Waiting for the hurricane

Über dem Meer braut sich was zusammen. Enawo kommt, seit vorgestern hat der Sturm einen Namen und ist ein Zyklon, der direkt auf Madagaskar zuhält und am Dienstag dort auf Land treffen soll. Mauritius ist ein Stückchen weg, aber auch hier bläst es schon ordentlich. Also verschiebe ich meine Fahrt nach Norden, bis das Wetter besser wird. Hier habe ich ein festes Haus, eine Stadt um mich rum und ein paar hundert Meter bis zum Meer, da stellen weder Sturm noch Wasser eine allzu große Bedrohung dar. Und mit meinem Herbergsvater habe ich sowieso das große Los gezogen, er hat mir bereits eine Planung für die nächsten Wochen, wenn nicht gar Monate erstellt und mich heute mit dem Bus Richtung Süden geschickt. Drei Ziele sollte ich ansteuern, es wurde nur eins, weil ich mich an der rauen Pracht der Küste kaum sattsehen konnte.
Für die knapp 35 Kilometer braucht der Bus anderthalb Stunden, aber die Fahrt ist ein Erlebnis. Mit offenen Fenstern und guter Musik kurven wir durch Zuckerrohrfelder und kleine Dörfer, in der Ferne immer das Meer in Sicht. In Souillac winkt der Schaffner – hier geht es nach Gris Gris. Ich stehe an einer Hauptstraße vor einem großen Supermarkt – und hier soll was sein? Also mal los Richtung Meer. Die Straße führt durch ein Wohngebiet und ich werde von einem Eiswagen überholt, der ganz vorne links abbiegt – da muss dann ja wohl was sein. Und tatsächlich, ein kleiner Parkplatz und dahinter die Steilküste. Wow, das hätte ich jetzt nicht erwartet! Ganz kurz fühle ich mich an die Cliffs of Moher in Irland erinnert, die dunklen Felsen, das dramatisch tosende Meer in unglaublichen Farben. Spätestens der menschenleere Strand lässt aber keinen Zweifel aufkommen: das ist Mauritius. Und trotz des Windes ist es natürlich weiter warm, nix Irland! Trotz einiger Touristen, dem Eiswagen von vorhin und einem Imbissstand wirkt der Ort einsam. Ein paar kleinere Reisegruppen kommen und gehen, ich erstehe ein Sandwich mit geräuchertem Marlin – köstlich wie alles auf der Insel – und genieße den Luxus, hier einfach so lange zu sitzen, bis ich die Lust verspüre, weiterzulaufen. Irgendwann klettere ich zum Strand hinunter, außer einer Frau, die es sich unter einem großen Regenschirm gemütlich gemacht hat, ist hier niemand. Schwimmen ist verboten, die Strömung ist gefährlich, und so plansche ich nur ein wenig mit den Füßen im Indischen Ozean. In der Ferne sehe ich einen großen Felsen, auf dem Menschen laufen – da scheint noch etwas Schönes zu sein. Als ich wieder oben auf der Klippe ankomme, fängt der Regen an und anders als die Regenfälle an den Tagen zuvor, ist er nicht nach fünf Minuten wieder vorbei. Ich stelle mich mal hier, mal dort unter und finde irgendwann einen Unterstand mit Bänken. Kaum sitze ich dort, gesellt sich eine Frau zu mir, sehr gut gelaunt, sehr kommunikativ, Katharina aus Prag. Wir plaudern bis der Regen nachlässt und laufen dann gemeinsam zum „La Roche qui pleure“, der weinende Fels. Die Wellen spritzen hier durch Löcher im Felsen, Wasser von oben, Wellen von unten, wirklich beeindruckend, aber wir befürchten beide, dass es glitschig sein könnte und abgesperrt ist hier überhaupt nichts. Also beobachten wir die Wucht der Brandung aus respektvoller Distanz und sind absolut beeindruckt. Später lese ich, dass dies der südlichste Punkt auf Mauritius ist. Dahinter kommt dann irgendwann nur noch der Südpol…

   

Dann habe ich genug Sonne, Wind und Regen abgekriegt und mache mich auf den Rückweg. Katharina wohnt im Norden und hat mich mit guten Tipps versorgt, ich laufe zurück zum Supermarkt und warte auf meinen Bus. Zwei sehr indisch anmutende Frauen kommen dazu und sprechen mich sofort an, betagte Mutter und Tochter, wie sich herausstellt. Wir unterhalten uns etwas radebrechend auf Englisch, mein Französisch reicht einfach nicht aus. Ein Bus kommt, nein, den soll ich nicht nehmen, der fährt woanders hin, sagt mir die Tochter und verfrachtet ihre Mutter hinein. Ich frage sie, ob sie denn einen anderen Bus nehmen würde und sie sagt nein, sie würde hier wohnen. Aber sie würde jetzt mit mir warten, bis mein Bus kommt, damit ich auch wirklich den richtigen kriege. Dabei tätschelt sie mir die ganze Zeit den Arm und kichert „you’re so nice, so beautiful“. Als ich dann endlich in meinem Bus sitze, winkt sie mir lachend zu und geht nach Hause. Schon sehr nette Menschen, diese Mauritier. Ich kurve anderthalb Stunden zurück nach Mahébourg, genieße ein köstliches Abendessen bei „Patrick“, dem wunderbaren Fischrestaurant um die Ecke, in dem sie mich auch langsam kennen und denke mir, dass dieser verlängerte Aufenthalt hier gar nicht so schlecht ist. Jetzt drücke ich die Daumen, dass Enawo Madagaskar verschont und Mauritius nicht mehr als eine steife Brise beschert.

 

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