht den Blick auf die Twelve Apostles zu einem perfekten Erlebnis.

Die hohen Felsen ragen wie Wächter der dahinter liegenden Steilküste aus dem türkisfarbenen Wasser. Die tosende Brandung, die die Felsen umspült, die weiße Gischt, die auf den Strand trifft, die Weite der Küste und des Ozeans – wir sind einfach nur beeindruckt und können uns kaum sattsehen. Mehrere Aussichtsplattformen verteilen die staunenden Touristen so geschickt, dass jeder ein Plätzchen findet, um die Schönheit der Natur auf sich wirken zu lassen.

An der Bay of Islands noch ein letzter Blick auf den grandiosen Ozean und seine Felsen – dann biegt die Great Ocean Road ins Inland ab und kehrt nicht mehr zurück ans Meer. Vier Tage auf dieser Traumstraße, dazu Kängurus und Koalas – ein grandioser Einstieg in unseren Roadtrip!

Melbourne – es geht los!

Seit fünf Wochen touren wir durch Australien – und das in einer Intensität, dass mir doch tatsächlich die Schreibe ausgegangen ist. So ein riesiges Land, so viel zu sehen, hinter jeder Ecke ein neues Erlebnis – da kommt man kaum zum Nachdenken, geschweige denn zum Aufschreiben. Aber jetzt – der Anfang muss unbedingt gemacht werden, bevor sich die vielen unglaublichen Eindrücke verflüchtigen.

Da war zunächst – und überaus beeindruckend – Melbourne. An vielen Ecken sehr europäisch, recht historisch, fast wie im britischen Mutterland. Die Menschen hingegen zeigen deutlich – hier sind wir auf der anderen Seite der Erdkugel. Wir dachten, wir hätten Asien hinter uns gelassen und finden fast die gleiche Mischung von Ethnien wie in Singapur  – über 40% der Melburnians, die im Stadtzentrum leben, haben asiatische Wurzeln.

Melbourne – alt und neu

Melbourne hat eine sehr coole Atmosphäre – historische Fassaden aus klassisch britischer Zeit treffen auf moderne Neubauten –  mal mehr, mal weniger gelungen. Dazu kommen sehr viele junge Menschen, Restaurants, Bars, Cafes, laute Straßenmusik und das, was man hier Street Art nennt – die Graffitits in manch spelunkiger Nebenstraße würden bei uns schlichtweg als Schmiererei gelten. Interessant werden die Gassen dadurch, dass sich hier trotz der mittelmäßig einladenden Umgebung kleine Restaurants und Bars befinden, in denen zur Mittagszeit anzug- und kostümtragende Angestellte einen spannenden Kontrast zur Umgebung schaffen.

Die Innenstadt ist relativ kompakt und gut zu Fuß zu erkunden. Die kostenlose Tram – welch  grandiose Idee – nehmen wir gar nicht in Anspruch, trotz immer wieder einsetzenden Regens und recht frischer Temperaturen, sobald sich die Sonne hinter Wolken versteckt. Haben wir uns mit dem australischen Spätsommer doch die falsche Jahreszeit ausgesucht? Aber wie uns unser Taxifahrer erklärt hat, hier gilt „four seasons in a day“ und damit hat er absolut recht. Trotzdem kaufe ich mir bei erster Gelegenheit ein warmes Sweatshirt und bin jetzt australientauglich.

Australia here I come!

Wir schlendern durch wunderbare Passagen aus viktorianischer Zeit, mindestens ebenso beeindruckend wie die Leipziger Höfe. In einer der art-déco-verzierten Arkaden treffen wir auf eine Britin, die zweifelnd vor den Aufzügen steht. Ob man da wohl man hoch darf, nur mal kurz gucken? „Probieren wir’s aus“, sage ich und drücke den Knopf. Wir nehmen uns mehrere Stockwerke vor, überall erwarten uns ähnlich opulent dekorierte Gänge. Wir wünschen uns gegenseitig eine gute Reise und erobern die Stadt weiter.

Der Bahnhof Flinders Street, der verkehrsreichste der Stadt, das Melbourne Museum in den Carlton Gardens, die State Library Victoria mit ihrem grandiosen Lesesaal, Kirchen wie im britischen Mutterland, Essen aus allen Ecken Asiens und viel Tempo – dieses Stadt brodelt.

Bahnhof Flinders Street
Der Lesesaal der State Library Victoria

Bei Aldi – den durften wir uns natürlich nicht entgehen lassen – sprechen uns zwei junge Mädels aus Deutschland an. Sie sind erst gestern angekommen, noch etwas verloren in dieser pulsierenden Stadt und froh, Deutsch zu hören. Fünf Monate wollen sie hier studieren, und der Neid packt mich. Ein Auslandsaufenthalt während des Studiums – bei mir hatte es nur für einen Ausflug nach Niedersachsen gereicht. Mit ihrer Kommunikationslust sind die beiden in jedem Fall im richtigen Land gelandet. 

Zwei Tage haben wir in Melbourne, wahrscheinlich zu wenig, aber wir sind auf ein anderes Abenteuer aus: einen Roadtrip von epischer Länge, Melbourne bis Perth, 6000 Kilometer vorwiegend entlang der südaustralischen Küste, durch drei Bundesstaaten und vier Zeitzonen. Und erstmals nicht nur mit dem PKW, sondern mit einem Campervan. Geplant war das nicht, Eric kam plötzlich im Oman auf die Idee, informierte sich und schwupps, hatten wir gebucht. Absolute Premiere für uns, ob es uns gefällt, wird sich zeigen. 

Also atmen wir ein letztes Mal Großstadtluft und machen uns auf in die Weiten Australiens.

Wir leben noch!

Danke für all die lieben Nachfragen! Oh ja, wir leben noch und das sehr gut. Aber Vanlife ist dann doch anstrengender als gedacht – dreieinhalbtausend Kilometer haben wir seit Melbourne zurückgelegt, über die Great Ocean Road, durchs Outback, über den Nullarbour und jetzt an die Südküste Westaustraliens. Acht Tage haben wir noch bis Perth.

Es ist nicht nur das Fahren, das uns auslastet, auch alle anderen Selbstverständlichkeiten sind auf unseren 5 Quadratmetern anstrengender – Kochen, Duschen und – unverzichtbar – Ordnung halten. Und das meist ohne anständiges Internet und mit großem Schlummerbedürfnis, das sich mit Sonnenuntergang in unseren Van schleicht.

Deswegen – hier ein kurzes Lebenszeichen verbunden mit der Ankündigung, dass wir die Berichte über diese wunderschönen letzten Wochen ganz bald nachholen werden. Eine Villa in den Reisfeldern Balis wartet schon auf uns 🙂
Als kleiner Vorgeschmack hier ein paar Eindrücke :

Ein paar der 12 Apostel
Diese Wahnsinnsküsten…
On the road
Er hat uns über den Nullarbor getragen…
Frühstück im Outback
Und auf die immer aufpassen!

Was wir jedenfalls feststellen müssen – wir sind genau zu den richtigen Zeiten an den richtigen Orten – wir waren offensichtlich fast die letzten, die Dubai und den Oman unbeschwert genießen konnten und hier in Australien sind wir ganz weit weg von den Kriegen dieser Welt. Auch für unsere nicht vorhandene Planung werden wir belohnt – einen Rückflug haben wir noch nicht und es wird sich schon eine sichere Route zurück in die Heimat finden.

Bis bald aus Bali!

Vier Städte, zwei volle Bäuche – Schlemmen in Südostasien

Den Oman mit seinen orientalischen Köstlichkeiten haben wir hinter uns gelassen. Unser eigentliches Ziel ist der Süden Australiens, aber wir wollen uns Zeit nehmen. Statt direkt weiterzufliegen, entscheiden wir uns für einen genussvollen Abstecher nach Südostasien. Und tun das, was wir am besten können: schlemmen!

Bangkok

Bangkok ist unser erstes Ziel – eine Stadt, die wir vor über dreißig Jahren zum ersten Mal besucht haben und in die wir seither immer wieder zurückkehren. Natürlich hat sich vieles verändert: Es ist voller geworden, riesige Shoppingtempel sind aus dem Boden geschossen, auf der früheren Backpackermeile Khao San Road tummeln sich westlich anmutende Kneipen und schicke Hotels. Und doch fühlt sich überraschend viel noch genauso an wie in den 90ern. Das Chaos auf den Hauptstraßen, die friedlichen Gassen der Wohnviertel nur wenige Schritte abseits des tosenden Verkehrs, die Obst-, Gemüse- und Fischmärkte – da ist es noch, das Bangkok von damals.

Wir wohnen etwas abseits der klassischen Touristengegenden, aber dennoch zentral, nahe der Bootsanlegestelle Thewes Pier. Ein idealer Ausgangspunkt: Für die nächsten Tage können wir dem Verkehrschaos auf den Straßen entgehen und stattdessen auf die Boote des Chao-Phraya-Flusses umsteigen.

Abendliche Fahrt auf dem Chao Praya River

Nach unserer müden Ankunft nach dem Nachtflug aus Maskat nehmen wir zunächst noch die Metro in die Stadt. Für die letzten vier Kilometer bis zum Hotel müssen wir jedoch eine geschlagene Stunde auf ein Grab warten – das südostasiatische Pendant zu Uber. Kaum ein Fahrer möchte die Strecke im morgendlichen Berufsverkehr übernehmen. Irgendwann klappt es dann doch, und wir landen im freundlichen SSIP Boutique Dhevej Bangkok, wo uns eines der herzlichsten Frühstücke erwartet, die wir je erlebt haben. Spätestens jetzt ist klar: Die Schlemmertour kann beginnen.

Jeden Tag anders, jeden Tag lecker – das Frühstück im SSIP

Bangkok kennen wir gut. Die Sehenswürdigkeiten – allen voran der Königspalast – sind phantastisch, inzwischen aber so überlaufen, dass wir lieber in Erinnerungen schwelgen: an eine Zeit, als chinesische Reisegruppen noch Seltenheitswert hatten und Europäer lieber in Strandresorts blieben. Also fahren wir viel Boot, streifen durch die Straßen und essen, was das Zeug hält.

Auch nicht mehr ganz neu, aber mittlerweile prägend für die südostasiatische Gastroszene, sind die Streetfood-Empfehlungen des Michelin. Seit Jay Fai mit ihrem Krabbenomelett sogar zum Netflix-Star wurde, sind viele dieser Garküchen umlagert. Wir versuchen es trotzdem mit einer der Empfehlungen – und ja: Der Mango Sticky Rice von K. Panich ist schlicht phantastisch.

Wir schlemmen uns durch das Gassengewirr des Wang-Lang-Marktes, wo die Curry-Nudeln genial sind, genießen Wantans im Hagow Yaowarat in Chinatown und machen zum Abschluss dann doch noch einen Abstecher in eines der großen Shoppingcenter. Im Icon Siam landen wir schließlich im beeindruckendsten Food Court, den wir bisher in Asien gesehen haben: ganz Thailand auf einer riesigen Fläche, liebevoll inszeniert mit Marktständen und künstlichen Kanäle, auf denen Boote voller Essen schaukeln.

Nach drei Tagen lassen wir Bangkok glücklich zurück. Klar ist: Wir kommen wieder. Irgendwann.

Schaaarf – Streetfood Bangkok

George Town

Ab nach Malaysia – und ja, ich lege mich fest: in das Land mit dem besten Essen der Welt. Und zwar gleich in dessen kulinarische Hauptstadt. Malaysia ist ein Paradies, das gleich mehrere der großartigsten Küchen vereint und daraus noch etwas ganz Eigenes geschaffen hat: indisch, chinesisch, malaiisch – und die Verschmelzung der letzten beiden, unser persönlicher Favorit: Nyonya.

Der beste Ort dafür ist George Town auf der Insel Penang. Auch hier sind wir nicht zum ersten Mal. Als wir vor über dreißig Jahren erstmals durch die Stadt liefen, bröckelte der koloniale Charme so sehr vor sich hin, dass wir ihn für unrettbar hielten. Wehmütig blickten wir damals auf das halb verfallene Eastern & Oriental Hotel, einst eine Perle Südostasiens. Die halbe Nacht verbrachten wir mit der Kakerlakenjagd in unserem Billighotel.

Dass sich George Town verändert hat, wurde mir bereits bei einem Besuch 2016 klar. Jetzt kommen wir erneut an – es ist bereits dunkel, als wir im Cititel Penang einchecken. Vom Fenster unseres Zimmers im 11. Stock sehen wir zunächst nicht viel. Erst am Morgen offenbart sich der grandiose Blick: direkt auf das in neuem Glanz erstrahlte Eastern & Oriental Hotel und die dahinterliegende Bucht der Straße von Malakka. Rechts unter uns leuchtet das ikonische Blau der Cheong Fatt Tze Blue Mansion. Und dort vorne – ist das nicht tatsächlich das Hotel, in dem wir vor vielen Jahren Kakerlaken gejagt haben?

George Town

Das Frühstück entpuppt sich als Reise durch Asien: alle Küchen Malaysias, dazu japanisch und europäisch. Wo fängt man da bloß an? Bei diesem Blick und diesem Frühstück verzeihen wir dem Hotel sogar die scheppernde Klimaanlage und den leicht muffigen Geruch im Zimmer. Doch jetzt: raus in die Stadt!

George Town

Zu den ohnehin tausenden asiatischen Touristen gesellt sich heute noch eine große Ladung deutscher Kreuzfahrer – ein TUI-Schiff hat sie für den Tag ausgespuckt. Entdeckt haben wir das natürlich schon frühmorgens von unserem Zimmer mit Premiumblick. Wir wandeln durch das Eastern & Oriental Hotel, lassen uns von seinem kolonialen Charme einfangen, bummeln durch den Vintage-Zauber der chinesischen Shophouses, lassen uns von indischen Tempeln und chinesischen Clanhäusern in vergangene Zeiten beamen – und essen. Viel.

Schlemmen im Emerald Nyonya in Penang

Kuala Lumpur

Doch satt sind wir noch lange nicht. Also weiter nach Kuala Lumpur.

Bei unserem ersten Besuch in den 90ern fanden wir die Stadt schrecklich. Wir wohnten in einem fertigen Wohnblock außerhalb des Zentrums, Malaysia war damals im Vergleich zu anderen südostasiatischen Ländern teuer, wir noch im studentischen Sparmodus – und landeten folglich in einer wenig einladenden Gegend. Die rasante Entwicklung von „KL“ haben wir bei späteren Besuchen verfolgt, wirklich überraschen kann sie uns also nicht mehr.

Und trotzdem: Wir können uns nicht sattsehen am Blick aus unserer Wohnung im 26. Stock auf  die Häuserschluchten. Auf die Türme der Petronas Towers, für uns immer noch die schönsten Hochhäuser der Welt, auf den Merdeka Tower in Chinatown.

New York Vibes in unserem Schlafzimmer

Die Shoppingcenter brummen Tag und Nacht, in den Food Courts tobt zu jeder Uhrzeit das Leben, die Straße muss man nicht mehr betreten, denn zwischen den Einkaufstempeln und den Häusern bewegt man sich auf klimatisierten Fußgängerbrücken. Am Abend trifft man sich im Park des KLCC, sieht sich die Watershow an, wandelt über die Spazierwege im Grünen und das alles vor der grandiosen Kulisse der Petronas-Zwillingstürme. Malaysia ist eindeutig im 21. Jahrhundert angekommen.

Die Petronas Towers

Das bevorstehende chinesische Neujahrsfest macht aus der Innenstadt einen gigantischen roten Karneval. Obacht: Es wird das Jahr des Feuerpferds – da sollen spannende Kräfte am Werk sein.

Alt und neu – Shophouses und Merdeka 118 in Chinatown KL

Wir geben uns Beef und Chicken Rendang hin, genießen Rotis an Straßenständen, süße gedämpfte Custard Buns im Hainan Kafei Dian, zwischendurch auch aromatische Ramen und krönen das Ganze mit einem Besuch im 1919 mit Nonya Red Curry und frittierter Aubergine. Spätestens jetzt ist klar: Wir sind im absoluten Foodie-Heaven angekommen. Wäre da nicht eine weitere Stadt ganz im Süden der malaiischen Halbinsel.

Singapur

Und dann kommt Singapur. Und setzt noch mal einen drauf.

Nach der schnellsten Einreise unseres Reiselebens – vollelektronisch und ohne Schlange – sind wir in zwei Minuten drin. Direkt vor uns wartet schon die erste Attraktion: Jewel, der gigantische Wasserfall mitten im Flughafen. Wassermassen stürzen aus der Kuppel hinab in das von tropischen Terrassen gesäumte Rund, dazu erklingt Indiana-Jones-Musik. Am Rand des großen Beckens absolvieren fitte Singapurianerinnen ein Fitnessprogramm, über allem gleitet der Skytrain durch die Szenerie – so ein ganz klein wenig fühlt sich das an wie eine Szene aus Star Trek.

The Jewel – mitten im Flughafen
Nicht nur für Stewardessen

 

 

 

 

 

 

 

 

Unser Hotel liegt nur eine Viertelstunde entfernt im Stadtteil Katong. Schnell wird klar, dass es sich hier um das In-Viertel von Singapur handelt mit bunten Shophouses, kleinen Läden und unglaublich vielen Restaurants. Sind wir also richtig! Bei 328 Katong Laksa hat schon Gordon Ramsay gegessen und auch wir schlagen begeistert zu.

Satay – ein Muss in Singapur

In den nächsten zwei Tagen tritt Essen – kaum zu glauben – zeitweise etwas in den Hintergrund. Singapur überwältigt mit seinen futuristischen Aussichten: die Ausblicke rund um die Marina Bay mit dem ikonischen dreibeinigen Marina Bay Sands Hotel, die Skyline entlang der Bucht, der wohl coolste Apple-Shop der Welt, das lotusförmige ArtScience Museum, die riesigen künstlichen Blütenkelche der Gardens by the Bay, glitzernde Metrostationen und mondäne Shoppingcenter –  die vielen Möglichkeiten dieser Stadt erschlagen uns fast.

 

So toll es hier ist – ein bisschen Natur und Einsamkeit könnten wir jetzt gut gebrauchen. Vier Städte, zwei volle Bäuche und unzählige Aromen später lassen wir Südostasien satt und glücklich hinter uns.

Tschüß Asien.

G’day Australia!

Zwischen Tradition und Moderne – unser Fazit zum Oman

Zeit, Bilanz zu ziehen: Wie ist er so, der Oman als Reiseland?

Nicht mehr unentdeckt, aber nach wie vor exotisch. Die Zeiten des Geheimtipps sind allerdings vorbei. Zu den zahlreichen internationalen Touristen kommen viele Omanis, die ihr eigenes Land bereisen. An touristischen Hotspots wie Nizwa ist an manchen Stellen kaum ein Durchkommen, Deutsch, Französisch und Italienisch hört man überall. Das bringt allerdings auch Vorteile mit sich – tolle Hotels oder auch mal eine kleine Kulturüberraschung.

Am Fort von Nizwa

Der große Unterschied zu vielen anderen Reisezielen liegt in der Gelassenheit, mit der die Omanis diesem Andrang begegnen. Ein Bummel durch einen orientalischen Souk ohne aufdringliche Händler? Willkommen im Oman. Taxifahrertricks, überteuerte Restaurants an beliebten Orten? Fehlanzeige. Qualität, Freundlichkeit und Fairness scheinen hier erstaunlich selbstverständlich zu sein.

Weihrauch-Händler in Maskat

Reisen im Oman ist unkompliziert. Mit Englisch kommt man überall durch, und fast alle Aufschriften sind zweisprachig, in Arabisch und Englisch. Mit ganz reizenden Übersetzungen – am liebsten mochten wir „Sale of Foodstuff“, als Hinweis auf kleine Lebensmittel-Lädchen.

Die Straßeninfrastruktur ist hervorragend und zumindest außerhalb von Maskat auf deutlich mehr Verkehr ausgelegt als tatsächlich vorhanden. Ein dichtes Netz an Radarkontrollen und empfindliche Strafen halten Raserei in Grenzen, Parken ist selten ein Problem. Mit Kamelen auf der Straße muss man in ländlichen Gegenden rechnen – die größere Gefahr besteht aber darin, an einer der zahlreichen Temposchwellen aufzusetzen. Die ein oder andere haben wir übersehen, aber es ging gut. Benzin ist günstig, das Tankstellennetz dicht. Aber Obacht: Schmutzige Autos sind verboten, und allzu wüstenverstaubte Fahrzeuge können tatsächlich von der Polizei eingezogen werden.

Es sind vor allem die Menschen, die den Oman so besonders machen. Ihre Freundlichkeit ist zurückhaltend, herzlich und stilvoll. Selbst das Arabische klingt hier weich und elegant. Männer in blütenweißen Dishdashas, dazu bestickte Kappen oder Turbane, Frauen meist in schwarze Umhänge gehüllt – mal mit, mal ohne Verschleierung. Wir hören, dass das vor zwanzig Jahren noch anders war, Frauen bunte, elegante Kleider trugen, doch durch den Einfluss Saudi-Arabiens sei das in den privaten Raum verdrängt worden. Trotzdem sind Frauen im Alltag ganz selbstverständlich präsent. Väter kümmern sich auffällig oft und liebevoll um die Kinder, mehr als wir es in anderen arabischen Ländern beobachtet haben. Und Anmache oder blöde Sprüche gegenüber Ausländerinnen haben wir nicht erlebt.

Zurückhaltung und Stilsicherheit finden sich auch in Architektur und Design wieder. Gedeckte Farben, klare Linien, traditionelle Formen – kaum Kitsch, viel Geschmack.

Und der Oman duftet. Wirklich überall. Vor Geschäften und auf der Straße, selbst in Behörden brennt Weihrauch. Die Quaste an der Kleidung der Männer hat nur einen Zweck – in Parfüm getaucht zu werden. Duftstände sind allgegenwärtig und bei Amouage, dem omanischen Parfümklassiker, testen wir uns durch eine ganze Welt orientalischer Wohlgerüche.

Im Souk

Der Oman ist ein wohlhabendes Land: Erdöl und Gas als Grundlage, erneuerbare Energien als Zukunftsstrategie. Politisch ist er eine absolute Monarchie ohne Parteien, doch vieles deutet darauf hin, dass der Sultan es gut meint mit seinen Untertanen. Der Staat investiert in Infrastruktur und Lebensqualität: Bibliotheken, Oper, Schulen, Universitäten, Sportzentren, gepflegte Wohnviertel. Platzmangel kennt man hier nicht – großzügige Grundstücke, wenig Hochhäuser, saubere Städte, zuverlässige Strom-, Wasser- und Internetversorgung.

Anders als Dubai, das mit futuristischen Superlativen beeindrucken will, verbindet der Oman Moderne mit Tradition. Architektur, das Festhalten an traditioneller Kleidung oder auch die Weihrauchkultur schaffen einen ganz eigenen Stil.

Entdeckungen in Al Hamra

Und dann das Essen. Der Oman scheint sich aus vielen Küchen das Beste herausgepickt zu haben. Brot in allen Varianten – knusprig, fluffig, frisch aus dem Ofen – gehört immer dazu. Datteln sind Grundnahrungsmittel und Symbol der Gastfreundschaft. Sie sind so wichtig, dass jedes Fort über große Dattellager verfügte, zum Verzehr oder auch mal flüssig als kochendheiße Waffe gegen eindringende Feinde. Fleisch spielt eine große Rolle: Hähnchen, Lamm, Ziege oder Rind, meist gegrillt und hervorragend zubereitet. Alles kann sorglos verspeist werden – die Kontrolle in den Restaurants ist streng, es geht sehr hygienisch zu und wir hatten keinerlei Magenprobleme. Beeindruckt haben uns auch die großen Supermärkte: ein Überfluss an frischem Fisch, Brot, Obst – nicht eine Mangosorte, sondern sechs –, dazu ein riesiges Sortiment an omanischen und internationalen Produkten.

Auch preislich bleibt der Oman moderat. Kein Billigreiseland, aber gut erschwinglich: Schöne Hotelzimmer für etwa 80 Euro, ausgezeichnetes Essen für 8–10 Euro, Mietwagen ohne Allrad ab rund 40 Euro pro Tag, Benzin kostet etwa 55 Cent pro Liter. Wir haben den fehlenden Allradantrieb nicht vermisst. Bräuchte man ihn in den Bergen oder in der Wüste, wird ein Abholdienst organisiert. Westlicher Kaffee und Eintrittspreise bewegen sich auf westlichem Niveau. Auf ein kühles Bier zum stimmungsvollen Sonnenuntergang muss man fast überall verzichten – wir haben kein einziges Hotel oder Restaurant entdeckt, in dem Alkohol ausgeschenkt wurde. Wozu auch – die überall angebotenen frisch gepressten Fruchtsäfte sind hervorragend.

Unser Fazit nach zwei Wochen und rund 1.000 Kilometern: Der Oman verbindet Tradition mit hohem Lebensstandard, orientalisches Flair mit erstaunlicher Zugänglichkeit. Ohne Abzocke, ohne Aufdringlichkeit, mit sehr viel echter Freundlichkeit. Hinter die gesellschaftlichen Kulissen konnten wir in dieser kurzen Zeit nicht blicken – etwa auf die Situation vieler ausländischer Arbeitskräfte besonders aus Pakistan oder die politischen Strukturen ohne Parteien. Als Reiseland jedoch können wir den Oman uneingeschränkt empfehlen.

Blick auf die Altstadt von Al Hamra

Delfine, Datteln und Lehmstädte – eine Reise im Oman

Mohammed hat Delfine versprochen – und wir bekommen Delfine. Auch wenn wir zunächst daran zweifeln, ob wir überhaupt in See stechen werden.
Nach einem Frühstück, das locker für fünf gereicht hätte, und mehreren Tassen köstlichen Kaffees mit Rosenwasser werden wir mit Verspätung abgeholt. Am Traumstrand zeigt sich der Grund: Der Jeep, der unser Boot ins Meer ziehen soll, springt nicht an. Irgendwann gibt es Starthilfe vom Nachbarn, das Boot wird hinten angebunden und gleitet über den hellen Sand Richtung tiefblaues Meer. Wir springen hinein, die Fahrt geht los – hinaus in eine einsame Bucht.

„Turtle!“, ruft unser Kapitän irgendwann. In der Ferne sehen wir einen kleinen Kopf aus dem Wasser ragen, der bald wieder abtaucht. Kurz denken wir an frühere Schildkröten-Schnorchelerlebnisse in Australien, an Delfine bei Pamilacan auf den Philippinen. Eine der Gefahren des Reisens: Vieles war schon einmal ultimativ. Kann ein Nashornerlebnis je wieder so gut werden wie im Chitwan-Nationalpark in Nepal? Wird uns eine Wüste je wieder so begeistern wie Sossusvlei in Namibia?
Aber dann lassen wir das alles los und genießen den Moment.


Wir fahren weiter hinaus aufs offene Meer – und plötzlich sind sie da. Delfine. Ihre Körper wölben sich elegant aus dem Wasser, sie überholen unser Boot, tauchen ab, verschwinden und tauchen weiter vorne wieder auf. Unser Kapitän stellt den Motor ab. Wir hören sie atmen. Und ja, Pamilacan war großartig – aber das hier ist es auch!

Nach zwei Stunden kehrt ein Boot voller glücklich grinsender Globonauten ans Ufer zurück. Auf omanische Art: mit Anlauf und frontal Richtung Strand. Kurz erschrocken halten wir uns fest, gleiten dann jedoch sanft über den Sand und steigen trockenen Fußes aus. Ein Bad lassen wir uns trotzdem nicht entgehen: Kurz darauf treiben wir im kristallklaren Wasser des Golfs von Oman.

Am Abend zeigt uns Mohammed eine weitere Attraktion von Ras al-Hadd: leuchtendes Plankton. Das Meer ist spiegelglatt. Das Plankton leuchtet nur bei Bewegung, und so funkelt das auflaufende Wasser nur dezent als würden Glühwürmchen darin baden. Magisch ist es trotzdem. Ein Fischerboot zieht vorbei und zieht unter sich eine leuchtende Spuren – fast wie ein Geisterschiff.

Am nächsten Tag brechen wir auf ins Landesinnere. Viele fahren von der Küste aus in die Wüste, wir verzichten darauf. Sossusvlei… Aber einen Wadi, für die der Oman bekannt ist, wollen wir uns anschauen. Behinderungsgemäß wählen wir einen, in den man nicht kilometerlang hineinlaufen muss. Der Wadi Bani Khalid ist gut mit dem Auto erreichbar. Allein sind wir hier nicht, doch es sind vor allem fröhliche einheimische Touristen, die die Pools bevölkern. Wir bekommen einen Eindruck von der Grandiosität dieser Landschaft, planschen im klaren Wasser und widmen uns anschließend einem sehr guten Essen.

Wadi Ben Khalid
Wadi Ben Khalid
Nach dem Wadi: al baik Damascus – freundlich und sehr lecker

Unser nächstes Ziel: Nizwa. Eine Oasenstadt nahe der Berge, mit Burg, Fort und großem Souk – eines der wichtigsten Touristenziele des Landes, für omanische wie ausländische Gäste. Die meisten alten Lehmgebäude sind restauriert, Hotels und Cafés säumen die engen Gassen. Sehr orientalisch, sehr stimmungsvoll, sehr geschmackvoll – und manchmal schon nah an einem Disneyland aus Tausendundeiner Nacht.

Der Blick aus unserem Fenster im Swathina Inn in Nizwa

Freitags findet hier der berühmte Ziegenmarkt statt, lesen wir. Alles ausgebucht an diesen Tagen. Als wir am Samstagabend die Menschenmassen sehen, die sich durch die Gassen schieben, sind wir fast froh, ihn verpasst zu haben.
Unser Hotel ist komfortabel und zugleich authentisch – Orientträume mit modernen Annehmlichkeiten. Und trotz der vielen Besucher macht es Freude, durch den Souk zu bummeln: durch Weihrauchschwaden hindurch, Halwa in verschiedenen Variationen zu probieren, Datteln und Dattelsirup zu kosten. Fort und Palast sind vor allem eines: ein Spiel aus Licht und Schatten, aus kreuzenden Treppen, verschachtelten Räumen und warmem Sandstein.

Im Fort von Nizwa
Blick auf die Royal Mosque in Nizwa

Wir lassen es ruhig angehen. Sitzen stundenlang auf der Dachterrasse des freundlichen Niz Cafés, bummeln täglich durch den Souk, entspannen im luftigen Zimmer und essen hervorragend in einem kleinen jemenitischen Restaurant hinter dem inzwischen leeren Ziegenmarkt.

Früh übt sich – im Souk von Nizwa

Doch es gibt noch so viel zu sehen. Die Forts und Festungen Omans sind spektakulär – eine gehört sogar zum UNESCO-Weltkulturerbe. Jabrin hätten wir beinahe übersehen, dabei beeindruckt dieses Fort vor allem von innen. Die luftigen Wohnräume sind so gemütlich, dass man am liebsten bleiben möchte.

Jabrin

Bahla fasziniert durch seine schiere Größe. Wir kommen am späten Nachmittag, die untergehende Sonne taucht die Mauern in warmes Licht. Nur noch wenige Menschen sind unterwegs – und da wir gleich nebenan wohnen, können wir das Weltkulturerbe später sogar beim Abendessen von außen bewundern.

Fort Bahla
Fort Bahla

Misfah Al Abriyeen ist wunderschön, doch der Tourismus hat hier bereits deutliche Spuren hinterlassen. Das Bergdorf mit seinen terrassierten Gärten ist ein beliebtes Ziel von Reisebussen geworden. Am Ortseingang bittet die Bevölkerung fast schon flehend um zurückhaltendes Verhalten und entsprechende Kleidung – nicht alle nehmen das ernst. Wir klettern durch die steilen Gärten, bewundern die ausgeklügelten Bewässerungskanäle und genießen Zitronen-Minz-Saft mit spektakulärem Blick in einen kleinen Canyon.

Die Wüste blüht dank Falaj Bewässerung

Unsere letzten Tage im Landesinneren verbringen wir in Al Hamra. Die Altstadt aus Lehm ist weitgehend verfallen; man bewegt sich durch ihre Gassen wie Entdecker in den Überresten einer lang vergangenen Zivilisation. Das liebevoll restaurierte und mit historischer Inneneinrichtung versehene Bait al Safah lässt diese Vergangenheit wiederauferstehen.

Am Rand der Altstadt spazieren wir durch Palmengärten, lassen den Nachmittag in einem der schönen Cafés ausklingen und gönnen uns baskischen San-Sebastian-Cheesecake: ein Käsekuchenwunder mit gefühlt tausend Kalorien, Pistaziensoße und – ganz nebenbei – Erics Geburtstagskuchen.

Viel haben wir gesehen in den letzten Tagen. Morgen geht es zurück nach Maskat, noch eine Nacht dort – und dann beginnt unser Abenteuer Ausreise. Der Oman darf noch ein wenig nachwirken. Dann folgt unser Fazit.
Und danach: Good morning, Bangkok!

Holpern im Oman

Wir waren schlecht vorbereitet. Eigentlich gar nicht vorbereitet, weil wir bis zuletzt zweifelten, ob wir überhaupt starten können. Als dann 48 Stunden vor Abflug das Okay kam, waren plötzlich tausend andere Dinge wichtiger als Reiseplanung. Aber – so mögen wir es eigentlich. Für Dubai fand sich schnell ein Hotel und was braucht man mehr? Dachten wir.

Nach der Landung in Maskat läuft zunächst alles wie am Schnürchen. So gut organisiert, so gelassen, so freundlich, „Gelle, wir fliegen am 25. weiter“, sagt Eric der netten Frau am Einreiseschalter. Sie lächelt, drückt uns das Visum in den Pass – das war’s.

Unser Guesthouse hat uns bereits eine WhatsApp-Nachricht geschickt: Welcome to Oman. Fünf Minuten später werden wir abgeholt. Das Zimmer ist blitzesauber, auf uns wartet omanischer Karak-Tee mit Cardamom. Unser erstes Abendessen ist köstlich, aber viel zu viel. Diesen Mengen werden wir uns in den nächsten Tagen immer wieder geschlagen geben müssen. Aber obwohl wir nie aufessen, bleibt das Wetter gut: leichte Meeresbrise und sehr angenehme Temperaturen. 

Unseren Mietwagen bekommen wir erst in zwei Tagen, und Maskat ist eine sehr ausgedehnte Stadt. Mit sehr wenig öffentlichem Nahverkehr. Und in erster Linie gemacht fürs Autofahren. Also fahren wir Taxi und das ist dank App einfach und günstig. 

Aber – noch fehlt uns die Orientierung in dieser weitläufigen Stadt, in der Fußgänger nicht vorgesehen sind. Also lassen wir uns zunächst 25 Kilometer in den Osten fahren, dorthin, wo sich der Sultanspalast und Ministerien befinden. Der Palast selber kommt mit seiner blau-goldenen Fassade wenig märchenhaft daher, aber die ihn umgebenden Regierungsgebäude in sandigen Tönen, mit traditionellen Formen und dem Spiel von Licht und Schatten geben uns einen ersten Eindruck vom Zauber moderner omanischer Architektur. 

So alt Maskat ist, so wenig historische Viertel finden sich heute noch. Für das durchaus beeindruckende Regierungsviertel wurde die Altstadt abgerissen. An der Uferpromenade von Muttrah findet sich noch das ein oder andere alte Kaufmannshaus, die meisten Gebäude sind jedoch neu. Auch der Souk von Muttrah, der größte im ganzen Oman, wirkt architektonisch eher modern.

Ein gelungenes Beispiel für dieses moderne Bauen ist die neue Oper von Maskat – monumental, elegant und geschmackvoll.

Als wir dann endlich ein eigenes Auto haben und nun selbst über die breite Stadtautobahn donnern können, wissen wir mit unserer neu gewonnenen mobilen Freiheit erstaunlich wenig anzufangen. Die große Moschee ist für Nichtmuslime nur bis 11 Uhr geöffnet – das haben wir verpasst. Das Naturreservat am Meer scheint seit Monaten geschlossen zu sein. Und irgendwann landen wir dann doch wieder in einem der großen Shoppingcenter – was durchaus Spaß macht: Ikea auf arabisch, ein kleiner Schnuppertest bei Amouage, einem der teuersten Parfums der Welt, und ein riesiges Dosa im Foodcourt.

Aber unser Start in Maskat holpert ein wenig.

Und dann entdecken wir in unseren Pässen das eingestempelte Ausreisedatum: 23.01. Nicht der 25.01., an dem wir fliegen. Eigentlich kein Wunder, 14 Tage gewährt der Oman bei Einreise, alles darüber hinaus erfordert ein Visum, das man vor der Reise beantragen muss. Wenn man sich denn mit solchen Dingen beschäftigt und nicht mit Arztbesuchen und der Frage, ob man überhaupt reisen kann.

Die Webseite des Auswärtigen Amts, sonst eher Weltmeister der Panikmache, gibt sich erstaunlich gelassen: Bei Überschreitungen der Aufenthaltsdauer müsse man dann halt zahlen. Die Webseite der Royal Oman Police sagt: ja, aber nur bis zu 24 Stunden Überschreitung. Wir werden unsicher. Fragen die KI. Surfen durch verschiedene Seiten und Foren. Und kriegen leichte Befürchtungen – nicht wegen möglicher Strafzahlungen, sondern wegen künftiger Einreisen in andere Länder. Als „Visumsverletzer“ könnten uns Staaten wie die USA Probleme machen. Wobei: da wollen wir derzeit sicher nicht hin.

Trotzdem beschließen wir, die Sache direkt zu klären und statten der Royal Oman Police einen Besuch ab. Wir finden uns in einem von Weihrauch erfüllten Verwaltungsgebäude wieder und werden in einen großen Raum mit sehr vielen Menschen geschickt. Hier muss man bereits für den Erhalt einer Wartemarke lange anstehen – sehr lange. Die nächsten zwei Stunden folgen dann erstaunlich exakt den Regeln deutscher Bürokratie – warten – Rücksprache halten – „wir sind nicht zuständig“. Die Omanis um uns herum nehmen all das mit der landestypischen Gelassenheit und Freundlichkeit. Wir hingegen überlegen zwischendurch bereits, unseren Flug umzubuchen. Schließlich werden wir noch mal drei Kilometer weiter in eine andere Dienststelle geschickt – und bekommen dort die Auskunft, dass alles in Ordnung sei und wir halt das bissle Strafe zahlen sollen. Ob das stimmt, das wird sich noch rausstellen. Jedenfalls beschließen wir, der gelassenen Auskunft zu vertrauen. Und dass es jetzt endlich losgeht mit unserem omanischen Abenteuer.

Also rauf auf die Autobahn Richtung Süden. Vorbei an steinigen Wüsten, hoch hinauf in die Berge und wieder hinunter. Bis der tiefblaue Golf von Oman am ansonsten staubigen Horizont aufblitzt.

Für Sur, das Städtchen am Meer, in dem wir eigentlich einen ganzen Nachmittag verbringen wollten, bleibt nur wenig Zeit. Aber wir erleben einen schönen Sonnenuntergang und fahren dann weiter nach Ras al-Hadd.

Als wir am Guesthouse von Mohammed ankommen, von seinem Sohn mit Tee und Kaffee begrüßt werden, der Papa uns eine Bootsfahrt zu Delfinen und Meeresschildkröten für den nächsten Tag organisiert und ein köstliches Frühstück in Aussicht gestellt hat, ist dann aufeinmal alles gut.

Der Anfang war holprig.

Aber jetzt wird es gut werden!

Gute Nacht, Auto!

Zwei Tage Dubai: Mandi, Mall und Metro

Die Stadt liegt in warmes Sonnenuntergangsgelb getaucht, als wir in Dubai landen. Von diesem Moment an läuft alles wie am Schnürchen: Gepäckausgabe, Einreise, Metrofahrt. Selbst unser Hotel liegt praktischerweise direkt über der Metrostation Gold Souk. Schnell eingecheckt, einmal um die Ecke – und schon befinden wir uns mitten im arabischen Schlemmerhimmel in Gestalt eines ganz unspektakulären Restaurants in einem Wohnkomplex.

Kaum haben wir uns für zwei Hähnchengerichte entschieden, beginnt das große Auffahren: Suppen, Gemüseteller, Schälchen mit Soßen in leuchtendem Rot und Grün, Joghurt, Röstzwiebeln – und schließlich zwei große Platten mit Huhn auf einem duftenden Reisbett. Warum, bitte, haben wir noch nie von Mandi gehört? Eine jemenitische Spezialität, inzwischen auf der gesamten Arabischen Halbinsel verbreitet – und eine kulinarische Offenbarung.

Mit echten kulturellen oder historischen Highlights kann das Emirat am Persischen Golf nur bedingt punkten. Die meisten Besucherinnen und Besucher kommen ohnehin wegen ganz anderer Dinge: Baden und Shoppen. Auf Strand hoffen wir an späterer Stelle, unser Gepäck ist ohnehin schon schwer genug und will nicht weiter gefüllt werden. Aber die Shoppingcenter von Dubai? Die interessieren uns durchaus.

Umrahmt von futuristischen Wolkenkratzern – allen voran dem höchsten Gebäude der Welt, dem Burj Khalifa – sollte man vor allem die Dubai Mall nicht verpassen. Ein riesiges Aquarium mit Haien und Rochen, eine Eislaufbahn in beachtlicher Größe, ein vierstöckiger Wasserfall mit hinabstürzenden Springer-Skulpturen: Hier haben Architekten ihre Kindheitsträume offenbar kompromisslos ausgelebt. Und ja – diesem übergroßen Spielplatz für Erwachsene geben auch wir uns gerne hin.

Fortbewegung ist dank der Metro meist denkbar einfach. Vorausgesetzt, man versucht nicht gerade zur Rushhour, die Dubai Mall zu verlassen. Trotz Zwei-Minuten-Takt lassen wir eine Bahn nach der anderen an uns vorbeiziehen, bis wir uns schließlich in einen der überfüllten Waggons quetschen können. Nicht wirklich angenehm – aber auch nicht dramatisch. Niemand drängelt, niemand schimpft. In Erinnerung bleiben pieksaubere, angenehm duftende Stationen, unaufgeregte Menschen, ständig einfahrende Züge – und unser leiser Neid auf diese perfekt funktionierende Infrastruktur.

Froh sind wir darüber, nicht im Zentrum des edlen Konsums zu wohnen. Rund um den Gold Souk geht es deutlich bodenständiger zu: Der Kaffee kostet keine sieben Euro und zu entdecken gibt es trotzdem reichlich. Der Souk selbst ist allerdings so ordentlich und aufgeräumt, dass echte orientalische Marktatmosphäre kaum aufkommen mag – kein Vergleich mit dem quirligen Chaos des Khan el-Khalili in Kairo, den Basaren von Jerusalem oder Akko oder dem Großen Basar in Istanbul. Dafür lässt es sich hier recht unbehelligt durch die überdachten Gassen schlendern und ausgiebig Weihrauch schnuppern.

Mit einer Abra, einem traditionellen Holzboot, setzen wir für umgerechnet etwa 25 Cent über den Dubai Creek und spazieren durch das historische Al-Fahidi-Viertel. Hier wird der beeindruckende Völkermix Dubais besonders sichtbar: arabisch, indisch, südostasiatisch – alles lebt und arbeitet nebeneinander.

Was wir in Dubai nicht erwartet hätten, sind völlig neue kulinarische Entdeckungen. Mit Mandi begann dieser Bericht – mit Chaat soll er enden. Rund die Hälfte der Bevölkerung Dubais stammt aus Indien, und wo Inder sind, ist gutes Essen nie weit. Siebenmal waren wir bereits in Indien, haben uns durch Kerala und Gujarat geschlemmt, Streetfood in Delhi, Mumbai, Lucknow und Kalkutta probiert – und trotzdem ist Chaat bislang an uns vorbeigegangen.

Dabei handelt es sich um klassisches indisches Streetfood: frittierter Teig in allen erdenklichen Formen, kombiniert mit Soßen, Gewürzen, Gemüse – eine wahre Geschmacksexplosion. Besonders angetan haben es uns Dahi Puri: hohle Teigbällchen, gefüllt mit Kartoffeln und Linsen, übergossen mit süßem Joghurt. Und ja – das passt nicht nur, das ist schlicht genial.

Zwei Tage – mehr als ein flüchtiger Eindruck ist das nicht. Aber eine gelungene Einstimmung auf Arabien. Wir fühlen uns bereit für das nächste Ziel, nur einen kurzen Flug von Dubai entfernt. Morgen geht es weiter in den Oman.

Loslassen

Ich muss es mir eingestehen – ich bin alt geworden. Und nicht nur ich. Allerdings wehrt sich mein Reisepartner hartnäckig gegen diese Erkenntnis. Doch ganz der Wahrheit entziehen kann sich auch Eric nicht. Denn dieses Älterwerden fängt an, sich sogar auf unsere Reisen auszuwirken.

Nicht nur, dass unsere Medikamentenvorräte inzwischen spürbar Platz im Reisegepäck beanspruchen und wir uns angesichts der erklecklichen Mengen vorsorglich von unseren Ärzten einen Freibrief haben ausstellen lassen, um nicht in den Verdacht des Drogenschmuggels zu geraten. Nicht nur, dass wir angesichts zunehmend morscherer Knochen bis kurz vor der Abreise bangen mussten, ob uns der Doc überhaupt die Lizenz zum Reisen erteilt. Und nicht nur, dass wir die für nächstes Wochenende bereits gebuchte stundenlange Busfahrt durch die arabische Wüste kurzerhand gegen einen angenehm kurzen Flug eingetauscht haben.

Nein, am erschreckendsten ist für mich etwas anderes: Ich habe spürbar an Coolness verloren. Nicht, was das Reisen an sich betrifft. Sondern die noch schlecht zu stoppenden Gedanken an das, was ich zurücklasse. Die Sorge um die Wohnung, die bei winterlichen Temperaturen einsam vor sich hinfriert, raubt mir doch tatsächlich die letzte deutsche Nachtruhe. Am Morgen sieht alles deutlich rosiger aus – ich weiß um hilfsbereite Freunde und aufmerksame Nachbarinnen, die sich kümmern werden. Doch noch fällt es mir schwer, gedanklich wirklich loszulassen. Und die Irritation über diese plötzlich aufgetauchten Ängste macht es nicht gerade leichter.

Übernächtigt und noch nicht ganz unbeschwert starten wir in den verschneiten Stuttgarter Morgen.

Die S-Bahn lässt uns auch heute nicht im Stich – bereits eine Stunde nach Betriebsbeginn hat sie ihre Standardverspätung von zehn Minuten erreicht. Aber egal, wir haben gut geplant und sind zudem quasi Business-Class Passagiere mit Priority wo es nur geht. Allerdings bei Eurowings – BizClass heißt das erstaunlich günstige Angebot mit  angenehmer Beinfreiheit, Essen und Trinken satt, während in den Reihen hinter uns die Kreditkartenmaschine rattert, und einem riesigen Entertainment-Programm – bestehend aus einem Rätselheft. Doch der Rotwein aus der Plastikflasche, serviert im Kaffeepappbecher, trägt später dann durchaus zur Hebung meiner Laune bei.

Vor dem Start rollt die Maschine noch zur Enteisung – ganz faszinierend, bis der Sprühstrahl unser Kabinenfenster trifft und rostrote Streifen auf der Scheibe hinterlässt als würde uns ein Schaummonster einspinnen. Fangen so nicht Horrorfilme an?

Der Schaum verzieht sich, der Start glückt, die winterliche Kälte lässt sich von hier oben nur noch ahnen und wird uns die nächsten Monate hoffentlich gestohlen bleiben. 

Mangels irgendwelcher Bildschirme in der Kabine können wir nur ahnen, über welche verschneiten Berge wir gerade schweben, aber egal. Mit jedem zurückgelegten Kilometer schwinden die Sorgen ein bisschen und so ganz langsam steigt die Freude – auf ein arabisches Abenteuer!

 

Naumburg und die karibischen Helferlein

Nein, wir haben Europa immer noch nicht verlassen. Noch nicht mal Deutschland. Aber wenigstens Westdeutschland. Denn wir sind auf dem Weg nach Leipzig und haben einen Stopp in Naumburg eingelegt. Der Sommereinbruch im frühen April beschert uns einen lauen Abend in der komplett erhaltenen und weitgehend perfekt restaurierten Altstadt. Auf dem großen Marktplatz leuchten die bunten Bürgerhäuser mit dem blauen Himmel um die Wette, wir lassen uns das erste Eis der Saison schmecken und genießen in einem kleinen Biergarten ein leckeres Köstritzer Pils und Thüringer Bratwurst – also eigentlich ein Ort zum Wohlfühlen. Aber irgendwas passt nicht. Die Frühlingstemperaturen scheinen bei den vornehmlich jungen Männern die Hormone in Wallung gebracht zu haben und das können sie nur unter Zuhilfenahme ihrer Fahrzeuge verarbeiten – schwere Maschine dröhnen durch die Straßen,  Motoren heulen auf und mit jedem weiteren wrumm aus den Auspuffen scheint die Männlichkeit ihrer Besitzer noch ein paar Zentimeter zu wachsen. Diese Poserei nervt in jeder Stadt, aber vor der Kulisse prächtiger Bürgerhäuser, gemütlicher Cafés und stylischer Weinbars scheint sie besonders absurd. Als würden die Stadt und ihre Bewohner – zumindest die hörbaren – einfach nicht zusammen zu passen. Nun denn, unsere freundliche Pension liegt in einer Sackgasse und wir schlafen ganz himmlisch.

Die Hauptattraktion der Stadt folgt am nächsten Tag – der Naumburger Dom. Weltkulturerbe ist er vor fünf Jahren geworden, eine fast unendliche Geschichte der Antragstellung ging dem voraus und wäre da nicht dieser winzige Karibikstaat gewesen, wer weiß, ob es überhaupt geklappt hätte. Ernsthaft geplant war die Antragstellung seit 1998, 2014 wurde der erste Antrag eingereicht, 2015 abgelehnt, noch mal eingereicht, wieder abgelehnt und als die Hoffnung schon fast erloschen war, kam St. Kitts und Nevis. Die zwei karibischen Inseln mit gerade mal 40.000 Einwohnern hatten einen Änderungsantrag für Naumburg eingebracht, der dann tatsächlich angenommen wurde und endlich war es passiert – der Dom darf sich seit 2018 Weltkulturerbestätte nennen. Und klar durfte eine Delegation aus St. Kitts und Nevis zur Eröffnungssause kommen. Lästereien musste sich Naumburg eine ganze Weile gefallen lassen wegen der karibischen Schützenhilfe, aber egal – der Dom ist grandios und mit oder ohne Titel eine Reise wert.

Berühmt ist er vor allem wegen seiner Stifterfiguren im westlichen Chor – allen voran Ekkehard und und die schöne Uta. Sie wirken ganz modern und sie sind ein Meisterwerk, so wie der ganze Dom. Bildhauerkunst und Architektur verschmelzen, unglaublich, was ein unbekannter Naumburger Baumeister vor hunderten von Jahren geschaffen hat.

 

Was mich aber besonders beeindruckt hat, ist die moderne Kunst, die in das mittelalterliche Bauwerk wie selbstverständlich integriert wurde. Und das schon zu DDR-Zeiten. Ich bin kein großer Fan zeitgenössischer christlicher Kunst und da kommt es meinem Geschmack sehr zugute, dass der Naumburger Dom nicht mehr der Kirche gehört, sondern einer weltlichen Stiftung. Denn die scheinen sehr viel offener mit verschiedenen künstlerischen Ansätzen umzugehen. Für uns folgen zwei äußerst interessante und unterhaltsame Stunden, die wir dann aber wegen der Kälte im Dom – draußen sonnige 25, drinnen frische 10 Grad – beenden.

Da ist zum Beispiel die Glaskunst. Im Naumburger Dom beeindrucken einerseits die über 800 Jahre alten Kirchenfenster im Westchor, andererseits aber auch die in den 2000ern gestalteten Fenster in den Kapellen. In der Elisabethenkapelle taucht man ein in tiefes Rot. Ein bisschen sozialistisch wirken sowohl Motiv als auch Farbe, die sich der Leipziger Maler Neo Rauch ausgesucht hat, aber die Stimmung ist einzigartig.

 

So richtig Spaß machen die Werke des Bildhauers Heinrich Apel. In der Krypta halten eine Engelin und ein huttragender Prophet die Leuchter, die Handläufe rechts und links des Ostchors sind bezaubernd. Bronzene Figuren versuchen auf dem schmalen Pfad ins Paradies den Aufstieg weg vom Teufel, vom armen Sisyphos wissen wir, dass er es mit seinem Felsbrocken nicht schaffen wird, ein vorwitziger Seiteneinsteiger versucht eine Abkürzung, Adam und Eva sind bereits da. Auf der rechten Seite führen kleine Fußabdrücke zu Franz von Assisi, der zu den Vögel, die sich auf dem Handlauf tummeln, predigt.

Beim Altar im Westchor kommen sich Mittelalter und Moderne am nächsten – die Seitenflügel sind die Originale von Lucas Cranach, das zerstörte Mittelteil wurde vom Leipziger Maler Michael Triegel neu gestaltet. Da trifft dann Baseballcap auf Rauscheengel, wie ich das inhaltlich finde, ist egal, denn es ist einfach sehr gut gemacht und eine mutige Entscheidung – Cranach und Triegel ergänzen sich perfekt, das moderne Werk hebt sich auf den ersten Blick überhaupt nicht ab von seinen fünfhundert Jahre älteren Partnern und strahlt mit ihnen um die Wette. Fast hätte die Aufstellung des Altars den mühsam errungenen Welterbetitel wieder verschwinden lassen, aber die Domstiftung hat sich vorerst durchgesetzt – obwohl der Altar den Blick auf die Stifterfiguren ablenkt, steht er da jetzt. Ganz vorbei ist der Streit mit der UNESCO noch nicht, der Entzug des Titels könnte immer noch drohen. Vielleicht fragt ihr einfach mal in der Karibik nach, wie sich das Dilemma lösen lässt.