Exil in Mauritius

Mauritius vereint heute alle Annehmlichkeiten, die sich Touristen wünschen: Traumstrände, warmes Klima, üppige Natur und eine gute Infrastruktur. Man kann sich gar nicht vorstellen, dass irgend jemand keine Freude daran hat, in diesem Land zu leben.

Aber das war nicht immer so. Dazu gehört zuerst die Geschichte der Sklaverei oder auch der „indentured workers“, Vertragsarbeiter vor allem aus Indien, an die im einzigen Weltkulturerbe von Mauritius, dem Aapravasi Ghat in Port Louis, erinnert wird. Ein wieder mal hervorragendes Museum stellt die Geschichte der Einwanderer und ihr hartes Leben in den Zuckerplantagen dar und erinnert mich sehr an das Auswanderermuseum BallinStadt in Hamburg oder das Gegenstück Ellis Island in New York.
Das Vertragsarbeitermodell, von den Briten als „Great Experiment“ bezeichnet, löste die Sklaverei ab. Die Arbeiter waren formal freie Menschen, wirtschaftlich jedoch komplett von ihren Arbeitgebern abhängig. Ihre Lebensbedingungen waren hart, aber ein Großteil dieser Menschen entschied sich nach Ablauf der Verträge in Mauritius zu bleiben. 70% der Mauritier sind Nachfahren der Vertragsarbeiter, so hart die Bedingungen damals auch für die Menschen waren, sie kreierten mehr oder minder eine neue Gesellschaft. Insofern hat die Erinnerungsstätte von Aapravasi Ghat etwas Hoffnungsvolles und Positives.

     

Ganz anders eine menschliche Tragödie, die sich hier vor über sechzig Jahren abgespielt hat. Wieder einmal werde ich von unserer Geschichte eingeholt.

1940 nutzten Juden aus Europa die letzten Möglichkeiten, ihrer Verfolgung durch Flucht zu entgehen. Fast alle Länder der Welt waren ihnen mittlerweile verschlossen, auch Palästina war damals keine legale Alternative mehr, da die britische Mandatsregierung rigide Einwanderungsquoten für jüdische Flüchtlinge festgelegt hatte. Trotzdem machten sich aus Mitteleuropa immer wieder Schiffe auf den Weg, das Heilige Land zu erreichen. Auf überladenen, hochseeuntauglichen Schiffen, all ihren Besitzes von den Deutschen beraubt und unter katastrophalen hygienischen Verhältnissen dauerte die Reise häufig Wochen und Monate. Im Hafen von Haifa angekommen war die Unsicherheit nicht zu Ende – die Briten ließen sie nicht ins Land. Einige Schiffe wurden zurückgeschickt, die Menschen fuhren in ihren sicheren Tod.
Nach der Explosion eines dieser Schiffe vor der damals palästinensischen Küste wurden die Passagiere der dort ankernden Schiffe zwar an Land gelassen – aber sofort in Internierungslager gebracht. Und wie löste die damalige Kolonialmacht das Dilemma? Sie schickte die Flüchtlinge weiter in ihre Kolonien. Am 26.12.1940 erreichten 1581 Juden vorwiegend aus Österreich und Deutschland Mauritius – abgeschoben aus Palästina, das sie nach unglaublichen Entbehrungen endlich erreicht hatten. Sie kamen umgehend in ein Internierungslager in Beau Bassin, Männer und Frauen strikt getrennt und auch hier wieder unter unglaublichen hygienischen Bedingungen. Typhus, Malaria, Polio, im ersten Jahr auf Mauritius starben über 50 Menschen. Die Überlebenden wurden bis Kriegsende hier interniert, ohne Anklage, ohne Aussicht auf ein Ende der Gefangenschaft. Im Laufe der Jahre entwickelte sich ein kultureller Mikrokosmos im Lager, es gab eine Lagerzeitung, die Häftlinge richteten eine Schule ein und verschiedene kleine Handwerksbetriebe. Fernab Europas hatten sie meist keine Nachrichten von ihren Familien, konnten nur ahnen, was sich in Deutschland abspielte und sahen sich noch dem Vorwurf ausgesetzt, ihnen ginge es im Vergleich zu Häftlingen in Konzentrationslager doch gut.
Nach Kriegsende durfte ein Teil der Menschen doch noch nach Palästina ausreisen und gäbe es nicht einen jüdischen Friedhof in Mauritius und das Engagement einiger Organisationen und Autoren, wäre ihr Schicksal wohl vergessen. In St. Martin, einem kleinen Ort an der Westküste von Mauritius, liegt der gut gepflegte jüdische Friedhof und ein Gang durch die Gräberreihen lässt mich erschauern: in der Exotik der Insel treffe ich auf Grabsteine wie den von Edith „Ditta“ Eisler aus Wien, der die Aufschrift „Du bist immer bei uns, Ditterle“ trägt. Ich bleibe an diesem Text hängen und merkwürdigerweise berichtet die freundliche Dame im nebenan gelegenen Museum später über genau diese junge Frau. Ditta starb im Lager auf Mauritius mit zwanzig Jahren an Polio, sie war Musiklehrerin, einer ihrer Schüler aus Wien besuchte den Friedhof Jahrzehnte später und berichtete über sie.
Seit drei Jahren gibt es das kleine Museum neben dem Friedhof und dort wird versucht, an die Menschen zu erinnern und ihre Lebenswege nachzustellen. Mich spricht der Vorsitzende des mauritisch-israelischen Freundschaftsvereins an, auf seinem T-Shirt prangt Bethlehem, und er berichtet ein wenig von den Feierlichkeiten, die hier jedes Jahr abgehalten werden. Am Shoah-Gedenktag heult wie in Israel die Sirene, um für eine Minute innezuhalten und sich der Opfer zu erinnern. Der Mann ist kein Jude, ihm ist es einfach nur wichtig, den Ort als würdige Gedenkstätte zu erhalten.

Wer sich für die Geschichte der in Mauritius internierten Juden interessiert, dem kann ich das Buch „Exil in Mauritius 1940 – 1945“ von Ronald Friedmann empfehlen, das in seinem ersten Teil vor allem auch die Flucht per Schiff aus Europa beschreibt, es ist herzzerreißend, was diesen Menschen widerfahren ist.

Jetzt wisst ihr ja wahrscheinlich, dass ich eine ganz besondere Beziehung zu Israel habe, aber nicht nur deswegen möchte ich diesen Beitrag auch dafür nutzen, auf eine besondere Art von Antisemitismus hinzuweisen, eigentlich davor zu warnen, weil er sein Gift sogar in meinem Freundeskreis versprüht. Über die antijüdische Gesinnung der rechten Dumpfbacken wundert man sich ja wenig. Was ich aber seit Jahren beobachte, sind die Entwicklungen in Kreisen der sogenannten Verschwörungstheoretiker, häufig intellektuelle Menschen, die offensichtlich gar nicht merken, vor welchen Karren sie sich da spannen lassen. Die „Protokolle der Weisen von Zion“ ist ein nicht tot zu kriegendes Verschwörungskonstrukt, wonach die Juden danach streben, die Welt und die Weltfinanzen zu kontrollieren. Dieser Tradition folgend gehört zum Repertoire eines Verschwörungstheoretikers, die Rothschilds, seit neuem auch Leute wie George Soros für alles Übel in der Welt verantwortlich zu machen. Kondensstreifen am Himmel? Laut Verschwörungstheoretikern sind das Zeichen dafür, dass wir alle versprayt werden, um uns gefügig zu machen. Und wer sind die Verantwortlichen dafür? Natürlich Juden.
Eine kleine Gruppe harmloser Spinner? Sollte man meinen, so ist es aber leider nicht. Die Bücher von Jan van Helsing, der dies propagiert, waren vor 20 Jahren Bestseller in der esoterischen Szene, die AfD gewährt Verschwörungstheoretikern Unterschlupf, der Kopp-Verlag in Rottenburg verdient sich mit rechtsesoterischer „Literatur“ eine goldene Nase. Und selbst in unserem Freundeskreis gibt es Anhänger dieses abstrusen Antisemitismus. Deswegen berührt es mich vielleicht auch besonders, Menschen, die ich kenne und die ich für intelligent und tolerant halte, sind Anhänger solcher „Theorien“ und fallen damit auf die gleichen Strategien rein, die vor über sechzig Jahren schon mal zur Katastrophe geführt haben. Wahrscheinlich würden sie sich nicht mal als antisemitisch bezeichnen und merken trotzdem nicht, dass ihnen das altbekannte Schema „Schuld sind die Juden“ ins Hirn gepflanzt wird. Die Leute, die so große Angst vor Manipulation durch vermeintliche Geheimverbünde haben, sind sich in keiner Weise bewusst, dass sie längst auf den Kurs rechter Gruppierungen eingeschwenkt und bereits in hohem Maße manipuliert sind. Und die Rechten reiben sich die Hände.
So Ihr Lieben, sorry, dass es jetzt mal etwas politischer wurde, aber das war mir wichtig. Auch weil wir dieses Jahr wählen. Und ich hoffe, dass auch bei uns die Vernunft siegt.

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