Corona auf polnisch

Reisen in Corona-Zeiten und auch noch ins Ausland. Muss das sein? Muss nicht, aber kann, finden wir, wenn man sich das richtige Land aussucht und sich an die Regeln hält. Unsere Wahl fällt auf Polen, niedrige Zahlen und doch so nah, dass man zur Not in ein paar Stunden wieder in Deutschland ist. Aber, so ganz geheuer ist es wohl keinem Reisenden in Corona-Zeiten und ich gebe zu, dass ich das Ende unserer Tour und einen ordentlichen Sicherheitsaufschlag abgewartet habe, bevor ich darüber schreibe. Und jetzt ist es eh egal wo man sich aufhält, Stuttgart, Baden-Württemberg und eigentlich ganz Deutschland sind Risikogebiet. Auch in Polen explodieren leider die Zahlen,  aber zum Glück erst einige Zeit nach unserer Rückkehr. Also: eigentlich alles richtig gemacht, die große Reisesehnsucht befriedigt und wer weiß, wie lange wir von den Erinnerungen zehren müssen.

Wir haben uns für einen Mietwagen entschieden und unser erstes Ziel in Polen ist Posen. Auf den polnischen Autobahnen fährt es sich wunderbar, sehr wenig Verkehr und so viel stressfreier als in Deutschland. Die Idioten sind –  wie so oft – auf den Landstraßen unterwegs und halsbrecherisches Überholen scheint ihr besonderes Hobby zu sein. Aber erst mal egal, unser Apartment in Posen liegt in der Altstadt und hat eine Tiefgarage, die nächsten zwei Tage wird gelaufen. Uns erwartet eine sehr stylische kleine Wohnung, in der wirklich an alles gedacht wurde, vom selbst gebackenen Begrüßungskuchen bis hin zum Corona-Set bestehend aus Masken, Latexhandschuhen und antiseptischer Handcreme. In polnischen Städten ist man mit Ferienwohnungen sehr viel besser bedient als mit Hotels. Sie sind häufig nagelneu, toll eingerichtet und günstig, die Erfahrung hatte ich schon in Krakau und Breslau gemacht und – ich greife dem mal vor – das gilt auch für Torun und Danzig.

Die Altstadt von Posen oder Poznan ist überschaubar und bezaubernd. Auf dem Stary Rynek, dem Alten Markt, steht das beeindruckende Rathaus aus dem 16. Jahrhundert. Eingerahmt wird der prächtige Renaissancebau von Stadthäusern, die meisten mit Cafés, Bars oder Restaurants im Erdgeschoss, die bei fast sommerlichem Wetter und trotz Corona gut besucht sind. Eine schöne Stimmung herrscht auf diesem zentralen Platz der Stadt, viele polnische Touristen scheinen unterwegs zu sein, westliche Sprachen hört man kaum.

  

Wir drehen ein paar Runden vorbei am quirligen Leben der Stadthäuser, tauchen dann in die Gassen rundum ein und landen schließlich in der „Kirche des heiligen Stanislaus“. Ich liebe die barocke Pracht, Eric sind die wuchtigen rötlichen Säulen, die üppigen Deckengemälde und die vielen verschnörkelten Seitenaltäre fast ein bisschen zu viel. Aber in jedem Fall gibt es hier einiges zu sehen.

Hungrig geworden landen wir in der Nähe der Kirche im Restaurant Szarlotta, eher ein Café, aber trotzdem mit sensationellem Essen. Wir bestellen traditionell, als Vorspeise Tatar und dann Pieroggen mit Ente gefüllt. Was kommt, ist eine kreative Überraschung: ambitioniert und köstlich. Der Tatar wird unter einer Glashaube serviert, die ihn mit Rauch von Apfelbaumholz bedampft und ein tolles Aroma hinterlässt. Die Pieroggen sind sehr lecker, sensationell aber ist der Rotkohl, der sie begleitet, leicht knackig, zimtig und köstlich. Es gibt viele gute Gründe nach Polen zu fahren, das leckere Essen ist eindeutig einer davon.

Die Dominsel, Posens kirchliches Zentrum, nehmen wir uns am nächsten Tag vor. Die gotische Backstein-kathedrale ist beeindruckend, aber wir haben mittlerweile vor allem Essen im Kopf. Im Szeneviertel Srodka direkt hinter der Dominsel genießen wir in dem coolen kleinen Restaurant „Na Winklu“ noch mal köstliche Pieroggen. Himmlischen Kuchen zum Nachtisch gibt es im idyllischen Garten des kleinen Caritas-Cafés „Na Trakcie“, versteckt hinter dem Dom.

Neben all der schönen Historie empfehlen wir aber auch ein modernes Wahrzeichen der Stadt: das Einkaufszentrum Brawowska. Ein ganz und gar gelungener Umbau einer alten Brauerei in ein Einkaufs-, Kultur- und Gastronomiezentrum. Sehr lohnenswert, für Shopping- und Architekturbegeisterte.

Unser Fazit: Ein Besuch in Posen lohnt sich sehr! Und noch ist eine gute Zeit, hierher zu kommen. Overtourism wie in Krakau oder demnächst auch Breslau oder Danzig kennt die Stadt noch nicht, obwohl sie sicherlich kein Geheimtipp mehr ist. In den vielen tollen Cafés und Kneipen kann man wunderbar Zeit verbringen, kulturell ist einiges geboten, insgesamt eine gute Atmosphäre, die wir gerne auch noch etwas länger genossen hätten. Aber Polen hat ja so viel zu bieten.

Wir machen einen kurzen Zwischenstopp in Bydgoszcz oder Bromberg. Ein nettes Städtchen, ein kurzer Bummel, ein schnelles Mittagessen und ein freundlicher Kaffee im Strefa Cafe. Die Überraschung kommt zum Schluss: das Innere der Kathedrale St Martin und Niklas. Von außen ganz klassischer Backsteinbau, wollten sie es drinnen wohl mal anders machen. Poppige Lila-, Pink und Orangetöne machen die Kirche zu einem Erlebnis.

 

Und dann weiter nach Torun. Schon so lange wollte ich hier her, die mittelalterliche Stadt gehört zum Weltkulturerbe, hier wurden Nikolaus Kopernikus geboren und die Thorner Kathrinchen, kleine feine Lebkuchen, erfunden.

Und Torun ist schön, das Rathaus und der Marktplatz ganz besonders. In den Straßen der Alt- und Neustadt kann man bummeln und sich verlieren, aber diese Atmosphäre von Posen, die Lust macht, die Stadt noch weiter zu entdecken, hat Torun nicht. Vielleicht auch, weil der Tourismus hier voll angekommen ist. Sehenswert ist es aber in jedem Fall. Wir beginnen unseren Rundgang auf dem Marktplatz mit dem schönen altstädtischen Rathaus, davor eine Statue von Kopernikus, Corona-gerecht trägt er Maske, wie so einige seiner bronzenen Kollegen in der Umgebung. Die Häuser rund um den Platz sind reich verziert, in der Hansestadt Torun wurde schon vor 800 Jahren Handel getrieben und die Kaufleute machten es sich schön. Nett spazieren kann man auch außerhalb der imposanten Stadtmauer an der glitzernden Weichsel, auf der die Waren verschifft wurden. So richtig viel Spaß macht es später, im äußerst gemütlichen „Coffee and Whiskey House“ einen gediegenen Cocktail zu uns zu nehmen und uns in den Ohrensesseln fast schon britisch zu fühlen.

Torun ist eine Gründung der Deutschordensritter, von der ehemaligen Burg Thorn sind nur noch Ruinen erhalten, aber den echten Rittertraum kann man im Städtchen Malbork erleben, knappe zwei Stunden weiter nördlich. Die Marienburg ist ebenfalls Weltkulturerbe und ihre Besichtigung eine wunderbare Zeitreise. Im 13. Jahrhundert erbaut war sie nur etwa 150 Jahre Sitz des Hochmeisters des Deutschordens, danach residierten die polnischen Könige hier. Die riesige Backsteinanlage ist ziemlich perfekt restauriert. Ein Audioguide führt uns in die letzten Winkel und es ist großartig. Großartig wiederhergestellt, großartig berichtet und von großartigen Ausmaßen. Wir schreiten in Höfe und Keller, über Zugbrücken, durch Empfangshallen und Kreuzgänge in die Gemäche der Großmeister. Irgendwann ist man rittersatt in dieser riesigen Anlage, aber man sollte trotzdem noch die Kraft aufbringen, über die Brücke ans andere Ufer zu laufen um ein Photo vom Gesamtkunstwerk zu machen.

 

Wir sind begeistert, aber erschöpft, und fahren ins nahe Elblag, früher Elbing. Eric versucht sich im netten Restaurant an der polnischen Sprache, möchte die gebratene Ente auf polnisch bestellen. Die freundliche Bedienung schüttelt mitleidvoll lächelnd den Kopf, hält jeden Aussprache-Unterricht für sinnlos und einigt sich mit ihm auf „the duck“.

Eine kurze Auszeit an der Ostsee – wir berichten später – und dann kommt Danzig. Wir wussten, dass die Stadt im Krieg stark zerstört wurde. Lohnt sich aber, sagt der Reiseführer. Also mieten wir uns für drei Tage ein weiteres stylisches Apartment auf der Speicherinsel. Das Gebäude ist ganz neu, die vier Speicher gegenüber sind aus dem 17. Jahrhundert und harren noch einer Restaurierung. Charmant, aber verfallen. Na, hoffentlich sieht’s her nicht überall so aus. Wir schlendern Richtung Altstadt. Der erste Blick vom Ufer der Mottlau auf die so sehr historisch wirkende Promenade macht uns sprachlos. Die alten Kontorhäuser, die Altstadtore, die Kirchtürme, die im Hintergrund noch mehr versprechen – was für ein Anblick, stolz, hanseatisch und voller Atmosphäre unter tiefblauem Himmel. Wir überqueren die Brücke und betreten die Altstadt durch das Grüne Tor. Es geht grad so weiter, rechts und links des „Langen Marktes“ perfekt restaurierte Kaufmannshäuser. Das Rechtstädtische Rathaus weiter hinten leuchtet uns entgegen,  daneben kann man den backsteinernen Turm der Marienkirche sehen. Danzig ist prächtig!

Wir wollen uns erst mal orientieren, laufen weiter geradeaus bis zum Langgasser Tor – haben wir das alles falsch verstanden und Danzig wurde gar nicht zerstört? Im Torbogen sehen wir es dann aber: rechts und links große Bilder von 1945 – die Altstadt als absolutes Trümmerfeld, viele Häuser bis auf die Grundmauern abgebrannt. 90% der Altstadt waren zerstört und die Polen haben alles wieder aufgebaut, so detailgetreu und geradezu liebevoll, was für eine wunderbare Leistung. Jetzt fallen uns auch die Jahreszahlen an einigen der historisch wirkenden Kaufmannshäuser auf, da steht nicht nur 1775 oder 1809, immer wieder auch 1950 oder noch später. Auch deren Inneres ist bestmöglich restauriert. Wir besichtigen das Rechtstädtische Rathaus mit seinen prunkvollen Sitzungssälen und das originalgetreu eingerichtete Haus der flämischen Kaufmannsfamilie Uphagen. Was für ein Glück, dass das Wetter immer noch mitspielt, Danzig ist ein hervorragender Ort zum Flanieren und Entspannen in Straßencafes.

Die Promenade an der Mottlau ist auf beiden Flussseiten schön, mehrere historische Brücken verbinden die Ufer und dazu noch zwei futuristische: eine riesige Klappbrücke, die sich nur alle halbe Stunde senkt, und eine ovale Drehbrücke. Modernes und Historisches vereinen sich hier ganz selbstverständlich und die Danziger sind noch lange nicht fertig damit. Immer noch wird weiter restauriert, aber auch Neubauten entstehen, und die Kombination ist sehr gelungen.


Am nächsten Tag fahren wir Schiff, in Danzig wurde viel Geschichte geschrieben und auf der Fahrt Richtung Ostsee passiert man die zwei wichtigsten Stationen: die Lenin-Werft, in der die Gewerkschaft Solidarnosc gegründet wurde, und die Westerplatte am Ende der Bootstour. Und dort stellen wir fest, dass wir doch immer noch nicht genug wissen über den zweiten Weltkrieg.
Wo begann er? In Gleiwitz hätte ich gesagt, seit 5.45 Uhr wird zurückgeschossen, das kennt man ja. Nein, es war hier, auf der Danziger Westerplatte, damals eine polnische Exklave in der freien Reichsstadt, die vom Kreuzer Schleswig-Holstein unter Beschuss genommen wurde. Die polnische und deutsche Geschichte sind so eng verwoben, ständig werden wir auf dieser Reise darauf gestoßen, dazu später mehr.

Eine Woche sind wir jetzt unterwegs und haben schon so viel gesehen. Wir brauchen eine Pause von all diesen überwältigenden Eindrücken. Und die Ostsee ist zum Glück gleich um die Ecke. Aber dazu mehr im nächsten Beitrag.

Marbach – voll geschillt

So ein paar freundliche Seiten hat Corona ja doch. Als Dankeschön für’s Nicht-Kündigen hat mir der Verkehrsverbund für die nächsten Wochen freie Fahrt durch ganz BaWü geschenkt. Und so mache ich mich nach Marbach auf. Nicht das mit den Pferden, sondern das mit viel Literatur. Where are the horses, soll die Queen 1965 bei ihrem Besuch hier gefragt haben, hatte sie doch auf das Landesgestüt Marbach im Landkreis Reutlingen gehofft. But sorry, your majesty, in Marbach am Neckar wurde Friedrich Schiller geboren und oberhalb des mittelalterlichen Städtchens befindet sich der Literaturtempel Deutschlands.

Mit der S-Bahn dauert es keine halbe Stunde, um aus dem schwitzigen Kessel hierher zu gelangen. Vom Bahnhof führt ein kurzer, freundlicher Spaziergang zunächst zur Alexanderkirche. Orgelklänge dringen nach draußen und mich zieht es hinein. Das kühle Halbdunkel mit stimmungsvoller Musik eignet sich hervorragend, um das erstaunlich bunte Innenleben der über 500 Jahre alten Kirche zu genießen. 1490 wurde sie fertiggestellt, natürlich diverse Male renoviert und umgestaltet, aber trotzdem scheint das 15. Jahrhundert hier gar nicht so weit entfernt. Finstere Gestalten verbergen sich unter der Orgelempore, strahlende Heilige dominieren die Haupthalle und über allem spannt sich ein buntes Netzgewölbe. Ein netter Einstieg in den Marbach-Tag und zudem praktischer Touri-Tipp: im Nebengebäude befinden sich blitzsaubere öffentliche Toiletten.

Weiter geht es Richtung Altstadt. Die ist besonders gut erhalten und begrüßt mich mit putzigen Fachwerkhäuschen. Eines der ersten ist die Weinstube Zum goldenen Löwen, das Geburtshaus von Friedrich Schillers Mutter und nur ein paar Meter weiter erblickte der Dichterfürst selber 1759 das Licht der Welt. Ein kleines Zimmerchen und eine winzige Küche im Erdgeschoss, so lebte Familie Schiller im 18. Jahrhundert in Marbach. Lang blieben sie hier nicht, schon fünf Jahre später zogen sie weiter. So wirklich prägend war der Ort also nicht für den guten Friedrich, aber irgendwo muss der Kult halt betrieben werden. 

In der hübschen Fußgängerzone geht es an diesem Vormittag recht gemütlich zu, ich setze mich in ein Café und genieße die Entspanntheit. Am Nebentisch zwei ältere Herren, die mit ihren E-Bikes unterwegs sind, beide wahrscheinlich so Mitte 70 noch einigermaßen gut in Schuss. In breitestem schwäbisch kommentieren sie das Weltgeschehen. Ihnen passt ne Menge nicht, aber ganz schlimm ist, dass „mir hier jetzt scho in der Minderheit sind“. Diese Ausländer überall! Ich schaue mich um – ich sehe hier nur sehr mitteleuropäisch wirkende Menschen, die Zeit zu haben scheinen. Und dann fällt doch tatsächlich der Satz „Der Adolf hätt des so ned zu’glasse, aber des darf mo ja ned sage.“ Hat er aber, dieser – Entschuldigung – Depp. Ich hüstele vom Nachbartisch herüber, sie gucken sich kurz um, dann geht es weiter. Keiner würde mehr vermieten wollen, hier und in der Umgebung, weil diese Ausländer sich nicht benehmen könnten. Das wissen die beiden genau, denn ein Bekannter habe seinen Mieter gekündigt, der sei aber nicht gegangen, „der Türk“. Aber die seien ja eh die einzigen, die sich die horrenden Mieten noch leisten könnten, denn da würde ja das Sozialamt zahlen. Während die beiden Sozialleistungsempfänger – ja, Rente gehört auch mit dazu – sich so ihren Kaffee schmecken lassen und weitere anscheinend nicht mehr berufstätige Menschen vorbei schlendern, sehe ich gegenüber, wie zwei Griechen ihre Gaststätte für das Mittagsgeschäft vorbereiten, eine freundliche Dame mit polnischem Akzent räumt die Cafétische ab. Wär ich jetzt irgendwie in Kampfeslaune gewesen, hätte ich den beiden alten Idioten zugerufen „Also die einzigen Menschen, die ich hier arbeiten sehe, scheinen einen ausländischen Hintergrund zu haben“, aber ich lasse es.

Von der Altstadt hab ich jetzt genug und mache mich auf den Weg hinauf auf die Schillerhöhe. Beim Altstadtturm statte ich der Wendelinskapelle aus dem 15. Jahrhundert einen kurzen Besuch ab. Würde ich hier wohnen, das wäre meine Buchhandlung. Ein sehr kleines Sortiment, aber eine sehr persönliche Beratung und das in einem wundervollen Ambiente.

Durch die alte Stadtmauer geht es moderat bergauf, das ist auch bei Temperaturen an die 30 Grad noch gut zu bewältigen. Und oben wartet die Abkühlung auf mich. Ich lasse den ziemlich unschönen Betonbau des Deutschen Literaturarchivs hinter mir, das Schiller-Nationalmuseum ist wegen Bauarbeiten geschlossen, schade, aber mich zieht es eh zum Literaturmuseum der Moderne. Der Chipperfield Bau, 2006 fertiggestellt, beeindruckt mit seiner kühlen Architektur und ebensolchen Temperaturen im Inneren. 18 Grad hat es hier aus konservatorischen Gründen. Corona macht alles etwas komplizierter als sonst, Masken und Handschuhe sind Pflicht, denn hier gibt es einiges zu berühren und zu spüren. Habt Ihr zum Beispiel schon mal euren Herzschlag gemessen während der Rezitation eines Hölderlingedichtes? Die Ausstellungsräume im Untergeschoss enthalten Schätze, von denen ich nicht wusste, dass sie so nah und so konzentriert versammelt sind. Originalhandschriften einmal quer durch die Größten der modernen deutschen Literatur, vom kleinen Notizbuchschnipsel bis hin zum vollständigen Manuskript. Die Klassiker gibt’s in der Sonderausstellung obendrauf, Schiller natürlich und Hölderlin darf in seinem Ehrenjahr natürlich nicht fehlen, Kafka, Celan, Hesse, Kästner, Walser, Handke bis hin zu Michael Ende – alles hier vorhanden. Tage kann man hier wahrscheinlich verbringen, aber nach anderthalb Stunden wird’s frisch und ich bin überwältigt. Jetzt habe ich einen ersten Eindruck, ich kann ja jederzeit wiederkommen.

Zum Aufwärmen drehe ich noch zwei Runden um das Gebäude, das an einen griechischen Tempel erinnert und von jeder Seite spannende Perspektiven, Ein- und Durchblicke bietet. Ein guter Gegensatz zum schwäbischen Fachwerkidyll unten in der Altstadt.

Noch einen Kaffee im bunten Gartenstuhl mit Blick auf das Nationalmuseum, dann geht er schon zu Ende, mein schöner Ausflug. Mal schauen, wo es nächste Woche hingeht.

 

The Wanderers

So langsam können wir einen Wanderführer schreiben. Unglaublich, was für schöne Ausflüge  im Umkreis von Stuttgart möglich sind. An und auf der Alb war es ja schon die letzten Male traumhaft, also dann ein weiterer Versuch. Wir fahren bis Schlattstall und wären am Parkplatz „Lange Steige“ fast wieder umgedreht. Ein Auto reiht sich ans nächste und von Geheimtipp kann keine Rede sein. Aber wir merken schnell, dass unser Routenvorschlag uns genau in andere Richtung führt als die, der die Massen folgen. Also rein ins saftige Grün. Ein idyllisches Tal, es geht leicht bergauf und noch sind die Wege bequem und unproblematisch. Wir sind hier im Biosphärenreservat, der Wald bleibt wie er ist, umgestürzte Bäume werden nicht weggeschafft und das vermittelt einen fast dschungligen Eindruck an manchen Stellen. Noch find ich es wildromantisch. Dann kommt jedoch der Anstieg auf die „Große Schrecke“ und die trägt ihren Namen vollkommen zu recht. Es ist steil und ziemlich ziemlich glitschig, der Weg ist schmal, ein falscher Tritt, einmal abrutschen und der Schrecken wäre da. Ist ja alles schön mit der Natur, aber den Weg möchte ich eigentlich nicht noch mal nehmen müssen. Erstmal oben hat es sich dann aber doch gelohnt, die Ausblicke sind spektakulär und hinter Strohweiler tut sich eine wirklich liebliche Weidelandschaft auf, mit wogenden Getreidefeldern und weitem Blick. Darüber türmen sich dramatisch die Wolken. Hier oben ist man dann wirklich so gut wie allein, der Ort und die kleinen Straßen aus ihm hinaus sind wie ausgestorben. Auf der Hochfläche geht es sich äußerst gemütlich und fast hätten wir den Einstieg in den Abstieg verpasst. „Kernzone“ steht hier überall, das erinnert ja eigentlich eher an Tschernobyl, gemeint ist aber der besonders unberührte Teil des Biosphärenreservat. Runter geht es sehr viel angenehmer als rauf, eine märchenhafte Schlucht, grün überwuchert, sehr schön. Knapp drei Stunden waren die reine Laufzeit, etwa elfeinhalb Kilometer und viele schöne Plätzchen zum Verweilen. Auch das wieder eine sehr empfehlenswerte Tour!

So langsam steht Eric unter Druck, immer aufs Neue muss er schöne Strecken finden und jede sollte besondere Highlights bereithalten. Dann versuch ich es mal mit süßen Tieren, denkt er sich und so führt uns die nächste Tour zunächst nach Eckenweiler, einem Ortsteil von Rottenburg. Hier kommt die Überraschung gleich am Anfang: mitten in der schwäbischen Provinz laufen uns Alpakas entgegen. Und die sind wirklich goldig, wenn auch frisch geschoren und nur noch rund ums Gesicht flauschig.

   

Vorbei am Alpaka-Hof geht es erst mal durch die Felder bis ein veritables Schloss vor uns auftaucht. Weitenburg heißt es und ich frage mich, warum wir trotz der vielen Jahren, die wir in Tübingen gelebt haben, zum allerersten mal hier sind. Der Biergarten im Schlosshof ist leider ein Opfer von Corona, aber hier kommen wir irgendwann nochmal hin. Später lese ich, dass sie High Tea anbieten, was für ein perfekter Ort für einen stilvollen englischen Teenachmittag. Oberhalb des Neckar geht es weiter durch den Wald, den man hier fast für sich alleine hat. Duftige Wiesen, kleine Bäche, auf den bunte Libellen tanzen, wir setzen doch gleich mal einen Marker für ein künftiges Picknick im verwunschenen Idyll. Wie es sich im katholischen Rottenburg geziemt, absolvieren wir den Kreuzweg hinauf zum Frauenkloster auf der Liebfrauenhöhe. Der Höhepunkt der Kontemplation ist dann aber doch eine Schaukel und so beschwingt sind es nur noch ein paar Minuten zurück zum Auto.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der nächste Ausflug ist ein echter Klassiker: durch den Schönbuch bis zum Schloss Hohenentringen. Pflichtprogramm für Tübinger Studenten und trotzdem immer wieder schön. Eine fast gemütliche Runde ohne heftige Auf- oder Abstiege, dafür mit schönen Ausblicken hinunter ins Ammertal, hier kann man eigentlich bei keinem der vielen ausgeschilderten Wanderwege wirklich was falsch machen. Das Highlight unserer Wanderung kommt am Ende: der Biergarten in Hohenentringen hat offen! Und erstaunlicherweise auch noch ein Tischlein für uns, trotz strahlenden Sonnenscheins. So ganz trauen viele wohl noch nicht dem neuen Frieden mit dem Virus. Wir füllen erstmals brav zu Beginn der Schlemmerei einen Zettel mit unseren Kontaktdaten aus und stürzen uns bald darauf auf leckere Maultaschen. War ja immer ganz nett mit unserem mitgebrachten Vesper, aber das ist doch ein ganz anderer Genuss.

 

So langsam werden sie jetzt wohl weniger werden, unsere Corona-Wanderungen. Wir fangen an zu planen, vielleicht mal ein verlängertes Wochenende in Franken und dann steht im September unser Urlaub an. Anfang des Jahres hatten wir über Botswana nachgedacht, das wird es definitiv nicht werden. Aber ich wäre auch nicht traurig, wenn wir Brandenburg kennenlernen würden oder die Ostseeküste in Mecklenburg. Oder vielleicht doch Portugal oder gar Georgien? Schaunmermal, ich plan ja so gerne, um dann nachher vielleicht doch spontan ganz woanders hinzufahren. Aber erst bleiben wir bitte alle mal weiter gesund!

 

Englische Landpartien

Nun sind sie da, die Lockerungen, und ich gebe zu, der erste Gang heute nach der Arbeit führte mich doch tatsächlich in den Biergarten. Nie hat ein Radler so lecker geschmeckt wie gerade jetzt, ich halte Abstand und mein Radler trägt Maske, also hoffentlich alles gut.
Dieser Genuss lässt mich zurückdenken an Reisen in ein Land, dessen Bier ich sehr liebe, auch wenn ich damit recht allein sein dürfte. Und eines, das sich fast ganz aus den Schlagzeilen verabschiedet hat, nachdem es uns so viel Vergnügen mit seinem putzigen Parlament und dem knuddeligen Mr Speaker bereitet hat: England.

Neben einigen London-Reisen hat es uns bisher zwei mal dorthin gezogen (Wales und Schottland nehme ich natürlich aus). 2007 haben wir das wunderschöne Cornwall bereist und bereits im Jahr drauf das etwas unentdecktere East Anglia.
Cornwall war die Idee unserer Freunde. Sie hatten davon gehört, dass der National Trust historische Häuschen für einen atmosphärischen Aufenthalt vermietet und dass Cornwall sowieso eine der schönsten Ecken Englands sei. Sie machten dann auch gleich Nägel mit Köpfen, mieteten uns ein reizendes Cottage mit schönem Garten und schwups saßen wir schon im Flugzeug nach London. Heathrow im Westen Londons sollte das Ziel sein, wenn man nach Cornwall möchte. Knapp fünf Stunden auf dem Motorway und wir waren in Helston angekommen. Ein weißgetünchtes reetgedecktes Steinhäuschen, in dem wir uns sofort wohl gefühlt haben, war unser für die nächste Woche. Whitstone Cottage ist so perfekt gelegen, dass wir von dort aus die vielen schönen Ecken Cornwalls perfekt entdecken konnten. Hier sollte man vorallem zu Fuß unterwegs sein und die spektakuläre Küste erkunden. Das Meer erinnert oft mehr an die Karibik als an Nordeuropa. Kynance Cove ist das wohl bekannteste Beispiel. Brilliante Türkistöne, feine Sandstrände an den dann doch wieder sehr britischen Steilküsten, saftige Wiesen oben, mediterranes Getümmel unten – es ist wunderschön. Stundenlang kann man auf dem South West Coast Path laufen, die Aussicht ist immer anders spektakulär, die sehr freundlichen Menschen, denen man begegnet, grüßen freundlich und bezeichnen alles als „lovely“.

 

Immer zum richtigen Zeitpunkt findet sich ein schöner Pub, in dem wir mittags dem Cider (schmeckt wie Apfelsaftschorle, macht aber sehr fröhlich) und abends dem köstlichen britischen Bier frönen – gut, einige meiner Mitreisenden finden eher, dass es abgestanden
schmeckt, but I love it! Einig sind wir uns aber, dass die englische Küche so viel besser ist als ihr Ruf. Wir genießen hervorragenden Stilton Käse, meine Liebe zu Bangers and Mash, würzige Würste mit Kartoffelbrei, wird hier geboren, Scones mit Clotted Cream und Erdbeermarmelade versüßen uns so manchen Nachmittag und irgendwann muss in unserer Cottage-Küche auch ein Hummer dran glauben.

   

Faszinierend ist in Cornwall auch die Historie der alten Zinnminen. Überall sieht man die Ruinen an der Küste stehen, wildromantisch und fast keltisch sehen sie aus, dabei sind sie gerade erst um die 200 Jahre alt. Manche kann man besichtigen, wie die Geevor Tin Mine in Pendeen, in der wir sicher behelmt die alten Gänge erkunden.

Aber wir wollen natürlich auch ganz alte Historie und davon hat die Gegend auch genug. Steinkreise aus der frühen Bronzezeit gibt es hier, the Hurlers in der Nähe des Bodmin Moors sind so ein Beispiel, wobei die wie große aufeinander getürmte Kieselsteine wirkende Granitformationen Cheesewring fast noch faszinierender sind. Angeblich natürlichen Ursprungs sollen sie sein, aber da hat doch bestimmt ein Riese mitgeholfen.

Wir haben nicht nur unser schönes Cottage beim National Trust gemietet, sondern auch gleich eine Jahresmitgliedschaft erworben und das gibt uns freien Zugang zu vielen historischen Gebäuden und Stätten. Lanhydrock House, ein englischer Landsitz mit entsprechendem Garten drumherum ist nur ein Beispiel. Lohnt sich auf jeden Fall, so eine Mitgliedschaft.

Wir verlassen das schöne Cornwall und machen auf dem Rückweg nach London einen Stopp in der Grafschaft Somerset. Wells mit seiner imposanten Kathedrale aus dem 12- Jahrhundert ist einen Abstecher wert und Bath mit den römischen Badehäusern sowieso. Der Rundgang mit Audio Guide ist klasse gemacht und gibt einen guten Eindruck davon, wie es sich so badete in Aquae Sulis, wie die Stadt ab 47 n. Chr. hieß.

Vor unserem Rückflug am Abend besuchen wir noch Stonehenge. Zuerst bin ich etwas enttäuscht, denn der berühmte Steinzirkel liegt nah der Autobahn und wirkt beim Näherkommen erst mal so gar nicht mystisch. Doch beim Rundgang faszinieren die riesigen Megalithe immer mehr. Es sind mehrere Kreise, die sie bilden, und viel mehr als die astronomischen Ausrichtungen interessiert mich, wie die Menschen der Jungsteinzeit diese Riesensteine hier her transporiert haben. Denn die Dinger kommen nicht aus dem Steinbruch um die Ecke, sondern aus dem 300 km entfernten Wales. Auf alle Fälle ein Ort, der einen gefangen nimmt und ich kann verstehen, was Menschen seit Jahrhunderten hierher zieht.

Das war’s mit dem schönen Südwesten Englands. Und weil es so nett war und das Essen so gut und die Unterkunft so hübsch und – wir geben es zu – weil unsere National Trust Mitgliedschaft ganze zwölf Monate gilt, machen wir uns im Jahr darauf nochmals auf auf die Insel. Diesmal sind wir nur zu zweit und entscheiden uns für den Südosten, der East Anglia heißt. Hierfür fliegt man am besten nach Stansted im Norden Londons. Ein Stündchen nur dauert es mit dem Auto und schon ist man in Cambridge. Ein Muss für Fans alter Universitätsstädte! Jedes einzelne der berühmten Colleges wirkt wie eine ganz eigene kleine Welt der Gelehrsamkeit, die kleinen Cafés in Kopfsteinpflastergässchen und „punting“, das britische Stocherkahnfahren, auf dem Fluss Cam – hier möchte man dringend und sofort noch mal studieren. Wir sehen ein Plakat, das auf ein abendliches Clubkonzert einer mir vollkommen unbekannten Sängerin hinweist. Eric sagt sie was und er fragt, ob ich nicht Lust hätte. Nö, Adele, nie gehört – er triezt mich bis heute damit.

Wir verlassen Cambridge nach zwei Nächten und steuern Suffolk an. Pittoreske kleine Städtchen mit windschiefen Fachwerkhäuschen prägen hier das Bild. Rund um Flatford wandern wir durch die Landschaft, die man wirklich nur als lieblich bezeichnen kann. Hier ließ sich der romantische Landschaftsmaler John Constable inspirieren und die Motive seiner Gemälde existieren heute noch fast so wie damals.

    

Wir fahren weiter nach Norfolk und statten der Hauptstadt Norwich eine Besuch ab. Wieder eine beeindruckende Kathedrale, diese englischen Städte oder zumindest ihre historischen Altstädte sind eine Pracht. Unser endgültiges Ziel ist aber der kleine Ort Blickling, der eigentlich nur aus dem Herrensitz, ein paar Dorfhäusern und dem Aussichtsturm besteht, den der Earl of Whiltshire – Papa der später kopflosen Anne Boleyn – errichten ließ. Und genau dieser Turm wird für die nächsten Tage unser Domizil sein. In ihm verbergen sich einige sehr stilechte Gemächer, über eine steile Wendeltreppe verbunden, die bis hinauf zur großen Aussichtsplattform führt. Die ganze Pracht gehört nur uns, umgeben von wunderbarer Landschaft und bereits der morgendliche Blick aus der Toilette ist spektakulär.

Eulen kreisen über den Feldern, Rehe schauen vorbei und in jede Richtung kann man spazieren gehen, durch verwunschene Wälder hinüber zum Schloss oder über die Felder ins Dorf, wo wir im Pub „The Bucks Arms“ das weltbeste Apple Crumble genießen. Nachts wird’s etwas spooky in unserem Turm, dann heult nämlich der Wind durch die alten Kamine und doch, ich habe mich ziemlich gegruselt. Aber das gehört ja dazu zu einem stilechten englischen Gemäuer.

Wir machen Ausflüge an die Küste nach Cromer und in die Norfolk Broads, eine Marsch- und Sumpflandschaft durchzogen von Flüssen und Seen, die man mit Hausbooten befahren kann. Weiße Windmühlen und wiegendes Schilf, eine ganz reizende Landschaft.

Schweren Herzens verabschieden wir uns von unserem royalen Turm und treten die Rückreise an. So schön war’s!

Sagt mal, ihr lieben Briten, wollt ihr uns wirklich und ganz ehrlich verlassen? Jetzt habt ihr doch eure Miles und Stones und Pints behalten, euer Pfund und fahren dürft ihr auch auf der linken Seite. Überlegt’s euch doch noch mal. Wir würden euch sogar diesen zerzausten Kasperle verzeihen, den ihr da gewählt habt. We will miss you – for sure!

Hugo, Jusi und Florian

Nach wie vor sind wir überwiegend Corona-brav, haben mittlerweile eine kleine Kollektion bunter Masken und uns im Homeoffice gut eingerichtet. Die Geschäfte sind langsam wieder offen, aber so richtig Spaß macht das Bummeln auf der Königstraße nicht. Und wir haben ja eigentlich eh alles und was noch fehlte, haben wir bestellt. Doch gestern überfiel sie uns plötzlich, erst ein leichtes Kribbeln, dann ein wachsendes Bedürfnis, ah – wir wollen shoppen – da war sie, die Konsumlust! Und da wir einem guten Schnäppchen nie abgeneigt sind, stand das Ziel schnell fest: Metzingen oder mittlerweile „Outletcity“, und ohne Schweizer, Franzosen und Chinesen müsste es da doch nachgerade leer sein. War’s nicht ganz, aber wir waren erfolgreich und es machte Spaß, wir geben es zu. Das wäre jetzt aber wirklich kein Grund, einen Globonautenbeitrag zu füllen. Unbedingt berichten wollen wir von unserer anschließenden Wanderung, weil auch die so schön war, dass wir sie mit euch teilen möchte.

Nur eine knappe Viertelstunde von den Konsumtempeln Metzingens entfernt findet sich auf dem Weg nach Kohlberg der Parkplatz Raupental. Dort geht es dann erst mal fast alpin nach oben auf einen riesigen Vulkanschlot mit dem freundlichen Namen Jusi. Der Aufstieg ist nicht ganz ohne, aber es lohnt sich!!! Der Blick vom Gipfel – eigentlich ist es eher ein Hochplateau, auf dem es sich gut rasten lässt – ist phänomenal. Schwarzwald, Tübingen, Stuttgart, der Hohenneuffen, die Alb – alles in einem Rundblick vereint.
Hat man sich hier sattgesehen – und das kann dauern – führt der Weg weiter in den Wald hinein und dort erst mal steil bergab. Eher rechts halten, bis man durch die Bäume Dettingen im Tal sieht und dann wiederum rechts am Waldrand entlang. Wir lassen uns an einem Holztisch mit Bänken und einer weiteren sehr hübschen Aussicht nieder. Ein älteres Wandererpärchen kommt dazu, wir unterhalten uns nett, dann klären sie uns auf über 5G und Corona. Noch nicht mal im Idyll ist man sicher vor den Verschwörern… Wir laufen hinunter ins Dorf Kappishäusern, überqueren die Straße von Metzingen nach Kohlberg und tauchen wieder in den Wald ein. Noch ein Anstieg, diesmal heißt der Berg Florian. Kreative Namensgebung hier. Wer den erneuten Gipfelsturm in Angriff nimmt, der wird auch belohnt: eine Ziegenherde grast rechts von uns und das tun sie wohl immer, denn sie gehören dem Albverein und machen das professionell – ihr einziger Job ist es, die steilen Hänge abzuweiden.

 

 

 

 

Noch einen heftigen Anstieg an der Weide hoch, dann haben wir Florian, den zweiten Vulkanschlot erklommen und auch von hier hat man einen herrlichen Blick. Zurück zum Auto sind es noch etwa zwei Kilometer und leider öffnet der Biergarten am Sportplatz, den wir auf dem Rückweg passieren, erst am Montag. Noch so ein wirklich empfehlenswerter Ausflug – mit Picknickdecke und Vorräten kann man hier locker einen ganzen Tag verbringen. Oder aber wie wir zuvor dem Hugo in Metzingen einen Besuch abstatten. Aber Jusi und Florian reichen eigentlich vollkommen.

Mein Israel

Corona die Vierte.

Israel war immer schon ein ganz besonderer Sehnsuchtsort für mich. Bereits in der Schulzeit beschloss ich: da muss ich hin. Wie es damit genau anfing kann ich gar nicht sagen, ich weiß nur, dass das Buch Exodus von Leon Uris und die Verfilmung mit Paul Newman eine Rolle spielten. Nach dem Abi quälte ich mich durch drei Monate in einer uralten Konservendosenfabrik in Altona, um mir das Geld für den Flug zu verdienen und am 11.11.1984 war es soweit: ich startete mit meiner Freundin Katha nach Tel Aviv. Wir waren beide 19 und uns schwebten harte Arbeit auf den Feldern und abendliche Volkstänze inmitten glücklicher Kibbutzniks vor – so wurde es dann eindeutig nicht. Es war ein Abenteuer in Vor-Internet-Zeiten, wer damals Europa verließ, der war richtig weg. Briefe dauerten drei Wochen, telefonieren ging nur im absoluten Notfall und dass wir doch einige Tagesreisen von zuhause weg waren merkten wir, nachdem wir uns entschieden hatten, den Rückweg mit Schiff und Bus zu meistern.  Aber wir waren ja zu zweit und hatten eine unvergessliche Zeit. Wir arbeiteten in Großküchen, pflückten Zitronen, betreuten alte Menschen, schrubbten Böden und melkten Kühe. Wir wohnten in klapprigen Hütten zusammen mit jungen Leuten aus der ganzen Welt und wir hatten den Spaß unseres Lebens. Im April 1985 kehrten wir nach Deutschland zurück und starteten im Jahr darauf noch mal – vier Wochen in den Semesterferien waren geplant, ich blieb dann aber sieben Monate und verliebte mich so sehr in meinen Job im Kuhstall, dass ich ernsthaft überlegte, für immer im Kibbutz zu bleiben.

Die israelischen Gemeinschaftssiedlungen waren der Versuch einer sozialistischen Gesellschaft – allen sollte alles gehören, jeder musste jeden Job machen, die Kinder wurden gemeinschaftlich erzogen und lebten außerhalb der Wohnung ihrer Eltern im Kinderhaus, gegessen wurde gemeinsam im zentralen Speisesaal. Geld bekam man für seine Arbeit nicht, dafür das Rundum-Sorglospaket: Haus, Essen, medizinische Versorgung, Betreuung im Alter, Bildung, Freizeitvergnügen. Wünsche darüber hinaus wurden erfüllt, wenn es die Gemeinschaft so beschloss.

Volontäre wie Katha und ich gehörten zum Kibbutzleben dazu. Für sechs Stunden Arbeit an sechs Tagen in der Woche bekamen wir freie Unterkunft und Verpflegung, Arbeitskleidung, eine Guthabenkarte für den winzigen Kibbutzladen, die ich vorwiegend in Schokolade und Aprikosenjoghurt investierte, ordentlich Zigaretten und das wöchentliche Highlight: die Disko. Es war eine sehr unbeschwerte Zeit mit Leuten aus allen Ecken der Welt, wir waren alle um die 20 und voller Neugier auf das Leben. Noch heute, ein bisschen wiedervereint in Facebook-Gruppen, schwärmen wir von den damaligen Zeiten und fast alle sind sich einig: it was the best time of my life.

Ein Jahr war ich insgesamt in Israel und als ich 1987 nach Hause zurückkehrte, hätte ich nicht gedacht, dass ich das Land erst fast 30 Jahre später wieder besuchen würde. 2013 war es dann soweit: Eric und ich flogen für 10 Tage nach Israel und so skeptisch er anfangs war: das Land hat ihn fasziniert. Aber auch ich hatte Bedenken: all die schönen Erinnerungen, was wäre, wenn es sich so verändert hat, dass ich „mein Israel“ gar nicht mehr wiederfinde? Wieder mal zu viel Sorgen gemacht: die Zeit dort war toll, obwohl das Kibbutzleben wie ich es kannte tatsächlich nicht mehr existiert.

Haifas Wahrzeichen: Der Bahai-Tempel

Wir landeten in Tel Aviv, mieteten uns am Flughafen einen kleinen gelben Flitzer und fuhren direkt nach Haifa. Ein beschwingter Frühlingsabend, in den vollen Straßencafés waren Fernseher aufgebaut, das Champions League Finale stand an, Bayern München spielte gegen Borussia Dortmund. Undenkbar wäre das in den 80er Jahren gewesen, Israelis, die öffentlich deutschen Vereinen zujubeln. Damals war die Generation der Holocaustüberlebenden noch sehr präsent, vor allem in Haifa, und wir vermieden es, außerhalb des Kibbutz laut deutsch zu sprechen. Das hat sich vollkommen gewandelt, viele junge Israelis finden das heutige Deutschland cool und die Auswandererzahlen vor allem nach Berlin belegen das.

Am nächsten Morgen ging es einmal um die Bucht herum nach Akko. Die uralte Hafenstadt war zu Kibbutz-Zeiten ein sehr beliebtes Ausflugsziel bei uns: mit einer Flasche Wein den Sonnenuntergang auf der Festungsmauer mit Blick auf das Meer zu genießen gehörte zum Pflichtprogramm jedes Volontärs. Und weil in Israel ja nichts wirklich weit entfernt ist, schafften wir es danach noch, mit dem letzten Bus in den Kibbutz zurückzukehren. Der Zauber der orientalisch geprägten Altstadt nimmt Eric und mich sofort wieder gefangen. Die verwinkelten Gassen der Basare, die grandiose mittelalterliche Zitadelle und das strahlend blaue Mittelmeer – ein toller Ort.

 

Natürlich war ich neugierig, ob es meinen Kibbutz noch gab. Oder besser gesagt meine beiden, denn 1985 waren wir in Yif’at und 1986 in Hefzi-Bah im südlichen Galiläa. Vor allem der Spaziergang durch Hefzi-Bah ist dann ein sehr emotionaler. Der Kibbutz hat sich privatisiert, die alten Gemeinschaftseinrichtungen verfallen so stilecht als hätte das jemand extra für mich arrangiert. Ich laufe durch den bröckelnden Speisesaal, die Dekorationen vom Abschiedsfest hängen noch. Hier im Innenhof saß ich und putzte Gemüse, da vorne am Eingang musste ich meine Kuhdung-klebrigen Gummistiefel erstmal gründlich reinigen, bevor ich speisesaalfähig war. Rechts durch die große Tür haben wir uns in die Kühlräume geschlichen, kurz schmecke ich Weißbrot mit Margarine, damals fand ich’s lecker. Hier war das Zentrum des Kibbutz, hier tobte das Leben, jeder kam mindestens zum Mittagessen und blieb eine Weile, die meisten in blauer Arbeitskleidung. Da vorne war unser Tisch, der Tisch der Volontäre. Es war laut und fröhlich hier, eben ein bisschen jedermanns Ess- und Wohnzimmer. Und jetzt ist dieser Ort für den Abriss vorgesehen. Unsere Unterkünfte sind schon seit vielen Jahren verschwunden. Nur der Kuhstall – mein Kuhstall – ist noch voll in Betrieb. Um halb vier morgens ging’s los, hatte ich mich erst mal aus dem Bett gequält war es wunderbar, die kühle Morgenluft, die dampfenden Kühe, der starke türkische Kaffee und die erste Zigarette dazu, Radio Jordan, Broadcasting from Amman (zwar Feindessender, aber mit guter Musik) spielte laut im Melkstand. Ich bin froh, dass ich Eric das alles zeigen und kurz noch mal abtauchen kann in diese aufregende Zeit damals.

Wir übernachten in der Nähe im Hotel des Kibbutz Ein Harod  , der nicht nur nette Unterkünfte, sondern auch ein sensationelles Olivenöl bietet, von dem ein kleiner Kanister in unser Reisegepäck wandert. Zum Abendessen fahren wir nach Beit She’an, im Shipudei Hakikar kommen zu den bestellten Grillspießen noch mehr als ein Dutzend Schälchen mit köstlichen Beilagen, den übervollen Tisch haben wir bis heute nicht vergessen.

Und dann auf nach Jerusalem. Der Weg führt durch die Westbank, karge Wüstenlandschaft und so ganz wohl fühlen wir uns nicht. Jerusalem ist in meinem Sehnsuchtsland Israel meine Sehnsuchtsstadt. Die Faszination, die von der Altstadt ausgeht, kann man kaum beschreiben. Jeder Quadratzentimeter hier ist Geschichte, uralte und aktuelle. Und dabei bin ich noch nicht einmal sonderlich religiös, aber allein schon die Ergriffenheit der Menschen aus aller Welt in der Grabeskirche, die sich auf den Salbungsstein Jesu stürzen, ihn berühren wollen, ist etwas ganz besonderes. Der Anblick der Klagemauer jagt mir genauso wie vor 30 Jahren einen Schauer über den Rücken, die Vielfalt der Menschen, die Symbolik des Ortes, diese ganz besondere Stimmung. Und darüber thront der Felsendom, zentraler Ort für Muslime, in seiner ganzen Pracht und Schönheit.

 

Der Nahostkonflikt hat auch Jerusalem seit damals verändert, der reglementierte Zugang zum Tempelberg, die Mauer, die wir auf der Fahrt hierher passiert haben, das gab es in den Achtzigern noch nicht. Muss man sich positionieren, wenn man Israel besucht? Nein, muss man nicht, finde ich. Denn ich muss mich auch nicht positionieren, wenn ich Dubai besuche oder die Türkei oder Myanmar oder China. Oder die USA. Ich finde nicht alles gut, was die Israelis machen, aber das trifft genauso auf die Palästinenser zu. Das mag mal meine Position sein.

In der Altstadt kann man tagsüber wunderbar in einem der vielen kleinen Cafés etwas abseits der geschäftigen Basarstraßen sitzen. Eric gönnt sich die ein oder andere Wasserpfeife, ich sauge die Atmosphäre ein. Am Abend leeren sich die tagsüber so belebten Gässchen und Plätze allerdings rasch, die Restaurants und kleinen Läden schließen, in den dunklen Sträßlein kann man sich jetzt fast verirren. Wir laufen hinüber in die Neustadt, die vor allem  mit gutem Essen überrascht, hippe kleine Restaurants mit ungewöhnlichen Crossover-Kreationen, in denen man gerne lange sitzen bleibt.

Am nächsten Tag besteigen wir den Ölberg, vorbei am Garten Gethsemane, der russischen Kirche und den vielen Gräbern. Der Blick hinüber auf die Altstadt ist von hier oben am schönsten, Jerusalem of Gold, hier leuchtet es uns entgegen.

Wir machen einen Tagesausflug weiter in den Süden ans Tote Meer und nach Masada. Zu Kibbutz-Zeiten hatten wir am Fuße der Felsenfestung übernachtet, um den Berg früh morgens zu erklimmen wegen des schönen Sonnenaufgang über der Judäischen Wüste. Heute erklimmen wir ihn immer noch zu Fuß, aber zu zivileren Zeiten. Es ist heiß und staubig, wir sind fast allein auf dem Weg, denn es gibt auch eine bequeme Seilbahn, aber das ist gegen unsere Globonautenehre.  Die Palastfestung von König Herodes war um 74 n. Chr. in den jüdischen Kriegen Zufluchtsort für hunderte Rebellen. Die Römer belagerten die Festung und bauten eine Rampe, um das Hochplateau zu erobern. Als sie es endlich geschafft hatten, hatten sich die Menschen in der Wüstenfestung umgebracht.

Von hier oben hat man einen grandiosen Blick über das Tote Meer. Der Salzsee macht seinem Namen alle Ehre und stirbt mangels Wasserzufuhr vor sich hin. Viel größer habe ich ihn in Erinnerung und die trügt mich tatsächlich nicht: seit den Achtzigern ist der Wasserpegel jedes Jahr um einen Meter gesunken und damit fehlen jetzt fast 30 Meter. Ein Bad in der Salzlake ist natürlich trotzdem Pflicht, genauso wie das Schlammbad davor, und es ist noch genauso faszinierend wie damals: man geht hier einfach nicht unter. Am tiefsten Punkt der Erde, 420 Meter unter dem Meeresspiegel. Den Spaß am Umhertreiben im öligen Nass beeinträchtigt höchstens die Angst, das supersalzige Zeugs ins Gesicht und vor allem in die Augen zu bekommen.

In weniger als zwei Stunden sind wir zurück in Jerusalem. Und am nächsten Morgen brauchen wir gerade mal eine Stunde nach Tel Aviv. Unser letzter Tag ist angebrochen, in der Nacht fliegen wir zurück nach Deutschland. Tel Aviv gehörte früher nicht zu meinen Favoriten, ich fand es hektisch und laut, aber hin musste man immer mal wieder, sei es zum Einkaufen, ins Kino gehen oder für das phänomenale Konzert der Waterboys in einem winzigen Klub mit anschließender Übernachtung am Strand. Aber  – wow Tel Aviv, du bist toll geworden! Die Stadt hat sich auf ihr kulturelles Erbe besonnen und viele der über 4000 Bauhaus-Gebäude instand gesetzt. Wir streifen durch die „Weiße Stadt“ bis uns nach Erholung zumute ist – und der lange Stadtstrand ist einfach der perfekte Ort für ein Sonnenbad, ein kühles Bier und eine Abschiedswasserpfeife. Nur noch ein paar Stunden, dann geht’s zurück. In einem Hinterhof finden wir ein Restaurant, dass zuvor wohl eher eine Garage war, davor Tische und Stühle, im allerbesten Popup-Stil. Sehr cool, sehr hip und auch sehr lecker. Ein schöner Ausklang einer Reise in meine Vergangenheit. Hat’s dir gefallen, frage ich Eric, und er nickt. Das hätte er nicht erwartet, sagt er. Ein tolles Land und eine außergewöhnliche Stimmung. Jetzt nicke ich, glücklich und erleichtert. Ja, Israel war und ist faszinierend und auch wenn das jetzt sehr kitschig klingt: es wird immer einen großen Platz in meinem Herz haben.

 

 

Sieh, das Gute liegt so nah

Wir sind wirklich brav, was das Virus angeht. Wir nutzen keine öffentlichen Verkehrsmittel mehr, wenn wir zufällig Freunde treffen, halten wir eher drei Meter Abstand und Masken haben wir natürlich auch schon. Wir halten uns fit und drehen regelmäßig eine Runde durch den Park, spazierender- oder joggenderweise. Aber den teilen wir mittlerweile mit so vielen Menschen, dass der entspannte Walk eher zum stressigen Slalom wird. Und Globonauten sind wir ja schließlich auch noch. Also, raus aus der Stadt, wenigstens für ein paar Stunden. Ein Auto haben wir seit unserer Reise nicht mehr, Car-Sharing ist eine gute Alternative, die wir bisher sorglos in Anspruch nahmen. Jetzt ziehen wir mit einer Flasche Badreiniger – killt 99,9 % aller Viren und Bakterien – und einer Rolle kostbaren Küchenpapiers los und beginnen unseren Trip mit einer ausgiebigen Putzorgie. Aber egal, Mrs. Teilzeit und Mr. Kurzarbeit haben keine Zeitdruck. Nach einer halben Stunde über die leere Autobahn haben wir die Großstadt hinter uns gelassen und parken im idyllischen Bissingen an der Teck. Eric hat eine Route ausgesucht, die am Fuß der Alb startet – hochfahren kann ja jeder (wir geben zu: die letzten zwei Wochenenden haben wir das auch gemacht). Für alle, die nicht mit der Schwäbischen Alb vertraut sind: sie wächst sehr plötzlich aus der lieblichen Landschaft empor. Wikipedia beschreibt es treffend: Die Alb ist eine Hochebene, die nach Nordwesten durch einen sehr markanten Steilabfall begrenzt wird. Oder aus Bissinger und damit auch aus unserer Sicht: einen sehr markanten Steilanstieg. Wir lassen das Dorf hinter uns und laufen durch duftige Frühlingswiesen. Die Obstbäume rechts des Weges sind in voller Blüte, was für eine Pracht. Links beginnt der Wald, in den dann bald auch unser Weg abzweigt. Und dann geht’s hoch. Und zwar richtig. Der schmale Weg schlängelt sich in Serpentinen hinauf. Uns kommen einige verwegene Mountainbiker entgegen – das würde ich mich nicht trauen. Einmal vom Weg abgekommen geht es steil hinab – wer da fällt, der stürzt richtig ab. Als wir endlich oben sind, haben wir 400 Höhenmeter gemeistert und könnten es sogar beweisen, der moderne Globonaut misst ja jeden seiner Schritte elektronisch. Die Hochebene, die uns erwartet, ist weit und karg, Gras und Felsen, aber mit spektakulärem Blick hinunter ins Tal und zur Burg Teck. Hier weht ein kühler Wind, aber die Sonne scheint trotzdem fast sommerlich vom knallblauen Himmel. Eine kurze Pause auf einer Bank, dann weiter. Jetzt läuft es sich einfach, kaum noch Höhenunterschiede, fast gemütlich. Wir finden ein schönes Plätzchen und packen unsere Vorräte aus – auf Wegzehr in einem netten Landgasthof kann man in diesen Zeiten ja leider nicht bauen. Aber wir sind gut präpariert und eine halbe Stunde später wohlig satt. So ein Radler dazu wäre allerdings echt nett gewesen…

 

 

 

 

Durch das idyllische Tal mit Kühen im Hintergrund dringt nerviges Getöse – Motorräder. Warum bitte können dieseDinger nicht mit Elektroantrieb fahren? Die Typen
drauf können sich auch gerne Kopfhörer mit „sportlichem Sound“ aufsetzen. Wir jedenfalls laufen entlang des Tals bis zum Biohof Ziegelhütte. Normalweise bestimmt ein äußerst idyllischer Stopp, der kleine Hofladen ist geschlossen, bietet aber in keimfreien Zeiten Kuh- und Ziegenkäse und selbstgebackene Kuchen. In der Ferne grasen die Milchproduzenten, wir aber biegen nach links ab und machen uns an den Abstieg. Der führt wieder durch einen Wald und die Zipfelbachschlucht hinunter. Wie perfekt, dieser Name. Wie im alleridyllischten Märchen schlängelt sich der Fluss hinunter ins Tal, mal schmal in seinem Bett, mal in viele kleine Wasserfälle geteilt und ab und an überquert von kleinen Holzbrücken. Würzig duftender Bärlauch wächst rechts und links, weiter unten blüht er weiß und wo bleibt jetzt bitte Schneewittchen? Am Ende der Schlucht wartet das fast ebenso idyllische Dörflein Hepsisau, das ich bisher nur aus Erzählungen einer Studienfreundin kannte. Bei ihr klang es doch eher wie „abgelegenes Kaff“, ein so hübsches Örtchen hätte ich nicht erwartet. Vor dem Backhaus lassen wir uns am Dorfbrunnen nieder, Radler, jetzt wäre der perfekte Zeitpunkt für ein Radler! Corona sagt nein und so laufen wir weiter durch’s Dorf zurück Richtung Bissingen. Gelbe Rapsfelder, dazwischen ein paar Reiterinnen – ist Stuttgart wirklich nur 30 km entfernt? Kurz entsteht die Idee, hier nach einem Häuschen Ausschau zu halten, dann hätten wir eine Stadtwohnung und ein Landidyll. Als wir zum Schluss noch auf eine Schafherde treffen, verfestigt sich der Plan. Und nachdem wir in Bissingen noch den Landmetzger besucht haben, sind wir uns eigentlich sicher. Jetzt müssen wir nur noch das kleine einsame Holzhäuschen finden, inmitten einer Blumenwiese, aber bitte mit perfektem Internet. Wer einen Tipp hat, bitte melden!

   

P.S. Wer diese schöne Wanderung auch machen möchte: Es waren insgesamt etwa 15 km mit heftigen An- und Abstiegen, in Bissingen/Teck Richtung Dorfweiher, weiter aus dem Ort hinaus, dann links hoch in den Wald Richtung Breitenstein (der Weg heißt hier „hochgehadelt“), oben angekommen links dem roten Dreieck folgen, durch den Biohof Ziegelhütte, dahinter links die Straße runter und in der Linkskurve ab in die Botanik ins Zipfelbachtal bis hinunter nach Hepsisau, von dort links halten Richtung Bissingen.

 

Malaysia Truly Asia

Die kleine Lockdown-Erinnerungsreihe geht weiter und zwar mit einem Land, das wir so häufig wie kein anderes besucht haben: Malaysia. Ich habe mich beim Schreiben mit Wonne in unseren Erlebnissen verloren und bin von einer fantastischen Erinnerung in die nächste gerutscht. Aber leider gibt es nur wenige Bilder, die die Pracht wiedergeben, denn damals haben wir noch Dias gemacht und von denen ist leider nur ein kleiner Teil digitalisiert. Also müsst ihr mir jetzt vor allem glauben!

Zu Beginn war es alles andere als Liebe auf den ersten Blick. Es war unsere dritte große Reise Mitte der 90er Jahre, wir hatten zuvor das damals noch so freundliche Venezuela und später dann Thailand bereist. Dort hatten wir unsere Liebe für Südostasien entdeckt und waren neugierig auf ein Land, das noch etwas abseits der klassischen Backpackerrouten lag. 

Lonely Planet hat uns durch viele Länder der Welt ziemlich zuverlässig begleitet, aber bei unserem ersten Ziel in Malaysia lag er vollkommen daneben mit seinem superauthentischen Unterkunftstipp. Das vermittelte uns leider eine völlig falsches Bild der eigentlich total spannenden Hauptstadt. Unser „Homestay“ war ein winziges Zimmerchen in einer Privatwohnung inmitten einer Hochhaussiedlung, weit ab der nächsten Metrostation und ohne jeden Charme. So spulten wir in ein paar Tagen ein Mindest-Besuchsprogramm ab und fühlten uns insgesamt so wenig wohl, dass wir „Kay El“ auf dem Rückweg vermieden. Die Liebe auf den zweiten Blick bei unseren nächsten Aufenthalten saß dann aber: Kuala Lumpur – nein, wirklich jeder dort nennt es KL – ist eine tolle Stadt, die für jeden etwas zu bieten hat. Der morbide Charme der Shophouses in Chinatown, die glitzernden Malls und die Zwillingstürme der Petronas Towers in KLCC (keiner sagt hier Kuala Lumpur City Centre), der koloniale Bahnhof, die quietschbunten indischen Tempel (unser Favorit ist der Sri Mahamariamman Tempel in Chinatown) und sogar ein paar Naturparadiese in der Großstadt, allen voran der Schmetterlingspark – das kriegt man hier alles und mit der futuristischen Metro ist es auch meist gut zu erreichen. Und man kann einer der eigentlichen Attraktionen Malaysias hier besonders frönen: dem Essen. Die Stadt ist voll von Hawker Centern, große Essensmärkte, bei denen man an diversen Ständen einen so unfassbar leckeren Überblick über den ethnischen Mix Malaysias bekommt. Ich schwärmte schon in dem Beitrag über Georgetown davon und muss es jetzt nochmal betonen: die malaiische, chinesische und indische Küchen verbinden sich in Malaysia zur kulinarischen Perfektion. Und weil sie so gerne gut essen, findet man in Großstädten wie KL auch fast jede andere Küche der Welt. Als Sushi bei uns noch kaum zu kriegen waren, schlugen wir uns dort die Bäuche voll, wir luden uns den Tisch voll mit marokkanischen Vorspeisen, unser Alltime-Favourite bleibt aber trotzdem ein ganz einfaches Roti Canai, Pfannkuchen mit Curry. 

Malaysia ist ein Vielvölkerstaat. Die Hälfte der Einwohner sind Malaiien, fast ein Viertel Chinesen, 10 % gehören zu den indigenen Gruppen und 7% sind Inder. Und dieser Mix macht sich nicht nur beim Essen bemerkbar, sondern überall in Architektur und Alltagsleben. Und es ist ein islamisches Land, aber wir haben es immer als gemäßigt empfunden. An der Ostküste geht es deutlich traditioneller zu als im Westen, trotzdem ist es auch hier eines der wenigen islamischen Länder der Welt, in dem ich mich als Frau stets sicher gefühlt habe. Und Malaysia kann mit zwei vollkommen unterschiedlichen Landesteilen aufwarten: dem Festland, mit Thailand im Norden und Singapur im Süden, zwischen Adamanensee und indischem Ozean gelegen, und den beiden Bundesstaaten Sarawak und Sabah auf der Insel Borneo, die sich Malaysia mit Indonesien teilt. 

Erst einmal zum Festland. Die klassische Route führt von KL aus nach Norden über die Teeplantagen der sehr britischen (und damals sehr kühlen) Cameron Highlands zur Insel Penang mit ihrer Hauptstadt Georgetown. Ich war 2016 ja noch mal ein paar Tage dort und verlinke hier auf meinen Bericht. Kultur, tolle kleine Cafés und gutes Essen gefällig? Ab nach Georgetown!

Wir reisten dann weiter nach Kota Bharu an der Ostküste. Der Ort ist mir als wenig spektakulär und tatsächlich eher dreckig in Erinnerung. Ich weiß nur noch, dass wir mit dem Zug fuhren und viele Stunden Verspätung hatten. Immer wieder standen wir längere Zeit, um den Gegenverkehr durchzulassen, aber es war vergnüglich und wir unternahmen einige kurze Spaziergänge, bevor uns das Tröten des Zugs wieder zurückrief. Kota Bharu bietet den Zugang zu den Inseln des Ostens und wir entschieden uns für die Perhentians. Sie waren schon damals nicht mehr ganz unentdeckt, trotz beschwerlicher Anreise mit Bus und kleinem Boot. Aber sie kamen unserer Vorstellung von einer Trauminsel relativ nah. Wir hatten eine recht komfortable Hütte in der Nähe des Strandes, hinter uns begann der Dschungel und abends zogen die Affen über uns hinweg und warfen kleine Stöckchen auf das Wellblechdach unserer Unterkunft. Zum Frühstück gab es die unfassbar leckeren Roti, Pfannkuchen, die aus einem zähen fettigen Teig dünn gebraten und mit gesüßter Kondensmilch oder einem leckeren Curry serviert werden. Eric aß dort sein erstes und wahrscheinlich auch letztes Taschenkrebscurry, es war zwar köstlich, aber er musste sich dem Tier, dass in Soße schwamm, mit den Fingern nähern und es gab eine ziemliche Sauerei. Oder eher Krebserei. Ein paar Jahre später, als die Perhentians dann schon voll vom Tourismus entdeckt waren, fanden wir eine weitere Trauminsel an der Ostküste, Lang Tengah, und verbrachten auf diesem kleinen Juwel eigentlich mehr Zeit unter als über Wasser, tauchend und schnorchelnd. Das Korallenriff war direkt vom Strand aus zu erreichen, man watete ein paar Meter durch’s flache Wasser, umgeben von kleinen Riffhaien und ersten bunten Fischen, tauchte dann ab und war im Unterwasserparadies. Einen Neoprenanzug konnte man sich im warmen Wasser sparen, T-Shirt und Tauchjacket drüber, das reichte vollkommen. Bunte Korallen, noch buntere Fische und meine Angst vor Muränen habe ich dort schnell abgelegt. Der Traumstrand dürfte auch heute noch einer sein, das wunderbare Korallenriff wurde leider ein Opfer von El Nino…. 

Ist man erst mal an der relativ untouristischen Ostküste und hat sich sattgebadet, bietet sich eine Busfahrt der Kontraste ganz hinunter in den Süden an. Ich meine, wir fuhren die 700 Kilometer in zwei Etappen, mit einem Aufenthalt in Kuantan. Bis auf die vorgelagertem Inseln – weiter unten komm noch das wahrscheinlich etwas bekanntere Tioman – findet man relativ wenige Reisende hier. Wir schaukelten in unserem Bus durch Kampungs – Gemeinschaftssiedlungen aus Holzhäusern – immer wieder liefen Affen über die Straße, hier geht es sehr traditionell und sehr islamisch zu. Und plötzlich tauchten in der Ferne die glitzernden Hochhäuser Singapurs auf, unser staubiger Bus fuhr in das futuristische Gebäude des Grenzübergangs Woodlands und wir waren in der Hightech-Zivilisation angekommen. Malaysia war damals schon hochpreisiger als andere südostasiatische Länder, Singapur toppte das noch und so übernachteten wir dort in einem fensterlosen Zimmerchen außerhalb der Innenstadt. Aber: es hat sich gelohnt. Gerade auch weil der Gegensatz zur ländlichen Ostküste Malaysias so schrill war. Wir zogen durch die Shopping Malls, gönnten uns einen Singapore Sling im Innenhof des berühmten Raffles-Hotel und schlemmten uns durch Hawker Center. Was uns immer in Erinnerung bleiben wird, ist ein Besuch im Nachtzoo. Erst nach Sonnenuntergang öffnet der die Pforten und durch ein besonderes Spiel mit Licht und Schatten hat man den Eindruck, in der nächtlichen Landschaft direkten Kontakt mit den Tieren zu haben. Die Absperrungen sieht man kaum, die Tiere sind sehr aktiv und wir hatten das Gefühl, von der puren Exotik umrundet zu sein. Wir verließen Singapur schweren Herzens mit dem Zug nach Malakka, eine damals noch etwas vor sich hindämmernde historische Perle an der Westküste Malaysias, die mittlerweile sicherlich ihre volle kolonialen Pracht entfaltet hat. In Seremban verbrachten wir unsere letzte Nacht, KL umgehen war ja immer noch unsere Devise.

Eine klassische Umrundung Festlandmalaysias hatten wir damit geschafft und das anfängliche Unbehagen Schritt für Schritt abgelegt. Nicht so voll wie Thailand, immer wieder sehr ursprünglich, sensationelles Essen, erstaunlich einfach zu bereisen und mit spektakulärer Natur – das waren die Eindrücke, die wir von unserer ersten Malaysia-Reise mitnahmen. 

Es folgten in den kommenden Jahren noch vier weitere – auch weil wir den Sprung vom Festland nach Ostmalaysia auf die Insel Borneo wagten. In der freundlichen Hauptstadt des Bundesstaates Sarawak, Kuching, kann man locker ein paar Tage verbringen. Man muss es auch, denn Reisen in Sarawak sind nicht ganz einfach und viele Wege führen dann doch immer wieder nach Kuching zurück. Aber die hübsche Promenade am Fluss, die schönen ethnologischen Museen und das leckere Essen (unser Favorit war das Open Air Restaurant auf dem Dach des großen Parkhauses in der Innenstadt mit einer Riesenauswahl merkwürdigen Seegetiers) machen es zu einem Vergnügen. Und dann diese besondere Atmosphäre – man spürt einfach, dass hinter Kuching das abenteuerliche Borneo beginnt, Dschungel, Tiere und das Land der Ureinwohner.

Unseren ersten Dschungelausflug unternahmen wir in den Bako Nationalpark. Keine Busstunde und einen schönen Bootstrip von Kuching entfernt liegt für mich das Paradies. Bako ist anstrengend, bei Hitze und extremer Luftfeuchtigkeit verlangen einem die Trails durch den Dschungel einiges ab, literweise Wasser und Essen muss man mitschleppen, auf den Wanderwegen ist man allein – also zumindest sind keine Menschen dort 🙂 Deswegen kommen zum Glück immer noch relativ wenige Touristen hierher und übernachten tun wegen der Nähe zu Kuching noch weniger. Die kleinen Hütten sind ziemlich basic, das Essen auch, Proviant sollte man sich aus Kuching mitnehmen und nachts muss man sich darauf gefasst machen, dass eine Horde Borneobartschweine um die Hütten wandert und die Wege aufwühlt – ach, und von Kokosnüssen sollte man sich auch nicht erschlagen lassen.Die Wanderwege durch den Park bieten allerdings unfassbare Natur- und Tierbegegnungen, die jeden Liter Schweiß wert sind. Es sind vor allem die Nasenaffen und fleischfressende Pflanzen, die besonders faszinieren. Und von beiden bekommt man reichlich zu sehen. Aber auch dieses Gefühl, wirklich ganz allein im Dschungel zu sein, macht sehr sehr glücklich. Mich zumindest. Ich werde nie das Gefühl vergessen als ich nach unserer ersten Übernachtung schwersten Herzens auschecken wollte, eher beiläufig meinte, eine weitere Nacht könnten wir ja wohl nicht bleiben und der Ranger meinte, er könne ja mal telefonieren. Die Übernachtungen waren damals kompliziert, man musste schon in Kuching buchen und eine Genehmigung einholen. Er kam zurück und sagte ja, ihr könnt noch bleiben, und ich war im siebten Himmel.

 

Jahre später waren wir mit Patenkind Anna Lena dort und so anstrengend es auch für sie war, ich glaube, sie fand es toll. Anekdötchen: wir saßen beim Frühstück im Freiluftrestaurant und hatten uns als Goodie Schokoaufstrich aus Kuching mitgebracht. Wir waren noch beim ersten Kaffee als es Zack machte, ein behaarter Arm griff zu und weg war unser Nutella. Es war ein Makake gewesen, der sich in Sichtweite von uns hungrigen Eigentümern in einem Busch niederließ, das Glas professionell aufschraubte und Finger für Finger den Inhalt leerte – wir schwören, er hat uns dabei angegrinst.

Eine der Attraktionen Sarawaks sind die Langhäuser der Iban, Gemeinschaftshäuser, in denen ganze Dorfgemeinschaften leben. Und so touristisch unentwickelt Sarawak damals war, Hilton konnte mit einer Attraktion aufwarten: einem luxuriösen Langhaus mitten im Dschungel. Das Batang Ai Hilton haben wir uns nach einigem Überlegen und Rechnen geleistet – und es war sein Geld wert. Auch weil wir fast allein dort waren. Und wir einen Ausflug in ein echtes Langhaus machen durften, zu den wild tätowierten Iban, die uns stolz ihre Schrumpfköpfe präsentierten. 

Mit einem breiten Lächeln denke ich an Mukah zurück, einem kleinen Städtchen der Melanau etwa 400 km östlich von Kuching. Wir wollten mehr sehen von Sarawak, hatten eine weitere Reise dorthin geplant, ich lag krank im Bett in Stuttgart und fing an zu googeln. Wieder gesund buchte ich den Flug in der Mini-Maschine und kontaktierte das Kulturzentrum „Lamin Dana“, in dem man auch übernachten kann: http://www.lamindana.com/index.php  Der Flug von Kuching aus in diesem winzigen Flugzeug über den Urwald, durch den sich breite Flüsse schlängelten, die herzliche Begrüßung, das Haus am Wasser, von dessen Terrasse aus man stundenlang dem Leben am Fluss und den Flößern zugucken konnte – Erinnerung, in denen ich gerne versinke. Das Highlight war ein Ausflug mit dem Kayak entlang des Flusses, die freundlichen Menschen, die am und vom Wasser leben, uns scheu, erstaunt oder herzlich zuwinkten, eine wunderbare Erfahrung.

So viel gibt es zu erleben in diesem tollen Land und vieles haben wir noch gar nicht gesehen. Bis Sabah, dem östlichen malaiischen Bundesstaat auf Borneo haben wir es nicht geschafft, und so wirklich viel von Sarawak auch nicht gesehen. Einen ganz guten Eindruck haben wir von Festlandmalaysia, das ist allerdings viele Jahre her. Sicherlich hat sich in allen Orten unglaublich viel getan. Aber das klassische Touristenziel in Südostasien ist Malaysia immer noch nicht. Der Titel der Tourismuskampagne war damals „Malaysia truly Asia“. Und der Spruch passt wirklich fast genauso gut wie „Incredible India“.

Also, wenn wir uns dann alle wieder auf den Weg machen können, vielleicht auch mal über Malaysia nachdenken. Wer sich durch Asien schlemmen möchte, zur Not das Frühstück auch mal mit Makaken teilt, einen bunten Völkermix erleben will und vor allem auf unvergessliche Naturerlebnisse aus ist, der ist hier genau richtig!

Die wunderbare Träne Indiens

Fast zehn Jahre ist es her, dass wir uns für Sri Lanka als Reiseziel entschieden hatten. Lang her und deswegen trügt mich meine Erinnerung wahrscheinlich, aber ich meine, einer der Gründe für unsere Entscheidung war, dass wir zu spät für Indien dran waren. Sri Lanka konnte man damals noch ohne Visum bereisen, was heute nicht mehr der Fall ist. Aber immer noch ist es deutlich einfacher und schneller, eine Einreisegenehmigung für das frühere Ceylon zu erhalten als für den riesigen Nachbarn.

Also Sri Lanka, die Träne Indiens. Der Name hat ausschließlich etwas mit der Form der Insel zu tun, die an der Südspitze des Subkontinents im indischen Ozean alles andere als Traurigkeit bietet. Und das trotz über 25 Jahre Bürgerkrieg, der damals gerade zu Ende gegangen war, und dem Tsunami von 2004. Besser nicht in den tamilischen Norden fahren, das war die einzige Einschränkung, an die wir uns halten wollten, und so ging es im September 2010 von Frankfurt nach Colombo.

Viele Touristen kriegen die Hauptstadt Sri Lankas gar nicht zu sehen, weil sie gleich an die Badeorte weiterreisen und viel verpassen tun sie dabei nicht unbedingt. Aber: in der ansonsten weitgehend attraktionslosen Hauptstadt begegnete uns gleich der erste koloniale Traum. Und weitere sollten folgen…. Einen entspannten Sun Downer auf der Veranda mit Blick über den indischen Ozean im Galle Face Hotel, eine leckere erste Begegnung mit der ceylonesischen Küche im Curry Leaf Restaurant – der Urlaub konnte kommen.

Nach den ersten nachgerade luxuriösen Tagen waren wir bereit für’s Abenteuer und wollten das Hochland Sri Lankas erobern. Mit dem Zug ging es in eine Stadt mit dem köstlichen Namen Kandy. Bezeichnenderweise wird hier ein Zahn Buddhas im „Temple of the sacred tooth relic“ verehrt, er ging aber weder dort verloren noch war Zucker dafür ursächlich. Die Fahrt in einem rumpligen, in die Jahre gekommenen Zug durch die zunehmend grünere Landschaft hinauf ins Hochland, durch Dschungel und Teeplantagen war spektakulär. So richtig in Erinnerung blieb sie mir aber, weil die Zugtüren die ganze Zeit über geöffnet waren und man sich gemütlich auf den Ausstiegsstufen niederlassen und sich den Fahrtwind um die Nase wehen lassen konnte. Echte Hochgeschwindigkeiten werden hier nicht erreicht und wir waren halt auch noch zehn Jahre jünger 🙂

     

Sri Lanka hat eine eigene Elefantenart, bedroht wie so viele, aber im Pinnewala Elefanten Waisenhaus wird ihnen ein wenig geholfen. Verwaiste und verletzte Elefanten werden hier aufgepäppelt und bescheren den Touristen einige wunderbare Momente, wenn sie sie beim großen Elefantenbaden beobachten dürfen. Für uns war es der allererste Kontakt aus unmittelbarer Nähe, damals noch mit einer überschaubaren Zahl von Mittouristen. Die Einrichtung ist wohl mittlerweile umstritten, wir haben es vor 10 Jahren als recht positiv empfunden.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Was Sri Lanka besonders faszinierend macht ist die tiefe Spiritualität der Menschen. Die Tempel sind fast immer voll, Feiertag hin oder her. Die Menschen sehen indisch aus, die Zeremonien sind buddhistisch, es ist immer eine ganz besondere, lebendige Atmosphäre, bei der Feuer in Form von hunderten Öllämpchen und Rauch eine große Rolle spielen.

 

 

 

 

 

Und einen ganz besonderen Einblick in das religiöse Leben bekommt man im „Cultural Triangle“, dessen Eckpunkte die heiligen Städte Kandy, Anuradhapura und Polonnaruwa bilden. Es gibt so unglaublich viel zu sehen in diesem Gebiet, hier lohnt eine organisierte Tour oder ein eigener Fahrer. Wir entschieden uns für letzteres und bekamen in den folgenden Tagen Dagobas satt. Dagoba ist die singhalesische Version der Stupa, buddhistische Bauwerke, riesige Halbkugeln mit charakteristischer Spitze, die wie eine Antenne in eine andere Welt wirkt. Das Bauwerk selber dient maximal der Aufbewahrung von Reliquien, wirklich begehbar sind sie nicht. Trotzdem sind sie riesig, perfekt halbrund geformt und umgeben von lebendigem religiösen Leben.

So indisch Sri Lanka auf den ersten Blick wirkt, drei Viertel der Bevölkerung sind Buddhisten, die bunten hinduistischen Tempel und prachtvollen Saris der Frauen findet man maximal im tamilischen Norden – und da gehen wir ja nicht hin. Der Felsentempel in Dambulla ist mir in besonderer Erinnerung geblieben, in fünf prachtvoll bemalten Höhlen finden sich mehr als 150 Buddha-Statuen, ein Weltkulturerbe mit einer ganz besonders schönen Stimmung in der Kühle und dem Halbdunkel.

 

 

 

 

Aukana mit den riesigen stehenden Buddhas, zu deren Füßen religiöse Zeremonien abgehalten werden, ist ein weiteres Highlight der Tour. Es ist schade, es ist zu lange her als dass ich mich noch daran erinnern kann, wie es genau auf uns gewirkt hat. Aber die Bilder, die ich wirklich schon ewig nicht mehr angeschaut habe, zaubern mir immer mal wieder ein Lächeln auf die Lippen. Woran ich mich noch sehr gut erinnern kann ist der extrem schweißtreibende Aufstieg auf die Felsenfestung Sigiriya, ein weiteres Weltkulturerbe. Steilste Stufen führten uns und viele viele Pilger hinauf auf den 200m steil aufragenden Monolithen.
Es war heiß und ich meine mich zu erinnern, dass wir jeder nur eine Flasche Wasser dabei hatten, im Vertrauen darauf, dass es oben schon was gäbe. Nö…. Aber: überlebt und die Blicke waren toll!

  

Es gibt so unglaublich viele beeindruckende historische Stätten, aber ganz ehrlich: irgendwann waren wir kultursatt. Und reif für die schöne Natur und eine weitere weltberühmte Spezialität Sri Lankas: Tee. Ella, auf tausend Meter Höhe gelegen ist der perfekte Ort für beides. Wir hatten ein schönes Guesthouse mit spektakulärem Blick gefunden, genossen das im Vergleich zum heißen Flachland fast schon kühle Bergklima, wanderten durch Teeplantagen und in Ermangelung von Wegen und – ganz wie die Einheimischen – auf den Bahngleisen. Belohnt wurden wir mit perfekten Blicken in das weite Grün und der Begleitung durch einen sehr freundlichen Hund. Beim After-Hike-Drink in einem Café im Nirgendwo fragten wir uns, wo wir unseren treuen Kameraden denn jetzt lassen sollten, aber am letzten Abzweig vor unserem Guesthouse drehte er ab und ward nie mehr gesehen.

 

Als Insel im Traumozean hat Sri Lanka natürlich auch Unmengen von Stränden zu bieten, es war Urlaub und natürlich wollten wir auch Sand und Meer. Wir fanden ihn, den Traumstrand, den wir fast für uns allein hatten, im Süden der Insel. Am Marakolliya Beach verbrachten wir ein paar entspannte Tage. Aber ganz ehrlich, wer klassischen Strandurlaub möchte, dem würden wir Sri Lanka nicht unbedingt empfehlen. Ein Land, in dem das Badevergnügen der Einheimischen darin besteht, in voller Bekleidung maximal hüfttief in der Brandung zu stehen, stellt einen zu heftigen Gegensatz zu den westlichen Badenixen und -wassermännern dar. Der Strand ist häufig schmal und aus heutiger Sicht – wir waren mittlerweile noch zwei mal für Ayurvedakuren dort – haben die vielen vielen Hotels dem Paradiesfeeling den Garaus gemacht. Umso glücklicher sind wir, dass wir damals diesen Strand mit dem schönen Licht gefunden haben.

     

Ich schrieb am Anfang von den kolonialen Träumen und die sind wirklich ein Grund, nach Sri Lanka zu reisen. Die vielen schönen Gebäude, die Portugiesen waren hier, die Holländer und natürlich die Briten. Und wenigstens haben sie schöne Architektur hinterlassen, die ihre tropische Patina bekommen hat und häufig spektakulär restauriert wurde. Den morbiden Charme alter Zeiten haben wir im Nooit Gedacht in Unawatuna genossen, das Fort von Galle ist ein kleines Gesamtkunstwerk und dort haben wir unser koloniales Paradies gefunden: das Galle Fort Hotel werden wir wohl nie vergessen. Wir wollten uns zum Schluss noch etwas leisten, haben schwäbisch hin und her überlegt und uns dann doch in das nicht ganz günstige, aber noch verschmerzbar teure Hotel eingemietet. Und dann hatten sie sich verbucht. Unser Zimmer – und das war bereits ein Traum – stand nur für eine statt drei Nächten zur Verfügung. Und deswegen wurden wir upgegradet – in eine riesige Suite, die wir gar nicht mehr verlassen wollten, weil sie einfach so so schön war. In jeder Ecke gab es etwas zu entdecken, überall antike Stücke, so platziert als habe sich der Besitzer nur kurz mal an den schönen Pool verabschiedet. Ich glaube, sie haben sich selber gefreut darüber wie wir uns gefreut haben.

  

Ja, und noch eine wunderbare Erinnerung war der Kochkurs, den wir in Unawatuna gemacht haben. Inklusive Marktbesuch, wo es nicht immer unblutig zuging. Aber die ceylonesische Küche ist so ganz besonders, mit dem typischen Geschmack von Curryblättern und ganz eigenen Currymischungen. Kottu Roti, zerhäckselte Pfannkuchen mit Fleisch oder Gemüse, ist mein ganz großer Favorit. Lohnt sich wirklich sehr, mal in die Sri Lankische Küche reinzuschmecken, aber Achtung: kann höllisch scharf sein!

So, Ihr Lieben, vielleicht konnten wir Euch etwas Lust auf Sri Lanka machen. Was wir damals nicht erlebt haben, war Ayurveda, aber das haben wir später nachgeholt. Ich war 2016 im Lawrence Hill Paradise in Hikkaduwa, unter deutscher Leitung und hier wird Ayurveda sehr professionell betrieben. Eric war letztes Jahr ziemlich angetan vom Pure Nature Ayurveda House in der Nähe von Bentota. Nicht ganz so streng, unter österreichischer Leitung, sehr herzlich. Er schrieb mir damals, es sei eher so Kaffeehaus-Ayurveda 🙂 Ich fürchte, beide Häuser werden gerade wirtschaftlich sehr unsicheren Zeiten entgegenblicken, vielleicht habt ihr in besseren Zeiten mal Lust, euch da zu erholen.

Und wer noch mehr träumen möchte von Sri Lanka (und auch anderen Ländern), dem empfehle ich sehr die Vlogs von Allison und Eric von The Endless Adventure. Sie posten aktuell ihre Videos von Sri Lanka, die sie im Februar gefilmt haben. https://www.youtube.com/watch?v=YmAAz3s8A8c

So Ihr Lieben, jetzt hoffe ich, ich konnte euch kurz entführen in ein wunderbares Land. Mich jedenfalls hat das Sichten von Erics schönen Bildern und das Durchblättern unseres abgegriffenen „Lonely Planet“ wieder zurückversetzt in die schöne Zeit. Und auch wenn wir alle noch etwas länger aussetzen müssen mit der Reiserei – irgendwann geht’s wieder los und bis dahin wühle ich weiter in alten Bildern und meinem Bücherregal mit den Reiseführern. Ist noch genügend Material da 🙂

 

 

Do widzenia Wroclaw!

Und schon war’s das wieder mit Wroclaw. Unglaublich, wie schnell neun Tage vorbeigehen. Das Wetter meint es heute etwas besser und so genieße ich den letzten Abend, wie der erste begann: auf dem Marktplatz mit einem Bier. 

Wroclaw ist eine Reise wert, auf jeden Fall. Und zwei oder drei Tage sind zu wenig für diese spannende Stadt. Nicht nur bei gutem Wetter kann man es hier mindestens eine Woche gut aushalten und jeden Tag aufregende Dinge erleben. Wohnt man in oder nahe der Altstadt braucht man kein Auto, auch Tagesausflüge gehen gut mit der Bahn. So wie meiner nach Swidnica, dem früheren Schneidwitz. Etwa eine Stunde dauert die Fahrt, das Ticket ist günstig, die Züge modern und pünktlich. Auch in Swidnica findet sich ein hübscher Marktplatz mit bunten Häusern, die eigentliche Attraktion ist aber die Friedenskirche, mal wieder ein Weltkulturerbe. Im Jahr 1657 erbaut vermutet man hinter der Fachwerkkonstruktion nicht unbedingt eine Kirche. Und das ist gewollt, sie wurde nämlich in Folge des Westfälischen Friedens erbaut. Die dortige Vereinbarung für Schlesien ließ drei evangelische Kirchen im ganzen Land zu. Aber unter Bedingungen: nicht aussehen wie eine Kirche, auf möglichst schwierigem Grund bauen, mit möglichst ungeeigneten Materialien und in maximal einem Jahr. Sie haben’s geschafft, sogar in nur zehn Monaten, kein Nagel hält die Kirche zusammen und ihr Inneres ist prachtvoll. Wär das nicht ein Modell für die marode deutsche Bahn? Nur drei Großprojekte und maximal ein Jahr? Das mit dem möglichst schwierigen Grund halten sie in Stuttgart ja schon ein. Wir hätten einige Probleme weniger…
Wer es je nach Swidnica schaffen sollte: unbedingt dem Café Baroc am Eingang zum Kirchengelände einen Besuch abstatten, so historisch bekommt man seinen Kaffee selten serviert.

An einem strahlenden Morgen bekomme ich endlich die Gelegenheit, mir die Altstadt von Wroclaw mal von oben anzuschauen. Rauf auf den Turm der Elisabethkirche ist zwar schweißtreibend, aber das Panorama wirklich schön. Nur abwärts ist schrecklich, die enge gewundene Treppe mit stetem Gegenverkehr macht keinen Spaß, aber runter muss ich ja irgendwie. Viel angenehmer ist da die Aussichtsplattform der Universität. Auch von hier hat man einen schönen Blick, vielleicht nicht ganz so weit, dafür über gut ausgebaute, breite Treppen erreichbar. Die Uni ist eine Sehenswürdigkeit für sich, Breslau war eine europaweit anerkannte Hochschule und nach 1945 wurde hier quasi die Lemberger Professorenschaft angesiedelt. Die prunkvollen Säle waren schwer zerstört und wurden teilweise erst vor einigen Jahren rekonstruiert. Eine altehrwürdige Institution, die viel auf ihre Traditionen zu halten scheint. Das merkt man schon an der langen Galerie der Rektoren, alle im hermelinbesetzten Umhang mit Zepter. Nur ganz zum Schluss ein Outlaw: Prof. Pacholski, Rektor von 2005-2008, hat sich hemdsärmelig porträtieren lassen. Den roten Umhang locker über den Arm geworfen, sticht er aus der ehrwürdigen Reihe heraus. Ich glaub, mit dem hätte ich gerne zusammengearbeitet 🙂 

Und wenn wir schon bei den Outlaws sind, jetzt endlich zu den Zwergen. Wieviele über das Stadtgebiet verteilt sind, weiß wohl niemand genau, die Angaben schwanken zwischen 150 und 600. Ursprünglich waren sie ein Symbol der „Orangen Alternative“, einer Spaß-Guerilla zu Zeiten des Kriegsrechts, und ich finde, das passt so gut zu den Polen: verschmitzter Protest. Mittlerweile schmücken sich viele Geschäfte mit den kleinen Gnomen, häufig passend zum Gewerbe und immer aufwändig gearbeitet sind sie zum Liebling der Touristen geworden. Für einen Urlaub mit Kindern ist die Zwergensuche sicherlich ein Highlight. Es gibt sie ganz klassisch weintrinkend vor dem Rathauskeller, aber auch sehr modern mit Laptop. Vor dem Geldautomaten stehen sie und kontrollieren die Abhebungen mit dem Rechenschieber, räkeln sich im Bett vor dem Art Hotel oder diskutieren Baupläne vor dem Architektenbüro. Jedenfalls zaubern sie einem immer ein Lächeln auf’s Gesicht.

 

So vieles könnte ich noch berichten von dieser schönen Stadt. Vom Lampenanzünder, der im schwarzen Umhang jeden Abend seine Runde über die Dominsel dreht. Von den modernen Shoppingcentern, die durchaus Spaß machen an einem verregneten Nachmittag. Von der fabelhaften, gut gelaunten polnisch-italienischen Frisörcrew von Fabryka No1, die mich vorhin verschönerte und sich über ihr Werk fast noch mehr gefreut hat als ich. Von der Markthalle, in der sie Steinpilze für 10 Euro das Kilo verkaufen. Den hübschen Parks und und und. Also, bevor es Wroclaw ergeht wie dem überfüllten Krakau oder Prag: herkommen und genießen!!!