Vilnius? Kaunas!

Eigentlich wollte ich ja nach Lettland. In Litauen bin ich nur gelandet, weil es diese praktische Fährverbindung gibt. Ein bisschen kurische Nehrung und dann weiter nach Riga. Dachte ich. Aber ich kann noch nicht weg hier, ich bin neugierig geworden auf dieses Land.
Die Entfernungen sind nicht groß und so beschließe ich, mir Kaunas anzuschauen. Litauens zweitgrößte Stadt, zeitweise sogar mal Hauptstadt. Ich nehme den Morgenbus in Pervalka, die Fähre wartet schon auf uns und um kurz nach neun stehe ich in Klaipeda. Der Spaziergang zum Busbahnhof zieht sich, aber dort angekommen, läuft alles professionell ab. Der Bus ist das öffentliche Verkehrsmittel in Litauen, reservieren nicht nötig, in die großen Städte kommt man alle halbe Stunde.
Eine zweistündige Fahrt später erreichen wir Kaunas. Zu Fuß in die Innenstadt sind es knappe 20 Minuten und je näher ich dem Zentrum komme, desto mehr Baustellen begegne ich. Was ist denn hier los? Kaunas 21?

Ne, Kaunas 22! Dann wird die Stadt nämlich europäische Kulturhauptstadt sein und ich nehme es schon mal voraus: das Jahr sollte man sich für eine Kaunas-Reise notieren.
Mein Hotel liegt in der breiten Fußgängerzone, die sicherlich sehr spektakulär ist, wenn die Sandberge und tiefen Löcher wieder verschwunden sind. Ein altes Haus mit einem beeindruckenden Treppenhaus und eine tolle Einstimmung auf die Stadt.

Kaunas vereint eine ganze Menge: Studentenstadt, historische Altstadt, elegante Neustadt, Park am wunderschönen Zusammenfluss von Neris und Memel. Was mich am meisten fasziniert, sind die Gebäude aus der kurzen Zeit, in der Kaunas Hauptstadt von Litauen war, zwischen 1920 und 1940. Zwischenkriegsmodernismus nennen sie es, ein bisschen Bauhaus, ein bisschen Art Deco. Teilweise bereits hervorragend restauriert, teilweise noch im Dornröschenschlaf. Aber das wird bis 2022! Das Nationalmuseum mit seinen ganz klaren Formen begeistert mich besonders. Schon aus architektonischen Gründen will ich es von innen sehen. Auf der einen Seite beherbergt es das Militärmuseum. Jetzt hält sich meine Begeisterung für Uniformen und Waffen ja sehr in Grenzen, aber eine kleine Einsicht in die litauische Befindlichkeit bietet es schon. Vytautas, litauischer Großfürst aus dem 14. Jahrhundert, ist der Nationalheld schlechthin, so populär, dass Vytautas auch heute noch einer der beliebtesten Vornamen für Jungen ist. Und dann die beiden Piloten Darius und Girėnas. Fast hätten sie in den 30er-Jahren den damals zweitlängsten Transatlantikflug geschafft, stürzten aber kurz vor ihrer Ankunft in Kaunas ab. Reicht aber in Litauen trotzdem für den Heldenstatus, das Wrack kann man im Museum besichtigen und welches Land kürt schon zwei Bruchpiloten zu ihren Stars?
Nach dem Militärmuseum kommt auch noch das Kunstmuseum dran, das auf der Rückseite des Gebäudes untergebracht ist. Und einem weiteren ganz wichtigen Helden huldigt, dem Maler und Komponisten Čiurlionis. Der Audioguide schwärmt von seiner Genialität, stellt ihn in eine Reihe mit Paul Klee und Kandinsky, ich finde leider wenig Zugang zu seinen Bildern. Aber schön, mal wieder ganz in Ruhe und konzentriert durch eine Ausstellung zu gehen.
Die Altstadt von Kaunas ist bei diesem herrlichen Wetter ein einziges großes Straßencafé. Ein komplett erhaltenes Ensemble hübscher kleiner Stadthäuser, Backsteinbauten und Kirchen, viele Studenten, entspannte Familien beim Sonntagsbummel, Touristen, Straßenmusiker – eine freundliche Mischung. Am Rande der Burg von Kaunas beginnt eine schöne Parkanlage, die sich bis hinunter zu den Flüssen zieht. Hier kann man’s aushalten. Das Jahr als europäische Kulturhauptstadt wird sicherlich großartig werden, die Stadt bietet so viel und vor allem so viel unterschiedliches.

     

 

Jetzt muss dann aber auch noch Vilnius drankommen. Also, anderthalb Stündchen Busfahrt und ich bin in Litauens Hauptstadt. Die war schon Kulturhauptstadt und strahlt in vollem Glanze. Unzählige Kirchen, eine große Altstadt mit kopfsteingepflasterten Gassen, das wiederaufgebaute Stadtschloss, wirklich viel zu sehen – aber nicht in der Leichtigkeit und Authentizität, die Kaunas ausstrahlt. Der Tourismus ist in Vilnius voll angekommen, vor allem asiatische Reisegruppen scheinen hier ihrem Traum vom alten Europa näher zu kommen. Selbst die Alternativszene ist bereits zur Sehenswürdigkeit geworden – die Künstlerkolonie Uzupis, die in den 90er-Jahren in ihrem Stadtteil ihre eigene Republik ausrief, deren Botschafter unter anderem der Dalai Lama ist, erscheint mir voll gentrifiziert – stylische Wohnungen und schicke Restaurants säumen die Straßen. Ihre Verfassung, die in 23 Übersetzungen an einer Mauer hängt, ist ein beliebtes Photomotiv für Touristen. Artikel 1 lautet „Jeder Mensch hat das Recht, am Fluss Vilnia zu leben, und der Fluss Vilnia hat das Recht, an jedem vorbei zu fließen“ und auch die restlichen 40 Artikel sind lesenswert.
Was ich nicht vergessen werde, ist eine virtuelle Reise durch die Zeit. Das großfürstliche Schloss wurde Ende des 19. Jahrhunderts zerstört und als Museum wieder neu aufgebaut. Gespart haben sie dabei an nichts, zwar nicht echt, aber museumspädagogisch hervorragend. Hätte ich mir alles angeschaut und durchgelesen, wüsste ich jetzt auch alles über die litauische Geschichte. Stattdessen habe ich mir eine 3D-Brille aufgesetzt und gesehen, wie das Schloss über die Jahrhunderte gebaut und dann zerstört wurde. So toll gemacht! Mein erstes richtiges 3D-Erlebnis. Die freundliche Museumsdame tippt mir kurz auf die Schulter, es gebe auch zwei Griffe, an denen man sich festhalten kann – gerade rechtzeitig. Denn ich stehe auf dem Schlossturm und blicke viele Meter tief hinunter, der Turm wächst sogar noch an, ich schaue nach links Richtung Fluss, drehe mich vorsichtig um, immer eine Hand an einem der Griffe. Echt ein klasse Erlebnis, dieser 3D-Ritt durch die Schlossgeschichte. Allein dafür lohnt sich das Museum!
In der wunderschönen Universitätsbuchhandlung kaufe ich mir später ein litauisches Kochbuch, jetzt kommen Rote Bete, saure Sahne und Dill auf den Speiseplan!

Alles in allem: Vilnius ist schön, keine Frage. Aber Kaunas ist spannend und bleibt es hoffentlich auch noch lange. Ich glaube, ich werde es für 2022 noch mal auf meine Reiseliste setzen. Kommt jemand mit?

 

 

Haff oder Ostsee?

Viel habe ich vom schönen Klaipeda leider nicht gesehen. Bestimmt wäre es spannend, hier länger auf die Suche nach der ostpreußischen Vergangenheit zu gehen. Ein Backsteingebäude mit der Aufschrift „Staatl. Lehrerseminar“, ein kleines Café, dass sich Memel Bäckerei nennt, die alte Dame, die mir auf meine doch recht einsilbige Frage „Apotek?“ antwortet: „Sie suchen eine Apotheke? Dort vorne links.“ und die Statue des „Ännchen von Tharau“ auf dem Marktplatz – all das macht mich eigentlich neugierig. Aber: ich hab ja diesmal keine zwei Jahre Zeit und die kurische Nehrung wartet. Ein Landstreifen vor der litauischen Küste, das kurische Haff auf der einen, die Ostsee auf der anderen Seite. Strände, die zu den schönsten Europas gekürt wurden, Dünen, Wälder, in denen Elche leben, verträumte Dörfer mit bunten Holzhäusern, Inspirationsort von Thomas Mann. All das hatte ich vorher gelesen, die Erwartungen waren hoch – und alles stimmt!

Fünf Minuten mit der Fähre von Klaipeda und das Naturparadies beginnt. Der Bus kurvt durch den Nadelwald, uns begegnen kaum Autos, denn die Nehrung ist Nationalpark und der Eintrittspreis für motorisierte Gefährte gesalzen – zum Glück. Ein kleiner Ort mit roten Holzhäusern, wieder hinein in den Nadelwald und dann hält der Bus in Pervalka. Das tut er nur drei mal am Tag, Pervalka ist noch kleiner als der Ort davor und nach zwei Minuten Fußmarsch stehe ich vor meiner Unterkunft. Adele – „like the english singer, you know?“ – kommt mir entgegen, begrüßt mich herzlich und zeigt mir mein kleines Bullerbü – ein freundliches helles Zimmer in einem roten Holzhäuschen mit blauem Balkon und weißen Fenstern. Die Schwalben nisten unter dem Dach, das Zimmer ist blitzesauber und alles wirkt ganz neu. Ich frage sie nach einem Fahrrad, krieg ich, und zehfreundlich radel ich zunächst mal nach links. Der Weg führt sofort in den Wald, es duftet heftig nach Nadelbäumen, der Weg wird sandiger, das kurische Haff leuchtet tiefblau, über dem Schilf fliegen Möwen – es ist herrlich! Von einer Minidüne aus sehe ich den roten Leuchtturm von Pervalka – wie perfekt. Ich lege mich in den warmen Sand, um mich herum zwitschert es. Das wird gut hier! Später folge ich dem sandigen kleinen Weg, der mich zu einer Bucht führt. In der Ferne leuchten riesige Dünen, das Haff plätschert, ich teste das Wasser, eisig….

Pervalka ist das kleinste Dorf auf der kurischen Nehrung mit gerade mal vierzig permanenten Einwohnern und es ist noch Vorsaison. Das einzige Restaurant im Ort hat zu und so hoffe ich auf den Dorfladen hinter meiner Pension. Der ist gut sortiert und hat erstaunliche Öffnungszeiten – von 7 bis 22 Uhr. Die freundliche Verkäuferin befindet, dass eine ganze Packung Butter zu viel für mich ist, schneidet sie in zwei Hälften und verpackt mir die eine. Ich kaufe Schwarzbrot, Gurken und Tomaten und besuche die Fischräucherei nebenan. Das mit mir und dem geräucherten Fisch ist so eine Sache, wir kauften früher immer geräucherten Aal, wenn wir meine Omi in Ratzeburg besuchten. Ich erinnere mich, wie ich zuhause auf der Geschirrspülmaschine saß, ich war etwa fünf, und genüsslich an einem ganzen geräucherten Aal zuckelte. Und ich fürchte, ich habe ihn komplett aufgegessen, mir war nämlich so schlecht, dass sich mir in den folgenden knapp 50 Jahren der Magen beim Geruch von geräuchertem Fisch jedes mal umdrehte. Aber der Mann in der Fischräucherei ist nett und ich will mehr als Butterbrot mir Gurke zum Abendbrot, also kaufe ich ein Stück Geräuchertes. Und setze mich auf meinen blauen Balkon, esse das traumhaft leckere Schwarzbrot und dazu den Fisch. Die Schwalben fliegen um mich herum und aufeinmal steht ein Fuchs vor mir. Oder eher eine Füchsin, man sieht ihre Zitzen. Als Stadtkind erschrecke ich mich erst mal, ein zutraulicher Fuchs, das ist doch Tollwut, oder? Adele kommt um die Ecke, ne, das ist Natur! Die Füchsin käme jeden Abend, sie habe fünf Junge und würde sich hier ihr Abendessen abholen. Eine hübsche Füchsin, zierlich, und mit freundlichem Blick.

Pervalka liegt etwa in der Mitte der kurischen Nehrung. Oder besser gesagt, des litauischen Teils der Nehrung. Der untere Teil gehört zu Kaliningrad und damit zu Russland. Also gibt es für mich am nächsten Morgen zwei Möglichkeiten: nach Süden oder Norden. Ich wähle erst mal den Süden und radle Richtung Nida. Der Radweg führt wieder durch Nadelwald, ab und an begegnen mir andere Radler, perfekt ausgestattet mit Spezialkleidung und Helmen. Ich lächele – die Distanzen auf der Nehrung sind kurz und 30 Kilometer krieg ich auch mit Jeans hin. Das frühere Nidden ist bekannt für seine große Düne und für Thomas Mann, der dort sein Feriendomizil hatte. Nida ist der belebteste Ort der Nehrung, aber immer noch ziemlich schläfrig. Ich habe erst mal Hunger, Nida ist etwa 15 Kilometer weg von Pervalka und bietet für mich das erste Restaurant. Ich probiere meinen ersten Kwas, ein Getränk aus vergorenem Roggenbrot, und bin sehr angetan. Das ist wirklich lecker! Und dann haben sie noch Leber mit Apfel und Kartoffeln auf der Karte, blöder Vegetarismus, her damit! So gestärkt besteige ich die Düne von Nida. Ich habe zuvor ja Bilder von der kurischen Nehrung gesehen, ihren Dünen und Stränden, aber das habe ich nicht erwartet. Ein riesiger Sandberg, riesig hoch und riesig breit. Und ich habe ihn fast für mich alleine. Ich stapfe durch den Sand, hoch und runter, schaue mich um, sieht mich keiner? Ne, außer ein paar Möwen ist da niemand, also springe ich einen Sandhügel runter, rolle durch den Sand und es ist toll! Man verliert hier leicht die Orientierung, also mache ich mich bald auf den Rückweg, der Zeh macht mit, und irgendwann erreiche die Holzplanken, die mich hinauf zu einem Aussichtspunkt führen. Die Küste macht nicht weit von hier einen Knick, es kommt mir ganz nah vor. Das ist schon Kaliningrad, sagt die Informationstafel, direkt vor mir ist die Grenze zu Russland. Immer noch ein komisches Gefühl, ich bleib halt ein Kind des Kalten Krieges.

Am nächsten Tag radel ich gen Norden nach Juodkrante. Mach vorher noch einen Abstecher an die Ostsee, sagt mir Adeles Mann. Stimmt, ich war ja bisher nur am Haff. Zwei Kilometer durch den Wald, dann bin ich am Ostseestrand. Und was für ein Strand! Endlos weit erstreckt er sich nach rechts und nach links, in der Ferne sehe ich ein paar Umkleidekabinen, aber ich habe den Strand komplett für mich allein. Selbst wenn sich in der Hochsaison einige Menschen tummeln – voll wird es hier sicherlich nicht. Ein Stündchen später steige ich auf mein Fahrrad und radle weiter Richtung Norden. Der Radweg führt Richtung Straße und ich sehe ein kleines Holzhäuschen. Muss ja was besonders Tolles sein, wenn dafür
Eintritt zu zahlen ist. Nach einem kurzen Spaziergang durch den Wald stehe ich plötzlich in einer riesigen Dünenlandschaft. Sand so weit man blickt. Und wieder bin ich fast allein. Ich kraxele den Sandberg hinauf, etwa hundert Meter weiter liegt das kurische Haff unter mir, strahlend blau. Ich sehe meine Bucht vom ersten Abend, ganz dort hinten liegt Pervalka. Die Düne ist imposant, aber auch tragisch. Zwei Dörfer liegen hier begraben, der Sand kam Jahr für Jahr näher und schluckte die Häuser komplett. Die Sandflüchtlinge gründeten dann Pervalka und bis dahin schafft es der Treibsand sicherlich nicht. Jedenfalls nicht solange ich da bin.

Langsam macht sich bei mir der Hunger deutlich bemerkbar, bis Juodkrante und dem nächsten Restaurant ist es noch ein Stückchen. Also weiter und ein Stündchen später tauchen bunte Holzhäuschen auf. Ein freundliches Restaurant am Wasser ist schnell gefunden und nachdem der Kwas so gut war, probiere ich die litauische Spezialität schlechthin – kalte Rote-Bete-Suppe. Hellrosa leuchtet mir das Süppchen entgegegen, etwas skeptisch bin ich schon und dann: WOW! Das ist wirklich lecker!!! Rote Bete und Gurkenstreifen in Kefir, ganz viel frischer Dill obendrauf und dazu warme Kartoffeln. Das perfekte Sommeressen, sehr sehr empfehlenswert. Das werde ich in mein Kochrepertoire aufnehmen.

Satt und glücklich mache ich mich auf an den Ostseestrand von Juodkrante, der perfekte Ort für einen kleinen Verdauungsschlaf. Es ist schon recht spät mittlerweile, aber die Sonne geht hier ja erst nach 10 unter mit kurzer Dämmerung, da kann man ruhig auch mal erst spät zurückradeln. Und außerdem habe ich ja die vage Hoffnung, vielleicht einen Elch zu sehen. Im Wald vor Pervalka sollen die Chancen ganz gut stehen. Gegen halb 8 bin ich dort, schaue, lausche – da hinten vielleicht? Ein Reh. Ich warte weiter, kein Elch. Dann geh ich halt zu meiner Füchsin zurück. Das sind die Entscheidungen, die hier anstehen – nach Norden oder Süden, an die Ostsee oder ans Haff, Reh oder Fuchs. So schön, diese kurische Nehrung!

 

 

On the road again

Ich bin wieder unterwegs. Zwar nicht mit der Aussicht auf eine Weltumrundung und in drei Wochen werde ich wieder zuhause sein, aber ich habe Zeit, zwei Länder zu erkunden, die mich immer schon gereizt haben: Litauen und Lettland. Und seit Rumänien hat es mir der Osten Europas ja sowieso angetan. Julia geht an Bord – kein Flugzeug diesmal, sondern ein Schiff. 20 Stunden von Kiel nach Klaipeda, dem früheren Memel, immer entlang der Ostseeküste.
Aber vorher mache ich einen Abstecher nach Bremen. Fast meine Geburtsstadt, wären meine Eltern nicht im Januar 1965 von dort weggezogen. Ahnenforschung ist ja mein großes Thema und über all die alten Urkunden und verstaubten Dokumente habe ich fast die Lebenden aus dem Blick verloren. Meine Cousine Kerstin ist meine nächste noch lebende Verwandte und wir haben uns das letzte Mal vor über zwanzig Jahren gesehen.
Bremen hält trübes Wetter für mich parat – aber die Deutsche Bahn hat das wahrscheinlich gewusst und erspart mir zwei Stunden norddeutscher grauer Suppe. Allerdings hätte ich mit denen was besseres anzufangen gewusst, als in verspäteten Zügen herumzuhängen. Ach, und es waren nicht zwei, sondern nur eine Stunde 50 Minuten. Ab zwei Stunden hätte ich nämlich die Hälfte des Reisepreises zurück bekommen und wir wollen doch mal korrekt sein.
Egal, ich habe zwei Nächte in Bremen und am ersten Abend reicht es immerhin für Pannfisch auf dem Bremer Rathausmarkt. Der Roland hat immer noch so spitze Knie wie früher, aber das würde mir heute gar nicht mehr auffallen. Als Kind endete mein Blick an diesen Pieksern und auch den gesamten Rathausmarkt habe ich viel größer in Erinnerung.
Diese unterschiedliche Wahrnehmung wird dann auch den nächsten Tag dominieren – wie anders Kerstin und ich doch viele Ereignisse unserer Kindheit in Erinnerung haben. Ob wir uns wohl wieder erkennen, fragte Kerstin am Telefon. Sofort und ohne Zweifel! Wir versichern uns gegenseitig, wie gut wir uns gehalten haben, klasse Gene halt 🙂 Geplant war ein gemeinsamer Kaffee, nach fast acht Stunden schöner und nicht so schöner Geschichten und einigen Alsterwassern trennen wir uns schweren Herzens und versprechen, den Kontakt jetzt nicht mehr abreißen zu lassen.
Mein nächstes Ziel ist Kiel. In Hamburg treffe ich Coco für einen kurzen Essensstopp. Ich hatte es schon zur Tradition werden lassen, jede Gelegenheit für einen Backfisch bei Daniel Wischer in der Spitaler Straße zu nutzen. Meine sporadischen Hamburg-Besuche haben ihn aber wohl nicht retten können, der Laden heißt jetzt „Ahoi by Steffen Henssler“ und der Typ geht mir schon im Fernsehen gehörig auf den Keks. Natürlich leiht er dem Restaurant nur seinen Namen, aber vielleicht sollte er ab und an vorbei schauen, seine Leute haben es leider nicht im Griff. Muss ich natürlich auch TripAdvisor schreiben :-). Aber es geht jetzt ja um Schöneres, nämlich um Litauen!
In Kiel trennen mich nur eine kurze Busfahrt und ein Spaziergang vom Ostuferkai, an dem das Schiff nach Klaipeda am Abend ablegt. Nur ganz wenige Passagiere reisen ohne fahrbaren Untersatz. Ich marschiere mit meinem Trolley an der langen Schlange der wartenden Autos vorbei und nach kurzer freundlicher Abfertigung warte ich mit drei anderen Passagieren in einem Terminal, das größer als der gesamte Flughafen auf Rodrigues ist. Aber immer noch sehr überschaubar. Wir kriegen einen eigenen Shuttle-Bus und ich betrete das Schiff als erste. Rolltreppen bringen mich nach oben zur Rezeption, ja, die Zeiten, in denen ich den billigen Pullman-Seat gebucht hätte, sind vorbei, ich habe eine Kabine reserviert. Ich tausche meine Bordkarte gegen den Kabinenschlüssel und besichtige meine Koje. Sehr nett, ein gemütliches Bett, blütenweiß bezogen unter einem großen Fenster, ein kleines Bad, ein Obstkorb, der Rezeptionist war jetzt zwar nicht Sascha Hehn, aber ich bin zufrieden. Noch wartet aber Spannenderes auf mich. Die Beladung des Schiffes ist im Gang und in einer dreiviertel Stunde legen wir ab. Vom Hubschrauberdeck aus beobachte ich, wie die Lastwagen, Wohnmobile und Autos auf das Schiff sortiert werden – das hat was von Tetris. Hier bitte wenden, da bitte rückwärts rein, schnell ausgestiegen, denn der nächste wird versuchen, Türgriff an Türgriff zu parken. Und dann ist das Deck unter mir voll. Klappe hoch, Motoren an, Liegezeiten scheinen auch hier teuer zu sein. Noch vor neun tuckern wir hinaus auf die Kieler Förde. Die Aida überholt uns, ja jetzt aber! Die Sonne geht über Kiel unter, ich kenne schönere Städte, aber ein freundlicher letzter Eindruck von Deutschland.
Schnell sind wir auf der offenen Ostsee, jetzt ist Zeit für ein erstes litauisches Bier. Die Preise an Bord sind zivil, drei Euro für eine süffige Halbe, deren Namen ich leider trotz mehrfachen Vorsprechens der Dame an der Bar nicht richtig hinbekomme. Ganz was anderes, dieses litauisch. Eindeutig östlich, aber auch skandinavisch. Jedenfalls versteht man kein Wort. Zum Glück sind die Ansagen an Bord auch auf deutsch und englisch. Draußen wird es langsam kühl, ich freue mich auf meine gemütliche Kabine, schlafe dann aber ziemlich schlecht und wache früh auf. Vielleicht ist es die laute Lüftung oder die frühe Helligkeit am nächsten Morgen, aber egal. Frühstück gibt es um diese Zeit noch nicht, aber gestern Abend hatte ich einen Kaffeeautomaten im Restaurant gesehen. Für einen Euro spuckt er ein ziemlich widerliches Gebräu im Plastikbecher aus. Später gibt’s dann ein freundliches Frühstücksbuffet und leckeren Kaffee, da ist die Plörre wieder vergessen. Was die Victoria Seaways vom Traumschiff eindeutig unterscheidet, ist das fehlende Outdoor-Entertainment. Ein paar Bierbänke oberhalb der Fahrzeuge, über dem riesigen Hubschrauberdeck lacht zwar ab und an die Sonne, aber sitzen kann man nur auf dem Boden. Damit jederzeit ein Hubschrauber landen kann, wahrscheinlich 🙂 Die Sicht ist schlecht, alles recht dunstig und dabei hatte ich doch gehofft, einen Blick auf Hinterpommern werfen zu können. Nix da, das erste Land sehe ich kurz vor Klaipeda. Erst die Industrieanlagen des Hafens und dann den Landstreifen der kurischen Nehrung. Eigentlich rieche ich ihn eher, es duftet nach Nadelbäumen. Wir legen an und die Entladung geht ebenso schnell und professionell wie in Kiel vonstatten. Der Taxifahrer verlangt 10 Euro bis zu meinem Hotel, zu viel, das ist mir klar, aber ich habe keine Lust, mich zu ärgern. Eine kleine Pension in der Nähe der Altstadt, dahin mache ich mich sofort auf. Im Laufen merke ich immer deutlicher, dass mein Fuß zwickt, der rechte „Zeigezeh“, ich hatte schon gestern gemerkt, dass er blau und grün ist. Keine Ahnung, was da passiert ist, wird schon wieder weggehen. Die Altstadt von Klaipeda, dem früheren Memel, ist überschaubar. Aber ich bin zu müde und hungrig für Sightseeing, nehme gerade mal den Marktplatz in Augenschein, morgen ist ja auch noch ein Tag.

Wenn krank, dann hier

Und der beginnt mit der Gewissheit, dass das nicht gut ist mit dem Zeh. Es tut weh. Ziemlich weh. Was ist denn da nur passiert? Ist der wohlmöglich gebrochen? Neben der Pension ist eine kleine Klinik. Ich beschließe, da mal nachzufragen. Wenn sie schon in der Nachbarschaft ist. Mit Englisch kommt man in Litauen nur bedingt durch, aber von meinem letzten Zahnarztbesuch bei der Inseldoktorin in Costa Rica weiß ich ja, dass Google Translate die Lösung ist. Deswegen tippe ich präventiv „Ich glaube, ich habe mir den Zeh gebrochen“ ein und trage offene Sandalen, um das blaue Exemplar präsentieren zu können.
Die Krankenschwester erkennt meine Not, gibt mir aber zu verstehen, dass ich nicht in der richtigen Klinik sei. Also humple ich ein paar Straßen weiter, zeige wieder mein Handy mit dem Text und den Fuß vor und treffe auf eine gut englisch sprechende Schwester. „I think we can help you“, sagt sie aufmunternd. Eine Stunde später ist der Fuß geröngt, der Zeh ist nicht gebrochen, dafür jetzt aber an seinem Nachbar festgeklebt, ich habe ein Rezept für ein Schmerzmittel und eine Salbe, bin sehr erleichtert und ziemlich angetan von der litauischen Krankenversorgung. War eine ziemlich menschliche Atmosphäre dort, der Arzt hat sich Zeit genommen, das Röntgenbild ganz intensiv betrachtet und mir ein gutes Gefühl gegeben. Ich kann ruhig laufen, halt den Fuß abends hochlegen und dann gäbe es ja noch dieses Schmerzpulver. Das wirkt Wunder, der Zeh zwickt zwar noch, aber kein Problem.
Das war also meine Klaipeda-Erfahrung. Schade, ein nettes Städtchen mit viel maritimem Flair. Aber ich muss weiter, die kurische Nehrung mit ihrem verführerischen Duft wartet auf mich. Mal schauen, ob das auch dem Zeh gefällt.

 

 

Eiskalt im Osten

Mein erster Urlaub nach der großen Reise sollte gleich drei Wünsche auf einmal erfüllen: eine neue Stadt kennenlernen, der lieben Coco ins neue Lebensjahr verhelfen und meine Ahnungsforschungsgelüste befriedigen. Alles zusammen an einem Ort geht nur beim Überraschungsei, also erst Neapel, dann Hamburg und zuletzt Magdeburg. Und mit jedem Kilometer sanken die Temperaturen….
Neapel verabschiedete uns mit Schnee. Nicht viel, aber genug, um den Flugplan komplett auf den Kopf zu stellen. Mit einstündiger Verspätung saßen wir in der Maschine nach Brüssel – Umsteigezeit 45 Minuten. Ich sah uns schon mit Muscheln und Pommes auf dem Grote Markt ohne Jonathan auf Cocos Geburtstag anstoßen, als die freundliche Stewardess uns eröffnete, dass unser Flugzeug genau das sei, das für den Weiterflug nach Hamburg vorgesehen wäre. Also alles gut.
Den Geburtstagsmitternachtssekt gab’s wie geplant im schönen Norden und obendrauf dann einen Geburtstagsmorgenspaziergang im Winterwonderland – dem idyllisch verschneiten Alstertal. Kalt natürlich, aber eben winterschneekalt unter strahlend blauem Himmel. Und nichts gegen die Arktis, in die ich mich dann aufmachte.

Eine Direktverbindung Hamburg – Magdeburg gibt es nicht. Ist ja jetzt nicht so ungewöhnlich, aber als ich dann auf dem Bahnhof von Wittenberge feststellte, dass es ab hier mit der S-Bahn weiterging, war ich doch überrascht. Magdeburg ist ja immerhin die Hauptstadt von Sachsen-Anhalt. Aber egal, die Bahn war warm und mit erstaunlich gutem WLAN ausgestattet, und so bekam ich ja noch mehr zu sehen, vom Osten.

Meine Mutter wurde in Magdeburg geboren. Wirklich viel davon gesehen hat sie aber sicherlich nicht, sie kam 1941 mitten im Krieg auf die Welt. Der Stempel auf ihrer Geburtsurkunde trägt ein Hakenkreuz und vor den großen Luftangriffen auf Magdeburg flüchtete die Familie aufs Land. Da war meine Mutter wahrscheinlich drei oder vier Jahre alt. Am 16. Januar 1945 wurde Magdeburg von britischen Bombern zerstört. Der Angriff wird als einer der verheerendsten Luftangriffe auf eine deutsche Stadt bezeichnet.  Die Altstadt brannte mehrere Tage und für meine Großeltern gab es nichts mehr, wohin sie hätten zurück kehren können.
Das alte Magdeburg hat sich städtebaulich von dieser Zerstörung nie mehr erholt. Was die Bomben übrig gelassen hatten, fiel erst dem Sozialismus und später dem Kapitalismus zum Opfer. Der Breite Weg, früher eine der schönsten Barockstraßen Deutschlands, ist heute gesäumt von gesichtlosen Einkaufszentren und umgestalteten Plattenbauten. Alles auf den ersten Blick nicht so ganz das Ambiente für eine atmosphärische Familienforschung.

Also erst mal raus auf’s Land. Nach der Evakuierung aus Magdeburg ließ sich die Familie Werner – meine Großeltern, meine Mutter und meine zwei Tanten – in Haldensleben nieder, einem kleinen Städtchen mit etwa 20.000 Einwohnern, 30 km von Magdeburg entfernt. Die Eltern meiner Großmutter lebten dort, Georg Werneburg war der städtische Gendarm. Das Wohnhaus am Holzmarkt steht heute noch, so wie fast alles in Haldensleben. Ein freundliches kleines Städtchen und wenn es nicht so kalt gewesen wäre, ein idealer Ort für eine Radtour am Bördekanal oder einen langen Spaziergang durch die platte Landschaft. Und zu Kriegsende sicherlich ein wesentlich besserer Ort als das zertrümmerte Magdeburg.
Die Familie Werner schien noch einigermaßen glimpflich durch den Krieg gekommen zu sein – nur Rudolf, der Bruder meiner Großmutter, blieb vermisst und wurde 1949 für tot erklärt. Die Zeichen standen auf Neuanfang, da nahm sich mein Urgroßvater Georg Werneburg, Gendarm im Ruhestand, am 16. Oktober 1945 das Leben. Kopfschuss steht in der Sterbeurkunde und wie so vieles wurde sein Tod in meiner Familie nie thematisiert. Die massenhaften Selbstmorde am Ende des zweiten Weltkrieges wurden erst vor ein paar Jahren öffentlich aufgearbeitet. „Kind, versprich mir, dass Du Dich erschießt“ heißt das Buch von Florian Huber, das den „Untergang der kleinen Leute“, so der Untertitel, schildert. Die Angst vor Deportation und Vergewaltigung war eine Ursache, aber auch die Verzweiflung darüber, dass alles, woran man geglaubt hatte, untergegangen war. Und auch die Angst davor, vom neuen System für die Verbrechen des alten zur Rechenschaft gezogen zu werden. Was auf meinen Urgroßvater, den Polizisten, zutraf, weiß ich nicht. Ich bezweifele auch, dass ich es jemals erfahren werde. Georg Werneburg hat in den Archiven wenig Spuren hinterlassen. Das lässt natürlich Raum für Fantasie, gerade angesichts seines Berufes.
Trotz dieser Tragödie fasste die Familie Werner schnell Fuß in Haldensleben. Mein Opa eröffnete ein 1946 ein Büro für Buchprüfungen und übernahm kurz darauf die Geschäftsführung eines Düngemittelbetriebes. Anfang der 50er Jahre aber hatten sie sich entschieden – sie wollten weg, in den Westen. Die Flucht war gut vorbereitet, mein Opa kaufte noch rasch zwei Grundstücke, sogar einige Möbelstücke nahmen sie mit und am vornehmen Osterdeich in Bremen begannen sie zum dritten Mal ein neues Leben.

Zu Lebzeiten meiner Verwandten habe ich nie nachgefragt, woher sie kamen und wer noch alles zu ihnen gehört hat. Magdeburg schien damals weiter entfernt und schwerer erreichbar als Australien. Es gab sie, die Ostverwandtschaft, an die ich als Kind die Pakete auf die Post trug, aber ich dachte, Tante Annelise aus Plauen mit ihrer Familie sei die einzige gewesen. Dass meine Großmutter noch zwei Geschwister im Osten hatte, ihre Mutter und die meines Opas erst Jahre später dort starben, weiß ich erst seit kurzem. Die Trennung von ihrer Familie war für meine Großeltern endgültig – so weit ich weiß, wurde ihnen nie wieder die Einreise in die DDR erlaubt. Schon unglaublich, dass ich heute, mehr als ein halbes Jahrhundert später, einfach so durch Haldensleben laufen kann, vorbei an ihrem Wohnhaus, um die Ecke vom früheren Büro meines Opas. Zumindest in Haldensleben, wo sich die Altstadt kaum verändert hat, kommt trotz der eisigen Kälte ein wohliges Gefühl auf.

In Magdeburg hat die Sentimentalität wenig Chancen. Selbst jemand, der zu DDR-Zeiten hier gelebt hat, wird seine Stadt nicht überall wieder erkennen. Und da es sowieso viel zu kalt ist, um durch die Straßen zu laufen, verbringe ich die Zeit lieber in gut geheizten Archiven bei sehr freundlichen und hilfsbereiten Mitarbeitern. Im Stadtarchiv wühle ich mich durch alte Adressbücher und stelle fest, dass mein Opa, für mich immer Kaufmann durch und durch, sein Berufsleben zunächst als Finanzbeamter startete. Solche Brüche scheinen sich durch sein Leben gezogen zu haben – vom 300-Seelendorf in Sachsen über die Großstadt Magdeburg zurück in die ländliche Idylle und dann hinein in die Ungewissheit des Westens, die sichere Beamtenlaufbahn gegen verschiedene Posten als Kaufmann getauscht. Prokurist im Sudenburger Brauhaus war er und kurz bevor ich Magdeburg wieder verlasse, zwar mit vielen Ausdrucken aus den Archiven, aber nur wenigen Bildern im Kopf, finde ich es dann doch noch einen kurzen Eindruck vom Magdeburger Leben meiner Familie. Vor der Kälte fliehe ich in einen Edeka am Breiten Weg. Vor 1945 war hier die Katharinenkirche, Teile ihres Portals stehen eingequetscht von klobigen Neubauten. Im Hauseingang des Supermarktes sind Bilder aufgehängt, Magdeburg vor der Zerstörung. Der Breite Weg, so wie er vor 1945 ausgesehen hat. Das Bild eines Lokals, „Korte’s Bierausschank“, davor eine Brauereikutsche mit zwei Pferden, unter der Ladefläche ist ein Schild angebracht „Sudenburger Brauhaus“. In Gedanken sehe ich meinen Großvater am Fenster der Brauerei stehen, jemand ruft zu ihm herauf „Fünf Fässer Helles für Korte“, lachend prostet er mit einem frisch gezapften Sudenburger Pils zurück – ne, so kitschig war es garantiert nicht. Dem alten Werbespruch „und nach der Arbeit trinken wir das gute Sudenburger Bier“ folgend, genehmige ich mir am Abend ein Gläschen und stoße auf Opa an.

Das war also der genealogische Teil meiner Kurzreise. Touristisch hat mich die Kälte ziemlich lahm gelegt. Ein kurzer Gang zum Dom, dem ältesten gotischen Bauwerk in Deutschland, ein fröstelnder Bummel über den Domplatz hinunter zur eisschollenbedeckten Elbe, ein bibbernder Besuch des alten Marktplatzes, ein Kaffee im Hundertwasserhaus – mehr hat bei der eisigen Kälte keinen Spaß gemacht. Eine Stadt ohne echte Altstadt, aber sicherlich mit Flair, wenn es 30 Grad mehr hat. Jetzt nicht unbedingt ein touristisches Highlight, aber ein paar Tage kann man hier schon verbringen. Auf dem Weg in die Archive komme ich auch durch Stadtteile, die andere Eindrücke vermitteln und Lust auf Entdeckungen machen. Die Magdeburger Neustadt mit ihrem wunderhübschen, aber leider vollkommen verwahrlosten Backstein-Bahnhof scheint eher auf dem absteigenden Ast zu sein, Stadtfeld dagegen ist ein spannender Mix aus toll renovierten Gründerzeithäusern und DDR-Plattenbauten. Ich werde noch mal her kommen, wenn es viel viel wärmer ist und ich die vielen vielen Ausdrucke aus den Kirchenbüchern ausgewertet habe. Eine neue Spur scheint nach Greiz in Thüringen zu führen. Ich freu mich schon heute auf einen neuen Ort und bin gespannt, wo mich meine Vorfahren noch so hinführen werden.

Bella bagnata Napoli

… heißt hoffentlich so viel wie schönes nasses Neapel. Aber mein Italienisch ist ziemlich eingerostet. Oder eher abgegluckert.

Wir saßen im frühlingshaften Zypern, Coco und ich, als wir uns vor zwei Jahren dort trafen, auf unserer großen Reise. Das sollten wir öfter machen, dachten wir uns. Eine sonnige Flucht aus dem kalten Deutschland. Letztes Jahr klappte es nicht, aber dieses Jahr, da wollten wir dem Frühling entgegen reisen. Andalusien oder Israel oder vielleicht doch eine sonnige Insel? Mehr als ein verlängertes Wochenende hatten wir nicht und ein bisschen Kultur wollten wir und gutes Essen und leckeren Wein – das schreit doch nach Italien. Und unten im Süden, wo die Zitronen blühn und die Goldorangen glühn, da wird es doch niemals kalt, oder?
Also auf nach Neapel. Südlicher als Rom habe ich es noch nie geschafft und den Vesuv und Pompeji wollte ich immer schon mal sehen. Coco ging’s genauso und so flogen wir gemeinsam in den Süden. Und ja, kaum waren wir der Metro entstiegen, lud uns schon eine kleine Espressobar zu unserem ersten italienischen Kaffee ein. So richtig warm wars noch nicht, aber wir konnten draußen sitzen. Und dann waren wir mittendrin in der Altstadt von Neapel, in unserer kleinen Wohnung in einer engen Gasse, viele viele gute Restaurants um uns herum, ein Fläschchen Rotwein vom Vermieter – was konnte da schief gehen?
Richtig schief gegangen ist eigentlich nichts, unsere Stimmung hielt sich, der Wein floss – aber eben auch der Regen. Und wenn es im Frühjahr in Neapel regnet, dann richtig. In Strömen und lange und gerne auch mal mehrere Tage hintereinander. Schnell war klar: das wird ein Urlaub der überdachten Attraktionen. Neapel hat davon genügend für mehrere Tage und so starteten wir gleich mit dem größten Abstand zum tropfenden Himmel – Napoli Sotterranea, dem gigantischen Katakomben-Gewirr 40 Meter unter Neapel. Die Griechen buddelten hier zuerst, um Steine für den Häuserbau aus der Erde zu klopfen, dann kamen die Römer und nutzten die Gänge für ein Abwassersystem, später kippte man Müll hinein und als eine große Cholera-Epedemie im 19.Jahrhundert tausende von Tote in der Stadt forderte, wurden die Zugänge erst mal dicht gemacht. Im Zweiten Weltkrieg brauchte man die Unterwelt als Bunker und seit einigen Jahren wird das Ganze vor allem touristisch genutzt. Über 400 km winden sich unter der Stadt, manche Gänge so schmal, dass man nur noch seitlich vorankommt und bis vor kurzem bekam noch jeder eine tropfende Kerze zur Beleuchtung in die Hand. Heute sind es LED-Kerzen oder gleich Handylampen, aber der Charme bleibt bestehen. Als wir den grauen Himmel wieder erblicken, geht es um die Ecke in die ehemalige Wohnung einer neapolitanischen Familie. Jahrzehnte nutzen sie einen vermeintlichen Keller unter ihrem Bett, um Wein zu lagern. Dann entpuppte sich der Keller als Eingang zu einem riesigen antiken Theater und das war’s dann mit der Wohnung. Die Familie musste gehen, die Einrichtung blieb, damit man den staunenden Touristen zeigen kann, was zum Vorschein kommt, wenn man das Bett abrückt und die Klappe darunter öffnet.
Was macht man sonst so in einer Stadt, in der es permanent regnet? Gemütlich in Cafés sitzen, wäre grundsätzlich eine meiner Antworten. Aber Neapel ist nun mal eine Stadt, in der es meistens warm ist und das Leben unter freiem Himmel stattfindet. Und wo man dann eben auch draußen sitzt. In den Cafés gibt es meist den typischen Tresen, an dem man Espresso schlürft und ein paar mittelmäßig bequeme Stühle. Aber nur sehr selten gemütliche Sessel, in denen man ein Stündchen verbringen möchte. Aber was soll’s, die Museen sind auch sehr sehenswert.
Wir bekommen im Archäologischen Nationalmuseum einen ersten Eindruck, was uns in Pompeji erwarten wird. Die Statuen und vorallem die Alltagsgegenstände zeugen von einer sehr weit entwickelten Kultur. Staunend stehen wir vor allem vor den Glasgefäßen – so was gab es um 70 nach Christus? Einiges könnte durchaus aus dem Haushaltswarenladen um die Ecke sein. Ganz schön fit, diese Römer. Der Duomo und das Museum mit Werken von Caravaggio beeindrucken mit ihrer barocken Pracht und am Ende des Tages wartet ja immer noch ein Highlight: der Besuch einer Trattoria oder Pizzeria. Ein eigentlich immmer hervorragender Vino di Casa, mal weiß, mal rot stimmt uns auf die Köstlichkeiten der neapolitanischen Küche ein, die Antipasti sind einmalig, die Pasta außergewöhnlich (z.B. weiße Bohnen und Meeresfrüchte, eine wilde, aber durchaus stimmige Kombination), aber natürlich muss es auch eine Pizza sein. Sie ist lecker, aromatisch, laut Reiseführer eine der besten der Stadt und in typisch italienischem Ambiente – aber trotz Holzofens habe ich schon knusprigere gegessen. Doch die Hauptsache ist ja eigentlich, dass sie hier erfunden wurde, die Pizza. Oder war es doch eher in den Straßen von New York?

Und dann Pompeji. Wir haben uns den einzigen regenfreien Tag ausgesucht, dafür bläst ein kalter Wind, der uns allerdings auch vor Touristenmassen schützt. Eine halbe Stunde mit der Vorortbahn und man kommt direkt am Haupteingang heraus. Im Besucherzentrum kriegt man einen digitalen ersten Eindruck. Eine komplett erhaltene Kleinstadt, konserviert für die Ewigkeit.
Vor einigen Jahren habe ich mit Begeisterung Aufbauspiele am PC gespielt, aus ein paar mickrigen Zelten wurde im Laufe der Tage eine riesige römische Stadt, mit Amphitheater und allem drum und dran. Hatte man aber nicht rechtzeitig für ausreichend Tempel, Badeanstalten und Marktplätze gesorgt, wurde es nichts mit der Pracht. Und jetzt laufe ich durch eine Stadt, die hierfür das perfekte Vorbild ist. Nur der große feuerspeiende Berg, den gab’s in meinem Spiel nicht.
Die Pompejianer haben es sich sehr schön gemacht in ihrer Stadt. Aufwändig dekorierte Häuser mit Innenhöfen, die Straßen gesäumt von kleinen Läden, Brunnen an jeder Ecke,
Tempel, Theater und das meist mit grandiosem Blick entweder auf das Meer oder die Berge. Denn der Vesuv, der heute ganz brav mit einem kleinen Wölkchen über dem Gipfel da steht, ist nicht der einzige Berg in der Umgebung. Vieles wirkt so, als sei es vor gar nicht allzu langer Zeit verlassen worden. Der Backofen in einem Haus sieht aus, als könne er mit ein bisschen Holz sofort beste Pizza produzieren, manche Bodenmosaike sind vollständig erhalten und in der Therme scheint nur ein wenig sprudelndes Wasser zu fehlen. Es ist schade, dass es nicht wärmer ist, man sich eine Weile hinsetzen und die Phantasie spielen lassen kann, wie es wohl war, das Leben in Pompeii vor 1000 Jahren. Den Tod kriegt man an einigen Stellen vor Augen geführt, die Gipsabdrücke der Bewohner geben einen Eindruck vom tragischen Untergang der Stadt. Mich fröstelt noch etwas mehr.

Am Tag drauf schneit es dann. Dicke Flocken segeln an unserer Balkontür vorbei und auf einigen Autos liegen mehrere Zentimeter Schnee. Es ist Zeit zu gehen… 

Ach ja, und während ich dieses schreibe, scheint mir die Frühlingssonne auf den Kopf, meine Reisehängematte aus Amerika passt perfekt auf meine kleine Dachterrasse und ich baumle in der Wärme Stuttgarts. Bissle schlechtes Timing war das schon mit Neapel, aber toll war’s trotzdem.

Er ist wieder da

Unglaublich. Nach fünf Tagen hat Eric endlich seinen Koffer wieder. Noch unglaublicher: der Koffer hatte sich in Frankfurt versteckt. Wie er da hin kam – sein Eigentümer flog von Stuttgart über München nach Delhi – weiß wohl nur Lufthansa. Und am allerunglaublichsten: dass Lufthansa ihn just dann findet, wenn wir ein bisschen frecher auf ihrer Facebook-Seite werden. Da lag also der Koffer vier Tage lang mit unverletztem Gepäcktag – dem Klebestreifen, auf dem alle notwendigen Daten deutlich zu erkennen sind – irgendwo in Frankfurt rum. Ab wann fangt ihr in Frankfurt eigentlich an, euch zu wundern, Lufthansa? Über einen Koffer, der erkennbar nach Delhi möchte? Offensichtlich erst, wenn die Kommentare auf eurer Facebook-Seite nervig werden.

Eric ist natürlich erst mal glücklich. Wäre ich an seiner Stelle auch. Fünf Tage ohne Gepäck in Indien, das ist schon was. Der Frage, ob Lufthansa ihn entschädigt, für die Ersatzeinkäufe, vor allem die Sachen, die er jetzt doppelt hat, oder gar für die ganze Nerverei, die ihn Tage seines Urlaubs gekostet haben, wenden wir uns später zu. Ich habe aber die dumpfe Ahnung, dass das wieder nicht ohne Schwierigkeiten ablaufen wird.

Wir sind wieder um eine Erfahrung reicher geworden. Es macht mittlerweile keinen Unterschied mehr, ob man sich für einen Billigflieger oder eine etablierte Fluglinie entscheidet. Verloren gehen kann bei beiden etwas. Aber wir dachten bisher, dass man bei einer Fluglinie wie Lufthansa bei Problemen einen ganz anderen Service bekommt als bei den billigen. What you pay is what you get, dachten wir. Ist aber nicht so. Lufthansa hat nicht einmal mehr die Struktur, um zu helfen. Callcenter mit Endloswarteschleifen, Mailadressen, die nur bei einem schnell sind: der Meldung, dass sie überlastet sind. Ob das Konzept so aufgehen wird? Haben sich wahrscheinlich die gleichen Experten ausgedacht, die meinen, die Lofoten bewerben zu müssen, diese lufthansafreie Zone.
Also, der Koffer ist da, danke fürs Mitbibbern! Das Abenteuer Rajasthan kann jetzt endlich unbeschwert beginnen und ich freu mich schon auf tolle Photos!

 

 

 

 

Jäger des verlorenen Koffers

Während ich mich in der Eingewöhnung in das normale Leben noch übe, ist ein anderer Globonaut, der diese Phase schon hinter sich gelassen hat, wieder aufgebrochen in die Welt. Eric ist in Indien, einem unserer Lieblingsreiseziele. Auf unserer Weltreise haben wir es nicht dort hin geschafft, immer standen andere, noch unbekannte Länder auf dem Plan. Aber Indien bleibt eine große Liebe und so hat er sich am Sonntag zum mittlerweile sechsten Mal in dieses unglaubliche Land aufgemacht. Incredible India, selten ist ein Werbespruch so passend. Ich bin froh, dass er mit Rajasthan ein Ziel gewählt hat, dass wir schon gemeinsam bereist haben, sonst wäre ich wahrscheinlich zu neidisch. Er wird sicherlich noch ein tolles Photoalbum in die GloboPics einstellen. Aber derzeit ist er leider mit etwas ganz anderem vollauf beschäftigt.
Viele Menschen haben großen Respekt vor Indien als Reiseland. Kann ich gut verstehen, hatte ich vor meiner ersten Indienreise auch. Die vielen Menschen, die Armut, die hygienischen Verhältnisse, die komplette Andersartigkeit des Landes und der Gesellschaft gemessen an europäischen Maßstäben – ja, das trifft alles zu. Aber all das macht Indien auch so faszinierend, so wunderbar, dass jede Durchfallerkrankung, jede endlose Fahrt in holprigen Bussen oder langsamen Zügen, jede Distanzlosigkeit der Menschen es wert ist – Indien belohnt mit unglaublichen Eindrücken, phantastischer Architektur und Natur, wunderschönen Menschen und dem leckersten Essen.
Und obwohl auf den ersten Blick alles sehr chaotisch wirkt, irgendwie klappt in Indien dann doch alles – wenn man es nicht mit einer deutschen Fluglinie zu tun bekommt…
Das Drama in einer noch nicht bekannten Zahl von Akten beginnt am späten Sonntag Abend am Flughafen von Delhi, wo Eric nach langem Anstehen an den Einreiseschaltern endlich zum Gepäckband vordringt und seinen Koffer nicht findet. Das Band dreht eine Runde und noch eine und noch eine, aber der Koffer bleibt verschwunden. So etwas kann passieren, wir haben das schon ein paar Mal erlebt, der Koffer hat es nicht ins gleiche Flugzeug geschafft und wird dann meist am nächsten Tag nachgeliefert. Bissle ärgerlich, weil man sich nach einem langen Flug ja auf eine gute Dusche und frische Klamotten freut, aber auszuhalten. In diesen Dingen durchaus erfahren meldet Eric den Verlust am entsprechenden Lufthansa-Schalter im Flughafen, seine Daten werden aufgenommen, er bekommt einen Durchschlag des Formulars mit einer Telefonnummer, bei der er sich erkundigen kann, ein kleines Päckchen mit Waschsachen und ein Polyacryl-T-Shirt. Noch ist er frohen Mutes, nimmt ein Taxi hinein ins nächtliche Delhi und fällt ins Bett. Am nächsten Morgen greift er zum Telefon und ruft die Nummer an, die Lufthansa ihm gegeben hat. Es klingelt ewig, er versucht es ein zweites, ein drittes Mal, niemand nimmt ab. Es ist Feiertag in Indien, Gandhis Geburtstag, nun denn, irgendwann wird schon jemand dran gehen. Denkt er. Er berichtet mit per Mail von dem Ganzen und ich fange – mit einer deutlich besseren Internetverbindung als er – mal an zu recherchieren. Ah, da gibt es ein Portal im Internet, auf das Lufthansa verweist, da kann man den Gang der Suche nach dem verlorenen Gepäckstück nachverfolgen. Gute Idee, denke ich mir. Zur Anmeldung braucht man nur die Vorgangsnummer. Also Eric, dann sag mal, wie die Vorgangsnummer lautet.
Nach vergeblicher Suche schickt er mir ein Photo des Durchschlags, den er am Flughafen erhalten hat. Siehst Du da eine Vorgangsnummer? Ähm, nein. In Delhi geht immer noch keiner ans Telefon, also beschließe ich, es doch mal bei Lufthansa in Deutschland zu versuchen. Immer noch in der Überzeugung, es hier mit einer deutschen Qualitätsairline zu tun zu haben, die sicherlich alles tun wird, um ihre Gäste zufriedenzustellen, suche ich im Internet nach einer Telefonnummer. Das einzige, was ich finde, ist eine Nummer für „Reservierung und Buchungen“. Nun denn, dann versuche ich es doch mal da.
Nach einer schier endlosen Zeit in der Warteschleife (hätte ich wirklich buchen wollen, ich hätte schon lange aufgelegt) komme ich bei einem leicht überfordert wirkenden Mitarbeiter heraus, der mir nicht weiterhelfen kann. Aber er schickt mich in eine neue Warteschleife und keine 10 Minuten später habe ich eine Dame an der Strippe, die zwar auch nichts über das Gepäck sagen kann, mir aber wenigstens die magische Vorgangsnummer gibt. Und Simsalabim bin ich drin, im Gepäcksuchportal. Wer sich das jetzt wie bei Hermes oder bei der Post vorstellt, der liegt leider falsch. Diese auch nicht gerade als Könige des Kundenservice bekannten Unternehmen unterrichten einen doch relativ detailliert, was sie gerade mit der Sendung tun, hier ans Abholzentrum übergeben, da in den Lieferwagen gepackt. Lufthansa hingegen sucht, ganz ausschließlich und stumm und seit mittlerweile drei Tagen. Und ohne Ergebnis. Vermuten wir mal, denn das Portal sagt uns nichts anderes und die Nummer am Flughafen in Delhi, da wird Gandhis Geburtstag wohl immer noch gefeiert.
Eric fühlt sich langsam unwohl. Immer noch die gleichen Klamotten am Körper, leicht aufgerissene Gesichtshaut vom billigen Einwegrasierer aus dem Lufthansa-Pack und langsam steigende Sorge, dass der Koffer mit Kleidung, Schuhen und den Objektiven für seine schönen Photos vielleicht nie mehr auftaucht. Natürlich fragt er sich auch, wie die Reise denn jetzt weitergehen soll – Delhi war ja nur als Zwischenstation ins schöne Rajasthan geplant.
Also versuchen wir es per Mail. Lufthansa, was soll jetzt passieren? Sucht ihr überhaupt, oder seid ihr mit eurem Flughafentelefon abgetaucht? Kann Eric weiter reisen? Ab wann muss er die Hoffnung auf den Koffer aufgeben und sich alle Sachen neu beschaffen? Und zahlt ihr das dann auch?
Lufthansas automatische Eingangsbestätigung braucht eine erstaunliche halbe Stunde. „Aufgrund eines derzeit besonders hohen Eingangsvolumens kann die Bearbeitung Ihrer Anfrage einige Zeit in Anspruch nehmen.“
Jetzt werden wir langsam sauer, diesseits und jenseits des indischen Ozeans. Mittlerweile ist der Feiertag in Deutschland angebrochen und ich kämpfe gegen den Ausbruch einer Erkältung. Also bleibe ich länger im Bett und plane den Widerstand gegen die Servicewüste. Facebook, das könnte doch ein Anfang sein. Ein kurzer Beitrag unter ihrer Werbung und prompt kommt die Antwort: Das tut uns leid mit dem Gepäck, aber wir haben da ein tolles Portal. Ich schreibe zurück, dass wir das schon zur Genüge kennen, es gar nicht so toll finden und einfach gerne einen Ansprechpartner aus Fleisch und Blut hätten. Danach herrscht Funkstille.
Eric bekämpft den Missstand mittlerweile mit einer ausgedehnten Shoppingtour. Die könnte ja eigentlich nett sein, wäre man nicht aus einem völlig anderen Grund in Indien.
Am Abend hat Lufthansa eine neue Werbung auf der Facebookseite, sie schwärmen von den Lofoten. Ein Kommentar darunter lautet: Wann bietet ihr denn endlich einen Flug auf die Lofoten an? Und Lufthansa antwortet: wir arbeiten dran. Was ist denn das für eine neue Marketing-Strategie? Dinge bewerben, die man gar nicht im Angebot hat?? Ich mag auch kommentieren und empfehle ihnen, ihr Geld doch besser in den Service zu stecken. Aber sie mögen mir nicht mehr antworten.
Der gepäcklose Tag drei in Indien bricht an. Eric hat mittlerweile eine indische SIM-Karte erobert und will seine geänderte Telefonnummer dem Portal mitteilen. Geht aber nicht. Das Superportal mag nicht. Eric hat die Schnauze voll und fährt nach Agra. Und da lassen die indischen Götter einen ersten Hoffnungsschimmer auf ihn herabregnen: eine Mail von Lufthansa! Man habe da was gefunden in München. Aber, wie gewonnen so zerronnen, später stellt sich heraus, dass der Koffer in München eine ganz andere Farbe und Marke hat als der schmerzlich vermisste.
Und wie wird die Geschichte weitergehen? Taucht der Kranich wieder ab? Wird Eric seine Tage anders verbringen als Dinge zu kaufen, die er schon lange hat? Wird Lufthansa endlich den Weg auf die Lofoten finden? Bleibt dran und erfahrt, wie Eric auf der Suche nach dem verlorenen Koffer durchs wilde Rajasthan jagt und mit dem stummen Kranich kämpft.

Tag der deutschen Einheit

Nicht mehr unterwegs sein zu können, ist ein Zustand, an den ich mich wohl oder übel langsam gewöhnen muss. Reisen hat mich immer fasziniert und ich denke, das wird auch immer so sein. Deswegen hilft es doch sehr, die Kraft nicht ständig im buddhistischen Hier und Jetzt zu suchen, sondern auch mal künftige Reisen zu planen oder in die Reisevergangenheit abzutauchen. Gestern war so ein Abend, ich wollte den Computer ein bisschen aufräumen und blieb bei den Photos hängen. Gleich mehrere Stunden. Ging ja auch gut, denn es war der Abend vor dem Feiertag. Es waren sehr schöne Bilder dabei, von Indien, Israel und Indonesien, aber just am Vorabend des Tages der Deutschen Einheit faszinierten mich die Bilder meiner Expeditionen nach Ostdeutschland am meisten.

In den letzten Tagen haben wir viel diskutiert, über die Ursachen und Folgen des Ergebnisses der Bundestagswahlen. Für viele schien es sehr einfach: der Osten ist schuld. Und ganz besonders Sachsen. Höhnisch scheinen viele auf die demokratieunfähigen Hinterwäldler im Osten zu blicken, erst bauen wir denen die Autobahnen und dann das. Aber dann denke ich an den Wahlabend zurück, an die Karte der Bundesländer, in denen die AfD einen überdurchschnittlich hohen Wähleranteil hatte. Und neben den neuen Bundesländern waren auch Bayern und Baden-Württemberg dunkel eingefärbt. In Pforzheim und Heilbronn hat die AfD über 16 % erreicht. In Baden-Württemberg mit seiner boomenden Wirtschaft.

Die neuen Bundesländer waren viele Jahre für mich ein absolut unbekanntes Terrain, exotischer als vieles andere. Ich bin ein typisches Kind des Kalten Krieges, mit der Mauer aufgewachsen, wir hatten Verwandte „drüben“ und deren Not war für meinen konservativen Vater immer der wohltuende Beweis dafür, wie gut der Westen und wie schlecht der Osten war. Wochen vor Weihnachten trug ich die Zonenpakete zur Post, bestückt mit Kaffee, Eierlikör und Feinstrumpfhosen. Am Weihnachtstag musste man früh aufstehen, um das Telefonat nach Plauen anzumelden und es kam dann meistens, wenn die Vorbescherungshektik am größten war. Nie hätte ich gedacht, dass es irgendwann mal anders werden würde mit diesen zwei Deutschlands. Magdeburg, Haldensleben oder Kleinpörthen, die Orte der Kindheit meiner Mutter, schienen unerreichbar wie auf einem fernen Planeten, denn wegen der Flucht meiner Großeltern Anfang der 50er Jahre durften wir alle nicht in die DDR reisen.

Als ich 1989 in Göttingen studierte, überschlugen sich die Ereignisse. Es war ein Samstag und ich hatte ein Wochenendseminar, das früh anfing. Als ich nachmittags auf die am morgen noch leere Straße kam, parkten überall Trabis. Unter jeden Scheibenwischer hatte jemand eine Rose oder eine Tafel Schokolade geklemmt. Als wir nach dem Seminar ein Bier trinken gingen, saß am Nachbartisch eine Familie aus dem Osten, der Mann hatte sich aus Pappe einen Button gebastelt, auf dem „Neues Forum“ stand. Wir blickten sie an wie Außerirdische. Weihnachten 1989 wurde dann die Grenze auch für uns geöffnet. Mein Vater und ich hatten mit meiner Großmutter in Ratzeburg gefeiert, am späteren Abend machten wir uns auf, wir wollten einfach mal rüber. Ratzeburg war immer Zonenrandgebiet gewesen, die Welt hatte immer dicht hinter der Stadt aufgehört,  und plötzlich konnten wir die Straße weiter fahren. An den Bäumen hingen Plakate „Willkommen Bundis“ und im ersten Ort im Osten winkten uns am Feuerwehrhaus Leute raus, drückten uns ein Bier und eine Bratwurst in die Hand, aber bei den wortkargen Mecklenburgern kam dann doch wenig Stimmung auf.

In den nächsten Jahren gab’s ein paar kurze Trips in den Osten, ein Vorstellungsgespräch in Cottbus, ein Ausflug nach Eisenach und Weimar, das war’s eigentlich schon. Erst die Ahnenforschung führte mich so richtig in die neuen Bundesländer. Die Familie meines Vaters kommt geschlossen aus Pommern, zehn Kilometer rund um Schivelbein, dem heutigen Swidwin. Was ich nie gedacht hätte: auch mütterlicherseits bin ich eine pure Ostpflanze. Mein Opa wuchs im Drei-Länder-Eck Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen auf, seine Vorfahren kommen aus Sachsen und Brandenburg, wahrscheinlich waren einige Sorben unter ihnen. Die Wurzeln meiner Oma liegen in Sachsen-Anhalt und Thüringen. Erstaunt stellte ich fest, dass ich der ersten Generation angehöre, die im Westen geboren wurde.

Und dann  bin ich hingefahren. Zuerst nach Kleinpörthen, wo ich das Grab meines Ururgroßvaters fand, ein winziges Dorf in einer hoffnungslosen Gegend. Ich blieb ein paar Tage in der Kreisstadt Zeitz, ein typisches Oststädtchen, viele historische Gebäude sehr schön renoviert, vieles aber auch noch verfallen, in der Fußgängerzone halten sich maximal zwei Discounter und über dem ganzen Ort liegt eine merkwürdige Mischung aus Nostalgie und Resignation. Geburtsurkunde um -urkunde führt mich weiter an Orte, die ich sonst nie im Leben besucht hätte: das untergegangene Wuitz, ein Opfer des Tagebaus und Geburtsort meines Opas, das schöne Altenburg und die pittoresken sächsischen Städtchen, in denen meine Vorfahren dem Bierbrauen frönten. In Hohenstein-Ernstthal lebten sowohl Karl May als auch meine Urururgroßmutter, sie wurde in der Kirche getauft, in der er geheiratet hat. Die

Ein Haus in Brandenburg für 34.000 €…

Landschaft ist toll, das Essen lecker. Ich machte einen kurzen Abstecher nach Leipzig und hier wehte ein anderer Wind. Der Geist des Widerstands scheint hier immer noch lebendig, ganz besonders in der Nikolaikirche. Über das schöne Torgau gelangte ich nach Brandenburg. In Tröbitz lebten meine Vorfahren über einige Generationen hinweg, der pittoreske alte Ortskern steht noch, die Plattenbauten am Rande des Ortes sind furchtbar. Hier über Land zu fahren bedeutet eine Reise durch Geisterstädte. Die Dörfer sind wie ausgestorben, fast jeder Laden ist geschlossen und zu verpachten, wer hier ausharrt, muss entweder besonders heimatverbunden oder chancenlos sein. In jedem der kleinen Orte, die ich aus alten Geburts- oder Sterbeurkunden meiner Ahnen kenne, schloss ich kurz die Augen und stellte mir vor, wie ihr Leben wohl gewesen sein mag, im 19. und frühen 20. Jahrhundert. Arm waren sie alle, die meisten kleine Bauern, ein paar Lehrer, so wie mein Ururgroßvater Moritz Noack, der seine Heimat Tröbitz gen Kleinpörthen verließ und dort über 40 Jahre lang ein geachteter, aber auch gefürchteter Dorfschullehrer war. Die Chronistin von Kleinpörthen, die mich auf dem Friedhof ansprach – „Wir haben hier nicht so viele Autos aus dem Westen“ – hat es mir erzählt.

Der Tag der deutschen Einheit, das ist ja eigentlich mein Aufhänger. Ich bin froh, dass es diese Einheit gibt, Ich finde es nach wie vor unfassbar, hinter Hof oder Gudow oder Helmstedt einfach über die ehemalige Grenze fahren zu können. Im Einheitsprozess sind Fehler gemacht worden, ganz schwerwiegende Fehler. Die Dollarzeichen hatten alle in den Augen, in West wie Ost, und darüber hat man die Menschen vergessen. Wer über den Osten schimpft, sollte ihn sich erst mal anschauen. Mal ganz kurz die Hoffnungslosigkeit erahnen. Und überlegen, wie wir das jetzt nachholen können, was damals versäumt wurde. Nicht als Besserwessi, der dem Osten mal erzählen muss, wie das eigentlich funktioniert mit der Moral. Denn warum sollen  25 % in Sachsen so exorbitant anders sein als 16% in Heilbronn? Fehlgeleitete Menschen gibt es überall, das ist kein spezifisches West- oder Ostproblem. Als Globonautin und Mensch mit Wurzeln im Osten kann ich nur sagen: ich bin froh und sehr dankbar, dass es diese Grenze nicht mehr gibt.

Phase 2

Tja, Ihr Lieben, lange hab ich nichts von mir hören lassen. Schwierig war es immer mal wieder, aber ich hatte ja schon geahnt, dass es nicht so einfach bleiben wird, wie es am Anfang noch schien. Ich habe realisiert, dass das hier doch etwas Längeres wird. Der Alltag drängt sich massiv in den Vordergrund. Es gibt sie wieder, die Abende, an denen ich tumb aufs Sofa sinke und gerade noch aufnahmefähig für „Shopping Queen“ bin. Die Power, die ich mir für meine wöchentlichen freien Tage wünsche, muss am Freitag erst mal mühsam gesammelt werden und mein Mittagskino wechselte drei Wochen lang nicht das Programm 🙂 Meine Stimmung schwankt, manchmal ganz erheblich, und ich merke, dass ich schon wieder anfange, mich über Kleinigkeiten aufzuregen. Die Wohnungssuche war nicht ganz einfach und ich will endlich wieder an meine seit zwei Jahren eingelagerten Sachen ran.

Und dann sind da Tage wie heute. Ich sitze auf dem Dach der Stadtbibliothek, die Herbstsonne scheint warm und – ich habe gerade einen Mietvertrag unterschrieben! Noch ein Monat Untermiete bei Eric und dann zieh ich in mein kleines Reich über den Dächern des Stuttgarter Ostens, Park und Mineralbad direkt vor der Nase und der vierte Stock ohne Aufzug wird meiner eingerosteten Fitness gut tun. Der rücke ich tatsächlich schon jetzt zu Leibe, denn auch das war eine Auswirkung der Reise: ich habe viel mitgenommen und auch ein wenig zurück gelassen. Mitgenommen aus fast jedem bereisten Land ein Kilo Körpergewicht und der Welt dafür einen Zentimeter Körpergröße gelassen. Ein Geben und Nehmen halt, aber ganz schlecht für den Body Mass Index. Und weil’s dazu auch noch im Rücken und den Knien zwickt, kehre ich reumütig zurück zu Kieser, die mich vor ein paar Jahren schon mal fit gemacht haben, und siehe da, der Trainer begrüßt mich mit Namen, er ist mit mir gealtert, aber wir beschließen, dass es mein Photo von damals für den Mitgliedsausweis noch tut 🙂
Reisen bedeutet eben auch, dass man die positive Routine aufgibt. Alle Vorsätze, regelmäßig laufen zu gehen, hat der Monsun mit sich getragen und die paar Yoga-Einlagen auf Bali reichen halt auch nicht für zwei Jahre.

Jetzt wo der Herbst kommt, wir schon ein paar Mal die Heizung angeschmissen haben und ekliger Regen fällt, der Hamburg alle Ehre machen würde, wird es verdammt gemütlich, so auf dem kuschligen Sofa mit Strickzeug oder einem guten Buch. Das selbstgekochte Essen schmeckt auf Dauer dann doch besser als australische Pizza oder rumänisches Fettgebackenes. Zuhause sein hat eindeutig auch seine Vorteile.

Das wichtigste ist für mich, mich nicht komplett vom Alltag überrollen zu lassen. Die reduzierte Arbeitszeit ist da eine große Hilfe. Aber ich muss es mir immer wieder bewusst machen, kleine Fluchten, wie hierher aufs Dach der Bibliothek, einplanen und ganz viel denken an die wunderbare Zeit, die ich erlebt habe. Klappt eigentlich meistens ganz gut.

Nun bin ich also wieder endgültig zurück in Deutschland, kein Besuch für ein paar Tage, nein, die nächsten Jahre werden hier stattfinden. Nach zwei Jahren Deutschland-Abstinenz suche ich immer wieder nach wesentlichen Veränderungen. Meine Informationsquelle war fast ausschließlich das Internet während dieser Zeit und was habe ich nicht alles erwartet. Ein vollkommen verändertes Land, vor allem nach der Flüchtlingskrise. Und was finde ich vor? Alles beim Alten. Nix hat sich verändert und wenn, dann nach meinem Empfinden nicht zum Schlechten.

Ändern kann sich das allerdings am Sonntag. Wenn die AfD drittstärkste Kraft wird oder auch nur knapp über die Fünf-Prozent-Hürde hüpft. Das ist eine Entwicklung, die mir wirklich Angst macht. Bedroht fühle ich mich nicht von Ausländern – hätte ich Angst vor ihnen, wären die letzten zwei Jahre ganz schön stressig gewesen. Bedroht fühle ich mich durch nationalistische Töne, Intoleranz, Populismus. Für mich stand nach den amerikanischen Wahlen schnell fest, dass mir gerade sehr wenig der Sinn danach steht, in den nächsten Jahren in die USA zu reisen. Das Trumpsche Gedankengut, über das wir hier den Kopf schütteln, könnte aber schon ab nächster Woche in unser Parlament Einzug halten. Germany first, Schließung der Grenzen, 12-jährige ins Gefängnis, keine Beweise für den Klimawandel – wozu das führt, kann man ja gerade täglich auf der anderen Seite des Atlantiks beobachten.

Ich denke zurück an die Reise, an Kanada mit seiner beeindruckenden Willkommenskultur, Australien und Neuseeland, voll mit europäischen Wirtschaftsflüchtlingen des 19. und 20. Jahrhunderts, Malaysia mit dem bunten Völkermix. Alles Länder, denen es relativ gut geht. Ich denke an die Erinnerungsorte, die sich mir hier in Stuttgart bieten: der indische Supermarkt um die Ecke, der sich ein wenig wie Sri Lanka oder Mauritius anfühlt, Erics türkische Wasserpfeifenhöhle, die auch in Istanbul stehen könnte, die beiden fröhlichen Afrikanerinnen, die abends unsere Büros putzen. Ich denke an die westlichen Touristen, die in Phnom Penh mit kleinen Jungen in schmierigen Häusern verschwanden. Idioten gibt es überall, bei uns genauso wie anderswo. Natürlich will ich, dass Menschen dafür bestraft werden, in Deutschland, in Kambodscha und sonst wo auf der Welt. Unser Rechtssystem gibt das aber her, dafür brauchen wir keine Populisten.

Mir haben viele Menschen gesagt, sie würden mich beneiden um unsere große Reise. Reisen scheint fast jeder toll zu finden. Wohl nicht nur wegen der Naturwunder. Es sind doch in erster Linie die Menschen und ihre Kultur, die uns in fernen Ländern faszinieren. Aber bitte nicht hier vor unserer Haustür? Wollen wir auf diese ganze Vielfalt, die uns die Welt quasi nach Hause bringt, verzichten, weil wir meinen, wir könnten in unserem Wohlstand nicht abgeben? Meine Erfahrung im Prozess des Wiederankommens ist, dass Deutschland ein bisschen mehr Lebendigkeit ganz gut vertragen kann.

Alles so Gedanken, die mir durch den Kopf gehen. Ankommen heißt auch, sich auseinander zu setzen. Ich hoffe wirklich, dass das morgen gut geht.

Angekommen!?

Nach Jahren der Abstinenz habe ich am 1. August wieder angefangen zu arbeiten und entgegen aller Befürchtungen hat es gar nicht weh getan. Eigentlich lief es am Anfang sogar erstaunlich leicht. Nette Kollegen und meine viel größere Gelassenheit haben den Einstieg deutlich erleichtert. Das Büro kann ich in lockeren acht Minuten mit dem Fahrrad erreichen, ein Blumensträußchen schmückte mein hübsches Arbeitszimmer, die ersten Arbeitstage gingen vorbei wie im Flug, jeden Mittag mit anderen aktuellen oder früheren Kollegen unterwegs.

Klingt zu sehr nach Happy End der Reise? Richtig, denn ganz so einfach ist es dann doch nicht.

Aber trotzdem zunächst die positiven Seiten. Fast ein wenig nach dem Motto „Ist der Ruf erst ruiniert….“ genieße ich eine Aufgabe ohne Führungsverantwortung und zum ersten Mal in meinem Berufsleben mit Teilzeit. Dreieinhalb Tage die Woche gehöre ich dem Job und dreieinhalb Tage mir – und die Arbeitstage begrenzen sich im Gegensatz zu früher tatsächlich auf die Tageszeit. Am ersten „freien“ Freitag beschleicht mich zwar kurz das Gefühl des Schwänzens, aber nein, so wird es jetzt regelmäßig sein. Die Krönung sind die Donnerstag-Mittags-Kinovorstellungen. Während die Stadt schafft, sitze ich mit ein paar versprengten Rentnern und einem Becher Kaffee im fast leeren Kinosaal und reise im „Stern von Indien“ in die Gründungszeit von Indien und Pakistan oder im „Tulpenfieber“ ins Amsterdam des 17. Jahrhunderts. Eigentlich ist das Wetter zu gut, um den frühen Nachmittag im Dunkeln zu verbringen, aber dieses Gefühl, zu normalen Arbeitszeiten im Kino zu sitzen, lässt mich jeden verpassten Sonnenstrahl vergessen.

Und dann die Treffen mit vielen lieben Menschen, die unsere Reise um die Welt verfolgt haben. Die Welt hat sich auch hier weitergedreht, keine Frage, aber es gibt kaum ein Fremdeln, fast so als wäre ich gar nicht lange weggewesen.

Und die ganzen Alltagsdinge, auf die ich lange verzichten musste. Geruhsames Kochen, mit einem guten Hörspiel und einem Gläschen Wein als Aperitif, ein gemütlicher Abend mit Strickzeug vor der Glotze, selten habe ich es so genossen wie jetzt. Sogar ein Wohnungsputz scheint gar nicht mehr so unangenehm wie früher. Meine sportlichen Vorhaben laufen langsam an, eine neue Joggingstrecke ist gefunden und sogar schon zweimal absolviert. Endlich wieder Yoga bei Christine und sogar ein Meditationsworkshop am Wochenende. Viel wollte ich mir nicht vornehmen für die Zeit nach der Reise, im Gute-Vorsätze-und-tausend-Pläne-Schmieden war ich früher Weltmeisterin und deswegen auch permanent mit einem schlechten Gewissen ausgestattet. Jetzt plane ich wenig und kriege trotzdem einiges gebacken.

Aber, ich deutete es schon an, nicht alles ist rosarot. Natürlich vermisse ich das Reisen, wäre ja auch komisch wenn nicht. Keine Woche zurück stand mein neues Reiseziel schon fest, auch wenn ich nicht weiß, wann genau ich es realisieren werde. Mit der Fremdbestimmung, die ich auf Reisen so gar nie spürte, komme ich noch zurecht. Aber meine Neugier ist nicht immer leicht zu bändigen. Eine neue Stadt entdecken, eine exotische Kultur kennenlernen, mit dem Auto durch eine unbekannte Landschaft fahren, einfach den Kopf frei haben, neue Erfahrungen machen, neue Geschmäcker testen, all das macht gerade eine Pause. So schön es ist, die alten Plätze neu zu entdecken oder einfach so zu genießen, wie ich sie immer schon genossen habe – irgendwas fehlt.

Ganz spannend ist es, eigentlich vertraute Situationen als Beobachterin zu erleben. Denn so fühle ich mich noch ein wenig, eine Besucherin, die sich alles erst mal aus der Distanz anschaut. Die lockere Sommeratmosphäre, die noch über der Stadt liegt, und die Menschen zum Genuss verleitet. Die verkleideten Typen, die morgens in die Bürogebäude eilen. Die Gockelei einiger vorwiegend männlicher Kollegen, wenn es um Macht und Profilierung geht. Früher war ich mittendrin, jetzt stehe ich staunend daneben.
Frustration, Demotivation, Ungerechtigkeit – ist es jetzt Zufall, dass ich gerade auf so viele Menschen treffe, die beruflich unglücklich sind oder sind das wohlmöglich mittlerweile keine Ausnahmen mehr? Oder eigne ich mich gerade besonders dafür, mir die Sorgen und Nöte anderer anzuhören?
Und auch meine eigenen Dämonen holen mich immer mal wieder ein, es ist ein Kampf und es wird immer einer sein, aber ich hoffe, ich habe gelernt, sie frühzeitig zu erkennen und dann möglichst schnell zu verscheuchen. Einen wunderbaren Gedanken zu denken, fällt mir nach den zwei Jahren nicht allzu schwer.

Alles in allem überwiegen die positiven Aspekte des Ankommens. Die Welt ist keine andere geworden, nur weil ich sie umrundet habe. Aber ich glaube, ich habe mich ein wenig verändert. Ist es mir früher eigentlich so oft passiert, dass ich mit der Bäckereiverkäuferin neben Geld und Brezeln auch ein paar freundliche Worte wechsele? Dass mir Menschen zulächeln? Nicht unbedingt von selber, sondern weil ich sie angelächelt habe?
Doch ist alles vielleicht deswegen unerwartet einfach, weil ich eigentlich noch gar nicht begriffen habe, dass ich jetzt dauerhaft wieder hier bin? Nicht in einer Woche meinen Rucksack packe und wieder weiter ziehe? Kann man erst nach viel längerer Zeit wirklich beurteilen, ob man wieder angekommen ist? Noch viele Fragezeichen, die ich nach und nach abarbeiten will.

Aber bei einem bin ich mir wirklich sicher:
die Entscheidung für die Reise war die beste meines Lebens. Die Erinnerungen kann mir maximal ein nachlassendes Gedächtnis nehmen und dafür habe ich ja diesen Blog 🙂 Immer wieder blitzen Bilder auf: der frühmorgendliche Strand von Casuarina an der wilden Küste Darwins. Der erste Blick auf den Grand Canyon. Die Delphine vor Pamilacan auf den Philippinen. Die staubigen Straßen und freundlichen Menschen von Bhaktapur in Nepal. Das leuchtende Türkis des Meeres vor Rodrigues.
Es ist nicht vorbei. Die Reise geht weiter. Es muss nicht immer Mauritius oder Nepal sein, auch der Biergarten auf der Karlshöhe oder der Rosensteinpark bieten genügend Platz für Glücksgefühle. Manchmal muss ich noch nicht mal meine Wohnung verlassen, weil schon das Stöbern in alten Kirchenbüchern im Internet eine faszinierende Reise in die Vergangenheit meiner Ahnen beginnen lässt. Aber, ich weiß auch, dass ich irgendwann wieder aufbrechen werde, wenn sich die Gelegenheit bietet. Wenn sie nächsten Monat kommen sollte, diese Gelegenheit, werde ich genauso bereit sein wie in einem oder in zehn Jahren. Einmal an der Welt geschnuppert lässt sie einen nicht mehr los!