Valletta, Du Schöne

Ganz am Anfang meines Urlaubs hatte ich kurz mal gelinst, wie Valletta so ist. Ein kleiner Abstecher mit der Fähre von den Three Cities, grad mal zwei Stunden Aufenthalt, aber was für ein umwerfender erster Eindruck. Valletta weiß, wie man den Neuankömmling beeindruckt: Die Anfahrt über das Mittelmeer durch den Grand Harbour, der Blick hinauf zur Stadt, die hoch oben in einer Festung thront, ist schon ein Erlebnis für sich. Mit der Fahrt übers blaue Meer ist es dann aber nicht getan. Ein moderner Aufzug trägt Seemann oder -frau 58 Meter in die Höhe und erspart den mühevollen Anstieg vom Hafen in die Stadt. Die Idee entstand Anfang des 20. Jahrhunderts, als auch Aufzüge wie der Elevador de Santa Justa in Lissabon gebaut wurden. Der ursprüngliche Lift von 1905 war bis in die 70er Jahre in Betrieb und wurde erst 2012 durch den heutigen Aufzug ersetzt. In modernen Kabinen saust man in 20 Sekunden hinauf.

Als wäre dies nicht spektakulär genug, begrüßen einen oben die Upper Barrakka Gardens: stimmungsvolle Bogengänge und ein süchtig machender Blick auf die Three Cities und den Grand Harbour. Das wird mein absoluter Lieblingsplatz in Valletta.

Drei Nächte habe ich für Valletta eingeplant. Um eine hatte ich ja schon gekürzt, und weil der Katamaran von Gozo ebenfalls am Fährhafen anlegt, komme ich wieder in den Genuss der spektakulären Anfahrt. Der Marsch zu meiner Wohnung ist nicht ganz ohne, in Valletta geht es steil bergauf und bergab. Mein viel zu schwerer Rollkoffer wirkt hinauf wie Blei, hinab schubst er frech an meinen Fersen. Beim ersten Betreten der Wohnung bin ich kurz enttäuscht: das sollen 60 qm sein? Eine Küche und ein Schlafzimmer, hm. Eine Treppe führt hinunter zum Notausgang, immer gut zu wissen, wohin man flüchten kann, aber dort unten tut sich dann noch etwas auf. Im Gewölbekeller verbirgt sich ein gemütliches Wohnzimmer, angenehm kühl und sehr stimmungsvoll. Hier mag ich bleiben!

Valletta ist die kleinste Hauptstadt in der EU. Die allerkleinste. 80 Hektar, das ist grad drei mal so groß wie der Cannstatter Wasen in Stuttgart oder weniger als ein Viertel meiner Hamburger Heimat Wellingsbüttel. Haste nicht gesehen, stehste schon im Nachbarort Floriana. Aber trotzdem bringen sie das Kunststück fertig, hier 25 Kirchen, diverse Regierungsgebäude, eine Touristenmeile, Museen und ganz normale Wohnviertel unterzubringen. Gut, gibt auch nur 6000 Einwohner 🙂

Trotzdem wirkt die maltesische Hauptstadt erstaunlich großzügig und in drei Tagen wird einem garantiert nicht langweilig. Piraten oder so können mir bei meinen Erkundungen nicht in die Quere kommen, umgeben von diversen Bastionen gilt Valletta als eine der am besten gesicherten Städte der Welt. Und oben drauf ist sie auch noch Weltkulturerbe.

Valletta war außerdem 2018 Europäische Kulturhauptstadt und was das mit Orten Gutes machen kann, habe ich in Hermannstadt erlebt. Viel wurde restauriert, aber nicht alles, und dieser Mix ist einfach spannend. Valletta ist natürlich eine Gründung der Kreuzritter. Nach der großen Belagerung war Birgu nicht mehr standesgemäß und Großmeister Jean de la Vallette gründete 1566 flugs am Ufer gegenüber diese gigantische Ritterburg. Valletta litt heftig unter dem Bombenterror der Deutschen, aber der Wiederaufbau ist sehr gut gelungen. Neues wie das maltesische Parlament passt sich genauso ein wie die restaurierten Paläste der Ritter oder das Fort St Elmo an der nördlichen Spitze der Mini-Stadt.

Ein absolutes Muss ist die St John’s Co-Cathedral, trotz heftiger 15 Euro Eintritt. „Co“, weil der Erzbischof von Malta seinen Sitz gleich noch in einer zweiten Kathedrale in Mdina hat. Bei dieser Pracht könnte ich mich auch nicht entscheiden. Von außen schlicht und vermeintlich unspektakulär eröffnet sich innen eine barocke Pracht, für die man mehrere Stunden mitbringen sollte.

In den landsmannschaftlichen Kapellen der Ritter lassen sich so viele Details entdecken, den Boden des Kirchenschiffs zieren Geschichten erzählende Grabplatten, an den Wänden und der Decke ist kein Quadratzentimeter undekoriert und ein besonderer Genuss ist das riesige Gemälde „Die Enthauptung Johannes des Täufers“ von Caravaggio. Dieses Spiel mit Licht und Schatten ist so eindrucksvoll, perfekt inszeniert in einem Seitenschiff der Kirche. Nicht verpassen sollte man den kurzen Film über Caravaggios Leben, der hinter einem Durchgang gleich rechts vom Eingang des Ausstellungsraumes gezeigt wird. Und auf gar keinen Fall sollte man sich von den Stufen hinauf auf die Galerie schrecken lassen. Der Blick auf den Altarraum und die Möglichkeit, der prächtigen Deckenbemalung ein klein wenig näher sein zu können, lohnt jeden steilen Aufstieg.

Ein Besuch in der Sacra Infermeria, die heute das Mediterranean Conference Center beherbergt, ist ein weiterer Höhepunkt. Das Krankenhaus der Ritter aus dem Jahr 1575 war im 16. Jahrhundert ein internationales Vorbild für moderne medizinische Versorgung. Mit seiner riesigen Halle, dem spektakulären Kellergewölbe und den Seitengängen ist das Gebäude eigentlich schon Attraktion genug. Dazu kommt die Ausstellung „The Knights Hospitallers“ im Keller, die toll gemacht ist und einen anschaulichen Überblick über die Geschichte der Ritter gibt.

Plötzlich sind da Ritter….
wo vorher keine waren

Aber dann setzen sie noch mal eins drauf mit „Augmented Reality“. Per Bildschirm entweder des eigenen Handys oder eines Pads zum Ausleihen kann man sich die Ritter in die Räume beamen. Eine sehr nette Spielerei, sehr anschaulich wird einem klar, wie hier gearbeitet, gelebt, gebetet und geheilt wurde.

 

Und meine letzte Empfehlung ist ein Besuch des Casa Rocca Piccola in der Republic Street. Die Familie de Piro lebt seit Generationen in diesem Haus, hat aber einen Großteil der Räume für Besucher geöffnet. Auf einer freundlichen Führung kriegt man einen intimen Einblick in das Leben der adligen Familie damals und heute. In den üppig dekorierten Räumen kommt man sich fast wie ein Voyeur vor, Familienbilder, persönliche Gegenstände, aber das ist gewollt. Mit großem Stolz präsentieren sie die Einladung der Großeltern zur Krönung der Queen und es stellt sich heraus, dass der freundliche ältere Herr im Innenhof Marquis Nicholas de Piro, selbstverständlich auch ein Malteser Ritter, ist.

Nicht geschafft habe ich es in die Ausstellung des Nationalmuseums MUŻA. Aber kleiner Tipp: das wunderbare Restaurant ist eine Oase, schöne Atmosphäre, anständige Preise, gutes WLAN und kaum Besucher. 

Valletta verkraftet den Ansturm der vielen Tagestouristen souverän. Nicht nur die Fähren aus den Three Cities karren halbstündlich Besucherinnen und Besucher herbei. Auch aus dem auf der anderen Seite der Landzunge liegenden Ferienort Sliema strömt es vor allem am späten Nachmittag und stetig spucken große Kreuzfahrtschiffe Gruppen in die Stadt. Die Stimmung in der Fußgängerzone ist trotzdem heiter und entspannt. Die Partyszene kommt nördlich von Valletta auf ihre Kosten, wer hierher fährt, möchte sich einen schönen Abend in mediterranem Flair machen. Zudem gilt Malta noch als eines der schwulenfreundlichsten Länder und ältere gutgelaunte Männergruppen tragen zur gelassenen Atmosphäre bei. Die Freiluftrestaurants lassen Corona vergessen, gutes Essen wird in großen Portionen aufgetischt, der sommerliche Abend beginnt am späten Nachmittag mit einem anständigen Aperitivo und Musik klingt aus allen Richtungen.

Alles in allem: Valletta sollte man unbedingt mehr Zeit als einen kurzen Tagesausflug geben. So viel gibt es zu entdecken, zu essen, zu genießen. Nicht nur die klassischen Touristenattraktionen. Ein paar Schritte neben den Hauptstraßen findet das typisch maltesische Leben statt. Am letzten Abend bummele ich auf der Befestigungsmauer hoch über dem Meer. Unter mir ein Sandplatz, flutlichtbeschienen. Männer werfen mit Kugeln und Zylindern auf einen winzigen Ball. Bocci, ähnlich wie Petanque oder Boccia, wird hier sehr ernst genommen. Fasziniert verfolge ich das Spiel von meinem Logenplatz und leide mit den Grünen, die sich den Roten geschlagen geben müssen. Ist ja fast wie daheim 🙂

Und dann endet alles wie es begonnen hat. In Frankfurt haben alle, aber wirklich alle Züge mindestens 60 Minuten Verspätung. Und ich lerne eine Menge anderer Gründe der Deutschen Bahn kennen. Streckensperrung, technisches Problem eines vorausfahrenden Zuges, verspätete Bereitstellung. Da ich ja eh mindestens eine Stunde auf den Zug nach Stuttgart warten muss, warum kein gepflegtes Bier im Airport Hilton. Ich betrete die noble Eingangshalle, schreite mit meinem verbeulten Koffer zur coolen Bar und stehe in der Schlange. Drei Leute vor mir warten darauf, zu ihrem Platz geführt zu werden, um fünf Euro für ein Bier zahlen zu dürfen. Aber keiner kommt, um uns einen dieser Plätze zuzuweisen. Nach zehn Minuten breche ich das Experiment ab und finde einen fröhlichen City Rewe im Flughafen. Die sind gewappnet, haben sogar einen Flaschenöffner an der Kasse. Den werde ich dann zwei mal brauchen. Aus 60 werden 80 und am Ende 91 Minuten Verspätung. Echt gut, dass ich noch Malta-entspannt bin….

Irgendwann um Mitternacht endet dann diese äußerst überraschende Reise. Was für ein tolles Land. Von dem ich einfach noch nicht genügend gesehen habe. To be continued……

Von Rittern und Helden

So idyllisch die Inseln im tiefblauen Mittelmeer weitab von allem Unbill wirken, so kriegerisch ist doch ihre Vergangenheit. Ihre strategische Lage wurde ihnen mehrfach zum Verhängnis.

Da waren zunächst die Ritter des Johanniterordens, auf deren Spuren man heute noch in jedem Winkel von Malta und Gozo stößt. 1048 in Jerusalem gegründet, um kranke Pilger zu versorgen, gehörte schnell auch die militärische Sicherung zu ihrem Repertoire und so schlitterten sie von einem Kampf in den nächsten. Erst Jerusalem, dann Akko und 1291 die endgültige Vertreibung aus dem Heiligen Land. Dann ging es nach Zypern, 20 Jahre später nach Rhodos – immerhin für 200 Jahre – und 1530 schließlich nach Malta.

Hier befestigte der Orden so ziemlich alles, was man zur Verteidigung der Inseln brauchte und noch heute kann man sich zum Beispiel im Fort St Angelo in Birgu, der Zitadelle von Victoria oder den Gassen von Mdina wie ein alter Kreuzritter fühlen.

 

Auf den Sieg der Ritter über die Ottomanen in der großen Belagerung, der „Great Siege“ von 1565, ist man immer noch stolz. 40.000 Türken wurden nach viermonatiger Belagerung von knapp 18.000 Rittern in die Flucht geschlagen und wagten es danach nicht mehr, die Inseln nochmals anzugreifen. Belagerungen, Seeschlachten, das ganze Programm überstand der Orden für lange Zeit, aber dann kam Napoleon und 1798 war Schluss mit dem Ordensleben auf Malta. Der „Souveräne Malteserorden“ zog ab nach Rom und bildet bis heute ein Konstrukt, das ich bisher nur aus der Völkerrechtsvorlesung kannte: ein nichtstaatliches Völkerrechtssubjekt, eine Art eigener Staat, allerdings ohne Staatsgebiet. Trotzdem mit allem, was man sonst so braucht, Regierung, Botschafter, eigenes Autokennzeichen, eigene Pässe.

Wer sich auf die Spuren der Ritter auf Malta machen möchte, der sollte im Fort St. Angelo in Birgu anfangen. Hier war 1530 der erste Sitz des Großmeisters, hier gibt einem das Museum einen ersten Überblick. Tief eintauchen in die Geschichte der Ritter kann man dann im Gewölbe der Sacra Infermeria in Valletta und alles über die humanitäre Seite des Ordens erfahren. Und dann ab nach Victoria auf Gozo und rein in die von den Rittern befestigte Zitadelle.

Wer jetzt noch nicht rittersatt ist, für den hab ich da was. Ich suchte eine passende Urlaubslektüre über den Orden, so ein bisschen was zwischen Umberto Eco und Dan Brown schwebte mir vor. Ich stieß auf ein ganz aktuelles Buch, das den Machtkampf im Malteserorden 2017 beschreibt. Mit allergrößtem Vergnügen las ich das hervorragend recherchierte Sachbuch „Gefallene Ritter“ von Constantin Magnis – oder ist es doch eher eine Satire? Oder gar ein Krimi? Jedenfalls sehr empfehlenswert für einige vergnügliche Stunden und tiefe Einblicke in den Malteserorden, das englische Landleben, römische und vatikanische Skurrilitäten.

Ganz und gar nicht vergnüglich ist das, was die Deutschen im Zweiten Weltkrieg auf Malta und Gozo angerichtet haben. Das kleine Georgskreuz im oberen linken Eck der Flagge Maltas zeugt heute noch davon. Es wurde der Bevölkerung Maltas wegen ihrer außerordentlichen Tapferkeit im Zweiten Weltkrieg vom britischen König Georg VI. verliehen.

Wieder wurde Malta die strategische Lage im Mittelmeer und als Tor nach Afrika zum Verhängnis. Damals noch Kronkolonie und entsprechend britischer Marinestützpunkt gerieten die Inseln ins Visier der Achsenmächte Deutschland und Italien. Die ersten Luftangriffe der Italiener Mitte 1940 waren wenig erfolgreich, richtig schlimm wurde es, als die Deutschen den Luftkrieg Ende 1941 begannen. Malta wurde zum meistbombardierten Land der Welt. 3000 Bombenangriffe, 14.000 Tonnen Bomben, 35.000 zerstörte Häuser, hunderte Tote. Auf einer Fläche so groß wie München, das muss man sich dabei vor Augen führen.

Valletta 1942

Die Malteser retteten sich in Stollen, Keller und unterirdische Wasserspeicher, viele richteten sich wohnlich in den Katakomben ein, denn oft machte es gar keinen Sinn, den Bunker bis zum nächsten Angriff zu verlassen. Währenddessen wurden die Städte von den Deutschen in Schutt und Asche gelegt. In jeder maltesischen Stadt kann man heute noch Weltkriegsbunker besichtigen. In der riesigen Anlage in Birgu, die Teil des Malta-at-War-Museums ist, laufe ich durch die unterirdischen Gänge mit vielen privaten kleinen Höhlen, in denen ganze Familien wohnen mussten. In den Katakomben von Rabat fand die Bevölkerung Unterschlupf in alten Grabanlagen, vor der großen Kirche in Mosta kann man den Bunker besichtigen und auch die Führung durch das reizende Casa Rocca Piccola in Valletta endet im Familienbunker. 

Die schönen alten Städte, ein riesiges Ruinenfeld. Eine tapfere, aber traumatisierte Bevölkerung. Malta begann rasch mit dem Wiederaufbau und er ist gelungen. Die Briten stellten 30 Millionen Pfund hierfür zur Verfügung. Über eine deutsche Wiedergutmachung konnte ich nichts finden. Unfassbar, wo Deutschland überall seine zerstörerischen Spuren hinterlassen hat. 

Wundervolles Gozo

Die Republik Malta besteht aus insgesamt drei bewohnten Inseln, wobei es auf Comino, der kleinsten, gerade mal drei dauerhafte Einwohner sein sollen. Auf Gozo nördlich von Malta ticken die Uhren anders, lese ich, es sei ländlich, wenig Verkehr und sehr geruhsam. Also hin da!

Mit dem Bus zur Anlegestelle in Cirkewwa dauert es eine Dreiviertelstunde, die Fähre wartet schon und nach einer knappen halben Stunde komme ich in Mgarr, dem Hafen von Gozo, an. Auch dort wartet schon der Bus, klappt ja alles wie geschmiert. Aber dann kommen mir kurz Zweifel am ländlichen Idyll. Der Bus steht im Stau, schleichend geht es voran, kurz vor der Hauptstadt Victoria kriecht er nur noch, Autos über Autos. Auch durch Victoria selber quält sich der Verkehr. Ich steige erst mal aus und genehmige mir eine Steak and Ale-Pie. Was das wohl wird?

Das Paradies, ich nehme es schon mal vorweg. Ich habe mir ein kleines Häuschen gemietet, mitten in der Altstadt von Gharb im Norden von Gozo. Quaint and quirky little farmhouse – uriges und schrulliges kleines Farmhaus – ist es beschrieben, und für die nächsten sechs Tage wird es meine kleine Oase. Hanne, die deutsche Vermieterin, treffe ich an der Kirche von Gharb, sie führt mich in eine kleine Gasse, zweimal um die Ecke und da, ganz am Ende, ein türkisfarbenes Holztor. Wir treten in einen kleinen schattigen Hof, unter einer üppigen Bougainvillea ein türkisfarbener Tisch mit Stühlen. Links geht es hinein ins Haus, Küche und Wohnzimmer, rechts führt eine Treppe nach oben, zwei Schlafzimmer und ein Bad. Alles wirkt so, als seien die Bewohner gerade nur mal zum einkaufen gefahren und so ist es auch fast: die Besitzerin wohnte bis vor kurzem noch hier, lebt jetzt aber wieder in Deutschland. Nichts wirkt neu und steril, das Bad ist in die Jahre gekommen, Vintage kann man eigentlich zu allem sagen, aber gerade dieses unperfekte macht es für mich perfekt! 

Die nächsten Tage vergehen nach dem gleichen Muster: früh aufwachen, ein Kaffee auf dem oberen Balkon, Frühstück im Innenhof, lesen und schreiben, bis die Sonne den Schatten verdrängt und dann mal los. Ich wandere gen Norden, gen Westen und Osten. Die kleinen Straßen sind so gut wie leer, die terrassenförmig angelegten Felder karg und trocken, der Sandstein formt wellenartige Skulpturen, überbordende Kakteen voller Kaktusfeigen und sattgrüne Kapernsträucher bilden die einzigen Farbtupfer in der steinigen Landschaft. Aber auch das ist perfekt.

Und dann die Küste. Riesige Klippen und tiefblaues Wasser. An einigen Stellen begegnet man den motorisierten Touristen, kleine Mietwagen, Motorräder und diese unsäglichen Quads, auf denen sich die Mitglieder der Spaßgesellschaft stark und cool fühlen, obwohl sie einfach nur so aussehen, als würden sie mit einem Rasenmäher durch die Landschaft pflügen. Was ihnen in jedem Fall entgeht, sind die kleinen Wanderwege rechts und links der Touri-Spots. Ganz schnell ist man wieder allein mit der grandiosen Natur, dem wilden Meer und den gigantischen Aussichten.

Das Laufen ist nicht ganz ohne, Schatten gibt es kaum, es geht über Stock und über viel Stein, den Weg kann man nicht immer erkennen. Überall stehen die kleinen Verschläge der Vogeljäger – und häufig lugt eine Flinte heraus. Die vielen Patronenhülsen auf dem Boden zeigen mir, dass sie es Ernst meinen, aber zum Glück ist meine Ähnlichkeit mit einer Turteltaube nicht so ausgeprägt.

Der Beitritt Maltas zur EU hätte ein Segen für Zug- und einheimische Vögel sein können. Die bis dahin erlaubte Jagd wurde offiziell illegal, aber die Lust am Vogelmord hält sich leider hartnäckig. Durch Ausnahmegenehmigungen unter Hinweis auf die Tradition macht sich der Staat mitschuldig. Meine Wirtin in Mosta hatte sehr schmerzhaft das Gesicht verzogen, als ich sie nach der vielen Munition auf dem Boden fragte. „It’s horrible“, klagte sie. Es habe sogar schon eine Volksabstimmung dazu gegeben, die sehr knapp verloren wurde. Ein Schatten über dem Paradies.

An diesen wildromantischen Küsten, dem tiefblauen Meer, den freundlich grüßenden Bauern kann man sich gar nicht vorstellen, dass die Menschen hier nicht im Einklang mit der Natur leben wollen. Gozos Landschaft gerade hier im Norden ist so schön, mein Dorf Gharb so perfekt idyllisch, mein kleines Häuschen wird jetzt regelmäßig auch noch von einer schmusigen Katze besucht, die morgens von der Mauer des Nachbarhauses zu mir hinunterspringt – besser geht es eigentlich nicht. Dann noch diese unfassbar leckeren Ravioli mit Kaninchenfüllung in Salbeibutter im Il-Kunvent, die nur durch gelegentliches Läuten der Dorfkirche unterbrochene absolute Stille nachts – hier könnte ich sehr lange bleiben. Ich kürze meine Valletta-Pläne und verlängere wenigstens für eine weitere Nacht. Meine Vermieterin Hanne setzt noch einen obendrauf – wir düsen in ihrem Cabriolet über die Insel, essen Spaghetti mit Meeresfrüchten am Hafen, laufen entlang der Südküste. Sie will nie mehr weg hier, lebt jetzt seit vier Jahren in Gozo – und macht mich wirklich nachdenklich, ob das nicht eine Überlegung wert wäre.

Gharb ist ein wundersamer Ort, nicht nur wunderschön, sondern auch Heimat von Wundern. Die Wallfahrtskirche Ta Pinu, gegenüber von Gharb, zeugt davon. Riesig, wie so viele Kirchen in Malta und Gozo. Auf dem Weg dorthin laufe ich an einem kleinen Museum vorbei, dem Wohnhaus von Karmni Grima. Ich vermute ein klassisches Heimatmuseum, aber Karmni ist der Grund für die 1932 geweihte Basilika. 1882 vernahm sie die Stimme der Mutter Gottes aus der Kapelle, die damals dort stand. Ihr Wohnhaus zeigt nicht nur ein typisches gozitanisches Farmhaus, sondern macht auch die besondere Verehrung, die Karmni bis heute auf der ganzen Insel erfährt, deutlich. 95% der Malteser sind katholisch, die Religion ist ein ganz essentieller Bestandteil des Alltagslebens und die große Zuneigung, mit der die freundliche Museumsbetreuerin von Karmni spricht, ist schon sehr berührend.
Die Basilika selber ist vor allem groß. In einem Nebenraum findet sich eine Sammlung von Danksagungen an den Wänden, Menschen haben Gipsbeine, Motorradhelme, Kinderkleidung geschickt und über die damit verbundenen Wohltaten berichtet –  das Bein heilte, der Kopf blieb beim Motorradunfall ganz, das Kind wuchs zum gesunden Jugendlichen heran.

Und zu Herzen geht mir auch, wie sehr die Dorfbewohner ihren früheren Nachbarn Frenc verehren. Eine Statue am Dorfplatz und ein winziges Museum an der Hauptstraße erinnern an den Mann mit dem lieben Grinsen. Der einfache Bauer , der Ende der 1960er Jahre starb, kurierte seine Mitbürger mit selbstgemachten Salben und geistigem Beistand. Gutes Karma in Gharb!

Vor einem Besuch in Victoria, der autoumbrausten Hauptstadt, schrecke ich noch etwas zurück. Aber nach sechs Tagen Landleben bin ich bereit, mal wieder etwas Trubel zu ertragen. Und miete mich in der Altstadt ein, in einem ganz reizenden kleinen Bed and Breakfast. Hier kommen die Autos nicht hin und ich bin in fünf Minuten an der riesigen Zitadelle, die über der Stadt thront. Wie schön, dass ich die Zeit habe, die Gassen und Mauern der Zitadelle bei Tag und auch nach Sonnenuntergang zu erkunden. Wieder so ein absolutes Gesamtkunstwerk, stimmungsvoll, mit Blicken über die ganze Insel bis hin nach Malta.

Einen Besuch wert ist die Kathedrale Mariä Himmelfahrt in der Zitadelle. Auf den maltesischen Inseln kommt man um den Katholizismus nicht drumrum, die Menschen sind sehr gläubig und die täglichen Andachten gut besucht. Die reich verzierten Kirchen sind ein schöner Ort der Einkehr, kühl und still im mediterranen Touristengewusel und die Verehrung, die die Menschen ihrer Religion entgegen bringen, ist hier besonders spürbar. Was ich allerdings nie so richtig verstehen werde, ist die Lust am Morbiden, die gerade katholische Kirchen zelebrieren. Aus der Ferne scheinbar eine ruhende Heilige, wird es bei näherem Hinsehen immer gruseliger: die Dame zeigt ihr knöchernes Innenleben.

Zur Stärkung kann man dann direkt in der Zitadelle bei Ta’Rikardu einkehren und den leckeren selbstgemachte Ziegenkäse genießen. Man darf sich nicht abschrecken lassen vom Dauerstau auf Victorias Hauptstraße, ein paar Schritte weiter, und man ist wieder mittendrin im entspannten gozitanischen Leben. 

Und dann ist sie vorbei, meine schöne Woche auf Gozo. Für den Rückweg wähle ich den neuen Katamaran „Gozo Fast Ferry“, der mich in einer dreiviertel Stunde direkt nach Valletta trägt. Als wir in den Grand Harbour einfahren, weicht der Abschiedsschmerz der Vorfreude. Valletta, ich komme!

Maltesische Erkundungen

Corona hin oder her – leer ist es nicht auf Malta. Hier herrscht die mit Abstand höchste Bevölkerungsdichte in der europäischen Union, zumindest bezogen auf ein ganzes Land. Wenn man aber bedenkt, dass Malta gerade mal so groß wie München ist und sich in der bayrischen Hauptstadt fast 4.800 und hier nur knapp 1.600 Menschen pro Quadratkilometer drängen, müsste es eigentlich ganz ok sein. Doch die Touristen sind zurück und das macht sich für mich vor allem dadurch bemerkbar, dass viele Hotels ausgebucht sind. Auf der Suche nach einer schönen Unterkunft in einem zentral gelegenen Ort finde ich die Stadt Mosta und das kleine Juwel „Julina Boutique Living“. Gerade mal 10 Kilometer von Cospicua entfernt steige ich an der riesigen Kirche von Mosta aus und laufe in Richtung Hotel. Ein älterer Herr steht davor, identifiziert mich treffsicher und ruft mir entgegen „Welcome to your home“. Er öffnet mir die Tür und ich bin absolut entzückt. Was für ein schönes Haus, was für eine edle Einrichtung, die trotzdem zum Wohlfühlen einlädt. Er dirigiert mich zu einem großen Ohrensessel und bringt mir erst mal einen Kaffee. Kurz darauf kommt die Besitzerin, plauscht mit mir, bis der Kaffee getrunken ist und zeigt mir dann mein Königinnenreich. Was für ein Zimmer! Schwarz, Gold und Türkis, ein riesiges Bett, zwei samtene Sessel. Ein ganz und gar royales Refugium, in dem die Besitzer alles tun, damit sich die Gäste wohlfühlen. Das Paradies ist zudem wirklich erschwinglich und wer sich nicht daran stört, dass die Zimmer – typisch für die Hitze Maltas – recht dunkel, dafür aber voller Atmosphäre sind, kann sich hier wie im Gästehaus der Queen fühlen.

Mostas riesige Kirche, die Rotunde, ist die Attraktion der Stadt. 1860 fertiggestellt besitzt sie die viertgrößte Kirchenkuppel der Welt. Und die ist stabil gebaut, bei einem Luftangriff der Deutschen im Zweiten Weltkrieg krachte eine Bombe in die gut gefüllte Kirche. Mehr als ein kleines Loch in der Kuppel gab es nicht, die Bombe fiel einfach in den Kirchenraum ohne zu explodieren und keiner der Anwesenden wurde ernsthaft verletzt. Dass viele hier an ein Wunder glauben, kann ich gut verstehen.

Für meinen kleinen Palast kaufe ich mir eine gute Flasche Rotwein und eine Octopus-Pastete und versinke lesend in einem meiner Sessel. Auch wunderbar!

Mosta liegt ziemlich in der Mitte von Malta, die Rotunde ist die einzige echte Sehenswürdigkeit in der Stadt, also ein idealer Ort für Ausflüge in die Umgebung. Der erste läuft erstmal etwas anders als geplant, falsche Richtung merke ich, als ich schon im Bus sitze. In Malta aber gar kein Problem, man ist ja nie weit weg von irgendwas und die Bustickets gelten pauschal zwei Stunden – egal in welche Richtung man fährt. Also bleibe ich sitzen und schaue mal, wo der Bus mich hinträgt. Und im Nachhinein bin ich ganz froh, dass ich gelandet bin wo ich landete – in Bugibba, im Zentrum des günstigen Pauschaltourismus. Viel zu kleine Strände für viel zu viele Leute, eine Promenade mit großen Bars und Restaurants, eine vielbefahrene Straße, hinter der sich die Hotels drängen. Touristen mit All-Inclusive-Armbändern, die bereits zur Mittagszeit eine leichte Alkoholfahne hinter sich herziehen. Auch das ist Malta und es scheint ja eine Menge Leute zu geben, die ihren Urlaub gerne so verbringen. Ich will es aber nicht werten, für mich ist das einfach nichts.

Also wieder rein in den Bus und diesmal in die andere Richtung. Und tatsächlich komme ich irgendwann in Mdina an, wo ich eigentlich hinwollte. Die alte Hauptstadt Maltas bis Mitte des 16. Jahrhunderts, 3000 Jahre alt, komplett erhalten – doch ich muss schon wieder motzen – mit kaum noch Atmosphäre und zu vielen Touri-Gruppen. So ein ganz klein wenig fühle ich mich zuerst an Xiva in Usbekistan erinnert, die komplett erhaltene Wüstenstadt, auch dort viele Touristen, aber trotzdem ganz viel Atmosphäre. Warum das in Mdina nicht funktioniert, weiß ich nicht. Vielleicht, weil die Einwohner geflüchtet sind oder sich zumindest zu verstecken scheinen. Das Schild, man möge die Bewohner respektieren, spricht sehr dafür.

Der nächste Ausflug geht nach Rabat, die direkte Nachbarstadt von Mdina, aber für einen Besuch hatte es am ersten Tag nicht mehr gereicht. Eine der großen Attraktionen von Rabat sind die St. Paul’s Catacombs, eine riesige, fast 1700 Jahre alte unterirdische Begräbnisanlage. Runter und hoch geht es in die verwinkelten Gänge, kleine Höhlen und Nischen mit Sarkophagen. Ich entferne mich etwas von einer lärmenden Gruppe und tauche in die hinterste Ecke ab. Plötzlich geht das Licht aus, es ist zappenduster und das bleibt es auch für ein paar Sekunden. Uff, als der Strom wieder da ist, bin ich durchaus erleichtert und froh über die lebenden Touristen um mich rum. Kondition braucht man für die Katakomben, viele sind nur über separate Treppen vom Erdboden aus zu erreichen. Nach Nr. 20 merke ich es dann doch langsam in den Beinen. Aber trotzdem ein toller Ausflug.

Mein kleiner Palast in Mosta hat den weiteren Vorteil, dass fast direkt gegenüber ein wunderbares kleines maltesisches Restaurant liegt: Bukkun. Kaninchen isst man auf Malta und ich dann natürlich auch, erst als Ragout zu Spaghetti, am nächsten Tag geschmort mit Kartoffeln und Gemüse. Die Würze liegt irgendwo zwischen Italien und Nordafrika, ich schmecke Zimt und Wacholder und vielleicht auch Piment. Schon ab Tag 2 scheine ich dort als Stammgast zu gelten, ungefragt stellt mir die nette Kellnerin Bigilla, eine Bohnenpaste mit Crackern, auf den Tisch und schenkt später noch Limoncello aus. Und ganz zum Schluss verrät sie mir das Geheimnis ihres Hasen: Majoran.

Durch Mosta führen die Victoria Lines, eine alte Befestigungsanlage, zunächst angelegt von den Rittern, später dann ausgebaut von den Engländern. Einmal quer durch die Insel verläuft die Mauer und man fragt sich schon, vor was sich die Engländer hier eigentlich schützen wollten. Vor den Nordmaltesern? Wirklich zum Einsatz kam der Wall auch nicht, denn schnell merkten die klugen Briten, dass es doch viel sinnvoller ist, den Feind bereits am Wasser abzuwehren. Man soll hier wandern können und die Victoria Lines wollen sogar UNESCO-Weltkulturerbe werden, also sind meine Erwartungen hoch. Wo ich denn hinmüsse, frage ich meinen Herbergsvater. Across the street from liddel, sagt er mir, ich schaue ihn etwas verständnislos an, er zeigt es mir auf Google Maps. Ach so, Lidl meint er! Die Wanderung selbst führt schnell durch Gestrüpp, über Felder und ins Nichts. Ich setze mich auf einen Stein und beschließe, die Expedition zu beenden. Hinter mir raschelt es, im Baum entdecke ich doch tatsächlich ein kleines Chamäleon. Nicht bunt wie seine tropischen Genossen, aber sehr hübsch. Trotzdem, marketingmäßig würde ich noch mal drüber gehen, bevor sie das mit dem Weltkulturerbe realisieren…

Nicht ganz scharf, aber der musste hier rein!

Eine richtige Wanderung muss her. Also auf an die Küste. Im Nordwesten liegt der Il-Majjistral-Nationalpark. Es ist Sonntag, strahlender Sonnenschein, und alle, die mit mir aus dem Bus steigen, streben Richtung Golden Bay Sandstrand. Ich aber biege nach rechts ab und finde nach etwa 500 Metern den Eingang zum Park, den ich ganz für mich alleine habe. Vielleicht, weil niemand sonst auf die Idee kommt, in der glühenden Sonne durch die schattenlose Landschaft zu traben. Es ist anstrengend in der Hitze, die Wege staubig und uneben, aber man wird mit sensationellen Ausblicken belohnt. Die Küste, das Wasser in karibischen Blautönen und später dann der Blick hinüber nach Gozo – so schön, so unerwartet einsam, dafür lohnt sich der Schweiß. Ganz zum Schluss laufe ich noch einen kleinen Abstecher zur „Popeye Village“, die vor Jahren extra für den Film mit Robin Williams erbaut wurde. Heute ist sie ein kleiner Freizeitpark, den man für viel Geld auch betreten kann, aber mir reicht der Blick von oben. Noch etwa einen Kilometer bis zum nächsten Ort, ich nehme den Bus zurück, 12 Kilometer in der heißen Sonne, mir reicht’s für heute.

Es war eine gute Idee, Mosta zu meinem Basislager zu machen. Es wäre noch für einige Ausflüge mehr gut gewesen. Aber jetzt ist Zeit, die Insel zu wechseln!

Malta!

Es fängt spannend an. Ich hätte auch eine Zubringerflug nach Frankfurt nehmen können, aber man ist ja klimabewusst und mit der Bahn dauert es nur etwas mehr als eine Stunde. Normalerweise, aber was ist schon normal bei der Bahn.

In Stuttgart hat der Zug bereits 15 Minuten Verspätung. Tiere im Gleis, ah ja. Aber das hab ich eingeplant, auf die Pünktlichkeit der Deutschen Bahn verlasse ich mich schon seit Jahren und meistens zu Recht nicht mehr. Hauptsache, ich sitze irgendwann drin. Die Türen schließen, dann die Durchsage: Der Lokführer hat ein Problem mit den Bremsen entdeckt, er muss eine Bremsprobe machen. Im Stehen, hüstel? Braucht fünf Minuten, kein Problem, bin immer noch gut in der Zeit. Dauert dann zwar 10 Minuten, aber scheint erfolgreich zu sein. Wir kriechen aus dem Bahnhof. Und zwar genau bis zum Nordbahnhof. Dann stehen wir wieder. Person im Tunnel. Jetzt werde ich langsam nervös. Mein Puffer ist anderthalb Stunden lang, davon hat die Bahn ein Drittel aufgebraucht. Nach weiteren 10 Minuten trifft die Bundespolizei ein. Sie suchen die Person im Gleis. Seien nur wenige Kilometer, die sie absuchen müssen, berichtet der Schaffner. Aber dem scheint’s langsam auch peinlich zu sein. 

10 Minuten später meldet sich der Lokführer. Die Person sei immer noch im Tunnel, selbstmordgefährdet. Das Schlimme ist, dass man der Bahn ja mittlerweile zutraut, dass das nur eine vorgeschobene Geschichte ist. Erst vor ein paar Wochen erlebten wir mal wieder, wie genau es die Bahn mit der Wahrheit nimmt. Am frühen Morgen fielen Steinquader aus der Fassade des Stuttgarter Bahnhofs. Keine Steinchen, sondern große Brocken. Auf einer Länge von drei Metern, aus dem obersten Stock. Blubb, einfach so. Wäre es Tag und der Bahnhofsvorplatz wie üblich voller Menschen gewesen, es hätte Tote geben können. Die Bahn gibt bekannt, sie seien nicht Schuld gewesen, in den Büros hinter dem neu entstandenen Loch hätten sie nix gebaut. Drei Tage und mehrere Expertisen später fällt ihnen ein, dass sie da doch gebaut haben. Und einen Tag später geben sie kleinlaut zu, dass sie eine tragende Wand entfernt haben. Das bestgeplante Bahnprojekt aller Zeiten, hatten sie verkündet. Möchte ja nicht wissen, was mit den mittelgut geplanten passiert…..

Und dann rollt er. Eine Stunde beträgt jetzt die Verspätung, zwei Drittel meines Puffers. Ohne besondere zusätzliche Gründe kommen noch mal 10 Minuten dazu und so wird’s dann nichts mit einem gemütlichen Kaffee am Flughafen und dem Aufsaugen lang nicht gehabter Reisestimmung. Aber egal, irgendwann sitze ich im Flugzeug und jetzt kann nichts mehr schiefgehen.

Warum eigentlich Malta? Ohne Corona wäre ich hier nicht gelandet. Nach zwei tollen Polenreisen war der Hunger nach etwas Exotik, nach ein wenig Abwechslung von mitteleuropäisch Bekanntem ganz spürbar vorhanden. Am liebsten natürlich ganz weit weg. Aber so weit ist es noch nicht. In Europa also entweder ganz in den Norden, Finnland stand recht weit oben in meiner Liste, oder in die Wärme. Und als ich dann las, dass Malta mit 90% Impfrate ein sympathischer Coronastreber ist, war die Entscheidung gefallen.

Nachdem Malta im Sommer erklärt hatte, dass sie Herdenimmunität erreicht haben, kam das Partyvolk und die Inzidenzen schnellten nach oben. Darauf wurde schnell reagiert: nur noch mit Impfung oder 14-tägiger Quarantäne lassen sie Touristen rein. Das hat das Paar mittleren Alters, die neben mir am Gesundheitscheck-Schalter stehen, wohl nicht gelesen. 1680 Euro für 14 Tage Quarantänehotel oder sofortige Rückreise, teilt ihnen der Grenzbeamte mit, und die beiden sind ganz furchtbar schockiert. Ich auch, wie kann man nur so naiv sein? 

Die Malteser nehmen es weiter noch sehr Ernst mit Corona, Maskenpflicht im Bus und in Läden und die Leute halten sich dran. Coronaleugner haben’s hier schwer und das macht mir die Inseln dann gleich noch sympathischer.

In einer knappen Stunde bin ich per Bus mit einem Umstieg in Cospicua, einer der „Three Cities“ gegenüber von Valletta. Mit dem Taxi wäre es eine Viertelstunde gewesen, aber das ist ja langweilig 🙂 Weit kann es nicht sein bis zu meiner Unterkunft, aber Google Maps ist etwas irritiert ob der vielen kleinen Strässchen. In den winzigen Gassen verirre ich mich prompt, irgendwann winkt mir jemand vom Dach eines der historischen Häuschen zu: Daniel, mein Vermieter. In den liebevoll restaurierten „Città Cospicua Suites“ gehört mir die oberste kleine Wohnung. Gar nicht so wichtig, dass sie blitzesauber und gut gekühlt ist, der ganz besondere Charme ist der kleine Balkon, von dem aus man das Leben in der Gasse beobachten kann. Autos passen hier zum Glück nicht durch, so ist Platz für Menschen. Die alte Dame gegenüber, die von einer Nachbarin jeden Morgen mit frischen Brötchen beliefert wird, die sie in einem kleinen Körbchen an einem Seil hinauf in ihre Wohnung zieht. Der Mann auf dem Nachbardach, der nach seinen Brieftauben schaut. Die Katzen, die durch die Gasse streifen. Und der Straßenkehrer, der nach ihnen sauber macht. So viel Atmosphäre in so historischem Ambiente. Und so richtig entdeckt hat der Tourismus das noch nicht.
  

Ich streife durch die kleinen Gassen, die Leute sitzen vor ihren Häusern und grüßen freundlich, hinter jeder Ecke wartet eine weitere Bilderbuchansicht. Ich steige hinunter zum Hafen, es ist mittlerweile dunkel, in der Bucht schaukeln kleine Boote und riesige Jachten, in der Ferne strahlt Valletta – das ist fast unwirklich schön. 

Die Three Cities bestehen aus „meinem“ Cospicua, Vittoriosa und Senglea. Und damit es nicht zu einfach wird, haben sie noch ältere Namen, Bormla, Birgu und Isla, die man sich merken sollte. Denn obwohl die Umbenennung im 16. Jahrhundert erfolgte, heißt vieles und vor allem die Busstationen immer noch so. 

Meinen ersten Abend verbringe ich mit einem Cisk, dem maltesischen Bier, auf einem Platz nahe meiner schönen Wohnung. Ein echter Nachbarschaftstreff! Um eine Art Kiosk herum sind Tische aufgestellt, jeder Vorbeikommende wird begrüßt und die Zahl der Flaschen auf manchen Tischen lässt vermuten, dass der eine oder die andere hier schon einen fröhlichen Tag verbracht hat. Die Stimmung ist entspannt und familiär, ein guter Einstieg.

Den Morgen beginne ich auf meinem Balkon, mit einem Kaffee schaue ich Cospicua beim Aufwachen zu. Die Sonne treibt mich von meinem Logenplatz dann runter auf die Straße. Hier braucht man keine Straßenkarten und keinen Reiseführer, einfach drauf los, die Bucht sorgt schon für Orientierung. Und die „Three Cities“ sind nicht größer als drei Dörfer, nach Vittoriosa laufe ich fünf Minuten und nach Senglea auf der anderen Seite der Bucht kaum länger. Ich steuere das große Fort an, das ich gestern Abend schon gesehen habe, und tauche in der Mittagshitze in die kühlen Räume ein. Perfekte Entscheidung, wie sich dann rausstellt. Das Fort St. Angelo ist das Zentrum maltesischer Geschichte, wer hier saß, beherrschte den „Grand Harbour“ und damit auch das Land. Die erste Festung wurde von den Phoeniziern in der Spätantike erbaut, dann kamen die Ritter des Johanniterordens, später die Engländer. Der großen Belagerung im Jahr 1565 hielt man hier Stand, wehrte die Osmanen ab und trotzte den Bombenangriffen der Deutschen. Die Festung beherbergt ein sehr empfehlenswertes Museum, das sehr anschaulich einen Überblick über die unglaubliche Geschichte Maltas gibt. Und zudem phantastische Blicke auf das tiefblaue Mittelmeer, den Großen Hafen und Valletta auf der gegenüberliegenden Seite der Bucht bietet. Sehr wenige Touristen und das ein oder andere schattige Plätzchen lassen mich hier einige Stunden verbringen und ich kann es für den Auftakt einer Malta-Reise wärmstens empfehlen.

Zwei weitere Museen sollte man in den Three Cities unbedingt besucht haben. Zunächst den Palast des Inquisitors, der 1574 auf die Insel geschickt wurde, um die etwas aus dem Ruder gelaufenen Ritter zu bändigen. Prachtvolle Gemächer, ein friedlicher Innenhof mit Granatapfelbäumen, düstere Zellen und kurze Videos, in denen Schauspieler das Schicksal der Opfer darstellen, lassen einen tief eintauchen in die Welt der Ritter, der einfachen Bürger und der römischen Kirchenmacht.

Und dann noch das Museum „Malta at War“ an der Stadtmauer von Vittoriosa. Wieder mal ist es mir fast peinlich, wie wenig ich immer noch darüber weiß, was Deutschland im Zweiten Weltkrieg alles angerichtet hat. Aber dazu später mehr.

Eine Reise nach Malta in den Three Cities zu beginnen, scheint mir eine sehr gute Entscheidung gewesen zu sein. Abseits der Touristenströme gibt es hier die wunderbare Gelegenheit, sofort in die maltesische Lebensweise einzutauchen, einen Überblick über die spannende Geschichte der Inseln und gigantische Aussichten auf die schönen Städte vor einer herrlichen Mittelmeerkulisse zu bekommen. Der große Charme der Three Cities sind ihre kleinen Gassen, die Sandsteinhäuser mit den geschlossenen Holzbalkons, die knallbunten Eingangstore mit metallenen Türklopfern. Hier ließen sich die Johanniterritter nieder, lange bevor Valletta gegründet wurde, und viele der Herbergen der Ritter sind noch heute erhalten.

Wer sich für einen solchen Einstieg entscheidet, dem kann ich die „Città Cospicua Suites“, eine „Cassata Anchovy“-Pastete im Café Birgi am Hafen, die Museen und viel Muße für einen Bummel durch die Gassen empfehlen. Und wenn ihr dann zufällig auf das „Ghost House“ in der Il-Kwartier 15 stoßt, rein da. Oder besser runter in die authentische Souterrain-Wohnung, die so wirkt, als seien die Bewohner nur grade kurz zum Einkaufen weg. Für 50 Cent Eintritt gibt’s zudem ein bisschen Gruselfeeling obendrauf. Und zum Entspannen dann die herrlichen Aussichtspunkte an den Safe Haven Gardens in Senglea, an der Birgu Waterfront oder der Vittoriosa Yacht Marina. 

 

Hier könnte man einen ganzen Urlaub verbringen, aber ich will auch noch anderen Städten eine Chance geben. Deswegen Tschüß schönes Cospicua und hallo freundliches Mosta!

Reisen mit Pieks

Ich bin geimpft. Wow! Es ist weniger die eigene Sicherheit, die mich in Euphorie versetzt, sondern die Gewissheit, dass ich für andere keine große Gefahr mehr darstelle. Und ein Signal, dass es jetzt wirklich bergauf geht.

Ich kann nicht sagen, dass ich in den letzten anderthalb Jahren gelitten habe. Eine Wohnung mit schönem Arbeitszimmer, die Möglichkeit zu Homeoffice, ein sicherer Job, keine zu beschulenden Kinder, ich weiß schon, dass ich da sehr privilegiert war. Aber dieses Gefühl der Freiheit, das mir vor allem das Reisen vermittelt, wurde schon arg strapaziert.

Seit Monaten hatte ich mir vorgenommen, dass mich meine erste Reise nach Hamburg führen wird. Wäre auch ungeimpft möglich gewesen, aber mich interessieren ja nicht nur die wunderbare Stadt, sondern vor allem die lieben Menschen in der Heimat. Zugfahren ist nachgerade günstig in Corona-Zeiten, ein erste Klasse -Ticket für unter 100 Euro, das ist ein Schnäppchen. Also auf in den schönen Norden. 

Das Programm ist straff: fünf Treffen gilt es in zweieinhalb Tagen zu absolvieren, aber ich bin ja so ausgehungert nach schönen Gesprächen und lieben Menschen. Noch am Ankunftsabend feiern wir Kathas Geburtstag. Und am nächsten Tag dann ab in die Stadt. Das Wetter unterstützt mich wo es nur kann: wir starten in Klein Borstel im Hamburger Grau, der Himmel reißt rasch auf, schon an den Alsterarkaden strahlt die Sonne und später an der Elbe wird es perfekt. Am Elbstrand bei Övelgönne scheint Corona dann wirklich nur noch eine gespenstische Erinnerung zu sein. Bei frühlingshaften Temperaturen sitzen die Leute im Sand, in der Elbperle ergattern wir den letzten freien Tisch und dann endlich das, wonach mir seit einem halben Jahr gelüstet: ein frisch gezapftes Bier! Ok, es ist ein Astra, immer noch ein Wunder, wie die einstige Billigplörre den Aufschwung zum Kultbier geschafft hat, aber der Name passt ganz wunderbar zur Pandemie-Überwindung. Geschmeckt hat es tatsächlich auch. Gute Gespräche, Sonne im Gesicht und zum Schluss zieht dann noch ein riesiges Containerschiff fast schon majestätisch an uns vorbei – perfekt!

Am nächsten Tag ein Spaziergang auf den Spuren meiner Jugend: ich laufe meinen alten Schulweg. Das Haus, in dem ich aufwuchs, wurde abgerissen nachdem wir 1985 dort ausgezogen sind, und der etwas protzige Neubau, der mittlerweile auch schon keiner mehr ist, quetscht sich wie ein Fremdkörper auf das für ihn zu kleine Grundstück. Aber wahrscheinlich bin ich die Einzige, der das auffällt.

Der Hamburger Norden ist einfach schön, gewachsene Wohngebiete mit traditionellen Häusern, die ein oder andere klassische Kaffeemühle findet sich noch und ich bedauere wirklich sehr, dass wir damals nicht zugeschlagen und unser Haus einfach gekauft haben. Na ja, mein Leben wäre anders verlaufen, wenn ich hier geblieben wäre und vielleicht würde ich die Schönheit gar nicht genießen, sondern das Gefühl haben, hier steckengeblieben zu sein. Wer weiß.

Jedenfalls legt meine Freundin Kati noch mal eins oben drauf: ein wunderbarer Spaziergang durch grüne Parks hin zu meinem alten Reitstall, der heute ein Umweltzentrum geworden ist. Ich erkenne die einst baufällige Scheune und das Herrenhaus nur mit Mühe, toll haben sie das gemacht. Kurz mal die Augen geschlossen und die Bilder von Klein-Julia in ihrer Trainingshose und den Gummistiefeln tauchen auf. Ich war nie eine begeisterte Reiterin und die Pferdemädels waren mir eigentlich suspekt.

Nach einem letzten Abend mit Coco steige ich am nächsten Tag in den Zug und kriege beim Blick von den Elbbrücken auf Hamburg feuchte Augen. Toll war’s!

So sehr ich Hamburg liebe – die Nähe zu Frankreich ist ein großes Plus des Südwestens. Und kaum verzichten die Franzosen für Geimpfte auf einen PCR-Test für die Einreise, sitze ich auch schon im TGV Richtung Straßburg. Ein sehr internationales Publikum an Bord, Amerikaner, Chinesen, Reisen scheint hier fast wieder normal. Der Zug überquert den Rhein, da ertönt Musik aus den Lautsprechern – ist es die Nationalhymne? – und der Schaffner heißt uns willkommen in Frankreich. Er freue sich so, dass wir da seien. Diese kleine Zeremonie kenne ich aus Prä-Covid-Zeiten nicht, ein Zeichen der Erleichterung, dass Europa wieder grenzenlos ist. 

Aber irgendjemand wird doch meinen Impfpass sehen wollen. Der Schaffner, eine Kontrolle auf dem Bahnhof, oder? Nein, nichts da. In Straßburg angekommen marschiere ich unbehelligt Richtung Stadt. Ans Masketragen halten sich allerdings alle und das ziemlich strikt, draußen wie drinnen, überall. Bei diesem herrlichen Frühsommerwetter nicht ganz angenehm, aber wat mutt, dat mutt. Vor dem wunderbaren Münster eine kleine Schlange, jetzt vielleicht der Impfausweis? Nein, Taschenkontrolle, den Terroranschlag auf den Weihnachtsmarkt 2018 hatte ich schon ganz verdrängt. Aber schwerbewaffnete Polizei an allen Ecken der Innenstadt erinnert mich dann den ganzen Tag daran. Das prächtige Münster wird durch einen riesigen Mond, der im Kirchenschiff zu schweben scheint, noch beeindruckender. 

Es wird ein sehr entspannter Tag, Bummeln durch die Gassen der Altstadt, Staunen über das beneidenswerte Angebot auf dem Wochenmarkt, Quiche Lorraine und Schokotörtchen in Straßencafés und ein Großeinkauf in der Pâtisserie Naegel.

Gegen 5 hüpfe ich wieder in den Zug, diesmal ist es ein deutscher ICE, natürlich verspätet. Den Anschluss in Karlsruhe verpasse ich, aber auf die deutsche Bahn ist Verlass: ein sehr verspäteter IC nimmt mich auf und bringt mich zurück. In Stuttgart setze ich endlich die Maske ab, die ich jetzt mit kurzen Essensunterbrechungen 10 Stunden am Stück getragen habe und laufe glücklich nach Hause. Es geht wieder mit dem Reisen, wenn auch nicht lang und ganz weit weg, aber der Anfang ist gemacht. Ein kleiner Vorgeschmack auf nächste Woche, da geht’s los mit beiden Globonauten! Wollte mich nur kurz warmschreiben.

 

Überraschungen im Osten

Die Frage, wie wir nach Polen kommen, hatte uns Corona beantwortet. Fliegen ging nicht, viele Stunden im Zug schien keine gute Idee, also haben wir uns für’s Auto entschieden. Flexibel, virengesichert und ganz nach dem Motto „Der Weg ist das Ziel“ haben wir nicht nur Polens Norden bereist, sondern auch an Deutschlands östlicher Grenze erstaunliche Entdeckungen gemacht. 

Da war auf dem Weg nach Polen zunächst Görlitz. Kein echter Geheimtipp mehr und eigentlich nicht geeignet für nur einen Nachmittag. Das größte zusammenhängende Denkmalgebiet Deutschlands, das hätten wir ernster nehmen sollen. Eine Besichtigung von Görlitz ist ein Spaziergang durch fast tausend Jahre Architekturgeschichte mit über 4000 Kultur- und Baudenkmalen. Wir besichtigen die Pfarrkirche St. Peter und Paul, schlendern vom Unter- zum Obermarkt und weiter zum Marienplatz, wo uns das Görlitzer Warenhaus von 1913 leider nur von außen beeindruckt. Die Stadt ist nicht nur für ihre Geschichte, sondern auch als Filmstadt berühmt geworden und das Foyer des Jugendstil-Gebäudes bildete das „Grand Budapest Hotel“. Ich fand den Film ja nicht so dolle, aber die Bilder haben mich damals fasziniert. Noch eine Tasse Kaffee und ein kurzer Spaziergang über die Neißebrücke hinüber nach Polen, dann geht es schon weiter.

 

Also wieder rauf mit Görlitz auf unsere Bucket List, für die Stadt sollte man mindestens zwei volle Tage, besser mehr, einplanen und einen guten Architekturführer mitbringen. Wer einen kurzen Ausflug über die polnische Grenze machen und ganz ganz ganz hervorragend essen möchte, dem sei der Palac Lagow oder Schloss Leopoldshain empfohlen. Nicht so sehr zum Wohnen, es ist leider nur von außen fürstlich und zudem direkt an der Autobahn gelegen. Aber das ist sofort vergessen, wenn das Essen serviert wird: zart gebratene Entenleber mit crunchig-buttrigem Grünkohl, saftiges Schweinefilet mit samtigem Rote-Betepürree und schlesischen Knödeln, danach ein Abenteuerteller voll leckerstem Dessert mit dem weltbesten Crumble – es war unser Auftakt zu vielen polnischen Köstlichkeiten.

Bereits auf dem Rückweg nach Deutschland erfüllte ich mir einen langgehegten Wunsch: ein Ausflug nach Eisenhüttenstadt. Wieso denn das bitte, fragt ihr euch vielleicht. Wenn ihr im trüben Herbst ein  wenig lächeln wollt, dann schaut euch ein altes Video aus der David-Letterman-Show an. Tom Hanks berichtet hier sehr witzig von seinen Erlebnissen auf der deutschen Autobahn und ab 5:50 min über Eisenhüttenstadt. Und seither will ich da hin.

Eisenhüttenstadt wurde Anfang der 50er Jahre als sozialistische Wohnstadt für ein Eisenhüttenkombinat errichtet und sollte das Modell einer arbeiterfreundlichen Siedlung mit Komplettversorgung sein. Wohnungen, Freizeiteinrichtungen, Einkaufen, Schulen, Krankenhaus – alles in unmittelbarer Nähe. Etwas Graues und Karges hatte ich mir vorgestellt, eher menschenfeindlich, so ein bisschen wie eine kommunistische Gropiusstadt, in der man maximal Werbung für „Plaste und Elaste aus Schkopau“ erwarten kann. Den Eindruck erweckt ja auch die Schilderung von Tom Hanks. Und dann ist es ganz anders.

 

Die riesige Siedlung ist in vier Bereiche unterteilt, die auch heute noch Komplex Nr.1 bis Nr. 4 heißen. Sie überrascht aber als erstes durch die vielen Grünflächen und die Weitläufigkeit. Vier Stockwerke sind das Maximum und auch wenn man sich die heute bunten Fassaden in tristem DDR-Grau vorstellt, sind sie immer noch interessant und voller Details. In den Erdgeschossen Raum für Läden, eine riesige Gaststätte und große grüne Innenhöfe mit vielen Bänken. Wenn ich das mit Stuttgart-Freiberg, Hamburg-Mümmelmannsberg oder den vielen Plattenhaussiedlungen im Osten vergleiche, dann ist es kein Vergleich. Hier scheint der Sozialismus seinen Arbeitern doch glatt mal was Gutes getan zu haben. Schade nur, dass die Stadt diese Perle so wenig vermarktet, trotz Steilvorlage durch Tom Hanks. Aber wenigstens haben sie eine hilfreiche Broschüre für einen Rundgang erstellt, die wir sehr empfehlen.

Weiter südlich, wieder direkt an der Grenze zu Polen gelegen, trifft man im verschlafenen deutschen Städtchen Bad Muskau oder Łęknica auf polnischer Seite auf ein veritables Weltkulturerbe. Der Muskauer Park des Fürsten Pückler ist ein klassischer Landschaftsgarten, in dem es sich rechts und links der Neiße schön flanieren lässt. Über die vielen Brücken kann man Europa voll und ganz auskosten, kurz rüber nach Polen, dann wieder zurück nach Deutschland. Der Park ist auf der polnischen Seite größtenteils verwildert, auf der deutschen trotz heftiger Zerstörungen im und nach dem Krieg jedoch sehr gut restauriert. So große Botanikfans sind wir eigentlich  nicht, was uns aber total begeistert und was man auf gar keinen Fall bei einem Besuch auslassen sollte, ist die Ausstellung im restaurierten Schloss über den ziemlich durchgeknallten Fürsten. Als wahrer Globonaut bereiste er die ganze Welt, lebte als Dandy in London oder Wien, reiste durch den Orient, schreckte auch nicht davor zurück, sich auf einem Sklavenmarkt im Sudan eine Reisebegleiterin zu kaufen, schrieb unzählige Reiseberichte und legte nebenbei noch den Park in Bad Muskau an. Wir haben einige sehr vergnügliche Stunden in dem toll gestalteten Museum verbracht und den Park danach in einem ganz anderen Licht gesehen.

  

 

Und ganz zum Schluss dann noch eine weitere große Überraschung: Bautzen. Knast, Senf und Rechtsradikale, das war das, was ich mit der Stadt bisher verbunden habe. Schau mal, die vielen Türme, sagte Eric auf der Hinfahrt nach Polen, als wir Dresden hinter uns gelassen hatten. Und dann die Autobahnausfahrt Bautzen. Kann nicht sein, dachte ich, und googelte. Doch, das ist Bautzen. Also musste auf der Rückfahrt ein Stopp her. Ein Spaziergang durch die restaurierte mittelalterliche Altstadt mit ihren vielen Türmen, die „Alte Wasserkunst“ an der Spree, die vielen Kneipen und Restaurants – ein Ausflug lohnt sich! Bautzen oder Budyšin ist die Hauptstadt der Sorben, die Straßenschilder sind zweisprachig und überall trifft man auf sorbische Kulturstätten. Und weil ich selber eine kleine Teil-Sorbin bin – mein Urgroßvater Gustav Noack hatte sorbische Wurzeln –  finde ich es hier besonders interessant. Wieder mal viel zu wenig Zeit für viel zu viel spannende Stadt! Wie schon so häufig stelle ich fest: Im Osten warten noch so viele Überraschungen, die ich unbedingt entdecken will!

  

            

Ein Haus in Pommern

Wir sind bereits seit zwei Wochen in Polen unterwegs, haben prachtvolle, gekonnt restaurierte Städte und Burgen, endlose Ostseestrände und pilzgesprenkelte Wälder erlebt. Wir haben wunderbar gegessen und mit leckerem Bier auf unser Glück mit dem strahlend spätsommerlichen Wetter angestoßen. Während in den meisten Nachbarstaaten Deutschlands die Corona-Zahlen aus dem Ruder laufen, scheinen wir mit Polen genau die richtige Entscheidung getroffen zu haben, zumindest im September 2020.

Auch im Slowinski-Nationalpark haben wir alles richtig gemacht. Wir wohnen nicht im geschäftigen Leba am östlichen Rand des Parks, sondern im winzigen Smoldzino. Und wenn die Matratze nicht so durchgelegen und die Kissen nicht so hart gewesen wären, hätten wir in dem Ferienhäuschen Pod Jesionem das Paradies gefunden. Wir empfehlen es trotzdem!

Mit einer Tasse Kaffee gehe ich nach einer unruhigen Nacht auf die schöne Dachterrasse. Der Morgendunst liegt über dem Dörfchen und den Feldern in der Ferne. Der Nachbar ist auch schon wach, bemerkt aber nicht, dass ich ihm von meinem Ausguck in den Hof schauen kann. Ein kleines altes Gehöft, ganz sicher aus der Zeit als Smoldzino noch Schmolsin hieß. Ein einfaches Wohnhaus, ein winziger Stall, vor dem Hühner im Gras picken. Der Nachbar läuft langsam und gebückt, ein alter Mann, der seine Tiere versorgt und es sich irgendwann auf der mittlerweile sonnenbeschienenen Holzbank gemütlich macht. Nicht viel anders wird es vor 100 Jahren gewesen sein, als meine Urgroßeltern drei Stunden westlich von hier in einem kleinen Dörfchen bei Schivelbein ihren Lebensabend genießen wollten. Lass uns nach Pribslaff fahren, sage ich zu meinem Mann.

Ein paar Tage später machen wir uns auf Richtung Swidwin. 2015 habe ich meine erste Reise hierher gemacht, versucht, mir in den Resten des alten Schivelbein vorzustellen, wie meine Großmutter, mein Vater und meine Tanten hier bis 1946 lebten. Und meine vielen anderen Verwandten, die Schivelbein über die Jahrhunderte treu blieben. Ich habe sie nie kennengelernt und erst durch meine Ahnenforschung herausgefunden, wie groß die Familien der Krügers und Henkes, der Beckers, Völz und Polzins hier eigentlich waren. Sichtbare Spuren sind keine geblieben, sie alle waren einfache Arbeiter und Bauern, und noch nicht einmal die Mittelstraße im Herzen Schivelbeins, in der meine Omi Meta lebte, ist noch erkennbar.

Keine drei Kilometer liegt das kleine Bauerndorf Stary Przybysław vor den Toren Swidwins. Als es in den dreißiger Jahren noch Pribslaff hieß, hatten die Kinder der Familie Krüger mitgeholfen, hier ein Haus zu bauen. Die Eltern – meine Urgroßeltern August und Albertine Krüger – sollten darin noch ein paar schöne Jahre verleben. August Krüger musste nach einem Leben schwerer Arbeit als Schweinemeister auf dem Gut von Cleve in Teschenbusch mit 61 Jahren in den Ruhestand gehen. Seine Gesundheit spielte nicht mehr mit. Im Herbst 1936 zogen er und seine Frau Albertine in ihr eigenes Haus, ein zweistöckiges Gebäude mit Stall und Schuppen, einem Gemüsegarten und einem Kartoffelacker, zusammen etwa 2500 qm. Im „Antrag auf Feststellung von Vertreibungs­schäden“ ist alles genau festgehalten. 1935 hatte August Krüger das Grundstück für 1000 Reichsmark erworben. Gebaut wurde ein Wohnhaus mit massivem Hartdach, 10 x 9 Meter, ein Stall, 12 x 6 Meter, ebenfalls mit massivem Hartdach und ein Schuppen, 7 x 4 m, mit einem Dach aus Brettern und Pappe. 3200 Reichsmark betrug die Hypothek bei der Kreissparkasse Belgard. August bekam 50 Reichsmark Rente, schrieb mein Großonkel Max, seine Frau Albertine 20 Reichsmark. Das reichte gerade für die Hypothek und zum Leben. Und Max schrieb weiter: „Soweit ich es beurteilen kann, war die Zeit von 1936 bis zum Kriege die schönste Zeit im Leben der Eltern.“ Drei Jahre also.

Albertine Krüger mit Max, Bruno, Meta, Willi und Grete

Die Söhne Bruno und Ernst, die Schwiegertochter Käthe und die kleine Enkelin Waltraud starben im Krieg. Nach der Besetzung Pribslaffs am 04.03.1945 kamen August und Albertine mit dem Leben davon, schreibt Max. 16 Bewohner des Ortes, darunter unmittelbare Nachbarn, starben durch „Mord und andere Greueltaten“. Der Schwiegersohn Otto Remus wurde verschleppt und kehrte nie mehr zurück, Tochter Grete flüchtete nach Berlin und erlag dort 1946 dem Fleckfieber. Die drei verbliebenen Kinder, darunter meine Großmutter Meta, wurden 1946 mit ihren Familien aus Schivelbein ausgewiesen.

Max beschreibt auch die letzten Tage von August. „Die Herzkrankheit des Vaters verschlimmerte sich immer mehr. Es war ein Herzasthma mit qäulendem Luftmangel verbunden. Weder ärztliche Betreuung noch Medikamente waren vorhanden. Die Kinder waren alle fort und die Eltern allein, krank und hilflos. Für das tägliche Brot musste gebettelt werden. Als Vater sein Ende nahen fühlte, bat er die Mutter, sie möge ihm einen Sarg bauen. Vater starb am 22.06.1946. Ein Bekannter hat aus dem Holz des Bettes einen Sarg gezimmert. Den letzten Weg zum Friedhof in Pribslaff legte Vater auf einem Handwagen zurück.“

Albertine Krüger wurde im Frühjahr 1947 siebzigjährig aus Pribslaff ausgewiesen. Auf abenteuerlichen Wegen schaffte sie es endlich zu ihren Kindern nach Ratzeburg. Sie starb dort 1956 mit fast 79 Jahren.

2015 war es schon später Nachmittag als ich von Swidwin nach Stary Przybysław fuhr. Ich hatte zwei Photos von dem Haus dabei, in den 40er Jahren aufgenommen. Und die Hausnummer 19 aus einem alten Einwohnerverzeichnis von Pribslaff. Es war aussichts–los. Das Dorf zog sich entlang einer nicht enden wollenden Straße, im Ortskern ein paar Backsteinhöfe, die Kirche schon lange abgerissen, der Friedhof eine verwilderte Wiese. Die Hausnummern hatten sich über die vielen Jahre verändert und auch von den damaligen Häusern schienen einige die Zeit nicht überstanden zu haben. Die Sonne ging langsam unter, es wurde kühl und ich beschloss, nach Swidwin zurückzufahren. Das Haus schien es nicht mehr zu geben. Am Dorfende, kurz vor dem Abzweig nach Swidwin wollte ich einen letzten Blick auf den Ort werfen, schaute nach links und hielt kurz die Luft an. Da stand es, ganz eindeutig, das Haus von August Krüger. Ich stieg aus. Wie konnte mir das Haus beim Herfahren entgangen sein? Da hat Dich Deine Omi kurz geschubst, sagte mein Mann später, und genau dieses Gefühl hatte ich in dem Moment.

Und jetzt also 2020. Auch in Stary Przybysław haben wir das gleiche Glück mit dem Wetter wie die zwei Wochen zuvor. Wir fahren erst in den Ort hinein, parken am Spielplatz in der Dorfmitte, wo früher die Kirche stand. Keine Kirche mehr, kein Laden, keine Gaststätte. Ein Trecker mit Kartoffeln biegt um die Ecke, sonst sind kaum Menschen zu sehen. Wer hier lebt, scheint sich nach Swidwin zu orientieren. Wir machen einen Spaziergang und merken dann doch, dass zwischen dem Verfall etwas Neues entsteht. Ein paar schmucke Neubauten, ein liebevoll restauriertes Häuschen am Weg zum Sportplatz, Kürbisse säumen die Straße dorthin.

Jetzt noch zu August Krügers Haus, sage ich. Wir setzen uns wieder ins Auto, fahren Richtung Swidwin und parken am Straßenrand gegenüber. Ein Mann spricht uns auf deutsch an. Was das denn für ein Kennzeichen sei, „DR“. Wir lachen, wissen wir auch nicht, das ist ein Mietwagen. Wir kommen ins Plaudern, er ist LKW-Fahrer und wohnt in Cloppenburg, hier genießt er das Landleben. Warum wir so auf das Haus gegenüber schauen? Das hat mein Urgroßvater gebaut, sage ich. Er ruft hinüber, da sind Leute, ich hatte sie gar nicht gesehen. Eine Frau kommt ans Tor, „August Krüger“, ruft sie, und mir läuft ein Schauer über den Rücken.

Wir gehen hinüber, der freundliche LKW-Fahrer übersetzt. Aus der Nähe sieht man, dass im Haus renoviert wird. Das rechte Fenster steht offen, eine frisch gestrichene weiße Zimmerwand leuchtet hinaus. Die Frau sprudelt los, sie hätten gerade den Holzboden entfernt, die Dielen lägen noch im Hof und auf einem der Bretter stünde „August Krüger Neu Pribslaff“. Sie bittet uns in den Innenhof, ein Stall, ein Schuppen, eine Wasserpumpe, Blumen. Da liegen die Bodendielen. Die Frau und ihr Mann suchen kurz, hier, das ist das Brett mit dem Namen drauf. Die Frau erzählt und erzählt, der LKW-Fahrer kommt kaum mit dem Übersetzen nach. Sie bittet mich ins Haus, entschuldigt sich für das Renovierungschaos. Trotzdem darf ich in jedes Zimmer. Die Kachelöfen und die Holztreppe nach oben sind noch genauso erhalten, wie sie 1936 gebaut wurden. Die Zimmer sind klein, aber gemütlich, das Haus ist von innen viel heimeliger als von außen. Ein richtiges Zuhause, für August und Albertine in den 30er Jahren, für die herzliche polnische Familie heute.

Wieder auf dem Hof versuchen wir, uns noch ein wenig zu unterhalten, aber außer „dzień dobre“- Guten Tag – und „dziękuję“ – danke – sprechen wir kein polnisch. Und der arme LKW-Fahrer ist ja eigentlich hier, um die Ruhe des Dorfes zu genießen. Also verabschieden wir uns, all das muss ich sowieso erst mal verdauen.

Hatte mich meine Omi 2015 geschubst, um das Haus zu entdecken, muss jetzt August Krüger selbst am Werk gewesen sein. Über achtzig Jahre liegen die Holzdielen im Haus und ein paar Tage bevor ich nach Pribslaff reise, werden sie herausgenommen und jemand entdeckt die Aufschrift. Und dann kommt zufällig noch ein Pole dazu, der sehr gut deutsch spricht. Ein kleines Zauberhäuschen. August und ich haben am selben Tag Geburtstag, er 1875, ich 1965. Vielleicht wollte er mich ja einfach einmal kennenlernen, wer weiß 🙂

Albertine Wilhelmine Auguste Krüger, geb. Becker * 18.03.1877 in Neu Pribslaff † 13.02.1956 in Ratzeburg August Ferdinand Eduard Krüger * 28.04.1875 in Seligsfelde † 22.0.1946 in Pribslaff

 

 

Am Meer

Grömitz 1966 – Ostsee-Fan seit 54 Jahren

Jetzt, wo graue Herbst- und Coronawolken aufziehen, scheint mir ein guter Zeitpunkt für sonnige Erinnerungen an endlose Strände und blaues Meer gekommen zu sein. Wir haben auf unseren Reisen einige sandige Küsten gesehen und mit ganz leichter Wehmut denke ich zurück an den magischen Strand von Casuarina im Norden Darwins, die Traumstrände von Mauritius und Rodrigues oder unseren Privatstrand auf der winzigen philippinischen Insel Pamilacan. Aber: so weit und so südlich muss man gar nicht reisen. Die gute alte Ostsee kann da durchaus mithalten, finde zumindest ich.

Polens Ostseeküste ist fast 500 km lang. Wir haben nur einen winzigen Teil davon gesehen, aber vier ganz unterschiedliche Eindrücke bekommen. Müsste eigentlich für jeden Geschmack was dabei sein.

 

Nummer 1: Der touristische Strand

Von Elblag aus fahren wir auf die Frische Nehrung. Ganz typisch für die Ostsee sind diese schmalen Sandstreifen, die Haff und Meer voneinander trennen. Etwa 40 km östlich von Danzig beginnt die Nehrung und zieht sich über 70 km bis ins russische Kaliningrad. Der Reiseführer spricht von Partystädtchen in den Hauptorten, deswegen bleiben wir am Fuße der Nehrung im gemächlichen Katy Rybackie. Schön sind die Orte hier nicht, der Verkehr braust auf der Durchgangsstraße und die Ferienhaus-Architektur ist wenig attraktiv. Aber direkt hinter unserer Pension beginnt der Wald, nach ein paar Metern springen doch tatsächlich Rehe über den Weg und in etwa 20 Minuten erreichen wir den Strand. Es ist keine Ferienzeit mehr, allein sind wir hier zwar nicht, aber es verteilt sich. Dies ist die Bernsteinküste, viele Spaziergänger haben den Blick nach unten gerichtet und hoffen auf den großen Fund. Wir machen mit, aber mehr als ein paar stecknadelkopfgroße Bröckchen finden wir nicht. Das Wasser ist viel zu kalt zum Baden, aber der Strand wunderbar zum Laufen. Dieses Licht an der Ostsee ist ganz besonders und zaubert gerade am späteren Nachmittag eine grandiose Stimmung. Schön ist es hier, aber das finden natürlich auch andere und nicht alle wollen einfach nur die Natur genießen. Ein nerviger Jetski-Fahrer lässt erahnen, was hier in der Saison los ist. Und das, obwohl die großen Hotelanlagen hier fehlen. Aber das nahe Danzig sorgt für reichlich Tagesausflügler. An Wochenenden im Hochsommer tobt hier bestimmt das Leben. Mit Kindern hat man wahrscheinlich Spaß, aber für uns ältere Semester braucht’s keine Karussells und Dino-Parks. Stimmungsvoll ist es am späten Nachmittag am Haff. Doch Obacht: Kaliningrad leitet seine Abwässer hier hinein. Man riecht zwar nichts, aber die Wasserqualität soll sich in Grenzen halten. Sehr schade um die idyllische Landschaft. Die zwei Tage sind nett, aber einen längeren Urlaub würden wir hier nicht verbringen wollen.

 

Nummer 2: Der Stadtstrand

Oh glückliche Städte mit eigenem Strand!

Nicht Polen

Das gleich mit mehreren Traumstränden gesegnete Darwin habe ich schon erwähnt, Sydneys legendären Bondi Beach fanden wir enttäuschend, Mumbais Chowpatty ist interessant, hat aber ein Müllproblem. Rostocks Warnemünde habe ich in allerbester Erinnerung, trotz gefühlter Windstärke 12. Perfekt fanden wir Tel Aviv, der Trumpeldor Beach hat einfach alles, was man sich von einem Stadtstrand so erwartet, weißen Sand, gute Stimmung und kühles Bier. Auch Danzig hat einen eigenen Strand, man erreicht ihn mit der Fähre zur Westerplatte und er ist durchaus schön. Aber wahrscheinlich eher für die Danziger selber. Was für ein Luxus, nach der Arbeit noch kurz an den Strand gehen zu können, aber sicherlich kein Grund, das wunderbare Danzig extra deswegen zu besuchen. Beim Ausflug auf die Westerplatte haben wir allerdings sehr gerne noch etwas mit den Füßen im Meer geplanscht.

 

Nummer 3: Das Strandbad

Die Strandbäder in Pommern zogen ab Mitte des 19. Jahrhunderts Badegäste an. Kolberg ganz vorneweg, aber auch Henkenhagen spielte durchaus oben mit, wenn’s um die gediegene Sommerfrische ging. Auch heute noch sind die Ostseebäder an der pommerschen Küste beliebt – vor allem bei älteren Urlaubern, die das Ganze mit Kuren und Wellness verbinden. Letzteres haben wir auch nötig und so mieten wir uns für drei Nächte in einem Kurhotel in Ustronie Morskie, dem früheren Henkenhagen, ein. Und machen einfach mal gar nichts. Außer essen – Halbpension ist im günstigen Preis inbegriffen – , bissle strandspazieren und uns massieren lassen. Unterstützt werden wir dabei von der nicht vorhandenen Sonne. Trüb, kühl und nass, das lädt dazu ein, gemütlichst einfach mal im wirklich bequemen Bett zu bleiben. Die Massagen sind hervorragend und preiswert, wie eigentlich überall in Polen ist das Hotel blitzeblank, das Zimmer modern und gut ausgestattet und das Essen für den Preis wirklich ok. Der Ort ist gewöhnungsbedürftig, die Hotels quetschen sich entlang der engen Strandpromenade und der eigentliche Strand ist hier schmal. Im Speisesaal gehören wir zu den jüngeren Gästen, viele davon Deutsche, die sich morgens vor dem Konsulationszimmer des Arztes drängen. Es ist Nebensaison und viele Restaurants im Ort sind bereits geschlossen. Vielleicht auch, weil Gäste hier gerne Halb- oder gar Vollpension gebucht haben. Aber die verrammelten Buden an der Hauptstraße zeigen deutlich: im Sommer geht’s hier ab. Wir sind froh über drei erholsame Tage und genießen die Massagen, aber dann ist auch gut. Ob wir hier in der Hochsaison eine ganze Woche aushalten würden? Eher nicht.

 

Nummer 4: Der Nationalpark

Und das beste dann zum Schluss! Im Slowinski-Nationalpark werden alle Ostseeträume wahr. Wir kommen erst am frühen Nachmittag in Leba, dem tourisitischen Zentrum im Osten des Nationalparks an. Dahinter geht es ein kurzes Stück mit dem Auto weiter, dann aber nur noch zu Fuß. Wir laufen durch einen hübschen Nadelwald, bunte Pilze leuchten im Moos, ab und an sieht man eine sandige Düne im Hintergrund. Es duftet nach Harz, Sonne und Meer. Auf dem weichen Waldboden läuft es sich angenehm, aber es zieht sich. Nach etwa drei Kilometern scheint erst Halbzeit zu sein auf dem Weg zum Meer. Besichtigen kann man hier deutsche Raketen-Abschussrampen, die gen England zielten, aber das lassen wir aus. Nach etwa einer Stunde kommen wir am Rand einer Düne an. Ab hier geht es nur noch barfuß weiter und was zunächst wie ein Dünchen aussah, entwickelt sich nach kurzem Aufstieg zum riesigen Sandmeer. Diese Düne ist gigantisch. Die polnische Sahara, haben wir lächelnd gelesen, aber so falsch ist der Vergleich nicht. Heller feiner Sand wohin man blickt, Sandhügel, Sandtäler und im Hintergrund die tiefblaue Ostsee. Nur ein Teil des riesigen Sandkastens ist begehbar, der Rest abgetrennt und ganz der Natur überlassen. Schienen es uns unten doch einige Menschen zu sein, die die Düne besteigen wollten, ist hier alles so groß, so weitläufig, dass man sich fast allein vorkommt. Das haben wir nicht erwartet. Weiter hinten führt eine sandige Schlucht zum Meer, nach links und nach rechts ein endloser Strand, den wir fast für uns alleine haben.

Die meisten Besucher laufen durch den Wald zurück zum Parkplatz. Erics Handy-Navi sagt uns aber, dass man am Strand genauso zurückkommt. Ein wunderbarer Spaziergang in der Abendsonne, aber nach fast 15 km Gesamtstrecke sind wir froh, als wir in der Dämmerung wieder am Auto sind. Wir werden nicht in Leba übernachten, sondern an der Westseite des Parks und das stellt sich als die genau richtige Entscheidung heraus. Sehr ländlich, sehr ruhig und am Strand ist man dann wirklich ganz allein. Wäre das Bett doch nur gemütlicher gewesen, im idyllischen Stojcino, wir hätten Wochen hier verbringen wollen. Nicht nur die schöne Ostsee und die Traumstrände, auch die märchenhaften Nadelwälder mit ihrem weichen Moosboden, der über und über pilzgesprenkelt ist, wären gute Gründe dafür.

 

Corona auf polnisch

Reisen in Corona-Zeiten und auch noch ins Ausland. Muss das sein? Muss nicht, aber kann, finden wir, wenn man sich das richtige Land aussucht und sich an die Regeln hält. Unsere Wahl fällt auf Polen, niedrige Zahlen und doch so nah, dass man zur Not in ein paar Stunden wieder in Deutschland ist. Aber, so ganz geheuer ist es wohl keinem Reisenden in Corona-Zeiten und ich gebe zu, dass ich das Ende unserer Tour und einen ordentlichen Sicherheitsaufschlag abgewartet habe, bevor ich darüber schreibe. Und jetzt ist es eh egal wo man sich aufhält, Stuttgart, Baden-Württemberg und eigentlich ganz Deutschland sind Risikogebiet. Auch in Polen explodieren leider die Zahlen,  aber zum Glück erst einige Zeit nach unserer Rückkehr. Also: eigentlich alles richtig gemacht, die große Reisesehnsucht befriedigt und wer weiß, wie lange wir von den Erinnerungen zehren müssen.

Wir haben uns für einen Mietwagen entschieden und unser erstes Ziel in Polen ist Posen. Auf den polnischen Autobahnen fährt es sich wunderbar, sehr wenig Verkehr und so viel stressfreier als in Deutschland. Die Idioten sind –  wie so oft – auf den Landstraßen unterwegs und halsbrecherisches Überholen scheint ihr besonderes Hobby zu sein. Aber erst mal egal, unser Apartment in Posen liegt in der Altstadt und hat eine Tiefgarage, die nächsten zwei Tage wird gelaufen. Uns erwartet eine sehr stylische kleine Wohnung, in der wirklich an alles gedacht wurde, vom selbst gebackenen Begrüßungskuchen bis hin zum Corona-Set bestehend aus Masken, Latexhandschuhen und antiseptischer Handcreme. In polnischen Städten ist man mit Ferienwohnungen sehr viel besser bedient als mit Hotels. Sie sind häufig nagelneu, toll eingerichtet und günstig, die Erfahrung hatte ich schon in Krakau und Breslau gemacht und – ich greife dem mal vor – das gilt auch für Torun und Danzig.

Die Altstadt von Posen oder Poznan ist überschaubar und bezaubernd. Auf dem Stary Rynek, dem Alten Markt, steht das beeindruckende Rathaus aus dem 16. Jahrhundert. Eingerahmt wird der prächtige Renaissancebau von Stadthäusern, die meisten mit Cafés, Bars oder Restaurants im Erdgeschoss, die bei fast sommerlichem Wetter und trotz Corona gut besucht sind. Eine schöne Stimmung herrscht auf diesem zentralen Platz der Stadt, viele polnische Touristen scheinen unterwegs zu sein, westliche Sprachen hört man kaum.

  

Wir drehen ein paar Runden vorbei am quirligen Leben der Stadthäuser, tauchen dann in die Gassen rundum ein und landen schließlich in der „Kirche des heiligen Stanislaus“. Ich liebe die barocke Pracht, Eric sind die wuchtigen rötlichen Säulen, die üppigen Deckengemälde und die vielen verschnörkelten Seitenaltäre fast ein bisschen zu viel. Aber in jedem Fall gibt es hier einiges zu sehen.

Hungrig geworden landen wir in der Nähe der Kirche im Restaurant Szarlotta, eher ein Café, aber trotzdem mit sensationellem Essen. Wir bestellen traditionell, als Vorspeise Tatar und dann Pieroggen mit Ente gefüllt. Was kommt, ist eine kreative Überraschung: ambitioniert und köstlich. Der Tatar wird unter einer Glashaube serviert, die ihn mit Rauch von Apfelbaumholz bedampft und ein tolles Aroma hinterlässt. Die Pieroggen sind sehr lecker, sensationell aber ist der Rotkohl, der sie begleitet, leicht knackig, zimtig und köstlich. Es gibt viele gute Gründe nach Polen zu fahren, das leckere Essen ist eindeutig einer davon.

Die Dominsel, Posens kirchliches Zentrum, nehmen wir uns am nächsten Tag vor. Die gotische Backstein-kathedrale ist beeindruckend, aber wir haben mittlerweile vor allem Essen im Kopf. Im Szeneviertel Srodka direkt hinter der Dominsel genießen wir in dem coolen kleinen Restaurant „Na Winklu“ noch mal köstliche Pieroggen. Himmlischen Kuchen zum Nachtisch gibt es im idyllischen Garten des kleinen Caritas-Cafés „Na Trakcie“, versteckt hinter dem Dom.

Neben all der schönen Historie empfehlen wir aber auch ein modernes Wahrzeichen der Stadt: das Einkaufszentrum Brawowska. Ein ganz und gar gelungener Umbau einer alten Brauerei in ein Einkaufs-, Kultur- und Gastronomiezentrum. Sehr lohnenswert, für Shopping- und Architekturbegeisterte.

Unser Fazit: Ein Besuch in Posen lohnt sich sehr! Und noch ist eine gute Zeit, hierher zu kommen. Overtourism wie in Krakau oder demnächst auch Breslau oder Danzig kennt die Stadt noch nicht, obwohl sie sicherlich kein Geheimtipp mehr ist. In den vielen tollen Cafés und Kneipen kann man wunderbar Zeit verbringen, kulturell ist einiges geboten, insgesamt eine gute Atmosphäre, die wir gerne auch noch etwas länger genossen hätten. Aber Polen hat ja so viel zu bieten.

Wir machen einen kurzen Zwischenstopp in Bydgoszcz oder Bromberg. Ein nettes Städtchen, ein kurzer Bummel, ein schnelles Mittagessen und ein freundlicher Kaffee im Strefa Cafe. Die Überraschung kommt zum Schluss: das Innere der Kathedrale St Martin und Niklas. Von außen ganz klassischer Backsteinbau, wollten sie es drinnen wohl mal anders machen. Poppige Lila-, Pink und Orangetöne machen die Kirche zu einem Erlebnis.

 

Und dann weiter nach Torun. Schon so lange wollte ich hier her, die mittelalterliche Stadt gehört zum Weltkulturerbe, hier wurden Nikolaus Kopernikus geboren und die Thorner Kathrinchen, kleine feine Lebkuchen, erfunden.

Und Torun ist schön, das Rathaus und der Marktplatz ganz besonders. In den Straßen der Alt- und Neustadt kann man bummeln und sich verlieren, aber diese Atmosphäre von Posen, die Lust macht, die Stadt noch weiter zu entdecken, hat Torun nicht. Vielleicht auch, weil der Tourismus hier voll angekommen ist. Sehenswert ist es aber in jedem Fall. Wir beginnen unseren Rundgang auf dem Marktplatz mit dem schönen altstädtischen Rathaus, davor eine Statue von Kopernikus, Corona-gerecht trägt er Maske, wie so einige seiner bronzenen Kollegen in der Umgebung. Die Häuser rund um den Platz sind reich verziert, in der Hansestadt Torun wurde schon vor 800 Jahren Handel getrieben und die Kaufleute machten es sich schön. Nett spazieren kann man auch außerhalb der imposanten Stadtmauer an der glitzernden Weichsel, auf der die Waren verschifft wurden. So richtig viel Spaß macht es später, im äußerst gemütlichen „Coffee and Whiskey House“ einen gediegenen Cocktail zu uns zu nehmen und uns in den Ohrensesseln fast schon britisch zu fühlen.

Torun ist eine Gründung der Deutschordensritter, von der ehemaligen Burg Thorn sind nur noch Ruinen erhalten, aber den echten Rittertraum kann man im Städtchen Malbork erleben, knappe zwei Stunden weiter nördlich. Die Marienburg ist ebenfalls Weltkulturerbe und ihre Besichtigung eine wunderbare Zeitreise. Im 13. Jahrhundert erbaut war sie nur etwa 150 Jahre Sitz des Hochmeisters des Deutschordens, danach residierten die polnischen Könige hier. Die riesige Backsteinanlage ist ziemlich perfekt restauriert. Ein Audioguide führt uns in die letzten Winkel und es ist großartig. Großartig wiederhergestellt, großartig berichtet und von großartigen Ausmaßen. Wir schreiten in Höfe und Keller, über Zugbrücken, durch Empfangshallen und Kreuzgänge in die Gemäche der Großmeister. Irgendwann ist man rittersatt in dieser riesigen Anlage, aber man sollte trotzdem noch die Kraft aufbringen, über die Brücke ans andere Ufer zu laufen um ein Photo vom Gesamtkunstwerk zu machen.

 

Wir sind begeistert, aber erschöpft, und fahren ins nahe Elblag, früher Elbing. Eric versucht sich im netten Restaurant an der polnischen Sprache, möchte die gebratene Ente auf polnisch bestellen. Die freundliche Bedienung schüttelt mitleidvoll lächelnd den Kopf, hält jeden Aussprache-Unterricht für sinnlos und einigt sich mit ihm auf „the duck“.

Eine kurze Auszeit an der Ostsee – wir berichten später – und dann kommt Danzig. Wir wussten, dass die Stadt im Krieg stark zerstört wurde. Lohnt sich aber, sagt der Reiseführer. Also mieten wir uns für drei Tage ein weiteres stylisches Apartment auf der Speicherinsel. Das Gebäude ist ganz neu, die vier Speicher gegenüber sind aus dem 17. Jahrhundert und harren noch einer Restaurierung. Charmant, aber verfallen. Na, hoffentlich sieht’s her nicht überall so aus. Wir schlendern Richtung Altstadt. Der erste Blick vom Ufer der Mottlau auf die so sehr historisch wirkende Promenade macht uns sprachlos. Die alten Kontorhäuser, die Altstadtore, die Kirchtürme, die im Hintergrund noch mehr versprechen – was für ein Anblick, stolz, hanseatisch und voller Atmosphäre unter tiefblauem Himmel. Wir überqueren die Brücke und betreten die Altstadt durch das Grüne Tor. Es geht grad so weiter, rechts und links des „Langen Marktes“ perfekt restaurierte Kaufmannshäuser. Das Rechtstädtische Rathaus weiter hinten leuchtet uns entgegen,  daneben kann man den backsteinernen Turm der Marienkirche sehen. Danzig ist prächtig!

Wir wollen uns erst mal orientieren, laufen weiter geradeaus bis zum Langgasser Tor – haben wir das alles falsch verstanden und Danzig wurde gar nicht zerstört? Im Torbogen sehen wir es dann aber: rechts und links große Bilder von 1945 – die Altstadt als absolutes Trümmerfeld, viele Häuser bis auf die Grundmauern abgebrannt. 90% der Altstadt waren zerstört und die Polen haben alles wieder aufgebaut, so detailgetreu und geradezu liebevoll, was für eine wunderbare Leistung. Jetzt fallen uns auch die Jahreszahlen an einigen der historisch wirkenden Kaufmannshäuser auf, da steht nicht nur 1775 oder 1809, immer wieder auch 1950 oder noch später. Auch deren Inneres ist bestmöglich restauriert. Wir besichtigen das Rechtstädtische Rathaus mit seinen prunkvollen Sitzungssälen und das originalgetreu eingerichtete Haus der flämischen Kaufmannsfamilie Uphagen. Was für ein Glück, dass das Wetter immer noch mitspielt, Danzig ist ein hervorragender Ort zum Flanieren und Entspannen in Straßencafes.

Die Promenade an der Mottlau ist auf beiden Flussseiten schön, mehrere historische Brücken verbinden die Ufer und dazu noch zwei futuristische: eine riesige Klappbrücke, die sich nur alle halbe Stunde senkt, und eine ovale Drehbrücke. Modernes und Historisches vereinen sich hier ganz selbstverständlich und die Danziger sind noch lange nicht fertig damit. Immer noch wird weiter restauriert, aber auch Neubauten entstehen, und die Kombination ist sehr gelungen.


Am nächsten Tag fahren wir Schiff, in Danzig wurde viel Geschichte geschrieben und auf der Fahrt Richtung Ostsee passiert man die zwei wichtigsten Stationen: die Lenin-Werft, in der die Gewerkschaft Solidarnosc gegründet wurde, und die Westerplatte am Ende der Bootstour. Und dort stellen wir fest, dass wir doch immer noch nicht genug wissen über den zweiten Weltkrieg.
Wo begann er? In Gleiwitz hätte ich gesagt, seit 5.45 Uhr wird zurückgeschossen, das kennt man ja. Nein, es war hier, auf der Danziger Westerplatte, damals eine polnische Exklave in der freien Reichsstadt, die vom Kreuzer Schleswig-Holstein unter Beschuss genommen wurde. Die polnische und deutsche Geschichte sind so eng verwoben, ständig werden wir auf dieser Reise darauf gestoßen, dazu später mehr.

Eine Woche sind wir jetzt unterwegs und haben schon so viel gesehen. Wir brauchen eine Pause von all diesen überwältigenden Eindrücken. Und die Ostsee ist zum Glück gleich um die Ecke. Aber dazu mehr im nächsten Beitrag.