Not in love yet

Eine Liebeserklärung an die Stadt wird dies nicht, da möchte ich euch schon mal vorwarnen. Wahrscheinlich bin ich ungerecht, denn seit ich hier bin, kämpfe ich mit einer blöden Erkältung und beobachte flehend das Fieberthermometer. Alles kein Problem, so lange die Temperatur unter 38 bleibt, denn schnell hat man sich ein Dengue-Fieber eingefangen. Der arme Eric kann ein Lied davon singen. Aber, 37,4 ist das Maximum, das ich erreiche und nach einer gut durchschlafenen Nacht ist heute morgen schon alles viel besser.
Trotzdem überwiegen gerade die negativen Aspekte und so nehme ich mir vor, in den nächsten Tagen auch noch etwas zur Ehrenrettung der kambodschanischen Hauptstadt zu schreiben, über das lustige Massen-Aerobic am frühen Abend, den stimmungsvollen „Foreign Correspondent Club“, die gute Küche oder den schönen Königspalast.

Heute aber dominieren die Eindrücke der letzten Tage, die Armut, die unschönen Gerüche, ein Gefühl der Bedrohung und vor allem der überall sichtbare Sextourismus. Selbst in Bangkok habe ich nicht so viele alleinreisende, unattraktive Männer fortgeschritteneren Alters erlebt, die – ich lasse jetzt mal alle political correctness fallen – woanders keine abkriegen würden. Die Barszene ist entsprechend und was auffällt ist, dass auch sehr viele Schwule darunter zu sein scheinen. Jetzt sind Schwule ja nicht die besseren Menschen, aber irgendwie denke ich immer, dass diskriminierte Menschen etwas sensibler gegenüber der Ausbeutung anderer sind, aber das ist wahrscheinlich Blödsinn. Ob Homo oder Hetero – Idioten gibt es überall.
Ob sich die kambodschanischen Begleitungen der westlichen Männer schon im Erwachsenenalter befinden, ist schwer abzuschätzen, das Land hat für den Missbrauch von Kindern eine traurige Berühmtheit erlangt. Insgesamt habe ich bei den Typen, die mir in den Straßen begegnen, den Eindruck, als könnten sie sich Thailand entweder nicht leisten oder – viel schlimmer – kriegen dort nicht geboten, was sie wollen. Vielleicht interpretiere ich jetzt auch alles in diese Richtung, aber mir fallen die kleinen Jungen auf, die nackt durch die Gegend springen – nicht ein oder zwei Jahre alt, sondern vier oder fünf.

Unmengen von Nichtregierungsorganisationen drängeln sich in der Stadt, die Kinder aus dem Elend holen wollen. Eine der ersten war Friends, die Eric und mich schon bei unserem Besuch vor 15 Jahren beeindruckten und die immer noch sehr erfolgreich arbeiten. In verschiedenen kleinen Unternehmen werden Straßenkindern Ausbildungen angeboten, sie haben ein tolles Restaurant, mehrere Werkstätten und ich habe eine angenehme Pediküre in ihrer „Nails Bar“ genossen. Doch leider sieht man trotzdem überall vernachlässigte Kinder, bettelnd, arbeitend, im Dreck schlafend.
Andererseits gibt es die freundlichen Schulkinder, die gerne ein paar Worte Englisch mit mir wechseln wollen, eine selbstbewusste Jugend, die auf ihren Mofas durch die Gegend düst, es gibt eine Mall, wie sie auch in Bangkok stehen könnte und die Stadt scheint zu boomen.

Zwei wichtige Sehenswürdigkeiten spare ich mir. Als Eric und ich zum ersten Mal hier waren, kamen noch kaum Touristen nach Phnom Penh und es war grundsätzlich eine gute Erfahrung. Bis auf den Tag, an dem wir das Völkermordmuseum Tuol Sleng und die Killing Fields besuchten. Nie mehr will ich an diese Orte zurück, ich kann mich heute noch so lebhaft daran erinnern, als wäre es gestern gewesen. Die Killing Fields, idyllisch in den Reisfeldern vor den Toren der Stadt gelegen, ein hübscher Park, in dessen Mitte ein gläserner pagodenähnlicher Turm steht. Erst beim Näherkommen sieht man, dass er mit Schädeln und Knochen gefüllt ist. Wir liefen über sandige Wege zu den Massengräbern und merkten erst später, dass sich im Sand neben Kleidern der Opfer auch menschliche Zähne befanden. Und danach Tuol Sleng, eine frühere Schule, zum Folter- und Hinrichtungsgefängnis umgebaut. Ein durch und durch furchtbarer und grausamer Ort. Und dann verirrten wir uns auf dem Rückweg zum Hotel auch noch, es wurde dunkel und wir gerieten langsam in Panik, weil davor gewarnt wurde, im Dunklen durch Phnom Penh zu laufen, mit Müh und Not fanden wir zwei Fahrradrikschas und waren so erleichtert, als dieser Horrortag zu Ende war. Also, kein Rote-Khmer-Tourismus mehr, es gehört zwar eindeutig dazu, wenn man versuchen möchte, dieses Land ein wenig zu verstehen, aber einmal reicht.

Die Warnungen zu Phnom Penh gibt es allerdings immer noch, Raubüberfälle und Taschendiebstahl sollen gängig sein und so drücke ich meinen Rucksack in den Straßen immer fest an mich, denn gerne werden Taschen auch von vorbeifahrenden Mofafahrern weggerissen. Sagen der Reiseführer und das Internet, ob’s jetzt wirklich so gefährlich ist, weiß ich nicht, aber so richtig wohl fühle ich mich nicht, wenn ich durch die Straßen laufe.

Und dann noch die Bezahlerei. Nicht einfach, denn hier wird in US-Dollar und in kambodschanischen Riel gerechnet. Eigentlich zahlt man alles in Dollar, das Wechselgeld, soweit es unter einem Dollar ist oder wenn der Händler keine passenden Dollar hat, bekommt man in Riel. Mein leckeres Süppchen am Straßenstand kostet 1,50 Dollar, wenn ich einen 5-Dollarschein hingebe, kriege ich 3 Dollar und 2000 Riel zurück. Langsam füllt sich die Geldbörse mit tausenden von Riel, die mir hoffentlich auch mal jemand anderes abnimmt als die freundliche Frau, bei der ich abends immer mein Wasser kaufe.

Die Märkte der Stadt sind eine weitere Herausforderung für die Sinne. Wohlgerüche findet man selten, natürlich gibt es auch leckere Dinge, aber die kommen ja morgen dran. Sehr gängig sind Frösche und irgendwann entdecke ich dann tatsächlich frittierte Taranteln. Ich dachte, dass sei eher so ein Touristengag, aber der Stand, der auch noch eine Menge anderer Insekten bietet, liegt versteckt am Rande eines großen Marktes und die Marktfrau wundert sich, warum ich ihre Töpfe photographiere.
 
Also, alles noch nicht so ganz im Lot hier in Phnom Penh. Aber jetzt bin ich wieder fit und morgen kommt der Palast dran. Wahrscheinlich wird der nächste Bericht dann ein ganz anderer. Oder gar keiner, wenn mein Laptop geraubt wurde und ich pleite in der deutschen Botschaft sitze 🙂

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