Auf nach Mauritius!

Und jetzt heißt es Abschiednehmen. Wieder einmal und diesmal wird es besonders schwierig. Es waren sechs Wochen auf diesen wunderschönen Inseln und ich habe bei weitem noch nicht alles gesehen. Aber es muss ja auch noch was übrig bleiben für das nächste Mal :-

Dass ich mein Herz voll und ganz an Rodrigues verloren habe, habt ihr ja wahrscheinlich gemerkt. Aber auch Mauritius ist einfach einmalig, es gibt so viel zu sehen und zu tun, das wunderbare Meer und die Traumstrände, die sattgrünen Zuckerrohrfelder, tolle Museen und der bunte Völkermix – alles Gründe, unbedingt mal herzukommen.

Bevor ich nach Maurtius kam hatte ich die Vorstellung einer mondänen Trauminsel mit luxuriösen Anlagen, die dem Nicht-Pauschalreisenden mit normaler Urlaubskasse verschlossen bleiben. Als ich diesen unschlagbar günstigen Flug von Malaysia nach Mauritius fand, fing ich an, mich über Hotelpreise zu informieren und siehe da – hier gibt es so ziemlich alles, von der einfachen Herberge für 15 Euro bis zum Luxusbungalow für 1500 Euro die Nacht. Mauritius ist sehr erschwinglich und hat ein Riesenangebot an Ferienwohnungen und Villen. Die Märkte quellen über vor frischem Obst und Gemüse, frischen Fisch kriegt man direkt vom Boot und die Supermärkte sind erstaunlich gut bestückt. Mit Französisch kommt man perfekt durch, mit Englisch sehr gut, ich habe mich immer sehr sicher gefühlt und hygienisch ist hier alles unbedenklich. Also, wie wäre es mal mit einem Urlaub auf Mauritius?

Die Insel ist überschaubar, aber trotzdem stellt sich natürlich die Frage, wo man sein Lager aufschlagen soll. An verschiedenen Stellen, wäre mein Tipp, vorallem, wenn man öffentliche Verkehrsmittel nutzen möchte. Mahébourg bietet sich für den Anfang an, hier ist er Flughafen, es geht entspannt zu und trotzdem hat man die Traumstrände von Blue Bay und Pointe D’Esny (mein eindeutiger Favorit) gleich um die Ecke. Die Ostküste von Mauritius ist deutlich weniger touristisch als der Norden und Westen, und ein paar Tage in Trou d’eau douce im Osten, von wo aus man die atemberaubend schöne Insel Ile aux cerfs erreichen kann, sind sicherlich kein Fehler. Pamplemousses im Inselinneren mit seinem wunderbaren botanischen Garten und dem tollen Zuckermuseum ist besonders gut vom Westen oder Norden aus zu erreichen. Einen großen Bogen würde ich um die Touristenhochburg Grand Baie machen. So grand ist die Bucht nicht, dafür aber vollgebaut und teuer. Für einen Abstecher in den Westen empfiehlt sich Trou aux biche, der Strand ist hübsch, schöne Tagesausflüge, zum Beispiel ans pittoreske Cap Malheureux im Nordensind mit dem Bus schnell gemacht. Und: hier gibt es die schönen Sonnenuntergänge am Strand, die einem im Osten verwehrt bleiben.

Die Hauptstadt Port Louis sollte man sich angucken, vor allem die schöne Markthalle, die charmant bröckelnde Chinatown, das Weltkulturerbe Aapravasi Ghat und das reizende Postmuseum. Wer will, kann sich die blaue Mauritius für einen heftigen Eintrittspreis im Pennymuseum auch im Original anschauen. Ich hab’s gelassen und wurde von meinem Wirt mit einem „Well done“ dafür bedacht.

Der Südwesten lockt mit dem entspannten Surferörtchen Tamarin und bei „Chez Jacques“ paart sich ein großartiges Backpackerfeeling mit exzellenter Küche. Die Salinen sind sehenswert und das dort gewonnene Fleur du Sel hervorragend.

Wer es etwas mondäner möchte, geht ins benachbarte La Preneuse, von dort aus starten auch die Delfintouren. Jeden Morgen kommt ein großer Schwarm in die Bucht und scheint sich in keiner Weise daran zu stören, dass sofort eine Armada von Booten mit verzückten Touristen herbeieilt. Das besondere hier ist, dass man von den Booten aus ins Wasser springen und mit den Tieren schwimmen kann. Es ist nur eine kurze Zeit, denn die Delfine sind schnell, aber lang genug, um diesen magischen Moment voll auszukosten. Die Tourveranstalter achten auch einigermaßen darauf, dass nicht zu viele Leute gleichzeitig im Wasser sind.  Zwei mal springe ich hinein, schwimme kurz mit ihnen an der Oberfläche, sie sind drei, vier Meter weg von mir, dann tauchen sie ab und ich sehe sie unter mir im tiefblauen Wasser. Wirklich ein schönes Erlebnis, trotz der vielen Boote und delfinhungrigen Menschen.

In La Preneuse gibt es ein weiteres reizendes kleines Museum in einem ehemaligen britischen Befestigungsturm, dem Martello Tower. Eine private Initiative hat den Turm instand gesetzt und man bekommt einen tollen Eindruck von der Zeit, als die Eroberer über’s Meer kamen.

Von Tamarin aus kann man ewig am Strand Richtung Norden laufen, ein schöner Strand reiht sich an den nächsten. Das exklusive Wolmar hat wahrscheinlich den schönsten und das nette an Mauritius ist, dass zwar die Hotelanlagen den betuchten Gästen vorbehalten sind, nicht aber die Strände davor. Ob man jetzt 15 oder 1500 Euro pro Nacht zahlt – liegen tut man am selben Strand. Ich spicke dann doch mal kurz in eine der Nobelanlagen – man muss einigermaßen selbstverständlich auftreten und eine existente Zimmernummer parat haben, die man den Sicherheitsleuten nennen kann, dann ist ein kurzer Spaziergang kein Problem. Das Maradiva Villas Resort and Spa ist ein absoluter Traum – aber nie im Leben würde ich dafür 1000 Euro die Nacht hinlegen. Acht Stunden geschlafen und schon sind über 300 Euro weg – nö!

Weiter oben kommt dann Flic en Flac, eine weitere Touristenhochburg und für mich einer der unangenehmsten Plätze auf Mauritius. Ich kann gar nicht sagen, was ich so negativ an dem Ort mit dem netten Namen finde, die wilde Bebauung, die partyversprechenden Restaurants? Jedenfalls ist man hier vom Zauber der Insel am weitesten entfernt, trotz langem Sandstrand und schöner Lagune.

Um den Süden richtig zu genießen, sollte man sich ein Auto mieten, was ich nicht getan habe. Die Küste ist spektakulär, das Inland sicher auch, aber hier wird es schwieriger mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Wenn man mobil ist, dann ist La Gaulette ein toller Ort und die Marisa Residences ein weiterer Ort, an dem man sich unglaublich wohl und willkommen fühlen kann. Drei herrlich entspannte Tage habe ich an dem traumhaften Pool verbracht und im wohl bequemsten Bett meiner Reise geschlafen. Die Besitzerin Helen lebt in England, wir standen aber die ganze Zeit über per WhatsApp in Kontakt, herzliche Fernbetreuung und die Zimmer fühlen sich auch ein wenig wie ein sehr gemütliches britisches Bed and Breakfast an.

Gris Gris im Süden darf ich nicht vergessen mit dem wilden Meer. Das Busfahren durch die Zuckerrohrfelder. Den kleinen Markt von Mahebourg mit leckeren Rotis, gefüllten Pfannkuchen mit scharfem Chili. Und so viele andere schöne Orte.

Mauritius ist ein so lohnendes Urlaubsziel und ich kann es wirklich nur empfehlen. Aber – sorry, liebes Mauritius – am allerschönsten ist Rodrigues. Der Abschied wird ein schwieriger werden, aber ich weiß, ich werde wiederkommen!

 

Nichts zu tun auf Rodrigues…

… sagte man mir bevor ich hier her kam. Drei Tage, das reiche für die Insel. Maximal.
Eigentlich sollte man andere tatsächlich davon abhalten, hierher zu kommen – es ist nämlich ohne Übertreibung einer der schönsten Orte der Welt! Und das auch, weil der Massentourismus die Insel glücklicherweise noch nicht gefunden hat und sie hoffentlich auch nie finden wird.

Anderthalb Stunden Flug von Mauritius entfernt ist hier alles anders: die Menschen, die Vegetation, das Tempo. Hier dominieren die Kreolen, 97% der knapp 40.000 Einwohner sind Katholiken und alles fühlt sich viel mehr nach Afrika an. Industrie gibt es keine in Rodrigues, man versorgt sich aus dem eigenen Garten, Fischfang und ein wenig Tourismus sind die Haupteinnahmequellen. Rodrigues gehört zwar zu Mauritius, ist aber autonom. Eine Regionalversammlung lenkt die Geschicke der Insel und das tun sie sehr behutsam. Umweltschutz wird groß geschrieben, schon im Flugzeug wird darauf hingewiesen, das Plastiktüten verboten seien, auf einem der Berge drehen sich Windräder.

   

Meine Vermieterin hat einen Fahrer geschickt, mit einem geländetauglichen Pickup kurven wir in einer halben Stunde einmal quer durch die Insel – hoch und runter schlängelt sich die Straße durch kleine Ortschaften. Es ist sieben Uhr abends und Rodrigues scheint schon ins Bett gegangen zu sein. Der Fahrer lässt sich über Mauritius aus – alles viel zu hektisch dort. Das höre ich in den nächsten Tagen eigentlich ständig, die Menschen genießen die Abgelegenheit und Ruhe. Man kennt sich auf Rodrigues, es muss immer Zeit sein für ein kleines Schwätzchen und die Menschen lieben ihre Insel.

In meinem Guesthouse erwarten mich meine Wirtin Guilmette und zwei junge Hebammen aus Lyon, die zur Zeit in Mayotte leben und einen Kurzurlaub eingeschoben haben. Mit Erstaunen höre ich, dass Mayotte – zwischen Madagaskar und dem afrikanischen Festland gelegen – zur EU gehört. Anders als La Reunion aber scheint das französische Mutterland die Insel vergessen zu haben. Beatrice und Johanna erzählen von hoher Kriminalität, großer Wasserknappheit und einem dramatischen Problem mit Flüchtlingen von den nahen Komoren. An den folgenden Abenden berichten sie dann aber auch von einer atemberaubenden Unterwasserwelt, Delfinschwärmen und regelmäßigen Walsichtungen.
Im Guesthouse, das gerade mal drei blitzsaubere Zimmer hat, trifft man sich abends zum Ti Punch, einem starken Gemisch aus Zitrone, braunem Zucker und Rum. Danach wird gemeinsam gegessen und was Guilmette so auftischt ist köstlich. Fast alles kommt aus ihrem eigenen Garten und der Fisch aus der nahegelegenen Bucht – so lecker…
Das Guesthouse liegt direkt an der Straße – uh, denke ich am Anfang, merke dann aber, dass hier tagsüber alle Viertelstunde mal ein Auto vorbeikommt und ansonsten eher die Ziegen die Fahrbahn bevölkern – wie eigentlich überall auf Rodrigues. Nachts hört man ausschließlich das Rauschen des Meeres und ab und an das Quieken der Fledermäuse.

Wie nah ich am Strand bin, merke ich erst am nächsten Morgen. Direkt hinter dem gegenübergelegenen Nadelwald ist eine wunderbare Bucht. Und daneben noch eine. Und dann noch eine. Es hört nicht auf. Bunte Fischerboote dümpeln in der Lagune, die Strände sind menschenleer, ab und an schaut eine Kuh oder eine Ziege vorbei, in der Ferne brechen sich die Wellen am Riff – Wahnsinn.

 

Aber die Küste kann auch wilder sein. Ich wandere Richtung Süden zu weiteren einsamen Traumbuchten. Hier ist die Lagune schmaler, so dass die Wellen mit Wucht auf das vulkanische Gestein donnern und wunderbare Orte erschaffen haben. Ich sitze Stunden da, schaue auf’s Meer und kann die Schönheit der Natur nicht fassen.

  

Am Samstag ist Markt in Port Mathurin, mit etwa 6500 Einwohnern der größte Ort von Rodrigues. Ich setze mich in den Bus und tuckere entspannt der Hauptstadt entgegen. Trotz früher Stunde ist der Bus gut besetzt und angekommen in Port Mathurin wird mir dann auch klar, worum es hier geht. Natürlich gibt es Obst und Gemüse zu kaufen, aber die Hauptsache scheint zu sein, sich zu treffen. An den Marktständen geht gar nicht viel über die Theke, dafür wird überall ein Schwätzchen gehalten. Ich streife durch die Souvenirläden, es gibt einige davon, auch wenn ich meist die einzige Kundin bin. In einem Laden komme ich mit dem betagten Besitzer ins Gespräch, er ist vor 10 Jahren von Mauritius hierher geflüchtet, Herzinfarkt, Krebs, er wollte Ruhe. Seit er hier sei, ginge es ihm hervorragend, sagt er, und fragt mich, ob ich etwas Zeit hätte. Klar, habe ich und er greift zum Telefon. Er habe einen guten Freund hier, Hans-Otto aus Deutschland, der würde sich bestimmt sehr freuen, mal ein Schwätzchen auf deutsch zu halten. Er reicht mir den Hörer und ich plaudere eine Weile mit Hans-Otto, der unverkennbar aus Bremen kommt und gerade seinen 80. Geburtstag auf der Insel gefeiert hat. Auch er schwärmt von der Gelassenheit und Freundlichkeit der Menschen und ja, so kurz ich hier bin, ich kann es sehr gut verstehen.

Meine Wirtin Guilmette meint nach zwei Tagen, jetzt sollte ich doch mal etwas mehr von der Insel sehen und organisiert als erstes einen
Bootsausflug zur nahegelegenen Ile aux Cocos. Einen schönen Strand und ein paar Seevögel gäbe es da – auch wieder so eine maßlose
Untertreibung. Wir fahren über eine Stunde durch die seichte Lagune und müssen dann noch mal ein ziemliches Stück durch das flache Wasser waten. Schon dabei wird klar – die Insel gehört den Seeschwalben und die sind vollkommen furchtlos. Die Begegnung mit den Vögeln ist für mich so einmalig und wunderbar, dass ich darüber sogar das Baden vergesse. Nur ein, zwei Meter über oder neben mir fliegen sie, schneeweiße Feenseeschwalben mit schwarzen Augen und Schnäbeln. Elegant-graue Noddiseeschwalben zeigen ihre Flugkünste und das alles vor türkisfarbenem Wasser und dem strahlenden Blau des Himmels. Ich bin wie verzaubert, ein wirklich einmaliges Erlebnis.
  

  

Und dann kommen mir meine balinesischen Mopederfahrungen wieder zugute. Guilmette hat einen weißen Scooter für mich organisiert und ihre Tourenvorschläge führen mich zu weiteren traumhaften Orten. Das Fahren ist sehr angenehm – die Straßen sind komplett leer und wenn mal ein Auto vorbeikommt grüßt man sich freundlich. Die Höchstgeschwindigkeit auf Rodrigues ist 50 – und schneller geht es eigentlich auch nicht bei den vielen Kurven und dem bergigen Gelände.
Ich fahre zunächst durchs Inland, hügelig, mal grün, mal eher karg, viele Gemüsegärten und sehr viele Schafe und Ziegen. Dann biege ich ab in Richtung Küstenstraße und es geht erst mal steil bergab. Und plötzlich strahlen mir leuchtende Farben entgegen, ein unglaubliches Türkis, tiefes blau, intensives flaschengrün, immer changierend im Wechsel von Sonne und Wolken und ich kann es nicht fassen. Ich halte an, laufe über eine Wiese, an Kühen vorbei, die der Anblick vollkommen kalt lässt, und stehe staunend vor dieser unfassbaren Schönheit. Kein Photo kann das strahlende Leuchten des Meeres wiedergeben und ich bin tatsächlich so ergriffen, dass ein paar Tränen kullern.
             

Ich fahre den Berg hinunter bis zur Küste und sehe ganz in der Ferne die bunten Segel der Kitesurfer. Richtig, das hatte ich gelesen, Mouruk ist ein Mekka der Kitesurfer-Szene. Die bunten Drachen am strahlend blauen Himmel, auch wieder so ein Gänsehautmoment.


Weiter geht es zum Francois Leguat Schildkrötenreservat. Schon in Mauritius gab es diese tollen Projekte, die sich bemühen, die ursprüngliche Fauna und Flora der Insel wiederherzustellen. Rodrigues war vor Ankunft der Siedler von tausenden Riesenschildkröten besiedelt, die die menschliche Gegenwart nicht lange überlebt haben. Die damalige Art ist ausgestorben und Ziel des Projektes ist, ähnliche Arten wieder anzusiedeln. Und das ist ihnen zumindest im Park phantastisch gelungen. Hunderte von Aldabra-Riesenschildkröten leben in einer Schlucht, die dreimal am Tag besucht werden darf. Und worauf sind die großen Tiere besonders scharf? Streicheleinheiten! Von allen Seiten eilen sie in erstaunlichem Tempo heran und verlangen, am Hals gekrault zu werden. Was für ein Erlebnis! Ich gebe alles, so viele wie mögliche faltige kühle Hälse zu tätscheln. Bei einigen Tieren bleibe ich länger – dieser weise Schildkrötenblick ist wirklich berührend und irgendwann müssen sie auch für ein paar Selfies herhalten. Aug in Aug, Nas an Nas mit einer Riesenschildkröte, wer hätte das gedacht?

Zurück geht es immer an der Küste entlang, die Ausblicke sind atemberaubend, der Fahrtwind superangenehm, was für ein Erlebnis. Guilmette hat heute draußen gedeckt, wir essen Tintenfischcurry unterm Sternenhimmel und die Welt ist in Ordnung.
Hätte ich den Rückflug nicht schon gebucht, ich würde noch ein paar Wochen hier bleiben. Was für ein wunderschöner Ort, was für herzliche Menschen. Hoffentlich bleibt das Gerücht, hier gäbe es nichts zu tun, noch ganz lange bestehen!

 

P.S. Wer Lust bekommen hat auf das wunderbare Rodrigues, dem lege ich Guilmettes Guesthouse „Le Macoua“ in Pointe Coton sehr ans Herz. Ihr erreicht sie unter lemacoua@gmail.com. Ich habe mich selten so wohl und willkommen gefühlt wie dort!

Exil in Mauritius

Mauritius vereint heute alle Annehmlichkeiten, die sich Touristen wünschen: Traumstrände, warmes Klima, üppige Natur und eine gute Infrastruktur. Man kann sich gar nicht vorstellen, dass irgend jemand keine Freude daran hat, in diesem Land zu leben.

Aber das war nicht immer so. Dazu gehört zuerst die Geschichte der Sklaverei oder auch der „indentured workers“, Vertragsarbeiter vor allem aus Indien, an die im einzigen Weltkulturerbe von Mauritius, dem Aapravasi Ghat in Port Louis, erinnert wird. Ein wieder mal hervorragendes Museum stellt die Geschichte der Einwanderer und ihr hartes Leben in den Zuckerplantagen dar und erinnert mich sehr an das Auswanderermuseum BallinStadt in Hamburg oder das Gegenstück Ellis Island in New York.
Das Vertragsarbeitermodell, von den Briten als „Great Experiment“ bezeichnet, löste die Sklaverei ab. Die Arbeiter waren formal freie Menschen, wirtschaftlich jedoch komplett von ihren Arbeitgebern abhängig. Ihre Lebensbedingungen waren hart, aber ein Großteil dieser Menschen entschied sich nach Ablauf der Verträge in Mauritius zu bleiben. 70% der Mauritier sind Nachfahren der Vertragsarbeiter, so hart die Bedingungen damals auch für die Menschen waren, sie kreierten mehr oder minder eine neue Gesellschaft. Insofern hat die Erinnerungsstätte von Aapravasi Ghat etwas Hoffnungsvolles und Positives.

     

Ganz anders eine menschliche Tragödie, die sich hier vor über sechzig Jahren abgespielt hat. Wieder einmal werde ich von unserer Geschichte eingeholt.

1940 nutzten Juden aus Europa die letzten Möglichkeiten, ihrer Verfolgung durch Flucht zu entgehen. Fast alle Länder der Welt waren ihnen mittlerweile verschlossen, auch Palästina war damals keine legale Alternative mehr, da die britische Mandatsregierung rigide Einwanderungsquoten für jüdische Flüchtlinge festgelegt hatte. Trotzdem machten sich aus Mitteleuropa immer wieder Schiffe auf den Weg, das Heilige Land zu erreichen. Auf überladenen, hochseeuntauglichen Schiffen, all ihren Besitzes von den Deutschen beraubt und unter katastrophalen hygienischen Verhältnissen dauerte die Reise häufig Wochen und Monate. Im Hafen von Haifa angekommen war die Unsicherheit nicht zu Ende – die Briten ließen sie nicht ins Land. Einige Schiffe wurden zurückgeschickt, die Menschen fuhren in ihren sicheren Tod.
Nach der Explosion eines dieser Schiffe vor der damals palästinensischen Küste wurden die Passagiere der dort ankernden Schiffe zwar an Land gelassen – aber sofort in Internierungslager gebracht. Und wie löste die damalige Kolonialmacht das Dilemma? Sie schickte die Flüchtlinge weiter in ihre Kolonien. Am 26.12.1940 erreichten 1581 Juden vorwiegend aus Österreich und Deutschland Mauritius – abgeschoben aus Palästina, das sie nach unglaublichen Entbehrungen endlich erreicht hatten. Sie kamen umgehend in ein Internierungslager in Beau Bassin, Männer und Frauen strikt getrennt und auch hier wieder unter unglaublichen hygienischen Bedingungen. Typhus, Malaria, Polio, im ersten Jahr auf Mauritius starben über 50 Menschen. Die Überlebenden wurden bis Kriegsende hier interniert, ohne Anklage, ohne Aussicht auf ein Ende der Gefangenschaft. Im Laufe der Jahre entwickelte sich ein kultureller Mikrokosmos im Lager, es gab eine Lagerzeitung, die Häftlinge richteten eine Schule ein und verschiedene kleine Handwerksbetriebe. Fernab Europas hatten sie meist keine Nachrichten von ihren Familien, konnten nur ahnen, was sich in Deutschland abspielte und sahen sich noch dem Vorwurf ausgesetzt, ihnen ginge es im Vergleich zu Häftlingen in Konzentrationslager doch gut.
Nach Kriegsende durfte ein Teil der Menschen doch noch nach Palästina ausreisen und gäbe es nicht einen jüdischen Friedhof in Mauritius und das Engagement einiger Organisationen und Autoren, wäre ihr Schicksal wohl vergessen. In St. Martin, einem kleinen Ort an der Westküste von Mauritius, liegt der gut gepflegte jüdische Friedhof und ein Gang durch die Gräberreihen lässt mich erschauern: in der Exotik der Insel treffe ich auf Grabsteine wie den von Edith „Ditta“ Eisler aus Wien, der die Aufschrift „Du bist immer bei uns, Ditterle“ trägt. Ich bleibe an diesem Text hängen und merkwürdigerweise berichtet die freundliche Dame im nebenan gelegenen Museum später über genau diese junge Frau. Ditta starb im Lager auf Mauritius mit zwanzig Jahren an Polio, sie war Musiklehrerin, einer ihrer Schüler aus Wien besuchte den Friedhof Jahrzehnte später und berichtete über sie.
Seit drei Jahren gibt es das kleine Museum neben dem Friedhof und dort wird versucht, an die Menschen zu erinnern und ihre Lebenswege nachzustellen. Mich spricht der Vorsitzende des mauritisch-israelischen Freundschaftsvereins an, auf seinem T-Shirt prangt Bethlehem, und er berichtet ein wenig von den Feierlichkeiten, die hier jedes Jahr abgehalten werden. Am Shoah-Gedenktag heult wie in Israel die Sirene, um für eine Minute innezuhalten und sich der Opfer zu erinnern. Der Mann ist kein Jude, ihm ist es einfach nur wichtig, den Ort als würdige Gedenkstätte zu erhalten.

Wer sich für die Geschichte der in Mauritius internierten Juden interessiert, dem kann ich das Buch „Exil in Mauritius 1940 – 1945“ von Ronald Friedmann empfehlen, das in seinem ersten Teil vor allem auch die Flucht per Schiff aus Europa beschreibt, es ist herzzerreißend, was diesen Menschen widerfahren ist.

Jetzt wisst ihr ja wahrscheinlich, dass ich eine ganz besondere Beziehung zu Israel habe, aber nicht nur deswegen möchte ich diesen Beitrag auch dafür nutzen, auf eine besondere Art von Antisemitismus hinzuweisen, eigentlich davor zu warnen, weil er sein Gift sogar in meinem Freundeskreis versprüht. Über die antijüdische Gesinnung der rechten Dumpfbacken wundert man sich ja wenig. Was ich aber seit Jahren beobachte, sind die Entwicklungen in Kreisen der sogenannten Verschwörungstheoretiker, häufig intellektuelle Menschen, die offensichtlich gar nicht merken, vor welchen Karren sie sich da spannen lassen. Die „Protokolle der Weisen von Zion“ ist ein nicht tot zu kriegendes Verschwörungskonstrukt, wonach die Juden danach streben, die Welt und die Weltfinanzen zu kontrollieren. Dieser Tradition folgend gehört zum Repertoire eines Verschwörungstheoretikers, die Rothschilds, seit neuem auch Leute wie George Soros für alles Übel in der Welt verantwortlich zu machen. Kondensstreifen am Himmel? Laut Verschwörungstheoretikern sind das Zeichen dafür, dass wir alle versprayt werden, um uns gefügig zu machen. Und wer sind die Verantwortlichen dafür? Natürlich Juden.
Eine kleine Gruppe harmloser Spinner? Sollte man meinen, so ist es aber leider nicht. Die Bücher von Jan van Helsing, der dies propagiert, waren vor 20 Jahren Bestseller in der esoterischen Szene, die AfD gewährt Verschwörungstheoretikern Unterschlupf, der Kopp-Verlag in Rottenburg verdient sich mit rechtsesoterischer „Literatur“ eine goldene Nase. Und selbst in unserem Freundeskreis gibt es Anhänger dieses abstrusen Antisemitismus. Deswegen berührt es mich vielleicht auch besonders, Menschen, die ich kenne und die ich für intelligent und tolerant halte, sind Anhänger solcher „Theorien“ und fallen damit auf die gleichen Strategien rein, die vor über sechzig Jahren schon mal zur Katastrophe geführt haben. Wahrscheinlich würden sie sich nicht mal als antisemitisch bezeichnen und merken trotzdem nicht, dass ihnen das altbekannte Schema „Schuld sind die Juden“ ins Hirn gepflanzt wird. Die Leute, die so große Angst vor Manipulation durch vermeintliche Geheimverbünde haben, sind sich in keiner Weise bewusst, dass sie längst auf den Kurs rechter Gruppierungen eingeschwenkt und bereits in hohem Maße manipuliert sind. Und die Rechten reiben sich die Hände.
So Ihr Lieben, sorry, dass es jetzt mal etwas politischer wurde, aber das war mir wichtig. Auch weil wir dieses Jahr wählen. Und ich hoffe, dass auch bei uns die Vernunft siegt.

Es grünt so grün

 

Fast pünktlich zum St. Patrick’s Day soll es jetzt mal um die wunderbare Natur auf Mauritius gehen – auch wenn die eigentlich alles andere als natürlich ist. Die sattgrün wogenden Zuckerrohrfelder, die Palmen – alles gehört hier eigentlich nicht her. Es waren die Holländer, die diese Pflanzen auf die Insel brachten und das Gesicht des Landes damit für immer veränderten.

Möchte man einen Eindruck von der Vegetation vor Ankunft der Holländer bekommen, bekommt man den auf der Île aux Aigrettes vor der Westküste. Die Mauritian Wildlife Foundation hat diese Insel vor einigen Jahren erworben und konsequent alles entfernt, was nicht schon vor 400 Jahren dort war. Die ursprüngliche Vegetation vor allem aus Ebenholzbäumen hat dann dazu geführt, dass sich eine Reihe bedrohter Vogelarten dort wieder angesiedelt hat. Auch etwa vierzig Riesenschildkröten bevölkern die kleine Insel und ein Aufzuchtprogramm trägt dazu bei, ihren Bestand zu sichern. Das Projekt finanziert sich unter anderem durch geführte Touren und die sind nicht zuletzt wegen der Schildkröten sehr empfehlenswert. In durchaus beachtlichem Tempo kreuzen sie immer wieder unseren Weg und lassen sich gerne kraulen. Ein tolles Erlebnis.

Unwiederbringlich verloren ist der Dodo, eines der Wappentiere von Mauritius. Dieser
flugunfähige Vogel lebte bis zur Ankunft der Europäer im Paradies: keine natürlichen Feinde, dementsprechend auch keine Notwendigkeit zu fliegen oder die Eier besonders zu schützen. Die Holländer brachten Hirsche auf die Insel und vertrieben sich die Zeit mit Jagen – und schon war’s um den armen Dodo geschehen. Trotzdem wird sein Andenken als eigentlicher Ureinwohner von Mauritius hochgehalten – von Holz- und Plastiknachbildungen in Souvenirshops bis hin zu netten Anekdoten. Die hier fand ich im Zuckermuseum von Pamplemousses:

Der Botschafter der Sowjetunion  während der Debatte der Vereinten Nationen über die Unabhängigkeit von Mauritius 1966:
„Es ist skandalös zu sehen, dass Länder wie Mauritius immer noch Kolonien sind und ihre Ureinwohner von Kolonialmächten wie dem Vereinigten Königreich ausgenutzt werden.“
Antwort des britischen Botschafters:
„Was Mauritius angeht muss ich zugeben, dass die Situation sogar noch schlimmer ist als sie mein verehrter Kollege beschrieben hat. Die Ureinwohner wurden nicht nur ausgenutzt, sondern sie wurden von den Kolonialherren getötet und aufgegessen, da die einzigen Ureinwohner von Mauritius die Dodos waren.“

Das eigentlich fremde Zuckerrohr prägt neben den wunderbaren Stränden und dem türkisfarbenen Wasser das Bild der Insel. Alles was nicht bebaut ist, scheint hier Zuckerrohr zu sein. Aus dem Busfenster kann man es fast greifen und ein Besuch im Zuckermuseum „L’Aventure du Sucre“ ist da natürlich Pflicht, zumal sich doch mal der ein oder andere regnerische Tag einschleicht. Wie alle Museen, die ich bisher hier besichtigt habe, ist auch dieses wieder unglaublich gut gemacht und beantwortet in einer ehemaligen Zuckerfabrik wahrscheinlich jede Frage, die je über Zucker gestellt wurde. So viele Informationen kann ich nicht aufnehmen, aber durch die Halle zwischen den alten Maschinen herumzuschlendern, an denen ein karamellier Duft hängt, macht sehr viel Spaß. Die anschließende Zuckerverkostung ist toll, so viele verschiedene Sorten und von meinem Favoriten „Light Muscovado“ nasche ich gleich dreimal.

Der Ort Pamplemousses hält aber noch eine Attraktion bereit: der älteste Botanische Garten in der südlichen Hemisphäre. 1770 angelegt ist er vor allem durch die riesigen Seerosen bekannt und bei einem langen Spaziergang durch schattige Alleen vorbei an Teichen voller wunderschöner Wasserlilien kann man sehr gut einen gemütlichen Nachmittag verbringen. Um dann danach im Café Wiener Walzer gegenüber auf ein Stückchen Käsekuchen einzukehren. Hinter der anglikanischen Kirche. Wenn’s nicht so heiß wäre, könnte ich fast glauben, zurück in Good Old Europe zu sein.

  

Die ganze Pracht der mauritischen Vegetation lässt sich auch auf den Märkten erahnen. Jede Stadt scheint eine Markthalle zu haben und die in der Hauptstadt Port Louis ist ganz besonders stimmungsvoll. Exotische Obstsorten kennt man ja mittlerweile, aber beim Gemüse stehe ich oft staunend vor den Auslagen. Habe ich das hier schon gegessen, diese stachelig gebogenen Gurken oder grünschillernden Tomaten? Chilis gibt es in allen Größen und Farben und die grüne Chilisauce hier ist wirklich ein Erlebnis, scharf, aber doch mit einem ganz fruchtigen Eigengeschmack.

    

Zu jedem Markt gehören auch Essensstände, frischer geht’s dann wohl kaum. Besonders lecker ist der indische Fastfood, Rotis, in die alle möglichen Soßen und Salate eingerollt werden. Etwas Chili drauf für die typisch mauritische Note und hmmmm. Auf dem Fleisch- und Fischmarkt nebenan geht’s zwar blutig zu, aber frisch ist auch hier alles und kein Vergleich mit den schwülen, fliegenumschwirrten Fleischmärkten Asiens.

    

Und zum Schluss ein kleines Rätsel. Selbst wenn ich eine Gemüsesorte auf dem Markt mal erkannt habe, die Pflanze, an oder auf der sie wächst, ist dann doch eine Überraschung. „Look! You know what this is?“ fragt mich der Taxifahrer, als wir an einem Feld mit Büschen vorbeifahren. Er hält an und biegt die Zweige auseinander. Hättet Ihr’s gewusst?
   

 

Glückliche Hirsche

Wir müssen dann auch mal über Strände reden und über das Meer. Denn Mauritius ist ja schließlich eine Insel und nur wegen der schönen Zuckerrohrfelder würden nicht so viele Touristen herkommen. Ein paar erste Eindrücke hatte ich ja schon in Mahébourg, die Blue Bay und Point D’Esney sind sehr schön, aber jetzt bin ich ein Stück weiter Richtung Norden gefahren. In Trou D’Eau Douce würden sich wahrscheinlich nur Fischer tummeln, wäre da nicht eine Insel, auf der die Holländer vor vielen Jahrhunderten Hirsche ausgesetzt haben und die deswegen heute Île aux cerfs, Insel der Hirsche, heißt. Von denen ist keiner mehr übrig, aber was müssen sie für ein Leben gehabt haben damals. Denn das Eiland, zu dem man vom Festland in etwa einer Viertelstunde mit dem Motorboot hinbrausen kann, befriedigt so ziemlich jede Phantasie vom Strandparadies. Die Farben des Meeres, dieses Türkis, dieses Blau, die sanft darauf schaukelnden schneeweißen Katamarane, menschenleere Strände – das kann man eigentlich gar nicht beschreiben, deswegen lasse ich hier mal die Bilder sprechen.

      
      

Die Insel inszeniert sich gut – kommt man an der kleinen Anlegestelle an, sieht es erst mal aus  wie in einer x-beliebigen Touristenhochburg. Liegestühle, ein Restaurant, kleine Läden und Stände für „Action“: Bananaboat und dieses ganze Zeugs, dessen Reiz ich noch nie verstanden habe. Doch einfach nur ein Stück weiter an der Küste entlang ist man fast allein. Und kann auch nach Stunden des Starrens aufs Meer immer noch nicht fassen, wie die Natur solche Farbe zustande bringt. Vor lauter Starren bringe ich dann allerdings ein kräftiges Knallrot auf Schultern und Rücken zustande, dieses Opfer muss man bringen…

Mauritius hat mit der Gestaltung der Insel so ziemlich alles richtig gemacht, finde ich. Das einzige Hotel auf der Insel ist weit weg, an ihrem äußersten Zipfel, und weitere werden nicht folgen wegen eines Bauverbots. Es sind lediglich kleine Boote, die an der Insel anlegen, die Action konzentriert sich auf einen Punkt, es gibt drei Restaurants, die sich wunderbar in die Natur einfügen, Strand und Wege werden ständig gereinigt. Und in der Inselmitte befindet sich ein riesiger Golfplatz, der von Bernhard Langer angelegt wurde. Ökologisch gesehen war die Rodung der Waldfläche wahrscheinlich kein
Hit, aber ich habe das Gefühl, die exklusive Golfanlage trägt dazu bei, dass weitere Sünden unterbleiben. Wer so viel für’s Golfen zahlt, der will eine saubere, unverbaute Umgebung und von der profitieren dann wieder alle. Trotzdem komisch, man liegt am wunderbaren Naturstrand, geht kurz durch’s Nadelwäldchen und steht plötzlich auf englischem Rasen und sieht die Golfwägelchen fahren. Trotzdem verkraftet die Insel jeden Tag durchschnittlich fast 1000 Besucher, denen man unproblematisch entkommen kann.

Nach zwei Tagen stetig errötenden Starrens muss ich mir heute eine Pause gönnen. Jetzt ist auch Wochenende und da kommen zu den vielen ausländischen Touristen noch die einheimischen, da schwinge ich mich lieber in den Bus und mache einen Ausflug in den botanischen Garten. Aber vielleicht hänge ich noch ein paar Tage hier dran. Von der Île aux Cerfs kann man eigentlich nie genug kriegen.

 

Hands off Diego Garcia

Die Cyclongefahr für Mauritius scheint gebannt – Enawo ist weiter Richtung Westen abgedriftet und hier regnet es lediglich ein bisschen mehr als sonst. Für Madagaskar ist die Gefahr allerdings noch lange nicht vorbei und ich hoffe das Beste.

Bei der Beobachtung des Cyclon auf den Wetterseiten im Internet wurde mir erst klar, wie groß die Republik Mauritius eigentlich ist. Nicht nur die Hauptinsel und das 600 km östlich gelegene Rodrigues (mit einem Abstecher dorthin liebäugle ich noch) gehören dazu, sondern zum Beispiel auch die 1000 km nördlich gelegenen Agalega-Inseln. Und fragt man einen Mauritier, wird er immer auch die Chagos-Inseln und besonders Diego Garcia nennen. Die Amerikaner würden die Insel nicht zurückgeben, sagte mir meine Vermieterin in der letzten Unterkunft. Dann sah ich in Mahébourg ein Wandgemälde, „Hands off Diego Garcia“ und „Retour Nou Diego Garcia“ steht darauf und ich fing an, im Internet zu lesen.

Die Amis haben in dieser Sache zwar eine Menge Dreck am Stecken, aber es sind vor allem die Briten, die sich hier mit einer unfassbaren Aneinanderreihung übelster Taschenspielertricks seit Jahrzehnten über alles hinwegsetzen, was man von einem Rechtsstaat eigentlich so erwartet.

Ausgangspunkt des Ganzen war, dass die Amis einen militärischen Stützpunkt im Indischen Ozean wollten und die Briten baten, ihnen einen zu verschaffen. Anfang der 60er Jahre verhandelte man bereits darüber, Mauritius in die Unabhängigkeit zu entlassen, da gründeten die Briten flugs noch BIOT, das British Indian Ocean Territory und gliederten die Chagos-Inseln, die zuvor zu Mauritius gehörten, ein. Und behaupteten dann noch, die Inseln seien unbewohnt, dabei lebten auf Diego Garcia seit Generationen etwa 1200 Menschen. Und dann ging’s los mit den Unglaublichkeiten: man stellte die Lebensmittellieferungen auf die Insel ein, verwehrte verreisten Insulanern die Rückkehr und wer dann immer noch da war, dem zeigte man, was passieren würde. Die Briten vergasten vor den Augen der Insulaner alle Haushunde auf der Insel und 1971 wurden die letzten Menschen, die trotzdem geblieben waren, deportiert. Ohne echte Unterstützung fristen sie bis heute in Slums auf Mauritius oder den Seychellen, seit einigen Jahren auch in England (denn wenigstens entschied ein Gericht, dass sie britische Staatsangehörige seien) ein tristes Leben. Viele starben und sterben immer noch an „Sagren“, einem kreolischen Begriff, der so viel wie tiefe Trauer bedeutet.

Die Briten verpachteten die Insel dann an die Amerikaner, die dort eine riesige Militärbasis mit über 3000 Soldaten entstehen ließen, von der aus Angriffe im Golfkrieg und auf Afghanistan geflogen wurden. Und auf der sie ein 2003 enttarntes Geheimgefängnis a la Guantanamo betrieben. Der Pachtvertrag lief Ende letzten Jahres aus, die Insulaner hofften erneut, aber es gibt eine Verlängerungsoption für weitere 20 Jahre.

Wandgemälde in Mahébourg

Die Chagossianer kämpfen mit allen rechtsstaatlichen Mittel, um in ihre Heimat zurückkehren zu können. Im Zuge von Gerichtsprozessen tauchten Unterlagen der britischen Regierung mit heftigsten rassistischen Formulierungen – die Einwohner wurden als Tarzans und in Anspielung auf Robinson Crusoe „Freitags“ bezeichnet, so sieht das Empire also seine Bürger. Britische Gerichte haben festgestellt, dass die Vertreibung illegal war, den Chagossianern ein Recht auf Rückkehr zugesprochen, aber kaum war das geschehen, griff die britische Politik in die Trickkiste: Gutachten, wonach die Ansiedlung entweder unmöglich oder zu teuer sei, ein spezielles Dekret der Queen, das die Gerichtsentscheidung aussetzte und zuletzt die Krönung der Bauernschläue: die Insel wurde 2010 zum Marineschutzgebiet erklärt, kein Fischfang, keine Siedler. Das deckte dann glücklicherweise Wikileaks auf, es gibt eindeutigen Schriftverkehr, dass dieser Schritt nur zum Ziel hatte, die Inselbewohner an der Rückkehr zu hindern. 2015 erklärte ein Gericht die Einrichtung des Marineschutzgebietes für illegal, aber was kümmert’s die Briten. Im November letzten Jahres erklärten sie erneut, dass sie eine Rückkehr der Chagossianer nicht zulassen würden.

Mauritius startet jetzt einen neuen Anlauf, die Angelegenheit vor ein internationales Gericht zu bringen. Das scheint den Briten so gefährlich, dass Boris Johnson kürzlich Indien bat, auf Mauritius einzuwirken. Man betrachte das Vorhaben, den Internationalen Gerichtshof anzurufen, als eine „unangemessene Inanspruchnahme des Gerichts“ und dies würde „einen unwillkommenen Präzedenzfall für andere bilaterale Diskussionen“ darstellen.

David gegen Goliath, die Wucht zweier Weltmächte gegen 1200 Menschen und jetzt auch Mauritius. Ich finde so etwas immer zum Verzweifeln, der Rechtsstaat ist hier keinen Pfifferling wert, Briten und Amerikaner führen sich schlimmer auf als die damaligen Kolonialmächte. Die Insulaner, die sich an alle internationalen Spielregeln halten, deren Kampfmittel gewaltlose Demonstrationen und Gerichtsprozesse sind, Mauritius, das nicht mal über ein Militär verfügt, und dagegen dann die Briten und Amerikaner, die einfach alles ignorieren, was ihnen nicht in den Kram passt. Ist ja nicht ganz überraschend, hier aber so unerträglich offensichtlich. Ich drücke Mauritius die Daumen, bringt es vor ein internationales Gericht und macht es so öffentlich wie möglich. Den Briten und Amerikanern wird zwar immer etwas einfallen, um hier nicht nachgeben zu müssen, aber man sollte es ihnen wenigstens nicht allzu leicht machen.

P.S.: Wen das Ganze interessiert, dem empfehle ich sehr die preisgekrönte Dokumentation „Stealing a Nation“ auf Youtube: https://www.youtube.com/watch?v=0zhGvId4fcc

Update: Falls Ihr das Anliegen der Chagossianer unterstützen möchtet: Ich habe bei der UK Chagos Support Association nachgefragt und die haben mich auf diese Petition verwiesen: https://www.change.org/p/boris-johnson-mp-allow-and-support-the-chagossian-people-to-return-to-their-homeland

 

 

Waiting for the hurricane

Über dem Meer braut sich was zusammen. Enawo kommt, seit vorgestern hat der Sturm einen Namen und ist ein Zyklon, der direkt auf Madagaskar zuhält und am Dienstag dort auf Land treffen soll. Mauritius ist ein Stückchen weg, aber auch hier bläst es schon ordentlich. Also verschiebe ich meine Fahrt nach Norden, bis das Wetter besser wird. Hier habe ich ein festes Haus, eine Stadt um mich rum und ein paar hundert Meter bis zum Meer, da stellen weder Sturm noch Wasser eine allzu große Bedrohung dar. Und mit meinem Herbergsvater habe ich sowieso das große Los gezogen, er hat mir bereits eine Planung für die nächsten Wochen, wenn nicht gar Monate erstellt und mich heute mit dem Bus Richtung Süden geschickt. Drei Ziele sollte ich ansteuern, es wurde nur eins, weil ich mich an der rauen Pracht der Küste kaum sattsehen konnte.
Für die knapp 35 Kilometer braucht der Bus anderthalb Stunden, aber die Fahrt ist ein Erlebnis. Mit offenen Fenstern und guter Musik kurven wir durch Zuckerrohrfelder und kleine Dörfer, in der Ferne immer das Meer in Sicht. In Souillac winkt der Schaffner – hier geht es nach Gris Gris. Ich stehe an einer Hauptstraße vor einem großen Supermarkt – und hier soll was sein? Also mal los Richtung Meer. Die Straße führt durch ein Wohngebiet und ich werde von einem Eiswagen überholt, der ganz vorne links abbiegt – da muss dann ja wohl was sein. Und tatsächlich, ein kleiner Parkplatz und dahinter die Steilküste. Wow, das hätte ich jetzt nicht erwartet! Ganz kurz fühle ich mich an die Cliffs of Moher in Irland erinnert, die dunklen Felsen, das dramatisch tosende Meer in unglaublichen Farben. Spätestens der menschenleere Strand lässt aber keinen Zweifel aufkommen: das ist Mauritius. Und trotz des Windes ist es natürlich weiter warm, nix Irland! Trotz einiger Touristen, dem Eiswagen von vorhin und einem Imbissstand wirkt der Ort einsam. Ein paar kleinere Reisegruppen kommen und gehen, ich erstehe ein Sandwich mit geräuchertem Marlin – köstlich wie alles auf der Insel – und genieße den Luxus, hier einfach so lange zu sitzen, bis ich die Lust verspüre, weiterzulaufen. Irgendwann klettere ich zum Strand hinunter, außer einer Frau, die es sich unter einem großen Regenschirm gemütlich gemacht hat, ist hier niemand. Schwimmen ist verboten, die Strömung ist gefährlich, und so plansche ich nur ein wenig mit den Füßen im Indischen Ozean. In der Ferne sehe ich einen großen Felsen, auf dem Menschen laufen – da scheint noch etwas Schönes zu sein. Als ich wieder oben auf der Klippe ankomme, fängt der Regen an und anders als die Regenfälle an den Tagen zuvor, ist er nicht nach fünf Minuten wieder vorbei. Ich stelle mich mal hier, mal dort unter und finde irgendwann einen Unterstand mit Bänken. Kaum sitze ich dort, gesellt sich eine Frau zu mir, sehr gut gelaunt, sehr kommunikativ, Katharina aus Prag. Wir plaudern bis der Regen nachlässt und laufen dann gemeinsam zum „La Roche qui pleure“, der weinende Fels. Die Wellen spritzen hier durch Löcher im Felsen, Wasser von oben, Wellen von unten, wirklich beeindruckend, aber wir befürchten beide, dass es glitschig sein könnte und abgesperrt ist hier überhaupt nichts. Also beobachten wir die Wucht der Brandung aus respektvoller Distanz und sind absolut beeindruckt. Später lese ich, dass dies der südlichste Punkt auf Mauritius ist. Dahinter kommt dann irgendwann nur noch der Südpol…

   

Dann habe ich genug Sonne, Wind und Regen abgekriegt und mache mich auf den Rückweg. Katharina wohnt im Norden und hat mich mit guten Tipps versorgt, ich laufe zurück zum Supermarkt und warte auf meinen Bus. Zwei sehr indisch anmutende Frauen kommen dazu und sprechen mich sofort an, betagte Mutter und Tochter, wie sich herausstellt. Wir unterhalten uns etwas radebrechend auf Englisch, mein Französisch reicht einfach nicht aus. Ein Bus kommt, nein, den soll ich nicht nehmen, der fährt woanders hin, sagt mir die Tochter und verfrachtet ihre Mutter hinein. Ich frage sie, ob sie denn einen anderen Bus nehmen würde und sie sagt nein, sie würde hier wohnen. Aber sie würde jetzt mit mir warten, bis mein Bus kommt, damit ich auch wirklich den richtigen kriege. Dabei tätschelt sie mir die ganze Zeit den Arm und kichert „you’re so nice, so beautiful“. Als ich dann endlich in meinem Bus sitze, winkt sie mir lachend zu und geht nach Hause. Schon sehr nette Menschen, diese Mauritier. Ich kurve anderthalb Stunden zurück nach Mahébourg, genieße ein köstliches Abendessen bei „Patrick“, dem wunderbaren Fischrestaurant um die Ecke, in dem sie mich auch langsam kennen und denke mir, dass dieser verlängerte Aufenthalt hier gar nicht so schlecht ist. Jetzt drücke ich die Daumen, dass Enawo Madagaskar verschont und Mauritius nicht mehr als eine steife Brise beschert.

 

Angekommen im Paradies

Das hätte ich nie gedacht, dass ich auf dieser Reise irgendwann auf Mauritius lande. Ich hatte keinerlei Vorstellung von dieser Insel, außer dass ich sie mit dem ultimativen Luxusurlaub verbunden habe. Als ich sah, das AirAsia billige Flüge anbietet, machte ich mich ein bisschen schlau und siehe da – das Paradies scheint erschwinglich zu sein. Und so stand ich vor drei Tagen am Einreiseschalter, sah dieses unfassbar schöne Meer durch die großen Scheiben, kam ein bisschen ins Plaudern mit den sehr netten Grenzbeamten, die mir dann gleich eine Aufenthaltsbewilligung für drei Monate in den Pass stempelten, und konnte es alles nicht fassen. Diese ganz leichte Fassungslosigkeit hält immer noch an, an dem Meer kann man sich nicht sattsehen und überall sind kleine Wunder zu entdecken. Ich nahm den Bus vom Flughafen in Richtung meiner Unterkunft, einmal umsteigen und alles klappte hervorragend. Am wahrscheinlich schönstgelegenem Busbahnhof der Welt musste die Weiterfahrt aber erst mal warten – 10 Meter sind es bis zum türkisfarbenen Ozean, auf dem kleine Fischerboote schunkeln und in der Ferne der beeindruckende „Lions Head“ über die Bucht wacht, in der die Holländer vor fast 500 Jahren erstmals ankerten. Irgendwann kam ich dann in Riviére des Creoles an, müde und vollkommen verschwitzt, aber noch nicht fertig genug, um nicht mit meiner Wirtin eine Fahrt über Land zu machen. Eigentlich wollte ich ja nur ein wenig Milch für den Kaffee am nächsten Morgen, sie machte daraus gleich eine kleine Inselrundfahrt. Durch Zuckerplantagen ging es zuerst zum Milchbauern, die Reinkarnation von Bob Marley, der mit seiner Familie inmitten von einigen Kühen, Kälbern und jungen Hunden ein sehr entspanntes Dasein führt. Die Milch des Tages war leider schon aus, also weiter zum Supermarkt. Meine Wirtin kannte jeden, wir hielten mal da, um einen Freund für ein paar hundert Meter mitzunehmen, mal dort, um ein Schwätzchen zu halten, so gut gelaunte Menschen und ich fühlte mich wie adoptiert. Ich wäre liebend gerne noch länger dort geblieben, wenn der Verkehr auf der Durchgangsstraße direkt vor meinem Fenster nicht ab fünf Uhr morgens losgedonnert wäre. Also zog ich um nach Mahébourg, gesprochen Maibur, und wohne jetzt bei nicht minder herzlichen und fröhlichen Menschen. Touristische Attraktionen bietet der Ort kaum, erst ein paar Kilometer entfernt fangen die Traumstrände an, aber hier bekommt man einen phantastischen Einblick ins mauritianische Leben. Menschen und Kultur sind ein wunderbarer Mix aus Indien, Frankreich und Afrika und seit ich heute im sehr sehenswerten Nationalmuseum war, kann ich das auch etwas besser einordnen. Mauritius war unbewohnt, als die Holländer 1598 hier landeten. Sie brachten Sklaven von der ostafrikanischen Küste und aus Indien ins Land, verloren dann aber das Interesse – zu heiß, zu viele Stürme und wahrscheinlich zu wenig Käse 🙂 Sie gaben die Insel auf und kurz darauf kamen die Franzosen, mehr Sklaven, später die Piraten und dann die Engländer. Die Holländer haben kaum Spuren hinterlassen, die Engländer sind für den Linksverkehr verantwortlich, aber die Franzosen haben der Kultur merklich ihren Stempel aufgedrückt. Die Hauptsprache Creole basiert auf dem französischen, viele sprechen auch reines französisch, fast alle aber auch englisch. Boulangerie und Patisserie sieht man an jeder Ecke, zum Frühstück gibt’s Baguette. Die Menschen wirken eher indisch, aber dann doch auch nicht so ganz, dunkler, breitere Nasen, die Kulturen haben sich vermischt zu einem tollen Mix. Was wirklich unglaublich ist, ist die Freundlichkeit und die extreme Fröhlichkeit. Jeder will einem helfen, auf eine ganz und gar unaufdringliche Art, man kommt schnell ins Gespräch, lacht zusammen und geht dann wieder seiner Wege. Kulinarisch scheint mir die Kombination indischer, afrikanischer und französischer Einflüsse geradezu ideal zu sein, zum Baguette wird eine grüne Chilipaste serviert, die zwar mörderscharf, aber trotzdem unglaublich aromatisch ist, kreolische Soßen aus fruchtigen Tomaten mit Curryblättern, exotischen Gewürzen und Schnittlauch sind der Hammer und zu allem frisch gefangener Fisch. Auf den Märkten finden sich Gemüse und Früchte, die ich noch nie gesehen habe, die Bananen haben hier einen ganz eigenen, sehr fruchtigen Geschmack und Rum ist das Nationalgetränk, gerne aromatisiert mit Früchten. Ich hatte bisher nur die Litschi-Variante, die ist jedenfalls köstlich…

Nach gerade mal drei Tagen auf der Insel fühle ich mich pudelwohl. Eine Gesellschaft, die einen mit offenen Armen empfängt, so dass ich gar nicht glauben kann, erst so kurz hier zu sein. Es gibt so viel zu tun, so viel zu erleben, dass ich anfange zu ahnen, warum sie mir diesen Dreimonatsstempel verpasst haben. Fortsetzung folgt…

Von wilden Tieren und wilden Tänzern

Jetzt wurden es doch noch anderthalb Wochen in Phnom Penh und obwohl es der Ort nicht in die Liste meiner Traumstädte schaffen wird, gab es viele schöne Erlebnisse. Der Hauptdank dafür geht an das wunderbare „The Penh“ Guesthouse, ein extrem stilvoll renoviertes 50er-Jahre Gebäude in einer ruhigen Seitenstraße. Ich hatte meinen eigenen privaten Wintergarten mit Blick hinüber in die Residenz des britischen Botschafters und es hätte kaum einen besseren Ort geben können, um sich ein paar Tage auszukurieren. Und ein weiterer Dank geht an Aram von Betelnut Tours, mit dem ich das phantastische Phnom Tamao Wildlife Rescue Center kennenlernen durfte. Auf einer riesigen Fläche Wildnis, etwa eine Stunde von Phnom Penh entfernt wird verletzten, ausgesetzten oder sonst irgendwie geretteten Tieren eine neue Heimat geboten. Vom blinden Gibbon über den Elefant mit Beinprothese bis zum Affen mit Angststörungen – hier scheint es Lösungen für alle zu geben. Viele Tiere wurden ursprünglich als Haustiere gehalten – und dann fingen die Besitzer an sich zu wundern, dass die Wildkatze ihnen die Wohnung vollpinkelt, der Gibbon nicht nur schmusen wollte oder das süße Tigerbaby erwachsen wurde. Ziel des Zentrums ist die Auswilderung – bei den Haustieren gelingt es meistens nicht, aber sie bleiben so zutraulich, dass es für die Besucher ein echtes Erlebnis ist.

Nimm den Affen von mir runter!

Der kleine Elefant, der mit großem Spaß an mir herumrüsselte (gut, er kriegte auch ein paar Bananen), der Gibbon, der energisch verlangte, am Rücken gekrault zu werden (da ist er bei mir an der richtigen Adresse) – das war schon toll. Im Park befindet sich auch ein Ableger von Free the Bears, die Bären teilweise vor dem Kochtopf bewahren, denn deren Tatzen wird in der chinesischen Medizin wohl eine besondere Wirkung zugeschrieben. So furchtbar die Geschichten sind, die Aram erzählte – es ist ein durch und durch positiver Ort, der auch viele Kambodschaner an ihre Tierwelt heranführt und so Bewusstsein schafft.

   

Phnom Penh selber hatte dann nicht mehr so viel zu bieten. Der Königspalast war leider überlaufen und fast alles abgesperrt. Die Wandgemälde bröckeln und insgesamt erscheint mir die Renovierung nicht sonderlich gelungen – für 10 Dollar Eintritt lohnt es sich aus meiner Sicht nicht. Schön ist ein Spaziergang an der Mekong-Promenade, wobei ich mich bis zuletzt auch hier nicht wirklich sicher gefühlt habe. Vielleicht habe ich auch einfach nur die falschen Reiseführer gelesen, meine Begegnungen mit den Menschen waren immer freundlich, aber eine Restangst blieb. Sehr schön war es, abends über den großen Platz zu schlendern, der sich direkt hinter dem Königspalast und damit auch in direkter Nähe zu meinem Hotel befand. Die Bewegungsfreude der Kambodschaner ist schon sehr besonders, am frühen Morgen und nach Sonnenuntergang geht’s ab: Badminton, Fußball mit kleinen Korbbällen, eine Art Indiaka, das mit den Füßen gespielt wird und natürlich Joggen, das häufig mit ganz persönlicher Gymnastik angereichert wird: hier ein Ausfallschritt, da eine Armdrehung oder auch mal rückwärts. Am allerbesten ist aber das Gemeinschaftsaerobic, das jeden Abend mitten auf dem Platz stattfindet. Eine Musikanlage, ein oder zwei Vortänzer und ein Mädel, dass die Beiträge einsammelt. Und dann geht’s los, zu dröhnender Musik gibt es wirklich komplizierte Bewegungsabfolgen, jedes Lied hat seine eigene Choreographie, kaum etwas wiederholt sich. Die Teilnehmer im Sportdress sind eher schon im mittleren Alter und sehr ernsthaft bei der Sache. Im Laufe des Abends beträgt die Gruppengröße dann auch locker mal 50 Personen, die sich kein bisschen darum scheren, dass sich ebenso viele Zuschauer um sie gruppieren. Gen später gehört der Platz dann den jungen Kambodschanern und man kann den Massentanz nicht mehr Aerobic nennen. Mir kam es eher wie eine Kombination aus Bollywood und Michael Jacksons Thriller vor, ultrakomplexe, teilweise sehr lustige Schrittfolgen, die aber alle zu beherrschen scheinen. Der Spaß ist groß und Alkohol habe ich nirgendwo gesehen.

Am Rande des Platzes werden abends kleine Straßenrestaurants aufgebaut, Motorräder rauschen heran, die in einem Anhänger eine komplette Küche und diverse kleine Plastikstühle und -tische an Bord haben. Meist wird Gegrilltes angeboten, das zwar interessant aussieht, mich kulinarisch aber nicht so überzeugt hat. Die eigentlichen Hochgenüsse warten in den kleinen Nudelrestaurants, in denen man eine Schale mit würziger Suppe und frischen Nudeln bestellt und mit dieser einen großen Teller frischer Kräuter und Blüten bekommt, mit den man die Suppe anreichert. So lecker und so nett zu essen.

Das war also jetzt Phnom Penh. Und damit ist Asien für mich fast vorbei. Heute Morgen bin ich nach Kuala Lumpur geflogen und sitze jetzt in einem Flughafenhotel, denn morgen geht es schon weiter. Nach über vier Monaten heißt es dann good-bye Asia und …. welcome Africa!

Not in love yet

Eine Liebeserklärung an die Stadt wird dies nicht, da möchte ich euch schon mal vorwarnen. Wahrscheinlich bin ich ungerecht, denn seit ich hier bin, kämpfe ich mit einer blöden Erkältung und beobachte flehend das Fieberthermometer. Alles kein Problem, so lange die Temperatur unter 38 bleibt, denn schnell hat man sich ein Dengue-Fieber eingefangen. Der arme Eric kann ein Lied davon singen. Aber, 37,4 ist das Maximum, das ich erreiche und nach einer gut durchschlafenen Nacht ist heute morgen schon alles viel besser.
Trotzdem überwiegen gerade die negativen Aspekte und so nehme ich mir vor, in den nächsten Tagen auch noch etwas zur Ehrenrettung der kambodschanischen Hauptstadt zu schreiben, über das lustige Massen-Aerobic am frühen Abend, den stimmungsvollen „Foreign Correspondent Club“, die gute Küche oder den schönen Königspalast.

Heute aber dominieren die Eindrücke der letzten Tage, die Armut, die unschönen Gerüche, ein Gefühl der Bedrohung und vor allem der überall sichtbare Sextourismus. Selbst in Bangkok habe ich nicht so viele alleinreisende, unattraktive Männer fortgeschritteneren Alters erlebt, die – ich lasse jetzt mal alle political correctness fallen – woanders keine abkriegen würden. Die Barszene ist entsprechend und was auffällt ist, dass auch sehr viele Schwule darunter zu sein scheinen. Jetzt sind Schwule ja nicht die besseren Menschen, aber irgendwie denke ich immer, dass diskriminierte Menschen etwas sensibler gegenüber der Ausbeutung anderer sind, aber das ist wahrscheinlich Blödsinn. Ob Homo oder Hetero – Idioten gibt es überall.
Ob sich die kambodschanischen Begleitungen der westlichen Männer schon im Erwachsenenalter befinden, ist schwer abzuschätzen, das Land hat für den Missbrauch von Kindern eine traurige Berühmtheit erlangt. Insgesamt habe ich bei den Typen, die mir in den Straßen begegnen, den Eindruck, als könnten sie sich Thailand entweder nicht leisten oder – viel schlimmer – kriegen dort nicht geboten, was sie wollen. Vielleicht interpretiere ich jetzt auch alles in diese Richtung, aber mir fallen die kleinen Jungen auf, die nackt durch die Gegend springen – nicht ein oder zwei Jahre alt, sondern vier oder fünf.

Unmengen von Nichtregierungsorganisationen drängeln sich in der Stadt, die Kinder aus dem Elend holen wollen. Eine der ersten war Friends, die Eric und mich schon bei unserem Besuch vor 15 Jahren beeindruckten und die immer noch sehr erfolgreich arbeiten. In verschiedenen kleinen Unternehmen werden Straßenkindern Ausbildungen angeboten, sie haben ein tolles Restaurant, mehrere Werkstätten und ich habe eine angenehme Pediküre in ihrer „Nails Bar“ genossen. Doch leider sieht man trotzdem überall vernachlässigte Kinder, bettelnd, arbeitend, im Dreck schlafend.
Andererseits gibt es die freundlichen Schulkinder, die gerne ein paar Worte Englisch mit mir wechseln wollen, eine selbstbewusste Jugend, die auf ihren Mofas durch die Gegend düst, es gibt eine Mall, wie sie auch in Bangkok stehen könnte und die Stadt scheint zu boomen.

Zwei wichtige Sehenswürdigkeiten spare ich mir. Als Eric und ich zum ersten Mal hier waren, kamen noch kaum Touristen nach Phnom Penh und es war grundsätzlich eine gute Erfahrung. Bis auf den Tag, an dem wir das Völkermordmuseum Tuol Sleng und die Killing Fields besuchten. Nie mehr will ich an diese Orte zurück, ich kann mich heute noch so lebhaft daran erinnern, als wäre es gestern gewesen. Die Killing Fields, idyllisch in den Reisfeldern vor den Toren der Stadt gelegen, ein hübscher Park, in dessen Mitte ein gläserner pagodenähnlicher Turm steht. Erst beim Näherkommen sieht man, dass er mit Schädeln und Knochen gefüllt ist. Wir liefen über sandige Wege zu den Massengräbern und merkten erst später, dass sich im Sand neben Kleidern der Opfer auch menschliche Zähne befanden. Und danach Tuol Sleng, eine frühere Schule, zum Folter- und Hinrichtungsgefängnis umgebaut. Ein durch und durch furchtbarer und grausamer Ort. Und dann verirrten wir uns auf dem Rückweg zum Hotel auch noch, es wurde dunkel und wir gerieten langsam in Panik, weil davor gewarnt wurde, im Dunklen durch Phnom Penh zu laufen, mit Müh und Not fanden wir zwei Fahrradrikschas und waren so erleichtert, als dieser Horrortag zu Ende war. Also, kein Rote-Khmer-Tourismus mehr, es gehört zwar eindeutig dazu, wenn man versuchen möchte, dieses Land ein wenig zu verstehen, aber einmal reicht.

Die Warnungen zu Phnom Penh gibt es allerdings immer noch, Raubüberfälle und Taschendiebstahl sollen gängig sein und so drücke ich meinen Rucksack in den Straßen immer fest an mich, denn gerne werden Taschen auch von vorbeifahrenden Mofafahrern weggerissen. Sagen der Reiseführer und das Internet, ob’s jetzt wirklich so gefährlich ist, weiß ich nicht, aber so richtig wohl fühle ich mich nicht, wenn ich durch die Straßen laufe.

Und dann noch die Bezahlerei. Nicht einfach, denn hier wird in US-Dollar und in kambodschanischen Riel gerechnet. Eigentlich zahlt man alles in Dollar, das Wechselgeld, soweit es unter einem Dollar ist oder wenn der Händler keine passenden Dollar hat, bekommt man in Riel. Mein leckeres Süppchen am Straßenstand kostet 1,50 Dollar, wenn ich einen 5-Dollarschein hingebe, kriege ich 3 Dollar und 2000 Riel zurück. Langsam füllt sich die Geldbörse mit tausenden von Riel, die mir hoffentlich auch mal jemand anderes abnimmt als die freundliche Frau, bei der ich abends immer mein Wasser kaufe.

Die Märkte der Stadt sind eine weitere Herausforderung für die Sinne. Wohlgerüche findet man selten, natürlich gibt es auch leckere Dinge, aber die kommen ja morgen dran. Sehr gängig sind Frösche und irgendwann entdecke ich dann tatsächlich frittierte Taranteln. Ich dachte, dass sei eher so ein Touristengag, aber der Stand, der auch noch eine Menge anderer Insekten bietet, liegt versteckt am Rande eines großen Marktes und die Marktfrau wundert sich, warum ich ihre Töpfe photographiere.
 
Also, alles noch nicht so ganz im Lot hier in Phnom Penh. Aber jetzt bin ich wieder fit und morgen kommt der Palast dran. Wahrscheinlich wird der nächste Bericht dann ein ganz anderer. Oder gar keiner, wenn mein Laptop geraubt wurde und ich pleite in der deutschen Botschaft sitze 🙂