Im Wunderland

Taschkent liegt im Osten Usbekistans, die drei Topziele Samarkand, Buchara und Xiva eher Richtung Westen, und die Distanzen sind groß. Um einen Inlandsflug würden wir nicht drumrumkommen und so haben wir uns schon in Deutschland entschieden, von Taschkent ins am weitesten entfernte Xiva zu fliegen, weit oben und fast an der Grenze zu Turkmenistan. Die Abendverbindung gibt uns noch fast einen ganzen Tag in Taschkent und nach einem ziemlich holprigen Flug landen wir um halb neun im dunklen Urgench, der Hauptstadt der Provinz Choresmien. Unsere Pension hat die Abholung organisiert und das funktioniert wunderbar, wie bisher alles in Usbekistan. 35 km fahren wir über holprige Straßen und dann tauchen sie auf, die antiken Stadtmauern von Xiva. Wie eine große Sandburg und als das Auto durch das Nordtor schaukelt, hören auch die befestigten Straßen auf. In unserer Pension ist alles ganz neu und liebevoll traditionell dekoriert. Eigentlich wollten wir noch einen kurzen Abendspaziergang machen, aber wir sind ziemlich erledigt und schlafen bald ein. Die Betten sind hart, die Kissen prallvoll gestopft, da hätten sie uns auch bezogene Holzblöcke geben können, aber das scheint recht normal zu sein hier. Ich bin offensichtlich so müde, dass ich trotzdem gut und lange schlafe, Eric wacht gerädert auf. Wir fragen den netten Wirt, ob er vielleicht ein etwas flacheres Kissen hätte, und am Abend scheinen sie dann nicht mehr ganz so aufgeplustert. Wegen der Flaumreste auf dem Boden vermuten wir, dass sie einfach ein paar Federn herausgenommen haben. Nach einem leckeren Frühstück machen wir uns dann auf, Xiva zu erkunden. Eine schöne Oasenstadt und wichtiges Handelszentrum der Seidenstraße, sehr gut erhalten und sehr sehenswert, sagt der Reiseführer. Eine absolute Untertreibung, stellen wir fest, als wir um die Ecke unseres Wohnviertels biegen. Wo man hinschaut prachtvolle Moscheen und Medresen aus hellem Backstein, dekoriert mit blaugrünen Kacheln und mit türkisfarbenen Kuppeln, alles so gut erhalten und restauriert, würde Aladin auf seinem Teppich vorbei fliegen, es würde uns nicht wundern. 

Die Minarette habe hier nicht die schlanke Form, die wir aus der Türkei oder sogar aus Deutschland kennen. Es sind massive bauchige Türme, gut fünfzig Meter hoch. Der Kalta Minor ist komplett von türkisfarbenen Kacheln bedeckt und endet recht abrupt. 70 Meter hoch sollte er werden, wegen des kriegsbedingten Todes seines Bauherrn Mitte des neunzehnten Jahrhunderts reichte es nur für knapp 30, aber das tut seiner Schönheit keinen Abbruch. Beim eleganteren Islam Hodscha dominieren die hellen Backsteine, türkisfarbene Musterstreifen dekorieren ihn dezent. Die Mehrzahl der religiösen Gebäude sind nicht etwa Moscheen, sondern Medresen, die Universitäten der damaligen Zeit. Durch ein riesiges rechteckiges Portal, den Pischtak, betritt man einen großen Innenhof. Rundum befinden sich meist zweistöckig die Studentenzellen, die Eingänge schön dekoriert. Souvenirhändler haben sich in den kleinen Lernräumen niedergelassen, manche Medresen wurden auch zu stilvollen Hotels umgestaltet. Den Helden vergangener Jahrhunderte sind prunkvolle Mausoleen gewidmet. Das beeindruckendste und stimmungsvollste ist für uns das Pachlawan-Machmud-Mausoleum, opulent mit blauen Kacheln ausgekleidet und als wir uns auf eine der Bänke setzen, kommt plötzlich ein Imam in den Raum, nimmt auf einem Stuhl Platz und beginnt zu singen. Ein magischer Moment.

Es ist heiß in Chiva, das Thermometer kratzt an den 40 Grad, aber das lässt alle in einen gemütlichen Schlenderschritt verfallen und die wandernde Sonne beschert uns alle paar Stunden ein ganz anderes Licht auf diese unglaubliche Stadt. In fast jedem der alten Gebäude ist ein kleines Museum untergebracht, mal geht es um usbekische Musik, mal um Keramik und besonders interessant ist das über die Mennoniten. Stricksocken mit nordisch anmutenden Mustern werden an den Souvenirständen verkauft und es wird vermutet, dass es sich hierbei um ein Erbe dieser deutschen und schweizerischen Auswanderer handelt. 50 Jahre lebten sie bis 1935 in Chiwa und haben neben den Sockenmustern manch einen prächtigen Holzboden in den alten Häusern hinterlassen. Am Abend finden wir ein Restaurant, in dass wir auch an den folgenden Abenden zurückkehren, denn es ist perfekt. Auf einem Tapchan, einer Art Holzbett mit weichen Matten, Kissen und einem niedrigen Tisch, lässt es sich stilecht orientalisch fläzen, hinter und vor uns jeweils eine riesige Medrese, in der Ferne einer der hohen Türme. Die untergehende Sonne lässt den sandfarbenen Stein golden leuchten, das Türkis der Kacheln funkelt, Schwalbenschwärme drehen ihre Runden über uns und werden später von kleinen Fledermäusen abgelöst. Was für ein phantastischer Ort. Was für eine Erinnerung. Weiß Du noch damals in Chiwa, in diesem wunderbaren Restaurant?

Trotz aller Magie möchten wir auch die Umgebung von Chiwa kennenlernen und planen eine Tour zu den Wüstenschlössern von Karakalpakstan. Das klingt doch nach Orient und Karawane! Wir aber wählen ein schnödes Auto, das wir uns mit zwei freundlichen Italienern aus unserer Pension teilen. Fabiano ist perfekt vorbereitet, er spricht sogar ein paar Worte Usbekisch und hat die interessantesten Festungen ausgewählt. Und dann beginnt eine heiße, staubige, aber faszinierende Reise zu den 2000 Jahre alten befestigen Siedlungen, die wir fast für uns alleine haben. Wir erklimmen die Hügel in der flirrenden Hitze, schauen hinunter in die karge Wüste und stellen uns vor, wie die Karawanen hier vor hunderten von Jahren Station machten und ihre Waren verkauften. Die Festung von Ayaz Kala ist hierfür ganz besonders geeignet, erst ein Marsch durch die Wüste, dann ein steiler Anstieg, ein atemberaubender Blick und auf dem Rückweg hat sich doch tatsächlich ein Kamel vor dem Palast in Position gebracht. Es gehört zum Camp nebenan, in dem wir in einer Jurte eiskalte Cola bekommen und draußen im heißen Wüstenwind schaukeln können.

 

 

Nach fünf Schlössern sind wir erledigt – Sonne und Staub, holprige Straßen und viel Abenteuer. Es war ein interessanter Tag in guter Gesellschaft, aber jetzt wollen wir nur noch in unser traumhaftes Restaurant, die Schwalben im Sonnenuntergang beobachten und den Abend mit einem kühlen Bier ausklingen lassen. 

        

P.S. Den schönen Abend hat uns noch nicht mal eine feierfreudige Seniorenreisegruppe vermiesen können, die zu „Besame mucho“ auf der Balalaika animiert von ihrer Reiseleisterin das Tanzbein schwingen mussten. Ach, diese Alten, denken wir, und dann rechnen wir kurz nach, wie viele Jahre uns von ihnen trennen…..

Asien mal zentral

Etwas amputiert fühlt es sich schon an, auf maximal zwei mal drei Wochen Reisezeit im Jahr beschränkt zu sein. Als ordentliche Globonauten brauchen wir das Abenteuer, ein bisher ganz weißer Fleck auf unserer Reisekarte war Zentralasien und hier wird man doch bestimmt sofort in die Exotik gestoßen. Die Seidenstraße, Samarkand, Buchara – Kamelkarawanen mit feinsten Stoffen und duftenden Gewürzen ziehen vor unseren Augen durch die Wüste – da wollen wir hin. Und als wir dann noch hören, dass die Visapflicht für Deutsche im Januar 2019 aufgehoben wurde, ist die Entscheidung für Usbekistan gefallen. So richtig einfach wird es wohl trotzdem nicht, wir lesen von endlosen Einreise- und Zollformalitäten, mitgeführte Medikamente müssten pillengenau angegeben werden und Kreditkarten seien weitgehend unbekannt. Dafür regiert das druckfrische westliche Bargeld – aber bitte makellos und ungeknickt. So bügele ich vor der Abreise nicht nur T-Shirts und Blusen, sondern tatsächlich auch die ein oder andere Dollarnote. 

Der Flug ist angenehm. Erst drei Stunden nach Istanbul und nach kurzweiliger Wartezeit im neuen Flughafen noch mal viereinhalb nach Taschkent. Es ist kurz nach Mitternacht und wir machen uns auf was gefasst. Gerne mal zwei Stunden könne die Einreise dauern, hieß es, und die könnten unangenehm sein. Die Schlange an der Passkontrolle ist kurz – dann muss die Bürokratenhölle dahinter auf uns warten. Etwas nervös schaue ich dem Grenzbeamten dabei zu, wie er meinen Pass inspiziert – der schaut mich an und sagt „Chulia Henke – Welcome“. Und schwupps scheine ich drin zu sein in Usbekistan. Während Eric auf die Koffer wartet, schaue ich mich nach den Zollformularen um, allzeit bereit, meine Medikamentenliste zu zücken, aber ich finde nichts. Also spreche ich einen Zollmitarbeiter an, der überreicht mir freundlich und in gutem Englisch zwei Formulare und nachdem Eric unser Gepäck erobern konnte, machen wir uns daran, sie auszufüllen. Aber warum sind wir die einzigen, die hier stehen und eintragen, dass wir Handys und Laptops dabei haben? Da kommt wieder ein freundlicher Beamter vorbei, fragt, ob wir mehr als 5000 Dollar dabei haben, und als wir verneinen schüttelt er den Kopf und sagt „Kein Formular“. Kann denn das jetzt sein? Einreise innerhalb von zehn Minuten? Und keiner will meine schöne Pillenliste sehen? Kurze Zeit später sitzen wir im Taxi und nähern uns im nächtlichen Taschkent unserem Guesthouse. Und liegen eine Stunde nach der Landung in blitzsauberen Betten und träumen uns in tausend und eine Nacht.

Der Tag beginnt mit einem leckeren Frühstück unter Aprikosenbäumen im Innenhof. Unser Gastgeber stattet uns mit allem aus, was der moderne Globonaut braucht, nämlich zwei SIM-Karten mit unendlichen Gigabyte. Nur Geld tauschen, das müssen wir auf der Bank. Er beschreibt uns den Weg und nach einem kurzen Spaziergang durch ein freundliches Wohnviertel mit vielen Maulbeerbäumen stehen wir vor dem Zentralbasar von Taschkent – ein riesiger Kuppelbau mit allem, was das kulinarische Herz oder besser der Magen begehrt – Gemüse und Obst im Überfluss, getrocknete Früchte und Nüsse, Fleisch und Brot. Doch nichts von der Hektik, die wir von anderen asiatischen Großstädten kennen – alles geht in einem angenehmen, freundlichen Tempo. Kein Geschubse, kein Gedränge, ein Mann kommt auf uns zu, gibt uns die Hand, sagt ein paar freundliche Worte und ist wieder verschwunden. Mit etwas Suchen finden wir die Bank. Aber alles was wir über die Annahme von Geldscheinen gelesen haben, stimmt. Eric überreicht mehrere Euroscheine, die beiden Damen am Schalter überprüfen sie peinlichst genau und finden an einem doch tatsächlich einen winzigen Riss an der Ecke. Dafür würden wir 5% weniger kriegen, sagt sie streng. Kurz darauf sind wir Som-Millionäre. Wir bummeln über den Markt zu den  gegenüber gelegenen Arkaden. Handwerker präsentieren dort ihre Waren, Möbel, Küchenutensilien und Textilien. Wahrscheinlich sah das vor 100 oder gar 500 Jahren nicht viel anders aus. Langsam werden wir hungrig und stoßen auf ein kleines Straßenrestaurant in den Arkaden, Somsa gibt es hier und essenstechnisch bin ich vorbereitet. Ich liebe die Youtube-Videos von Mark Wiens, der sich durch die Welt reist und isst, I travel for food ist sein Motto, und Usbekistan hat er auch bereist. Die Teigtaschen mit würziger Füllung, die im Lehmofen gebacken werden, hat er besonders gelobt und ja: er hat recht! Der Teig so knusprig, die Füllung so saftig und perfekt gewürzt, und das ganze für weniger als einen Euro das Stück – so gut. Wir streifen weiter durch Taschkent, viele Sehenswürdigkeiten hat die Stadt, die in den sechziger Jahren bei einem Erdbeben zerstört wurde, nicht, aber sie überrascht uns trotzdem. Das gemächliche Tempo, das uns bereits auf dem Markt aufgefallen ist, scheint überall zu herrschen. Taschkent ist sehr großzügig angelegt, breite Boulevards, große Kreisverkehre, immer mal wieder ein Park: Platz scheint hier kein Problem zu sein. Im Gegensatz zu Stuttgart eine Stadt, in der Infrastruktur und Einwohner in einem guten Verhältnis stehen. Die Zerstörungen des Erdbebens haben sie genutzt, um eine Metro zu bauen, ganz nach Moskauer Vorbild mit grandios dekorierten Stationen, und die bringt uns am Abend in die russische Neustadt. Die sowjetischen Monumentalbauten sind sichtbar, aber nicht unangenehm. Wir sind hierher gekommen, um koreanisch zu essen, denn in Usbekistan und besonders in Taschkent gibt es eine große koreanische Community. Der ideale Ort für ein authentisch koreanisches Essen. Wir finden ein hochgelobtes Restaurant, sind ausgestattet mit einer Übersetzungs-App, scheitern dann aber kläglich an der Speisekarte. Koreanische Gerichte, ausschließlich in kyrillischer Schrift, da streikt auch die moderne Technik. Die Kellnerin spricht nur koreanisch und russisch, irgendwann deute ich auf das lecker aussehende Essen auf dem Nachbartisch, Eric tippt einfach so in der Karte herum.  Das letzte mal als wir so bestellt haben, es war in Japan, bekamen wir Horumon-Yaki serviert, eine Zusammenstellung furchtbarster Innereien. Hier haben wir Glück, kurze Zeit später sitzen wir vor einem Tisch voller köstlicher Dinge.

Am nächsten Tag bekommen wir einen ersten Eindruck von der Pracht religiöser usbekischer Gebäude. Wir besuchen Khast-Imam, das religiöse Zentrum Taschkents. Atemberaubend und grandios, die Moscheen und islamischen Schulen. Hier lasse ich einfach die Bilder sprechen. 

 

Zum Mittagessen landen wir eher zufällig in einem usbekischen Alltagsrestaurant, sehr gut besucht und ohne jeden Charme. Braucht es aber auch nicht, denn im Mittelpunkt steht Laghman, eine weitere usbekische Spezialität. Hausgemachte Nudeln in einer sensationellen Brühe mit Gemüse und Fleisch (ohne das geht hier nichts), eine leichte Sternanisnote, ziemlich perfekt für etwa zwei Euro. 

Was für ein Einstieg in dieses wunderbare Land. Und es wird noch viel besser werden…

Ich bin Mette-Marit!

Das Fort von Jodhpur ist nicht nur bei stimmungsvoller Abendbeleuchtung eine Augenweide, sondern auch tagsüber und von innen. Beim Frühstück genießen wir den Blick auf die beeindruckende Anlage und damit steht auch das Programm für heute fest: rauf da! Die Sonne brennt bereits und so entscheiden wir uns für eine Motorrikscha für den Weg nach oben. Wir sind eindeutig nicht die einzigen, die die ab dem 15. Jahrhundert erbaute Festung sehen wollen. Es sind aber überwiegend indische Touristen, die die Schönheiten ihres Landes erkunden wollen. Wir stärken uns zunächst mit einem leckeren kalten Kaffee, lernen einen freundlichen Inder aus Delhi kennen, der uns zu sich einlädt, wenn wir das nächste Mal dort sind und gehen dann die Mauern hinauf durch eines der beeindruckenden Tore bis zum Palastkomplex. Und der ist einfach atemberaubend schön. Noch zauberhafter, noch bunter, noch prächtiger als in Udaipur und mit einem für mich ganz besonderen Zauber: hier praktiziert Mr. Sharma, der Handleser. Und bei dem war ich schon vor vielen Jahren bei unserem ersten Besuch in Jodhpur. Damals war er allerdings bereits ein älterer Herr, ob er immer noch hier sein wird? Ist er und keine Frage: da muss ich noch mal hin. Wie damals ist es auch heute wieder unglaublich, wie gut er mich einschätzt. Nicht alles stimmt exakt, aber die Grundlinien meiner Persönlichkeit skizziert er verblüffend genau nach einem raschen Blick in meine Hände. Und deswegen vertraue ich seiner Prognose, dass alles gut sein wird in meiner Zukunft. Und wenn nicht, Mr. Sharma, dann komme ich wieder.
Jodhpur wird auch die blaue Stadt genannt und das liegt an den vielen blaugestrichenen Häusern der Altstadt. Von hier oben sieht man das besonders gut. Wir genießen den Blick hinunter und machen uns dann auf den Rückweg. Der Abstieg ist steil, aber kurz und so sind wir erstaunlich rasch wieder in in der Kühle unseres schönen Hotels. Wir müssen ja auch schauen, wohin es als nächstes geht. Mal ein bisschen Ruhe abseits der Städte, das wärs. Und Eric wird dann fündig – unser nächstes Ziel heißt Chandelao, ein kleines Dorf etwa 40 Kilometer von Jodhpur entfernt. Wir haben wenig Vorstellung, was uns da erwartet, aber die Hotelkritiken sind überragend und wenn es uns nicht gefällt, dann gehen wir wieder. Das Taxi biegt nach etwa einer Stunde auf einen holprigen Weg ab und wir ruckeln zwei Kilometer in die Landschaft hinein. Dann beginnt der Ort und er ist ganz reizend. Saubere kleine Häuser, ein paar Kühe hier, Ziegen da, sogar zwei Esel. Vor einem großen Tor halten wir, hier muss es sein. Zwei Männer mit bunten Turbanen kommen heraus, nehmen uns unsere Taschen ab, ja, hier sind wir richtig. Hinter dem Tor tut sich ein schöner Garten auf, rundum die früheren Tierställe, in denen sich jetzt die Zimmer befinden, und in der Mitte das alte Wohnhaus aus der Mitte des 18. Jahrhunderts. Unser Zimmer bietet erstaunlichen Komfort für diese abgelegene Gegend, Ventilatoren und Klimaanlage, ein sehr gemütliches Bett und ein großes blitzeblankes Bad. Zwei Sessel unter einem schattigen Baum warten nur auf uns und weiter hinten blitzt doch tatsächlich ein Swimmingpool. Jetzt ist erst mal Erholung angesagt. Am späten Nachmittag schauen wir uns das kleine Dorf an, das unsere kleines Landgut umgibt. Ein wirklich netter Ort, wie aus der Zeit gefallen, mit unglaublich freundlichen Menschen. Photo, Photo schreien die Kinder und stellen sich dann zum Gruppenbild auf. Zwei ältere Herren winken einen Nachbarn, der etwas Englisch spricht, heran, damit er übersetzen kann. Wo wir her kommen, wie alt wir sind, ob es uns gefällt. Aus den offenen Haustüren werden wir gegrüßt und scheinen eine kleine Sensation zu sein – obwohl das Hotel ja sicherlich einige Touristen anlockt. Wir laufen ein Stück aus dem Dorf raus, die Leute kehren von den Feldern zurück, treiben Ziegen, Schafe und Kühe zurück in den Ort. Auf der rechten Seite ein kleiner See, sehr idyllisch und in keiner Weise so verdreckt wie die meisten indischen Gewässer, die uns bisher begegnet sind. Ein Vogelparadies, in der Ferne sehen wir Pfauen, Kühe kommen kurz zum Trinken vorbei. Wir genießen die Abendstimmung und schlendern irgendwann ins Dorf zurück. In unserem Hotel haben sie für uns gekocht und bitten uns auf die steinerne Fortmauer. Unter dem Sternenhimmel sitzen wir direkt über dem Eingangstor, blicken auf das Dorf hinunter und genießen leckere Currys und ein kaltes Kingfisher Bier. Ja, so darf es gerne weiter gehen. Das Frühstück findet am nächsten Tag im Innenhof des historischen Wohnhauses statt. Im Eingangsbereich hängen Bilder, historische und nicht so historische. Wer ist das denn auf einem der Bilder, aufgenommen in der Nähe unseres Zimmers? Mette-Marit und Haakon, das norwegische Thronfolgerpaar war hier. In diesem kleinen Hotel mitten im Nichts. Quasi da, wo ich jetzt wohne. Jetzt macht es hier natürlich noch mehr Spaß 🙂 Beim Bad im wunderbaren Pool fühle ich mich dann tatsächlich wie eine Prinzessin, das Wasser ist herrlich, grüne Papageien fliegen über mich hinweg, das ist doch ein kaum zu steigernder Luxus. Am späten Nachmittag starten wir zu einer kleinen Wanderung mit einem der Turbanträger aus dem Hotel. Es geht aus dem Dorf hinaus und quer über die Felder. Hier wachsen Linsen, merkwürdige runde Gurken und irgendetwas Grünes mit Schoten. Ich pflücke eine, kleine längliche Kerne, ich rieche daran: das ist Sesam! Unser Guide kennt hier alle, die Frauen, die die Felder abernten, den Schäfer, oder ist es ein Ziegenhirt, und alle stehen bereitwillig für eine kleine Photosession zur Verfügung. Wir erklimmen einen Hügel und haben von hier oben einen tollen Blick über das ländliche Rajasthan. Die Sonne geht langsam unter, es ist sehr idyllisch. Aber wir müssen wieder zurück, so etwas wie Straßenbeleuchtung gibt es hier natürlich nicht. Ob wir noch Tee wollen, fragt uns unser Guide, wir sagen ja und sitzen ein paar Minuten später im Hof seines Hauses. Seine Frau und seine Schwiegermutter haben süßen Masala Chai für uns gekocht, eine Liege wird für uns herangetragen, der Nachbarsjunge kommt vorbei und spielt mit den Ziegen und dann bringt auch noch jemand ein Baby in seiner Wiege. Die Sonne ist längst untergegangen, wir sitzen unter dem Sternenhimmel mit diesen freundlichen Menschen und die Welt ist in Ordnung. Unser Guide fragt uns, ob wir am nächsten Tag mit ihm in den nächsten größeren Ort fahren wollen, dort sei Markt. Klar, wollen wir und so fahren wir am nächsten Tag mit dem Vormittagsbus nach Pipar. Schon die Busfahrt ist toll, ein kleines Mädchen strahlt uns die ganze Zeit an, hier ist man wirklich der Gipfel der Exotik. Pipar selber hat keine echten touristischen Reize, es ist einfach ein kleiner Ort, in dessen Gassen die Zeit stehengeblieben scheint. Handwerker arbeiten in ihren teilweise winzigen Werkstätten wie wahrscheinlich vor hunderten von Jahren auch,alle grüßen freundlich, posieren sehr bereitwillig für ein Photo, stolz, dass wir uns für sie und ihre Produkte interessieren.

  

Eine Familie lädt uns auf einen Tee in ihr Haus ein, man plaudert eine Weile und geht dann wieder auseinander. Langsam treten wir den Rückweg zum Busbahnhof an, dort angekommen, sagt uns unser Guide, dass unser Bus wohl erst in anderthalb Stunden fahren wird. Also hängen wir im besten indischen Stil rum – hier mal ein paar Worte wechseln, da ein paar Kindern zuwinken, ein Gläschen Tee beim einen, ein Schwätzchen beim anderen. In einer Seitenstraße haben die Messerschmiede ihr Zelt aufgebaut, eine junge Frau bedient den Blasebalg, ihre Mutter schlägt mit einem schweren Hammer auf das Metall ein und der Vater erledigt die Feinarbeiten. Es ist ein Riesenprivileg, dass wir das alles erleben können. Der Bus bringt uns wieder in unseren kleinen Flecken Luxus und wir genießen den letzten Abend unter dem Sternenzelt.
Ja, und das war es eigentlich mit Indien. Noch eine Nacht in Jodphur, dann fliegen wir zurück nach Mumbai. Unser Hotel dort ist so abstrus schlecht, dass wir in ein Shopping-Center flüchten, das nach der ganzen Ländlichkeit jetzt aber auch einen ganz besonderen Reiz hat. Nach einer schrecklichen Nacht in der teuren Absteige spendiert Eric uns ein sehr komfortables Hotel bis zum Abflug um Mitternacht. Früher haben wir uns bei einem späten Abflug irgendwo in der Stadt rumgetrieben, sind verschwitzt und erledigt ins Flugzeug gestiegen. Aber so ein Zimmer für ein paar Stunden passt jetzt zu einem insgesamt doch sehr komfortablen Urlaub. Im sehr anstrengenden Indien kann man es sich eben auch sehr gut gehen lassen!

Gekniffen

Wir werden alt. Gujarat wollten wir bereisen, dort, wo kaum einmal ein westlicher Tourist hinkommt. Und dann war es uns doch zu anstrengend. Und das nahe Rajasthan lockte. Eine weitere Nacht im staubigen Ahmedabad überzeugte uns – wir wollen es leichter haben. Obwohl sie uns in eine Suite upgegradet hatten, deren Besonderheit war, dass dort auch Alexa wohnte. Der freundliche Mann von der Rezeption kam extra mit uns hoch, um uns mit Alexa bekannt zu machen. „Alexa, curtains close“, „Alexa, bathroom lights on“, hat sie alles brav gemacht. Den Abend verbrachten wir damit, ihre Fähigkeiten zu testen. „Alexa, sing a christmas song“, „Alexa, tell us a goodnight story“, sehr lustig. Am Morgen dann stiegen wir wieder ins Taxi – auch das ein Zeichen unseres zunehmenden Alters – und ließen uns ins 250 km oder fünf Stunden entfernte Udaipur in Rajasthan fahren. Vor etwa zehn Jahren waren wir das erste mal in Rajasthan und Udaipur mit seinem See und dem strahlend weißen Lake Palace Hotel auf einer Insel mittendrin hatte es uns besonders angetan. Der Inbegriff der Erholung damals, den ganzen Tag in gemütlichen Cafes sitzen und auf den See starren – ja! Wir haben ein ganz reizendes Hotel in der Altstadt von Udaipur, mit tollem Dachrestaurant, See- und Palastblick, genau das wollten wir. Die übersichtliche Altstadt mit netten Restaurants, der beeindruckende Palast und dazu ist noch Vorsaison und die Touristenzahlen halten sich in Grenzen. Rajasthan ist ein echtes Fest für die Sinne, so bunt, so exotisch, so nah dran am Maharadscha-Traum von Indien. Udaipurs Palast, direkt am See auf einem Hügel gelegen, begeistert uns für viele Stunden. In den schattigen Innenhöfen kann man seinen Gedanken nachhängen, sich vorstellen, wie gut es sich die Rajputen damals haben gehen lassen. Danach dann der Hitze auf ein schattiges Dachrestaurant entfliehen und den Ausblick auf den See genießen. Das Lake Palace Hotel ist eines der spektakulärsten Hotels der Welt, in einem 1746 auf einer Insel erbauten Marmorpalast glänzt es weiß und majestätisch im Pichola-See. Wer hier übernachten möchte muss schon einen Tausender liegen lassen, kriegt dafür sicherlich auch fürstliches geboten. Den besten Blick, nämlich den auf See und Hotel, bekommen aber wir Normalübernachtenden. Also wieder alles richtig gemacht mit unserem Hotel auf der Landseite 🙂

   

Udaipur bietet uns genau die Entspannung, die wir gesucht haben und damit ist eigentlich klar, dass wir weiter in Rajasthan bleiben. Jodhpur war eine weitere Stadt, die uns vor vielen Jahren begeistert hat, und strategisch günstig auf dem Weg dort hin liegen zwei weitere Highlights: die Bergfestung Kumbhalgarh und der Jaintempel in Ranakpur. Wir heuern wieder einen Taxifahrer an und holpern zu der riesigen Festungsanlage aus dem 15. Jahrhundert mit einer beeindruckend langen Festungsmauer. Unser Taxifahrer meint, es sei die zweitlängste Mauer nach der Chinesischen, das englische Wikipedia spricht von über 80 km, das deutsche von 36 Kilometern. Wie lang auch immer, die Mauer und die von ihr umgebenen Festungsgebäude sind beeindruckend. Schade nur, dass die neuzeitlichen Architekten und Bewohner der Festung es nicht so mit den Sanitäranlagen haben – nur knapp überlebe ich die eindeutig widerlichste Toilette der ganzen Reise. Der Palast und der gigantische Blick auf die grüne Hügellandschaft entschädigen mich aber schnell. Besonders beeindruckend ist ein kleiner Kuppelraum in einer Ecke des Palastes: indische Schülergruppen lärmen dort und uns wird schnell klar, dass es um die besondere Akustik geht. Als alle weg sind, stimme ich ein Liedchen an – wow, was für ein Klang! Hier kann wirklich jeder singen. Es wird immer heißer und wir freuen uns auf unser wohltemperiertes Taxi, das vor dem Tor auf uns wartet. Jetzt also weiter zum Jaintempel. So ganz groß waren meine Erwartungen nicht, gebe ich zu. Vor vielen Jahren haben wir im Norden Rajasthans einen Tempel der Jains besucht, den ich als eher unspektakulär und ohne besondere Atmosphäre in Erinnerung habe. Diese Religion beeindruckte mich bisher vor allem durch ihre Gewaltlosigkeit – strikter Vegetarismus, manche tragen Atemmasken und kehren den Weg vor sich, um nicht versehentlich Insekten einzuatmen oder zu zertreten. Der junge Jain-Mönch, der uns in perfektem Deutsch am Eingang anspricht und eine kurze Einführung in den Tempel anbietet, bestätigt diesen sehr freundlichen Eindruck. Er spricht einen Segen für uns und schon fühle ich mich noch besser als sowieso schon. Aber viel wahrscheinlicher liegt es an diesem unbeschreiblich schönen Tempel – ein Traum aus geschnitzten Marmorsäulen, Pavillons mit Götterfiguren, Säulengängen und marmornen Elefanten. Der gesamte Tempel wirkt luftig und trotz der nicht geringen Besucherzahl findet sich überall ein Eckchen, in dem man es sich auf einer Balustrade gemütlich machen und die besondere Atmosphäre in sich aufnehmen kann. Was für ein schöner Ort!

 

Es fällt mir nicht leicht, mich von hier zu trennen, aber wir haben noch ein Stück vor uns. Also wieder rein ins Taxi und weiter nach Jodhpur. Es ist schon dunkel, als wir in der Altstadt ankommen, das Chaos hat uns wieder, der Verkehr und so viele Kühe. Aber auf uns wartet auch ein sehr schönes Hotel, ein altes Haveli, ein ehemaliges Wohnhaus reicher Handelsleute. Wir sind froh, endlich angekommen zu sein und ein gutes Restaurant gleich über uns auf dem Dach zu wissen. Eine kurze Pause, dann hoch und – noch mal Wow nach den vielen Sensationen heute: wir blicken direkt auf das Meherangarh-Fort, majestätisch und perfekt beleuchtet liegt es direkt gegenüber und begleitet uns den ganzen Abend bei leckeren Currys und wir können uns nicht sattsehen an dieser Pracht. So viel Schönheit an einem einzigen Tag. Das war eine gute Entscheidung mit Rajasthan.

Ganz schön anstrengend

Indien ist anstrengend. Entspannt eine Straße entlang schlendern, das kann man hier vergessen. Fußgängerwege muss man sich, falls es sie überhaupt gibt, nicht nur mit vielen vielen Menschen teilen, sondern auch noch mit Waren aller Art, Kühen und Motorrädern. Dazu noch diverse bauliche oder organische Stolperfallen, gerne mal tiefe Löcher oder andere Dinge, in die man nicht treten möchte, tierischen, menschlichen oder unklaren Ursprungs. Dann die Hitze, der Lärm, Gerüche – wenn wenigstens ein gemütliches Cafe oder Restaurant eine Pause von dem Wahnsinn da draußen ermöglichen würde. Das klassische indische Restaurant ist weiß gekachelt, mit Plastikstühlen und klebrigen Tischoberflächen ausgestattet – das Essen eigentlich immer sensationell, aber eben kein Ambiente, in dem man länger als zur raschen Essensaufnahme verweilen möchte. Die besseren Restaurants zeichnen sich meist durch gruseliges Design aus – verwegene Spanplattenkonstruktionen mit noch verwegenerem Kunststofffurnier und düsterem Ambiente – nix für einen längeren gemütlichen Abend. Mit dem indischen Starbucks „Cafe Coffee Day“ finden sich wenigstens ab und an kleine Oasen, aber meist nur in „besseren“ Gegenden und nicht dann, wenn man nach einem eiskalten Frappé lechzt.
Für Straßenüberquerungen benötigt man sehr viel Gelassenheit – rüber kommt man schon irgendwie, aber nix für Leute mit hohem Blutdruck. Im indischen Straßenverkehr ist nichts und niemand berechenbar, jede noch so kleine Lücke wird für waghalsige Überholmanöver genutzt, alle halten voll drauf und vertrauen darauf, dass es die Hupe schon richten wird. Fußgänger sind hierbei die schwächsten Glieder und zudem ohne Hupe, aber wunderbarerweise bleiben die meisten heil in diesem Superchaos. In Gujarat erscheint uns vieles noch anstrengender – weil man sich nicht auf bereits eingetretenen Touristenpfaden bewegen kann und die Sehenswürdigkeiten des Bundesstaats umständlich zu erreichen sind. Wir fahren nach Baroda, Uber sei Dank mit einem Taxi, und steigen in einem hübschen neuen Hotel mit unglaublich freundlichem Personal ab. Der Laxmi Palace, die einzig wirkliche Sehenswürdigkeit der großen Stadt, ist wegen des Ganesh-Festes größtenteils gesperrt, das Restaurant, das der Lonely Planet empfiehlt, macht erst in drei Stunden auf, scheint ja ein echt erfolgreicher Tag zu werden. Also beschränken wir uns aufs Hotel, das uns auch ein leckeres Essen kocht, und bauen auf den nächsten Tag.

Wir lassen uns nach Champaner fahren, eine weitere Weltkulturerbestätte, die hoffentlich den weiten Weg lohnt. Wir kurven etwa zwei Stunden über einen indischen Highway, zweispurig eigentlich, aber es gibt ja den Standstreifen. Bei einer Bezahlstation macht es plötzlich rumms, ein Motorrad ist uns hinten rein gefahren, der Fahrer liegt am Boden und krümmt sich. Eric hat es zufällig gesehen, der gute Mann ist ungebremst, aber zum Glück mit niedriger Geschwindigkeit auf unsere Stoßstange gedonnert. Motorräder sind in dieser Schlange verboten, er steigt nach kurzer Zeit wieder auf und schlängelt sich weiter an den Autos vorbei. Unser Fahrer meldet, dass seine Stoßstange zu Bruch ging, aber das veranlasst hier niemanden, irgendwie tätig zu werden. Wir erreichen eine imposante Stadtmauer, kurven durch ein riesiges Stadttor und erreichen einen kleinen Parkplatz. Jetzt geht’s also los. Wir zahlen den Eintritt – der Ausländerpreis liegt wie so oft in Indien bei mehr als dem Zehnfachen des Preises für Inder. Bisschen unfreundliche Praxis und ich stelle mir vor, in Deutschland gäbe es vor dem Schloss Neuschwanstein ein Schild: Deutsche 1 Euro, Ausländer 12 Euro. Da wär was los….
Aber egal, wir betreten das Gelände der ersten Moschee. Viele Informationen findet man nicht zu Champaner, weder hier noch im Netz. Überbleibsel der früheren Hauptstadt Gujarats aus dem 16. Jahrhundert, heißt es. Und so dünn wie die Informationslage ist auch der Besucherstrom: wir haben die Moscheen des Ortes in ihrer ganzen Pracht fast für uns allein. Hinduistische und moslemische Elemente mixen sich und ergeben einen Traum aus tausendundeiner Nacht. Der Sandstein ist üppig dekoriert, die Kuppeln ruhen auf unzähligen Pfeilern, die Atmosphäre ist einzigartig. Die beeindruckenden Gebäude liegen im Dornröschenschlaf, dem auch der Weltkulturerbestatus nichts anhaben kann. Wir wandeln durch die Säulenhallen, setzen uns in die kleinen Nischen mit Blick ins üppige Grün und fühlen uns wie Entdecker einer untergegangenen Kultur. Dabei sind die Moscheen Teil eines bewohnten Dorfes. Affen turnen auf der hohen Stadtmauer, Büffel kommen uns entgegen, Kinder rufen uns hinterher und fordern „Photo, Photo“ ein. Sie stellen sich zu kleinen Gruppen auf und jubeln, wenn sie das Bild nachher im Display von Erics Kamera sehen. Und auch hier ist das Ganesh-Fest allgegenwärtig. Heute am letzten Tag der Feierlichkeiten werden die Figuren des elefantenköpfigen Gottes auf Lastwagen und Trecker verladen und mit lauter Musik, Böllern und farbpulverwerfend durch das Dorf gezogen. An der Hauptstraße des Ortes setzen wir uns unter einen Baum, trinken die indische Cola „Thumbs up“ und genießen die Show. Vater und Sohn sprechen uns an, wir müssten nachher unbedingt mit auf die Stadtmauer kommen, um den Auszug der Wagen aus dem Ort zu sehen. Machen wir natürlich, auch um selber nicht blau oder gelb eingefärbt zu werden. Wir sind die einzigen Ausländer in dem Spektakel und die Inder scheinen sich zu freuen, dass wir uns freuen. Eine letzte Moschee zum Abschluss und dann wieder rein in unser Taxi, das brav den Tag über auf uns gewartet hat. Irgendwann erreichen wir unser Hotel in Baroda, auch hier läuft die Ganesha-Fete, die nette Rezeptionistin will mit mir tanzen, aber wir wollen nur noch essen und ins Bett. Und planen, wie es weiter geht, in diesem faszinierenden, aber eben auch sehr anstrengenden Indien.

    

Excellent Luck Nr. 2

Ganz schön Glück gehabt, dachten wir. Nachdem wir unseren Mittagsflug von Mumbai nach Ahmedabad verpasst hatten, bekamen wir Tickets für den am Abend und aus lauter Mitleid versorgte uns die freundliche Mitarbeiterin auch noch mit Plätzen am Notausgang mit Superbeinfreiheit. Unser erster Flug mit einer Pilotin, eine kurze Flugzeit und dafür ein recht langes Kreisen über Ahmedabad, der größten Stadt des Bundesstaates Gujarat. Eine normale Landung und dann kommen wir auf der Landebahn zum Halten. Eigentlich rollt man ja in Richtung Terminal und macht Platz für andere landewillige Flugzeuge, aber es ist Abend, vielleicht ist es ein besonders kleiner Flughafen und außerdem ist es Indien. Wir stehen weiter und nichts passiert. Aus dem Fenster sehe ich, wie neben uns ein Feuerwehrwagen auffährt, die Feuerwehrmänner herausspringen und einen Schlauch ausrollen. Dann richtet der Wagen seine Wasserspritze auf dem Dach auf uns. Äh, was ist denn das? Da fühlt man sich ja fast an den Stuttgarter Schlossgarten zu besten S21-Demo-Zeiten erinnert. Da meldet sich die Pilotin. Ein Reifen unseres Flugzeugs sei beim Start geplatzt, keine Aufregung, wir seien jetzt sicher am Boden, aber es würden noch ein paar Sicherheitsprozeduren ablaufen. Ok…. Nach einer Weile zieht die Feuerwehr ab und wir rollen in Zeitlupe von der Landebahn. Das Flugzeug applaudiert. Beim Aussteigen steht die sympathische Pilotin vor der Cockpittür und wir bedanken uns bei ihr. „We are trained for that“, strahlt sie uns an, sichtbar erleichtert. Ein kurzer Blick auf den linken Vorderreifen – ja, der ist sichtbar lädiert. Am nächsten Tag finden wir unsere Landung in den Zeitungen wieder – landesweit. Da kommen wir schon kurz ins Philosophieren über Schicksal und ähnliches – den Flug kurz verpasst, um in einen zu steigen, der notlanden muss. Seit Japan habe ich den kleinen Zettel dabei, den ich in beim Stäbchen-Orakel in einem Tempel gezogen hatte und der mir „Excellent luck“ bescheinigte. Wahrscheinlich brauchte dieser Flug etwas Glück und damit uns als Passagiere.

Jedenfalls geht es positiv weiter – eine angenehme Taxifahrt später stehen wir vor unserem prächtigen Hotel am Rande der Altstadt – das „House of MG“ ist ein wunderbar restauriertes Wohnhaus eines früheren Textilmagnaten – sehr geschmackvoll, sehr exquisit, sehr liebevoll. Im Vorraum unseres Zimmers eine große Schaukel mit bestickten Kissen, im bestimmt fünf Meter hohen Schlafzimmer verliert sich das prächtige Himmelbett fast, der pure Luxus für knapp 70 Euro die Nacht.

Die Altstadt von Ahmedabad gehört zum Weltkulturerbe und unsere Erwartungen sind entsprechend. Allerdings ist Ahmedabad auch die Stadt mit den meisten Motorrädern in Südasien und hat ein heftiges Problem mit der Luftverschmutzung. Unser Rundgang durch das Zentrum ist vor allem anstrengend, es ist heiß und staubig und über allem liegt ständiges Gehupe. Eine touristische Infrastruktur gibt es nicht, das hatten wir erwartet und auch gewollt, uns von einer Weltkulturerbestadt aber doch etwas mehr Information versprochen. So schnell wie möglich tauchen wir ein in die kleinen Gassen der Altstadt, lassen uns treiben und finden zum Glück irgendwann ein kleines Café, dass von den Eigentümern unseres Hotel betrieben wird. Die haben auch einige alte Holzhäuser drumherum restauriert und wir hoffen, dass sie weitermachen damit.
Unser schönes Hotel ist eine Wohltat nach dem staubigen Tag, den traumhaften Innenpool habe ich ganz für mich alleine und danach ab auf die zimmereigene Schaukel.

Gujarat ist die Heimat von Mahatma Gandhi und in Ahmedabad lebte er von 1917 bis 1930. Vom Sabarmati-Ashram aus lenkte er den gewaltlosen Widerstand gegen die britische Besatzungsmacht, von hier startete der berühmte Salzmarsch. Wir lassen uns von einer Autorikscha hinbringen, ein großer Vorteil der Abgelegenheit von den touristischen Routen ist, dass wir bei den Transportpreisen nur ein ganz klein wenig übers Ohr gehauen werden. Der Ashram ist so etwas wie ein nationales Gedenkzentrum mit einer sehr positiven Atmosphäre und einer großen Ausstellung über Gandhis Leben und Wirken. Hier wurde wirklich Weltgeschichte geschrieben, das ist spürbar. Ein friedlicher Ort, für den sich die Reise nach Ahmedabad schon gelohnt hat. Nach informativen zwei Stunden halten wir auf der Straße eine weitere Motorradrikscha an und fahren ein Stückchen vor die Tore der Stadt. Im Örtchen Adalaj steht einer der schönsten und größten Stufenbrunnen Indiens. Mehrere Geschosse tief in die Erde führt dieses imposante Bauwerk bis hinunter zum kühlen Nass, opulent verziert und eine absolute Pracht. Die Anlage entstand am Ende des 15. Jahrhunderts – das so etwas damals möglich war und in seiner ganzen Schönheit bis heute erhalten blieb ist unglaublich. Wir staunen von Stufe zu Stufe, die uns weiter nach unten führt. Götter und Elefanten zieren die Wände, Balkone, Säulen, ein wirkliches Meisterwerk. Und ein perfekter Ort für jeden Indiana-Jones Film. Wirklich beeindruckend.

          

Den Abend krönen wir mit einem königlichen Essen im Restaurant unseres Hotels. Das „Royal Thali“ besteht aus diversen Köstlichkeiten der Gujarati-Küche, angefangen mit Pani Puri, knusprigen Teigbällchen, die mit gewürztem Kartoffelbrei gefüllt sind, natürlich diverse Gemüsecurrys und dann die Geschmacksexplosion Khadi, einer Soße aus Buttermilch, Kichererbsenmehl und einer sensationellen Würze. Kein Fleisch und nur Wasser dazu, Gujarat ist ein „Dry State“, überwiegend vegetarisch und alkoholfrei.  Wir krönen den wunderbaren Abend mit Kaffee und hausgemachtem Eis auf der Dachterrasse mit perfektem Blick auf ein weiteres Festspektakel: heute Abend  findet die Muharram-Prozession der Muslime Ahmedabads statt und zwar genau vor unserem Hotel. Bunte Nachbauten des Grabmals eines Märtyrers werden unter lauter Musikbegleitung und leicht martialischen Tanzeinlagen durch die Straßen getragen. Von unserem Logenplatz hier oben ein echter Genuss. Zum Abschluss wird uns noch Pan gereicht, ein Betelpfefferblatt, in das diverse Gewürze verpackt sind. Das langsame Kauen soll eine positive Wirkung auf die Verdauung haben und die brauchen wir nach der Schlemmerei.

Der Tag war toll, aber die Reize Ahmedabads sind damit ausgekostet. Dann schauen wir morgen mal, was der Rest des Staates noch zu bieten hat.

Reiseprofis

Wir sind wieder unterwegs. Das erste Mal wieder gemeinsam seit dem Ende unserer großen Reise. Es sind diesmal nur drei Wochen, aber doch so exotisch, dass uns die Erinnerungen regelmäßig überfallen. Incredible India – auf unserer Weltreise haben wir es nicht hierher geschafft, aber davor waren wir schon ein paar Mal da und jedes Mal begeistert. Das gelassene Kerala im Süden, die Althippies von Goa, das chaotische Delhi, die Märchenstädte Rajasthans, Varanasi mit seinen verstörenden Leichenverbrennungen, Kalkutta, die Tiger von Westbengalen, eine andere Welt in Ladakh im Himalaya. Und jetzt endlich mal Mumbai und das touristisch wenig erschlossene Gujarat ganz im Westen.
Der Flug aus Deutschland und die ersten Tage in Mumbai sind vollkommen unproblematisch. Was auch daran liegt, dass Mumbai an vielen Stellen eher wie ein tropisches London nach dem Brexit wirkt – die Kolonialbauten würden gut in jeden Harry Potter-Film passen, Hitze, Feuchtigkeit, Sorglosigkeit und Geldmangel nagen aber an ihnen. Der Verkehr ist für indische Verhältnisse nachgerade gesittet, alle fahren in die selbe Richtung und so gut wie keine Kühe. Mumbai hat keine echten touristischen Attraktionen, das koloniale Erbe und die Lage direkt am Meer, das sind die Hauptsehenswürdigkeiten. So schauen wir uns also den prachtvollen kolonialen Bahnhof an, flanieren über die Uferpromenade und landen später am „Gate of India“, durch das die letzten britischen Soldaten die ehemalige Kolonie verließen. Das Taj Mahal Palace Hotel gegenüber ist zwar eine Pracht, hat aber vor allem aber durch die Geiselnahmen bei den Terrorangriffen 2008 traurige Berühmtheit erlangt. Also machen wir das, was man im Urlaub sonst eher nicht tut: wir schauen anderen Menschen bei der Arbeit zu. Über die Dabbawalas hatte ich schon viel gelesen und wollte sie jetzt endlich einmal live erleben. 200.000 Essen liefern sie in Mumbai wochentäglich aus – von Mamas Herd an Papas Arbeitstisch. Der anspruchsvolle indische Gatte möchte auch im Büro auf heimisches Essen nicht verzichten und so befüllt die treusorgende Ehefrau am Vormittag die Henkelmänner, hier Tiffinboxes genannt, mit Selbstgekochtem. Ein Dabbawala holt es ab und gibt es an seine Kollegen weiter, die es per Zug, mit dem Fahrrad und zu Fuß sicher durchs geschäftige Mumbai an den richtigen Ort bringen – mit einer sensationell hohen Trefferquote. Angeblich ein Fehler auf 16 Millionen Essenslieferungen – und das alles ohne Barcode oder GPS-Tracking, nur mit einem System aus farbigen Zahlen und Buchstaben. Na, Lufthansa, wollt ihr euch das nicht mal angucken? Dann hättet ihr bei Erics letztem Indienaufenthalt vielleicht nicht geschlagene fünf Tage gebraucht, um seinen Koffer von Stuttgart nach Delhi zu bringen.
Wir treffen vor dem Bahnhof Churchgate auf eine Gruppe Dabbawalas mit ihren weißen Mützen. Die Taschen voll köstlichen Essens werden auf Holzpaletten aus den Zügen gehievt, über die Straße gebracht, dort neu sortiert und dann entweder auf Fahrräder oder Karren verladen. Alles ganz unaufgeregt und routiniert, das System funktioniert schon seit hundert Jahren. Um kurz vor 12 ist der Gehweg wieder aufgeräumt und wir schwingen uns in den Zug.

   

Eine Viertelstunde später sind wir im Stadtteil Mahalakshmi angekommen. Neben dem Bahnhof und in einem weniger hübschen Wohngebiet wird eine gigantische Openair-Waschmaschine betrieben: ein Dobhi-Ghat. In unzähligen kleinen Steinbecken wird hier die Wäsche der Stadt gewaschen, per Hand und mit voller Muskelkraft. Es ist heiß und so haben die Wäscher ihre Arbeit zum größten Teil bereits getan. Auf unzähligen Leinen baumeln Hemden, Hosen und Leintücher, farblich sortiert in Reih und Glied. Schön ist es hier nicht, wir laufen Richtung Meer durch staubige Straßen, vorbei an slumähnlichen Hütten. Auf der rechten Seite tut sich ein großes Gelände auf, die Pferderennbahn von Mumbai, in die zu dieser Mittagszeit wettfreudige Herren strömen. Warum keinen „Day at the races“ denken wir uns und kaufen für 70 Cent ein Ticket. Das erste Rennen soll in einer halben Stunde starten, Zeit für ein Sandwich und ein kühles Getränk. Komisch nur, dass alle in dem großen Zelt vor der Rennbahn bleiben. Irgendwann dämmert es uns und wir verstehen jetzt auch, warum überall Plakate mit „Hyderabad Races“ hängen – die Hottehüs laufen nicht hier, sondern 700 Kilometer weiter südlich. Der Stimmung tut das aber keinen Abbruch, im Zelt brodelt es. Rundum stehen Wettbuden, vor denen minütlich die Quoten neu auf einer Tafel vermerkt werden – während der Budenchef angestrengt mit einem Fernglas die Zahlen der Konkurrenz beäugt. Auf einem großen Bildschirm werden die Pferde jetzt in die Startboxen geführt, ein Schuss und sie legen los. Die Menge hier in Mumbai geht mit, je näher das Ziel kommt, desto lauter wird gebrüllt. Ein Schimmel setzt sich schon früh ab und ich will auch mitmachen, also rufe ich laut „SCHIMMEL“ und er gewinnt doch tatsächlich. Hätte ich nur mal auf ihn gesetzt. Nach diesem ersten Rennen verlassen wir das Zelt und den Rennplatz – war lustig. Jetzt ab zu Haji Alis Obstbude, ein Tipp aus dem Reiseführer, hier soll’s die leckersten Fruchtsäfte geben. Die sind tatsächlich gut, ganz besonders köstlich ist aber der Zimtapfel mit Sahne, den wir dazu essen. Die schrumpligen Früchte hatten wir schon auf dem Markt gesehen, sie haben mit unserem Apfel wenig zu tun und passen gut zur cremigen Sahne, in der sie baden. Danach ein kurzer Besuch in der Haji Ali Moschee auf einem kleinen Inselchen vor der Küste – voll, nicht sonderlich schön und wohl nur für Gläubige wirklich interessant. Dafür haben wir aber mit den Festivitäten Glück, gerade läuft „Ganesh Chaturthi“, das elftägige Fest zu Ehren des elefantenköpfigen Gottes. Überall sind beleuchtete Zelte aufgebaut mit einer großen Ganesha-Figur, quietschbunt und meist von lauter Musik begleitet. Am Abend folgen wir dem Trommellärm in der Nähe unseres Hotels. Zwei Schlagzeuger sitzen auf einem Wagen, weitere Trommler und Tänzer davor, die Stimmung ist sehr ausgelassen, jung und alt tanzt. Irgendwann werden die Gottesstatuen im Meer versenkt, wann und wo genau das stattfindet, kriegen wir nicht raus, aber uns ist der trockene Ganesha eh lieber. Das war dann also Mumbai. Anders als andere indische Städte, nett für den Einstieg, aber zwei Tage reichen. Also auf zum Flughafen, Gujarats Hauptstadt Ahmedabad ist unser Ziel. Wir kommen gut durch mit dem Taxi, das Einchecken klappt auch problemlos, gelassen gehen wir durch die Sicherheitskontrollen, absolute Reiseprofis halt. Am Gate steht noch ein Flug nach Coimbatore angeschrieben, na, da haben wir ja noch reichlich Zeit, nur der Anfänger steht zu der auf dem Ticket angegebenen Zeit schon direkt am Gate. Ganz angenehm hier, es handelt sich um ein sogenanntes Silent Terminal, keine ständigen nervigen Durchsagen, der Flug nach Blablabla steht zum Einsteigen bereit, Mr Eric, dies ist ihr letzter Aufruf. Wir kaufen noch etwas zu essen und laufen dann wieder gemächlich zum Gate. Ahmedabad steht jetzt dran und dahinter „Gate closed“. Jetzt mal schnell hin, die Stewardess wird uns schon noch rein lassen. Ne, tut sie nicht. Kann sie auch gar nicht, denn unsere Koffer sind soeben aus dem Flugzeug wieder ausgeladen worden. Fünf Minuten zu spät. Ausrufen konnten sie uns nicht, ist ja ein „Silent Terminal“. Sie hätten uns ja gerne angerufen, aber wir hatten nur eine deutsche Nummer angegeben. Wir sind fassungslos, das kann doch nicht sein. Das ist uns noch nie passiert, noch nie nie nie. Wir sehen aber schnell ein, dass hier nichts zu machen ist und eindeutig wir Schuld sind. Wir Reiseprofis. „But we are foreigners“, versuche ich es in einem letzten Aufbäumen auf die Mitleidstour. Hilft natürlich nichts, die Stewardess begleitet uns aus dem Sicherheitsbereich heraus und zeigt uns, wo wir unsere Koffer wiederkriegen. Bedröppelt gehen wir zurück, stellen uns erneut an, schildern unser Problem und kaufen neue Tickets – für den Abendflug. Zum Glück gibt’s den überhaupt und zum Glück haben sie noch zwei Plätze. Ganz schön viel Glück – dabei werden wir noch einiges davon brauchen, bis wir endlich sicher in Ahmedabad ankommen…… To be continued

Und das Beste kommt zum Schluss

Und da ist er, mein letzter Abend in Lettland. Keine von diesen legendären „White Nights“, obwohl die Mittsommernacht unmittelbar bevorsteht. Denn es regnet und so fällt der späte Sonnenuntergang heute nicht auf. Ich bin in Riga, ein perfekter Abschluss meiner Reise ins Baltikum. Als sich der Bus vom Flughafen – dort habe ich mich von meinem tapferen litauischen Flitzer getrennt – der Brücke über die Daugava nähert, ahne ich schon, dass mich hier etwas ganz besonderes erwartet: das Panorama der Altstadt auf der anderen Flussseite ist beeindruckend. Leider stecken wir im Stau und ich würde so gerne jetzt sofort loslegen und Riga erobern. Der Busfahrer flucht, drängelt sich in jede noch so kleine Lücke und lässt uns irgendwann endlich am Bahnhof aussteigen. In zehn Minuten bin ich am Hotel, superzentral und ganz schön edel. Zum Abschluss der Reise hab ich mir ein bisschen was gegönnt, die Unterkünfte in Riga sind sowieso alle teuer. Es ist noch viel zu früh zum Einchecken, also Koffer abgeben und rein ins Vergnügen. Aber diese Stadt überfordert mich: zuerst zu dem mittelalterlichen Pulverturm auf der rechten Seite? Oder die riesige Säule hinter mir? Das Rathaus vor mir? Ah, ich kann mich nicht entscheiden! Also erst mal ins nächste Café. Einen Flat White später entscheide ich mich für einen Spaziergang zu den Markthallen. Die vielen Stände quellen über vor Beeren und Kirschen, es ist eine Pracht. Dem Fisch gehört eine ganze Halle, in der man frische oder geräucherte Exemplare kaufen kann. So viele gute Zutaten – leider ist die lettische Küche nicht die allerraffinierteste. Ich kaufe mir eine Schale Himbeeren, setze mich in die Sonne und schaue mir das Leben in Riga erst einmal an.
Und dann zurück in die Altstadt, ein bunter Mix von Gebäuden, Backstein neben Jugendstil, großzügige Plätze und verwinkelte Kopfsteingassen und viele Touristen. Riga ist kein Geheimtipp mehr, die Preise haben deutsches Niveau und die Deutschen scheinen hier auch die Mehrzahl der Touristen zu stellen. Aber dem Charme der Altstadt tut das keinen Abbruch. Eine Parkanlage bildet die Grenze zur Neustadt und hier merkt man, dass sich Mittsommer nähert. Auf langen Holztischen sind Blumen und Zweige ausgebreitet und jeder ist eingeladen, sich seinen eigenen Blumenkranz zu binden. Traditionell gekleidete Frauen geben Anleitungen und singen dazu – das ist ja besser als jedes Schweden-Klischee. Ich setze mich auf eine Bank, jetzt fangen sie auch noch an zu tanzen, kleine blonde Kinder, lauter Michels und Klein-Idas.
Am Abend laufe ich hinunter zum Fluss und auf einer der Brücken ans gegenüberliegende Ufer. Es ist fast 10, natürlich noch hell und das Licht ganz besonders intensiv. Städte am Fluss sind doch einfach immer besonders. Auch das moderne Riga ist sicherlich spannend, der futuristische Bau der Nationalbibliothek gibt einen Eindruck, aber ich werde dafür nicht genügend Zeit haben. Denn Riga hat so viel zu bieten und ganz besonders eindrucksvoll sind die vielen Jugendstilbauten. Glück gehabt, dass in Riga gerade Anfang des 20. Jahrhunderts viel Geld für den Bau und zu Sowjetzeiten zu wenig Geld für den Abriss vorhanden war. Eines der größten Jugendstilensembles der Welt in unterschiedlichen Erhaltungsgraden, von jetzt-sollte-aber-wirklich-was-passieren bis frisch renoviert. Im sehenswerten Museum, das eine komplette Jugendstilwohnung präsentiert, kaufe ich mir eine Führer zu den Jugendstilperlen Rigas. Diese Pracht macht mich sprachlos, damit habe ich nicht gerechnet. Zwischendrin entdecke ich ein originales Jugendstil-Café, die Preise sind selbst für unsere Verhältnisse gepfeffert, aber hier zu sitzen und auf die wunderbaren Häuserfassaden gegenüber zu schauen, rechtfertigt auch mal einen teures Kännchen Tee.

Das war es jetzt also mit dem Baltikum. Vorerst, denn es gibt noch so viel zu sehen und Estland fehlt mir komplett. Aber ich bin froh, dass ich nicht auch noch Tallinn in diese Reise gepackt habe. Drei Wochen Baltikum, das hört sich viel an und die Länder sind klein, aber das wäre mir zu stressig gewesen. Ich hätte aber auch nicht gedacht, dass Litauen und Lettland so unterschiedlich sind. Die Landschaft mag ähnlich sein, die Kulturen auch, aber eben nur ähnlich. Litauisch und lettisch hören sich für mich wie zwei vollkommen unterschiedliche Sprachen an, Litauen eher noch eindeutig östlich, Lettland fast schon schwedisch. Vilnius und Kaunas wirken wie Provinzhauptstädte gegen das hanseatisch vornehme Riga. Beim Essen gewinnt eindeutig Litauen – man wird satt in Lettland, aber das war’s dann auch schon. Der große Gegensatz zwischen Stadt und Land ist in beiden Staaten vorhanden und verliebt in die Technik des 21. Jahrhunderts sind sie auch beide. Nirgendwo hatte ich bisher eine so gute Netzabdeckung, WLAN im kleinsten Restaurant. Auch die nördliche Zurückhaltung teilen sich Litauer und Letten – als alleinreisende Frau sehr angenehm. Die sowjetische Vergangenheit scheint Litauen schon vollständiger abgelegt zu haben als Lettland, aber gerade in Riga leben auch noch viele Russen. Und in Sachen Naturerlebnis sind beide Länder absolute Highlights. Die baltischen Staaten sind keine Billigreiseländer, aber verglichen mit Skandinavien sicherlich ein Schnäppchen. Tolle Ferienhäuser an einsamen Seen, das bekommt man hier viel günstiger als in Schweden oder Finnland. Nur bei den Moskitos gibt es weniger Unterschiede.
Ich beende meine Reise mit vielen neuen Eindrücken und einem hochemotionalen Familienerlebnis. Und ich habe noch mehr Lust gekriegt auf Osteuropa. Ich bin mir sicher, dass dort noch viele Wunder zu entdecken sind.

Lettische Begegnungen

So viele Störche! In Rumänien bin ich noch extra in einen Ort gefahren, der für seine vielen Storchennester bekannt ist. Hier sind sie in jedem Dorf und einfach überall. Sie stolzieren auf den gerade gemähten Wiesen, stehen in ihren Nestern und fliegen majestätisch über die Felder. Das ländliche Litauen hat auch außerhalb der Wälder seinen großen Reiz. Ich schaue noch einem Storchenpaar hinterher, da steht plötzlich am Straßenrand ein großes blaues Schild: Latvia! Ich bin in Lettland, einfach so. Ach diese EU, schon toll.
Ich halte an und studiere erst mal intensiv die Geschwindigkeitsregeln. „Be careful in Latvia“, sagte mir der nette Mann beim Autoverleih in Vilnius, von da würden sie eine Menge Strafzettel bekommen. 50 innerorts und 90 außerhalb, auf unbefestigten Straßen 80. Ich sag’s gleich, meine Richtgeschwindigkeit in den nächsten Tagen werden die 80 sein, wobei man auf den Schotterpisten selten überhaupt schneller als 60 fahren kann. Meine erste lettische Begegnung ist die Dame an der nächsten Tankstelle. Ich fahre an die Säule, der Betrag vom Vorgänger leuchtet noch im Display, ich nehme den Zapfhahn, drücke ihn in den Tankstutzen, nichts passiert. Vielleicht muss man vorher zahlen, das war glaub ich in Amerika so. Also rein, ich zeige auf mein Auto, zucke die Schultern und die Dame übergießt mich mit einem Schwall empört klingender Worte. Öh? Dann geh ich halt wieder. Draußen versuche ich es noch mal und plötzlich fließt das Benzin. Gut, das wäre dann geschafft. Aber was hat die Gute nur so aufgeregt?
Ich fahre weiter Richtung Madona. Ein vollkommen uninteressanter Ort, sagt mein Reiseführer. Aber jetzt beginnt der genealogische Teil meiner Reise. Ich will sehen, wo mein Großonkel Ernst Krüger 1944 im Alter von 21 Jahren gefallen ist.
Ernst Krüger war der jüngste Bruder meiner Großmutter Meta. Als er 1923 in Pommern auf die Welt kam, war Meta schon 23 Jahre alt und hatte eine zweijährige Tochter. Die war damit älter als ihr eigener Onkel und vielleicht sind sie sogar zusammen groß geworden, im kleinen Schivelbein. Wann Ernst Soldat wurde, weiß ich nicht. Vom Volksbund deutscher Kriegsgräberfürsorge bekam ich vor Jahren die Auskunft, Ernst sei im August 1944 gefallen, und in der Dorfmitte von Kurtsalas, fünf Kilometer westlich von Madona, Lettland beerdigt. Schon damals war mir klar, dass ich irgendwann dort hin fahren würde.
Nach einigen Kilometern über unbefestigte Straßen komme ich in Kurtsalas an. Der Ort besteht aus drei Häusern und einer Scheune. Ich steige aus dem Auto und schaue mich ein wenig um, da kommt eine alte Frau aus ihrem Haus, vielleicht so um die 70. Sie guckt mich fragend an und ich strecke ihre mein Handy entgegen, mit Google Translate hatte ich den Satz „Ich suche ein Grab aus dem 2. Weltkrieg“ ins lettische übersetzen lassen. Sie schaut mich an, nickt und geht mit mir um das Haus in ihren Garten. Unter einem Baum bleibt sie stehen und deutet auf die Erde. Ich habe sie leider nicht verstanden, ich spreche kein Wort lettisch und sie vielleicht 10 Worte Englisch. 1944, sagt sie. Ja, sage ich und tippe ins Handy „Bruder meiner Großmutter“. Sie spricht weiter, hätte ich das nur alles verstehen können. Ich mache ein paar Photos und wir gehen wieder. Zum Abschied umarmt sie mich und winkt mir noch lange hinterher.
Was für ein Erlebnis. Was hätte meine Großmutter dazu gesagt? Ist es wirklich Ernst, der unter dem Baum vergraben liegt? Soll ich noch mal hin und aufnehmen, was die alte Frau sagt und das Ganze in Deutschland übersetzen lassen? Nein, dieser Moment war zu einzigartig, ich will jetzt glauben, dass der kleine Bruder meiner Omi an diesem friedlichen Ort in einem schrecklichen Krieg seine letzte Ruhe gefunden hat.
Am nächsten Tag ist Rundale mein Ziel. Ein schönes Schloss, steht im Reiseführer, und ich will eigentlich an die Ostsee, aber das ist ein Stückchen und ich mache lieber einen Zwischenstopp. Eigentlich sind es nur zwei Stunden von Madona nach Rundale, sagt das Navi. Wenn man 80 fährt auf unbefestigten Straßen. In Koknese mache ich eine Pause, eine idyllische Burgruine an einem See gelegen. Die Damen im Ticketoffice sind extrem nett, freuen sich über Besuch aus Deutschland und könnten es mit ihren weißblonden Haaren und langen Kleidern auf die Titelseite eines jeden Schweden-Reiseführers schaffen. Die Ruine ist stimmungsvoll, erinnert ein wenig an Irland, und der Wald nebenan ein netter Ort für einen kurzen Spaziergang. Jetzt aber weiter. Bald ist es mit den geteerten Straßen vorbei. Das Navi lotst mich auf eine Schotterpiste. Kann ja so lange nicht dauern, oder? Ein kurzer Blick, bitte 37 km geradeaus. Auf dieser Straße? Es werden letztendlich über 60 km auf der Piste, mal ein ganz kurzes geteertes Stück, wenn man durch ein Dorf kommt, aber nicht zu früh gefreut, rums, da ist es schon wieder vorbei mit dem Asphalt.
Ich komme am frühen Nachmittag in Rundale an und miete mich im Hotel gegenüber ein. Und dann auf ins Schloss. Und das ist mehr als einen Zwischenstopp wert. Von außen zunächst noch etwas unspektakulär, zumal wenn man ein paar Jahre in einem Schloss gearbeitet hat. Aber dann innen! Jeder Raum, jeder Saal ist farblich und stilistisch anders gestaltet. Dabei wirken die Zimmer manchmal richtig gemütlich. Vom Schlafgemach sehe ich auf den Garten hinaus, eine riesige Parkanlage. Rundale wird auch das Versailles des Baltikums genannt. Ich war noch nie in Versailles, also kann ich es nicht beurteilen, aber das ist schon ziemlich schön und mitten in der lettischen Pampa. Ich streife zwei Stunden durch die Parkanlage, hinter hohen Hecken finden sich verwunschene grüne Oasen, viele Familien sind an diesem Sonntag hierher gekommen und picknicken. Sehr hübsch hier!
Und dann weiter Richtung Ostsee. Ganz nach oben, wo sich am Kap Kolka Ostsee und Rigaer Bucht treffen. Wieder ein Nationalpark, wieder im Wald, aber mich kann ja langsam kein Holperweg mehr schockieren und der Fiesta trägt es mit Fassung. Für 29 Euro bekomme ich ein Holzhäuschen ganz für mich allein, unten Küche, Bad und Wohnzimmer, über eine Leiter gehts nach oben zu den Betten. Die Fahrt war lang, ich habe fünf Stunden gebraucht für die 250 Kilometer mit nur einem kurzen Essensstopp.
Der kleine Ort an der livländischen Ostseeküste ist jetzt genau das richtige. Ein kleiner Waldspaziergang, dann stehe ich am menschenleeren Ostseestrand, laufe erst nach links, dann nach rechts, suche mir ein Plätzchen in den Dünen. Das Licht ist toll, es ist schon halb neun, aber die Sonne steht noch hoch. Auch am nächsten Tag gehört mir der Strand allein. Ein kleiner Ausflug zum Kap, hier begegnet man schon mehreren Menschen, aber es wirkt trotzdem sehr einsam. Auf der Düne über dem Kap die Ruinen einer sowjetischen Militäranlage. Zu Sowjetzeiten war die gesamte Küste militärisches Sperrgebiet, schlecht für die Letten, gut für die Natur. Ein Stückchen weiter sehe ich mehrere große Holztonnen auf der Düne. Beim Näherkommen wird klar: das sind kleine Zimmer. Toll gemacht, die zum Meer gewandte Seite ist komplett aus Glas, was für ein Blick direkt aus dem Bett. Hätte ich nicht mein kleines Häuschen, hier würde ich gerne für eine Nacht einziehen.
Am Abend falle ich um neun ins Bett. Die Meerluft, die lange Wanderung am Strand – und schließlich ist ja Urlaub!

Litauische Landpartie

So langsam sollte ich mich Richtung Lettland aufmachen. Mein Rückflug geht ab Riga und außerdem muss ich dort noch in Sachen Familienforschung tätig werden. Also mit dem Bus nach Riga und von dort ein Auto mieten? Ach, schönes Litauen, ich würde ja gerne noch einen Eindruck vom Landleben bekommen. Also beiß ich in den sauren Apfel, bezahle eine One-Way-Gebühr und miete mir in Vilnius einen kleinen roten Flitzer, den ich eine Woche später in Riga abgeben werde. Und steuere als erstes Trakai an, in jedem Reiseführer hochgelobt für seine romantische Wasserburg. Das haben viele gelesen und die Nähe zu Vilnius sorgt dafür, dass die Gruppen busweise angekarrt werden. Der Ort und die Burg sind hübsch, aber eben auch voll. Ich esse eine Klienigkeit am See und starte dann zu meiner Unterkunft außerhalb von Trakai. Ein Bauernhof an einem idyllischen See, ich werde herzlich begrüßt und habe den ganzen Hof für mich alleine. Zwei Pferde, ein paar Katzen und dieser wirklich wunderschöne See. Die Vermieterin hat dann auch gleich Tipps auf Lager, es gibt ein schönes Herrenhaus gegenüber der Wasserburg, da sieht man die Burg auch, es gibt aber nur wenige Touristen. Klasse, das mach ich. Die gute Frau hat absolut Recht, ein idyllischer Landschaftsgarten, das edle weiße Herrenhaus und ein schöner Blick hinüber nach Trakai. Uzutrakis heißt der schöne Ort, falls ihr mal vorbei kommen solltet. Gegen Abend fahre ich nach Trakai hinüber, viel leerer ist es noch nicht, ich drehe eine Runde um die Burg, sie ist wirklich imposant. Ich kaufe mir ein paar gefüllte Teigtaschen, die Spezialität der Karäer, einer jüdischen Gemeinschaft in Trakai, die nicht dem Talmud folgen und glücklicherweise selbst Hitler zu unjüdisch waren. Mit den leckeren Täschchen und einem Bier setze ich mich auf den Holzsteg meines Privatsees und fühle mich wie in Lönneberga. 

Am Morgen hat die Wirtin einen weiteren Tipp für mich: ich soll mir Kernave anschauen, die erste Hauptstadt Litauens. Jetzt lag sie ja schon mal so richtig, Kernave ist auf meiner Route Richtung Norden und also schaue ich vorbei. Kernave gehört zum Weltkulturerbe, aber ihre Blütezeit ist schon viele hundert Jahre her. Ihre Hochzeit hatte sie im 13. Jahrhundert und heute sind von den fünf Wehrburgen nur noch Hügel übrig. Das Troja Litauens nennt sich der Ort auch, auf einem der Hügel wurde ein Wehrdorf neu nachgebaut, aber man muss historisch schon sehr interessiert sein, um hier voll auf seine Kosten zu kommen. Also mache ich mich bald weiter auf den Weg in den Aukstaitija Nationalpark im Nordosten. Mitten im Wald sei meine Unterkunft und die Wege nicht immer befestigt. stand in der Beschreibung. Ja, das kann ich bestätigen. Zunächst geht es noch über eine recht solide Schnellstraße. Am Wegesrand ein Schild, hier sei der geographische Mittelpunkt Europas. Ich halte an, neben einem Golfplatz führt eine Holzbrücke zu einer Säule, die von allen Fahnen der europäischen Mitgliedsländer gesäumt wird. Na, eine können sie ja bald runterholen. Und das soll der geographische Mittelpunkt Europas sein? Hier, so weit im Norden? Also bitte keine Zweifel, macht ein großes Schild deutlich. „Ungeachtet dessen, dass einige Länder sich eines geographischen Mittelpunktes Europas rühmen, liegt das tatsächliche und einzige geographische Zentrum Europas in Litauen.“ steht darauf in mehreren Sprachen. So, jetzt wissen wir’s! Und kein Widerspruch!

Ich fahre weiter, die Straßen werden enger und irgendwann führt mich das Navi auf eine Schotterpiste. Ich kann mich zum Glück nicht erinnern, dass auf dem Formular der Mietwagenfirma unbefestigte Wege ausgeschlossen waren. Bissle staubig, aber es geht schon. Und dann kommt der Wald und das Navi will, dass ich nach rechts auf einen Waldweg abbiege. Dann werd ich wohl gleich da sein, denk ich mir. Tja, es geht noch etwa 10 km mitten durch den Wald, langsam wird mir etwas mulmig, der Weg wird immer holpriger und enger, kann das wirklich sein? Irgendwann kein Netz mehr, na toll, jetzt sitz ich fest in den Weiten des litauischen Waldes. Wenden ist auf dem schmalen Weg ausgeschlossen, also weiter vorwärts und irgendwann tatsächlich ein Schild nach rechts zu meiner Unterkunft. Ich bin wirklich erleichtert…. Ein paar Holzhäuser auf einer großen Lichtung, ein Platz für ein Lagerfeuer, in der Ferne ein Hochsitz. Ist das idyllisch! Erst mal scheint niemand hier zu sein, dann kommt mir Marija mit ihrem Hund entgegen. Sie führt mich zu einem der Holzhäuser, das Zimmer ist wunderschön! Ich komme mir vor wie in einem Blockhaus, aber mit allen Annehmlichkeiten. In einer Karaffe wartet frisches Quellwasser auf mich, zwei gemütliche Betten, alles duftet nach Holz. Marija empfiehlt mir, einen Spaziergang durch den Wald zum See zu machen, es seien drei Kilometer und sie habe es gut ausgeschildert. Nur die Moskitos, die seien gerade sehr aktiv, ich soll lieber eine Mütze aufsetzen, sie stechen gerne in den Kopf. Ich ziehe trotz der Wärme meinen Anorak über und marschiere los. Kaum im Wald fallen tausende von Mücken über mich her. Ich ziehe die Kapuze ganz tief ins Gesicht, stecke die Hände die Jackentaschen, durch die gummierte Beschichtung kommen sie nicht durch, aber durch die Jeans. Ich schwitze und rase durch den schönen Wald. Irgendwann kommt der See in Sicht. Ein paar Holzhäuser und ein wunderschöner großer See. Und die Moskitos bleiben im Wald. Ich ziehe die Jacke aus, ich bin nassgeschwitzt. Was für ein schöner Ort! Ich sitze eine Stunde am Ufer, um sieben soll es Essen geben, also mal wieder rein in das Insektenparadies. Dafür werde ich später im Haus von Marija mit einem traumhaften Salat aus ihrem Garten, selbstgemachten Rehravioli und frischen Erdbeeren verwöhnt. Dieser Ort ist unfassbar, alles ist so liebevoll und perfekt gestaltet und so still, dass es mir fast in den Ohren dröhnt. Ich erkunde nach dem Essen die Lichtung noch etwas, ein Reh springt über den Weg, ich kriege sofort ein schlechtes Gewissen wegen der Ravioli. In meiner Blockhütte schlafe ich wunderbar, diese Ruhe ist unfassbar. Nach dem phantastischen Frühstück gehe ich noch die Ziegen besuchen. Kurz überlege ich, ob ich noch eine Nacht bleiben soll, aber das Moskito-Erlebnis schreckt mich etwas ab. Mit einem guten Insektenspray ist der Ort aber der absolute Traum!

Marija beschreibt mir eine Route zur lettischen Grenze, kein Problem, sagt sie. Sagen wir es mal so: ich habe aus dem großen Wald wieder herausgefunden. Aber sicherlich nicht auf dem direkten Weg. Und ich habe es nach Lettland geschafft. Davon dann demnächst mehr.