On the road again

Ich bin wieder unterwegs. Zwar nicht mit der Aussicht auf eine Weltumrundung und in drei Wochen werde ich wieder zuhause sein, aber ich habe Zeit, zwei Länder zu erkunden, die mich immer schon gereizt haben: Litauen und Lettland. Und seit Rumänien hat es mir der Osten Europas ja sowieso angetan. Julia geht an Bord – kein Flugzeug diesmal, sondern ein Schiff. 20 Stunden von Kiel nach Klaipeda, dem früheren Memel, immer entlang der Ostseeküste.
Aber vorher mache ich einen Abstecher nach Bremen. Fast meine Geburtsstadt, wären meine Eltern nicht im Januar 1965 von dort weggezogen. Ahnenforschung ist ja mein großes Thema und über all die alten Urkunden und verstaubten Dokumente habe ich fast die Lebenden aus dem Blick verloren. Meine Cousine Kerstin ist meine nächste noch lebende Verwandte und wir haben uns das letzte Mal vor über zwanzig Jahren gesehen.
Bremen hält trübes Wetter für mich parat – aber die Deutsche Bahn hat das wahrscheinlich gewusst und erspart mir zwei Stunden norddeutscher grauer Suppe. Allerdings hätte ich mit denen was besseres anzufangen gewusst, als in verspäteten Zügen herumzuhängen. Ach, und es waren nicht zwei, sondern nur eine Stunde 50 Minuten. Ab zwei Stunden hätte ich nämlich die Hälfte des Reisepreises zurück bekommen und wir wollen doch mal korrekt sein.
Egal, ich habe zwei Nächte in Bremen und am ersten Abend reicht es immerhin für Pannfisch auf dem Bremer Rathausmarkt. Der Roland hat immer noch so spitze Knie wie früher, aber das würde mir heute gar nicht mehr auffallen. Als Kind endete mein Blick an diesen Pieksern und auch den gesamten Rathausmarkt habe ich viel größer in Erinnerung.
Diese unterschiedliche Wahrnehmung wird dann auch den nächsten Tag dominieren – wie anders Kerstin und ich doch viele Ereignisse unserer Kindheit in Erinnerung haben. Ob wir uns wohl wieder erkennen, fragte Kerstin am Telefon. Sofort und ohne Zweifel! Wir versichern uns gegenseitig, wie gut wir uns gehalten haben, klasse Gene halt 🙂 Geplant war ein gemeinsamer Kaffee, nach fast acht Stunden schöner und nicht so schöner Geschichten und einigen Alsterwassern trennen wir uns schweren Herzens und versprechen, den Kontakt jetzt nicht mehr abreißen zu lassen.
Mein nächstes Ziel ist Kiel. In Hamburg treffe ich Coco für einen kurzen Essensstopp. Ich hatte es schon zur Tradition werden lassen, jede Gelegenheit für einen Backfisch bei Daniel Wischer in der Spitaler Straße zu nutzen. Meine sporadischen Hamburg-Besuche haben ihn aber wohl nicht retten können, der Laden heißt jetzt „Ahoi by Steffen Henssler“ und der Typ geht mir schon im Fernsehen gehörig auf den Keks. Natürlich leiht er dem Restaurant nur seinen Namen, aber vielleicht sollte er ab und an vorbei schauen, seine Leute haben es leider nicht im Griff. Muss ich natürlich auch TripAdvisor schreiben :-). Aber es geht jetzt ja um Schöneres, nämlich um Litauen!
In Kiel trennen mich nur eine kurze Busfahrt und ein Spaziergang vom Ostuferkai, an dem das Schiff nach Klaipeda am Abend ablegt. Nur ganz wenige Passagiere reisen ohne fahrbaren Untersatz. Ich marschiere mit meinem Trolley an der langen Schlange der wartenden Autos vorbei und nach kurzer freundlicher Abfertigung warte ich mit drei anderen Passagieren in einem Terminal, das größer als der gesamte Flughafen auf Rodrigues ist. Aber immer noch sehr überschaubar. Wir kriegen einen eigenen Shuttle-Bus und ich betrete das Schiff als erste. Rolltreppen bringen mich nach oben zur Rezeption, ja, die Zeiten, in denen ich den billigen Pullman-Seat gebucht hätte, sind vorbei, ich habe eine Kabine reserviert. Ich tausche meine Bordkarte gegen den Kabinenschlüssel und besichtige meine Koje. Sehr nett, ein gemütliches Bett, blütenweiß bezogen unter einem großen Fenster, ein kleines Bad, ein Obstkorb, der Rezeptionist war jetzt zwar nicht Sascha Hehn, aber ich bin zufrieden. Noch wartet aber Spannenderes auf mich. Die Beladung des Schiffes ist im Gang und in einer dreiviertel Stunde legen wir ab. Vom Hubschrauberdeck aus beobachte ich, wie die Lastwagen, Wohnmobile und Autos auf das Schiff sortiert werden – das hat was von Tetris. Hier bitte wenden, da bitte rückwärts rein, schnell ausgestiegen, denn der nächste wird versuchen, Türgriff an Türgriff zu parken. Und dann ist das Deck unter mir voll. Klappe hoch, Motoren an, Liegezeiten scheinen auch hier teuer zu sein. Noch vor neun tuckern wir hinaus auf die Kieler Förde. Die Aida überholt uns, ja jetzt aber! Die Sonne geht über Kiel unter, ich kenne schönere Städte, aber ein freundlicher letzter Eindruck von Deutschland.
Schnell sind wir auf der offenen Ostsee, jetzt ist Zeit für ein erstes litauisches Bier. Die Preise an Bord sind zivil, drei Euro für eine süffige Halbe, deren Namen ich leider trotz mehrfachen Vorsprechens der Dame an der Bar nicht richtig hinbekomme. Ganz was anderes, dieses litauisch. Eindeutig östlich, aber auch skandinavisch. Jedenfalls versteht man kein Wort. Zum Glück sind die Ansagen an Bord auch auf deutsch und englisch. Draußen wird es langsam kühl, ich freue mich auf meine gemütliche Kabine, schlafe dann aber ziemlich schlecht und wache früh auf. Vielleicht ist es die laute Lüftung oder die frühe Helligkeit am nächsten Morgen, aber egal. Frühstück gibt es um diese Zeit noch nicht, aber gestern Abend hatte ich einen Kaffeeautomaten im Restaurant gesehen. Für einen Euro spuckt er ein ziemlich widerliches Gebräu im Plastikbecher aus. Später gibt’s dann ein freundliches Frühstücksbuffet und leckeren Kaffee, da ist die Plörre wieder vergessen. Was die Victoria Seaways vom Traumschiff eindeutig unterscheidet, ist das fehlende Outdoor-Entertainment. Ein paar Bierbänke oberhalb der Fahrzeuge, über dem riesigen Hubschrauberdeck lacht zwar ab und an die Sonne, aber sitzen kann man nur auf dem Boden. Damit jederzeit ein Hubschrauber landen kann, wahrscheinlich 🙂 Die Sicht ist schlecht, alles recht dunstig und dabei hatte ich doch gehofft, einen Blick auf Hinterpommern werfen zu können. Nix da, das erste Land sehe ich kurz vor Klaipeda. Erst die Industrieanlagen des Hafens und dann den Landstreifen der kurischen Nehrung. Eigentlich rieche ich ihn eher, es duftet nach Nadelbäumen. Wir legen an und die Entladung geht ebenso schnell und professionell wie in Kiel vonstatten. Der Taxifahrer verlangt 10 Euro bis zu meinem Hotel, zu viel, das ist mir klar, aber ich habe keine Lust, mich zu ärgern. Eine kleine Pension in der Nähe der Altstadt, dahin mache ich mich sofort auf. Im Laufen merke ich immer deutlicher, dass mein Fuß zwickt, der rechte „Zeigezeh“, ich hatte schon gestern gemerkt, dass er blau und grün ist. Keine Ahnung, was da passiert ist, wird schon wieder weggehen. Die Altstadt von Klaipeda, dem früheren Memel, ist überschaubar. Aber ich bin zu müde und hungrig für Sightseeing, nehme gerade mal den Marktplatz in Augenschein, morgen ist ja auch noch ein Tag.

Wenn krank, dann hier

Und der beginnt mit der Gewissheit, dass das nicht gut ist mit dem Zeh. Es tut weh. Ziemlich weh. Was ist denn da nur passiert? Ist der wohlmöglich gebrochen? Neben der Pension ist eine kleine Klinik. Ich beschließe, da mal nachzufragen. Wenn sie schon in der Nachbarschaft ist. Mit Englisch kommt man in Litauen nur bedingt durch, aber von meinem letzten Zahnarztbesuch bei der Inseldoktorin in Costa Rica weiß ich ja, dass Google Translate die Lösung ist. Deswegen tippe ich präventiv „Ich glaube, ich habe mir den Zeh gebrochen“ ein und trage offene Sandalen, um das blaue Exemplar präsentieren zu können.
Die Krankenschwester erkennt meine Not, gibt mir aber zu verstehen, dass ich nicht in der richtigen Klinik sei. Also humple ich ein paar Straßen weiter, zeige wieder mein Handy mit dem Text und den Fuß vor und treffe auf eine gut englisch sprechende Schwester. „I think we can help you“, sagt sie aufmunternd. Eine Stunde später ist der Fuß geröngt, der Zeh ist nicht gebrochen, dafür jetzt aber an seinem Nachbar festgeklebt, ich habe ein Rezept für ein Schmerzmittel und eine Salbe, bin sehr erleichtert und ziemlich angetan von der litauischen Krankenversorgung. War eine ziemlich menschliche Atmosphäre dort, der Arzt hat sich Zeit genommen, das Röntgenbild ganz intensiv betrachtet und mir ein gutes Gefühl gegeben. Ich kann ruhig laufen, halt den Fuß abends hochlegen und dann gäbe es ja noch dieses Schmerzpulver. Das wirkt Wunder, der Zeh zwickt zwar noch, aber kein Problem.
Das war also meine Klaipeda-Erfahrung. Schade, ein nettes Städtchen mit viel maritimem Flair. Aber ich muss weiter, die kurische Nehrung mit ihrem verführerischen Duft wartet auf mich. Mal schauen, ob das auch dem Zeh gefällt.

 

 

Eiskalt im Osten

Mein erster Urlaub nach der großen Reise sollte gleich drei Wünsche auf einmal erfüllen: eine neue Stadt kennenlernen, der lieben Coco ins neue Lebensjahr verhelfen und meine Ahnungsforschungsgelüste befriedigen. Alles zusammen an einem Ort geht nur beim Überraschungsei, also erst Neapel, dann Hamburg und zuletzt Magdeburg. Und mit jedem Kilometer sanken die Temperaturen….
Neapel verabschiedete uns mit Schnee. Nicht viel, aber genug, um den Flugplan komplett auf den Kopf zu stellen. Mit einstündiger Verspätung saßen wir in der Maschine nach Brüssel – Umsteigezeit 45 Minuten. Ich sah uns schon mit Muscheln und Pommes auf dem Grote Markt ohne Jonathan auf Cocos Geburtstag anstoßen, als die freundliche Stewardess uns eröffnete, dass unser Flugzeug genau das sei, das für den Weiterflug nach Hamburg vorgesehen wäre. Also alles gut.
Den Geburtstagsmitternachtssekt gab’s wie geplant im schönen Norden und obendrauf dann einen Geburtstagsmorgenspaziergang im Winterwonderland – dem idyllisch verschneiten Alstertal. Kalt natürlich, aber eben winterschneekalt unter strahlend blauem Himmel. Und nichts gegen die Arktis, in die ich mich dann aufmachte.

Eine Direktverbindung Hamburg – Magdeburg gibt es nicht. Ist ja jetzt nicht so ungewöhnlich, aber als ich dann auf dem Bahnhof von Wittenberge feststellte, dass es ab hier mit der S-Bahn weiterging, war ich doch überrascht. Magdeburg ist ja immerhin die Hauptstadt von Sachsen-Anhalt. Aber egal, die Bahn war warm und mit erstaunlich gutem WLAN ausgestattet, und so bekam ich ja noch mehr zu sehen, vom Osten.

Meine Mutter wurde in Magdeburg geboren. Wirklich viel davon gesehen hat sie aber sicherlich nicht, sie kam 1941 mitten im Krieg auf die Welt. Der Stempel auf ihrer Geburtsurkunde trägt ein Hakenkreuz und vor den großen Luftangriffen auf Magdeburg flüchtete die Familie aufs Land. Da war meine Mutter wahrscheinlich drei oder vier Jahre alt. Am 16. Januar 1945 wurde Magdeburg von britischen Bombern zerstört. Der Angriff wird als einer der verheerendsten Luftangriffe auf eine deutsche Stadt bezeichnet.  Die Altstadt brannte mehrere Tage und für meine Großeltern gab es nichts mehr, wohin sie hätten zurück kehren können.
Das alte Magdeburg hat sich städtebaulich von dieser Zerstörung nie mehr erholt. Was die Bomben übrig gelassen hatten, fiel erst dem Sozialismus und später dem Kapitalismus zum Opfer. Der Breite Weg, früher eine der schönsten Barockstraßen Deutschlands, ist heute gesäumt von gesichtlosen Einkaufszentren und umgestalteten Plattenbauten. Alles auf den ersten Blick nicht so ganz das Ambiente für eine atmosphärische Familienforschung.

Also erst mal raus auf’s Land. Nach der Evakuierung aus Magdeburg ließ sich die Familie Werner – meine Großeltern, meine Mutter und meine zwei Tanten – in Haldensleben nieder, einem kleinen Städtchen mit etwa 20.000 Einwohnern, 30 km von Magdeburg entfernt. Die Eltern meiner Großmutter lebten dort, Georg Werneburg war der städtische Gendarm. Das Wohnhaus am Holzmarkt steht heute noch, so wie fast alles in Haldensleben. Ein freundliches kleines Städtchen und wenn es nicht so kalt gewesen wäre, ein idealer Ort für eine Radtour am Bördekanal oder einen langen Spaziergang durch die platte Landschaft. Und zu Kriegsende sicherlich ein wesentlich besserer Ort als das zertrümmerte Magdeburg.
Die Familie Werner schien noch einigermaßen glimpflich durch den Krieg gekommen zu sein – nur Rudolf, der Bruder meiner Großmutter, blieb vermisst und wurde 1949 für tot erklärt. Die Zeichen standen auf Neuanfang, da nahm sich mein Urgroßvater Georg Werneburg, Gendarm im Ruhestand, am 16. Oktober 1945 das Leben. Kopfschuss steht in der Sterbeurkunde und wie so vieles wurde sein Tod in meiner Familie nie thematisiert. Die massenhaften Selbstmorde am Ende des zweiten Weltkrieges wurden erst vor ein paar Jahren öffentlich aufgearbeitet. „Kind, versprich mir, dass Du Dich erschießt“ heißt das Buch von Florian Huber, das den „Untergang der kleinen Leute“, so der Untertitel, schildert. Die Angst vor Deportation und Vergewaltigung war eine Ursache, aber auch die Verzweiflung darüber, dass alles, woran man geglaubt hatte, untergegangen war. Und auch die Angst davor, vom neuen System für die Verbrechen des alten zur Rechenschaft gezogen zu werden. Was auf meinen Urgroßvater, den Polizisten, zutraf, weiß ich nicht. Ich bezweifele auch, dass ich es jemals erfahren werde. Georg Werneburg hat in den Archiven wenig Spuren hinterlassen. Das lässt natürlich Raum für Fantasie, gerade angesichts seines Berufes.
Trotz dieser Tragödie fasste die Familie Werner schnell Fuß in Haldensleben. Mein Opa eröffnete ein 1946 ein Büro für Buchprüfungen und übernahm kurz darauf die Geschäftsführung eines Düngemittelbetriebes. Anfang der 50er Jahre aber hatten sie sich entschieden – sie wollten weg, in den Westen. Die Flucht war gut vorbereitet, mein Opa kaufte noch rasch zwei Grundstücke, sogar einige Möbelstücke nahmen sie mit und am vornehmen Osterdeich in Bremen begannen sie zum dritten Mal ein neues Leben.

Zu Lebzeiten meiner Verwandten habe ich nie nachgefragt, woher sie kamen und wer noch alles zu ihnen gehört hat. Magdeburg schien damals weiter entfernt und schwerer erreichbar als Australien. Es gab sie, die Ostverwandtschaft, an die ich als Kind die Pakete auf die Post trug, aber ich dachte, Tante Annelise aus Plauen mit ihrer Familie sei die einzige gewesen. Dass meine Großmutter noch zwei Geschwister im Osten hatte, ihre Mutter und die meines Opas erst Jahre später dort starben, weiß ich erst seit kurzem. Die Trennung von ihrer Familie war für meine Großeltern endgültig – so weit ich weiß, wurde ihnen nie wieder die Einreise in die DDR erlaubt. Schon unglaublich, dass ich heute, mehr als ein halbes Jahrhundert später, einfach so durch Haldensleben laufen kann, vorbei an ihrem Wohnhaus, um die Ecke vom früheren Büro meines Opas. Zumindest in Haldensleben, wo sich die Altstadt kaum verändert hat, kommt trotz der eisigen Kälte ein wohliges Gefühl auf.

In Magdeburg hat die Sentimentalität wenig Chancen. Selbst jemand, der zu DDR-Zeiten hier gelebt hat, wird seine Stadt nicht überall wieder erkennen. Und da es sowieso viel zu kalt ist, um durch die Straßen zu laufen, verbringe ich die Zeit lieber in gut geheizten Archiven bei sehr freundlichen und hilfsbereiten Mitarbeitern. Im Stadtarchiv wühle ich mich durch alte Adressbücher und stelle fest, dass mein Opa, für mich immer Kaufmann durch und durch, sein Berufsleben zunächst als Finanzbeamter startete. Solche Brüche scheinen sich durch sein Leben gezogen zu haben – vom 300-Seelendorf in Sachsen über die Großstadt Magdeburg zurück in die ländliche Idylle und dann hinein in die Ungewissheit des Westens, die sichere Beamtenlaufbahn gegen verschiedene Posten als Kaufmann getauscht. Prokurist im Sudenburger Brauhaus war er und kurz bevor ich Magdeburg wieder verlasse, zwar mit vielen Ausdrucken aus den Archiven, aber nur wenigen Bildern im Kopf, finde ich es dann doch noch einen kurzen Eindruck vom Magdeburger Leben meiner Familie. Vor der Kälte fliehe ich in einen Edeka am Breiten Weg. Vor 1945 war hier die Katharinenkirche, Teile ihres Portals stehen eingequetscht von klobigen Neubauten. Im Hauseingang des Supermarktes sind Bilder aufgehängt, Magdeburg vor der Zerstörung. Der Breite Weg, so wie er vor 1945 ausgesehen hat. Das Bild eines Lokals, „Korte’s Bierausschank“, davor eine Brauereikutsche mit zwei Pferden, unter der Ladefläche ist ein Schild angebracht „Sudenburger Brauhaus“. In Gedanken sehe ich meinen Großvater am Fenster der Brauerei stehen, jemand ruft zu ihm herauf „Fünf Fässer Helles für Korte“, lachend prostet er mit einem frisch gezapften Sudenburger Pils zurück – ne, so kitschig war es garantiert nicht. Dem alten Werbespruch „und nach der Arbeit trinken wir das gute Sudenburger Bier“ folgend, genehmige ich mir am Abend ein Gläschen und stoße auf Opa an.

Das war also der genealogische Teil meiner Kurzreise. Touristisch hat mich die Kälte ziemlich lahm gelegt. Ein kurzer Gang zum Dom, dem ältesten gotischen Bauwerk in Deutschland, ein fröstelnder Bummel über den Domplatz hinunter zur eisschollenbedeckten Elbe, ein bibbernder Besuch des alten Marktplatzes, ein Kaffee im Hundertwasserhaus – mehr hat bei der eisigen Kälte keinen Spaß gemacht. Eine Stadt ohne echte Altstadt, aber sicherlich mit Flair, wenn es 30 Grad mehr hat. Jetzt nicht unbedingt ein touristisches Highlight, aber ein paar Tage kann man hier schon verbringen. Auf dem Weg in die Archive komme ich auch durch Stadtteile, die andere Eindrücke vermitteln und Lust auf Entdeckungen machen. Die Magdeburger Neustadt mit ihrem wunderhübschen, aber leider vollkommen verwahrlosten Backstein-Bahnhof scheint eher auf dem absteigenden Ast zu sein, Stadtfeld dagegen ist ein spannender Mix aus toll renovierten Gründerzeithäusern und DDR-Plattenbauten. Ich werde noch mal her kommen, wenn es viel viel wärmer ist und ich die vielen vielen Ausdrucke aus den Kirchenbüchern ausgewertet habe. Eine neue Spur scheint nach Greiz in Thüringen zu führen. Ich freu mich schon heute auf einen neuen Ort und bin gespannt, wo mich meine Vorfahren noch so hinführen werden.

Bella bagnata Napoli

… heißt hoffentlich so viel wie schönes nasses Neapel. Aber mein Italienisch ist ziemlich eingerostet. Oder eher abgegluckert.

Wir saßen im frühlingshaften Zypern, Coco und ich, als wir uns vor zwei Jahren dort trafen, auf unserer großen Reise. Das sollten wir öfter machen, dachten wir uns. Eine sonnige Flucht aus dem kalten Deutschland. Letztes Jahr klappte es nicht, aber dieses Jahr, da wollten wir dem Frühling entgegen reisen. Andalusien oder Israel oder vielleicht doch eine sonnige Insel? Mehr als ein verlängertes Wochenende hatten wir nicht und ein bisschen Kultur wollten wir und gutes Essen und leckeren Wein – das schreit doch nach Italien. Und unten im Süden, wo die Zitronen blühn und die Goldorangen glühn, da wird es doch niemals kalt, oder?
Also auf nach Neapel. Südlicher als Rom habe ich es noch nie geschafft und den Vesuv und Pompeji wollte ich immer schon mal sehen. Coco ging’s genauso und so flogen wir gemeinsam in den Süden. Und ja, kaum waren wir der Metro entstiegen, lud uns schon eine kleine Espressobar zu unserem ersten italienischen Kaffee ein. So richtig warm wars noch nicht, aber wir konnten draußen sitzen. Und dann waren wir mittendrin in der Altstadt von Neapel, in unserer kleinen Wohnung in einer engen Gasse, viele viele gute Restaurants um uns herum, ein Fläschchen Rotwein vom Vermieter – was konnte da schief gehen?
Richtig schief gegangen ist eigentlich nichts, unsere Stimmung hielt sich, der Wein floss – aber eben auch der Regen. Und wenn es im Frühjahr in Neapel regnet, dann richtig. In Strömen und lange und gerne auch mal mehrere Tage hintereinander. Schnell war klar: das wird ein Urlaub der überdachten Attraktionen. Neapel hat davon genügend für mehrere Tage und so starteten wir gleich mit dem größten Abstand zum tropfenden Himmel – Napoli Sotterranea, dem gigantischen Katakomben-Gewirr 40 Meter unter Neapel. Die Griechen buddelten hier zuerst, um Steine für den Häuserbau aus der Erde zu klopfen, dann kamen die Römer und nutzten die Gänge für ein Abwassersystem, später kippte man Müll hinein und als eine große Cholera-Epedemie im 19.Jahrhundert tausende von Tote in der Stadt forderte, wurden die Zugänge erst mal dicht gemacht. Im Zweiten Weltkrieg brauchte man die Unterwelt als Bunker und seit einigen Jahren wird das Ganze vor allem touristisch genutzt. Über 400 km winden sich unter der Stadt, manche Gänge so schmal, dass man nur noch seitlich vorankommt und bis vor kurzem bekam noch jeder eine tropfende Kerze zur Beleuchtung in die Hand. Heute sind es LED-Kerzen oder gleich Handylampen, aber der Charme bleibt bestehen. Als wir den grauen Himmel wieder erblicken, geht es um die Ecke in die ehemalige Wohnung einer neapolitanischen Familie. Jahrzehnte nutzen sie einen vermeintlichen Keller unter ihrem Bett, um Wein zu lagern. Dann entpuppte sich der Keller als Eingang zu einem riesigen antiken Theater und das war’s dann mit der Wohnung. Die Familie musste gehen, die Einrichtung blieb, damit man den staunenden Touristen zeigen kann, was zum Vorschein kommt, wenn man das Bett abrückt und die Klappe darunter öffnet.
Was macht man sonst so in einer Stadt, in der es permanent regnet? Gemütlich in Cafés sitzen, wäre grundsätzlich eine meiner Antworten. Aber Neapel ist nun mal eine Stadt, in der es meistens warm ist und das Leben unter freiem Himmel stattfindet. Und wo man dann eben auch draußen sitzt. In den Cafés gibt es meist den typischen Tresen, an dem man Espresso schlürft und ein paar mittelmäßig bequeme Stühle. Aber nur sehr selten gemütliche Sessel, in denen man ein Stündchen verbringen möchte. Aber was soll’s, die Museen sind auch sehr sehenswert.
Wir bekommen im Archäologischen Nationalmuseum einen ersten Eindruck, was uns in Pompeji erwarten wird. Die Statuen und vorallem die Alltagsgegenstände zeugen von einer sehr weit entwickelten Kultur. Staunend stehen wir vor allem vor den Glasgefäßen – so was gab es um 70 nach Christus? Einiges könnte durchaus aus dem Haushaltswarenladen um die Ecke sein. Ganz schön fit, diese Römer. Der Duomo und das Museum mit Werken von Caravaggio beeindrucken mit ihrer barocken Pracht und am Ende des Tages wartet ja immer noch ein Highlight: der Besuch einer Trattoria oder Pizzeria. Ein eigentlich immmer hervorragender Vino di Casa, mal weiß, mal rot stimmt uns auf die Köstlichkeiten der neapolitanischen Küche ein, die Antipasti sind einmalig, die Pasta außergewöhnlich (z.B. weiße Bohnen und Meeresfrüchte, eine wilde, aber durchaus stimmige Kombination), aber natürlich muss es auch eine Pizza sein. Sie ist lecker, aromatisch, laut Reiseführer eine der besten der Stadt und in typisch italienischem Ambiente – aber trotz Holzofens habe ich schon knusprigere gegessen. Doch die Hauptsache ist ja eigentlich, dass sie hier erfunden wurde, die Pizza. Oder war es doch eher in den Straßen von New York?

Und dann Pompeji. Wir haben uns den einzigen regenfreien Tag ausgesucht, dafür bläst ein kalter Wind, der uns allerdings auch vor Touristenmassen schützt. Eine halbe Stunde mit der Vorortbahn und man kommt direkt am Haupteingang heraus. Im Besucherzentrum kriegt man einen digitalen ersten Eindruck. Eine komplett erhaltene Kleinstadt, konserviert für die Ewigkeit.
Vor einigen Jahren habe ich mit Begeisterung Aufbauspiele am PC gespielt, aus ein paar mickrigen Zelten wurde im Laufe der Tage eine riesige römische Stadt, mit Amphitheater und allem drum und dran. Hatte man aber nicht rechtzeitig für ausreichend Tempel, Badeanstalten und Marktplätze gesorgt, wurde es nichts mit der Pracht. Und jetzt laufe ich durch eine Stadt, die hierfür das perfekte Vorbild ist. Nur der große feuerspeiende Berg, den gab’s in meinem Spiel nicht.
Die Pompejianer haben es sich sehr schön gemacht in ihrer Stadt. Aufwändig dekorierte Häuser mit Innenhöfen, die Straßen gesäumt von kleinen Läden, Brunnen an jeder Ecke,
Tempel, Theater und das meist mit grandiosem Blick entweder auf das Meer oder die Berge. Denn der Vesuv, der heute ganz brav mit einem kleinen Wölkchen über dem Gipfel da steht, ist nicht der einzige Berg in der Umgebung. Vieles wirkt so, als sei es vor gar nicht allzu langer Zeit verlassen worden. Der Backofen in einem Haus sieht aus, als könne er mit ein bisschen Holz sofort beste Pizza produzieren, manche Bodenmosaike sind vollständig erhalten und in der Therme scheint nur ein wenig sprudelndes Wasser zu fehlen. Es ist schade, dass es nicht wärmer ist, man sich eine Weile hinsetzen und die Phantasie spielen lassen kann, wie es wohl war, das Leben in Pompeii vor 1000 Jahren. Den Tod kriegt man an einigen Stellen vor Augen geführt, die Gipsabdrücke der Bewohner geben einen Eindruck vom tragischen Untergang der Stadt. Mich fröstelt noch etwas mehr.

Am Tag drauf schneit es dann. Dicke Flocken segeln an unserer Balkontür vorbei und auf einigen Autos liegen mehrere Zentimeter Schnee. Es ist Zeit zu gehen… 

Ach ja, und während ich dieses schreibe, scheint mir die Frühlingssonne auf den Kopf, meine Reisehängematte aus Amerika passt perfekt auf meine kleine Dachterrasse und ich baumle in der Wärme Stuttgarts. Bissle schlechtes Timing war das schon mit Neapel, aber toll war’s trotzdem.

Er ist wieder da

Unglaublich. Nach fünf Tagen hat Eric endlich seinen Koffer wieder. Noch unglaublicher: der Koffer hatte sich in Frankfurt versteckt. Wie er da hin kam – sein Eigentümer flog von Stuttgart über München nach Delhi – weiß wohl nur Lufthansa. Und am allerunglaublichsten: dass Lufthansa ihn just dann findet, wenn wir ein bisschen frecher auf ihrer Facebook-Seite werden. Da lag also der Koffer vier Tage lang mit unverletztem Gepäcktag – dem Klebestreifen, auf dem alle notwendigen Daten deutlich zu erkennen sind – irgendwo in Frankfurt rum. Ab wann fangt ihr in Frankfurt eigentlich an, euch zu wundern, Lufthansa? Über einen Koffer, der erkennbar nach Delhi möchte? Offensichtlich erst, wenn die Kommentare auf eurer Facebook-Seite nervig werden.

Eric ist natürlich erst mal glücklich. Wäre ich an seiner Stelle auch. Fünf Tage ohne Gepäck in Indien, das ist schon was. Der Frage, ob Lufthansa ihn entschädigt, für die Ersatzeinkäufe, vor allem die Sachen, die er jetzt doppelt hat, oder gar für die ganze Nerverei, die ihn Tage seines Urlaubs gekostet haben, wenden wir uns später zu. Ich habe aber die dumpfe Ahnung, dass das wieder nicht ohne Schwierigkeiten ablaufen wird.

Wir sind wieder um eine Erfahrung reicher geworden. Es macht mittlerweile keinen Unterschied mehr, ob man sich für einen Billigflieger oder eine etablierte Fluglinie entscheidet. Verloren gehen kann bei beiden etwas. Aber wir dachten bisher, dass man bei einer Fluglinie wie Lufthansa bei Problemen einen ganz anderen Service bekommt als bei den billigen. What you pay is what you get, dachten wir. Ist aber nicht so. Lufthansa hat nicht einmal mehr die Struktur, um zu helfen. Callcenter mit Endloswarteschleifen, Mailadressen, die nur bei einem schnell sind: der Meldung, dass sie überlastet sind. Ob das Konzept so aufgehen wird? Haben sich wahrscheinlich die gleichen Experten ausgedacht, die meinen, die Lofoten bewerben zu müssen, diese lufthansafreie Zone.
Also, der Koffer ist da, danke fürs Mitbibbern! Das Abenteuer Rajasthan kann jetzt endlich unbeschwert beginnen und ich freu mich schon auf tolle Photos!

 

 

 

 

Jäger des verlorenen Koffers

Während ich mich in der Eingewöhnung in das normale Leben noch übe, ist ein anderer Globonaut, der diese Phase schon hinter sich gelassen hat, wieder aufgebrochen in die Welt. Eric ist in Indien, einem unserer Lieblingsreiseziele. Auf unserer Weltreise haben wir es nicht dort hin geschafft, immer standen andere, noch unbekannte Länder auf dem Plan. Aber Indien bleibt eine große Liebe und so hat er sich am Sonntag zum mittlerweile sechsten Mal in dieses unglaubliche Land aufgemacht. Incredible India, selten ist ein Werbespruch so passend. Ich bin froh, dass er mit Rajasthan ein Ziel gewählt hat, dass wir schon gemeinsam bereist haben, sonst wäre ich wahrscheinlich zu neidisch. Er wird sicherlich noch ein tolles Photoalbum in die GloboPics einstellen. Aber derzeit ist er leider mit etwas ganz anderem vollauf beschäftigt.
Viele Menschen haben großen Respekt vor Indien als Reiseland. Kann ich gut verstehen, hatte ich vor meiner ersten Indienreise auch. Die vielen Menschen, die Armut, die hygienischen Verhältnisse, die komplette Andersartigkeit des Landes und der Gesellschaft gemessen an europäischen Maßstäben – ja, das trifft alles zu. Aber all das macht Indien auch so faszinierend, so wunderbar, dass jede Durchfallerkrankung, jede endlose Fahrt in holprigen Bussen oder langsamen Zügen, jede Distanzlosigkeit der Menschen es wert ist – Indien belohnt mit unglaublichen Eindrücken, phantastischer Architektur und Natur, wunderschönen Menschen und dem leckersten Essen.
Und obwohl auf den ersten Blick alles sehr chaotisch wirkt, irgendwie klappt in Indien dann doch alles – wenn man es nicht mit einer deutschen Fluglinie zu tun bekommt…
Das Drama in einer noch nicht bekannten Zahl von Akten beginnt am späten Sonntag Abend am Flughafen von Delhi, wo Eric nach langem Anstehen an den Einreiseschaltern endlich zum Gepäckband vordringt und seinen Koffer nicht findet. Das Band dreht eine Runde und noch eine und noch eine, aber der Koffer bleibt verschwunden. So etwas kann passieren, wir haben das schon ein paar Mal erlebt, der Koffer hat es nicht ins gleiche Flugzeug geschafft und wird dann meist am nächsten Tag nachgeliefert. Bissle ärgerlich, weil man sich nach einem langen Flug ja auf eine gute Dusche und frische Klamotten freut, aber auszuhalten. In diesen Dingen durchaus erfahren meldet Eric den Verlust am entsprechenden Lufthansa-Schalter im Flughafen, seine Daten werden aufgenommen, er bekommt einen Durchschlag des Formulars mit einer Telefonnummer, bei der er sich erkundigen kann, ein kleines Päckchen mit Waschsachen und ein Polyacryl-T-Shirt. Noch ist er frohen Mutes, nimmt ein Taxi hinein ins nächtliche Delhi und fällt ins Bett. Am nächsten Morgen greift er zum Telefon und ruft die Nummer an, die Lufthansa ihm gegeben hat. Es klingelt ewig, er versucht es ein zweites, ein drittes Mal, niemand nimmt ab. Es ist Feiertag in Indien, Gandhis Geburtstag, nun denn, irgendwann wird schon jemand dran gehen. Denkt er. Er berichtet mit per Mail von dem Ganzen und ich fange – mit einer deutlich besseren Internetverbindung als er – mal an zu recherchieren. Ah, da gibt es ein Portal im Internet, auf das Lufthansa verweist, da kann man den Gang der Suche nach dem verlorenen Gepäckstück nachverfolgen. Gute Idee, denke ich mir. Zur Anmeldung braucht man nur die Vorgangsnummer. Also Eric, dann sag mal, wie die Vorgangsnummer lautet.
Nach vergeblicher Suche schickt er mir ein Photo des Durchschlags, den er am Flughafen erhalten hat. Siehst Du da eine Vorgangsnummer? Ähm, nein. In Delhi geht immer noch keiner ans Telefon, also beschließe ich, es doch mal bei Lufthansa in Deutschland zu versuchen. Immer noch in der Überzeugung, es hier mit einer deutschen Qualitätsairline zu tun zu haben, die sicherlich alles tun wird, um ihre Gäste zufriedenzustellen, suche ich im Internet nach einer Telefonnummer. Das einzige, was ich finde, ist eine Nummer für „Reservierung und Buchungen“. Nun denn, dann versuche ich es doch mal da.
Nach einer schier endlosen Zeit in der Warteschleife (hätte ich wirklich buchen wollen, ich hätte schon lange aufgelegt) komme ich bei einem leicht überfordert wirkenden Mitarbeiter heraus, der mir nicht weiterhelfen kann. Aber er schickt mich in eine neue Warteschleife und keine 10 Minuten später habe ich eine Dame an der Strippe, die zwar auch nichts über das Gepäck sagen kann, mir aber wenigstens die magische Vorgangsnummer gibt. Und Simsalabim bin ich drin, im Gepäcksuchportal. Wer sich das jetzt wie bei Hermes oder bei der Post vorstellt, der liegt leider falsch. Diese auch nicht gerade als Könige des Kundenservice bekannten Unternehmen unterrichten einen doch relativ detailliert, was sie gerade mit der Sendung tun, hier ans Abholzentrum übergeben, da in den Lieferwagen gepackt. Lufthansa hingegen sucht, ganz ausschließlich und stumm und seit mittlerweile drei Tagen. Und ohne Ergebnis. Vermuten wir mal, denn das Portal sagt uns nichts anderes und die Nummer am Flughafen in Delhi, da wird Gandhis Geburtstag wohl immer noch gefeiert.
Eric fühlt sich langsam unwohl. Immer noch die gleichen Klamotten am Körper, leicht aufgerissene Gesichtshaut vom billigen Einwegrasierer aus dem Lufthansa-Pack und langsam steigende Sorge, dass der Koffer mit Kleidung, Schuhen und den Objektiven für seine schönen Photos vielleicht nie mehr auftaucht. Natürlich fragt er sich auch, wie die Reise denn jetzt weitergehen soll – Delhi war ja nur als Zwischenstation ins schöne Rajasthan geplant.
Also versuchen wir es per Mail. Lufthansa, was soll jetzt passieren? Sucht ihr überhaupt, oder seid ihr mit eurem Flughafentelefon abgetaucht? Kann Eric weiter reisen? Ab wann muss er die Hoffnung auf den Koffer aufgeben und sich alle Sachen neu beschaffen? Und zahlt ihr das dann auch?
Lufthansas automatische Eingangsbestätigung braucht eine erstaunliche halbe Stunde. „Aufgrund eines derzeit besonders hohen Eingangsvolumens kann die Bearbeitung Ihrer Anfrage einige Zeit in Anspruch nehmen.“
Jetzt werden wir langsam sauer, diesseits und jenseits des indischen Ozeans. Mittlerweile ist der Feiertag in Deutschland angebrochen und ich kämpfe gegen den Ausbruch einer Erkältung. Also bleibe ich länger im Bett und plane den Widerstand gegen die Servicewüste. Facebook, das könnte doch ein Anfang sein. Ein kurzer Beitrag unter ihrer Werbung und prompt kommt die Antwort: Das tut uns leid mit dem Gepäck, aber wir haben da ein tolles Portal. Ich schreibe zurück, dass wir das schon zur Genüge kennen, es gar nicht so toll finden und einfach gerne einen Ansprechpartner aus Fleisch und Blut hätten. Danach herrscht Funkstille.
Eric bekämpft den Missstand mittlerweile mit einer ausgedehnten Shoppingtour. Die könnte ja eigentlich nett sein, wäre man nicht aus einem völlig anderen Grund in Indien.
Am Abend hat Lufthansa eine neue Werbung auf der Facebookseite, sie schwärmen von den Lofoten. Ein Kommentar darunter lautet: Wann bietet ihr denn endlich einen Flug auf die Lofoten an? Und Lufthansa antwortet: wir arbeiten dran. Was ist denn das für eine neue Marketing-Strategie? Dinge bewerben, die man gar nicht im Angebot hat?? Ich mag auch kommentieren und empfehle ihnen, ihr Geld doch besser in den Service zu stecken. Aber sie mögen mir nicht mehr antworten.
Der gepäcklose Tag drei in Indien bricht an. Eric hat mittlerweile eine indische SIM-Karte erobert und will seine geänderte Telefonnummer dem Portal mitteilen. Geht aber nicht. Das Superportal mag nicht. Eric hat die Schnauze voll und fährt nach Agra. Und da lassen die indischen Götter einen ersten Hoffnungsschimmer auf ihn herabregnen: eine Mail von Lufthansa! Man habe da was gefunden in München. Aber, wie gewonnen so zerronnen, später stellt sich heraus, dass der Koffer in München eine ganz andere Farbe und Marke hat als der schmerzlich vermisste.
Und wie wird die Geschichte weitergehen? Taucht der Kranich wieder ab? Wird Eric seine Tage anders verbringen als Dinge zu kaufen, die er schon lange hat? Wird Lufthansa endlich den Weg auf die Lofoten finden? Bleibt dran und erfahrt, wie Eric auf der Suche nach dem verlorenen Koffer durchs wilde Rajasthan jagt und mit dem stummen Kranich kämpft.

Tag der deutschen Einheit

Nicht mehr unterwegs sein zu können, ist ein Zustand, an den ich mich wohl oder übel langsam gewöhnen muss. Reisen hat mich immer fasziniert und ich denke, das wird auch immer so sein. Deswegen hilft es doch sehr, die Kraft nicht ständig im buddhistischen Hier und Jetzt zu suchen, sondern auch mal künftige Reisen zu planen oder in die Reisevergangenheit abzutauchen. Gestern war so ein Abend, ich wollte den Computer ein bisschen aufräumen und blieb bei den Photos hängen. Gleich mehrere Stunden. Ging ja auch gut, denn es war der Abend vor dem Feiertag. Es waren sehr schöne Bilder dabei, von Indien, Israel und Indonesien, aber just am Vorabend des Tages der Deutschen Einheit faszinierten mich die Bilder meiner Expeditionen nach Ostdeutschland am meisten.

In den letzten Tagen haben wir viel diskutiert, über die Ursachen und Folgen des Ergebnisses der Bundestagswahlen. Für viele schien es sehr einfach: der Osten ist schuld. Und ganz besonders Sachsen. Höhnisch scheinen viele auf die demokratieunfähigen Hinterwäldler im Osten zu blicken, erst bauen wir denen die Autobahnen und dann das. Aber dann denke ich an den Wahlabend zurück, an die Karte der Bundesländer, in denen die AfD einen überdurchschnittlich hohen Wähleranteil hatte. Und neben den neuen Bundesländern waren auch Bayern und Baden-Württemberg dunkel eingefärbt. In Pforzheim und Heilbronn hat die AfD über 16 % erreicht. In Baden-Württemberg mit seiner boomenden Wirtschaft.

Die neuen Bundesländer waren viele Jahre für mich ein absolut unbekanntes Terrain, exotischer als vieles andere. Ich bin ein typisches Kind des Kalten Krieges, mit der Mauer aufgewachsen, wir hatten Verwandte „drüben“ und deren Not war für meinen konservativen Vater immer der wohltuende Beweis dafür, wie gut der Westen und wie schlecht der Osten war. Wochen vor Weihnachten trug ich die Zonenpakete zur Post, bestückt mit Kaffee, Eierlikör und Feinstrumpfhosen. Am Weihnachtstag musste man früh aufstehen, um das Telefonat nach Plauen anzumelden und es kam dann meistens, wenn die Vorbescherungshektik am größten war. Nie hätte ich gedacht, dass es irgendwann mal anders werden würde mit diesen zwei Deutschlands. Magdeburg, Haldensleben oder Kleinpörthen, die Orte der Kindheit meiner Mutter, schienen unerreichbar wie auf einem fernen Planeten, denn wegen der Flucht meiner Großeltern Anfang der 50er Jahre durften wir alle nicht in die DDR reisen.

Als ich 1989 in Göttingen studierte, überschlugen sich die Ereignisse. Es war ein Samstag und ich hatte ein Wochenendseminar, das früh anfing. Als ich nachmittags auf die am morgen noch leere Straße kam, parkten überall Trabis. Unter jeden Scheibenwischer hatte jemand eine Rose oder eine Tafel Schokolade geklemmt. Als wir nach dem Seminar ein Bier trinken gingen, saß am Nachbartisch eine Familie aus dem Osten, der Mann hatte sich aus Pappe einen Button gebastelt, auf dem „Neues Forum“ stand. Wir blickten sie an wie Außerirdische. Weihnachten 1989 wurde dann die Grenze auch für uns geöffnet. Mein Vater und ich hatten mit meiner Großmutter in Ratzeburg gefeiert, am späteren Abend machten wir uns auf, wir wollten einfach mal rüber. Ratzeburg war immer Zonenrandgebiet gewesen, die Welt hatte immer dicht hinter der Stadt aufgehört,  und plötzlich konnten wir die Straße weiter fahren. An den Bäumen hingen Plakate „Willkommen Bundis“ und im ersten Ort im Osten winkten uns am Feuerwehrhaus Leute raus, drückten uns ein Bier und eine Bratwurst in die Hand, aber bei den wortkargen Mecklenburgern kam dann doch wenig Stimmung auf.

In den nächsten Jahren gab’s ein paar kurze Trips in den Osten, ein Vorstellungsgespräch in Cottbus, ein Ausflug nach Eisenach und Weimar, das war’s eigentlich schon. Erst die Ahnenforschung führte mich so richtig in die neuen Bundesländer. Die Familie meines Vaters kommt geschlossen aus Pommern, zehn Kilometer rund um Schivelbein, dem heutigen Swidwin. Was ich nie gedacht hätte: auch mütterlicherseits bin ich eine pure Ostpflanze. Mein Opa wuchs im Drei-Länder-Eck Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen auf, seine Vorfahren kommen aus Sachsen und Brandenburg, wahrscheinlich waren einige Sorben unter ihnen. Die Wurzeln meiner Oma liegen in Sachsen-Anhalt und Thüringen. Erstaunt stellte ich fest, dass ich der ersten Generation angehöre, die im Westen geboren wurde.

Und dann  bin ich hingefahren. Zuerst nach Kleinpörthen, wo ich das Grab meines Ururgroßvaters fand, ein winziges Dorf in einer hoffnungslosen Gegend. Ich blieb ein paar Tage in der Kreisstadt Zeitz, ein typisches Oststädtchen, viele historische Gebäude sehr schön renoviert, vieles aber auch noch verfallen, in der Fußgängerzone halten sich maximal zwei Discounter und über dem ganzen Ort liegt eine merkwürdige Mischung aus Nostalgie und Resignation. Geburtsurkunde um -urkunde führt mich weiter an Orte, die ich sonst nie im Leben besucht hätte: das untergegangene Wuitz, ein Opfer des Tagebaus und Geburtsort meines Opas, das schöne Altenburg und die pittoresken sächsischen Städtchen, in denen meine Vorfahren dem Bierbrauen frönten. In Hohenstein-Ernstthal lebten sowohl Karl May als auch meine Urururgroßmutter, sie wurde in der Kirche getauft, in der er geheiratet hat. Die

Ein Haus in Brandenburg für 34.000 €…

Landschaft ist toll, das Essen lecker. Ich machte einen kurzen Abstecher nach Leipzig und hier wehte ein anderer Wind. Der Geist des Widerstands scheint hier immer noch lebendig, ganz besonders in der Nikolaikirche. Über das schöne Torgau gelangte ich nach Brandenburg. In Tröbitz lebten meine Vorfahren über einige Generationen hinweg, der pittoreske alte Ortskern steht noch, die Plattenbauten am Rande des Ortes sind furchtbar. Hier über Land zu fahren bedeutet eine Reise durch Geisterstädte. Die Dörfer sind wie ausgestorben, fast jeder Laden ist geschlossen und zu verpachten, wer hier ausharrt, muss entweder besonders heimatverbunden oder chancenlos sein. In jedem der kleinen Orte, die ich aus alten Geburts- oder Sterbeurkunden meiner Ahnen kenne, schloss ich kurz die Augen und stellte mir vor, wie ihr Leben wohl gewesen sein mag, im 19. und frühen 20. Jahrhundert. Arm waren sie alle, die meisten kleine Bauern, ein paar Lehrer, so wie mein Ururgroßvater Moritz Noack, der seine Heimat Tröbitz gen Kleinpörthen verließ und dort über 40 Jahre lang ein geachteter, aber auch gefürchteter Dorfschullehrer war. Die Chronistin von Kleinpörthen, die mich auf dem Friedhof ansprach – „Wir haben hier nicht so viele Autos aus dem Westen“ – hat es mir erzählt.

Der Tag der deutschen Einheit, das ist ja eigentlich mein Aufhänger. Ich bin froh, dass es diese Einheit gibt, Ich finde es nach wie vor unfassbar, hinter Hof oder Gudow oder Helmstedt einfach über die ehemalige Grenze fahren zu können. Im Einheitsprozess sind Fehler gemacht worden, ganz schwerwiegende Fehler. Die Dollarzeichen hatten alle in den Augen, in West wie Ost, und darüber hat man die Menschen vergessen. Wer über den Osten schimpft, sollte ihn sich erst mal anschauen. Mal ganz kurz die Hoffnungslosigkeit erahnen. Und überlegen, wie wir das jetzt nachholen können, was damals versäumt wurde. Nicht als Besserwessi, der dem Osten mal erzählen muss, wie das eigentlich funktioniert mit der Moral. Denn warum sollen  25 % in Sachsen so exorbitant anders sein als 16% in Heilbronn? Fehlgeleitete Menschen gibt es überall, das ist kein spezifisches West- oder Ostproblem. Als Globonautin und Mensch mit Wurzeln im Osten kann ich nur sagen: ich bin froh und sehr dankbar, dass es diese Grenze nicht mehr gibt.

Phase 2

Tja, Ihr Lieben, lange hab ich nichts von mir hören lassen. Schwierig war es immer mal wieder, aber ich hatte ja schon geahnt, dass es nicht so einfach bleiben wird, wie es am Anfang noch schien. Ich habe realisiert, dass das hier doch etwas Längeres wird. Der Alltag drängt sich massiv in den Vordergrund. Es gibt sie wieder, die Abende, an denen ich tumb aufs Sofa sinke und gerade noch aufnahmefähig für „Shopping Queen“ bin. Die Power, die ich mir für meine wöchentlichen freien Tage wünsche, muss am Freitag erst mal mühsam gesammelt werden und mein Mittagskino wechselte drei Wochen lang nicht das Programm 🙂 Meine Stimmung schwankt, manchmal ganz erheblich, und ich merke, dass ich schon wieder anfange, mich über Kleinigkeiten aufzuregen. Die Wohnungssuche war nicht ganz einfach und ich will endlich wieder an meine seit zwei Jahren eingelagerten Sachen ran.

Und dann sind da Tage wie heute. Ich sitze auf dem Dach der Stadtbibliothek, die Herbstsonne scheint warm und – ich habe gerade einen Mietvertrag unterschrieben! Noch ein Monat Untermiete bei Eric und dann zieh ich in mein kleines Reich über den Dächern des Stuttgarter Ostens, Park und Mineralbad direkt vor der Nase und der vierte Stock ohne Aufzug wird meiner eingerosteten Fitness gut tun. Der rücke ich tatsächlich schon jetzt zu Leibe, denn auch das war eine Auswirkung der Reise: ich habe viel mitgenommen und auch ein wenig zurück gelassen. Mitgenommen aus fast jedem bereisten Land ein Kilo Körpergewicht und der Welt dafür einen Zentimeter Körpergröße gelassen. Ein Geben und Nehmen halt, aber ganz schlecht für den Body Mass Index. Und weil’s dazu auch noch im Rücken und den Knien zwickt, kehre ich reumütig zurück zu Kieser, die mich vor ein paar Jahren schon mal fit gemacht haben, und siehe da, der Trainer begrüßt mich mit Namen, er ist mit mir gealtert, aber wir beschließen, dass es mein Photo von damals für den Mitgliedsausweis noch tut 🙂
Reisen bedeutet eben auch, dass man die positive Routine aufgibt. Alle Vorsätze, regelmäßig laufen zu gehen, hat der Monsun mit sich getragen und die paar Yoga-Einlagen auf Bali reichen halt auch nicht für zwei Jahre.

Jetzt wo der Herbst kommt, wir schon ein paar Mal die Heizung angeschmissen haben und ekliger Regen fällt, der Hamburg alle Ehre machen würde, wird es verdammt gemütlich, so auf dem kuschligen Sofa mit Strickzeug oder einem guten Buch. Das selbstgekochte Essen schmeckt auf Dauer dann doch besser als australische Pizza oder rumänisches Fettgebackenes. Zuhause sein hat eindeutig auch seine Vorteile.

Das wichtigste ist für mich, mich nicht komplett vom Alltag überrollen zu lassen. Die reduzierte Arbeitszeit ist da eine große Hilfe. Aber ich muss es mir immer wieder bewusst machen, kleine Fluchten, wie hierher aufs Dach der Bibliothek, einplanen und ganz viel denken an die wunderbare Zeit, die ich erlebt habe. Klappt eigentlich meistens ganz gut.

Nun bin ich also wieder endgültig zurück in Deutschland, kein Besuch für ein paar Tage, nein, die nächsten Jahre werden hier stattfinden. Nach zwei Jahren Deutschland-Abstinenz suche ich immer wieder nach wesentlichen Veränderungen. Meine Informationsquelle war fast ausschließlich das Internet während dieser Zeit und was habe ich nicht alles erwartet. Ein vollkommen verändertes Land, vor allem nach der Flüchtlingskrise. Und was finde ich vor? Alles beim Alten. Nix hat sich verändert und wenn, dann nach meinem Empfinden nicht zum Schlechten.

Ändern kann sich das allerdings am Sonntag. Wenn die AfD drittstärkste Kraft wird oder auch nur knapp über die Fünf-Prozent-Hürde hüpft. Das ist eine Entwicklung, die mir wirklich Angst macht. Bedroht fühle ich mich nicht von Ausländern – hätte ich Angst vor ihnen, wären die letzten zwei Jahre ganz schön stressig gewesen. Bedroht fühle ich mich durch nationalistische Töne, Intoleranz, Populismus. Für mich stand nach den amerikanischen Wahlen schnell fest, dass mir gerade sehr wenig der Sinn danach steht, in den nächsten Jahren in die USA zu reisen. Das Trumpsche Gedankengut, über das wir hier den Kopf schütteln, könnte aber schon ab nächster Woche in unser Parlament Einzug halten. Germany first, Schließung der Grenzen, 12-jährige ins Gefängnis, keine Beweise für den Klimawandel – wozu das führt, kann man ja gerade täglich auf der anderen Seite des Atlantiks beobachten.

Ich denke zurück an die Reise, an Kanada mit seiner beeindruckenden Willkommenskultur, Australien und Neuseeland, voll mit europäischen Wirtschaftsflüchtlingen des 19. und 20. Jahrhunderts, Malaysia mit dem bunten Völkermix. Alles Länder, denen es relativ gut geht. Ich denke an die Erinnerungsorte, die sich mir hier in Stuttgart bieten: der indische Supermarkt um die Ecke, der sich ein wenig wie Sri Lanka oder Mauritius anfühlt, Erics türkische Wasserpfeifenhöhle, die auch in Istanbul stehen könnte, die beiden fröhlichen Afrikanerinnen, die abends unsere Büros putzen. Ich denke an die westlichen Touristen, die in Phnom Penh mit kleinen Jungen in schmierigen Häusern verschwanden. Idioten gibt es überall, bei uns genauso wie anderswo. Natürlich will ich, dass Menschen dafür bestraft werden, in Deutschland, in Kambodscha und sonst wo auf der Welt. Unser Rechtssystem gibt das aber her, dafür brauchen wir keine Populisten.

Mir haben viele Menschen gesagt, sie würden mich beneiden um unsere große Reise. Reisen scheint fast jeder toll zu finden. Wohl nicht nur wegen der Naturwunder. Es sind doch in erster Linie die Menschen und ihre Kultur, die uns in fernen Ländern faszinieren. Aber bitte nicht hier vor unserer Haustür? Wollen wir auf diese ganze Vielfalt, die uns die Welt quasi nach Hause bringt, verzichten, weil wir meinen, wir könnten in unserem Wohlstand nicht abgeben? Meine Erfahrung im Prozess des Wiederankommens ist, dass Deutschland ein bisschen mehr Lebendigkeit ganz gut vertragen kann.

Alles so Gedanken, die mir durch den Kopf gehen. Ankommen heißt auch, sich auseinander zu setzen. Ich hoffe wirklich, dass das morgen gut geht.

Angekommen!?

Nach Jahren der Abstinenz habe ich am 1. August wieder angefangen zu arbeiten und entgegen aller Befürchtungen hat es gar nicht weh getan. Eigentlich lief es am Anfang sogar erstaunlich leicht. Nette Kollegen und meine viel größere Gelassenheit haben den Einstieg deutlich erleichtert. Das Büro kann ich in lockeren acht Minuten mit dem Fahrrad erreichen, ein Blumensträußchen schmückte mein hübsches Arbeitszimmer, die ersten Arbeitstage gingen vorbei wie im Flug, jeden Mittag mit anderen aktuellen oder früheren Kollegen unterwegs.

Klingt zu sehr nach Happy End der Reise? Richtig, denn ganz so einfach ist es dann doch nicht.

Aber trotzdem zunächst die positiven Seiten. Fast ein wenig nach dem Motto „Ist der Ruf erst ruiniert….“ genieße ich eine Aufgabe ohne Führungsverantwortung und zum ersten Mal in meinem Berufsleben mit Teilzeit. Dreieinhalb Tage die Woche gehöre ich dem Job und dreieinhalb Tage mir – und die Arbeitstage begrenzen sich im Gegensatz zu früher tatsächlich auf die Tageszeit. Am ersten „freien“ Freitag beschleicht mich zwar kurz das Gefühl des Schwänzens, aber nein, so wird es jetzt regelmäßig sein. Die Krönung sind die Donnerstag-Mittags-Kinovorstellungen. Während die Stadt schafft, sitze ich mit ein paar versprengten Rentnern und einem Becher Kaffee im fast leeren Kinosaal und reise im „Stern von Indien“ in die Gründungszeit von Indien und Pakistan oder im „Tulpenfieber“ ins Amsterdam des 17. Jahrhunderts. Eigentlich ist das Wetter zu gut, um den frühen Nachmittag im Dunkeln zu verbringen, aber dieses Gefühl, zu normalen Arbeitszeiten im Kino zu sitzen, lässt mich jeden verpassten Sonnenstrahl vergessen.

Und dann die Treffen mit vielen lieben Menschen, die unsere Reise um die Welt verfolgt haben. Die Welt hat sich auch hier weitergedreht, keine Frage, aber es gibt kaum ein Fremdeln, fast so als wäre ich gar nicht lange weggewesen.

Und die ganzen Alltagsdinge, auf die ich lange verzichten musste. Geruhsames Kochen, mit einem guten Hörspiel und einem Gläschen Wein als Aperitif, ein gemütlicher Abend mit Strickzeug vor der Glotze, selten habe ich es so genossen wie jetzt. Sogar ein Wohnungsputz scheint gar nicht mehr so unangenehm wie früher. Meine sportlichen Vorhaben laufen langsam an, eine neue Joggingstrecke ist gefunden und sogar schon zweimal absolviert. Endlich wieder Yoga bei Christine und sogar ein Meditationsworkshop am Wochenende. Viel wollte ich mir nicht vornehmen für die Zeit nach der Reise, im Gute-Vorsätze-und-tausend-Pläne-Schmieden war ich früher Weltmeisterin und deswegen auch permanent mit einem schlechten Gewissen ausgestattet. Jetzt plane ich wenig und kriege trotzdem einiges gebacken.

Aber, ich deutete es schon an, nicht alles ist rosarot. Natürlich vermisse ich das Reisen, wäre ja auch komisch wenn nicht. Keine Woche zurück stand mein neues Reiseziel schon fest, auch wenn ich nicht weiß, wann genau ich es realisieren werde. Mit der Fremdbestimmung, die ich auf Reisen so gar nie spürte, komme ich noch zurecht. Aber meine Neugier ist nicht immer leicht zu bändigen. Eine neue Stadt entdecken, eine exotische Kultur kennenlernen, mit dem Auto durch eine unbekannte Landschaft fahren, einfach den Kopf frei haben, neue Erfahrungen machen, neue Geschmäcker testen, all das macht gerade eine Pause. So schön es ist, die alten Plätze neu zu entdecken oder einfach so zu genießen, wie ich sie immer schon genossen habe – irgendwas fehlt.

Ganz spannend ist es, eigentlich vertraute Situationen als Beobachterin zu erleben. Denn so fühle ich mich noch ein wenig, eine Besucherin, die sich alles erst mal aus der Distanz anschaut. Die lockere Sommeratmosphäre, die noch über der Stadt liegt, und die Menschen zum Genuss verleitet. Die verkleideten Typen, die morgens in die Bürogebäude eilen. Die Gockelei einiger vorwiegend männlicher Kollegen, wenn es um Macht und Profilierung geht. Früher war ich mittendrin, jetzt stehe ich staunend daneben.
Frustration, Demotivation, Ungerechtigkeit – ist es jetzt Zufall, dass ich gerade auf so viele Menschen treffe, die beruflich unglücklich sind oder sind das wohlmöglich mittlerweile keine Ausnahmen mehr? Oder eigne ich mich gerade besonders dafür, mir die Sorgen und Nöte anderer anzuhören?
Und auch meine eigenen Dämonen holen mich immer mal wieder ein, es ist ein Kampf und es wird immer einer sein, aber ich hoffe, ich habe gelernt, sie frühzeitig zu erkennen und dann möglichst schnell zu verscheuchen. Einen wunderbaren Gedanken zu denken, fällt mir nach den zwei Jahren nicht allzu schwer.

Alles in allem überwiegen die positiven Aspekte des Ankommens. Die Welt ist keine andere geworden, nur weil ich sie umrundet habe. Aber ich glaube, ich habe mich ein wenig verändert. Ist es mir früher eigentlich so oft passiert, dass ich mit der Bäckereiverkäuferin neben Geld und Brezeln auch ein paar freundliche Worte wechsele? Dass mir Menschen zulächeln? Nicht unbedingt von selber, sondern weil ich sie angelächelt habe?
Doch ist alles vielleicht deswegen unerwartet einfach, weil ich eigentlich noch gar nicht begriffen habe, dass ich jetzt dauerhaft wieder hier bin? Nicht in einer Woche meinen Rucksack packe und wieder weiter ziehe? Kann man erst nach viel längerer Zeit wirklich beurteilen, ob man wieder angekommen ist? Noch viele Fragezeichen, die ich nach und nach abarbeiten will.

Aber bei einem bin ich mir wirklich sicher:
die Entscheidung für die Reise war die beste meines Lebens. Die Erinnerungen kann mir maximal ein nachlassendes Gedächtnis nehmen und dafür habe ich ja diesen Blog 🙂 Immer wieder blitzen Bilder auf: der frühmorgendliche Strand von Casuarina an der wilden Küste Darwins. Der erste Blick auf den Grand Canyon. Die Delphine vor Pamilacan auf den Philippinen. Die staubigen Straßen und freundlichen Menschen von Bhaktapur in Nepal. Das leuchtende Türkis des Meeres vor Rodrigues.
Es ist nicht vorbei. Die Reise geht weiter. Es muss nicht immer Mauritius oder Nepal sein, auch der Biergarten auf der Karlshöhe oder der Rosensteinpark bieten genügend Platz für Glücksgefühle. Manchmal muss ich noch nicht mal meine Wohnung verlassen, weil schon das Stöbern in alten Kirchenbüchern im Internet eine faszinierende Reise in die Vergangenheit meiner Ahnen beginnen lässt. Aber, ich weiß auch, dass ich irgendwann wieder aufbrechen werde, wenn sich die Gelegenheit bietet. Wenn sie nächsten Monat kommen sollte, diese Gelegenheit, werde ich genauso bereit sein wie in einem oder in zehn Jahren. Einmal an der Welt geschnuppert lässt sie einen nicht mehr los!

Heute mal sehr persönlich

Meine erste Reise nach der Weltreise ist eine in die Vergangenheit. Und weil das öffentliche Schreiben in den letzte zwei Jahren ein wichtiger Weg war, Emotionen zu teilen, tue ich es auch jetzt. Wer nichts damit anfangen kann, möge es mir nachsehen.

Ich habe heute Morgen Gewissheit darüber erhalten, dass ein guter Freund gestorben ist. Wir haben uns seit vielen Jahren nicht mehr gesprochen, nicht, weil wir den Kontakt haben einschlafen lassen, sondern weil Michael einen radikalen Schnitt gemacht hatte. Und das betraf nicht nur mich, sondern viele Leute aus der Studienzeit.

Michael war der Erste, den ich zu Beginn meines Studiums in Tübingen kennenlernte. Wir trafen uns in der Osianderschen Buchhandlung und suchten das gleiche Lehrbuch. Sein breiter oberschwäbischer Dialekt war eine echte kulturelle Herausforderung für mich, aber wir verstanden uns auf Anhieb. Er war ein sehr besonderer Mensch, wer ihn kannte, wird jetzt wahrscheinlich denke, oh ja, das war er wirklich, und hoffentlich lächeln. Originell, intelligent, intellektuell, aber mit großer Lust am Trivialen, mal charmant, mal schrecklich sarkastisch. Er hat sich tief in mein Hirn eingegraben und obwohl ich es nicht ändern konnte, dass er den Kontakt abbrach, habe ich die ganzen Jahre über versucht, seinen weiteren Lebensweg zu verfolgen. Und vielleicht den richtigen Moment abzupassen, ihn doch zu einem gemeinsamen Bier zu überreden. Google und die sozialen Medien machen’s möglich, er twitterte eifrig und ich wurde nur kurz stutzig, als er letztes Jahr schrieb, seine Zeit sei von nun an befristet, ein oder zwei Jahre vielleicht. Michael halt, mit seinem schrägen Humor, dachte ich mir. Dann aber las ich, dass seine Anwaltszulassung erloschen ist und findig wie mich die Ahnenforschung gemacht hat, rief ich heute bei der Anwaltskammer an. Ja, die Zulassung sei erloschen und es gebe da eine Fußnote „verstorben“.

Ich hatte bisher Glück in meinem Freundeskreis, die meisten erfreuen sich bester Gesundheit und das bleibt hoffentlich noch ganz lange so. Bei der Organisation des Klassentreffens unseres Abiturjahrgangs war ich darauf gefasst, auf Todesmeldungen zu stoßen, aber toi toi toi, we are all still alive. Mein früherer WG-Kumpane Christoph und der Mann einer guten Freundin waren bisher die einzigen, die viel zu früh starben.

Michael ist der erste enge Freund, den ich endgültig verloren habe. Und den ganzen Tag kommen mir diese Erinnerungen in den Sinn. Die Sommerabende auf dem Tübinger Marktplatz. Die langen Telefonate, Schnuppelchen, mir ist so langweilig, hat er sie meistens begonnen. Das musst du dir anhören, sagte er, und legte Edie Brickell auf, Circles. Mindestens fünf mal hintereinander.

And being alone is the best way to be
When I’m by myself it’s the best way to be
When I’m all alone it’s the best way to be
When I’m by myself, nobody else can say goodbye

Freundlich könnte ich sagen, dass ich es sehr bedauere, dass er den Kontakt abgebrochen hat. Dass er über alle meine Kontaktversuche, zuletzt eine Mail aus Costa Rica im letzten Jahr, hinweg gegangen ist. Aber ich bin heute nicht freundlich. Michael, Du Depp, ich bin wütend. Du hast im letzten Jahr ein Zitat von Thomas Bernhard getwittert: „Wo sind alle diese Menschen, mit welchen ich damals vor dreißig Jahren, Kontakt gehabt habe? fragte er sich.“
Wir waren immer da. Und wir hätten uns so sehr gefreut.

Michael, wir haben in Deiner Tradition ein Weizen auf Dich getrunken. Mach’s gut.

Ciao Welt

Jetzt ist sie vorbei, die große Reise, aber wir haben ihr einen schönen, emotionalen und auch sehr leckeren Abschluss gegeben. Denn was eignet sich besser für Dolce Vita, Amore und Buona Cucina als die Toskana?

Schuld an der Wahl dieses letzten Reiseziels und der Globonauten-Reunion sind Petra und Ecki, die letztes Wochenende in einem alten Kloster in der Nähe von Pisa geheiratet haben. Ein wunderschöner Ort, eine wunderschöne Braut, eine wunderschöne Zeremonie – von der ersten Sekunde an flossen bei mir die Tränen….

Aber der Reihe nach. Erst kam Pisa mit einem der herzlichsten Vermieter unserer gesamten Reise und dem wahrscheinlich besten Frühstück. Und das in Italien, dem Land der So-gut-wie-gar-nicht-Frühstücker. Der Eigentümer fährt alles auf, was er an der toskanischen Küche liebt und dreht morgens eine große Runde durch die Stadt, um die besten Leckereien in den besten Läden zu ergattern. Und freut sich, wenn man seine Leidenschaft ein wenig teilt. Die Brigidini, süße Waffelchips mit Anisgeschmack, knusperte ich zu seiner Freude mit Begeisterung und am nächsten Morgen schenkte er mir einen ganzen Karton davon.

Pisa stand nie ganz oben auf meiner Liste der Orte, die ich unbedingt besuchen möchte. Den Schiefen Turm sah ich vor Jahren aus dem Zug auf der Durchfahrt und vom Bahnhof aus wirkte es als stünde er in einem Industriegebiet. Um so überraschter waren wir bei unserem Spaziergang am Abend der Ankunft – der Turm ist Teil einer großen sakralen Anlage, tagsüber brechend voll mit seltsam verrenkten Touristen, die für Photos posieren – seht, ich stütze den Turm. Ganz lustig zu beobachten. Rund um die Piazza dei Miracoli tobt das italienische Leben in den Straßenrestaurants. Unsere Befürchtungen, um halb zehn abends nichts mehr zu essen zu kriegen, zerstreuen sich schnell und bald sitzen wir bei toskanischem Wein und Pizza und sind in Italien!

Pisa ist eine Studentenstadt und auch abseits
des Schiefen Turms absolut sehenswert. Wir bummeln durch die Straßen der Altstadt bis zum Arno, machen einen Abstecher auf die andere Flussseite, ein Gläschen Wein hier, ein Gelato da und am Nachmittag dann die Bauten auf der Piazza dei Miracoli von innen. Der Dom, die riesige Taufkirche und die Friedhofsanlage Camposanto Monumentale, da wirkt der Schiefe Turm nur wie ein kleines Anhängsel. Die ganze Pracht der italienischen Baukunst, obwohl fast die selbe Epoche doch ein unglaublicher Gegensatz zu den mittelalterlichen Bauten Siebenbürgens.

     

Am nächsten Tag erobern wir einen schnittigen roten Lancia und starten Richtung Castelnuovo di Garfagnana, wo wir die nächsten zehn Tage in einer kleinen toskanischen Villa verbringen wollen. Mal wieder eine Buchung über AirBnB, aber wohl auch die letzte. Die Villa ist schön, liebevoll eingerichtet, ein toller Garten und sehr nette Vermieter – aber leider auch unmittelbar an der Dorf-Autostrada. Direkt vor dem Haus donnert unablässig der Verkehr, einen Bürgersteig gibt es nicht und nach zwei Tagen beschließen wir, dass wir hier nicht bleiben wollen. Die Vermieterin ist absolut kulant, erstattet uns den vollen Betrag für die noch ausstehenden Nächte, bietet uns sogar ihre Hilfe bei der Suche nach etwas Neuem an, eine sehr positive Erfahrung. Nur AirBnb besteht darauf, die Servicegebühr für alle Nächte zu behalten, nun denn. Kehre ich doch lieber wieder zu booking.com zurück und finde ein Häuschen in einem Bergdorf, keine große Straße in der Nähe und eine der Kritiken moniert, es sei zu ruhig. Da wollen wir hin!

Aber zuvor steht noch Lucca auf dem Programm, natürlich auch wegen seiner einzigartigen Altstadt, den vielen Kirchen, den schönen Plätzen. Aber vorallem wegen – hüstel – Robbie Williams! Das Summer Festival ist im Gange, Robbie eine der Attraktionen und ich wollte ihn schon immer mal live sehen. Oh, und es war toll! Mitten in der Altstadt auf einem kleinen Platz, zum Bühnengelände gehören auch die umliegenden kleinen Restaurants und Cafés. Italienisch entspannt wird schon um fünf geöffnet, damit ausreichend Zeit für Pizza, Pasta und ein Gläschen Wein bleibt. Eine Familienveranstaltung, alle Altersklassen vertreten, aber echtes Verständnis für die Vorgruppe Erasure bringt nur unsere Generation auf. In Glitzerleggings und mit tuntigem Gehabe lassen sie die Achtziger wieder auferstehen und auch wenn ich nie Fan war, es ist lustig. Und dann kommt er, Meister Robbie, im Herrenrock und etwas fülliger, aber ich las im Internet, er leide unter einer schrecklichen Krankheit: nächtliche Hungerattacken. Oh Robbie, I perfectly understand! Er ist einfach ein großartiger Entertainer, wir singen, swingen, hüpfen, reißen die Arme hoch und haben viel Spaß. 

Der Umzug ins Bergdorf hat sich absolut gelohnt. Hoch oben in einer ehemaligen Maronenbrennerei verteilt sich unser Apartment auf vier Stockwerke, jede Etage gerade groß genug für ein Zimmer, toll renoviert und eingerichtet, ja! Der Nachbar scheint so begeistert von diesem gelungenen Restaurierungsprojekt, dass er es wohl nachmachen will – kaum haben wir es uns gemütlich gemacht, beginnt er nebenan zu hämmern und zu sägen. Wir gucken uns an – nein, wir bleiben jetzt hier, nachts ist es ja ruhig, eigentlich sogar so still, dass einem fast etwas fehlt. Und die Vermieter sind reizend, sie haben uns zur Begrüßung mit herrlichen Cantucci ausgestattet, nicht das bockelharte Zeugs, das man bei uns zu kaufen bekommt, und getunkt in Vin Santo ist es einfach perfekt. So schlemmen, spazieren und bummeln wir uns durch die nächsten Tage, ein Hoch auf die italienische Küche! In diesem Land könnte ich nie Vegetarierin bleiben, der köstliche Schinken und das weltbeste Carpaccio im Vecchio Olivo in Montecarlo, so gut, dass wir am nächsten Tag gleich noch mal hinfahren, um es zu genießen. Die Toskana wird ihrem Ruf absolut gerecht, ein Genießerparadies mit idyllischen Dörfern, freundlichen, entspannten Menschen, Bilderbuch-Olivenhainen und duftenden Nadelwäldern.

Und ein toller Platz für eine Hochzeit. Im „Il Convento“ haben Martina und Marcel ein kleines Paradies geschaffen, kein Hotel, sondern ein Tagungszentrum, aber weil sich Petra und Ecki hier kennen und lieben gelernt haben, dürfen sie auch hier feiern. Was für ein schöner Ort! Das alte Nonnenkloster ist ein sehr spezieller Platz, nicht nur traumhaft gelegen, sondern irgendwie auch mit guten Schwingungen ausgestattet. Wir sitzen an langen Holztischen auf der Terrasse, unterhalten uns mit interessanten Menschen und sind sehr gespannt, was der Hochzeitstag bringen wird. Und der startet mit einer Zeremonie, die perfekter kaum hätte sein können. Unter freiem blauen Himmel, in der Ruine der Klosterkapelle, kleiner Chor mit Gitarren- und Querflötenbegleitung, eine sehr persönliche Traurede und eine wunderschöne Braut. Und ich habe kein Taschentuch dabei…. Das Kaffeetrinken mit selbstimportierten Freiburger Käsekuchen findet auf einer duftigen Bergwiese mit grandiosem Blick statt, am Abend sitzen wir an langen Tischen auf der Klosterterrasse – alles wie im Bilderbuch. Danke, Petra und Ecki, und alles alles Gute für euch!

Was für ein Abschluss für die Reise! Und die ist am Montag dann wirklich zu Ende. Langes Warten in Pisa auf den Abflug nach Wien und beim Zwischenstopp dort sauge ich für ein vorerst letztes Mal die internationale Atmosphäre ein. Und was wäre, wenn wir jetzt einfach ein Stückchen weiter liefen und den Flug nach sagen wir mal Melbourne nehmen würden?

Am späten Abend schweben wir dann langsam gen Stuttgarter Boden. Gleich sind wir da, wir sehen schon das Neckartal unter uns, gleich bin ich zurück. Da heulen plötzlich die Motoren des Flugzeugs auf und wir steigen steil nach oben. Ich schaue auf Eric, der versucht, cool zu bleiben, mich packt die Furcht, aber irgendwie auch das Gefühl „wenn wir jetzt abstürzen, haben wir wenigstens unseren Lebenstraum verwirklicht.“ Der Pilot meldet sich und berichtet von einem Vogelschaden des Flugzeugs vor uns, die Landebahn müsse gereinigt werden, deswegen hätte er durchstarten müssen. Er klingt so entspannt, dass ich es auch wieder werde. Aber irgendwie doch wie ein allerletztes Aufbäumen gegen das Ende der Reise. In jedem Fall aber ein Ausklang mit Adrenalinschock.

Ja, das war sie, meine Weltreise. Es ist zu früh für ein Resümmee. Und ich will es jetzt auch gar nicht, weil ich noch gar nicht bereit bin, das Ende dieses Lebensabschnitts zu akzeptieren. Was schrieb mir mein Pfälzer Freund? „Die große Reise des Lebens beginnt mit jedem neuen Tag.“ Vielen Dank, lieber Andreas. Vielleicht ist das mein neues Ziel. Jeden Tag meines Lebens als Beginn einer wunderbaren Reise begreifen zu können. Also, meine Lieben, es geht weiter!