Eine Reise durchs Memelland

Südwestlich von Minsk entspringt die Memel. Sie windet sich fast zu gleichen Teilen ihrer Gesamtlänge durch Belarus und Litauen, wird bei Kaliningrad kurzzeitig zum Grenzfluss zu Russland und mündet dann nach fast tausend Kilometern im Kurischen Haff in die Ostsee. Eine Vorstellung von dem Land, dem der Fluss seinen Namen gibt, habe ich nicht. Das Memelland, war das nicht mal deutsch? Oh je, ich habe keine Ahnung.

In Druskininkai stoße ich das erste Mal auf die Memel. Sie fließt quasi hinter meinem Haus vorbei und lange wandere ich an ihrem Ufer durch den feuchten Nadelwald. Dabei kommt mir die Idee: ich möchte der Memel folgen, auf ihrer ganzen litauischen Länge, von Druskininkai bis ans Kurische Haff. Und herausfinden was das war, mit diesem Memelland.

Die erste Etappe bis Kaunas hätte ich – Memel hin, Memel her – in jedem Fall absolviert. Nicht nur wegen meiner guten Erfahrungen 2018. Die zweitgrößte Stadt Litauens ist 2022 Europäische Kulturhauptstadt und damit quasi Pflichtprogramm. Kaunas ist wieder so großartig, dafür braucht es einen eigenen Bericht. Aber die Memel gerät trotzdem nicht aus meinem Blick. Besonders an der Spitze der Altstadt, wo sich Neris und Memel vereinen – ein romantischer Ort, vor allem für spektakuläre Sonnenuntergänge.

Der Zusammenfluss von Memel und Nevis in Kaunas
Die gotische Kirche in Zapyškis

Nach einer glücklichen Woche in Kaunas mache ich mich auf den Weg und folge dem Fluss weiter. Zapyškis heißt meiner erster Stopp. Einsam und hell leuchtend steht eine gotische Kirche aus dem 16. Jahrhundert am Ufer. Zerstörungen und Überflutungen haben ihr über die Jahrhunderte nichts anhaben können, deswegen strahlt sie mit dem blauen Himmel um die Wette.

Der Reiseführer empfiehlt als nächstes Ziel Vilkja, etwa 15 Kilometer flussabwärts. Aber da muss ich lernen, dass es nicht viele Brücken gibt über die Memel. Die nächste eigentlich erst wieder da, wo ich übernachten möchte, rund 50 Kilometer entfernt von hier. Und die schönen Orte unterwegs, die liegen auf der anderen Flussseite. Die Lösung könnte eine Fähre sein, die in Vilkja die Memel quert. Ich schaue mir Bilder im Internet an – nein, so viel Abenteuer brauche ich nicht. Da fahre ich lieber zwanzig Minuten nach Kaunas zurück und überquere den Fluss dort auf einer komfortablen Brücke. Als ich die Fähre später live sehe, bin ich sehr zufrieden mit meiner Entscheidung – die Litauer mögen sich ja sogar mit Wohnmobilen auf die Klapperkiste trauen, ich nicht…. 

Die Strecke nördlich der Memel ist den Umweg jedenfalls wert gewesen – sehr hübsch thronen die Orte über dem Fluss, Backsteinkirchen und Herrenhäuser in bester Aussichtslage. Das Schlösschen auf dem Hügel in Raudonė wird beschrieben als – litauisiert wie alle Namen hier – das „lietuvskasis Hogvartas“, das litauische Hogwarts. Hier sei nämlich auch eine Schule untergebracht. Zwar deuten sie an, dass das erst der Fall war, nachdem die historische Innenausstattung entfernt wurde, aber ich mag’s mir trotzdem ansehen. Für einen Euro fünfzig kann man das Schlösschen besichtigen und den Turm über eine sehr schiefe Wendeltreppe besteigen. Dafür hat man einen tollen Blick über die Memel. Und man kann Klassenzimmer aus den 50ern mit hunderten von Hirschgeweihen erleben. Das vermittelt zwar keine Harry-Potter-Atmosphäre, ist aber eine sehr skurrile Erfahrung.

Schloss Raudonė

Mein Ziel für die nächsten zwei Nächte ist Kukarske, ein alter Bauernhof mit allerlei Federvieh, dessen Eier ja jemand verspeisen muss. Das soll ich sein, hat meine Wirtin beschlossen, und serviert mir zum Frühstück ein Omelett aus vier Eiern, eine Schüssel Salat, Wurst, Brot, selbstgemachte Marmelade, gebratenen Käse und und… Ihr Mann begnügt sich zum Glück mit touristischer Beratung: ich soll nach Sudargas fahren, acht Kilometer weg und fast schon an der russischen Grenze. Das entpuppt sich als sehr guter Tipp, denn der winzige Ort birgt Geschichten, die einen Tag mehr als ausfüllen. Die Hügel, auf denen im Mittelalter fünf Burgen standen und um die herum und obendrüber man einen sehr schönen Spaziergang an der Memel unternehmen kann. Das Denkmal für JD Salinger, dessen Urgroßvater Joseph Zalinger bereits hier auf Roggenfelder schaute. Eine Kirche, die in Niedersachsen als Notkirche für Vertriebene gebaut und viele Jahre später bis hierher transportiert wurde, um der evangelischen Gemeinde endlich einen Ersatz für die von der Wehrmacht zerstörte Backsteinkirche zu bieten. Von den litauischen Bücherschmugglern, die sich gegen die Anordnung des Zaren, nur noch die kyrillische Schrift zu verwenden, wehrten und unter Einsatz ihres Lebens Schriftstücke in litauischer Sprache über die Grenze brachten. Ganz schön viel passiert im kleinen Sudargas.

Das Denkmal für JD Salinger über der Memel in Sudargas

Aber was ist jetzt mit dem Memelland? Wo beginnt es eigentlich? Bisher habe ich noch keine Spuren deutschen Lebens gefunden. Für einen kleinen Abendspaziergang fahre ich in die Kreisstadt Jubarkas. Mal auf dem Friedhof schauen. Und tatsächlich, ich stoße auf deutsche Gräber. Aber wenige und zeitlich eher willkürlich, mal 1880, mal 1940. Im Park dann ein Schild mit alten Photos: „Östliches Kriegsbild, die Kirche in Jurburg“. Das hört sich doch eher nach Nazieroberung an und so war es auch.

Das Memelland ist der nördlich der Memel gelegene Teil Ostpreußens. Also quasi Nordostpreußen. Und Ostpreußen begann kurz hinter Jubarkas bei Schmalleningken. Ab hier trennt die Memel das frühere Memelland vom Rest Ostpreußens. Heute ist sie der Grenzfluss zwischen dem russischen Kaliningrad und Litauen. Schmalleningken heißt jetzt Smalininkai und hat offensichtlich kein Problem mit seiner deutschen Vergangenheit. Überall im Ort hängen Plakate mit alten Ansichten des vormals deutschen Ortes. Und gegenüber ist Russland. Fast demonstrativ machen die Grenzpfeiler darauf aufmerksam, dass diese Seite aber noch zu Litauen gehört. Bissle nervös bin ich schon, nicht dass ich unbeabsichtigt Putins Zarenreich betrete, aber ein Selfie mit der Grenze muss sein.

Smalininkai

Ab hier beginnen die Eichenalleen, die so typisch für Ostpreußen sind. Die Backsteinkirchen und kleinen Friedhöfe mit schmiedeeisernen Kreuzen. Mit Namen, die fremd und doch vertraut klingen. Vorname wie Urte oder Mikkel, Nachnamen wie Wilkereit. Typisch memelländische Namen.

Es sind kleine Orte hier. Ich verbringe eine Nacht in Pagėgiai, früher mal eine der größten Städte des Memellands. Architektonische Zeugen dieser Zeit finden sich im Ortskern, wieder mal tolle Zwischenkriegsmoderne und ein paar Meter weiter das frühere wilhelminische  „Kaiserliche Postamt“. Kaum zu glauben, dass zwischen der Errichtung der beiden Gebäude keine zwanzig Jahre lagen. Aber Pagėgiai ist trotzdem nicht mehr als eine Kleinstadt, die gerade droht, in der Bedeutungslosigkeit zu versinken. Denn Pagėgiai ist eigentlich Grenzstadt.

Früheres Kaiserliches Postamt und Großhandlung Iwensky in Pagėgiai/Pogegen

Die nächstgrößere Stadt liegt auf der anderen Seite der Memel – das frühere Tilsit,  ja, das vom Käse. Heute heißt die Stadt Sowjetsk und war bis vor kurzem ein geschäftiger Grenzübergang. Über die frühere Königin-Luise-Brücke rollten die Autos vom und ins litauische Panemunė und weiter nach Pagėgiai. Das ist vorbei, vereinzelt sieht man Fußgänger, aber es ist nichts los an der großen Abfertigungsstelle. Ich blicke hinüber auf die Flusspromenade von Tilsit und entgegen prangt mir ein riesiges Z, das an einem der Häuser am Ufer angebracht ist. Irgendwie nimmt Litauen das immer noch ganz schön cool auf.

Tilsits Gruß an die westliche Welt

Jetzt aber ab auf die Insel. Die Kurische Nehrung durfte ich ja schon vor vier Jahren genießen, da war Vorsaison und eine Unterkunft leicht zu finden. Jetzt sind Sommerferien, die Nehrung ist so gut wie ausgebucht und ich weiche ins davor gelegene Memeldelta aus. Eigentlich ja auch der wahre Ort für das Ende meiner Memelreise. Das verschlafene Šilutė hieß bis 1945 Heydekrug und war die zweitgrößte Stadt des Memellandes. Nicht nur die historischen Gebäude spiegeln die Freude der Stadt an ihrer Geschichte wieder. Ganz besonders nett sind die auf der Hauptstraße in den Bürgersteig eingelassenen kleinen Zeitfenster. Mal eine gutbürgerliche Stube, mal ein Postraum, in dem die Angestellten freudig dem Betrachter oben entgegenblicken – ganz reizend.

Deutsche Spuren in Šilutė, früher Heydekrug

Auf der Insel Ruß, heute Rusnė, finde ich ein schönes Apartment bei netten Leuten. Und nach einer Woche werde ich sehr froh sein, diesmal auf die Nehrung verzichtet und mich dem entspannten Leben im Delta hingegeben zu haben. Die Insel ist von Kanälen und Flüssen durchzogen, die bunten Holzhäuser ducken sich hinter den Poldern und immer noch kommt es hier regelmäßig zu Überschwemmungen. Alles geht einen Gang langsamer, wenig Autoverkehr, wenig befestigte Straßen, wenige Touristen und noch weniger Leute, die nicht angeln wollen. Dafür aber tausende von Vögeln. Störche überall, in den Nestern steht der fast schon erwachsene Nachwuchs, die Eltern spazieren auf den Wiesen auf der Suche nach Fröschen. Kormorane üben sich im Formationsflug, wie schwarze Perlenketten am Himmel. Schwalben toben im Wind, Rusnė ist ein Vogelparadies. Die Landschaft ist flach, Wiesen, Sümpfe, Morast, hoher Himmel und weiter Blick. Bunte kurische Holzhäuser, backsteinerne Höfe. Hinter leise quietschenden Eisentoren alte Friedhöfe der deutschen Vergangenheit, in deren Erde man einsinkt, als würden einen die Toten berühren wollen. Jetzt habe ich es wahrscheinlich gefunden, das Memelland.

Deltaleben in Rusnė, früher Ruß
Grabsteine im Memelland

Und wie zur Bestätigung spricht mich Helmut an, auf dem Friedhof von Skirwietell. Erst auf litauisch, ich antworte auf englisch, dann versucht er es mit deutsch. Ein Memelländer hier aus Ruß. 1945, da war er 5, vertrieben nach Vorpommern. Als man dort feststellte, dass die Familie aus dem Gebiet der frisch gegründeten litauischen Sowjetrepublik kam, wurden sie zurückgeschickt. In den 50ern nutzten sie dann die Chance und siedelten wieder nach Deutschland über. Nach der Rente kam er zurück in seine Heimat. Und hier will er für immer bleiben.

Es fängt an zu regnen, heftig. Helmut beschließt, mich in meine Unterkunft zu fahren. Seine Frau spricht fast nur litauisch, sie ist zupackend und fröhlich. Angekommen an meiner Unterkunft, fängt sie an zu lachen. Sie ist um ein paar Ecken verwandt mit meinem Vermieter Saulius und Helmut ging mit der Mutter von Saulius in die Schule. Kleine Welt hier auf Ruß. Er müsste mir unbedingt noch etwas zu lesen geben, über das Memelland, sagt Helmut. Er hat wohl gemerkt, dass ich immer noch etwas staunend vor der Geschichte stehe. Um 7 würde er vorbei kommen und mir eine Broschüre bringen.

Am Abend sind er und seine Frau pünktlich da, sie haben auch gleich eine Flasche Wein mitgebracht. Die Eltern von Saulius kommen dazu, plötzlich stehen auch noch ein Baumkuchen und ein Teller mit frischen Beeren auf dem Tisch im schönen Garten. Helmut bietet mir das Du an und legt dann mal los. So ein klein wenig hatte ich ja schon geahnt, in welche Richtung seine Broschüre gehen könnte. „Julia, dass Du mich nicht für einen rechten Hund hältst.“, beginnt er seine Ausführungen und stößt mit mir an. Dann geht es los, über Chruschtschow und die Krim und Deutschland und die Deutschen und überhaupt. Was ich denn von der Islamisierung Deutschlands halten würde? Welche Islamisierung, frage ich, und verstöre ihn mit meinem afghanischen Schwiegervater. Ja, das mit den Juden, das hätte man anders machen müssen, Hitler hätte ihnen gleich einen eigenen Staat geben sollen und dann gemeinsam gegen den Bolschewismus. Welchen Staat zum Weitergeben hatte Hitler denn? Und warum ein eigener Staat, sie hatten doch eine Heimat, frage ich. And so on…  Nein, lieber Helmut, für einen Hund halte ich Dich sicherlich nicht, aber was denn sonst außer rechts? Eigentlich würde ich das alles gerne unter origineller alter Mann, den das Wandern zwischen den Welten aus dem Tritt gebracht hat, verbuchen. Auch weil wir uns durchaus sympathisch sind, seine Frau umarmt mich lange und herzlich zum Abschied, er lädt mich ein, sie jederzeit zu besuchen. Aber leider ist seine Saat aufgegangen. Ich googele später ein wenig und sehe, dass sein Sohn in Norddeutschland für die AfD kandidiert hat. Und neben der Broschüre über das Memelland steckt die Ausgabe einer noch rechteren Zeitung als befürchtet in dem Umschlag, den er mir überreicht hat. Damit ich auch mal das erfahre, was ARD und ZDF mir verschweigen, hatte er angekündigt. Sie sind einfach so durchschaubar, diese AfD-, Quer- und anderen Rechtsdenker.

Impressione aus Rusnė/Ruß

Aber wie war es denn jetzt mit dem Memelland? Da liegt Helmut’s Broschüre gar nicht weit daneben. Menschen, die deutsch sprachen und sich der deutschen Kultur zugehörig fühlten, lebten schon seit hunderten von Jahren hier. Das Gebiet war Teil des Ordensstaates der Deutschordensritter und des Herzogtums Preußen, aber einfach weit weg vom deutschen Kernland. Erst 1871 kam ganz Preußen und damit auch das Memelland zum Deutschen Reich. Nach dem ersten Weltkrieg war’s damit dann schon wieder vorbei.

Wandgemälde in Šilutė: 1919 französische Regierung

Im Versailler Vertrag wurde das Memelland dem Mandat des Völkerbundes unterstellt und französisch verwaltet. Soweit scheinen sich die Historiker einig zu sein. Unterschiedliche Betrachtungsweisen gibt es dann aber zur Revolte von 1923, als litauische Kräfte das Memelland besetzten und erreichten, dass es autonome Region Litauens wurde. Ein Volksaufstand der litauischen Memelländer sei das gewesen, sagten die Litauer, eine Eroberung durch den litauischen Staat, sagt heute wohl die Mehrheit der Historiker. Aber auch das hatte bald sein Ende, 1939 wurde Litauen vom Deutsche Reich gezwungen, das Memelland wieder an Deutschland zu übergeben. Kein Glück für’s Memelland. So weit im Osten bekam man den Krieg hier früh und heftig zu spüren. Und die Flucht war lang und voller Katastrophen, der Untergang der Wilhelm Gustloff, die Flucht über das Frische Haff, all das traf Ostpreußen. Wer in die sowjetische Besatzungszone geflüchtet war, dem drohte die „zwangsweise Rückführung von Memeldeutschen durch sowjetische Dienststellen“ – wer Glück hatte, kam mittel- und besitzlos im Memelland an, für viele endete die Reise aber in Sibirien. Eine Ausreise nach Deutschland war dann erst ab 1958 möglich.

Die Litauer begreifen die deutsche Vergangenheit des Memellandes recht selbstverständlich als Teil der Geschichte ihres Landes. Die alten Kirchen werden – nach jahrzehntelanger Zweckentfremdung durch die Sowjets – wieder hergerichtet und die Friedhöfe erhalten. Es bestehen herzliche Kontakte zu ehemaligen Memelländern. In Saugos, dem früheren Saugen, zeigt mir die Küsterin stolz das Innere der Kirche. Auf der Empore liegen deutsche Gesangsbücher, die von den ehemaligen Bewohnern geschenkt wurden, als wären sie nur kurz weg. Ich solle doch auch zum nächsten Kulturfest kommen, sagt die Küsterin. Wäre bestimmt toll, aber ich muss leider weiter.

Die Kirche in Saugos, früher Saugen

Zum Schluss komme ich dann in der früheren Hauptstadt des Memellandes an, die damals sinnigerweise Memel hieß. Im heutigen Klaipėda geht gerade das große Sea Festival zu Ende, die Straßen sind voller gutgelaunter Menschen. Hier deutsche Spuren zu finden, ist nicht schwer, allein schon der Simon-Dach-Brunnen mit dem Ännchen von Tharau auf dem Theaterplatz. Aber die Stadt bietet auch die Chance, modernen deutschen Spuren zu folgen. Nicht nur Kaunas, auch Klaipėda hat seine ganz eigene Ausprägung der Zwischenkriegsmoderne und so mache ich mich auf einen Rundgang durch das Memel der Dreißiger Jahre. Backstein und Bauhaus, das scheint hier durchaus zu funktionieren. Herbert Reissmann und Paul Giesing – später Baurat in Tübingen – verantworteten in kurzer Zeit 200 Neubauten, die noch heute beeindruckend sind. Anders als das ziemlich phantasielose technische Rathaus, das Giesing später in Tübingen baute. Einige Jahre bin ich fast täglich daran vorbeigeradelt und fand es jedesmal scheußlich.

Klaipėda – am Fluss Danė, der Simon-Dach-Brunnen, Sporthalle, frühere Sparkasse

Meine Reise entlang der Memel ist jetzt vorbei. Wie gut, dass ich meiner Idee gefolgt bin. Es waren so interessante Erkundungen und Begegnungen. In einem Land, das eindeutig litauisch ist, aber doch immer wieder auf fast geheimnisvolle Weise deutsche Spuren enthüllt. Ich verstehe, dass sich die Menschen hier wohlgefühlt haben, dass sie bis heute Heimweh haben. Dass sie mit der Vertreibung nicht nur das Land, sondern auch ihre vertraute Gemeinschaft, die sich über Jahrhunderte zwischen zwei Kulturen entwickelt hatte, verloren haben. Das optimistisch Stimmende ist, dass Litauen und damit das Memelland heute ein Teil Europas sind. Wer zurückkommen möchte, für ein paar Wochen oder für immer, der kann das tun. Und davon profitieren Menschen wie Helmut, die sich doch so vehement gegen die europäischen Grundideen wehren. Das Memelland jedenfalls liegt heute am besten Ort seit seiner Entstehung: in der Mitte Europas.

Der gefährlichste Ort der Welt

Die Suwalki-Lücke – diese einhundert Kilometer zwischen Belarus und Kaliningrad kannte bis vor ein paar Monaten noch kaum jemand. Jetzt ist die Grenze zwischen Polen und Litauen in aller Munde, kriegsgefährlich sei es hier. Besonders seit Litauen es beim Transitzugverkehr nach Kaliningrad Ernst nimmt mit den Sanktionen. Die EU ist zwar eingeknickt und Litauen hält sich offiziell daran, es schwelt aber weiter.

Dass die idyllische Landschaft als derzeit gefährlichster Ort der Welt bezeichnet wird, höre ich das erste Mal von meiner Wirtin im besonders idyllischen Krasnogruda. Natürlich lese ich Zeitung und informiere mich ganz besonders über den Krieg. Aber der gefährlichste Ort der Welt, da glauben sowohl meine Wirtin als auch ich dann doch ganz fest an die Macht und Abschreckung der Nato. Ihr ganz unpolitisches Problem ist eher, dass die Gäste wegbleiben. Für mich ein Glück, denn die ehemalige Schule, in der ich die zweite Klasse bewohne, ist ein ganz wunderbarer Ort mit ein bisschen Jugendherbergsfeeling. Ein herrlicher Platz, um Stunden in einem der vielen Sofas drinnen im Wohnzimmer oder draußen auf der Terrasse zu versinken. Oder für wunderbare Spaziergänge, vorbei an Wiesen voller Kühen und schönen Seen. Oder für ganz erstaunliche Entdeckungen in der benachbarten Kleinstadt Sejny.

Ich bin in Podlachien. Allein schon die Tatsache, dass die Gegend auch einen litauischen, belarussischen und ukrainischen Namen hat, zeigt, dass das hier Grenzland ist und immer schon war. Mein Handy springt ständig eine Stunde vor und zurück, je nachdem, ob es sich ins polnische oder litauische Netzwerk einwählt. Im kleinen Sejny gibt es ein litauisches Konsulat und auf der Straße sieht man Autos mit dem Länderkennzeichen BY für Belarus.

Warum bin ich hier? Ganz sicher nicht, um Katastrophentourismus zu betreiben. Wäre auch die falsche Gegend, die Landschaft friedlich und idyllisch, die Menschen geprägt vom multikulturellen Erbe. Der Plan, die Ostsee zu umrunden von Deutschland über Polen und das Baltikum bis nach Skandinavien, den habe ich schon eine Weile. Und an dem halte ich so lange fest, wie es sich gut anfühlt. Das hier ist Europa und in Litauen werde ich noch merken, wie wichtig es den Menschen ist, freie Europäerinnen und Europäer zu sein. Und welchen Wert dieses Land und seine Menschen für ein freies Europa haben. Aber davon später mehr. Jedenfalls bin ich zunächst einmal hier, weil es keinen anderen Landweg nach Litauen gibt.

Das eigentlich recht verschlafene Sejny ist eine ganz erstaunliche kleine Stadt. Und das liegt am großen Engagement der Bürgerinnen und Bürger, die die Bedeutung einer multikulturellen Gesellschaft erkannt haben. Besonders sichtbar wird dies an der „Weißen Synagoge“ im Zentrum der Stadt. Sejny hatte eine große jüdische Gemeinde, die von den Nazis ausradiert wurde. Dank umfangreicher Restaurierungsarbeiten sind die Spuren jüdischen Lebens wieder sichtbar. Am beeindruckendsten ist die Wiederbelebung jüdischer Kultur durch ein Orchester mit dem sperrigen Namen „Orkiestra Klezmerska Teatru Sejnenskiego“. Die Ankündigung für ein Konzert in der Weißen Synagoge hängt an der Tür meiner Unterkunft, ich bin neugierig und fahre einfach mal hin. Vor der Synagoge hat sich bereits ein Publikum versammelt, das ich in dieser Kleinstadt nicht vermutet hätte – die würden alle auch gut in den hippen Stuttgarter Westen passen. Die Synagoge ist säkularisiert und dient heute als Kulturzentrum. Das Innere ist schlicht, die Nazis hatten von der Einrichtung nichts übrig gelassen. An den Wänden die Namen der früheren jüdischen Bürgerinnen und Bürger. Pünktlich um acht kommt das Orchester herein – ein paar Jungs in Konfirmandenanzügen, Mädels in Abiballkleidchen, Blasinstrumente unter den Arm geklemmt. Meine Erwartungen sinken. Und dann setzen sie ihre Instrumente an und ein überwältigend wuchtiger Sound bringt die Synagoge zum Beben. Die typischen Klezmer-Harmonien ins hier und jetzt geholt von diesem Orchester. Gänsehauterzeugend, nicht sentimental verklärend, sondern optimistisch und ganz in der Gegenwart, eine fast vernichtete Kultur und ihr zentrales Gebäude nicht nur wiederauferstehen, sondern neu durchs Leben tanzen lassend. Das Konzert ist absolut grandios. Was für ein Abschluss meiner Reise durch den Norden Polens!

In der Weißen Synagoge in Sejny

Denn am nächsten Tag ist es soweit – Suwalki-Lücke, ich komme! Mein erstes Ziel ist der Kurort Druskininkai in Litauen, Ziel in Google Maps eingegeben, anderthalb Stunden, das passt. Den Grenzübergang mit seiner frisch geteerten Schnellstraße hatte ich bei einer Wanderung zuvor bereits aus der Ferne gesehen. Um so verwunderter bin ich dann, als die Straße immer schmaler wird, sich an kleinen Bauernhöfen entlang windet und der Straßenbelag plötzlich nur noch aus Erde und Schlaglöchern besteht. Kleine Abkürzung, Google? Aus dem sandigen Sträßlein wird ein Waldweg. Ich sollte umdrehen. Hier kann doch kein Grenzübergang sein! Mitten im Wald kommen mir Autos entgegen, alle mit litauischen Kennzeichen und da, weiter vorne sehe ich auch ein Auto, das in dieselbe Richtung fährt wie ich. Also gut, ich versuche es weiter. An einer Waldkreuzung dann ein großes Schild: Lietuvos Respublika. Die Familie aus dem Auto vor mir, zwei Radfahrer, alle machen Bilder mit den Grenzpfosten. Hat mich Google wohl mit einer heimlichen Attraktion versorgen wollen. Nun denn, bald biege ich auf eine wieder geteerte Straße ein und sehe die ersten Holzhäuser – ich bin in Litauen. Eigentlich stelle ich mir so Schweden vor, bunte Holzhäuser auf sattgrünen Wiesen, strohblonde Kinder, einsame Seen. Eine kleine Vorahnung erfasst mich: vielleicht braucht es gar nicht die vielen hundert Kilometer rund um die Ostsee und erhebliche Mengen an schwedischen und norwegischen Kronen, um so richtig in Skandinavienlaune zu kommen.

Von der polnischen Waldgrenze sind es nur etwa 30 Minuten bis ins schöne Druskininkai und bald gehört auch mir ein reizendes Holzhäuschen. Wenn auch nur für fünf Tage. Das Haus ist das letzte im Ort, dahinter wartet ein Wald mit riesigen Nadelbäumen und unglaublich milder Luft. Hinter den Bäumen fließt die Memel und hier kann man ewig auf breiten Wanderwegen inmitten schöner Natur laufen. Ich mache erst einen Riesenbogen durch den schönen Wald um das Städtchen und dann mittenrein. Ein hübscher Park, ein großer See mit Strand, ein bisschen Bäderarchitektur, eine knallblaue russische Holzkirche, ein paar Ex-sowjetische Bausünden. Entspannte Menschen, ein sehr gemischtes Publikum und Wohlfühlatmosphäre. Der Ort ist Kurort und vor dem Kurhotel trifft man sich am Brunnen. Zu den Wasserspielen wird ganz Kur-untypisch Queen gespielt, semmelblonde Kinder planschen am Rande des Brunnens mit. Nett hier!

Druskininkai

Und während Deutschland in der sommerlichen Hitze verglüht, sind die Temperaturen hier angenehm und der Regen reichlich, auch mal durchaus einen ganzen Tag lang. Mein Ausflug zur Grenze nach Belarus muss ich auf den übernächsten Tag verschieben, dafür ist die Luft dann frisch gewaschen. Ein Stündchen gemütlich gewandert und schon bin ich in der nächsten Idylle auf der Hitliste der gefährlichsten Orte. Kleine Bauernhäuser, viele Störche, liebliche Natur und gegenüber liegt Belarus.

Die Grenze zu Belarus

Und genauso geht es im 30 Kilometer entfernten Nationalpark Dzūkija weiter. Das Naturidyll wird diesmal garniert mit Seen, Flüsschen und grandioser Einsamkeit im Märchenwald. Und kleinen Dörfern, in denen die Farben der Häuser mit dem tiefblauen Himmel um die Wette strahlen. Ist es die vermutete Gefährlichkeit, die mich hier fast allein sein lässt oder ist das alles einfach nur ein bisher sehr gut vor Touristen verstecktes Geheimnis? Die hervorragende Infrastruktur mit freundlichem Besucherzentrum, schönen Grillplätzen und – natürlich, das ist Litauen – bestem Mobilfunkempfang im hintersten Waldwinkel sprechen gegen letzteres. Nicht zu vergessen der Lavazza-Kaffeeautomat, der nach meiner einsamen Wanderung wie eine kleine Oase im Zauberwald wirkt und als ich verzweifelt feststelle, nicht genügend Kleingeld für seine Dienste zu haben, großzügig auch meine EC-Karte akzeptiert. Nein, diese Gegend will Touristen, die ein wunderschönes Fleckchen in der Mitte Europas entweder nicht mehr oder noch nicht auf der Agenda haben.

Wenn das jetzt also der gefährlichste Teil meiner Reise war, dann bin ich bereit für mehr. In diesem Land fühle ich mich pudelwohl und die Memel hinter meinem Haus hat mich auf eine Idee gebracht. Sveiki Lituva, hallo Litauen, ich komme!

 

Ostpreußische Erkundungen

Es gibt Orte, da reicht schon die bloße Erwähnung des Namens, um überwältigende Bilder im Kopf entstehen zu lassen. Masuren zum Beispiel: klingt das nicht nach tiefblauen Seen, in denen sich die Wolken spiegeln, rauschenden Wäldern bis zum Horizont, einsamen Bauernhöfen, einem Fleckchen Paradies entrückt von der modernen Welt? Und diese Vorstellungen sind richtig, denn all das findet man im realen Masuren. Aber wie es mit den Paradiesen so ist: andere Menschen wollen da auch hin. Es gibt sie, die traumhaften Seen, über denen Kormorane ihre Runden drehen, mit dramatischen Wolkengebilden, die sich auf der Oberfläche des Wassers fortsetzen. Die großen Wälder, in denen man kleine Blütenwunder entdecken kann.

Aber allein ist man mit dieser Pracht nicht – selbst im Nationalpark ist das beständige Brummen der Autos und vor allem Motorräder zu hören. Auch an meiner eigentlich so idyllischen und supergemütlichen Unterkunft rauscht der Verkehr vorbei. Es sind Sommerferien in Polen. Und auch nach Deutschland hat sich herumgesprochen, dass man hier Urlaub machen kann. Aber ein See ist eben nur noch halb so idyllisch, wenn man auf Wohnwagen und Hüpfburgen blickt. Trotzdem – es ist schön hier, gar keine Frage. Vom grandios auf einer Halbinsel im See gelegenen Kloster Wigry aus kann man spektakuläre Blicke auf die sich über dem Wasser zusammenbrauende Gewitterfront genießen, untermalt von gregorianischen Gesängen. Der Wigierski-Nationalpark bietet tolle Seeblicke und sprießende Natur. Aber das märchenhaft abgelegene Masuren, das muss ich wohl noch finden.

Masuren zog einst auch ganz andere Gestalten an – hier war Hitlers Wolfsschanze, hier sammelte sich im Krieg die ganze Riege der Verbrecher. Das Oberkommando des Heeres hatte im Mauerwald sein Hauptquartier und jede Nazigröße, die was auf sich hielt, besetzte irgendwo im Umkreis ihres Führers ein Gutshaus oder baute sich gleich einen eigenen Bunker.

Das Führerhauptquartier Wolfsschanze ist heute eine Touristenattraktion. Zehntausende kommen jedes Jahr, um die Bunkerruinen zu besuchen. Mir war gar nicht klar, dass die gesamte Anlage von den Nazis gesprengt wurde und daher nur noch die Überreste zu besichtigen sind. Das Präsentationskonzept steht in der Kritik. Zu touristisch, zu militaristisch, zu undifferenziert. Ich finde es eigentlich ok. Der Audioguide beschränkt sich weitgehend auf die Fakten, die Präsentation kreist primär um das Stauffenberg-Attentat. Auch in den Trümmern kann man sich noch gut vorstellen, wie hier trotz Mückenplage und Isolation der Führerkult zelebriert und Wahnideen kultiviert wurden. In den überwucherten Trümmerresten fühle ich mich ganz kurz an unsere Erkundung von Angkor Wat in Kambodscha erinnert. Die Bilder eines dauergrinsenden Hermann Göring in weißer clownsähnlicher Uniform mit zeltähnlichen Ausmaßen bringen mich dann aber schnell wieder zurück in die Realität dieses Ortes. Der Raum, in dem Graf Stauffenberg das Attentat auf Hitler versuchte, ist originalgetreu nachgebildet, die Aktentasche mit der Bombe im Fokus – nur ein paar Meter weiter links und die Welt wäre eine andere und wahrscheinlich bessere gewesen.

Wenn eine Präsentation aber gar nicht geht, dann ist es die in Mamerki im Mauerwald. Hier war das Hauptquartier des Oberkommandos der Wehrmacht. Einige Gebäude sind erhalten, man kann einen der großen Bunker auch von innen besichtigen. Das angeschlossene Museum, in dem Nachbildungen des Bernsteinzimmers und eines deutschen U-Boots begangen werden können, mag man ja noch als profan und billig gemacht abtun. Was aber schockiert ist die Lust der Besucher am Militarismus und die Bereitschaft der Museumsmacher, diese voll und ganz zu befriedigen. Im Shop kann man sich mit Tarnkleidung und Plastikwaffen eindecken, Kinder streifen mit Spielzeugwaffen bestückt durch den Wald, an einem Schießstand können sich die Erwachsenen austoben. Ein Foto an der Flak zur Erinnerung an einen gelungenen Urlaubstag – das alles schockiert mich.

Am nächsten Tag fahre ich ein bisschen über Land, mal hier abbiegen, mal dort schauen. Im Dorf Okowizna fällt mir als erstes das riesige Stallgebäude aus Backstein auf. Im Vorbeifahren sehe ich dann weiter hinten ein verlassenes Gutshaus. Jetzt bin ich neugierig geworden, parke ein paar Meter weiter und steige aus. Auf dem Weg zum Gutshaus überholt mich ein Auto und hält an. Ein Ehepaar aus Norddeutschland hat mein Kennzeichen gesehen und möchte wissen, ob ich einen Bezug zu dem Haus habe. Oder zu dem Ort, der früher Numeiten hieß. Die Frau berichtet, dass sie die Gutsbesitzerin, die nach der Flucht in Schleswig-Holstein lebte, kannte. Sie würde schon seit vielen Jahren immer wieder hierher kommen, wie magisch angezogen von dem alten Haus. Ich solle ruhig durch die Lücke im Zaun auf das Grundstück gehen, das würde niemanden kümmern. Und nach Steinort, zum nächsten Gutshaus, müsste ich auch unbedingt fahren. Nach einer sehr interessanten Weile verabschieden wir uns und ich mache mich auf, das Grundstück zu erkunden. Die alte Auffahrt ist überwuchert, die große Treppe bröckelt, durch ein Fenster neben der verrammelten Eingangstür kann man durch die trüben Scheiben eine große Holztreppe erkennen. Die Stallungen weiter vorne sind riesig – drei lange Backsteingebäude, ein großer Platz. Wie mag das Leben hier wohl gewesen sein?

Ich recherchiere im Internet. Und stoße auf ein Buch, „Numeiter Geschichten“. Die Enkelin des Gutsbesitzers hat die kleinen Alltagsbegebenheiten rund um das Gut aufgeschrieben. Wie die Kinder der Gutsbesitzer dort aufwuchsen. Über die vielen guten Geister, die notwendig waren, Haus und Hof in Schuss zu halten. Vom Eiskeller, in dem die im Winter aus dem See geschnittenen Eisblöcke Lebensmittel bis in den August kühl hielten. Über die große Pferdezucht und den Pferdemarkt, eine Attraktion weit über Numeiten hinaus. Am nächsten Tag fahre ich nochmals hin. Ausgestattet mit meinem neuen Wissen sehe ich das Haus und die Scheunenanlagen in einem ganz anderen Licht. Die Magie, von der die Frau gestern sprach, kann ich jetzt viel besser nachvollziehen.

Der Gutsbesitzer Benno Hagen, der die große Landwirtschaft fast im Alleingang gemanagt hatte, starb 1937 durch einen Schlaganfall. Im Krieg war seine Familie primär damit beschäftigt, den Betrieb aufrecht zu erhalten. Aber die große Weltgeschichte ging auch an Numeiten nicht spurlos vorbei. Eine Abteilung des Auswärtigen Amtes wurde hier eingerichtet. Der Chef, Außenminister Ribbentrop, logierte im nur ein paar Kilometer weiter entfernten Steinort, darauf bedacht, nah bei seinem Führer zu sein, aber nicht gewillt, in der feuchten und mückenverseuchten Bunkeranlage zu leben.

Mit Steinort hatte Ribbentrop ohne es zu ahnen ein brisantes Lager gewählt: Der Schlossherr Graf Lehndorff war einer der Stauffenbergschen Mitverschwörer. Der arrogante Außenminister ahnte nicht, was sein Gastgeber im Schilde führte und Graf Lehndorff rückte von seinem Plan nicht ab – auch wenn er ständig Gefahr lief, in seinen eigenen vier Wänden aufzufliegen. Antje Vollmer hat ein eindrucksvolles und sehr empfehlenswertes Buch  über Heinrich und seine Frau Gottliebe von Lehndorff, ihr erzwungenes „Doppelleben“ und das gewaltvolle Ende ihrer Liebe geschrieben. Ob diese Ereignisse der Weltgeschichte auch nach Numeiten schwappten, ist nicht festgehalten. Aber ganz unberührt blieb das Gut von den Ereignissen in Steinort sicherlich nicht.

Ein merkwürdiger Zufall. Hätte das deutsche Ehepaar nicht angehalten, ich hätte mich wahrscheinlich nicht auf das Grundstück rund um das Gutshaus getraut. Und auch nicht im Internet weiterrecherchiert. Wahrscheinlich hätte ich in Steinort noch nicht einmal angehalten, denn das Anwesen wird gerade renoviert und ist eine riesige Baustelle. Jetzt haben die zwei Gutshäuser, deren Geschichte auf so unterschiedliche Art dokumentiert wurde, mein Interesse am früheren Ostpreußen geweckt. Wieder viel Material für den Ahnenblog. Es mag kitschig klingen, aber es stimmt für mich: Ich habe Masuren gesucht und Ostpreußen gefunden.

Durchs Ermland

Südlich von Danzig habe ich Pommern jetzt endgültig hinter mir gelassen. Die großartige Hafenstadt an der Ostsee lasse ich diesmal aus, denn es gibt noch so viel zu sehen. Zum Beispiel Masuren. Wie das klingt, Land der tausend Seen und dichten Wälder. Um hierhin zu kommen, muss ich erst durchs Ermland – hört sich jetzt nicht so nach Schönheit, Idylle und Abenteuer an, oder? Ich werde bald eines Besseren belehrt werden.

Ich steuere Olsztyn, das frühere Allenstein an. Schon auf dem Weg dorthin das erste Highlight – ungeplant und unerwartet. Auf der Autobahn sehe ich ein riesiges Hinweisschild mit einem aufgebockten Schiff. Die Straßen sind hier sonst weniger mitteilsam und eine Pause wäre jetzt sowieso nicht schlecht, also fahre ich ab und folge den Wegweisern. Was in Polen nicht immer Sinn macht, denn ich lande erst mal im Nirgendwo. Also muss Google ran, was mag denn hier wohl sein? Der Oberländische Kanal mit Schiffshebewerk, ganz wärmstens empfohlen. Also gut! In Buczyniec ist außer eben diesem Kanal, ein paar Häusern und einem riesigen blauen Wasserrad erst mal nichts zu sehen. Ich laufe ein Stück am Kanal entlang, überquere ihn über eine kleine Brücke, laufe zurück Richtung Wasserrad und sehe weiter unten ein Maschinenhaus. Ein freundlicher Mann winkt mir zu, ich solle reinkommen. Ich bestaune die riesige Mechanik im Inneren, eindeutig historisch, aber sehr gut in Schuss. Wofür das wohl alles da ist? Wieder draußen fängt das Wasserrad plötzlich an, sich zu drehen. Dicke Metallseile bewegen sich im Wasser. Ich beeile mich, das Ende des Kanals zu erreichen, hinter dem es auf einer Wiese bergab geht. Unten geht der Kanal weiter. Ein Schiff kommt dort angetuckert, fährt in ein Metallgestänge und was jetzt? Das Schiff taucht aus dem Wasser auf, es hat Räder bekommen. Das Metallgestänge ist der obere Teil eines Wagens, der auf Schienen fährt und jetzt bestückt mit Boot und Besatzung die Wiese hinaufgezogen wird. Auf meiner Höhe angekommen, taucht der Wagen im Kanal ab und entlässt seine schwimmende Beute in die Freiheit. Nicht nur, dass alles wie von Geisterhand zu geschehen scheint, dieses technische Wunderwerk ist über 150 Jahre alt: seit 1860 werden Schiffe hier in die Höhe gezogen. Und zwar ausschließlich mit Wasserkraft. Im kleinen Museum kann man alles über die Technik und den Erbauer Georg Steenke lernen. Material für den Ahnenblog 🙂

Beschwingt nähere ich mich Allenstein, der Hauptstadt der Woiwodschaft Ermland-Masuren. Mal wieder ein bisschen Stadt um mich rum, Allenstein hat knapp 170.000 Einwohner und einen hohen Studentenanteil. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass es hier nett sein wird. Und das ist es. Mehr als nett. Allenstein ist toll! Die schöne Altstadt, die man durch das Hohe Tor betritt. Der große Platz mit spätgotischem Rathaus und Bibliothek. Die Häuser drumherum in den 50er und 60er Jahren zeitgenössisch restauriert und immer noch mit einem Hauch Restsozialismus versehen. Die trutzige Deutschordensritterburg, die zeitweise von Nikolaus Kopernikus verwaltet wurde. Die schönen Parks, wo man am Ufer der Łyna die heißgelaufenen Füße im klaren Wasser kühlen kann. Die vielen jungen Menschen, die das Stadtleben prägen. Die tollen Cafés, allen voran das House Cafe mit leckersten Torten, bestem WLAN und guter Atmosphäre. Die Spuren des alten Ostpreußen. Und noch vieles mehr, das die Stadt auch für einen viel längeren Aufenthalt spannend macht. Mein Apartment ist leider schon verplant, sonst wäre ich gerne noch länger geblieben.

So ganz will ich vom Ermland noch nicht lassen. Hier waren die Deutschordensritter und hinterließen mächtige Burgen. Die in Allenstein hat mir noch nicht ganz gereicht. Die beeindruckendste Festung im Ermland soll die Frauenburg in Frombork sein, aber dafür müsste ich genau in die entgegengesetzte Richtung fahren, weg von Masuren. 2020 hatten wir einen ganzen Tag in der riesigen Marienburg in Malbork verbracht, eine kleinere Burg reicht mir diesmal auch. Deswegen entscheide ich mich für die Bischofsburg in Lidzbark Warminski, früher Heilsberg, für die ich nur ein Stündchen fahren muss. An die Marienburg reicht sie zwar nicht heran, aber schön restauriert und üppig verziert ist sie ein idealer Stopp auf meiner Fahrt in den Norden.

Mein Ziel ist Bartoszyce, früher Bartenstein. Hier ist die Grenze nach Kaliningrad ganz nah und in den nächsten Tagen werde ich bei einer Fahrt über Land doch tatsächlich von der polnischen Grenzpolizei kontrolliert. Sehr freundlich, aber auch sehr intensiv, eine Viertelstunde stellen sie mir Fragen und prüfen meinen Ausweis, Führerschein und Fahrzeugpapiere. Hätte die gut englisch sprechende Polizistin nicht beständig so nett gelächelt, wäre ich echt etwas nervös geworden.

In Bartenstein ist die Welt aber noch in Ordnung. Ich habe ein tolles Apartment mit allem Drum und Dran für gerade mal 35 Euro die Nacht. Hier spiele ich ein bisschen Zuhause, schmeiße eine Tiefkühlpizza in den Ofen, gucke deutsches Fernsehen und genieße am Abend auf dem Balkon ein Gläschen Weißwein, den mir der freundliche Vermieter als Willkommensgruß überreicht hat. Bartenstein hat eine kleine Altstadt mit einem Marktplatz, der darauf ausgelegt ist, dass sich Menschen hier treffen. Restaurants, Cafés und ganz hinten eine Bühne. Auf der erlebe ich dann den Auftritt eines föhngewellten polnischen Schlagersternchens. Allzu berühmt kann er nicht sein, sonst wären die Sitzreihen voller, aber die Leute haben Spaß und das ist ja die Hauptsache. Wirklich viel zu sehen gibt es im freundlichen Bartenstein nicht, aber drumherum lässt sich einiges entdecken. Zum Beispiel in Górowo Iławeckie, früher Landsberg/Ostpreußen. Die Kreuzerhöhungskirche sieht eigentlich wie eine klassisch ostpreußische Backsteinkirche aus. Heute ist sie aber eine ukrainisch griechisch-katholische Kirche mit modernen, fast schon fröhlichen Ikonen im Inneren. 1947 zwangsumgesiedelte Ukrainer – die hatten es schon damals nicht leicht – nahmen sich der 1335 erbauten, in den 1980er Jahren aber verfallenen Kirche an und transformierten das evangelische Gotteshaus. Mit einem spannenden Ergebnis, wie ich finde.

Und dann traue ich mich noch näher ran, an die Grenze zu Kaliningrad. Nach dem Erlebnis mit der Grenzpolizei bleibe ich aber mit ausreichend Abstand peinlichst genau auf der polnischen Seite. Denn eigentlich geht es mir nicht um die Grenze, sondern um Störche! Nicht, dass nicht in jedem ermländischen Dorf mindestens aus einem Nest hungrige Hälse emporragen. Aber in Żywkowo gibt es mehr Störche als Einwohner. Auf jedem Bauernhausdach, im großen Baum in der Dorfmitte, überall Storchennester. Und fast alle besetzt. Es wird geklappert und der Nachwuchs gefüttert, die Störche scheinen sich hier äußerst wohl zu fühlen. Eine Frau verkauft kleine Storchenandenken und ein Bauer hat einen Aussichtsturm gebaut, den man für einen Euro besteigen und den Störchen dann noch ein bisschen näher sein kann. Am Ortsausgang eine kleine Storchenhilfe: Afryka 10.000 km, steht auf dem Wegweiser. Damit sie sich nicht verfliegen.

Das war’s schon mit dem schönen Ermland. Toll ist es hier. Natürlich mit grandioser Landschaft, die kommt mir mittlerweile fast schon selbstverständlich vor. Keine klassische Touristengegend, aber die wollte ich auch nicht. Dafür so viele Möglichkeiten für Entdeckungen. In jedem Dorf wartet eine hübsche Kirche, ein altes Gutshaus, ein idyllischer Blick oder ein verfallener Friedhof. Und so viel Geschichte, der Deutsche Orden, die alten Pruzzen, eine überwiegend katholische Enklave im evangelischen Ostpreußen. Das Ermland ist in jedem Fall eine Reise wert!

Hinterpommern – Polecam!

Hinterpommern. Das klingt antiquiert, für den ein oder die andere vielleicht sogar revisionistisch. Ich bin aus antiquierten Gründen hierher gereist, ganz sicher nicht aus revisionistischen. Hinterpommern ist das Land, in dem meine Vorfahren über Jahrhunderte gelebt haben. Mit ihrer Geschichte beschäftige ich mich seit vielen Jahren. Da liegt es nahe, auch die Orte, in denen sie lebten, zu besuchen. Zum dritten Mal reise ich hierher, diesmal aber mit viel mehr Zeit und ohne große Pläne. Beste Voraussetzungen, Land und Leute kennenzulernen.

Sich Zeit zu nehmen, das hat ja schon in Pommerns Hauptstadt Stettin gut funktioniert. Und sich von den Ahnen leiten zu lassen, war ein gutes Rezept in Mittelsachsen und im Harzvorland. Also kreise ich zunächst um die Kleinstadt Świdwin, die zu Zeiten meiner Vorfahren Schivelbein hieß. Eine touristische Infrastruktur existiert hier kaum, Unterkunft, Restaurants oder Wanderwege sind nicht leicht zu finden. Auch klassische Attraktionen sind Mangelware. Die Straßen sind holprig und schmal, was aber vor allem die LKW-Fahrer nicht daran hindert, mir mit Höchstgeschwindigkeit entgegenzudonnern. Warum um alles in der Welt sollte man hier also mehr als eine Nacht verbringen?

Wegen der Landschaft. Dieser unglaublichen Weite, den sanft geschwungenen Feldern, rot- und blaugetupft mit Mohn- und Kornblumen. Durchzogen von windgebeugten Alleen und zu jeder Tageszeit in ein anderes stimmungsvolles Licht getaucht. Wegen der Störche, die in luftiger Höhe ihren Nachwuchs füttern. Wegen der kleinen Backsteinkirchen, die in jedem Ort auf eine andere Art bezaubern. Wegen der alten Gutshäuser, mal bröckelnd dem Verfall preisgegeben, mal in altem Glanz erstrahlend. Die hinterpommersche Provinz ist einfach großartig.

Ich habe mir eine Liste gemacht von Orten, an denen meine Vorfahren gelebt haben. Und gelange auf diese Art über holprige Waldwege und staubige Pisten in abgelegenste Dörfchen. Viel mehr als Hundegebell begleitet mich dann nicht, beim Herumwandern und In-einen-Photorausch-verfallen. Die Dörfer sind ein Mix aus alt und neu in unterschiedlichen Erhaltungszuständen. Alte Backsteinhäuser, bei denen ich nicht glauben kann, dass hier wirklich noch jemand wohnt. Frisch renovierte oder neugebaute Einfamilienhäuser in großen, liebevoll gestalteten Gärten. Plattenbauten mit und ohne Farbe. Und eine immer hervorragend in Schuss gehaltene Kirche. Polnisches Landleben, entspannt und unaufgeregt. Bis auf die kläffenden Hunde.

Ich nehme mir Zeit. Ich verbringe Stunden in Cieszyno, ehemals Teschenbusch, wo mein Urgroßvater der Schweinemeister des Gutes war. Mit einer alten handgezeichneten Karte versuche ich, den Ort in meinem Kopf zu rekonstruieren. Am Ende kann ich jedes Haus der Karte zuordnen, da wohnte der Chausseewärter Graunke, hier war die Schule, die Wasserpumpe, da der Hof von Bauer Popp und dort hinten das große Haus des Gutsverwalters Schwandt.

Ich spaziere um den Buchholzsee, dessen Strandbad wahrscheinlich schon für meine Vorfahren die Sommerattraktion war. So unter der Woche bin ich fast alleine hier, ein paar Angler, ansonsten nur der stille See und ich und die Vorstellung, wie mein Vater nach der Schule auf’s Fahrrad sprang und hierher radelte.

Gegen die Dörfer rundum wirkt Świdwin fast schon städtisch. Im Schloss wurde ein sehr hübsches Café eröffnet, das dazu einlädt, sich stundenlang in die stilvollen Sessel zu fläzen. Ansonsten sieht es verpflegungstechnisch eher mau aus. Nach einigem Suchen gerate ich in einen Dönerimbiss und hier wird mein Englisch erstmalig verstanden: der Besitzer kommt aus Bangladesh, wir schwärmen beide kurz von Indien und dem indischen Essen und er fabriziert mir ein Sandwich, das von unserem Gespräch inspiriert zu sein scheint: die Aromen Indiens haben sich in das Sößchen geschlichen. Wer hätte gedacht, dass ich ausgerechnet in der hinterpommerschen Provinz eine bengalische Köstlichkeit serviert bekomme. Ich durchstreife das Städtchen auf der Suche nach Spuren der Zeit, als Świdwin noch Schivelbein hieß. An der Burg, am Bahnhof und an der Mühle fällt mir das nicht allzu schwer. Traurig ist es immer ein wenig, wenn ich durch die Plattenbausiedlung am Schloss laufe. Hier verlief früher die Mittelstraße, in der meine Großeltern wohnten. Die Straße ist komplett verschwunden. Nicht nur die alten Häuser, sondern der gesamte Straßenverlauf existiert nicht mehr. In der früheren Friedrichstraße ist das anders und hier hatte zudem jemand eine grandiose Idee: das alte Straßenbild findet sich als Wandgemälde auf einem der Häuser. Dieses Interesse einer neuen Generation an der deutschen Vergangenheit der Stadt ist schön und irgendwie komme ich mir dadurch willkommen vor.

Świdwin – Schivelbein: Steintor, Marienkirche, Bismarckturm, Johanniterschloss

Doch Hinterpommern ist nicht nur ländliche Idylle, sondern auch das Land am Meer. Die Temperaturen steigen, jetzt muss ich langsam mal wenigstens die Füße in die Ostsee tauchen. Das gelingt auch ganz hervorragend in Rusinowo, früher Rützenhagen, hat aber leider nur kurz Bestand: im ganzen Dorf gibt es kein Wasser. Also keins aus der Leitung. Am Freitag bei Wartungsarbeiten abgestellt. Und weil Samstag ist, wird der Hahn am Wochenende wahrscheinlich nicht mehr aufgedreht. Meine Vermieterin ist entsetzt und schleppt literweise Mineralwasser heran. Ihr Mann kommentiert nur „In this country anything can happen.“. Schade, ich fand es hier echt nett, aber Duschen sollte ich schon mal.

Die sehr kurzfristige Ersatzbuchung entpuppt sich als großer Glücksgriff. Zwar kein Meer in Sicht, dafür aber eines der schönsten Freilichtmuseen, das ich je erlebt habe. Im Ahnenblog habe ich ausführlich davon geschwärmt.

Doch das Meer gebe ich nicht auf. Ein kurzer Ausflug ins immer noch ein wenig mondäne Seebad Ustica, früher Stolpmüde, macht Lust auf einen künftigen längeren Aufenthalt. Aber ich will jetzt die Ostsee in ihrer ganzen einsamen Pracht und da gibt es in Polen eigentlich kaum einen besseren Ort als den Slowinski-Nationalpark. Bei Edyta in Gardna Wielka, früher Groß Garde, duftet mir schon der frisch gebackene Kuchen entgegen. Die Wohnung im Dachgeschoss ist reizend, schade eigentlich, dass Sommer ist, zu gerne hätte ich den gusseisernen Ofen angeworfen und den köstlichen Rhabarberkuchen dort genossen. Der Slowinski-Nationalpark ist so grandios wie ich ihn in Erinnerung hatte. Schon vor drei Jahren waren wir begeistert von den gigantischen Sanddünen und kilometerlangen einsamen Stränden. Der Nationalpark ist groß. Deswegen teste ich diesmal die Gegend um den großen Binnensee Jezioro Gardno und bin mit dem Fahrrad unterwegs – liebevoll gewartet von Edytas Mann kann nichts schiefgehen. Mit dem Nationalpark hat Polen einfach alles richtig gemacht – den Zugang zu den Dünen und zum Meer bekommt man nur, wenn man das Auto mindestens einen Kilometer, meist aber deutlich weiter entfernt, stehen lässt und sich dem Paradies zu Fuß oder mit dem Fahrrad nähert. Keine Hotels, keine Eisbuden, keine Fun-Aktivitäten – die duftenden Nadelwälder, den endlose Strand, das wilde Meer hat man in seiner ganzen Naturschönheit fast für sich alleine.

Schweren Herzens trenne ich mich von diesem kleinen Paradies – verlängern ist nicht, Edyta ist ausgebucht und das kann ich sehr gut verstehen. Mit selbstgekochter Marmelade versüßt sie mir den Abschied und ich steuere das nächste pommersche Naturparadies an: Kaschubien. So ganz richtig Hinterpommern ist das wohl nicht mehr, aber in jedem Fall gehört alles zur Woiwodschaft Westpommern, also möge es zählen. Eine liebliche Landschaft vor den Toren Danzigs, Heimat einer bereits zu deutschen Zeiten slawischen Minderheit, zu der zum Beispiel der ehemalige polnische Ministerpräsident Donald Tusk gehört. Die Ortsschilder sind zweisprachig, sehr stark weichen die Schreibweisen aber nicht ab. In Szumleś Królewski erwartet mich erneut eine reizende Dachwohnung und wieder werde ich hier garantiert nicht verhungern. Selbstgebackenes Zwiebelbrot und frische Eier, am nächsten Tag kommt noch ein Drei-Gang-Menü, das auch für drei Tage hält, mit dazu. Ein wuseliger kleiner Hund kommt mich regelmäßig besuchen, im kleinen Wäldchen lässt es sich vortrefflich in der Hängematte schaukeln und von meiner Terrasse aus kann ich tiefrote Sonnenuntergänge genießen. Ich wandere durch die liebliche Landschaft, die Felder schwingen sich die sanften Hügel hinauf und hinab, freundliche Kühe schauen mir entgegen, ein kleines Wäldchen kühlt die Frühsommersonne kurz ab. Ich habe ein Picknick dabei und kaum bekomme ich Appetit, erscheint hinter einem kleinen Bauernhof eine Bank mit grandiosem Blick über einen See. Wie für mich gebaut. Ich sitze ein paar Minuten, esse das köstliche Zwiebelbrot, da kommt ein alter Mann vorbei. Ich räume meinen Rucksack zur Seite, er gibt mir die Hand und redet auf polnisch auf mich ein. „Sorry, I don’t speak Polish“, sage ich, er redet weiter, ich sage „Ich spreche leider kein Polnisch“, da grinst er und meint „Dann sprechen wir doch Deutsch“. Der See da unten, das ist seiner. 20 Hektar, 80 Hektar hat er insgesamt, Wald und Ackerflächen. Der Hof hinter uns gehört ihm auch, den bewirtschaftet jetzt sein Sohn. Der spräche ebenfalls gut Deutsch, er hätte in Danzig Abitur gemacht und sei dann fünf Jahre hintereinander zur Spargelernte nach Deutschland gefahren. Und er selber, er hätte Deutsch in der Schule gelernt. Ja, der See, alles nicht mehr das, seit die Kormorane die Fische wegfressen. Schießen dürfe er die nicht, Tierschutz. Wir plaudern lange, er tätschelt mir den Arm, seine Frau sei schon lange tot, ich denke, er hätte mich vom Fleck weg geheiratet und ich könnte stolze See-Eigentümerin sein. So verabschiede ich mich dann aber und umrunde seinen See. Vielleicht doch ein Grund zum Heiraten?

Und damit verlasse ich Pommern. Mehr als drei Wochen war ich hier. Von der Großstadt über winzige Dörfer bis hin zu der grandiosen Ostsee und dem idyllischen Kaschubien – irgendwie kann man hier alles haben. Gemütliche Ferienwohnungen, kleine Hexenhäuschen, freundliche blitzsaubere Hotels. Perfekte polnische Hausmannskost, bengalische Döner, Heringsabenteuer, Gänsebrühe – auch kulinarisch muss man nicht darben. Polnische Hotelkritiken enden häufig mit „Polecam“. Google übersetzt das mit „Ich empfehle“. Und genauso ist es mit Hinterpommern: Polecam!

 

Die vernarbte Stadt

Eine Annäherung an Stettin

Kaum liegt Deutschland hinter mir, bin ich auch schon an der Stadtgrenze von Stettin angelangt. Es ist ein sonniger Sonntagnachmittag, viele Radfahrer auf den Wegen rechts und links der Straße, ein Festplatz, auf dem ein Konzert stattfindet, Familien auf dem Weg dorthin. Die Straßen sind gut ausgebaut und breit, der Verkehr läuft entspannt, kein Problem, mich durch die Großstadt zu schlängeln. Die Straße verläuft durch einen Park, auf der großen Grünfläche haben sich die Menschen niedergelassen, Kinder toben herum, am Ende des Parks ein schlossähnliches grünes Gebäude. Ein paar Minuten später biege ich in die Straße ein, in der sich meine Wohnung für die nächste Woche befindet. Eine lange Häuserzeile, in deren Inneren man sich verirren kann. Ich wohne im dritten Stock und aus den Fenstern habe ich einen weiten Blick über die Stadt. Die Lage der Wohnung war als hervorragend angepriesen worden. Wo mag dann das Zentrum sein? 

Blick von der Jerzego Janosika, Stadtteil Śródmieście-Północ, Richtung Hafen

Mein erster Erkundungsspaziergang führt mich in Richtung des grünen Schlosses, das ich vom Auto aus gesehen habe. Aber es ist kein Schloss, ein Schild weist es als Sitz der Stadtverwaltung aus. Richtig so, immer die schönsten Gebäude für die Administration 🙂

Stadtverwaltung am Ende Aleja Papieza Papieża Jana Pawła II.

Der kleine Supermarkt um die Ecke hat geöffnet. Das ist so angenehm in Polen, immer ein Żabka oder ähnliches in der Nähe, in dem man sich zu jeder Zeit mit allem Notwendigen versorgen kann. Ich kehre mit Milch für’s Frühstück, einem Sandwich und einem Bier zurück in meine Wohnung. Wo ich jetzt genau bin in der Stadt, habe ich noch nicht herausgefunden. Aber morgen geht’s los!

Doch auch in den nächsten Tagen werde ich nicht fündig. Die Stadt hat kein Zentrum. Nicht mehr. Eine winzige Altstadt mit ein paar Restaurants. Grandiose Plätze, wie der Plac Grunwaldzki, gesäumt von Bürgerhäusern. Trutzige Prachtbauten rund um die Hakenterrasse am Ufer der Oder. Ein Stadtstrand gegenüber mit Panoramablick. Uralte Backsteinkirchen. Ein Hafenviertel, das sich gerade aufschwingt, cool zu werden. Einkaufszentren. Aber nichts, was einem Stadtkern nahe kommt.

Die Jakobskathedrale in Stettin

Wahrscheinlich ist es der Fluch der boulevardähnlich angelegten Straßen. Der Verkehr scheint die Stadt in ihrer Mitte zu zerschneiden. Und wie in vielen Städten des früheren Sozialismus: Wohnblocks im Herzen der Stadt. Ungewohnt für das westlich geprägte Auge, das an dieser Stelle mit Bürohochhäusern oder Einkaufszentren rechnet. Aber vielleicht ist ja gerade diese Wohnbebauung das Rezept gegen das Aussterben der Innenstädte. 

Wie verloren im tosenden Verkehr ein einsamer Rest Barock, der so gar nicht zur Bebauung drumherum passen will. Das „Berliner Tor“ war einst eines der Stadttore von Stettin. Trotzig behauptet es seinen Platz und schaut auf die massiven roten Backsteinkirchen, die sein Schicksal teilen. Alles wirkt zusammengestückelt. Als hätte ein Kind seine kaputtgegangene Ritterburg mit Legosteinen geflickt. Gotik neben Plattenbau, filigran dekorierte Bürgerhäuser neben grobschlächtigem Beton.

Die Oder trennte immer schon Vor- von Hinterpommern. Das deutsche Stettin war einst die Hauptstadt von ganz Pommern. Heute ist Szczecin die Hauptstadt der Woiwodschaft Westpommern und liegt in Polen. Der „Pommersche Greif“ ist immer noch allgegenwärtig, sei es auf den alten Gebäuden aus deutscher Zeit oder auf modernen Taxis und Straßenbahnen. Auch die historischen blauen Wasserpumpen, die überall in der Stadt zu finden sind, ziert das Wappentier Pommerns.

Die Altstadt von Stettin wurde im Zweiten Weltkrieg zum größten Teil zerstört. Die deutsche Bevölkerung wurde vertrieben, es rückten ihrerseits Vertriebene nach: Menschen aus den östlichen Teilen des damaligen Polen. Gebiete, die der Sowjetunion einverleibt worden waren. Sie kamen ohne zu wissen, ob sie in Stettin eine dauerhafte Heimat finden würden. Zunächst bestand Unklarheit über die Zugehörigkeit der größtenteils westlich der Oder liegenden Stadt. Dazu drängten 30.000 Holocaust-Überlebende nach Stettin, die schnell nur noch eines wollten: weg hier, weiter nach Palästina oder bald Israel. In den Ruinen und unter dem Damoklesschwert der Vorläufigkeit mussten sich die Menschen eine neue Heimat schaffen, eine neue Gemeinschaft. Die Ausstellung im Dialogzentrum Umbrüche beginnt mit einem Panoramabild des zerstörten Stettin, voller verzweifelter Menschen. Auf dem Boden davor der Schriftzug „Genesis“. Der Bezug passt perfekt. Aus Ödnis und Chaos musste ein neuer Lebensraum, eine neue Gesellschaft entstehen.

Ich fremdle anfänglich stark mit der Stadt. Ihre Identität ist nicht leicht zu erkunden. Was mir hilft ist, mich einfach durch die Straßen treiben zu lassen. Alles zu Fuß erkunden, ausgiebig die Fassaden der Häuser betrachten, in den vielen Grünanlagen auf eine Bank setzen und die Menschen beobachten. Anfangs war ich fast ein wenig enttäuscht, nicht näher an der Altstadt zu wohnen. Aber was hätte ich da eigentlich gewollt? Mein Viertel ist eine ganz normale Wohngegend, gegenüber ein gedeckter Markt mit dem Duft von Erdbeeren und üppigen Sträußen Dill. Das Eintauchen in den polnischen Alltag und das viele Laufen sind der beste Weg, diese Stadt zu erkunden.

Die Stimmung ist gelassen, viele junge Menschen. Über 50.000 Studierende hat Stettin, aber die scheinen wirklich fleißig am Studieren zu sein, denn gemütliche Cafés oder ungewöhnliche Restaurants finde ich so gut wie keine. Dafür bekomme ich in einer Metzgerei ein wirklich traumhaftes Bigos, das polnische Nationalgericht aus Kraut, Fleisch und Wurst für gerade mal drei Euro. In einem der vielen ukrainischen Restaurants der Stadt gibt es Wareniki – Teigtaschen – mit einer Füllung aus Wild und Pilzen, obendrauf ein Riesenklecks saurer Sahne. Und mit dem Café Dzien Dobry finde ich dann doch noch einen Ort, an dem man lesend im Sessel versinken kann.

Die wichtigsten offiziellen Sehenswürdigkeiten sind schnell abgeklappert – die schon erwähnte Mini-Altstadt, das Schloss der pommerschen Herzöge, die Hakenterrasse. Natürlich gibt es noch vieles mehr. Folgt man dem sehr praktisch auf dem Bürgersteig rot markierten Weg, kann man kaum etwas verpassen. Wenn möglich, sollte man auch mal reingehen in die Gebäude, zum Beispiel im roten Rathaus, der Post oder der Musikhochschule warten hübsche Überraschungen. 

Hakenterrasse mit Woiwodschaftsgebäude, Rotes Rathaus, Schloss der pommerschen Herzöge, Heumarkt
links: im Postgebäude, rechts oben: im roten Rathaus, rechts unten: Akademia Sztuki w Szczecinie, Aleja Niepodległości 40

Was man auf keinen Fall auslassen sollte, ist das Dialogzentrum Umbrüche – es hilft, die jüngste Geschichte der Stadt zu verstehen. Sie ist zugleich auch eine Geschichte Polens zwischen 1939 und 1989. Die Nazizeit, die Aufstände, Solidarność, der polnische Papst, Kriegsrecht, die Dritte Polnische Republik.

Sehr beeindruckt hat mich ein Besuch in den Bunkeranlagen unter dem Hauptbahnhof, die 5000 Menschen Schutz bieten konnten. Die Anlage befindet sich weitgehend im Originalzustand, die nachgestellten Szenen schaffen eine beklemmende Atmosphäre, zumal ich hier unten fast alleine bin.

Und ein ganz besonderer Ort ist das Lapidarium auf dem Hauptfriedhof. Restaurierte deutsche Grabsteine wurden hier neu platziert. Sicherlich in erster Linie nach ästhetischen Kriterien. Aber manche Grabsteine scheinen freundliche Grüppchen zu bilden. Wie zu einem Kaffeekränzchen vereint stehen sich sechs Grabsteine gegenüber, im Halbkreis angeordnet scheint der Stein von „Vedder“ seinen Untergebenen die Befehle des Tages mitteilen zu wollen. Ein verwunschener Ort.

Hauptfriedhof und Lapidarium Stettin

Sehr entspannt im hier und jetzt geht es am Stadtstrand auf der Oderinsel Wyspa Grodzka zu. Auf 1500 Tonnen feinstem Ostseesand kann man wahlweise im Liegestuhl oder auf dem Strandtuch das wuchtige Panorama der Hakenterrasse gegenüber auf sich wirken lassen. 

Ein sehr schöner Ort, den sonnigen Nachmittag mit einem leckeren Eis auf einer Parkbank zu genießen, ist der Kasprowicza-Park vor dem grünen Haus der Stadtverwaltung, das ich ja schon am ersten Abend fand. Spinatpalast nannte man es früher und seit das Grün das zwischenzeitlich sozialistische Grau wieder vertrieben hat, könnte man diesen Namen ruhig erneut aufleben lassen.

Nach einer Woche bin ich ein bisschen mehr angekommen in der Stadt. Sich hier auf die Spuren der Vergangenheit zu beschränken, bedeutet, sich auf das Verlorene zu konzentrieren. Mit diesem Fokus, in dem wir Ahnenforscher uns gerne mal verlieren, wird die Stadt wahrscheinlich immer verletzt erscheinen. Wie amputiert und mit schlecht sitzenden Prothesen bestückt. Doch Stettin ist geheilt, zwar mit deutlichen Narben, aber aus Stettin ist Szczecin geworden, eine moderne und lebensfrohe polnische Stadt. Vielleicht ist das Stettins Identität und Mission: einen möglichst angenehmen Rahmen für ein ganz normales polnisches Leben zu bilden. Sich dabei behutsam auch der deutschen Geschichte der Stadt zu nähern. Diese zu integrieren, nachdem die menschlichen und städtebaulichen Wunden der vergangenen 60 Jahre langsam vernarben. Stettin eben als polnische Heimat mit vielfältiger Geschichte zu begreifen.

Am Hafen

Ich bin froh, dass ich mir Zeit gelassen habe für die Stadt. Nach ein oder zwei Tagen wäre ich einigermaßen ratlos weitergefahren und wahrscheinlich nicht mehr zurückgekehrt. Stettin erschließt sich erst auf den zweiten Blick, und so ergreift mich sogar etwas Wehmut, als ich über die Oder-Brücke Richtung Osten fahre und Szczecin hinter mir zurücklasse.

Inseltraum in der Ostsee

Ich habe eine gewisse Abneigung gegen die beliebten Urlaubsorte der Deutschen. Gran Canaria, Djerba in Tunesien, die ein oder andere thailändische Insel  – ich hab mich da nicht wohlgefühlt. Große Hotel- oder gar Clubanlagen schrecken mich ab, im Urlaub will ich nicht überwiegend deutsch hören, an europäische Geschmäcker angepasstes Essen verzehren und das Land nur durch die Scheiben eines Tourbusses betrachten. Mit „Fun-Aktivitäten“ kann man mich jagen. Genug geschimpft, natürlich akzeptiere ich, dass das anderen Spaß macht. Und zum Glück sind die Geschmäcker verschieden.

Dass ich mich nach der Vorrede auf Deutschlands beliebteste Ferieninsel getraut habe, wundert mich jetzt eigentlich selber. Aber vielleicht hatte ich ja eine Ahnung –  denn Rügen ist absolut grandios! Also, liebe deutsche Mitbürgerinnen und Mitbürger – Ihr habt doch Geschmack 🙂

Vollkommen ahnungslos, wo man sich auf der großen Insel am besten stationiert, habe ich ein Apartment im Südosten gebucht. Der winzige Ort Wreechen liegt am gleichnamigen See und nicht weit vom Meer entfernt. Im „Wreecher Idyll“ ist der Name Programm – von meinem Balkon aus habe ich den schönsten und eben idyllischsten Blick, den ich mir vorstellen kann. Weite sattgrüne Landschaft, der schilfgesäumte See. Die sanfte Luft mit einer Spur Seetangaroma. Rehe, die abends vor meinem Balkon durch die Wiese springen. Und über allem: Stille.

Am Abend der erste Spaziergang, einfach los in den Wald hinein. Hasen hoppeln vor mir auf dem Weg, alte reetgedeckte Häuser ducken sich in die Landschaft, Mohn- und Kornblumen säumen die Felder. Und dann stehe ich an der Küste, blicke hinüber zur kleinen Insel Vilm und genieße das Licht kurz vor Sonnenuntergang. Muss ich noch mehr schwärmen?

Prora

Am nächsten Tag fahre ich Richtung Norden. Die Straßen sind schmal und gesäumt von Bäumen, deren Wipfel sich zu einem grünen Dach vereinen. Hier verläuft die „Deutsche Alleenstraße“ und die trägt ihren Namen auf Rügen vollkommen zurecht. Nach etwa einer halben Stunde erreiche ich Prora. Die Nazis wählten die schönste Bucht der Insel für den Bau des „Kraft durch Freude-Seebad Rügen“. 20.000 Menschen sollten hier ihre Nerven für Krieg und Vernichtung stählen, riesige KdF-Schiffe am Ufer anlegen. Zum Nazi-Urlaub-Einsatz kam der Koloss nie. Das DDR-Regime versuchte sich mit Urlaubern und Bausoldaten an dem gigantischen Bau. Der Bund verkaufte große Teile der Anlage, Spekulanten traten auf den Plan und jetzt entstehen hier Luxusapartments. Alles als Denkmal zu erhalten wäre wohl auch komisch gewesen, aber ein bisschen origineller hätte man schon vorgehen können. Die riesigen Ausmaße der Anlage lassen sich eigentlich nur aus der Luft richtig erfassen, zumal die Gebäude vom Strand aus meist hinter einem Waldstreifen verschwinden. Nicht nur deswegen ist die Ausstellung im Dokumentationszentrum Prora „MACHTUrlaub“ unbedingt sehenswert.

Nationalpark Jasmund

Jetzt aber mehr von der Schönheit Rügens. Der Nationalpark Jasmund im Nordosten beherbergt die berühmten Kalksteinfelsen und mit seinem Buchenwald auch ein Unesco-Welterbe. Am Parkplatz wirkt alles noch unspektakulär. Der Weg durch den Wald bis zum Besucherzentrum ist schön, aber nicht unbedingt einsam. Das Zentrum ist umlagert und verlangt 10 Euro Eintritt. Mir ist nicht ganz klar, wofür und so nehme ich den Weg rechts neben dem Zentrum in den Wald hinein. Schnell bin ich fast allein in dem ungewöhnlichen Wald. Die schlanken hohen Stämme lassen mehr Licht hinein als man erwarten würde und in der Ferne schimmert immer wieder das Blau des Meeres durch. Der Wald reicht direkt bis an die Klippe heran. Der Kreidefels ist weich und schützt die Bäume direkt am Rand nicht vor gelegentlichen Abstürzen. Nach etwa fünf Kilometern ist ein Abstieg zum Strand möglich. Eine Holztreppe führt hinunter zum Kieler Ufer und diesen Abstieg sollte man auf keinen Fall scheuen. Der Blick auf die Kreidefelsen ist jede Stufe hinab wie hinauf wert.

Genau den gleichen Weg zurück will ich nicht gehen, ich habe guten Empfang, also lasse ich mich von Google über kleine Pfade lenken. Irgendwann wird das Signal immer schlechter, Julia allein im großen Wald, kurz wird’s mir etwas mulmig, aber dann taucht ein Forstweg auf. Sehr glücklich und zufrieden erreiche ich am Nachmittag den Parkplatz und bin ab sofort Rügen-Fan.

Lauterbach und Goor

Nur vier Nächte habe ich für die Insel eingeplant, denn es ist Pfingsten und ich muss ja nicht unbedingt dann fahren wenn alle fahren. Samstag ist mein letzter Tag und heute möchte ich in der Nähe bleiben. Also marschiere ich vorbei an reizenden Reetdachhäusern zum Meer und immer an der Küste entlang bis zum kleinen Hafen Lauterbach. Eine entspannte Atmosphäre, man bekommt Räucherfisch vom Kutter und DDR-Softeis, kleine Boote schaukeln auf dem Meer und es sitzt sich gut in der Sonne.

Weiter am Ufer entlang kommt man nach Goor, einem Waldgebiet mit  neoklassizistischem Badehaus. Das Restaurant mit eleganter Terrasse öffnet gerade, also ergattere ich einen Strandkorb, bestelle Kaffee und fühle mich ein wenig wie ein mondäner Badegast im 19. Jahrhundert. Ich habe es nicht nach Binz geschafft, um mir die Bäderarchitektur, für die Rügen auch berühmt ist, anzuschauen. Aber das Badehaus Goor scheint mir für’s Erste ein ganz guter Ersatz zu sein.

Und das war’s schon mit Rügen. Unbedingt muss ich hier nochmal her. Sicherlich sollte man die Hochsaison umgehen, aber selbst an diesem Pfingstwochenende fand ich es nicht zu überlaufen. Rügen ist dann doch so weitläufig und mit so vielen schönen Orten gesegnet, dass weder die Nazizeit, der Sozialismus oder das 9-Euro-Ticket der Schönheit der Insel wirklich schaden konnten.

Stralsund

Direkt gegenüber von Rügen liegt Stralsund, bis zu meinem nächsten Ziel sind es nur etwa zwei Stunden, also nehme ich die historische Hansestadt natürlich auch noch mit. Aber ganz ehrlich: da habe ich schon atmosphärischere Orte besucht. Natürlich sind die Backsteinarchitektur und die Lage klasse, doch irgendwas fehlt der Stadt. Benennen kann ich es nicht, Stralsund ist Weltkulturerbe, es muss an mir liegen, dass der Funke nicht überspringt. Ist halt auch schwer, wenn man sich ständig mit einer Inselschönheit in Sichtweite messen muss. Ein letzter Blick hinüber an die Küste von Rügen, dann steige ich ins Auto und wechsel mal das Land.

Ein gut gehütetes Geheimnis

Nachdem es in Sachsen so gut geklappt hat, lasse ich mich auf dem Weg Richtung Norden wieder von meinen Ahnen leiten. Die Vorfahren meiner Großmutter kamen aus dem Gebiet zwischen Magdeburger Börde und Harzvorland und so miete ich mich für eine Woche in einem der vielen Orte in dieser Gegend ein, die auf -leben enden. Hadmersleben und hier das reizende Landhaus Rosmarin heißt meine neue Heimat auf Zeit.

Die Wohnung im Dachgeschoss eines liebevoll restaurierten Bauernhauses ist so gemütlich, dass ich eigentlich nicht mehr wegmöchte. Und was für ein schöner Ort. Kleine Fachwerkhäuschen reihen sich entlang der kopfsteingepflasterten Sträßchen auf, ein riesiger Klostergutshof zeugt von der Geschichte des Ortes, ein nur unwesentlich kleinerer Amtshof, eine doppelspitzige Kirche und daneben ein Landinternat wie von Enid Blyton erdacht. Drumherum grüne Felder, blühende Schrebergärten und Pferdekoppeln.

Und Hadmersleben ist keine Ausnahme, fast alle der kleinen Orte drumherum
sind so idyllisch. Es scheint sogar ein Tourismuskonzept für die Region zu geben, man fragt sich aber, ob die Urheber bei der Entwicklung noch ganz nüchtern waren: warum gute Luft und Stille propagieren, wenn man Gestank und Lärm haben kann. Eine Motorsportarena und etwas weiter weg eine Autocross-Rennstrecke, so kann man sich seine grandiose Natur auch versauen. Bis zur Gastronomiefrage kamen – wie in Sachsen – auch diese Planer nicht, aber das bin ich ja langsam gewohnt. Hören tu ich die Knatterei von meinem kleinen Paradies aus zum Glück nicht und ich hab eine kleine Küche.

Auch Hadmersleben hat einen Lost Place – eine ehemalige Malzfabrik. Fasziniert stehe ich vor dem großen roten Backsteinbau, da spricht mich eine Frau an. „Ziemlich scheußlich, oder?“ Nein, finde ich gar nicht. Sie sieht die zerbrochenen Scheiben, die bröckelnden Steine. Mich nimmt die morbide Atmosphäre gefangen. Sie wohnt gegenüber, ich kann wieder gehen. Als ich sie frage, was früher dort produziert wurde, leuchten ihre Augen auf. Kaffee und später Süßigkeiten. Aber alles abgewickelt nach der Wende. In einem Fenster sehe ich später ein Schild, tatsächlich: Hadme Kaffee. Die Fabrik soll zu einem Kunst- und Kulturprojekt werden, ein Ehepaar aus der Nähe von Heidelberg hat sie gekauft und versucht es mit Crowdfunding. Viel Arbeit, aber wenn das klappt, wird es sicherlich toll.

Die alte Malzfabrik in Hadmersleben

Und rundherum gibt es noch so viel mehr zu sehen. Nur 20 Kilometer weiter wartet eine der schönsten Städte Deutschlands auf mich: Quedlinburg. Über dem traumhaften Fachwerkensemble der Innenstadt thront der Quedlinburger Dom, in dem mein Ururgroßvater getauft wurde. Nach einer sehr empfehlenswerten Führung weiß ich, dass dort noch ein bisschen mehr passiert ist: Heinrich der Erste liegt hier begraben, die Äbtissin Mathilde war um 900 die mächtigste Frau des Reiches, die Nazis bauten den Dom um, damit pathetische SS-Shows veranstaltet werden konnten. Und dann noch die Story des Quedlinburger Domschatzes, den ein kunstverständiger US-Soldat per Feldpost in die USA schickte, wo das Samuhel-Evangiliar, eines der wertvollsten Bücher der Welt, in einem Bankschließfach verstaubte, bis ein Schatzsucher es in den 90er Jahren entdeckte.

Der Quedlinburger Dom
Der Quedlinburger Dom

Doch in Quedlinburg sollte man sich nicht auf den Dom beschränken. Die Altstadt besteht aus über 2000 Fachwerkhäusern, prächtig wie das Rathaus oder noch darauf wartend wachgeküsst zu werden, wie das ehemalige Wohnhaus meiner Ururgroßeltern. Der ganze Romantiktraum ist Weltkulturerbe und eine Reise wert.

Quedlinburg

Das benachbarte Halberstadt kann da nicht ganz mithalten, auch weil es im zweiten Weltkrieg sehr stark in Mitleidenschaft gezogen wurde. Die teilweise Sanierung gibt einen kleinen Eindruck davon, warum Halberstadt als „Rothenburg des Nordens“ galt. Besonders beeindruckend ist der Halberstädter Dom. Von außen halt ein Dom, ist das Innere atemberaubend. Im riesigen gotischen Halbdunkel hat die weitgehende Abwesenheit von Farbe eine ganz besondere Wirkung. Vorwiegend die steinernen Dekorationen wirken hier und setzen das wenige Bunt von Kirchenfenstern und Altar perfekt in Szene. Lohnt sich sehr!

Der Dom zu Halberstadt
Der Dom zu Halberstadt

Eine ganz besondere Attraktion befindet sich ein paar Kilometer außerhalb von Halberstadt im Ortsteil Langenstein: Höhlenwohnungen. Nicht von den Harzer Verwandten der Neandertaler, sondern von jungen Arbeiterfamilien Mitte des 19. Jahrhunderts in den Stein geschlagen, weil sie sich andere Wohnungen nicht leisten konnten. Der letzte Höhlenmensch zog vor gerade mal hundert Jahren aus und dank einer Privatinitiative wirken die Wohnungen heute so, als wären die Bewohner gerade nur mal einkaufen gegangen. Ein ganz reizendes Hobbitdorf im Harzvorland.

Die Felsenwohnungen von Langenstein

Gänzlich unbekannt dürften zwei Orte sein, die für mich von großer Bedeutung sind – Hoym und Frose. In Hoym lebte um 1800 mein fünffach-Urgroßvater, der Schäfer David Heitmann mit seiner Familie. Seine Frau und meine fünffach-Uromi Charlotte Hohendorf kam 1760 in Frose zur Welt. 

Das Dorf Hoym gruppiert sich um das fürstliche Schloss, dessen Schafmeister David Heitmann war. Heute ist hier die größte Behinderteneinrichtung des Landes Sachsen-Anhalt untergebracht. Die Häuser im alten Dorfkern und besonders die Kirche auf der anderen Seite der stark befahrenen Straße dürften zu Zeiten der Familie Heitmann kaum anders ausgesehen haben. Sogar eine Schäfergasse gibt es, vielleicht haben sie hier gewohnt. Rund um die Kirche sind einige alte Grabsteine erhalten, Heitmann steht leider auf keinem. Aber ich gebe zu: wenn man nicht gerade einen fürstliche Schafe hütenden Vorfahren hat, lohnt sich der Weg nach Hoym nicht unbedingt. Hübsch ist es trotzdem.

Impressionen aus Hoym
Impressionen aus Hoym

Nach Frose ist es nur ein paar Minuten mit dem Auto. Ein komplett ausgestorbener Ort, verzweifelt stürzt sich der polnische Amazonlieferant auf mich in der Hoffnung, ich könnte ihm mit einer Lieferadresse weiterhelfen. Er mag nicht glauben, dass ich als Besucherin hierher gekommen bin. Dabei könnte Frose ein echtes Zentrum der Reformationsfans sein: Bauernkriegsführer Thomas Müntzer war an der Kirche St. Cyricus zwei Jahre als Probst tätig. Was andernorts mindestens zu einem Müntzer-Café mit gleichnamigen Pralinen geführt hätte, entdeckt man hier eher zufällig. Und auch wenn Frose genauso wie Hadmersleben an der „Straße der Romanik“ liegt – der interessierte Tourist wird vor verschlossenen Türen stehen gelassen. Aber egal, ich wollt ja nur mal gucken, wo X-Uroma aufgewachsen ist und heute habe ich ein Vesperpaket dabei.

Wirkungsstätte von Thomas Müntzer in Frose
Wirkungsstätte von Thomas Müntzer in Frose

Und dann ergattere ich superkurzfristig einen spannenden Tag im Evangelischen Kirchenbucharchiv in Magdeburg – eigentlich sind die Plätze immer Wochen im Voraus ausgebucht. Viel neues Material für weitere Reisen, aber das will erst mal sorgfältig ausgewertet sein. Zeit für die Stadt selber bleibt mir nicht, aber es ist auch nicht mein erster Besuch. Gerade eine halbe Stunde ist Magdeburg von Hadmersleben entfernt, hat man also mal Hunger auf die Großstadt und überhaupt, die Landeshauptstadt ist quasi einen Katzensprung entfernt. 

Bei allen spannenden Besichtigungen genieße ich aber die wunderschöne Landschaft hier in der Magdeburger Börde am allermeisten. Der Harz selber bleibt für mich nette Kulisse im Hintergrund – es gibt so viel zu sehen und zu genießen, wer braucht da schon Berge im norddeutschen Flachland. Doch wie in Sachsen: sie halten die Attraktionen und die Schönheit ihrer Gegend streng geheim. Tourismuswillige werden mit nutzlosen Autorennstrecken in die Irre geführt. Aber passt auf, ihr wunderschönen Orte im Harzvorland, ihr werdet schon noch entdeckt werden!

 

In Sachsens Mitte

Dass Sachsen mit großartigen Tourismuszielen aufwarten kann, hatten wir schon auf unseren letzten Reisen entdeckt. Dresden, Görlitz, die große Überraschung Bautzen und erst jüngst Leipzig – zumindest die sächsischen Städte waren bisher eine Reise wert. Wenn ich schon in der Gegend bin, gebe ich doch auch dem ländlichen Sachsen eine Chance. Ich suche mir die Gegend südlich von Leipzig zwischen Zwickau und Chemnitz aus. Hier lebte die Familie meines Großvaters, hier kann ich Touristin und Ahnenforscherin sein.

Ich miete mich im kleinen Dorf Mühlau ein. Ein hübsches Apartment mit riesigem Garten bis hinunter zu einem idyllischen See und es hätte alles so perfekt sein können, wenn die netten Besitzer die ländliche Stille nicht mit ihrem Hausbauprojekt auf dem übernächsten Grundstück ruiniert hätten. Aber sie waren so stolz auf ihr werdendes Eigenheim und dass es auf dem Land ruhig ist, ist sowieso ein Mythos. Einer mäht immer…

Doch ich bin ja da, um die Umgebung zu erkunden. Und die ist voll üppiger Natur und hübscher Städtchen. Gelbe Rapsfelder leuchten in der Sonne, saftig-grüne Felder, sanft geschwungen und wie gemacht für lange Wanderungen und Radfahrten. Idyllische kleine Dörfer, viele der historischen Gebäude komplett erhalten und instandgesetzt. Urige Kopfsteinsträßchen, verwunschene Schlösschen, die noch darauf warten, wachgeküsst zu werden. Und alles habe ich fast für mich alleine. Tourismus ist hier nur eine Randerscheinung. Wander- oder Radwege scheint es kaum zu geben, aber die entsprechenden Pfade kann ich mir noch selber bahnen. Wirklich schade ist, dass ein Café mit schönem Blick und dem guten sächsischen Kuchen oder gar ein idyllischer Biergarten so gut wie nicht zu finden sind. Gastronomie beschränkt sich vielerorts auf einen „Asia Dönerimbiss“ oder eine unregelmäßig geöffnete Bäckerei. Und montags braucht man es eigentlich gar nicht zu versuchen, fast alles zu. Horden von Touristen könnte man hierher locken, gerade jetzt, wo Deutschland als Reiseziel sexy geworden ist. In meinem nächsten Leben werd ich Tourismusberaterin und Besserwessi.

Zum Beispiel Waldenburg. Hier braute schon mein Ururgroßvater Bier und hatte damals hoffentlich auch daran gedacht, es unters Volk zu bringen. Die Oberstadt thront über dem Tal, mit Schloss – natürlich zu – und Naturalienkabinett – meistens zu. Aber wenn letzteres offen ist, ist es einen Besuch wert. Eine politisch nicht immer korrekte Sammlung von toten Tieren und toten Menschen. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts ist die Sammlung fast unverändert hier untergebracht. Die Räume mit den großen Holzregalen und den sorgfältig beschrifteten Exponaten im Halbdunkel des historischen Gebäudes kreieren eine ganz besondere Atmosphäre und ich bin mir nicht ganz sicher, ob sich die ausgestellte Mumie vielleicht nicht doch kurz bewegt hat…

Waldenburg nennt sich Keramikstadt und zu Zeiten meiner Vorfahren produzierten hier fast vierzig Töpfereien allerlei Tonwaren. Heute sind es immerhin noch sechs und in mein Reisegepäck wandert eine Tasse aus einer kleinen Manufaktur. Der Ortsteil Altstadt Waldenburg liegt im Tal und von hier aus gelangt man zu einem riesigen Landschaftspark nach englischem Vorbild. Deswegen hieß der Park zum Zeitpunkt seiner Entstehung Ende des 18. Jahrhunderts auch zunächst Greenfield. Heute ist er eingedeutscht und um den Grünfelder Park bis in den letzten Winkel zu erkunden, bräuchte man mindestens einen halben Tag. Ein großes Steintor hier, ein idyllisches Teehaus da, weidende Pferde, kleine Seen, einfach ein herrlicher Ort. Ich stelle mir vor, wie Urgroßvater Max als er noch ein Mäxchen war, hier Abenteuer erlebte, während der Vater köstliches Bier braute, das die Waldenburger am Abend mit Blick über die üppige Natur aus selbstgetöpferten Bierkrügen tranken – stopp, so idyllisch wird’s sicher nicht gewesen sein.

Weiter nach Burgstädt. Hier müsste ich mich zurückbeamen an den Anfang des 19. Jahrhunderts, um meinen Vorfahren zu begegnen. Aber Burgstädt ist so entzückend, so gut erhalten und renoviert, dass ich mir eine Zeitreise auch ohne Technik sehr gut vorstellen kann. Doch leider auch hier: auf dem schönen Marktplatz, dem reizenden Rathausplatz, in den kleinen Gassen, nirgendwo scheint Leben zu sein. Kein Café, kaum Menschen unterwegs, so schade. Auf der Suche nach dem Leben meiner Vorfahren besuche ich das kleine Heimatmuseum neben der Kirche. Die freundliche Dame begleitet mich durch die Räume, die unter anderem ein Schulzimmer und eine Heimarbeiterstube beherbergen. Wir kommen ins Gespräch, sie erzählt von der Zeit vor und nach der Wende. Das ist keine Stadt mehr, das ist ein Naherholungsgebiet, seufzt sie, nachdem sie von der Blütezeit der Textilindustrie, die über Nacht abgewickelt wurde, berichtet hat. Keine verklärte Ostalgie, sie erzählt auch von ihrem Gemüseladen zu DDR-Zeiten, in dem es zum Schluss nur noch Kartoffeln und Kohl zu kaufen gab. Nach einer sehr aufschlussreichen und sympathischen Stunde verabschiede ich mich aus dem reizenden Museum.

Ziemlich auffällig und auch für das Museum bezeichnend: die Freundlichkeit der Menschen. Ich bin es gar nicht mehr gewöhnt, ständig gegrüßt zu werden. Selbst die coolen Youngster, die sich mit einer Flasche Bier am See niedergelassen haben, sagen freundlich Hallo, auf dem Marktplatz blicke ich nur kurz suchend auf mein Handy, da fragt mich schon eine Frau, ob sie mir weiterhelfen kann. Auf dem Parkplatz komme ich dann ins Gespräch mit einem Mann, der sich als Bürgermeisterkandidat für Burgstädt entpuppt. Ich sei leider nicht seine Zielgruppe, sage ich ihm, er hat ja auch schon mein Stuttgarter Kennzeichen gesehen. „In sieben Jahren vielleicht“, grinst er. Cafés und Kneipen will er in die Innenstadt bringen, das ist doch mal ein Ansatz. Irgendwann frage ich, für welche Partei er kandidiert, und bin erleichtert, dass er nicht AfD sagt. Wie er denn mit denen umgeht, frage ich, und ein bisschen scheint er sich in sein Schicksal ergeben zu haben. „Der Sachse ist grundsätzlich erst mal gegen alles“, stöhnt er, und das bedient die AfD ja glänzend. Ich wünsche ihm viel Erfolg bei seiner Überzeugungsarbeit und verabschiede mich – vielleicht bis in sieben Jahren 🙂

Blick auf Burgstädt

Eine so schöne Gegend, die so unentdeckt ist. In jedem Ort gibt es kleine Abenteuer zu erkunden, die Altstädte sind häufig komplett erhalten und klasse saniert, die dekorativ verfallenden Gebäude der alten Textilfabriken am Stadtrand müssten ein El Dorado für Fans von „Lost Places“ sein. Und das alles eingebettet in schönste Natur. Wenn man sich sein Vesper selber mitnimmt, dann ist die Mitte Sachsens eine echte Wonne!

Abendidyll Mühlau

 

Leipzig!

Was für eine gute Entscheidung, meine Auszeit in Leipzig einzuläuten. Erst mal Ankommen im Rumkommen, das war mein Ziel, und dabei habe ich fast zufällig meine neue Lieblingsstadt entdeckt!

In Leipzig stimmt für mich alles: die freundliche „Senfbude“, in der nicht nur ein kleines Apartment, sondern auch eine dreibeinige Schmusekatze und ein Fahrrad auf mich warten. Das frühlingshaft warme Wetter. Die entspannte Atmosphäre. Und jeden Tag eine neues Abenteuer.

Ich wohne in Stötteritz im Südosten der Stadt in einer alten Senffabrik. Umgeben von Datschen in üppig grünen Gärten geht es hier ruhig und entspannt zu. Trotzdem ist man mit dem Fahrrad in einer Viertelstunde in der Stadt. Schon beim Ankommen war das riesige Völkerschlachtdenkmal nicht zu übersehen. Hier will ich meine Entdeckungstour starten und schwinge mich am nächsten Tag auf’s Fahrrad. Die Anlage ist riesig, pompös, wilhelminisch. Und trotzdem faszinierend. Für das Innere braucht man zunächst einmal Kondition – insgesamt 500 Stufen bis ganz hinauf zur Kuppel. Es gibt zwar einen Fahrstuhl, aber der ist den Leuten vorbehalten, die nicht so gut zu Fuß sind, und zu denen möchte ich noch nicht gehören. Eine Pause lege ich schon im ersten Stock ein: eine Filmpräsentation zeigt die Ereignisse von der Völkerschlacht 1813 über Bau und Einweihung des Denkmals hundert Jahre später bis heute. Kraft tanken für den weiteren Aufstieg, der auf der Aussichtsplattform mit grandiosem Blick in 91 Meter Höhe endet. Erst nach dem Weg hinunter schaue ich mir Krypta und Ruhmeshalle genauer an. Die riesigen Steinfiguren im Halbdunkel, der sphärische Chorgesang, allein die Atmosphäre beeindruckt. 

Aber jetzt ist Zeit für etwas Sonne, auf dem benachbarten Südfriedhof lässt es sich in Ruhe flanieren. Die Familiengräber der Baedekers und Ullsteins stimmen mich ein auf die Buchstadt Leipzig. Und welcher Ort kann danach passender sein als die Deutsche Nationalbibliothek, die ich eher zufällig entdecke. Kaum bin ich drin, haben mich die sehr freundlichen Mitarbeiter schon mit einem (kostenlosen!) Leseausweis versorgt. Ich durchstreife die original restaurierten Lesesäle und recherchiere nach Literatur für meine Familienforschung. Am nächsten Tag macht mir eine Bombe einen Strich durch die Rechnung – bitte sofort die Bibliothek verlassen, Weltkriegsbombe auf dem Gelände der gegenüberliegenden Alten Messe. Die Entschärfung in der Nacht war erfolgreich, einen Tag später darf ich wieder rein.

Aber zunächst einen Besuch in der Innenstadt. Ich starte meine Tour am Marktplatz, das alte Rathaus leuchtet in der Sonne, Naschmarkt, Auerbachs Keller, dann weiter zur Nikolaikirche – hinter jeder Ecke erwartet mich Geschichte und Kultur. Bach, Mendelssohn Bartholdy und Goethe, Handel, Messe und Bürgertum, die friedliche Revolution – überall finden sich ihre Spuren in der Stadt. Die vielen Passagen laden dazu ein, die berühmten Höfe zu entdecken – schöne Restaurants, viel Jugendstil, Ruhe in der quirligen Stadt. 

Weiter zum Bahnhof, einem ganz besonders gelungenen Beispiel für die Restaurierung eines Kopfbahnhofs. Viel Licht und Luft im Inneren, in den grandiosen Wartesälen der wahrscheinlich schönste Starbucks. Hat 250 Millionen Euro gekostet, Stuttgart, nicht 9 Milliarden. Schön und funktionell ist es obendrein.

Dann der Augustusplatz. Das Gewandhaus atmet wuchtige DDR-Architektur, hat aber sicherlich eine grandiose Akustik. Der neobarocke Mendebrunnen davor lässt erahnen, dass hier vieles verloren ging, durch Krieg oder Sozialismus. Ein sehr trauriges Beispiel findet sich vor dem modernen Gebäude der Universität: ein kleines bronzenes Modell der Universitätskirche, 1240 geweiht. Die hatte den Krieg fast unbeschadet überstanden, stand dann aber dem Sozialismus im Weg. Am 30. Mai 1968 wurde sie gesprengt. Der ultramoderne Neubau hinter dem Modell neigt sich leicht zu der Seite, in der die Kirche einsackte. Auch im Inneren hat man sich an einer modernen Interpretation der Rekonstruktion versucht und ich finde, sie ist gelungen.

Leipzig ist ein idealer Ort zum Fahrradfahren, flach mit häufig breiten Straßen, wenig aggressiven Autofahrern und einer ganz hervorragenden Infrastruktur, die Radfahrer und Fußgänger Ernst nimmt. Eigene Ampeln, Beschilderung, Erklärung, warum an dieser Stelle Vorsicht oder sogar ein Absteigen notwendig ist. Und siehe da, wenn man alle Verkehrsteilnehmer gleichberechtigt behandelt, dann benehmen sie sich auch. Der coole Hipster-Radler hält an der roten Ampel, die flippige Studentin steigt an der Baustelle ab und schiebt ihr Rad kurz. Natürlich gibt es auch hier den wütenden Kampfradler, der sich an nichts hält, aber im Großen und Ganzen geht es auf den Straßen friedlich und entspannt ab. Und weil Radeln hier so viel Spaß macht, erkunde ich auch noch das Waldstraßenviertel und die schönen angrenzenden Parks, bis ich mich im Stadtteil Gohlis vor einem Rokokoschlösschen wiederfinde. Im dazugehörigen Lustgarten kann man den Tag wunderbar bei einem Gläschen Wein ausklingen lassen und herausfinden, dass so die Sommerfrische reicher Leipziger Bürger vor zweihundert Jahren aussah. Auf dem Rückweg durch das Rosental tauchen plötzlich die Giraffen des Leipziger Zoos auf ihrem Weg ins Nachtquartier auf. Ein netter Abendgruß.

Und was war noch? Orgelvesper in der Nikolaikirche, sehr schön! Der Marzipantraum Leipziger Lerche im Café Riquet, sehr lecker! Eine Gose, säuerlich-salziges Bier, gebraut im Bayerischen Bahnhof, sehr interessant! Der botanische Garten der Universität, sehr idyllisch! Die komplett erhaltenen Straßenzüge mit feinster Gründerzeitarchitktur, sehr beeindruckend! Und die Begegnung mit einem bisher unbekannten Verwandten, sehr bewegend! Ahnenforschung bringt die Menschen zusammen, sehr wichtig!

Am letzten Tag dann noch ein Highlight: eine Kanalrundfahrt durch Plagwitz, einem ehemaligen Industrieviertel. Ich habe Glück und ergattere am freundlichen Bootsverleih Klingerweg einen Platz im „Eisvogel“ und verbringe die Wartezeit im gegenüberliegenden Clara-Zetkin-Park auf einer duftigen Frühlingswiese. Wir tuckern anderthalb Stunden durch die lauschigen Kanäle und bestaunen das, was am Ufer geboten wird. Der Umbau des einstigen Industrieviertels ist sehr gelungen – fantastische Wohnungen mit Blick auf die idyllischen Wassersträßchen, Restaurants, eine Slackline über das Wasser, Menschen, die einfach nur die Schönheit genießen – wow!

Nach einer Woche habe ich das Gefühl, bei Weitem nicht alles gesehen zu haben in dieser wunderschönen Stadt. Ich war in keinem einzigen Museum, habe nur einen kurzen Eindruck von den vielen Parks bekommen, habe den Thomanerchor und das Gewandhausorchester nicht gehört. So viel Kultur, so viel schöne Architektur, so viele Parks, so eine entspannte Atmosphäre. Wer weiß, vielleicht lande ich ja eines Tages für längere Zeit in Leipzig. Vorstellen könnte ich es mir.