Überraschungen im Osten

Die Frage, wie wir nach Polen kommen, hatte uns Corona beantwortet. Fliegen ging nicht, viele Stunden im Zug schien keine gute Idee, also haben wir uns für’s Auto entschieden. Flexibel, virengesichert und ganz nach dem Motto „Der Weg ist das Ziel“ haben wir nicht nur Polens Norden bereist, sondern auch an Deutschlands östlicher Grenze erstaunliche Entdeckungen gemacht. 

Da war auf dem Weg nach Polen zunächst Görlitz. Kein echter Geheimtipp mehr und eigentlich nicht geeignet für nur einen Nachmittag. Das größte zusammenhängende Denkmalgebiet Deutschlands, das hätten wir ernster nehmen sollen. Eine Besichtigung von Görlitz ist ein Spaziergang durch fast tausend Jahre Architekturgeschichte mit über 4000 Kultur- und Baudenkmalen. Wir besichtigen die Pfarrkirche St. Peter und Paul, schlendern vom Unter- zum Obermarkt und weiter zum Marienplatz, wo uns das Görlitzer Warenhaus von 1913 leider nur von außen beeindruckt. Die Stadt ist nicht nur für ihre Geschichte, sondern auch als Filmstadt berühmt geworden und das Foyer des Jugendstil-Gebäudes bildete das „Grand Budapest Hotel“. Ich fand den Film ja nicht so dolle, aber die Bilder haben mich damals fasziniert. Noch eine Tasse Kaffee und ein kurzer Spaziergang über die Neißebrücke hinüber nach Polen, dann geht es schon weiter.

 

Also wieder rauf mit Görlitz auf unsere Bucket List, für die Stadt sollte man mindestens zwei volle Tage, besser mehr, einplanen und einen guten Architekturführer mitbringen. Wer einen kurzen Ausflug über die polnische Grenze machen und ganz ganz ganz hervorragend essen möchte, dem sei der Palac Lagow oder Schloss Leopoldshain empfohlen. Nicht so sehr zum Wohnen, es ist leider nur von außen fürstlich und zudem direkt an der Autobahn gelegen. Aber das ist sofort vergessen, wenn das Essen serviert wird: zart gebratene Entenleber mit crunchig-buttrigem Grünkohl, saftiges Schweinefilet mit samtigem Rote-Betepürree und schlesischen Knödeln, danach ein Abenteuerteller voll leckerstem Dessert mit dem weltbesten Crumble – es war unser Auftakt zu vielen polnischen Köstlichkeiten.

Bereits auf dem Rückweg nach Deutschland erfüllte ich mir einen langgehegten Wunsch: ein Ausflug nach Eisenhüttenstadt. Wieso denn das bitte, fragt ihr euch vielleicht. Wenn ihr im trüben Herbst ein  wenig lächeln wollt, dann schaut euch ein altes Video aus der David-Letterman-Show an. Tom Hanks berichtet hier sehr witzig von seinen Erlebnissen auf der deutschen Autobahn und ab 5:50 min über Eisenhüttenstadt. Und seither will ich da hin.

Eisenhüttenstadt wurde Anfang der 50er Jahre als sozialistische Wohnstadt für ein Eisenhüttenkombinat errichtet und sollte das Modell einer arbeiterfreundlichen Siedlung mit Komplettversorgung sein. Wohnungen, Freizeiteinrichtungen, Einkaufen, Schulen, Krankenhaus – alles in unmittelbarer Nähe. Etwas Graues und Karges hatte ich mir vorgestellt, eher menschenfeindlich, so ein bisschen wie eine kommunistische Gropiusstadt, in der man maximal Werbung für „Plaste und Elaste aus Schkopau“ erwarten kann. Den Eindruck erweckt ja auch die Schilderung von Tom Hanks. Und dann ist es ganz anders.

 

Die riesige Siedlung ist in vier Bereiche unterteilt, die auch heute noch Komplex Nr.1 bis Nr. 4 heißen. Sie überrascht aber als erstes durch die vielen Grünflächen und die Weitläufigkeit. Vier Stockwerke sind das Maximum und auch wenn man sich die heute bunten Fassaden in tristem DDR-Grau vorstellt, sind sie immer noch interessant und voller Details. In den Erdgeschossen Raum für Läden, eine riesige Gaststätte und große grüne Innenhöfe mit vielen Bänken. Wenn ich das mit Stuttgart-Freiberg, Hamburg-Mümmelmannsberg oder den vielen Plattenhaussiedlungen im Osten vergleiche, dann ist es kein Vergleich. Hier scheint der Sozialismus seinen Arbeitern doch glatt mal was Gutes getan zu haben. Schade nur, dass die Stadt diese Perle so wenig vermarktet, trotz Steilvorlage durch Tom Hanks. Aber wenigstens haben sie eine hilfreiche Broschüre für einen Rundgang erstellt, die wir sehr empfehlen.

Weiter südlich, wieder direkt an der Grenze zu Polen gelegen, trifft man im verschlafenen deutschen Städtchen Bad Muskau oder Łęknica auf polnischer Seite auf ein veritables Weltkulturerbe. Der Muskauer Park des Fürsten Pückler ist ein klassischer Landschaftsgarten, in dem es sich rechts und links der Neiße schön flanieren lässt. Über die vielen Brücken kann man Europa voll und ganz auskosten, kurz rüber nach Polen, dann wieder zurück nach Deutschland. Der Park ist auf der polnischen Seite größtenteils verwildert, auf der deutschen trotz heftiger Zerstörungen im und nach dem Krieg jedoch sehr gut restauriert. So große Botanikfans sind wir eigentlich  nicht, was uns aber total begeistert und was man auf gar keinen Fall bei einem Besuch auslassen sollte, ist die Ausstellung im restaurierten Schloss über den ziemlich durchgeknallten Fürsten. Als wahrer Globonaut bereiste er die ganze Welt, lebte als Dandy in London oder Wien, reiste durch den Orient, schreckte auch nicht davor zurück, sich auf einem Sklavenmarkt im Sudan eine Reisebegleiterin zu kaufen, schrieb unzählige Reiseberichte und legte nebenbei noch den Park in Bad Muskau an. Wir haben einige sehr vergnügliche Stunden in dem toll gestalteten Museum verbracht und den Park danach in einem ganz anderen Licht gesehen.

  

 

Und ganz zum Schluss dann noch eine weitere große Überraschung: Bautzen. Knast, Senf und Rechtsradikale, das war das, was ich mit der Stadt bisher verbunden habe. Schau mal, die vielen Türme, sagte Eric auf der Hinfahrt nach Polen, als wir Dresden hinter uns gelassen hatten. Und dann die Autobahnausfahrt Bautzen. Kann nicht sein, dachte ich, und googelte. Doch, das ist Bautzen. Also musste auf der Rückfahrt ein Stopp her. Ein Spaziergang durch die restaurierte mittelalterliche Altstadt mit ihren vielen Türmen, die „Alte Wasserkunst“ an der Spree, die vielen Kneipen und Restaurants – ein Ausflug lohnt sich! Bautzen oder Budyšin ist die Hauptstadt der Sorben, die Straßenschilder sind zweisprachig und überall trifft man auf sorbische Kulturstätten. Und weil ich selber eine kleine Teil-Sorbin bin – mein Urgroßvater Gustav Noack hatte sorbische Wurzeln –  finde ich es hier besonders interessant. Wieder mal viel zu wenig Zeit für viel zu viel spannende Stadt! Wie schon so häufig stelle ich fest: Im Osten warten noch so viele Überraschungen, die ich unbedingt entdecken will!

  

            

Ein Haus in Pommern

Wir sind bereits seit zwei Wochen in Polen unterwegs, haben prachtvolle, gekonnt restaurierte Städte und Burgen, endlose Ostseestrände und pilzgesprenkelte Wälder erlebt. Wir haben wunderbar gegessen und mit leckerem Bier auf unser Glück mit dem strahlend spätsommerlichen Wetter angestoßen. Während in den meisten Nachbarstaaten Deutschlands die Corona-Zahlen aus dem Ruder laufen, scheinen wir mit Polen genau die richtige Entscheidung getroffen zu haben, zumindest im September 2020.

Auch im Slowinski-Nationalpark haben wir alles richtig gemacht. Wir wohnen nicht im geschäftigen Leba am östlichen Rand des Parks, sondern im winzigen Smoldzino. Und wenn die Matratze nicht so durchgelegen und die Kissen nicht so hart gewesen wären, hätten wir in dem Ferienhäuschen Pod Jesionem das Paradies gefunden. Wir empfehlen es trotzdem!

Mit einer Tasse Kaffee gehe ich nach einer unruhigen Nacht auf die schöne Dachterrasse. Der Morgendunst liegt über dem Dörfchen und den Feldern in der Ferne. Der Nachbar ist auch schon wach, bemerkt aber nicht, dass ich ihm von meinem Ausguck in den Hof schauen kann. Ein kleines altes Gehöft, ganz sicher aus der Zeit als Smoldzino noch Schmolsin hieß. Ein einfaches Wohnhaus, ein winziger Stall, vor dem Hühner im Gras picken. Der Nachbar läuft langsam und gebückt, ein alter Mann, der seine Tiere versorgt und es sich irgendwann auf der mittlerweile sonnenbeschienenen Holzbank gemütlich macht. Nicht viel anders wird es vor 100 Jahren gewesen sein, als meine Urgroßeltern drei Stunden westlich von hier in einem kleinen Dörfchen bei Schivelbein ihren Lebensabend genießen wollten. Lass uns nach Pribslaff fahren, sage ich zu meinem Mann.

Ein paar Tage später machen wir uns auf Richtung Swidwin. 2015 habe ich meine erste Reise hierher gemacht, versucht, mir in den Resten des alten Schivelbein vorzustellen, wie meine Großmutter, mein Vater und meine Tanten hier bis 1946 lebten. Und meine vielen anderen Verwandten, die Schivelbein über die Jahrhunderte treu blieben. Ich habe sie nie kennengelernt und erst durch meine Ahnenforschung herausgefunden, wie groß die Familien der Krügers und Henkes, der Beckers, Völz und Polzins hier eigentlich waren. Sichtbare Spuren sind keine geblieben, sie alle waren einfache Arbeiter und Bauern, und noch nicht einmal die Mittelstraße im Herzen Schivelbeins, in der meine Omi Meta lebte, ist noch erkennbar.

Keine drei Kilometer liegt das kleine Bauerndorf Stary Przybysław vor den Toren Swidwins. Als es in den dreißiger Jahren noch Pribslaff hieß, hatten die Kinder der Familie Krüger mitgeholfen, hier ein Haus zu bauen. Die Eltern – meine Urgroßeltern August und Albertine Krüger – sollten darin noch ein paar schöne Jahre verleben. August Krüger musste nach einem Leben schwerer Arbeit als Schweinemeister auf dem Gut von Cleve in Teschenbusch mit 61 Jahren in den Ruhestand gehen. Seine Gesundheit spielte nicht mehr mit. Im Herbst 1936 zogen er und seine Frau Albertine in ihr eigenes Haus, ein zweistöckiges Gebäude mit Stall und Schuppen, einem Gemüsegarten und einem Kartoffelacker, zusammen etwa 2500 qm. Im „Antrag auf Feststellung von Vertreibungs­schäden“ ist alles genau festgehalten. 1935 hatte August Krüger das Grundstück für 1000 Reichsmark erworben. Gebaut wurde ein Wohnhaus mit massivem Hartdach, 10 x 9 Meter, ein Stall, 12 x 6 Meter, ebenfalls mit massivem Hartdach und ein Schuppen, 7 x 4 m, mit einem Dach aus Brettern und Pappe. 3200 Reichsmark betrug die Hypothek bei der Kreissparkasse Belgard. August bekam 50 Reichsmark Rente, schrieb mein Großonkel Max, seine Frau Albertine 20 Reichsmark. Das reichte gerade für die Hypothek und zum Leben. Und Max schrieb weiter: „Soweit ich es beurteilen kann, war die Zeit von 1936 bis zum Kriege die schönste Zeit im Leben der Eltern.“ Drei Jahre also.

Albertine Krüger mit Max, Bruno, Meta, Willi und Grete

Die Söhne Bruno und Ernst, die Schwiegertochter Käthe und die kleine Enkelin Waltraud starben im Krieg. Nach der Besetzung Pribslaffs am 04.03.1945 kamen August und Albertine mit dem Leben davon, schreibt Max. 16 Bewohner des Ortes, darunter unmittelbare Nachbarn, starben durch „Mord und andere Greueltaten“. Der Schwiegersohn Otto Remus wurde verschleppt und kehrte nie mehr zurück, Tochter Grete flüchtete nach Berlin und erlag dort 1946 dem Fleckfieber. Die drei verbliebenen Kinder, darunter meine Großmutter Meta, wurden 1946 mit ihren Familien aus Schivelbein ausgewiesen.

Max beschreibt auch die letzten Tage von August. „Die Herzkrankheit des Vaters verschlimmerte sich immer mehr. Es war ein Herzasthma mit qäulendem Luftmangel verbunden. Weder ärztliche Betreuung noch Medikamente waren vorhanden. Die Kinder waren alle fort und die Eltern allein, krank und hilflos. Für das tägliche Brot musste gebettelt werden. Als Vater sein Ende nahen fühlte, bat er die Mutter, sie möge ihm einen Sarg bauen. Vater starb am 22.06.1946. Ein Bekannter hat aus dem Holz des Bettes einen Sarg gezimmert. Den letzten Weg zum Friedhof in Pribslaff legte Vater auf einem Handwagen zurück.“

Albertine Krüger wurde im Frühjahr 1947 siebzigjährig aus Pribslaff ausgewiesen. Auf abenteuerlichen Wegen schaffte sie es endlich zu ihren Kindern nach Ratzeburg. Sie starb dort 1956 mit fast 79 Jahren.

2015 war es schon später Nachmittag als ich von Swidwin nach Stary Przybysław fuhr. Ich hatte zwei Photos von dem Haus dabei, in den 40er Jahren aufgenommen. Und die Hausnummer 19 aus einem alten Einwohnerverzeichnis von Pribslaff. Es war aussichts–los. Das Dorf zog sich entlang einer nicht enden wollenden Straße, im Ortskern ein paar Backsteinhöfe, die Kirche schon lange abgerissen, der Friedhof eine verwilderte Wiese. Die Hausnummern hatten sich über die vielen Jahre verändert und auch von den damaligen Häusern schienen einige die Zeit nicht überstanden zu haben. Die Sonne ging langsam unter, es wurde kühl und ich beschloss, nach Swidwin zurückzufahren. Das Haus schien es nicht mehr zu geben. Am Dorfende, kurz vor dem Abzweig nach Swidwin wollte ich einen letzten Blick auf den Ort werfen, schaute nach links und hielt kurz die Luft an. Da stand es, ganz eindeutig, das Haus von August Krüger. Ich stieg aus. Wie konnte mir das Haus beim Herfahren entgangen sein? Da hat Dich Deine Omi kurz geschubst, sagte mein Mann später, und genau dieses Gefühl hatte ich in dem Moment.

Und jetzt also 2020. Auch in Stary Przybysław haben wir das gleiche Glück mit dem Wetter wie die zwei Wochen zuvor. Wir fahren erst in den Ort hinein, parken am Spielplatz in der Dorfmitte, wo früher die Kirche stand. Keine Kirche mehr, kein Laden, keine Gaststätte. Ein Trecker mit Kartoffeln biegt um die Ecke, sonst sind kaum Menschen zu sehen. Wer hier lebt, scheint sich nach Swidwin zu orientieren. Wir machen einen Spaziergang und merken dann doch, dass zwischen dem Verfall etwas Neues entsteht. Ein paar schmucke Neubauten, ein liebevoll restauriertes Häuschen am Weg zum Sportplatz, Kürbisse säumen die Straße dorthin.

Jetzt noch zu August Krügers Haus, sage ich. Wir setzen uns wieder ins Auto, fahren Richtung Swidwin und parken am Straßenrand gegenüber. Ein Mann spricht uns auf deutsch an. Was das denn für ein Kennzeichen sei, „DR“. Wir lachen, wissen wir auch nicht, das ist ein Mietwagen. Wir kommen ins Plaudern, er ist LKW-Fahrer und wohnt in Cloppenburg, hier genießt er das Landleben. Warum wir so auf das Haus gegenüber schauen? Das hat mein Urgroßvater gebaut, sage ich. Er ruft hinüber, da sind Leute, ich hatte sie gar nicht gesehen. Eine Frau kommt ans Tor, „August Krüger“, ruft sie, und mir läuft ein Schauer über den Rücken.

Wir gehen hinüber, der freundliche LKW-Fahrer übersetzt. Aus der Nähe sieht man, dass im Haus renoviert wird. Das rechte Fenster steht offen, eine frisch gestrichene weiße Zimmerwand leuchtet hinaus. Die Frau sprudelt los, sie hätten gerade den Holzboden entfernt, die Dielen lägen noch im Hof und auf einem der Bretter stünde „August Krüger Neu Pribslaff“. Sie bittet uns in den Innenhof, ein Stall, ein Schuppen, eine Wasserpumpe, Blumen. Da liegen die Bodendielen. Die Frau und ihr Mann suchen kurz, hier, das ist das Brett mit dem Namen drauf. Die Frau erzählt und erzählt, der LKW-Fahrer kommt kaum mit dem Übersetzen nach. Sie bittet mich ins Haus, entschuldigt sich für das Renovierungschaos. Trotzdem darf ich in jedes Zimmer. Die Kachelöfen und die Holztreppe nach oben sind noch genauso erhalten, wie sie 1936 gebaut wurden. Die Zimmer sind klein, aber gemütlich, das Haus ist von innen viel heimeliger als von außen. Ein richtiges Zuhause, für August und Albertine in den 30er Jahren, für die herzliche polnische Familie heute.

Wieder auf dem Hof versuchen wir, uns noch ein wenig zu unterhalten, aber außer „dzień dobre“- Guten Tag – und „dziękuję“ – danke – sprechen wir kein polnisch. Und der arme LKW-Fahrer ist ja eigentlich hier, um die Ruhe des Dorfes zu genießen. Also verabschieden wir uns, all das muss ich sowieso erst mal verdauen.

Hatte mich meine Omi 2015 geschubst, um das Haus zu entdecken, muss jetzt August Krüger selbst am Werk gewesen sein. Über achtzig Jahre liegen die Holzdielen im Haus und ein paar Tage bevor ich nach Pribslaff reise, werden sie herausgenommen und jemand entdeckt die Aufschrift. Und dann kommt zufällig noch ein Pole dazu, der sehr gut deutsch spricht. Ein kleines Zauberhäuschen. August und ich haben am selben Tag Geburtstag, er 1875, ich 1965. Vielleicht wollte er mich ja einfach einmal kennenlernen, wer weiß 🙂

Albertine Wilhelmine Auguste Krüger, geb. Becker * 18.03.1877 in Neu Pribslaff † 13.02.1956 in Ratzeburg August Ferdinand Eduard Krüger * 28.04.1875 in Seligsfelde † 22.0.1946 in Pribslaff

 

 

Am Meer

Grömitz 1966 – Ostsee-Fan seit 54 Jahren

Jetzt, wo graue Herbst- und Coronawolken aufziehen, scheint mir ein guter Zeitpunkt für sonnige Erinnerungen an endlose Strände und blaues Meer gekommen zu sein. Wir haben auf unseren Reisen einige sandige Küsten gesehen und mit ganz leichter Wehmut denke ich zurück an den magischen Strand von Casuarina im Norden Darwins, die Traumstrände von Mauritius und Rodrigues oder unseren Privatstrand auf der winzigen philippinischen Insel Pamilacan. Aber: so weit und so südlich muss man gar nicht reisen. Die gute alte Ostsee kann da durchaus mithalten, finde zumindest ich.

Polens Ostseeküste ist fast 500 km lang. Wir haben nur einen winzigen Teil davon gesehen, aber vier ganz unterschiedliche Eindrücke bekommen. Müsste eigentlich für jeden Geschmack was dabei sein.

 

Nummer 1: Der touristische Strand

Von Elblag aus fahren wir auf die Frische Nehrung. Ganz typisch für die Ostsee sind diese schmalen Sandstreifen, die Haff und Meer voneinander trennen. Etwa 40 km östlich von Danzig beginnt die Nehrung und zieht sich über 70 km bis ins russische Kaliningrad. Der Reiseführer spricht von Partystädtchen in den Hauptorten, deswegen bleiben wir am Fuße der Nehrung im gemächlichen Katy Rybackie. Schön sind die Orte hier nicht, der Verkehr braust auf der Durchgangsstraße und die Ferienhaus-Architektur ist wenig attraktiv. Aber direkt hinter unserer Pension beginnt der Wald, nach ein paar Metern springen doch tatsächlich Rehe über den Weg und in etwa 20 Minuten erreichen wir den Strand. Es ist keine Ferienzeit mehr, allein sind wir hier zwar nicht, aber es verteilt sich. Dies ist die Bernsteinküste, viele Spaziergänger haben den Blick nach unten gerichtet und hoffen auf den großen Fund. Wir machen mit, aber mehr als ein paar stecknadelkopfgroße Bröckchen finden wir nicht. Das Wasser ist viel zu kalt zum Baden, aber der Strand wunderbar zum Laufen. Dieses Licht an der Ostsee ist ganz besonders und zaubert gerade am späteren Nachmittag eine grandiose Stimmung. Schön ist es hier, aber das finden natürlich auch andere und nicht alle wollen einfach nur die Natur genießen. Ein nerviger Jetski-Fahrer lässt erahnen, was hier in der Saison los ist. Und das, obwohl die großen Hotelanlagen hier fehlen. Aber das nahe Danzig sorgt für reichlich Tagesausflügler. An Wochenenden im Hochsommer tobt hier bestimmt das Leben. Mit Kindern hat man wahrscheinlich Spaß, aber für uns ältere Semester braucht’s keine Karussells und Dino-Parks. Stimmungsvoll ist es am späten Nachmittag am Haff. Doch Obacht: Kaliningrad leitet seine Abwässer hier hinein. Man riecht zwar nichts, aber die Wasserqualität soll sich in Grenzen halten. Sehr schade um die idyllische Landschaft. Die zwei Tage sind nett, aber einen längeren Urlaub würden wir hier nicht verbringen wollen.

 

Nummer 2: Der Stadtstrand

Oh glückliche Städte mit eigenem Strand!

Nicht Polen

Das gleich mit mehreren Traumstränden gesegnete Darwin habe ich schon erwähnt, Sydneys legendären Bondi Beach fanden wir enttäuschend, Mumbais Chowpatty ist interessant, hat aber ein Müllproblem. Rostocks Warnemünde habe ich in allerbester Erinnerung, trotz gefühlter Windstärke 12. Perfekt fanden wir Tel Aviv, der Trumpeldor Beach hat einfach alles, was man sich von einem Stadtstrand so erwartet, weißen Sand, gute Stimmung und kühles Bier. Auch Danzig hat einen eigenen Strand, man erreicht ihn mit der Fähre zur Westerplatte und er ist durchaus schön. Aber wahrscheinlich eher für die Danziger selber. Was für ein Luxus, nach der Arbeit noch kurz an den Strand gehen zu können, aber sicherlich kein Grund, das wunderbare Danzig extra deswegen zu besuchen. Beim Ausflug auf die Westerplatte haben wir allerdings sehr gerne noch etwas mit den Füßen im Meer geplanscht.

 

Nummer 3: Das Strandbad

Die Strandbäder in Pommern zogen ab Mitte des 19. Jahrhunderts Badegäste an. Kolberg ganz vorneweg, aber auch Henkenhagen spielte durchaus oben mit, wenn’s um die gediegene Sommerfrische ging. Auch heute noch sind die Ostseebäder an der pommerschen Küste beliebt – vor allem bei älteren Urlaubern, die das Ganze mit Kuren und Wellness verbinden. Letzteres haben wir auch nötig und so mieten wir uns für drei Nächte in einem Kurhotel in Ustronie Morskie, dem früheren Henkenhagen, ein. Und machen einfach mal gar nichts. Außer essen – Halbpension ist im günstigen Preis inbegriffen – , bissle strandspazieren und uns massieren lassen. Unterstützt werden wir dabei von der nicht vorhandenen Sonne. Trüb, kühl und nass, das lädt dazu ein, gemütlichst einfach mal im wirklich bequemen Bett zu bleiben. Die Massagen sind hervorragend und preiswert, wie eigentlich überall in Polen ist das Hotel blitzeblank, das Zimmer modern und gut ausgestattet und das Essen für den Preis wirklich ok. Der Ort ist gewöhnungsbedürftig, die Hotels quetschen sich entlang der engen Strandpromenade und der eigentliche Strand ist hier schmal. Im Speisesaal gehören wir zu den jüngeren Gästen, viele davon Deutsche, die sich morgens vor dem Konsulationszimmer des Arztes drängen. Es ist Nebensaison und viele Restaurants im Ort sind bereits geschlossen. Vielleicht auch, weil Gäste hier gerne Halb- oder gar Vollpension gebucht haben. Aber die verrammelten Buden an der Hauptstraße zeigen deutlich: im Sommer geht’s hier ab. Wir sind froh über drei erholsame Tage und genießen die Massagen, aber dann ist auch gut. Ob wir hier in der Hochsaison eine ganze Woche aushalten würden? Eher nicht.

 

Nummer 4: Der Nationalpark

Und das beste dann zum Schluss! Im Slowinski-Nationalpark werden alle Ostseeträume wahr. Wir kommen erst am frühen Nachmittag in Leba, dem tourisitischen Zentrum im Osten des Nationalparks an. Dahinter geht es ein kurzes Stück mit dem Auto weiter, dann aber nur noch zu Fuß. Wir laufen durch einen hübschen Nadelwald, bunte Pilze leuchten im Moos, ab und an sieht man eine sandige Düne im Hintergrund. Es duftet nach Harz, Sonne und Meer. Auf dem weichen Waldboden läuft es sich angenehm, aber es zieht sich. Nach etwa drei Kilometern scheint erst Halbzeit zu sein auf dem Weg zum Meer. Besichtigen kann man hier deutsche Raketen-Abschussrampen, die gen England zielten, aber das lassen wir aus. Nach etwa einer Stunde kommen wir am Rand einer Düne an. Ab hier geht es nur noch barfuß weiter und was zunächst wie ein Dünchen aussah, entwickelt sich nach kurzem Aufstieg zum riesigen Sandmeer. Diese Düne ist gigantisch. Die polnische Sahara, haben wir lächelnd gelesen, aber so falsch ist der Vergleich nicht. Heller feiner Sand wohin man blickt, Sandhügel, Sandtäler und im Hintergrund die tiefblaue Ostsee. Nur ein Teil des riesigen Sandkastens ist begehbar, der Rest abgetrennt und ganz der Natur überlassen. Schienen es uns unten doch einige Menschen zu sein, die die Düne besteigen wollten, ist hier alles so groß, so weitläufig, dass man sich fast allein vorkommt. Das haben wir nicht erwartet. Weiter hinten führt eine sandige Schlucht zum Meer, nach links und nach rechts ein endloser Strand, den wir fast für uns alleine haben.

Die meisten Besucher laufen durch den Wald zurück zum Parkplatz. Erics Handy-Navi sagt uns aber, dass man am Strand genauso zurückkommt. Ein wunderbarer Spaziergang in der Abendsonne, aber nach fast 15 km Gesamtstrecke sind wir froh, als wir in der Dämmerung wieder am Auto sind. Wir werden nicht in Leba übernachten, sondern an der Westseite des Parks und das stellt sich als die genau richtige Entscheidung heraus. Sehr ländlich, sehr ruhig und am Strand ist man dann wirklich ganz allein. Wäre das Bett doch nur gemütlicher gewesen, im idyllischen Stojcino, wir hätten Wochen hier verbringen wollen. Nicht nur die schöne Ostsee und die Traumstrände, auch die märchenhaften Nadelwälder mit ihrem weichen Moosboden, der über und über pilzgesprenkelt ist, wären gute Gründe dafür.

 

Corona auf polnisch

Reisen in Corona-Zeiten und auch noch ins Ausland. Muss das sein? Muss nicht, aber kann, finden wir, wenn man sich das richtige Land aussucht und sich an die Regeln hält. Unsere Wahl fällt auf Polen, niedrige Zahlen und doch so nah, dass man zur Not in ein paar Stunden wieder in Deutschland ist. Aber, so ganz geheuer ist es wohl keinem Reisenden in Corona-Zeiten und ich gebe zu, dass ich das Ende unserer Tour und einen ordentlichen Sicherheitsaufschlag abgewartet habe, bevor ich darüber schreibe. Und jetzt ist es eh egal wo man sich aufhält, Stuttgart, Baden-Württemberg und eigentlich ganz Deutschland sind Risikogebiet. Auch in Polen explodieren leider die Zahlen,  aber zum Glück erst einige Zeit nach unserer Rückkehr. Also: eigentlich alles richtig gemacht, die große Reisesehnsucht befriedigt und wer weiß, wie lange wir von den Erinnerungen zehren müssen.

Wir haben uns für einen Mietwagen entschieden und unser erstes Ziel in Polen ist Posen. Auf den polnischen Autobahnen fährt es sich wunderbar, sehr wenig Verkehr und so viel stressfreier als in Deutschland. Die Idioten sind –  wie so oft – auf den Landstraßen unterwegs und halsbrecherisches Überholen scheint ihr besonderes Hobby zu sein. Aber erst mal egal, unser Apartment in Posen liegt in der Altstadt und hat eine Tiefgarage, die nächsten zwei Tage wird gelaufen. Uns erwartet eine sehr stylische kleine Wohnung, in der wirklich an alles gedacht wurde, vom selbst gebackenen Begrüßungskuchen bis hin zum Corona-Set bestehend aus Masken, Latexhandschuhen und antiseptischer Handcreme. In polnischen Städten ist man mit Ferienwohnungen sehr viel besser bedient als mit Hotels. Sie sind häufig nagelneu, toll eingerichtet und günstig, die Erfahrung hatte ich schon in Krakau und Breslau gemacht und – ich greife dem mal vor – das gilt auch für Torun und Danzig.

Die Altstadt von Posen oder Poznan ist überschaubar und bezaubernd. Auf dem Stary Rynek, dem Alten Markt, steht das beeindruckende Rathaus aus dem 16. Jahrhundert. Eingerahmt wird der prächtige Renaissancebau von Stadthäusern, die meisten mit Cafés, Bars oder Restaurants im Erdgeschoss, die bei fast sommerlichem Wetter und trotz Corona gut besucht sind. Eine schöne Stimmung herrscht auf diesem zentralen Platz der Stadt, viele polnische Touristen scheinen unterwegs zu sein, westliche Sprachen hört man kaum.

  

Wir drehen ein paar Runden vorbei am quirligen Leben der Stadthäuser, tauchen dann in die Gassen rundum ein und landen schließlich in der „Kirche des heiligen Stanislaus“. Ich liebe die barocke Pracht, Eric sind die wuchtigen rötlichen Säulen, die üppigen Deckengemälde und die vielen verschnörkelten Seitenaltäre fast ein bisschen zu viel. Aber in jedem Fall gibt es hier einiges zu sehen.

Hungrig geworden landen wir in der Nähe der Kirche im Restaurant Szarlotta, eher ein Café, aber trotzdem mit sensationellem Essen. Wir bestellen traditionell, als Vorspeise Tatar und dann Pieroggen mit Ente gefüllt. Was kommt, ist eine kreative Überraschung: ambitioniert und köstlich. Der Tatar wird unter einer Glashaube serviert, die ihn mit Rauch von Apfelbaumholz bedampft und ein tolles Aroma hinterlässt. Die Pieroggen sind sehr lecker, sensationell aber ist der Rotkohl, der sie begleitet, leicht knackig, zimtig und köstlich. Es gibt viele gute Gründe nach Polen zu fahren, das leckere Essen ist eindeutig einer davon.

Die Dominsel, Posens kirchliches Zentrum, nehmen wir uns am nächsten Tag vor. Die gotische Backstein-kathedrale ist beeindruckend, aber wir haben mittlerweile vor allem Essen im Kopf. Im Szeneviertel Srodka direkt hinter der Dominsel genießen wir in dem coolen kleinen Restaurant „Na Winklu“ noch mal köstliche Pieroggen. Himmlischen Kuchen zum Nachtisch gibt es im idyllischen Garten des kleinen Caritas-Cafés „Na Trakcie“, versteckt hinter dem Dom.

Neben all der schönen Historie empfehlen wir aber auch ein modernes Wahrzeichen der Stadt: das Einkaufszentrum Brawowska. Ein ganz und gar gelungener Umbau einer alten Brauerei in ein Einkaufs-, Kultur- und Gastronomiezentrum. Sehr lohnenswert, für Shopping- und Architekturbegeisterte.

Unser Fazit: Ein Besuch in Posen lohnt sich sehr! Und noch ist eine gute Zeit, hierher zu kommen. Overtourism wie in Krakau oder demnächst auch Breslau oder Danzig kennt die Stadt noch nicht, obwohl sie sicherlich kein Geheimtipp mehr ist. In den vielen tollen Cafés und Kneipen kann man wunderbar Zeit verbringen, kulturell ist einiges geboten, insgesamt eine gute Atmosphäre, die wir gerne auch noch etwas länger genossen hätten. Aber Polen hat ja so viel zu bieten.

Wir machen einen kurzen Zwischenstopp in Bydgoszcz oder Bromberg. Ein nettes Städtchen, ein kurzer Bummel, ein schnelles Mittagessen und ein freundlicher Kaffee im Strefa Cafe. Die Überraschung kommt zum Schluss: das Innere der Kathedrale St Martin und Niklas. Von außen ganz klassischer Backsteinbau, wollten sie es drinnen wohl mal anders machen. Poppige Lila-, Pink und Orangetöne machen die Kirche zu einem Erlebnis.

 

Und dann weiter nach Torun. Schon so lange wollte ich hier her, die mittelalterliche Stadt gehört zum Weltkulturerbe, hier wurden Nikolaus Kopernikus geboren und die Thorner Kathrinchen, kleine feine Lebkuchen, erfunden.

Und Torun ist schön, das Rathaus und der Marktplatz ganz besonders. In den Straßen der Alt- und Neustadt kann man bummeln und sich verlieren, aber diese Atmosphäre von Posen, die Lust macht, die Stadt noch weiter zu entdecken, hat Torun nicht. Vielleicht auch, weil der Tourismus hier voll angekommen ist. Sehenswert ist es aber in jedem Fall. Wir beginnen unseren Rundgang auf dem Marktplatz mit dem schönen altstädtischen Rathaus, davor eine Statue von Kopernikus, Corona-gerecht trägt er Maske, wie so einige seiner bronzenen Kollegen in der Umgebung. Die Häuser rund um den Platz sind reich verziert, in der Hansestadt Torun wurde schon vor 800 Jahren Handel getrieben und die Kaufleute machten es sich schön. Nett spazieren kann man auch außerhalb der imposanten Stadtmauer an der glitzernden Weichsel, auf der die Waren verschifft wurden. So richtig viel Spaß macht es später, im äußerst gemütlichen „Coffee and Whiskey House“ einen gediegenen Cocktail zu uns zu nehmen und uns in den Ohrensesseln fast schon britisch zu fühlen.

Torun ist eine Gründung der Deutschordensritter, von der ehemaligen Burg Thorn sind nur noch Ruinen erhalten, aber den echten Rittertraum kann man im Städtchen Malbork erleben, knappe zwei Stunden weiter nördlich. Die Marienburg ist ebenfalls Weltkulturerbe und ihre Besichtigung eine wunderbare Zeitreise. Im 13. Jahrhundert erbaut war sie nur etwa 150 Jahre Sitz des Hochmeisters des Deutschordens, danach residierten die polnischen Könige hier. Die riesige Backsteinanlage ist ziemlich perfekt restauriert. Ein Audioguide führt uns in die letzten Winkel und es ist großartig. Großartig wiederhergestellt, großartig berichtet und von großartigen Ausmaßen. Wir schreiten in Höfe und Keller, über Zugbrücken, durch Empfangshallen und Kreuzgänge in die Gemäche der Großmeister. Irgendwann ist man rittersatt in dieser riesigen Anlage, aber man sollte trotzdem noch die Kraft aufbringen, über die Brücke ans andere Ufer zu laufen um ein Photo vom Gesamtkunstwerk zu machen.

 

Wir sind begeistert, aber erschöpft, und fahren ins nahe Elblag, früher Elbing. Eric versucht sich im netten Restaurant an der polnischen Sprache, möchte die gebratene Ente auf polnisch bestellen. Die freundliche Bedienung schüttelt mitleidvoll lächelnd den Kopf, hält jeden Aussprache-Unterricht für sinnlos und einigt sich mit ihm auf „the duck“.

Eine kurze Auszeit an der Ostsee – wir berichten später – und dann kommt Danzig. Wir wussten, dass die Stadt im Krieg stark zerstört wurde. Lohnt sich aber, sagt der Reiseführer. Also mieten wir uns für drei Tage ein weiteres stylisches Apartment auf der Speicherinsel. Das Gebäude ist ganz neu, die vier Speicher gegenüber sind aus dem 17. Jahrhundert und harren noch einer Restaurierung. Charmant, aber verfallen. Na, hoffentlich sieht’s her nicht überall so aus. Wir schlendern Richtung Altstadt. Der erste Blick vom Ufer der Mottlau auf die so sehr historisch wirkende Promenade macht uns sprachlos. Die alten Kontorhäuser, die Altstadtore, die Kirchtürme, die im Hintergrund noch mehr versprechen – was für ein Anblick, stolz, hanseatisch und voller Atmosphäre unter tiefblauem Himmel. Wir überqueren die Brücke und betreten die Altstadt durch das Grüne Tor. Es geht grad so weiter, rechts und links des „Langen Marktes“ perfekt restaurierte Kaufmannshäuser. Das Rechtstädtische Rathaus weiter hinten leuchtet uns entgegen,  daneben kann man den backsteinernen Turm der Marienkirche sehen. Danzig ist prächtig!

Wir wollen uns erst mal orientieren, laufen weiter geradeaus bis zum Langgasser Tor – haben wir das alles falsch verstanden und Danzig wurde gar nicht zerstört? Im Torbogen sehen wir es dann aber: rechts und links große Bilder von 1945 – die Altstadt als absolutes Trümmerfeld, viele Häuser bis auf die Grundmauern abgebrannt. 90% der Altstadt waren zerstört und die Polen haben alles wieder aufgebaut, so detailgetreu und geradezu liebevoll, was für eine wunderbare Leistung. Jetzt fallen uns auch die Jahreszahlen an einigen der historisch wirkenden Kaufmannshäuser auf, da steht nicht nur 1775 oder 1809, immer wieder auch 1950 oder noch später. Auch deren Inneres ist bestmöglich restauriert. Wir besichtigen das Rechtstädtische Rathaus mit seinen prunkvollen Sitzungssälen und das originalgetreu eingerichtete Haus der flämischen Kaufmannsfamilie Uphagen. Was für ein Glück, dass das Wetter immer noch mitspielt, Danzig ist ein hervorragender Ort zum Flanieren und Entspannen in Straßencafes.

Die Promenade an der Mottlau ist auf beiden Flussseiten schön, mehrere historische Brücken verbinden die Ufer und dazu noch zwei futuristische: eine riesige Klappbrücke, die sich nur alle halbe Stunde senkt, und eine ovale Drehbrücke. Modernes und Historisches vereinen sich hier ganz selbstverständlich und die Danziger sind noch lange nicht fertig damit. Immer noch wird weiter restauriert, aber auch Neubauten entstehen, und die Kombination ist sehr gelungen.


Am nächsten Tag fahren wir Schiff, in Danzig wurde viel Geschichte geschrieben und auf der Fahrt Richtung Ostsee passiert man die zwei wichtigsten Stationen: die Lenin-Werft, in der die Gewerkschaft Solidarnosc gegründet wurde, und die Westerplatte am Ende der Bootstour. Und dort stellen wir fest, dass wir doch immer noch nicht genug wissen über den zweiten Weltkrieg.
Wo begann er? In Gleiwitz hätte ich gesagt, seit 5.45 Uhr wird zurückgeschossen, das kennt man ja. Nein, es war hier, auf der Danziger Westerplatte, damals eine polnische Exklave in der freien Reichsstadt, die vom Kreuzer Schleswig-Holstein unter Beschuss genommen wurde. Die polnische und deutsche Geschichte sind so eng verwoben, ständig werden wir auf dieser Reise darauf gestoßen, dazu später mehr.

Eine Woche sind wir jetzt unterwegs und haben schon so viel gesehen. Wir brauchen eine Pause von all diesen überwältigenden Eindrücken. Und die Ostsee ist zum Glück gleich um die Ecke. Aber dazu mehr im nächsten Beitrag.

Marbach – voll geschillt

So ein paar freundliche Seiten hat Corona ja doch. Als Dankeschön für’s Nicht-Kündigen hat mir der Verkehrsverbund für die nächsten Wochen freie Fahrt durch ganz BaWü geschenkt. Und so mache ich mich nach Marbach auf. Nicht das mit den Pferden, sondern das mit viel Literatur. Where are the horses, soll die Queen 1965 bei ihrem Besuch hier gefragt haben, hatte sie doch auf das Landesgestüt Marbach im Landkreis Reutlingen gehofft. But sorry, your majesty, in Marbach am Neckar wurde Friedrich Schiller geboren und oberhalb des mittelalterlichen Städtchens befindet sich der Literaturtempel Deutschlands.

Mit der S-Bahn dauert es keine halbe Stunde, um aus dem schwitzigen Kessel hierher zu gelangen. Vom Bahnhof führt ein kurzer, freundlicher Spaziergang zunächst zur Alexanderkirche. Orgelklänge dringen nach draußen und mich zieht es hinein. Das kühle Halbdunkel mit stimmungsvoller Musik eignet sich hervorragend, um das erstaunlich bunte Innenleben der über 500 Jahre alten Kirche zu genießen. 1490 wurde sie fertiggestellt, natürlich diverse Male renoviert und umgestaltet, aber trotzdem scheint das 15. Jahrhundert hier gar nicht so weit entfernt. Finstere Gestalten verbergen sich unter der Orgelempore, strahlende Heilige dominieren die Haupthalle und über allem spannt sich ein buntes Netzgewölbe. Ein netter Einstieg in den Marbach-Tag und zudem praktischer Touri-Tipp: im Nebengebäude befinden sich blitzsaubere öffentliche Toiletten.

Weiter geht es Richtung Altstadt. Die ist besonders gut erhalten und begrüßt mich mit putzigen Fachwerkhäuschen. Eines der ersten ist die Weinstube Zum goldenen Löwen, das Geburtshaus von Friedrich Schillers Mutter und nur ein paar Meter weiter erblickte der Dichterfürst selber 1759 das Licht der Welt. Ein kleines Zimmerchen und eine winzige Küche im Erdgeschoss, so lebte Familie Schiller im 18. Jahrhundert in Marbach. Lang blieben sie hier nicht, schon fünf Jahre später zogen sie weiter. So wirklich prägend war der Ort also nicht für den guten Friedrich, aber irgendwo muss der Kult halt betrieben werden. 

In der hübschen Fußgängerzone geht es an diesem Vormittag recht gemütlich zu, ich setze mich in ein Café und genieße die Entspanntheit. Am Nebentisch zwei ältere Herren, die mit ihren E-Bikes unterwegs sind, beide wahrscheinlich so Mitte 70 noch einigermaßen gut in Schuss. In breitestem schwäbisch kommentieren sie das Weltgeschehen. Ihnen passt ne Menge nicht, aber ganz schlimm ist, dass „mir hier jetzt scho in der Minderheit sind“. Diese Ausländer überall! Ich schaue mich um – ich sehe hier nur sehr mitteleuropäisch wirkende Menschen, die Zeit zu haben scheinen. Und dann fällt doch tatsächlich der Satz „Der Adolf hätt des so ned zu’glasse, aber des darf mo ja ned sage.“ Hat er aber, dieser – Entschuldigung – Depp. Ich hüstele vom Nachbartisch herüber, sie gucken sich kurz um, dann geht es weiter. Keiner würde mehr vermieten wollen, hier und in der Umgebung, weil diese Ausländer sich nicht benehmen könnten. Das wissen die beiden genau, denn ein Bekannter habe seinen Mieter gekündigt, der sei aber nicht gegangen, „der Türk“. Aber die seien ja eh die einzigen, die sich die horrenden Mieten noch leisten könnten, denn da würde ja das Sozialamt zahlen. Während die beiden Sozialleistungsempfänger – ja, Rente gehört auch mit dazu – sich so ihren Kaffee schmecken lassen und weitere anscheinend nicht mehr berufstätige Menschen vorbei schlendern, sehe ich gegenüber, wie zwei Griechen ihre Gaststätte für das Mittagsgeschäft vorbereiten, eine freundliche Dame mit polnischem Akzent räumt die Cafétische ab. Wär ich jetzt irgendwie in Kampfeslaune gewesen, hätte ich den beiden alten Idioten zugerufen „Also die einzigen Menschen, die ich hier arbeiten sehe, scheinen einen ausländischen Hintergrund zu haben“, aber ich lasse es.

Von der Altstadt hab ich jetzt genug und mache mich auf den Weg hinauf auf die Schillerhöhe. Beim Altstadtturm statte ich der Wendelinskapelle aus dem 15. Jahrhundert einen kurzen Besuch ab. Würde ich hier wohnen, das wäre meine Buchhandlung. Ein sehr kleines Sortiment, aber eine sehr persönliche Beratung und das in einem wundervollen Ambiente.

Durch die alte Stadtmauer geht es moderat bergauf, das ist auch bei Temperaturen an die 30 Grad noch gut zu bewältigen. Und oben wartet die Abkühlung auf mich. Ich lasse den ziemlich unschönen Betonbau des Deutschen Literaturarchivs hinter mir, das Schiller-Nationalmuseum ist wegen Bauarbeiten geschlossen, schade, aber mich zieht es eh zum Literaturmuseum der Moderne. Der Chipperfield Bau, 2006 fertiggestellt, beeindruckt mit seiner kühlen Architektur und ebensolchen Temperaturen im Inneren. 18 Grad hat es hier aus konservatorischen Gründen. Corona macht alles etwas komplizierter als sonst, Masken und Handschuhe sind Pflicht, denn hier gibt es einiges zu berühren und zu spüren. Habt Ihr zum Beispiel schon mal euren Herzschlag gemessen während der Rezitation eines Hölderlingedichtes? Die Ausstellungsräume im Untergeschoss enthalten Schätze, von denen ich nicht wusste, dass sie so nah und so konzentriert versammelt sind. Originalhandschriften einmal quer durch die Größten der modernen deutschen Literatur, vom kleinen Notizbuchschnipsel bis hin zum vollständigen Manuskript. Die Klassiker gibt’s in der Sonderausstellung obendrauf, Schiller natürlich und Hölderlin darf in seinem Ehrenjahr natürlich nicht fehlen, Kafka, Celan, Hesse, Kästner, Walser, Handke bis hin zu Michael Ende – alles hier vorhanden. Tage kann man hier wahrscheinlich verbringen, aber nach anderthalb Stunden wird’s frisch und ich bin überwältigt. Jetzt habe ich einen ersten Eindruck, ich kann ja jederzeit wiederkommen.

Zum Aufwärmen drehe ich noch zwei Runden um das Gebäude, das an einen griechischen Tempel erinnert und von jeder Seite spannende Perspektiven, Ein- und Durchblicke bietet. Ein guter Gegensatz zum schwäbischen Fachwerkidyll unten in der Altstadt.

Noch einen Kaffee im bunten Gartenstuhl mit Blick auf das Nationalmuseum, dann geht er schon zu Ende, mein schöner Ausflug. Mal schauen, wo es nächste Woche hingeht.

 

The Wanderers

So langsam können wir einen Wanderführer schreiben. Unglaublich, was für schöne Ausflüge  im Umkreis von Stuttgart möglich sind. An und auf der Alb war es ja schon die letzten Male traumhaft, also dann ein weiterer Versuch. Wir fahren bis Schlattstall und wären am Parkplatz „Lange Steige“ fast wieder umgedreht. Ein Auto reiht sich ans nächste und von Geheimtipp kann keine Rede sein. Aber wir merken schnell, dass unser Routenvorschlag uns genau in andere Richtung führt als die, der die Massen folgen. Also rein ins saftige Grün. Ein idyllisches Tal, es geht leicht bergauf und noch sind die Wege bequem und unproblematisch. Wir sind hier im Biosphärenreservat, der Wald bleibt wie er ist, umgestürzte Bäume werden nicht weggeschafft und das vermittelt einen fast dschungligen Eindruck an manchen Stellen. Noch find ich es wildromantisch. Dann kommt jedoch der Anstieg auf die „Große Schrecke“ und die trägt ihren Namen vollkommen zu recht. Es ist steil und ziemlich ziemlich glitschig, der Weg ist schmal, ein falscher Tritt, einmal abrutschen und der Schrecken wäre da. Ist ja alles schön mit der Natur, aber den Weg möchte ich eigentlich nicht noch mal nehmen müssen. Erstmal oben hat es sich dann aber doch gelohnt, die Ausblicke sind spektakulär und hinter Strohweiler tut sich eine wirklich liebliche Weidelandschaft auf, mit wogenden Getreidefeldern und weitem Blick. Darüber türmen sich dramatisch die Wolken. Hier oben ist man dann wirklich so gut wie allein, der Ort und die kleinen Straßen aus ihm hinaus sind wie ausgestorben. Auf der Hochfläche geht es sich äußerst gemütlich und fast hätten wir den Einstieg in den Abstieg verpasst. „Kernzone“ steht hier überall, das erinnert ja eigentlich eher an Tschernobyl, gemeint ist aber der besonders unberührte Teil des Biosphärenreservat. Runter geht es sehr viel angenehmer als rauf, eine märchenhafte Schlucht, grün überwuchert, sehr schön. Knapp drei Stunden waren die reine Laufzeit, etwa elfeinhalb Kilometer und viele schöne Plätzchen zum Verweilen. Auch das wieder eine sehr empfehlenswerte Tour!

So langsam steht Eric unter Druck, immer aufs Neue muss er schöne Strecken finden und jede sollte besondere Highlights bereithalten. Dann versuch ich es mal mit süßen Tieren, denkt er sich und so führt uns die nächste Tour zunächst nach Eckenweiler, einem Ortsteil von Rottenburg. Hier kommt die Überraschung gleich am Anfang: mitten in der schwäbischen Provinz laufen uns Alpakas entgegen. Und die sind wirklich goldig, wenn auch frisch geschoren und nur noch rund ums Gesicht flauschig.

   

Vorbei am Alpaka-Hof geht es erst mal durch die Felder bis ein veritables Schloss vor uns auftaucht. Weitenburg heißt es und ich frage mich, warum wir trotz der vielen Jahren, die wir in Tübingen gelebt haben, zum allerersten mal hier sind. Der Biergarten im Schlosshof ist leider ein Opfer von Corona, aber hier kommen wir irgendwann nochmal hin. Später lese ich, dass sie High Tea anbieten, was für ein perfekter Ort für einen stilvollen englischen Teenachmittag. Oberhalb des Neckar geht es weiter durch den Wald, den man hier fast für sich alleine hat. Duftige Wiesen, kleine Bäche, auf den bunte Libellen tanzen, wir setzen doch gleich mal einen Marker für ein künftiges Picknick im verwunschenen Idyll. Wie es sich im katholischen Rottenburg geziemt, absolvieren wir den Kreuzweg hinauf zum Frauenkloster auf der Liebfrauenhöhe. Der Höhepunkt der Kontemplation ist dann aber doch eine Schaukel und so beschwingt sind es nur noch ein paar Minuten zurück zum Auto.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der nächste Ausflug ist ein echter Klassiker: durch den Schönbuch bis zum Schloss Hohenentringen. Pflichtprogramm für Tübinger Studenten und trotzdem immer wieder schön. Eine fast gemütliche Runde ohne heftige Auf- oder Abstiege, dafür mit schönen Ausblicken hinunter ins Ammertal, hier kann man eigentlich bei keinem der vielen ausgeschilderten Wanderwege wirklich was falsch machen. Das Highlight unserer Wanderung kommt am Ende: der Biergarten in Hohenentringen hat offen! Und erstaunlicherweise auch noch ein Tischlein für uns, trotz strahlenden Sonnenscheins. So ganz trauen viele wohl noch nicht dem neuen Frieden mit dem Virus. Wir füllen erstmals brav zu Beginn der Schlemmerei einen Zettel mit unseren Kontaktdaten aus und stürzen uns bald darauf auf leckere Maultaschen. War ja immer ganz nett mit unserem mitgebrachten Vesper, aber das ist doch ein ganz anderer Genuss.

 

So langsam werden sie jetzt wohl weniger werden, unsere Corona-Wanderungen. Wir fangen an zu planen, vielleicht mal ein verlängertes Wochenende in Franken und dann steht im September unser Urlaub an. Anfang des Jahres hatten wir über Botswana nachgedacht, das wird es definitiv nicht werden. Aber ich wäre auch nicht traurig, wenn wir Brandenburg kennenlernen würden oder die Ostseeküste in Mecklenburg. Oder vielleicht doch Portugal oder gar Georgien? Schaunmermal, ich plan ja so gerne, um dann nachher vielleicht doch spontan ganz woanders hinzufahren. Aber erst bleiben wir bitte alle mal weiter gesund!

 

Englische Landpartien

Nun sind sie da, die Lockerungen, und ich gebe zu, der erste Gang heute nach der Arbeit führte mich doch tatsächlich in den Biergarten. Nie hat ein Radler so lecker geschmeckt wie gerade jetzt, ich halte Abstand und mein Radler trägt Maske, also hoffentlich alles gut.
Dieser Genuss lässt mich zurückdenken an Reisen in ein Land, dessen Bier ich sehr liebe, auch wenn ich damit recht allein sein dürfte. Und eines, das sich fast ganz aus den Schlagzeilen verabschiedet hat, nachdem es uns so viel Vergnügen mit seinem putzigen Parlament und dem knuddeligen Mr Speaker bereitet hat: England.

Neben einigen London-Reisen hat es uns bisher zwei mal dorthin gezogen (Wales und Schottland nehme ich natürlich aus). 2007 haben wir das wunderschöne Cornwall bereist und bereits im Jahr drauf das etwas unentdecktere East Anglia.
Cornwall war die Idee unserer Freunde. Sie hatten davon gehört, dass der National Trust historische Häuschen für einen atmosphärischen Aufenthalt vermietet und dass Cornwall sowieso eine der schönsten Ecken Englands sei. Sie machten dann auch gleich Nägel mit Köpfen, mieteten uns ein reizendes Cottage mit schönem Garten und schwups saßen wir schon im Flugzeug nach London. Heathrow im Westen Londons sollte das Ziel sein, wenn man nach Cornwall möchte. Knapp fünf Stunden auf dem Motorway und wir waren in Helston angekommen. Ein weißgetünchtes reetgedecktes Steinhäuschen, in dem wir uns sofort wohl gefühlt haben, war unser für die nächste Woche. Whitstone Cottage ist so perfekt gelegen, dass wir von dort aus die vielen schönen Ecken Cornwalls perfekt entdecken konnten. Hier sollte man vorallem zu Fuß unterwegs sein und die spektakuläre Küste erkunden. Das Meer erinnert oft mehr an die Karibik als an Nordeuropa. Kynance Cove ist das wohl bekannteste Beispiel. Brilliante Türkistöne, feine Sandstrände an den dann doch wieder sehr britischen Steilküsten, saftige Wiesen oben, mediterranes Getümmel unten – es ist wunderschön. Stundenlang kann man auf dem South West Coast Path laufen, die Aussicht ist immer anders spektakulär, die sehr freundlichen Menschen, denen man begegnet, grüßen freundlich und bezeichnen alles als „lovely“.

 

Immer zum richtigen Zeitpunkt findet sich ein schöner Pub, in dem wir mittags dem Cider (schmeckt wie Apfelsaftschorle, macht aber sehr fröhlich) und abends dem köstlichen britischen Bier frönen – gut, einige meiner Mitreisenden finden eher, dass es abgestanden
schmeckt, but I love it! Einig sind wir uns aber, dass die englische Küche so viel besser ist als ihr Ruf. Wir genießen hervorragenden Stilton Käse, meine Liebe zu Bangers and Mash, würzige Würste mit Kartoffelbrei, wird hier geboren, Scones mit Clotted Cream und Erdbeermarmelade versüßen uns so manchen Nachmittag und irgendwann muss in unserer Cottage-Küche auch ein Hummer dran glauben.

   

Faszinierend ist in Cornwall auch die Historie der alten Zinnminen. Überall sieht man die Ruinen an der Küste stehen, wildromantisch und fast keltisch sehen sie aus, dabei sind sie gerade erst um die 200 Jahre alt. Manche kann man besichtigen, wie die Geevor Tin Mine in Pendeen, in der wir sicher behelmt die alten Gänge erkunden.

Aber wir wollen natürlich auch ganz alte Historie und davon hat die Gegend auch genug. Steinkreise aus der frühen Bronzezeit gibt es hier, the Hurlers in der Nähe des Bodmin Moors sind so ein Beispiel, wobei die wie große aufeinander getürmte Kieselsteine wirkende Granitformationen Cheesewring fast noch faszinierender sind. Angeblich natürlichen Ursprungs sollen sie sein, aber da hat doch bestimmt ein Riese mitgeholfen.

Wir haben nicht nur unser schönes Cottage beim National Trust gemietet, sondern auch gleich eine Jahresmitgliedschaft erworben und das gibt uns freien Zugang zu vielen historischen Gebäuden und Stätten. Lanhydrock House, ein englischer Landsitz mit entsprechendem Garten drumherum ist nur ein Beispiel. Lohnt sich auf jeden Fall, so eine Mitgliedschaft.

Wir verlassen das schöne Cornwall und machen auf dem Rückweg nach London einen Stopp in der Grafschaft Somerset. Wells mit seiner imposanten Kathedrale aus dem 12- Jahrhundert ist einen Abstecher wert und Bath mit den römischen Badehäusern sowieso. Der Rundgang mit Audio Guide ist klasse gemacht und gibt einen guten Eindruck davon, wie es sich so badete in Aquae Sulis, wie die Stadt ab 47 n. Chr. hieß.

Vor unserem Rückflug am Abend besuchen wir noch Stonehenge. Zuerst bin ich etwas enttäuscht, denn der berühmte Steinzirkel liegt nah der Autobahn und wirkt beim Näherkommen erst mal so gar nicht mystisch. Doch beim Rundgang faszinieren die riesigen Megalithe immer mehr. Es sind mehrere Kreise, die sie bilden, und viel mehr als die astronomischen Ausrichtungen interessiert mich, wie die Menschen der Jungsteinzeit diese Riesensteine hier her transporiert haben. Denn die Dinger kommen nicht aus dem Steinbruch um die Ecke, sondern aus dem 300 km entfernten Wales. Auf alle Fälle ein Ort, der einen gefangen nimmt und ich kann verstehen, was Menschen seit Jahrhunderten hierher zieht.

Das war’s mit dem schönen Südwesten Englands. Und weil es so nett war und das Essen so gut und die Unterkunft so hübsch und – wir geben es zu – weil unsere National Trust Mitgliedschaft ganze zwölf Monate gilt, machen wir uns im Jahr darauf nochmals auf auf die Insel. Diesmal sind wir nur zu zweit und entscheiden uns für den Südosten, der East Anglia heißt. Hierfür fliegt man am besten nach Stansted im Norden Londons. Ein Stündchen nur dauert es mit dem Auto und schon ist man in Cambridge. Ein Muss für Fans alter Universitätsstädte! Jedes einzelne der berühmten Colleges wirkt wie eine ganz eigene kleine Welt der Gelehrsamkeit, die kleinen Cafés in Kopfsteinpflastergässchen und „punting“, das britische Stocherkahnfahren, auf dem Fluss Cam – hier möchte man dringend und sofort noch mal studieren. Wir sehen ein Plakat, das auf ein abendliches Clubkonzert einer mir vollkommen unbekannten Sängerin hinweist. Eric sagt sie was und er fragt, ob ich nicht Lust hätte. Nö, Adele, nie gehört – er triezt mich bis heute damit.

Wir verlassen Cambridge nach zwei Nächten und steuern Suffolk an. Pittoreske kleine Städtchen mit windschiefen Fachwerkhäuschen prägen hier das Bild. Rund um Flatford wandern wir durch die Landschaft, die man wirklich nur als lieblich bezeichnen kann. Hier ließ sich der romantische Landschaftsmaler John Constable inspirieren und die Motive seiner Gemälde existieren heute noch fast so wie damals.

    

Wir fahren weiter nach Norfolk und statten der Hauptstadt Norwich eine Besuch ab. Wieder eine beeindruckende Kathedrale, diese englischen Städte oder zumindest ihre historischen Altstädte sind eine Pracht. Unser endgültiges Ziel ist aber der kleine Ort Blickling, der eigentlich nur aus dem Herrensitz, ein paar Dorfhäusern und dem Aussichtsturm besteht, den der Earl of Whiltshire – Papa der später kopflosen Anne Boleyn – errichten ließ. Und genau dieser Turm wird für die nächsten Tage unser Domizil sein. In ihm verbergen sich einige sehr stilechte Gemächer, über eine steile Wendeltreppe verbunden, die bis hinauf zur großen Aussichtsplattform führt. Die ganze Pracht gehört nur uns, umgeben von wunderbarer Landschaft und bereits der morgendliche Blick aus der Toilette ist spektakulär.

Eulen kreisen über den Feldern, Rehe schauen vorbei und in jede Richtung kann man spazieren gehen, durch verwunschene Wälder hinüber zum Schloss oder über die Felder ins Dorf, wo wir im Pub „The Bucks Arms“ das weltbeste Apple Crumble genießen. Nachts wird’s etwas spooky in unserem Turm, dann heult nämlich der Wind durch die alten Kamine und doch, ich habe mich ziemlich gegruselt. Aber das gehört ja dazu zu einem stilechten englischen Gemäuer.

Wir machen Ausflüge an die Küste nach Cromer und in die Norfolk Broads, eine Marsch- und Sumpflandschaft durchzogen von Flüssen und Seen, die man mit Hausbooten befahren kann. Weiße Windmühlen und wiegendes Schilf, eine ganz reizende Landschaft.

Schweren Herzens verabschieden wir uns von unserem royalen Turm und treten die Rückreise an. So schön war’s!

Sagt mal, ihr lieben Briten, wollt ihr uns wirklich und ganz ehrlich verlassen? Jetzt habt ihr doch eure Miles und Stones und Pints behalten, euer Pfund und fahren dürft ihr auch auf der linken Seite. Überlegt’s euch doch noch mal. Wir würden euch sogar diesen zerzausten Kasperle verzeihen, den ihr da gewählt habt. We will miss you – for sure!

Hugo, Jusi und Florian

Nach wie vor sind wir überwiegend Corona-brav, haben mittlerweile eine kleine Kollektion bunter Masken und uns im Homeoffice gut eingerichtet. Die Geschäfte sind langsam wieder offen, aber so richtig Spaß macht das Bummeln auf der Königstraße nicht. Und wir haben ja eigentlich eh alles und was noch fehlte, haben wir bestellt. Doch gestern überfiel sie uns plötzlich, erst ein leichtes Kribbeln, dann ein wachsendes Bedürfnis, ah – wir wollen shoppen – da war sie, die Konsumlust! Und da wir einem guten Schnäppchen nie abgeneigt sind, stand das Ziel schnell fest: Metzingen oder mittlerweile „Outletcity“, und ohne Schweizer, Franzosen und Chinesen müsste es da doch nachgerade leer sein. War’s nicht ganz, aber wir waren erfolgreich und es machte Spaß, wir geben es zu. Das wäre jetzt aber wirklich kein Grund, einen Globonautenbeitrag zu füllen. Unbedingt berichten wollen wir von unserer anschließenden Wanderung, weil auch die so schön war, dass wir sie mit euch teilen möchte.

Nur eine knappe Viertelstunde von den Konsumtempeln Metzingens entfernt findet sich auf dem Weg nach Kohlberg der Parkplatz Raupental. Dort geht es dann erst mal fast alpin nach oben auf einen riesigen Vulkanschlot mit dem freundlichen Namen Jusi. Der Aufstieg ist nicht ganz ohne, aber es lohnt sich!!! Der Blick vom Gipfel – eigentlich ist es eher ein Hochplateau, auf dem es sich gut rasten lässt – ist phänomenal. Schwarzwald, Tübingen, Stuttgart, der Hohenneuffen, die Alb – alles in einem Rundblick vereint.
Hat man sich hier sattgesehen – und das kann dauern – führt der Weg weiter in den Wald hinein und dort erst mal steil bergab. Eher rechts halten, bis man durch die Bäume Dettingen im Tal sieht und dann wiederum rechts am Waldrand entlang. Wir lassen uns an einem Holztisch mit Bänken und einer weiteren sehr hübschen Aussicht nieder. Ein älteres Wandererpärchen kommt dazu, wir unterhalten uns nett, dann klären sie uns auf über 5G und Corona. Noch nicht mal im Idyll ist man sicher vor den Verschwörern… Wir laufen hinunter ins Dorf Kappishäusern, überqueren die Straße von Metzingen nach Kohlberg und tauchen wieder in den Wald ein. Noch ein Anstieg, diesmal heißt der Berg Florian. Kreative Namensgebung hier. Wer den erneuten Gipfelsturm in Angriff nimmt, der wird auch belohnt: eine Ziegenherde grast rechts von uns und das tun sie wohl immer, denn sie gehören dem Albverein und machen das professionell – ihr einziger Job ist es, die steilen Hänge abzuweiden.

 

 

 

 

Noch einen heftigen Anstieg an der Weide hoch, dann haben wir Florian, den zweiten Vulkanschlot erklommen und auch von hier hat man einen herrlichen Blick. Zurück zum Auto sind es noch etwa zwei Kilometer und leider öffnet der Biergarten am Sportplatz, den wir auf dem Rückweg passieren, erst am Montag. Noch so ein wirklich empfehlenswerter Ausflug – mit Picknickdecke und Vorräten kann man hier locker einen ganzen Tag verbringen. Oder aber wie wir zuvor dem Hugo in Metzingen einen Besuch abstatten. Aber Jusi und Florian reichen eigentlich vollkommen.

Mein Israel

Corona die Vierte.

Israel war immer schon ein ganz besonderer Sehnsuchtsort für mich. Bereits in der Schulzeit beschloss ich: da muss ich hin. Wie es damit genau anfing kann ich gar nicht sagen, ich weiß nur, dass das Buch Exodus von Leon Uris und die Verfilmung mit Paul Newman eine Rolle spielten. Nach dem Abi quälte ich mich durch drei Monate in einer uralten Konservendosenfabrik in Altona, um mir das Geld für den Flug zu verdienen und am 11.11.1984 war es soweit: ich startete mit meiner Freundin Katha nach Tel Aviv. Wir waren beide 19 und uns schwebten harte Arbeit auf den Feldern und abendliche Volkstänze inmitten glücklicher Kibbutzniks vor – so wurde es dann eindeutig nicht. Es war ein Abenteuer in Vor-Internet-Zeiten, wer damals Europa verließ, der war richtig weg. Briefe dauerten drei Wochen, telefonieren ging nur im absoluten Notfall und dass wir doch einige Tagesreisen von zuhause weg waren merkten wir, nachdem wir uns entschieden hatten, den Rückweg mit Schiff und Bus zu meistern.  Aber wir waren ja zu zweit und hatten eine unvergessliche Zeit. Wir arbeiteten in Großküchen, pflückten Zitronen, betreuten alte Menschen, schrubbten Böden und melkten Kühe. Wir wohnten in klapprigen Hütten zusammen mit jungen Leuten aus der ganzen Welt und wir hatten den Spaß unseres Lebens. Im April 1985 kehrten wir nach Deutschland zurück und starteten im Jahr darauf noch mal – vier Wochen in den Semesterferien waren geplant, ich blieb dann aber sieben Monate und verliebte mich so sehr in meinen Job im Kuhstall, dass ich ernsthaft überlegte, für immer im Kibbutz zu bleiben.

Die israelischen Gemeinschaftssiedlungen waren der Versuch einer sozialistischen Gesellschaft – allen sollte alles gehören, jeder musste jeden Job machen, die Kinder wurden gemeinschaftlich erzogen und lebten außerhalb der Wohnung ihrer Eltern im Kinderhaus, gegessen wurde gemeinsam im zentralen Speisesaal. Geld bekam man für seine Arbeit nicht, dafür das Rundum-Sorglospaket: Haus, Essen, medizinische Versorgung, Betreuung im Alter, Bildung, Freizeitvergnügen. Wünsche darüber hinaus wurden erfüllt, wenn es die Gemeinschaft so beschloss.

Volontäre wie Katha und ich gehörten zum Kibbutzleben dazu. Für sechs Stunden Arbeit an sechs Tagen in der Woche bekamen wir freie Unterkunft und Verpflegung, Arbeitskleidung, eine Guthabenkarte für den winzigen Kibbutzladen, die ich vorwiegend in Schokolade und Aprikosenjoghurt investierte, ordentlich Zigaretten und das wöchentliche Highlight: die Disko. Es war eine sehr unbeschwerte Zeit mit Leuten aus allen Ecken der Welt, wir waren alle um die 20 und voller Neugier auf das Leben. Noch heute, ein bisschen wiedervereint in Facebook-Gruppen, schwärmen wir von den damaligen Zeiten und fast alle sind sich einig: it was the best time of my life.

Ein Jahr war ich insgesamt in Israel und als ich 1987 nach Hause zurückkehrte, hätte ich nicht gedacht, dass ich das Land erst fast 30 Jahre später wieder besuchen würde. 2013 war es dann soweit: Eric und ich flogen für 10 Tage nach Israel und so skeptisch er anfangs war: das Land hat ihn fasziniert. Aber auch ich hatte Bedenken: all die schönen Erinnerungen, was wäre, wenn es sich so verändert hat, dass ich „mein Israel“ gar nicht mehr wiederfinde? Wieder mal zu viel Sorgen gemacht: die Zeit dort war toll, obwohl das Kibbutzleben wie ich es kannte tatsächlich nicht mehr existiert.

Haifas Wahrzeichen: Der Bahai-Tempel

Wir landeten in Tel Aviv, mieteten uns am Flughafen einen kleinen gelben Flitzer und fuhren direkt nach Haifa. Ein beschwingter Frühlingsabend, in den vollen Straßencafés waren Fernseher aufgebaut, das Champions League Finale stand an, Bayern München spielte gegen Borussia Dortmund. Undenkbar wäre das in den 80er Jahren gewesen, Israelis, die öffentlich deutschen Vereinen zujubeln. Damals war die Generation der Holocaustüberlebenden noch sehr präsent, vor allem in Haifa, und wir vermieden es, außerhalb des Kibbutz laut deutsch zu sprechen. Das hat sich vollkommen gewandelt, viele junge Israelis finden das heutige Deutschland cool und die Auswandererzahlen vor allem nach Berlin belegen das.

Am nächsten Morgen ging es einmal um die Bucht herum nach Akko. Die uralte Hafenstadt war zu Kibbutz-Zeiten ein sehr beliebtes Ausflugsziel bei uns: mit einer Flasche Wein den Sonnenuntergang auf der Festungsmauer mit Blick auf das Meer zu genießen gehörte zum Pflichtprogramm jedes Volontärs. Und weil in Israel ja nichts wirklich weit entfernt ist, schafften wir es danach noch, mit dem letzten Bus in den Kibbutz zurückzukehren. Der Zauber der orientalisch geprägten Altstadt nimmt Eric und mich sofort wieder gefangen. Die verwinkelten Gassen der Basare, die grandiose mittelalterliche Zitadelle und das strahlend blaue Mittelmeer – ein toller Ort.

 

Natürlich war ich neugierig, ob es meinen Kibbutz noch gab. Oder besser gesagt meine beiden, denn 1985 waren wir in Yif’at und 1986 in Hefzi-Bah im südlichen Galiläa. Vor allem der Spaziergang durch Hefzi-Bah ist dann ein sehr emotionaler. Der Kibbutz hat sich privatisiert, die alten Gemeinschaftseinrichtungen verfallen so stilecht als hätte das jemand extra für mich arrangiert. Ich laufe durch den bröckelnden Speisesaal, die Dekorationen vom Abschiedsfest hängen noch. Hier im Innenhof saß ich und putzte Gemüse, da vorne am Eingang musste ich meine Kuhdung-klebrigen Gummistiefel erstmal gründlich reinigen, bevor ich speisesaalfähig war. Rechts durch die große Tür haben wir uns in die Kühlräume geschlichen, kurz schmecke ich Weißbrot mit Margarine, damals fand ich’s lecker. Hier war das Zentrum des Kibbutz, hier tobte das Leben, jeder kam mindestens zum Mittagessen und blieb eine Weile, die meisten in blauer Arbeitskleidung. Da vorne war unser Tisch, der Tisch der Volontäre. Es war laut und fröhlich hier, eben ein bisschen jedermanns Ess- und Wohnzimmer. Und jetzt ist dieser Ort für den Abriss vorgesehen. Unsere Unterkünfte sind schon seit vielen Jahren verschwunden. Nur der Kuhstall – mein Kuhstall – ist noch voll in Betrieb. Um halb vier morgens ging’s los, hatte ich mich erst mal aus dem Bett gequält war es wunderbar, die kühle Morgenluft, die dampfenden Kühe, der starke türkische Kaffee und die erste Zigarette dazu, Radio Jordan, Broadcasting from Amman (zwar Feindessender, aber mit guter Musik) spielte laut im Melkstand. Ich bin froh, dass ich Eric das alles zeigen und kurz noch mal abtauchen kann in diese aufregende Zeit damals.

Wir übernachten in der Nähe im Hotel des Kibbutz Ein Harod  , der nicht nur nette Unterkünfte, sondern auch ein sensationelles Olivenöl bietet, von dem ein kleiner Kanister in unser Reisegepäck wandert. Zum Abendessen fahren wir nach Beit She’an, im Shipudei Hakikar kommen zu den bestellten Grillspießen noch mehr als ein Dutzend Schälchen mit köstlichen Beilagen, den übervollen Tisch haben wir bis heute nicht vergessen.

Und dann auf nach Jerusalem. Der Weg führt durch die Westbank, karge Wüstenlandschaft und so ganz wohl fühlen wir uns nicht. Jerusalem ist in meinem Sehnsuchtsland Israel meine Sehnsuchtsstadt. Die Faszination, die von der Altstadt ausgeht, kann man kaum beschreiben. Jeder Quadratzentimeter hier ist Geschichte, uralte und aktuelle. Und dabei bin ich noch nicht einmal sonderlich religiös, aber allein schon die Ergriffenheit der Menschen aus aller Welt in der Grabeskirche, die sich auf den Salbungsstein Jesu stürzen, ihn berühren wollen, ist etwas ganz besonderes. Der Anblick der Klagemauer jagt mir genauso wie vor 30 Jahren einen Schauer über den Rücken, die Vielfalt der Menschen, die Symbolik des Ortes, diese ganz besondere Stimmung. Und darüber thront der Felsendom, zentraler Ort für Muslime, in seiner ganzen Pracht und Schönheit.

 

Der Nahostkonflikt hat auch Jerusalem seit damals verändert, der reglementierte Zugang zum Tempelberg, die Mauer, die wir auf der Fahrt hierher passiert haben, das gab es in den Achtzigern noch nicht. Muss man sich positionieren, wenn man Israel besucht? Nein, muss man nicht, finde ich. Denn ich muss mich auch nicht positionieren, wenn ich Dubai besuche oder die Türkei oder Myanmar oder China. Oder die USA. Ich finde nicht alles gut, was die Israelis machen, aber das trifft genauso auf die Palästinenser zu. Das mag mal meine Position sein.

In der Altstadt kann man tagsüber wunderbar in einem der vielen kleinen Cafés etwas abseits der geschäftigen Basarstraßen sitzen. Eric gönnt sich die ein oder andere Wasserpfeife, ich sauge die Atmosphäre ein. Am Abend leeren sich die tagsüber so belebten Gässchen und Plätze allerdings rasch, die Restaurants und kleinen Läden schließen, in den dunklen Sträßlein kann man sich jetzt fast verirren. Wir laufen hinüber in die Neustadt, die vor allem  mit gutem Essen überrascht, hippe kleine Restaurants mit ungewöhnlichen Crossover-Kreationen, in denen man gerne lange sitzen bleibt.

Am nächsten Tag besteigen wir den Ölberg, vorbei am Garten Gethsemane, der russischen Kirche und den vielen Gräbern. Der Blick hinüber auf die Altstadt ist von hier oben am schönsten, Jerusalem of Gold, hier leuchtet es uns entgegen.

Wir machen einen Tagesausflug weiter in den Süden ans Tote Meer und nach Masada. Zu Kibbutz-Zeiten hatten wir am Fuße der Felsenfestung übernachtet, um den Berg früh morgens zu erklimmen wegen des schönen Sonnenaufgang über der Judäischen Wüste. Heute erklimmen wir ihn immer noch zu Fuß, aber zu zivileren Zeiten. Es ist heiß und staubig, wir sind fast allein auf dem Weg, denn es gibt auch eine bequeme Seilbahn, aber das ist gegen unsere Globonautenehre.  Die Palastfestung von König Herodes war um 74 n. Chr. in den jüdischen Kriegen Zufluchtsort für hunderte Rebellen. Die Römer belagerten die Festung und bauten eine Rampe, um das Hochplateau zu erobern. Als sie es endlich geschafft hatten, hatten sich die Menschen in der Wüstenfestung umgebracht.

Von hier oben hat man einen grandiosen Blick über das Tote Meer. Der Salzsee macht seinem Namen alle Ehre und stirbt mangels Wasserzufuhr vor sich hin. Viel größer habe ich ihn in Erinnerung und die trügt mich tatsächlich nicht: seit den Achtzigern ist der Wasserpegel jedes Jahr um einen Meter gesunken und damit fehlen jetzt fast 30 Meter. Ein Bad in der Salzlake ist natürlich trotzdem Pflicht, genauso wie das Schlammbad davor, und es ist noch genauso faszinierend wie damals: man geht hier einfach nicht unter. Am tiefsten Punkt der Erde, 420 Meter unter dem Meeresspiegel. Den Spaß am Umhertreiben im öligen Nass beeinträchtigt höchstens die Angst, das supersalzige Zeugs ins Gesicht und vor allem in die Augen zu bekommen.

In weniger als zwei Stunden sind wir zurück in Jerusalem. Und am nächsten Morgen brauchen wir gerade mal eine Stunde nach Tel Aviv. Unser letzter Tag ist angebrochen, in der Nacht fliegen wir zurück nach Deutschland. Tel Aviv gehörte früher nicht zu meinen Favoriten, ich fand es hektisch und laut, aber hin musste man immer mal wieder, sei es zum Einkaufen, ins Kino gehen oder für das phänomenale Konzert der Waterboys in einem winzigen Klub mit anschließender Übernachtung am Strand. Aber  – wow Tel Aviv, du bist toll geworden! Die Stadt hat sich auf ihr kulturelles Erbe besonnen und viele der über 4000 Bauhaus-Gebäude instand gesetzt. Wir streifen durch die „Weiße Stadt“ bis uns nach Erholung zumute ist – und der lange Stadtstrand ist einfach der perfekte Ort für ein Sonnenbad, ein kühles Bier und eine Abschiedswasserpfeife. Nur noch ein paar Stunden, dann geht’s zurück. In einem Hinterhof finden wir ein Restaurant, dass zuvor wohl eher eine Garage war, davor Tische und Stühle, im allerbesten Popup-Stil. Sehr cool, sehr hip und auch sehr lecker. Ein schöner Ausklang einer Reise in meine Vergangenheit. Hat’s dir gefallen, frage ich Eric, und er nickt. Das hätte er nicht erwartet, sagt er. Ein tolles Land und eine außergewöhnliche Stimmung. Jetzt nicke ich, glücklich und erleichtert. Ja, Israel war und ist faszinierend und auch wenn das jetzt sehr kitschig klingt: es wird immer einen großen Platz in meinem Herz haben.

 

 

Sieh, das Gute liegt so nah

Wir sind wirklich brav, was das Virus angeht. Wir nutzen keine öffentlichen Verkehrsmittel mehr, wenn wir zufällig Freunde treffen, halten wir eher drei Meter Abstand und Masken haben wir natürlich auch schon. Wir halten uns fit und drehen regelmäßig eine Runde durch den Park, spazierender- oder joggenderweise. Aber den teilen wir mittlerweile mit so vielen Menschen, dass der entspannte Walk eher zum stressigen Slalom wird. Und Globonauten sind wir ja schließlich auch noch. Also, raus aus der Stadt, wenigstens für ein paar Stunden. Ein Auto haben wir seit unserer Reise nicht mehr, Car-Sharing ist eine gute Alternative, die wir bisher sorglos in Anspruch nahmen. Jetzt ziehen wir mit einer Flasche Badreiniger – killt 99,9 % aller Viren und Bakterien – und einer Rolle kostbaren Küchenpapiers los und beginnen unseren Trip mit einer ausgiebigen Putzorgie. Aber egal, Mrs. Teilzeit und Mr. Kurzarbeit haben keine Zeitdruck. Nach einer halben Stunde über die leere Autobahn haben wir die Großstadt hinter uns gelassen und parken im idyllischen Bissingen an der Teck. Eric hat eine Route ausgesucht, die am Fuß der Alb startet – hochfahren kann ja jeder (wir geben zu: die letzten zwei Wochenenden haben wir das auch gemacht). Für alle, die nicht mit der Schwäbischen Alb vertraut sind: sie wächst sehr plötzlich aus der lieblichen Landschaft empor. Wikipedia beschreibt es treffend: Die Alb ist eine Hochebene, die nach Nordwesten durch einen sehr markanten Steilabfall begrenzt wird. Oder aus Bissinger und damit auch aus unserer Sicht: einen sehr markanten Steilanstieg. Wir lassen das Dorf hinter uns und laufen durch duftige Frühlingswiesen. Die Obstbäume rechts des Weges sind in voller Blüte, was für eine Pracht. Links beginnt der Wald, in den dann bald auch unser Weg abzweigt. Und dann geht’s hoch. Und zwar richtig. Der schmale Weg schlängelt sich in Serpentinen hinauf. Uns kommen einige verwegene Mountainbiker entgegen – das würde ich mich nicht trauen. Einmal vom Weg abgekommen geht es steil hinab – wer da fällt, der stürzt richtig ab. Als wir endlich oben sind, haben wir 400 Höhenmeter gemeistert und könnten es sogar beweisen, der moderne Globonaut misst ja jeden seiner Schritte elektronisch. Die Hochebene, die uns erwartet, ist weit und karg, Gras und Felsen, aber mit spektakulärem Blick hinunter ins Tal und zur Burg Teck. Hier weht ein kühler Wind, aber die Sonne scheint trotzdem fast sommerlich vom knallblauen Himmel. Eine kurze Pause auf einer Bank, dann weiter. Jetzt läuft es sich einfach, kaum noch Höhenunterschiede, fast gemütlich. Wir finden ein schönes Plätzchen und packen unsere Vorräte aus – auf Wegzehr in einem netten Landgasthof kann man in diesen Zeiten ja leider nicht bauen. Aber wir sind gut präpariert und eine halbe Stunde später wohlig satt. So ein Radler dazu wäre allerdings echt nett gewesen…

 

 

 

 

Durch das idyllische Tal mit Kühen im Hintergrund dringt nerviges Getöse – Motorräder. Warum bitte können dieseDinger nicht mit Elektroantrieb fahren? Die Typen
drauf können sich auch gerne Kopfhörer mit „sportlichem Sound“ aufsetzen. Wir jedenfalls laufen entlang des Tals bis zum Biohof Ziegelhütte. Normalweise bestimmt ein äußerst idyllischer Stopp, der kleine Hofladen ist geschlossen, bietet aber in keimfreien Zeiten Kuh- und Ziegenkäse und selbstgebackene Kuchen. In der Ferne grasen die Milchproduzenten, wir aber biegen nach links ab und machen uns an den Abstieg. Der führt wieder durch einen Wald und die Zipfelbachschlucht hinunter. Wie perfekt, dieser Name. Wie im alleridyllischten Märchen schlängelt sich der Fluss hinunter ins Tal, mal schmal in seinem Bett, mal in viele kleine Wasserfälle geteilt und ab und an überquert von kleinen Holzbrücken. Würzig duftender Bärlauch wächst rechts und links, weiter unten blüht er weiß und wo bleibt jetzt bitte Schneewittchen? Am Ende der Schlucht wartet das fast ebenso idyllische Dörflein Hepsisau, das ich bisher nur aus Erzählungen einer Studienfreundin kannte. Bei ihr klang es doch eher wie „abgelegenes Kaff“, ein so hübsches Örtchen hätte ich nicht erwartet. Vor dem Backhaus lassen wir uns am Dorfbrunnen nieder, Radler, jetzt wäre der perfekte Zeitpunkt für ein Radler! Corona sagt nein und so laufen wir weiter durch’s Dorf zurück Richtung Bissingen. Gelbe Rapsfelder, dazwischen ein paar Reiterinnen – ist Stuttgart wirklich nur 30 km entfernt? Kurz entsteht die Idee, hier nach einem Häuschen Ausschau zu halten, dann hätten wir eine Stadtwohnung und ein Landidyll. Als wir zum Schluss noch auf eine Schafherde treffen, verfestigt sich der Plan. Und nachdem wir in Bissingen noch den Landmetzger besucht haben, sind wir uns eigentlich sicher. Jetzt müssen wir nur noch das kleine einsame Holzhäuschen finden, inmitten einer Blumenwiese, aber bitte mit perfektem Internet. Wer einen Tipp hat, bitte melden!

   

P.S. Wer diese schöne Wanderung auch machen möchte: Es waren insgesamt etwa 15 km mit heftigen An- und Abstiegen, in Bissingen/Teck Richtung Dorfweiher, weiter aus dem Ort hinaus, dann links hoch in den Wald Richtung Breitenstein (der Weg heißt hier „hochgehadelt“), oben angekommen links dem roten Dreieck folgen, durch den Biohof Ziegelhütte, dahinter links die Straße runter und in der Linkskurve ab in die Botanik ins Zipfelbachtal bis hinunter nach Hepsisau, von dort links halten Richtung Bissingen.