Oligarchin für einen Tag

Und ganz zum Schluss gönnen wir uns noch ein schönes Hotel in Taschkent. Soll ja auch ein bisschen Erholung sein. Das Ichan Qala gehört zu den ersten Häusern am Platz, für unsere Verhältnisse immer noch recht erschwinglich, und hier bekommen wir einen sehr interessanten Einblick in das Leben der usbekischen Oberschicht. 

Erst sind wir vom Zimmer etwas enttäuscht, ganz schön geschmacklos für unsere Verhältnisse, mit usbekisch hartem Bett und einem lilafarbenen Sofa, das jeder Beschreibung trotzt. Aber alles in allem recht angenehm. Das Hotel hat zwei Pools und das ist jetzt wirklich ein echter Luxus im heißen Taschkent. Den großen Innenpool haben wir ganz für uns alleine. Aber wer kam eigentlich auf die Idee, ihn mit einem Hai zu dekorieren? Am schönen Außenpool hämmert den ganzen Tag und Abend Discomusik. In großen aufblasbaren Plastikschwänen kann man sich übers Wasser treiben lassen und die Parade der Mädels der usbekischen High Society beobachten. Sehr russisch wirkt das alles auf uns. Designer-Bikinis, Designer-Lippen und Designer-Busen, Schwimmen nur mit überdimensionaler Sonnenbrille und am Beckenrand gelangweilt auf dem Handy rumtippen. Hier wird jedes Klischee bedient. Das Frühstück wird von Live-Musik begleitet, ein Geiger und so etwas wie eine Zither, was sich zunächst nach usbekischen Volksweisen anhört, entpuppt sich dann doch als eine Interpretation der internationalen Charts. Bräute in opulenten Hochzeitskleidern lassen sich im Eingangsbereich fotografieren. Unser Wirt in Buchara hatte uns erzählt, dass er zwei Jahre in Dubai arbeiten musste, um sich seine Hochzeit leisten zu können, das sei die Party des Lebens und unter 500 Gästen müsste man gar nicht erst anfangen zu feiern.
Vor dem Hotel parken große deutsche Autos, die ersten, die wir hier sehen. Und dann wir mit Birkenstocks und schon etwas ausgeleierten Hosen. Na ja, sie finden ja alle Deutschland so toll 🙂
Ich schmeiße mich auf einen goldenen Schwan, in meinem Adidas-Badeanzug , blicke durch meine Tchibo-Sonnenbrille und versuche, mich kurz wie eine Oligarchin zu fühlen. Macht Spaß!

Heute wollen wir gar nicht raus aus dem Hotel, die Sehenswürdigkeiten Taschkents haben wir besucht und erst spät treibt uns der Hunger in eine coole Burgerbar. Ich bekomme einen pinkfarbenen, Erics Burger sieht relativ normal aus, aber sie haben uns schwarze Latexhandschuhe dazu gelegt und die brauchen wir. Sehr saftig, diese Burger, und eine ziemliche Schweinerei, aber das scheint gerade echt in zu sein. Nicht ganz einer Oligarchin würdig, aber hip und ein lustiges Ende unseres Luxustages.

Unsere Reise nach Usbekistan ist zu Ende. Beim Zwischenstopp auf dem Istanbuler Flughafen ist Zeit für ein Resümee. Toll war’s. So viele neue Eindrücke. So anders als erwartet. So viel Schönheit. So nette Menschen. So entspannt. Und so viel einfacher als wohl noch vor einem Jahr. Usbekistan will den Tourismus und die Menschen, auch die in Uniformen, wollen endlich so nett sein dürfen, wie sie eigentlich sind. 

Was hat Dir am besten gefallen, fragt mich Eric. Samarkand, antworte ich spontan. Doch dann fällt mir auch Chiwa ein und das Teehaus in Buchara und der Keramikmeister im Fergana-Tal, die hinreißenden Kinder und die leckeren Somsas. Aber eigentlich sind es die Farben, diese strahlenden Blau-, Grün- und Türkistöne, die Usbekistan so besonders machen. Ich bin froh, dass wir uns so viel Zeit für den Registan in Samarkand oder die Türme in Chiwa genommen haben, dass wir versucht haben, uns an der Schönheit sattzusehen. Hat natürlich nicht geklappt, aber die Blicke haben sich schon sehr fest eingeprägt. Und es ist die Freundlichkeit der Menschen, die entspannte Lebensart, die das Land zu einem Erlebnis machen. Einmal in die Kissen eines Tapchans geworfen, hat man wenig Lust, diesen gemütlichen Ort wieder zu verlassen.

In jedem Fall war Usbekistan eine ganz neue Erfahrung, die schon wieder so viel Lust aufs Weiterreisen macht, dass mich der große Globonauten-kater zu überfallen droht. Es gibt so viele unglaubliche Orte auf dieser Welt und ich möchte sie am liebsten alle sehen.

Im wilden Fergana-Tal

Ein bisschen Abenteuer muss ja sein. Das Reisen auf der klassischen Seidenstraßenroute ist angenehm, die Abfolge der Orte vorgezeichnet und die touristische Infrastruktur gut. Wir haben noch eine knappe Woche Zeit und es gibt zwei Optionen, um von der Route abzuweichen: entweder in den Süden nach Termez an die afghanische Grenze. Das wäre für Eric natürlich toll, ein kurzer Blick hinüber ins Vaterland. Oder in den Osten ins Fergana-Tal. Termez ist der heißeste Ort Usbekistans und der Transport beschwerlich. Ins Fergana-Tal gibt es einen Direktzug von Samarkand aus, da fällt die Entscheidung dann leicht. Also besteigen wir am Morgen einen Wagen, der mich ziemlich an unsere Klassenreise in die Sowjetunion im Sommer 1983 erinnert. Ein Großraum-Schlafwagen, in offenen Abteilen jeweils zwei Liegen unten und oben. Uns gehören zwei untere, aber eine etwas mürrisch blickende Usbekin ignoriert uns, sie hat oben geschlafen und will jetzt unten frühstücken. Wir sitzen etwas unschlüssig auf unserer einen Liege, da entschließt sie sich, ihre Morgentoilette zu erledigen und verschwindet um die Ecke. Und gleichzeitig biegt der Schaffner um selbige, wir fragen ihn per Google Translate ganz unschuldig, wo Nummer 33 und 35 sei, da schreitet er zur Tat und bereitet uns zwei Schlaflager mit blütenweißer Bettwäsche. Als die Matrone frisch gewaschen zurück kommt, liege ich schon im Bettchen und sie muss nach oben klettern. Der Wagen ist insgesamt nicht in allerbestem Zustand, was uns nicht unbedingt stören würde. Schade ist nur, dass die Fenster so verdreckt sind, dass wir die dahinterliegende Landschaft nur erahnen können. Aber es wäre ja auch zu perfekt, gemütlich liegend dahinzuschaukeln und vom Bett aus die grandiose Bergwelt betrachten zu können. Neun Stunden dauert die Fahrt, das reicht für ein ganzes Buch und kurze Schlummer. Als wir um halb fünf in Kokand ankommen, fühlen wir uns fast ein bisschen erholt. 

Unser Hotel ist ziemlich neu und entspricht wohl dem, was sich der moderne Usbeke unter einer gehobenen Unterkunft vorstellt. Viel glänzender Marmorfußboden, Tapeten mit europäischen Wahrzeichen, glanzfurnierte Möbel, aber so richtig wohl fühle ich mich nicht. Der Restauranttipp des Rezeptionisten scheitert daran, dass wir kein Wort auf der Karte verstehen und uns Goggle Translate wieder mal im Stich lässt. Also gehen wir weiter und hoffen auf ein Restaurant in der Stadtmitte. Auf dem Weg dorthin fühlen wir uns ein wenig in den Wilden Westen versetzt – Autos jagen mit quietschenden Reifen durch die Straßen, Gehupe, ein Wagen überholt einen anderen und bremst diesen aus, bis beide zum Stillstand kommen. Die Fahrer springen raus, schreien sich an – hui, hier weht ein anderer Wind als im beschaulichen Samarkand. Das wilde Fergana-Tal ist für seine eigensinnigen Einwohner bekannt, wahrscheinlich alles Nachfahren von verwegenen Steppenreitern. Die Innenstadt hat das ein oder andere hübsche Haus zu bieten, aber so richtig einladend ist das alles nicht und zu essen gibt es auch kaum was. Am Ende werden es Hamburger. Oh je, was wollen wir hier?

Der nächste Tag wird dann schon etwas netter,
Kokand hat einen Khanspalast, der bestimmt einmal ganz grandios sein wird, wenn die Restaurierungsarbeiten abgeschlossen sind, aber wir sind gerade dankbar für alles. Dahinter finden wir ein Restaurant mit englischer Speisekarte und das mittelmäßige Geschnetzelte mundet uns plötzlich ganz hervorragend, so erleichtert sind wir, dass wir die nächsten Tage nicht von Fast Food leben müssen. Wir schlendern weiter und kommen zu einem kleinen Mausoleum auf einem Friedhof, das ein Treffpunkt des Viertels zu sein scheint. Im Eingangsbereich haben sich zwei Frauen niedergelassen, die Massagen und Behandlungen mit einem Kräuterstempel anbieten. Auf zwei Bänken sitzen Männer, die nicht nur Wasser verkaufen, sondern auch Segenssprüche verteilen. Wir nehmen unter einem schattigen Baum Platz und beobachten die Menschen. Eine Frau mit ihren Kindern kommt auf uns zu und möchte ein Photo mit uns, kriegt sie natürlich gerne. Sehr schön hier.

Und dann kippt die Stimmung vollends. So sehr zum positiven, dass wir am Ende mit großem Bedauern Abschied von Kokand nehmen werden.

Zunächst ist da unser Fahrer. Den hat uns das zunehmend sympathischere, leicht verpeilte Hotel organisiert. Er bringt uns zu den Attraktionen des Fergana-Tals, den Kunsthandwerkstätten. Er spricht nur russisch, wir können nichts außer da, njet, spasiba und pajalsta. Aber den Rest kriegt Google hin und wir haben viel Spaß, auch wenn das Gesagte nicht immer in sinnvolle Sätze übersetzt wird. Zuerst besichtigen wir die Seidenfabrik Yodgorlik. Unglaublich, wie traditionell hier noch produziert wird. Wir sehen die großen Kessel, in denen die Kokons gekocht werden. Die Seidenraupen, die eher wie fette Käfer aussehen, werden dabei gemeuchelt und der Konkon etwas entwirrt. Dann werde die superfeinen Fäden gesponnen, gefärbt, verwoben oder zu feinen Seidenteppichen verknüpft. Eine sehr freundliche Atmosphäre liegt über den Produktionshäusern, die Arbeiterinnen grüßen sehr freundlich und scheinen durchaus Spaß bei ihrer filigranen Arbeit zu haben.

 

Das mit der Keramikwerkstatt wird schwierig, bedeutet uns unser Fahrer, überall wird gebaut, und die Straße des größten Meisters ist gesperrt. Wir sind etwas enttäuscht, haben aber die Seidenfabrik und die gute Stimmung im Auto genossen, dann ist es nicht so schlimm. Da macht der Fahrer doch noch einen Anlauf, fährt auf eine Straßensperre zu und fängt an, mit dem Polizisten zu diskutieren. Und diskutiert. Und zeigt auf uns. Und diskutiert weiter. Irgendwann öffnet der Polizist genervt die Sperre und lässt uns passieren. Nur uns, nicht die zehn anderen Autos, die ebenfalls den Durchbruch versucht haben. Ha, gewonnen! Wir halten bei der Werkstatt von Meister Rustam Usmanov und betreten den Innenhof seines Hauses. Bereits die Herstellung einer Schale auf einer Töpferscheibe ist faszinierend, die größte Kunst besteht aber in der filigranen Bemalung. In einem weiteren Innenhof sitzen ein Mann und eine Frau über eine lange Reihe von Kacheln gebeugt. Ruhig und konzentriert malen sie die Muster nach, die zuvor mittels einer Schablone markiert wurden. Der Mann erklärt uns den Prozess in sehr gutem Englisch, sie produzieren gerade ein Küchenfries für ein Haus in Taschkent, mit feinen Pinseln, ruhiger Hand und gelassener Stimmung arbeiten sie mehrere Monate an diesem Kunstwerk. Alle Menschen, die uns in dieser Meisterwerkstatt begegnen, wirken sehr distinguiert und passen zu den wunderschönen Mustern, die sie produzieren. Wir sind begeistert von Atmosphäre und prächtiger Keramik. Mehrere Schälchen und Schalen wandern zum Abschluss in unser Gepäck und wir bedanken uns nochmals bei unserem Fahrer, dass er uns den Weg zum Meister freigekämpft hat.

 

   

Am späten Nachmittag kehren wir zurück nach Kokand und werden im Hotel herzlich begrüßt. Wir sollen doch bitte zum Abendessen im Hotel bleiben, der Chef habe Essen bestellt und wolle alle Gäste zum gemeinsamen Mahl einladen. Ok, das machen wir gerne. Später sitzen wir mit einer Gruppe Chinesen im Speisesaal, die Konversation kommt nicht so richtig in Gang, obwohl sie alle bis auf ein älteres Paar gut Englisch sprechen. Unsere Fragen werden knapp beantwortet und dann wieder ins Handy gestarrt. Da kommt der ältere Herr am Tisch auf uns zu und hält uns sein Handy hin. Er liebe Deutschland, er sei schon vier mal dort gewesen, das erste Mal Ende der 90er Jahre dienstlich, jetzt sei er pensioniert. Dann zeigt er uns Bilder von mehr Orten in Deutschland als wir je bereist haben und stellt uns pantomimisch seine Erlebnisse beim Biertrinken dar. Was er beruflich denn gemacht habe, fragen wir ihn per Google, und er antwortet, er sei Richter gewesen und habe sich Gefängnisse in Deutschland angeschaut. Die seien wie Hotels, fand er. So ein freundlicher, lustiger und wissbegieriger Herr, jetzt hoffen wir mal, seine Erkenntnisse haben in seinem Berufsumfeld in China für positive Entwicklungen gesorgt. Das Hotelpersonal setzt sich mit an den Tisch, die Stimmung ist gut, Fotos werden gemacht und Kontakte über Whatsapp vereinbart. Ja wer hätte das gedacht, dass es hier noch richtig lustig wird?

Am Morgen holt uns unser Fahrer wieder ab. Das Hotelpersonal ist gekommen, um uns zu verabschieden. Wir bekommen kleine Geschenke und sie winken uns nach als wir uns auf den Weg nach Taschkent machen. Diesmal sehen wir die Berge und türkisgrünen Seen in ihrer ganzen Pracht. Als wir uns der Großstadt nähern, werden wir fast ein wenig wehmütig. Ausgelassen hupend verabschiedet sich unser Fahrer von uns. War doch eine ganz besondere Erfahrung, dieses Fergana-Tal. 

Samarkand!

Nachdem sowohl der Reiseführer als auch freundliche Mitreisende vor allem von Chiwa und Buchara geschwärmt hatten, fragten wir uns, ob Samarkand da überhaupt noch Steigerungsmöglichkeiten bereithält. Tut es. Ganz eindeutig.

Zunächst einmal donnern wir mit 220 Sachen durch die Wüste. Afrosyob heißt unser schnelles Gefährt und es ist ein Hochgeschwindigkeitszug, den man hier jetzt wirklich nicht vermuten würde. Innen wirkt er wie ein Flugzeug und einmal gemütlich zurückgelehnt sind wir auch fast schon da, gerade mal anderthalb Stunden braucht er für die gut 250 Kilometer von Buchara nach Samarkand. 

Unser Guesthouse ist äußerst gemütlich, zwei nette Innenhöfe und überall lauschige Ecken, in denen man sich in die orientalischen Kissen fallen lassen kann. Mitten im Wohngebiet, aber keine 10 Minuten Fußweg vom zentralen Platz Registan entfernt. Und da gehen wir am frühen Abend natürlich noch hin. 

Vielleicht ist es ja so, dass ich im Alter sentimentaler werde. Oder aber, ich entdecke erst jetzt die besonders schönen Orte. Oder der Gewöhnungseffekt beim Reisen tritt bei mir nicht ein. Ich hoffe natürlich letzteres. Jedenfalls ist der erste Blick auf den Registan ein so überwältigender, dass mir die Tränen in die Augen schießen. Auf die Pracht der prunkvoll dekorierten Monumente war ich noch einigermaßen gefasst, was den Registan in Samarkand aber so einzigartig macht, ist die Größe der drei wunderschönen Medresen. So sehr erhaben stehen sie da, das Abendlicht taucht sie in warme Farben, ein architektonisches Meisterwerk. Man will den Blick gar nicht lassen von diesem Platz und ich schüttele immer wieder ungläubig den Kopf. Oh Mann, Samarkand.

Wir kühlen unsere Gemüter mit einem köstlichen Eis, irgendwie das Nationalvergnügen der Usbeken. Es ist immer Softeis, in diversen Geschmacksrichtungen und allen Größen, getoppt mit Soßen und Nüssen, die besten Stände immer umlagert. In der Ferne leuchtet eine weitere riesige Medrese, das scheint gar nicht aufzuhören in dieser Stadt. Der Park neben dem Registan ist zudem ein riesiges Sommervergnügen für Familien, abends werden Fahrräder und Roller an die Kinder verliehen, die über die Wege kurven, die Erwachsenen gehen spazieren. Als wir auf der breiten Treppe vor dem Registan Platz nehmen, setzen sich sofort zwei Mädchen mit ihrem kleinen Bruder zu uns, die plaudern möchten. Ein sehr entspannter Abend.

   

Am nächsten Tag sehen wir uns die Medresen am Registan von innen an. Und damit wir mit dem Staunen nicht aufhören, hält die Tilla Kari Medrese in einem Innenraum einen weiteren Gänsehautmoment bereit: die märchenhaft blau und golden dekorierte Moschee. Samarkand, mir gehen jetzt wirklich die Worte aus.

 

Und Samarkand, geht da noch was? Klar! Die Nekropole Shohizinda. In der Gasse der Mausoleen verliert man sich in den blau-türkisfarbenen Wanddekorationen, innen wie außen ist einfach alles wunderbar. 1200 gemachte Photos zählt Erics Kamera mittlerweile und sie hat noch Energie, die Pracht zu dokumentieren. Ok Samarkand, du hast uns sprachlos gemacht.

 

 

 

Wir hätten nicht gedacht, dass diese Stadt solche Höhepunkte für uns bereit hält. Chiwa hatte uns bereits begeistert, Buchara war toll und jetzt das. Was für ein Land! 

Aber jetzt machen wir uns auf, die touristischen Pfade etwas zu verlassen. Neun Stunden Bahnfahrt stehen uns bevor, um in das ganz im Osten gelegene Fergana-Tal zu gelangen. Es wird ein bisschen anstrengender werden und ein Abschied von der beeindruckenden Architektur. Aber, so viel sei schon jetzt verraten, auch hier erwarten uns unvergessliche Erlebnisse. 

Reisen in Usbekistan

Jetzt sind wir zwei Wochen in Usbekistan unterwegs, nicht unbedingt auf Routen, die niemand vor uns bereist hat, aber einen ersten Eindruck von Land und Leuten haben wir bekommen. Die Städte warten mit unglaublichen architektonischen Wundern auf und es ist uns ein Rätsel, wie es dieses Land bisher geschafft hat, sich der weltweiten touristischen Aufmerksamkeit zu entziehen. Aber wir haben das Gefühl, das ändert sich gerade. Zwar beherrschen noch geführte Gruppenreisen mit vorwiegend betagten Teilnehmern das Bild, aber der Wandel ist bemerkbar. Die neue Politik in Usbekistan ist ganz klar darauf ausgelegt, sich dem Tourismus zu öffnen und Schwierigkeiten für Individualreisende abzubauen. Berichten unsere Reiseführer noch von schikanösen Polizisten und sinnlosem Bürokratismus, so haben wir bisher nur positive Erfahrungen mit offiziellen Stellen gemacht. Die Sache mit dem Geld, die ist vielleicht etwas nervig. Bargeld ist Trumpf in Usbekistan, bisher haben wir nur in einem Hotel mit der Kreditkarte zahlen können. Ich berichtete ja bereits, dass wir (gebügelte) Dollar und Euro von zuhause mitgebracht haben, aber das Reisen mit größeren Mengen Bargeld ist nicht so ganz unsere Sache. Einmal haben wir nach längerer Suche in Taschkent Dollar am Automaten abheben können. Der Umtausch in Som klappt – solange es sich um unbeschädigte Banknoten handelt – meist gut. Wenn man um die „Kreditbank“ mit ihrem unverschämten Wechselkurs einen Bogen macht. Verlassen kann man sich auf die NBU, die National Bank of Usbekistan. 2017 wurden größere Banknoten eingeführt, wir tragen zwar schon ein paar Bündel Scheine mit uns rum, aber früher benötigte man nach einer Wechselaktion durchaus einen kleinen Rucksack, um das Geld davon zu tragen.

Usbekistan ist ein günstiges Reiseland. Am stärksten schlagen Übernachtungen zu Buche, wir haben im Schnitt etwa 50 Dollar pro Nacht gezahlt. Verzichtet man auf ein eigenes Bad, kann es deutlich billiger werden. In den Übernachtungspreisen ist immer ein reichhaltiges Frühstück enthalten, das uns meist bis nachmittags gesättigt hat. Essen gehen ist sehr günstig, besucht man einheimisches Lokale, liegt die Rechnung für zwei um die 5 Euro, wenn man sich an Grillspieße, Tomaten-Gurkensalat und Brot hält. Transport ist ein echtes Schnäppchen, für die neunstündige Bahnfahrt von Buchara ins Fergana-Tal zahlen wir für unsere zwei Schlafwagenplätze 30 Dollar. 

Und Usbekistan ist sehr einfach zu bereisen. Zumindest solange man sich im touristischen Viereck Chiwa-Buchara-Samarkand-Taschkent bewegt.  Fast überall kommt man mit Englisch durch und wer russisch spricht, wird hier gar kein Problem haben. Unterkünfte und Restaurants sind sehr sauber. Auch wenn man das Leitungswasser nicht unbedingt trinken sollte. Das Internet funktioniert auch meistens und bis auf den 24-stündigen Stromausfall in Samarkand klappte es bei uns auch mit der sonstigen Infrastruktur.

Wirklich toll sind die Usbeken selber. So freundlich, so aufgeschlossen, so hilfsbereit, so interessiert. Selbst in den großen Städten, in denen sie mittlerweile an Touristen gewöhnt sein müssten, wird man immer wieder gefragt, ob sie ein Photo mit uns haben können.

Es ist ein Land im Aufbruch, das spürt man sehr deutlich. Den jungen Leuten ist klar, das jetzt ihre Chance gekommen und der Schlüssel hierfür eine gute Ausbildung ist. Auf dem zentralen Platz von Samarkand, dem Registan, sitzt man nicht lange allein, Studenten nutzen die Gelegenheit, einen Plausch auf Englisch zu halten. Politische Reformen haben aus der einstigen Diktatur ein sich öffnendes Land gemacht, das zwar noch einen weiten Weg vor sich hat, aber die richtige Richtung eingeschlagen zu haben scheint.

Was uns ganz besonders auffällt, sind die fröhlichen Kinder, frech und neugierig, so wie Kinder halt sein sollten. „Hello“ schallt es uns überall entgegen, und sie freuen sich unglaublich, wenn man zurück grüßt oder winkt. Und dabei handelt es sich meistens um ganz besonders hübsche Kinder, so wie viele Menschen hier optisch das beste von Orient und Asien in sich vereinen.

Die Frauen kleiden sich häufig noch traditionell, blumig gemusterte lange blusige Oberteile über weiten Hosen und Kopftücher. Für unsere Augen wirkt es immer mal wieder wie ein Schlafanzug. Viele Männer tragen die traditionelle Kopfbedeckung „Doppa“. Eric hat auch sofort zugelangt und ist sehr zufrieden.

 

 

 

Alles in allem: ein wunderbares Reiseland und jetzt ist genau der richtige Zeitpunkt, Usbekistan kennenzulernen! 

Genießen in Buchara

Es warten noch weitere Wunder auf uns in Usbekistan, da sind wir uns sicher, und deswegen verlassen wir das schöne Chiwa nach vier Tagen wieder. 450 Kilometer durch die Wüste bis nach Buchara, immer entlang der turkmenischen Grenze, mit unserem privaten Taxi für 35 Euro. Aber bevor die Reise richtig losgeht, erst mal ab zum Tanken. In Usbekistan wird viel mit Gas gefahren, wir nähern uns der großen Tankstelle mit der Aufschrift „Methan“, da stoppt der Fahrer an einem Wartehäuschen und bittet uns, hier auf ihn zu warten. Und wir sind nicht die einzigen, die hier abgesetzt und später wieder aufgelesen werden. Gastanken in Usbekistan scheint gefährlich zu sein, Fabiano hatte uns am Vortag bereits erzählt, dass es gerne mal zu Explosionen dabei kommt und daher nur die Fahrer in die Tankstellen fahren dürfen. Wenns dann bumm machen sollte, wäre nur ein Opfer pro Fahrzeug zu beklagen. Dann hoffen wir mal, dass wirklich nur das Tanken bei diesen Fahrzeugen explosionsgefährdet ist. Die Straße ist in keinem guten Zustand, wir holpern mit unserer kleinen Gasbombe im Kofferraum in sportlichem Tempo über den löchrigen Asphalt und unser Fahrer bremst nur ab, wenn sein Radarwarngerät anspringt. Bis zu 300 Dollar, mehr als ein Monatsgehalt, können für Geschwindigkeits-übertretungen fällig werden und dazu der Ärger mit der hier sehr gefürchteten Polizei. Irgendwann geht die holprige Straße in eine recht gute Autobahn über, die wir fast für uns alleine haben. Links und rechts Wüste so weit wir schauen können. Wochenlang haben die Karawanenreisenden nichts anderes gesehen als diese kargen Sandhügel mit Dorngestrüpp. An einer kleinen Raststätte halten wir, „Border“ steht auf einem Schild und bitte auf keinen Fall Photos machen. Da drüben liegt also Turkmenistan, ein Land, von dem ich keinerlei Vorstellung habe. Aber wer weiß, wir kriegen ja gerade erst richtig Lust auf Zentralasien.

Am späten Nachmittag erreichen wir Buchara. Die historische Altstadt ist autofrei, so laufen wir die letzten Meter zu unserem Hotel, in dem wir herzlich mit Tee und Süßigkeiten empfangen werden. Eine altes Kaufmannshaus mit hübschem Innenhof und blitzblanken Zimmern. Bei unserem ersten Spaziergang durch die Altstadt fremdeln wir etwas – auf dem zentralen Platz der Altstadt ist usbekisches Remmidemmi, große Gruppen, laute Musik, viele Stände mit Touristenramsch. Kurz sehnen wir uns ins ruhige Chiwa zurück.

Am nächsten Morgen zeigt sich Buchara dann aber von seiner spektakulären Seite und alles ist wieder gut. In den überkuppelten Basaren stellt sich rasch das Seidenstraßen-Feeling wieder ein. Wir laufen zum prachtvollen Platz am Kalon-Minarett, auf dem sich die Kalon-Moschee und eine Medrese gegenüberstehen. Wieder so ein Anblick, der fassungslos macht. Die riesigen Portale, prachtvoll verziert, die prunkvollen Innenhöfe, so viel Schönheit. Eigentlich kann man es kaum beschreiben, deswegen lasse ich mal wieder Erics schöne Bilder sprechen.

  

     

Vor der Moschee sprechen uns vier Jungs an, der kleinste vielleicht gerade 10, der älteste wahrscheinlich 15. Sie würden für die Englischprüfung lernen und möchten sich unterhalten. Das passiert uns hier immer mal wieder, die Leute sind so freundlich, so interessiert, möchten unbedingt wissen, woher man kommt und wie man Usbekistan so findet. Und möchten zum Schluss ein gemeinsames Photo. In Indien wurde mir ja schon manch ein Kleinkind in die Arme gedrückt für’s Familienalbum, aber da ging es tatsächlich meist ums Bild mit der exotischen Europäerin. Hier scheint das Photo eher die Erinnerung an ein freundliches Gespräch festhalten zu sollen. Wir finden ein stimmungsvolles Teehaus, kühl und schattig, in dem wir zu einer Kanne sensationellem Kräutertee kleine Teller mit orientalischen Süßigkeiten bekommen. Es ist Nebensaison, eigentlich schon ein wenig zu heiß, aber auch deutlich touristenärmer. So bekommen wir überall dort Platz, wo es schön aussieht, und die volle Aufmerksamkeit der freundlichen Bedienungen. Das jüdische Viertel von Buchara ist voll von geschmackvoll renovierten Restaurants und Hotels. Aber nichts ist so spektakulär wie das Restaurant Aivan. Versteckt im Innenhof eines Hotels ist der Speisesaal der schönste, in dem ich je gegessen habe. Man kann sich kaum satt sehen an den prachtvoll dekorierten Wänden, der hohen Holzdecke, den Antiquitäten, die in den kleinen Wandnischen Platz gefunden haben. Wir sitzen in bequemen Clubsesseln, speisen ganz hervorragend und sind viel zu leger angezogen für dieses traumhafte Ambiente. Trotzdem erreicht die Rechnung am Ende dieses wunderbaren Abends keine 20 Euro. Aber auch weniger exquisite Lokalitäten werden wir so schnell nicht vergessen. Wir schlendern durch einen Park, vorbei an einem Mausoleum und kommen zu einem kleinen See. An seinem Ufer ein ganz einfaches kleines Restaurant, mehrere Tapchans unter schattigen Bäumen. Wir bestellen Tee bei der freundlichen alten Dame und liegen fast eine Stunde auf dem gemütlichen Hochbett, beobachten die Menschen, lesen und fühlen uns sehr wohl. Genauso wie am nächsten Tag auf einer Bank vor der reizenden kleinen Char Minar mit ihren vier blauen Türmchen, mitten in einem Wohngebiet.

Buchara hat viele Sehenswürdigkeiten zu bieten, die große Festung Ark, die vielen Medresen und Moscheen, die Basare. Die Hauptattraktion sind für uns aber die schönen Unterkünfte, Restaurants und Cafés. Sie machen es sich sehr schön, die Usbeken, und sie haben eine sympathisch-geruhsame Lebensart. Davon demnächst mehr.

Im Wunderland

Taschkent liegt im Osten Usbekistans, die drei Topziele Samarkand, Buchara und Xiva eher Richtung Westen, und die Distanzen sind groß. Um einen Inlandsflug würden wir nicht drumrumkommen und so haben wir uns schon in Deutschland entschieden, von Taschkent ins am weitesten entfernte Xiva zu fliegen, weit oben und fast an der Grenze zu Turkmenistan. Die Abendverbindung gibt uns noch fast einen ganzen Tag in Taschkent und nach einem ziemlich holprigen Flug landen wir um halb neun im dunklen Urgench, der Hauptstadt der Provinz Choresmien. Unsere Pension hat die Abholung organisiert und das funktioniert wunderbar, wie bisher alles in Usbekistan. 35 km fahren wir über holprige Straßen und dann tauchen sie auf, die antiken Stadtmauern von Xiva. Wie eine große Sandburg und als das Auto durch das Nordtor schaukelt, hören auch die befestigten Straßen auf. In unserer Pension ist alles ganz neu und liebevoll traditionell dekoriert. Eigentlich wollten wir noch einen kurzen Abendspaziergang machen, aber wir sind ziemlich erledigt und schlafen bald ein. Die Betten sind hart, die Kissen prallvoll gestopft, da hätten sie uns auch bezogene Holzblöcke geben können, aber das scheint recht normal zu sein hier. Ich bin offensichtlich so müde, dass ich trotzdem gut und lange schlafe, Eric wacht gerädert auf. Wir fragen den netten Wirt, ob er vielleicht ein etwas flacheres Kissen hätte, und am Abend scheinen sie dann nicht mehr ganz so aufgeplustert. Wegen der Flaumreste auf dem Boden vermuten wir, dass sie einfach ein paar Federn herausgenommen haben. Nach einem leckeren Frühstück machen wir uns dann auf, Xiva zu erkunden. Eine schöne Oasenstadt und wichtiges Handelszentrum der Seidenstraße, sehr gut erhalten und sehr sehenswert, sagt der Reiseführer. Eine absolute Untertreibung, stellen wir fest, als wir um die Ecke unseres Wohnviertels biegen. Wo man hinschaut prachtvolle Moscheen und Medresen aus hellem Backstein, dekoriert mit blaugrünen Kacheln und mit türkisfarbenen Kuppeln, alles so gut erhalten und restauriert, würde Aladin auf seinem Teppich vorbei fliegen, es würde uns nicht wundern. 

Die Minarette habe hier nicht die schlanke Form, die wir aus der Türkei oder sogar aus Deutschland kennen. Es sind massive bauchige Türme, gut fünfzig Meter hoch. Der Kalta Minor ist komplett von türkisfarbenen Kacheln bedeckt und endet recht abrupt. 70 Meter hoch sollte er werden, wegen des kriegsbedingten Todes seines Bauherrn Mitte des neunzehnten Jahrhunderts reichte es nur für knapp 30, aber das tut seiner Schönheit keinen Abbruch. Beim eleganteren Islam Hodscha dominieren die hellen Backsteine, türkisfarbene Musterstreifen dekorieren ihn dezent. Die Mehrzahl der religiösen Gebäude sind nicht etwa Moscheen, sondern Medresen, die Universitäten der damaligen Zeit. Durch ein riesiges rechteckiges Portal, den Pischtak, betritt man einen großen Innenhof. Rundum befinden sich meist zweistöckig die Studentenzellen, die Eingänge schön dekoriert. Souvenirhändler haben sich in den kleinen Lernräumen niedergelassen, manche Medresen wurden auch zu stilvollen Hotels umgestaltet. Den Helden vergangener Jahrhunderte sind prunkvolle Mausoleen gewidmet. Das beeindruckendste und stimmungsvollste ist für uns das Pachlawan-Machmud-Mausoleum, opulent mit blauen Kacheln ausgekleidet und als wir uns auf eine der Bänke setzen, kommt plötzlich ein Imam in den Raum, nimmt auf einem Stuhl Platz und beginnt zu singen. Ein magischer Moment.

Es ist heiß in Chiva, das Thermometer kratzt an den 40 Grad, aber das lässt alle in einen gemütlichen Schlenderschritt verfallen und die wandernde Sonne beschert uns alle paar Stunden ein ganz anderes Licht auf diese unglaubliche Stadt. In fast jedem der alten Gebäude ist ein kleines Museum untergebracht, mal geht es um usbekische Musik, mal um Keramik und besonders interessant ist das über die Mennoniten. Stricksocken mit nordisch anmutenden Mustern werden an den Souvenirständen verkauft und es wird vermutet, dass es sich hierbei um ein Erbe dieser deutschen und schweizerischen Auswanderer handelt. 50 Jahre lebten sie bis 1935 in Chiwa und haben neben den Sockenmustern manch einen prächtigen Holzboden in den alten Häusern hinterlassen. Am Abend finden wir ein Restaurant, in dass wir auch an den folgenden Abenden zurückkehren, denn es ist perfekt. Auf einem Tapchan, einer Art Holzbett mit weichen Matten, Kissen und einem niedrigen Tisch, lässt es sich stilecht orientalisch fläzen, hinter und vor uns jeweils eine riesige Medrese, in der Ferne einer der hohen Türme. Die untergehende Sonne lässt den sandfarbenen Stein golden leuchten, das Türkis der Kacheln funkelt, Schwalbenschwärme drehen ihre Runden über uns und werden später von kleinen Fledermäusen abgelöst. Was für ein phantastischer Ort. Was für eine Erinnerung. Weiß Du noch damals in Chiwa, in diesem wunderbaren Restaurant?

Trotz aller Magie möchten wir auch die Umgebung von Chiwa kennenlernen und planen eine Tour zu den Wüstenschlössern von Karakalpakstan. Das klingt doch nach Orient und Karawane! Wir aber wählen ein schnödes Auto, das wir uns mit zwei freundlichen Italienern aus unserer Pension teilen. Fabiano ist perfekt vorbereitet, er spricht sogar ein paar Worte Usbekisch und hat die interessantesten Festungen ausgewählt. Und dann beginnt eine heiße, staubige, aber faszinierende Reise zu den 2000 Jahre alten befestigen Siedlungen, die wir fast für uns alleine haben. Wir erklimmen die Hügel in der flirrenden Hitze, schauen hinunter in die karge Wüste und stellen uns vor, wie die Karawanen hier vor hunderten von Jahren Station machten und ihre Waren verkauften. Die Festung von Ayaz Kala ist hierfür ganz besonders geeignet, erst ein Marsch durch die Wüste, dann ein steiler Anstieg, ein atemberaubender Blick und auf dem Rückweg hat sich doch tatsächlich ein Kamel vor dem Palast in Position gebracht. Es gehört zum Camp nebenan, in dem wir in einer Jurte eiskalte Cola bekommen und draußen im heißen Wüstenwind schaukeln können.

 

 

Nach fünf Schlössern sind wir erledigt – Sonne und Staub, holprige Straßen und viel Abenteuer. Es war ein interessanter Tag in guter Gesellschaft, aber jetzt wollen wir nur noch in unser traumhaftes Restaurant, die Schwalben im Sonnenuntergang beobachten und den Abend mit einem kühlen Bier ausklingen lassen. 

        

P.S. Den schönen Abend hat uns noch nicht mal eine feierfreudige Seniorenreisegruppe vermiesen können, die zu „Besame mucho“ auf der Balalaika animiert von ihrer Reiseleisterin das Tanzbein schwingen mussten. Ach, diese Alten, denken wir, und dann rechnen wir kurz nach, wie viele Jahre uns von ihnen trennen…..

Asien mal zentral

Etwas amputiert fühlt es sich schon an, auf maximal zwei mal drei Wochen Reisezeit im Jahr beschränkt zu sein. Als ordentliche Globonauten brauchen wir das Abenteuer, ein bisher ganz weißer Fleck auf unserer Reisekarte war Zentralasien und hier wird man doch bestimmt sofort in die Exotik gestoßen. Die Seidenstraße, Samarkand, Buchara – Kamelkarawanen mit feinsten Stoffen und duftenden Gewürzen ziehen vor unseren Augen durch die Wüste – da wollen wir hin. Und als wir dann noch hören, dass die Visapflicht für Deutsche im Januar 2019 aufgehoben wurde, ist die Entscheidung für Usbekistan gefallen. So richtig einfach wird es wohl trotzdem nicht, wir lesen von endlosen Einreise- und Zollformalitäten, mitgeführte Medikamente müssten pillengenau angegeben werden und Kreditkarten seien weitgehend unbekannt. Dafür regiert das druckfrische westliche Bargeld – aber bitte makellos und ungeknickt. So bügele ich vor der Abreise nicht nur T-Shirts und Blusen, sondern tatsächlich auch die ein oder andere Dollarnote. 

Der Flug ist angenehm. Erst drei Stunden nach Istanbul und nach kurzweiliger Wartezeit im neuen Flughafen noch mal viereinhalb nach Taschkent. Es ist kurz nach Mitternacht und wir machen uns auf was gefasst. Gerne mal zwei Stunden könne die Einreise dauern, hieß es, und die könnten unangenehm sein. Die Schlange an der Passkontrolle ist kurz – dann muss die Bürokratenhölle dahinter auf uns warten. Etwas nervös schaue ich dem Grenzbeamten dabei zu, wie er meinen Pass inspiziert – der schaut mich an und sagt „Chulia Henke – Welcome“. Und schwupps scheine ich drin zu sein in Usbekistan. Während Eric auf die Koffer wartet, schaue ich mich nach den Zollformularen um, allzeit bereit, meine Medikamentenliste zu zücken, aber ich finde nichts. Also spreche ich einen Zollmitarbeiter an, der überreicht mir freundlich und in gutem Englisch zwei Formulare und nachdem Eric unser Gepäck erobern konnte, machen wir uns daran, sie auszufüllen. Aber warum sind wir die einzigen, die hier stehen und eintragen, dass wir Handys und Laptops dabei haben? Da kommt wieder ein freundlicher Beamter vorbei, fragt, ob wir mehr als 5000 Dollar dabei haben, und als wir verneinen schüttelt er den Kopf und sagt „Kein Formular“. Kann denn das jetzt sein? Einreise innerhalb von zehn Minuten? Und keiner will meine schöne Pillenliste sehen? Kurze Zeit später sitzen wir im Taxi und nähern uns im nächtlichen Taschkent unserem Guesthouse. Und liegen eine Stunde nach der Landung in blitzsauberen Betten und träumen uns in tausend und eine Nacht.

Der Tag beginnt mit einem leckeren Frühstück unter Aprikosenbäumen im Innenhof. Unser Gastgeber stattet uns mit allem aus, was der moderne Globonaut braucht, nämlich zwei SIM-Karten mit unendlichen Gigabyte. Nur Geld tauschen, das müssen wir auf der Bank. Er beschreibt uns den Weg und nach einem kurzen Spaziergang durch ein freundliches Wohnviertel mit vielen Maulbeerbäumen stehen wir vor dem Zentralbasar von Taschkent – ein riesiger Kuppelbau mit allem, was das kulinarische Herz oder besser der Magen begehrt – Gemüse und Obst im Überfluss, getrocknete Früchte und Nüsse, Fleisch und Brot. Doch nichts von der Hektik, die wir von anderen asiatischen Großstädten kennen – alles geht in einem angenehmen, freundlichen Tempo. Kein Geschubse, kein Gedränge, ein Mann kommt auf uns zu, gibt uns die Hand, sagt ein paar freundliche Worte und ist wieder verschwunden. Mit etwas Suchen finden wir die Bank. Aber alles was wir über die Annahme von Geldscheinen gelesen haben, stimmt. Eric überreicht mehrere Euroscheine, die beiden Damen am Schalter überprüfen sie peinlichst genau und finden an einem doch tatsächlich einen winzigen Riss an der Ecke. Dafür würden wir 5% weniger kriegen, sagt sie streng. Kurz darauf sind wir Som-Millionäre. Wir bummeln über den Markt zu den  gegenüber gelegenen Arkaden. Handwerker präsentieren dort ihre Waren, Möbel, Küchenutensilien und Textilien. Wahrscheinlich sah das vor 100 oder gar 500 Jahren nicht viel anders aus. Langsam werden wir hungrig und stoßen auf ein kleines Straßenrestaurant in den Arkaden, Somsa gibt es hier und essenstechnisch bin ich vorbereitet. Ich liebe die Youtube-Videos von Mark Wiens, der sich durch die Welt reist und isst, I travel for food ist sein Motto, und Usbekistan hat er auch bereist. Die Teigtaschen mit würziger Füllung, die im Lehmofen gebacken werden, hat er besonders gelobt und ja: er hat recht! Der Teig so knusprig, die Füllung so saftig und perfekt gewürzt, und das ganze für weniger als einen Euro das Stück – so gut. Wir streifen weiter durch Taschkent, viele Sehenswürdigkeiten hat die Stadt, die in den sechziger Jahren bei einem Erdbeben zerstört wurde, nicht, aber sie überrascht uns trotzdem. Das gemächliche Tempo, das uns bereits auf dem Markt aufgefallen ist, scheint überall zu herrschen. Taschkent ist sehr großzügig angelegt, breite Boulevards, große Kreisverkehre, immer mal wieder ein Park: Platz scheint hier kein Problem zu sein. Im Gegensatz zu Stuttgart eine Stadt, in der Infrastruktur und Einwohner in einem guten Verhältnis stehen. Die Zerstörungen des Erdbebens haben sie genutzt, um eine Metro zu bauen, ganz nach Moskauer Vorbild mit grandios dekorierten Stationen, und die bringt uns am Abend in die russische Neustadt. Die sowjetischen Monumentalbauten sind sichtbar, aber nicht unangenehm. Wir sind hierher gekommen, um koreanisch zu essen, denn in Usbekistan und besonders in Taschkent gibt es eine große koreanische Community. Der ideale Ort für ein authentisch koreanisches Essen. Wir finden ein hochgelobtes Restaurant, sind ausgestattet mit einer Übersetzungs-App, scheitern dann aber kläglich an der Speisekarte. Koreanische Gerichte, ausschließlich in kyrillischer Schrift, da streikt auch die moderne Technik. Die Kellnerin spricht nur koreanisch und russisch, irgendwann deute ich auf das lecker aussehende Essen auf dem Nachbartisch, Eric tippt einfach so in der Karte herum.  Das letzte mal als wir so bestellt haben, es war in Japan, bekamen wir Horumon-Yaki serviert, eine Zusammenstellung furchtbarster Innereien. Hier haben wir Glück, kurze Zeit später sitzen wir vor einem Tisch voller köstlicher Dinge.

Am nächsten Tag bekommen wir einen ersten Eindruck von der Pracht religiöser usbekischer Gebäude. Wir besuchen Khast-Imam, das religiöse Zentrum Taschkents. Atemberaubend und grandios, die Moscheen und islamischen Schulen. Hier lasse ich einfach die Bilder sprechen. 

 

Zum Mittagessen landen wir eher zufällig in einem usbekischen Alltagsrestaurant, sehr gut besucht und ohne jeden Charme. Braucht es aber auch nicht, denn im Mittelpunkt steht Laghman, eine weitere usbekische Spezialität. Hausgemachte Nudeln in einer sensationellen Brühe mit Gemüse und Fleisch (ohne das geht hier nichts), eine leichte Sternanisnote, ziemlich perfekt für etwa zwei Euro. 

Was für ein Einstieg in dieses wunderbare Land. Und es wird noch viel besser werden…

Ich bin Mette-Marit!

Das Fort von Jodhpur ist nicht nur bei stimmungsvoller Abendbeleuchtung eine Augenweide, sondern auch tagsüber und von innen. Beim Frühstück genießen wir den Blick auf die beeindruckende Anlage und damit steht auch das Programm für heute fest: rauf da! Die Sonne brennt bereits und so entscheiden wir uns für eine Motorrikscha für den Weg nach oben. Wir sind eindeutig nicht die einzigen, die die ab dem 15. Jahrhundert erbaute Festung sehen wollen. Es sind aber überwiegend indische Touristen, die die Schönheiten ihres Landes erkunden wollen. Wir stärken uns zunächst mit einem leckeren kalten Kaffee, lernen einen freundlichen Inder aus Delhi kennen, der uns zu sich einlädt, wenn wir das nächste Mal dort sind und gehen dann die Mauern hinauf durch eines der beeindruckenden Tore bis zum Palastkomplex. Und der ist einfach atemberaubend schön. Noch zauberhafter, noch bunter, noch prächtiger als in Udaipur und mit einem für mich ganz besonderen Zauber: hier praktiziert Mr. Sharma, der Handleser. Und bei dem war ich schon vor vielen Jahren bei unserem ersten Besuch in Jodhpur. Damals war er allerdings bereits ein älterer Herr, ob er immer noch hier sein wird? Ist er und keine Frage: da muss ich noch mal hin. Wie damals ist es auch heute wieder unglaublich, wie gut er mich einschätzt. Nicht alles stimmt exakt, aber die Grundlinien meiner Persönlichkeit skizziert er verblüffend genau nach einem raschen Blick in meine Hände. Und deswegen vertraue ich seiner Prognose, dass alles gut sein wird in meiner Zukunft. Und wenn nicht, Mr. Sharma, dann komme ich wieder.
Jodhpur wird auch die blaue Stadt genannt und das liegt an den vielen blaugestrichenen Häusern der Altstadt. Von hier oben sieht man das besonders gut. Wir genießen den Blick hinunter und machen uns dann auf den Rückweg. Der Abstieg ist steil, aber kurz und so sind wir erstaunlich rasch wieder in in der Kühle unseres schönen Hotels. Wir müssen ja auch schauen, wohin es als nächstes geht. Mal ein bisschen Ruhe abseits der Städte, das wärs. Und Eric wird dann fündig – unser nächstes Ziel heißt Chandelao, ein kleines Dorf etwa 40 Kilometer von Jodhpur entfernt. Wir haben wenig Vorstellung, was uns da erwartet, aber die Hotelkritiken sind überragend und wenn es uns nicht gefällt, dann gehen wir wieder. Das Taxi biegt nach etwa einer Stunde auf einen holprigen Weg ab und wir ruckeln zwei Kilometer in die Landschaft hinein. Dann beginnt der Ort und er ist ganz reizend. Saubere kleine Häuser, ein paar Kühe hier, Ziegen da, sogar zwei Esel. Vor einem großen Tor halten wir, hier muss es sein. Zwei Männer mit bunten Turbanen kommen heraus, nehmen uns unsere Taschen ab, ja, hier sind wir richtig. Hinter dem Tor tut sich ein schöner Garten auf, rundum die früheren Tierställe, in denen sich jetzt die Zimmer befinden, und in der Mitte das alte Wohnhaus aus der Mitte des 18. Jahrhunderts. Unser Zimmer bietet erstaunlichen Komfort für diese abgelegene Gegend, Ventilatoren und Klimaanlage, ein sehr gemütliches Bett und ein großes blitzeblankes Bad. Zwei Sessel unter einem schattigen Baum warten nur auf uns und weiter hinten blitzt doch tatsächlich ein Swimmingpool. Jetzt ist erst mal Erholung angesagt. Am späten Nachmittag schauen wir uns das kleine Dorf an, das unsere kleines Landgut umgibt. Ein wirklich netter Ort, wie aus der Zeit gefallen, mit unglaublich freundlichen Menschen. Photo, Photo schreien die Kinder und stellen sich dann zum Gruppenbild auf. Zwei ältere Herren winken einen Nachbarn, der etwas Englisch spricht, heran, damit er übersetzen kann. Wo wir her kommen, wie alt wir sind, ob es uns gefällt. Aus den offenen Haustüren werden wir gegrüßt und scheinen eine kleine Sensation zu sein – obwohl das Hotel ja sicherlich einige Touristen anlockt. Wir laufen ein Stück aus dem Dorf raus, die Leute kehren von den Feldern zurück, treiben Ziegen, Schafe und Kühe zurück in den Ort. Auf der rechten Seite ein kleiner See, sehr idyllisch und in keiner Weise so verdreckt wie die meisten indischen Gewässer, die uns bisher begegnet sind. Ein Vogelparadies, in der Ferne sehen wir Pfauen, Kühe kommen kurz zum Trinken vorbei. Wir genießen die Abendstimmung und schlendern irgendwann ins Dorf zurück. In unserem Hotel haben sie für uns gekocht und bitten uns auf die steinerne Fortmauer. Unter dem Sternenhimmel sitzen wir direkt über dem Eingangstor, blicken auf das Dorf hinunter und genießen leckere Currys und ein kaltes Kingfisher Bier. Ja, so darf es gerne weiter gehen. Das Frühstück findet am nächsten Tag im Innenhof des historischen Wohnhauses statt. Im Eingangsbereich hängen Bilder, historische und nicht so historische. Wer ist das denn auf einem der Bilder, aufgenommen in der Nähe unseres Zimmers? Mette-Marit und Haakon, das norwegische Thronfolgerpaar war hier. In diesem kleinen Hotel mitten im Nichts. Quasi da, wo ich jetzt wohne. Jetzt macht es hier natürlich noch mehr Spaß 🙂 Beim Bad im wunderbaren Pool fühle ich mich dann tatsächlich wie eine Prinzessin, das Wasser ist herrlich, grüne Papageien fliegen über mich hinweg, das ist doch ein kaum zu steigernder Luxus. Am späten Nachmittag starten wir zu einer kleinen Wanderung mit einem der Turbanträger aus dem Hotel. Es geht aus dem Dorf hinaus und quer über die Felder. Hier wachsen Linsen, merkwürdige runde Gurken und irgendetwas Grünes mit Schoten. Ich pflücke eine, kleine längliche Kerne, ich rieche daran: das ist Sesam! Unser Guide kennt hier alle, die Frauen, die die Felder abernten, den Schäfer, oder ist es ein Ziegenhirt, und alle stehen bereitwillig für eine kleine Photosession zur Verfügung. Wir erklimmen einen Hügel und haben von hier oben einen tollen Blick über das ländliche Rajasthan. Die Sonne geht langsam unter, es ist sehr idyllisch. Aber wir müssen wieder zurück, so etwas wie Straßenbeleuchtung gibt es hier natürlich nicht. Ob wir noch Tee wollen, fragt uns unser Guide, wir sagen ja und sitzen ein paar Minuten später im Hof seines Hauses. Seine Frau und seine Schwiegermutter haben süßen Masala Chai für uns gekocht, eine Liege wird für uns herangetragen, der Nachbarsjunge kommt vorbei und spielt mit den Ziegen und dann bringt auch noch jemand ein Baby in seiner Wiege. Die Sonne ist längst untergegangen, wir sitzen unter dem Sternenhimmel mit diesen freundlichen Menschen und die Welt ist in Ordnung. Unser Guide fragt uns, ob wir am nächsten Tag mit ihm in den nächsten größeren Ort fahren wollen, dort sei Markt. Klar, wollen wir und so fahren wir am nächsten Tag mit dem Vormittagsbus nach Pipar. Schon die Busfahrt ist toll, ein kleines Mädchen strahlt uns die ganze Zeit an, hier ist man wirklich der Gipfel der Exotik. Pipar selber hat keine echten touristischen Reize, es ist einfach ein kleiner Ort, in dessen Gassen die Zeit stehengeblieben scheint. Handwerker arbeiten in ihren teilweise winzigen Werkstätten wie wahrscheinlich vor hunderten von Jahren auch,alle grüßen freundlich, posieren sehr bereitwillig für ein Photo, stolz, dass wir uns für sie und ihre Produkte interessieren.

  

Eine Familie lädt uns auf einen Tee in ihr Haus ein, man plaudert eine Weile und geht dann wieder auseinander. Langsam treten wir den Rückweg zum Busbahnhof an, dort angekommen, sagt uns unser Guide, dass unser Bus wohl erst in anderthalb Stunden fahren wird. Also hängen wir im besten indischen Stil rum – hier mal ein paar Worte wechseln, da ein paar Kindern zuwinken, ein Gläschen Tee beim einen, ein Schwätzchen beim anderen. In einer Seitenstraße haben die Messerschmiede ihr Zelt aufgebaut, eine junge Frau bedient den Blasebalg, ihre Mutter schlägt mit einem schweren Hammer auf das Metall ein und der Vater erledigt die Feinarbeiten. Es ist ein Riesenprivileg, dass wir das alles erleben können. Der Bus bringt uns wieder in unseren kleinen Flecken Luxus und wir genießen den letzten Abend unter dem Sternenzelt.
Ja, und das war es eigentlich mit Indien. Noch eine Nacht in Jodphur, dann fliegen wir zurück nach Mumbai. Unser Hotel dort ist so abstrus schlecht, dass wir in ein Shopping-Center flüchten, das nach der ganzen Ländlichkeit jetzt aber auch einen ganz besonderen Reiz hat. Nach einer schrecklichen Nacht in der teuren Absteige spendiert Eric uns ein sehr komfortables Hotel bis zum Abflug um Mitternacht. Früher haben wir uns bei einem späten Abflug irgendwo in der Stadt rumgetrieben, sind verschwitzt und erledigt ins Flugzeug gestiegen. Aber so ein Zimmer für ein paar Stunden passt jetzt zu einem insgesamt doch sehr komfortablen Urlaub. Im sehr anstrengenden Indien kann man es sich eben auch sehr gut gehen lassen!

Gekniffen

Wir werden alt. Gujarat wollten wir bereisen, dort, wo kaum einmal ein westlicher Tourist hinkommt. Und dann war es uns doch zu anstrengend. Und das nahe Rajasthan lockte. Eine weitere Nacht im staubigen Ahmedabad überzeugte uns – wir wollen es leichter haben. Obwohl sie uns in eine Suite upgegradet hatten, deren Besonderheit war, dass dort auch Alexa wohnte. Der freundliche Mann von der Rezeption kam extra mit uns hoch, um uns mit Alexa bekannt zu machen. „Alexa, curtains close“, „Alexa, bathroom lights on“, hat sie alles brav gemacht. Den Abend verbrachten wir damit, ihre Fähigkeiten zu testen. „Alexa, sing a christmas song“, „Alexa, tell us a goodnight story“, sehr lustig. Am Morgen dann stiegen wir wieder ins Taxi – auch das ein Zeichen unseres zunehmenden Alters – und ließen uns ins 250 km oder fünf Stunden entfernte Udaipur in Rajasthan fahren. Vor etwa zehn Jahren waren wir das erste mal in Rajasthan und Udaipur mit seinem See und dem strahlend weißen Lake Palace Hotel auf einer Insel mittendrin hatte es uns besonders angetan. Der Inbegriff der Erholung damals, den ganzen Tag in gemütlichen Cafes sitzen und auf den See starren – ja! Wir haben ein ganz reizendes Hotel in der Altstadt von Udaipur, mit tollem Dachrestaurant, See- und Palastblick, genau das wollten wir. Die übersichtliche Altstadt mit netten Restaurants, der beeindruckende Palast und dazu ist noch Vorsaison und die Touristenzahlen halten sich in Grenzen. Rajasthan ist ein echtes Fest für die Sinne, so bunt, so exotisch, so nah dran am Maharadscha-Traum von Indien. Udaipurs Palast, direkt am See auf einem Hügel gelegen, begeistert uns für viele Stunden. In den schattigen Innenhöfen kann man seinen Gedanken nachhängen, sich vorstellen, wie gut es sich die Rajputen damals haben gehen lassen. Danach dann der Hitze auf ein schattiges Dachrestaurant entfliehen und den Ausblick auf den See genießen. Das Lake Palace Hotel ist eines der spektakulärsten Hotels der Welt, in einem 1746 auf einer Insel erbauten Marmorpalast glänzt es weiß und majestätisch im Pichola-See. Wer hier übernachten möchte muss schon einen Tausender liegen lassen, kriegt dafür sicherlich auch fürstliches geboten. Den besten Blick, nämlich den auf See und Hotel, bekommen aber wir Normalübernachtenden. Also wieder alles richtig gemacht mit unserem Hotel auf der Landseite 🙂

   

Udaipur bietet uns genau die Entspannung, die wir gesucht haben und damit ist eigentlich klar, dass wir weiter in Rajasthan bleiben. Jodhpur war eine weitere Stadt, die uns vor vielen Jahren begeistert hat, und strategisch günstig auf dem Weg dort hin liegen zwei weitere Highlights: die Bergfestung Kumbhalgarh und der Jaintempel in Ranakpur. Wir heuern wieder einen Taxifahrer an und holpern zu der riesigen Festungsanlage aus dem 15. Jahrhundert mit einer beeindruckend langen Festungsmauer. Unser Taxifahrer meint, es sei die zweitlängste Mauer nach der Chinesischen, das englische Wikipedia spricht von über 80 km, das deutsche von 36 Kilometern. Wie lang auch immer, die Mauer und die von ihr umgebenen Festungsgebäude sind beeindruckend. Schade nur, dass die neuzeitlichen Architekten und Bewohner der Festung es nicht so mit den Sanitäranlagen haben – nur knapp überlebe ich die eindeutig widerlichste Toilette der ganzen Reise. Der Palast und der gigantische Blick auf die grüne Hügellandschaft entschädigen mich aber schnell. Besonders beeindruckend ist ein kleiner Kuppelraum in einer Ecke des Palastes: indische Schülergruppen lärmen dort und uns wird schnell klar, dass es um die besondere Akustik geht. Als alle weg sind, stimme ich ein Liedchen an – wow, was für ein Klang! Hier kann wirklich jeder singen. Es wird immer heißer und wir freuen uns auf unser wohltemperiertes Taxi, das vor dem Tor auf uns wartet. Jetzt also weiter zum Jaintempel. So ganz groß waren meine Erwartungen nicht, gebe ich zu. Vor vielen Jahren haben wir im Norden Rajasthans einen Tempel der Jains besucht, den ich als eher unspektakulär und ohne besondere Atmosphäre in Erinnerung habe. Diese Religion beeindruckte mich bisher vor allem durch ihre Gewaltlosigkeit – strikter Vegetarismus, manche tragen Atemmasken und kehren den Weg vor sich, um nicht versehentlich Insekten einzuatmen oder zu zertreten. Der junge Jain-Mönch, der uns in perfektem Deutsch am Eingang anspricht und eine kurze Einführung in den Tempel anbietet, bestätigt diesen sehr freundlichen Eindruck. Er spricht einen Segen für uns und schon fühle ich mich noch besser als sowieso schon. Aber viel wahrscheinlicher liegt es an diesem unbeschreiblich schönen Tempel – ein Traum aus geschnitzten Marmorsäulen, Pavillons mit Götterfiguren, Säulengängen und marmornen Elefanten. Der gesamte Tempel wirkt luftig und trotz der nicht geringen Besucherzahl findet sich überall ein Eckchen, in dem man es sich auf einer Balustrade gemütlich machen und die besondere Atmosphäre in sich aufnehmen kann. Was für ein schöner Ort!

 

Es fällt mir nicht leicht, mich von hier zu trennen, aber wir haben noch ein Stück vor uns. Also wieder rein ins Taxi und weiter nach Jodhpur. Es ist schon dunkel, als wir in der Altstadt ankommen, das Chaos hat uns wieder, der Verkehr und so viele Kühe. Aber auf uns wartet auch ein sehr schönes Hotel, ein altes Haveli, ein ehemaliges Wohnhaus reicher Handelsleute. Wir sind froh, endlich angekommen zu sein und ein gutes Restaurant gleich über uns auf dem Dach zu wissen. Eine kurze Pause, dann hoch und – noch mal Wow nach den vielen Sensationen heute: wir blicken direkt auf das Meherangarh-Fort, majestätisch und perfekt beleuchtet liegt es direkt gegenüber und begleitet uns den ganzen Abend bei leckeren Currys und wir können uns nicht sattsehen an dieser Pracht. So viel Schönheit an einem einzigen Tag. Das war eine gute Entscheidung mit Rajasthan.

Ganz schön anstrengend

Indien ist anstrengend. Entspannt eine Straße entlang schlendern, das kann man hier vergessen. Fußgängerwege muss man sich, falls es sie überhaupt gibt, nicht nur mit vielen vielen Menschen teilen, sondern auch noch mit Waren aller Art, Kühen und Motorrädern. Dazu noch diverse bauliche oder organische Stolperfallen, gerne mal tiefe Löcher oder andere Dinge, in die man nicht treten möchte, tierischen, menschlichen oder unklaren Ursprungs. Dann die Hitze, der Lärm, Gerüche – wenn wenigstens ein gemütliches Cafe oder Restaurant eine Pause von dem Wahnsinn da draußen ermöglichen würde. Das klassische indische Restaurant ist weiß gekachelt, mit Plastikstühlen und klebrigen Tischoberflächen ausgestattet – das Essen eigentlich immer sensationell, aber eben kein Ambiente, in dem man länger als zur raschen Essensaufnahme verweilen möchte. Die besseren Restaurants zeichnen sich meist durch gruseliges Design aus – verwegene Spanplattenkonstruktionen mit noch verwegenerem Kunststofffurnier und düsterem Ambiente – nix für einen längeren gemütlichen Abend. Mit dem indischen Starbucks „Cafe Coffee Day“ finden sich wenigstens ab und an kleine Oasen, aber meist nur in „besseren“ Gegenden und nicht dann, wenn man nach einem eiskalten Frappé lechzt.
Für Straßenüberquerungen benötigt man sehr viel Gelassenheit – rüber kommt man schon irgendwie, aber nix für Leute mit hohem Blutdruck. Im indischen Straßenverkehr ist nichts und niemand berechenbar, jede noch so kleine Lücke wird für waghalsige Überholmanöver genutzt, alle halten voll drauf und vertrauen darauf, dass es die Hupe schon richten wird. Fußgänger sind hierbei die schwächsten Glieder und zudem ohne Hupe, aber wunderbarerweise bleiben die meisten heil in diesem Superchaos. In Gujarat erscheint uns vieles noch anstrengender – weil man sich nicht auf bereits eingetretenen Touristenpfaden bewegen kann und die Sehenswürdigkeiten des Bundesstaats umständlich zu erreichen sind. Wir fahren nach Baroda, Uber sei Dank mit einem Taxi, und steigen in einem hübschen neuen Hotel mit unglaublich freundlichem Personal ab. Der Laxmi Palace, die einzig wirkliche Sehenswürdigkeit der großen Stadt, ist wegen des Ganesh-Festes größtenteils gesperrt, das Restaurant, das der Lonely Planet empfiehlt, macht erst in drei Stunden auf, scheint ja ein echt erfolgreicher Tag zu werden. Also beschränken wir uns aufs Hotel, das uns auch ein leckeres Essen kocht, und bauen auf den nächsten Tag.

Wir lassen uns nach Champaner fahren, eine weitere Weltkulturerbestätte, die hoffentlich den weiten Weg lohnt. Wir kurven etwa zwei Stunden über einen indischen Highway, zweispurig eigentlich, aber es gibt ja den Standstreifen. Bei einer Bezahlstation macht es plötzlich rumms, ein Motorrad ist uns hinten rein gefahren, der Fahrer liegt am Boden und krümmt sich. Eric hat es zufällig gesehen, der gute Mann ist ungebremst, aber zum Glück mit niedriger Geschwindigkeit auf unsere Stoßstange gedonnert. Motorräder sind in dieser Schlange verboten, er steigt nach kurzer Zeit wieder auf und schlängelt sich weiter an den Autos vorbei. Unser Fahrer meldet, dass seine Stoßstange zu Bruch ging, aber das veranlasst hier niemanden, irgendwie tätig zu werden. Wir erreichen eine imposante Stadtmauer, kurven durch ein riesiges Stadttor und erreichen einen kleinen Parkplatz. Jetzt geht’s also los. Wir zahlen den Eintritt – der Ausländerpreis liegt wie so oft in Indien bei mehr als dem Zehnfachen des Preises für Inder. Bisschen unfreundliche Praxis und ich stelle mir vor, in Deutschland gäbe es vor dem Schloss Neuschwanstein ein Schild: Deutsche 1 Euro, Ausländer 12 Euro. Da wär was los….
Aber egal, wir betreten das Gelände der ersten Moschee. Viele Informationen findet man nicht zu Champaner, weder hier noch im Netz. Überbleibsel der früheren Hauptstadt Gujarats aus dem 16. Jahrhundert, heißt es. Und so dünn wie die Informationslage ist auch der Besucherstrom: wir haben die Moscheen des Ortes in ihrer ganzen Pracht fast für uns allein. Hinduistische und moslemische Elemente mixen sich und ergeben einen Traum aus tausendundeiner Nacht. Der Sandstein ist üppig dekoriert, die Kuppeln ruhen auf unzähligen Pfeilern, die Atmosphäre ist einzigartig. Die beeindruckenden Gebäude liegen im Dornröschenschlaf, dem auch der Weltkulturerbestatus nichts anhaben kann. Wir wandeln durch die Säulenhallen, setzen uns in die kleinen Nischen mit Blick ins üppige Grün und fühlen uns wie Entdecker einer untergegangenen Kultur. Dabei sind die Moscheen Teil eines bewohnten Dorfes. Affen turnen auf der hohen Stadtmauer, Büffel kommen uns entgegen, Kinder rufen uns hinterher und fordern „Photo, Photo“ ein. Sie stellen sich zu kleinen Gruppen auf und jubeln, wenn sie das Bild nachher im Display von Erics Kamera sehen. Und auch hier ist das Ganesh-Fest allgegenwärtig. Heute am letzten Tag der Feierlichkeiten werden die Figuren des elefantenköpfigen Gottes auf Lastwagen und Trecker verladen und mit lauter Musik, Böllern und farbpulverwerfend durch das Dorf gezogen. An der Hauptstraße des Ortes setzen wir uns unter einen Baum, trinken die indische Cola „Thumbs up“ und genießen die Show. Vater und Sohn sprechen uns an, wir müssten nachher unbedingt mit auf die Stadtmauer kommen, um den Auszug der Wagen aus dem Ort zu sehen. Machen wir natürlich, auch um selber nicht blau oder gelb eingefärbt zu werden. Wir sind die einzigen Ausländer in dem Spektakel und die Inder scheinen sich zu freuen, dass wir uns freuen. Eine letzte Moschee zum Abschluss und dann wieder rein in unser Taxi, das brav den Tag über auf uns gewartet hat. Irgendwann erreichen wir unser Hotel in Baroda, auch hier läuft die Ganesha-Fete, die nette Rezeptionistin will mit mir tanzen, aber wir wollen nur noch essen und ins Bett. Und planen, wie es weiter geht, in diesem faszinierenden, aber eben auch sehr anstrengenden Indien.