Do widzenia Wroclaw!

Und schon war’s das wieder mit Wroclaw. Unglaublich, wie schnell neun Tage vorbeigehen. Das Wetter meint es heute etwas besser und so genieße ich den letzten Abend, wie der erste begann: auf dem Marktplatz mit einem Bier. 

Wroclaw ist eine Reise wert, auf jeden Fall. Und zwei oder drei Tage sind zu wenig für diese spannende Stadt. Nicht nur bei gutem Wetter kann man es hier mindestens eine Woche gut aushalten und jeden Tag aufregende Dinge erleben. Wohnt man in oder nahe der Altstadt braucht man kein Auto, auch Tagesausflüge gehen gut mit der Bahn. So wie meiner nach Swidnica, dem früheren Schneidwitz. Etwa eine Stunde dauert die Fahrt, das Ticket ist günstig, die Züge modern und pünktlich. Auch in Swidnica findet sich ein hübscher Marktplatz mit bunten Häusern, die eigentliche Attraktion ist aber die Friedenskirche, mal wieder ein Weltkulturerbe. Im Jahr 1657 erbaut vermutet man hinter der Fachwerkkonstruktion nicht unbedingt eine Kirche. Und das ist gewollt, sie wurde nämlich in Folge des Westfälischen Friedens erbaut. Die dortige Vereinbarung für Schlesien ließ drei evangelische Kirchen im ganzen Land zu. Aber unter Bedingungen: nicht aussehen wie eine Kirche, auf möglichst schwierigem Grund bauen, mit möglichst ungeeigneten Materialien und in maximal einem Jahr. Sie haben’s geschafft, sogar in nur zehn Monaten, kein Nagel hält die Kirche zusammen und ihr Inneres ist prachtvoll. Wär das nicht ein Modell für die marode deutsche Bahn? Nur drei Großprojekte und maximal ein Jahr? Das mit dem möglichst schwierigen Grund halten sie in Stuttgart ja schon ein. Wir hätten einige Probleme weniger…
Wer es je nach Swidnica schaffen sollte: unbedingt dem Café Baroc am Eingang zum Kirchengelände einen Besuch abstatten, so historisch bekommt man seinen Kaffee selten serviert.

An einem strahlenden Morgen bekomme ich endlich die Gelegenheit, mir die Altstadt von Wroclaw mal von oben anzuschauen. Rauf auf den Turm der Elisabethkirche ist zwar schweißtreibend, aber das Panorama wirklich schön. Nur abwärts ist schrecklich, die enge gewundene Treppe mit stetem Gegenverkehr macht keinen Spaß, aber runter muss ich ja irgendwie. Viel angenehmer ist da die Aussichtsplattform der Universität. Auch von hier hat man einen schönen Blick, vielleicht nicht ganz so weit, dafür über gut ausgebaute, breite Treppen erreichbar. Die Uni ist eine Sehenswürdigkeit für sich, Breslau war eine europaweit anerkannte Hochschule und nach 1945 wurde hier quasi die Lemberger Professorenschaft angesiedelt. Die prunkvollen Säle waren schwer zerstört und wurden teilweise erst vor einigen Jahren rekonstruiert. Eine altehrwürdige Institution, die viel auf ihre Traditionen zu halten scheint. Das merkt man schon an der langen Galerie der Rektoren, alle im hermelinbesetzten Umhang mit Zepter. Nur ganz zum Schluss ein Outlaw: Prof. Pacholski, Rektor von 2005-2008, hat sich hemdsärmelig porträtieren lassen. Den roten Umhang locker über den Arm geworfen, sticht er aus der ehrwürdigen Reihe heraus. Ich glaub, mit dem hätte ich gerne zusammengearbeitet 🙂 

Und wenn wir schon bei den Outlaws sind, jetzt endlich zu den Zwergen. Wieviele über das Stadtgebiet verteilt sind, weiß wohl niemand genau, die Angaben schwanken zwischen 150 und 600. Ursprünglich waren sie ein Symbol der „Orangen Alternative“, einer Spaß-Guerilla zu Zeiten des Kriegsrechts, und ich finde, das passt so gut zu den Polen: verschmitzter Protest. Mittlerweile schmücken sich viele Geschäfte mit den kleinen Gnomen, häufig passend zum Gewerbe und immer aufwändig gearbeitet sind sie zum Liebling der Touristen geworden. Für einen Urlaub mit Kindern ist die Zwergensuche sicherlich ein Highlight. Es gibt sie ganz klassisch weintrinkend vor dem Rathauskeller, aber auch sehr modern mit Laptop. Vor dem Geldautomaten stehen sie und kontrollieren die Abhebungen mit dem Rechenschieber, räkeln sich im Bett vor dem Art Hotel oder diskutieren Baupläne vor dem Architektenbüro. Jedenfalls zaubern sie einem immer ein Lächeln auf’s Gesicht.

 

So vieles könnte ich noch berichten von dieser schönen Stadt. Vom Lampenanzünder, der im schwarzen Umhang jeden Abend seine Runde über die Dominsel dreht. Von den modernen Shoppingcentern, die durchaus Spaß machen an einem verregneten Nachmittag. Von der fabelhaften, gut gelaunten polnisch-italienischen Frisörcrew von Fabryka No1, die mich vorhin verschönerte und sich über ihr Werk fast noch mehr gefreut hat als ich. Von der Markthalle, in der sie Steinpilze für 10 Euro das Kilo verkaufen. Den hübschen Parks und und und. Also, bevor es Wroclaw ergeht wie dem überfüllten Krakau oder Prag: herkommen und genießen!!!

Wursty und WuWA

Es war eine gute Entscheidung, Wroclaw neun Tage zu geben. Es gibt so viel zu sehen und zu erleben, was laut Reiseführer auch in einem verlängerten Wochenende zu schaffen wäre, aber seit unserer großen Reise begreife ich das als den wahren Luxus: viel Zeit, um die Atmosphäre aufzunehmen. Und so steuere ich pro Tag maximal zwei Sehenswürdig-keiten an. Mal das Nationalmuseum, das nicht nur einen guten Überblick über die polnische und schlesische Kunst gibt, sondern auch in einem sehr stimmungsvollen Gebäude untergebracht ist. Dann den Scheitniger Park mit der Jahrhunderthalle, die Werkbundsiedlung, den jüdischen Friedhof oder einen abgedrehten Wasserturm. 

Da bleibt zwischendrin genügend Zeit für das, was mir beim Reisen mindestens genauso wichtig ist wie die Sehenswürdigkeiten: das Essen. Schon in Krakau hatte ich  mich an der polnischen Küche glücklich gegessen. Hier kommen neben der klassischen polnischen auch noch die schlesische und Lemberger Küche hinzu. Ente gehört dazu, Piroggen und die vielen Süßspeisen, die ich als Souvenir auf meinen Hüften mit nach Hause tragen werde. Den ersten Abend – dem wohl ersten und letzten, an dem es warm genug war, draußen zu sitzen – beginne ich mit Entenschlegel, schlesischen Klößen und der obligatorischen roten Bete auf dem Rynek. Dazu ein leckeres Bier, das ich am nächsten Tag aber so deutlich spüre, dass ich ab jetzt alkoholfrei weitermache. Schlesische Klöße sind Kartoffelklöße, klein und mit einem Schlitz, damit sie ganz viel Soße transportieren können. Das ist doch schon mal ein Start. Die Breslauer Studentenkultur treibt mich am Morgen in ein Frühstückskaffee, gesunde Smoothies und Bowls und viel pastellige Gemütlichkeit. Das nette Mädel am Tresen erklärt mir die Kreationen, Mangoporridge hätten sie und ich kann noch verschiedene Toppings wählen. Oh, das hört sich gut an! Sie empfiehlt Erdnussbutter und Schokolade – das verstehen die Polen also unter gesund. Wir einigen uns dann auf Erdbeeren, Chia und Cashew und es ist köstlich. Sehr populär sind Buffetrestaurants, in denen man das Essen nach Gewicht zahlt. So wie in der Mensa gegenüber der Universitätsbauten, sehr leckeres Essen mit Exklusivblick auf die barocke Pracht. Einmal quer durch die polnische Hausmannsküche kann man sich an diesen Buffets essen, Qualität und Geschmack stimmen und man muss sich nicht mit Speisekarten herumschlagen, die man nicht versteht. Obwohl, einiges scheint eingepolnischt und zwar auf sehr nette Weise. Ich entdecke in einer Bäckerei Torty, geröstetes Brot läuft hier unter Tosty und lustig sind auch Burgery, Wursty und Hotdogi. Warum das Hotdogi wohl kein y bekommt, sondern nur ein schnödes i? Aber am meisten gefällt mir eine Entdeckung aus dem Supermarkt, Fleischbällchen heißen hier Klopsy.

Aber weiter mit den Dingen, die unaussprechlich lecker sind. Zapiekanka zum Beispiel, überbackene Baguettes, meist mit sahniger Pilzbeteiligung, eine Riesenportion für einen Euro, da ist man satt bis zum Abend. Wofür man unbedingt Platz lassen sollte sind die köstlichen Krapfen, Paczki, so viel fluffiger als unsere pappigen Berliner und mit herrlichsten Füllungen. Kinder Bueno ist mein absoluter Favorit, für einen Euro kriegt mein ein ofenwarmes Riesenexemplar, das sehr glücklich macht. Tartar ist eine gesamtpolnische Leckerei, die in der Vorsalmonellen-Zeit bei uns ab und an als Sonntagabendbrot auf den Tisch kam. Sollte das rohe Fleisch und Ei irgendwelche Würmer in mir zum Leben bringen, hat es sich wenigstens gelohnt. Lody, polnisches Eis, darf ich nicht vergessen. Eigentlich nicht die Temperatur dafür, aber Eisdielen sind hier allgegenwärtig und an Kreationen wie Schokolade mit Pflaume oder Peanutbutter kann ich einfach nicht vorbei gehen. Und dann das, was sie als heiße Schokolade und nie ohne Sahne verkaufen. Unschaffbar eigentlich. Schmeckt wie eine Tafel feinster Schokolade, die man in Sahne aufgelöst hat, und weil’s dann kalorienmäßig grad egal ist, kommt noch Schlagsahne obendrauf. Ich hätte mir den Rest, den ich übrig lassen musste, weil mein Magen wirklich rebellierte, am liebsten einpacken lassen. Eigentlich wäre danach ein Wodka fällig gewesen, hier günstig und in unzähligen Geschmacksrichtungen erhältlich, aber ich lass das mit dem Alkohol ja gerade und Wodka steht auf meiner Hitliste sowieso ziemlich weit hinten.

Damit aber nicht der Eindruck entsteht, ich würde nur und ausschließlich essen, noch ein paar Worte über die Avantgarde-Architektur in Breslau. Highlight ist hier die Jahrhunderthalle aus dem Jahr 1913, mittlerweile Weltkulturerbe. Leider leider wird sie derzeit restauriert und der gigantische freitragende Kuppelbau kann nur von außen besichtigt werden. Auch der Vier-Kuppel-Pavillon daneben gehört zum Weltkulturerbe und beherbergt heute eine Kunstausstellung. Nach einem  schönen Spaziergang durch den Scheitniger Park komme ich zum Gelände der WuWA, der „Wohnen und Werkraum-Ausstellung“ aus dem Jahr 1929. Ähnlich der Weißenhofsiedlung in Stuttgart tobten sich die Architekten hier aus und das Ergebnis wirkt heute noch modern. Zwischen Park und Moderne kann man Stunden verbringen, perfekt für einen kalten, aber strahlenden Sonntag. Diesen Teil Wroclaws sollte man sich trotz der pittoresken Altstadt auf keinen Fall entgehen lassen. 

   

 

Aber es gibt noch so viel mehr. Eine Kirche, die nicht wie eine aussehen darf, strahlende Panoramen und natürlich die vielen kleinen Zwerge, die sich an den Ecken der Stadt herumdrücken. Davon später mehr.

Planänderung

Ein zweiter großer Urlaub in diesem Jahr sollte es werden, aber mit ein bisschen mehr innerer Einkehr. Nach dem großartigen Usbekistan wollte ich mich eigentlich auf die große Ahnenreise machen, nach Pommern und an die polnische Ostseeküste. Das Auto war gebucht, ein Zwischenstopp zur Apfelernte bei Coco in MeckPomm verabredet und dann schlug das zu, was man formal einen Trauerfall im engsten Familienkreis nennt. Mitten aus dem vollen Leben heraus und vollkommen unerwartet. Und nicht die Generation vor uns, Eltern oder alte Menschen, die schon lange leiden, bei denen man von einer Erlösung oder einem langen Leben spricht. Es betrifft nicht meine, sondern Erics Familie und damit ja eigentlich doch meine, aber einen Namen und Verwandtschaftsgrad zu nennen, steht nur Eric zu.

Die Trauer ist eine Seite, die Fassungslosigkeit eine andere und bei allem schwingen die Gedanken mit, die ich mir über mein eigenes Leben mache. Wenn es mich treffen würde, könnte ich auf ein erfülltes Leben zurückblicken? Was habe ich erreicht, was hinterlasse ich, was bleibt von mir? Alles Gedanken, mit denen ich nicht an einer herbstlich-grauen Ostseeküste allein sein möchte. Also rein ins Leben und nach einer gar nicht so einfachen Suche (Algarve? Kapverden? Südtirol?) habe ich mich für eine Städtereise entschieden. Und weil ich Polen sowieso auf dem Plan hatte und Essen und Trinken bekanntlich ja Leib und Seele zusammenhält, bin ich jetzt in Wroclaw angekommen. Breslau, sagte ich der netten Dame beim Einchecken, die den Namen so gar nicht aussprechen konnte, und sie grinste und meinte „Das ist besser.“. Aber wie in Rumänien auch, wo Orte wie Sibiu oder Brasov ohne jedes revisionistische Geschmäckle Hermannstadt und Kronstadt genannt werden dürfen, scheinen sie hier kein Problem mit dem deutschen Namen der Stadt zu haben. 

So richtig Glück mit dem Wetter hatte ich bisher nicht in Polen. Vor zwei Jahren in Krakau war es kalt und hier regnet und windet es. Vielleicht sollte ich es doch mal mit den Sommermonaten versuchen 🙂 Die Nässe treibt mich einerseits in die wunderschönen Cafes der Stadt und von denen gibt es einige. Und dann ins Stadtmuseum, damit müsste man eigentlich anfangen, um die Stadt ein wenig zu verstehen. 1000 Jahre Stadtgeschichte, eine polnische Gründung, mit wechselvollen Zugehörigkeiten, mal zu Böhmen, mal zum habsburgischen, preußischen oder deutschen Reich und jetzt eben wieder zu Polen. In der Altstadt Breslaus wird man an jeder Ecke auf die
deutsche Vergangenheit der Stadt gestoßen, Bauweise, Inschriften, die Galerie berühmter Schlesier im alten Rathaus, die fast nur deutsche Namen umfasst. Ein ganz merkwürdiges Gefühl, das ich schon von meinem Besuch im pommerschen Schivelbein, dem heutigen Swidwin, kenne. Eine deutsche Kulisse, der die Polen das Leben einhauchen. Aber man stolpert auch stetig über den Namen einer weiteren Stadt, die in der heutigen Ukraine liegt und in die ich auch gerne gefahren wäre: Lemberg oder ukrainisch Lwiw. Denn nachdem die Deutschen aus Breslau flüchten mussten, kamen die Vertriebenen aus Lemberg und ließen sich hier nieder. Und bauten das Desaster, das die Deutschen ihnen hinterlassen hatten, liebevoll wieder auf. 

Breslau steht für eine der sinnlosesten Zerstörungen des zweiten Weltkriegs. Für die Sicherung der „Festung Breslau“ in einem schon verlorenen Krieg wurden Menschen und Gebäude, der Geist einer ganzen Stadt, geopfert. Neben den mir bisher bekannten Nazi-Verbrechern hat sich Gauleiter Karl Hanke hier als Oberidiot hervorgetan, der „Henker von Breslau“. Nach hunderten Bürgern schnell noch mal den Bürgermeister von Breslau umgebracht, weil der das Leben der Verbliebenen retten und die Stadt übergeben wollte. Und sich dann selber aus dem Staub machen. Nachdem der Herr Gauleiter im Januar 1945 tausende von Frauen und Kinder in die Winterhölle „evakuierte“, die viele nicht überlebten. 

Die Stadt ist wieder auferstanden und heute eine der wohlhabendsten in Polen. Die Uni mit ihren vielen Erasmusstudenten lässt sie jung und international erscheinen, aber in der Altstadt fallen auch viele recht alte Touristen auf und man spürt sofort – hier war einmal ihre Heimat. Der Marktplatz Rynek ist das Herz der Altstadt, bunte Bürgerhäuser rundum mit gemütlichen, untouristisch günstigen Restaurants, das backsteinerne alte Rathaus neben dem neugotischen neuen Rathaus in der Mitte, ein lebendiges Zentrum. An der Ecke zum Salzmarkt mit seinen Blumenständen scheint sich eine Bank mit einem Neubau versündigt zu haben. Wenn man näher kommt, wird aber klar, dass es sich um die schon früh sehr moderne Seite Breslaus handelt – Bauhaus. Avantgardebauten gibt es noch einige hier, aber die erkunde ich später. Zuerst muss ich die alten Gebäude genießen, die beeindruckenden Backsteinkirchen, die Passagen und Gässchen, die verborgenen Innenhöfe und Gärten. Historisches Islandhopping, denn die Innenstadt liegt auf mehreren Inseln in der Oder. 

Und dann diese tollen Cafes! Überall findet sich ein gemütliches Eckchen für einen leckeren Kaffee oder „Herbata“, Kräutertee. Traditionell polnisches Essen neben hippen Sushi-, Burger- und Pokebars, alles recht günstig und sehr lecker. Die Straßen rund um den Marktplatz sind fast alle autofrei, E-Roller kurven natürlich auch hier schon und das Angebot der Geschäfte kennt man leider aus deutschen und wahrscheinlich fast allen europäischen Innenstädten. Aber das Bummeln macht hier mehr Spaß, weil man überall Neues entdeckt. Zum Beispiel viele wundersame Zwerge, denen ich demnächst einen ganzen Tag widmen möchte.

Mein erstes Fazit: ein toller Ort für eine tolle Städtereise! Wroclaw berührt und begeistert. Im Sommer wahrscheinlich noch mehr als jetzt im kühlen Herbst, aber der sorgt dann für Genuss in den Museen und Cafes. Also eigentlich doch was für jede Jahreszeit! 

Oligarchin für einen Tag

Und ganz zum Schluss gönnen wir uns noch ein schönes Hotel in Taschkent. Soll ja auch ein bisschen Erholung sein. Das Ichan Qala gehört zu den ersten Häusern am Platz, für unsere Verhältnisse immer noch recht erschwinglich, und hier bekommen wir einen sehr interessanten Einblick in das Leben der usbekischen Oberschicht. 

Erst sind wir vom Zimmer etwas enttäuscht, ganz schön geschmacklos für unsere Verhältnisse, mit usbekisch hartem Bett und einem lilafarbenen Sofa, das jeder Beschreibung trotzt. Aber alles in allem recht angenehm. Das Hotel hat zwei Pools und das ist jetzt wirklich ein echter Luxus im heißen Taschkent. Den großen Innenpool haben wir ganz für uns alleine. Aber wer kam eigentlich auf die Idee, ihn mit einem Hai zu dekorieren? Am schönen Außenpool hämmert den ganzen Tag und Abend Discomusik. In großen aufblasbaren Plastikschwänen kann man sich übers Wasser treiben lassen und die Parade der Mädels der usbekischen High Society beobachten. Sehr russisch wirkt das alles auf uns. Designer-Bikinis, Designer-Lippen und Designer-Busen, Schwimmen nur mit überdimensionaler Sonnenbrille und am Beckenrand gelangweilt auf dem Handy rumtippen. Hier wird jedes Klischee bedient. Das Frühstück wird von Live-Musik begleitet, ein Geiger und so etwas wie eine Zither, was sich zunächst nach usbekischen Volksweisen anhört, entpuppt sich dann doch als eine Interpretation der internationalen Charts. Bräute in opulenten Hochzeitskleidern lassen sich im Eingangsbereich fotografieren. Unser Wirt in Buchara hatte uns erzählt, dass er zwei Jahre in Dubai arbeiten musste, um sich seine Hochzeit leisten zu können, das sei die Party des Lebens und unter 500 Gästen müsste man gar nicht erst anfangen zu feiern.
Vor dem Hotel parken große deutsche Autos, die ersten, die wir hier sehen. Und dann wir mit Birkenstocks und schon etwas ausgeleierten Hosen. Na ja, sie finden ja alle Deutschland so toll 🙂
Ich schmeiße mich auf einen goldenen Schwan, in meinem Adidas-Badeanzug , blicke durch meine Tchibo-Sonnenbrille und versuche, mich kurz wie eine Oligarchin zu fühlen. Macht Spaß!

Heute wollen wir gar nicht raus aus dem Hotel, die Sehenswürdigkeiten Taschkents haben wir besucht und erst spät treibt uns der Hunger in eine coole Burgerbar. Ich bekomme einen pinkfarbenen, Erics Burger sieht relativ normal aus, aber sie haben uns schwarze Latexhandschuhe dazu gelegt und die brauchen wir. Sehr saftig, diese Burger, und eine ziemliche Schweinerei, aber das scheint gerade echt in zu sein. Nicht ganz einer Oligarchin würdig, aber hip und ein lustiges Ende unseres Luxustages.

Unsere Reise nach Usbekistan ist zu Ende. Beim Zwischenstopp auf dem Istanbuler Flughafen ist Zeit für ein Resümee. Toll war’s. So viele neue Eindrücke. So anders als erwartet. So viel Schönheit. So nette Menschen. So entspannt. Und so viel einfacher als wohl noch vor einem Jahr. Usbekistan will den Tourismus und die Menschen, auch die in Uniformen, wollen endlich so nett sein dürfen, wie sie eigentlich sind. 

Was hat Dir am besten gefallen, fragt mich Eric. Samarkand, antworte ich spontan. Doch dann fällt mir auch Chiwa ein und das Teehaus in Buchara und der Keramikmeister im Fergana-Tal, die hinreißenden Kinder und die leckeren Somsas. Aber eigentlich sind es die Farben, diese strahlenden Blau-, Grün- und Türkistöne, die Usbekistan so besonders machen. Ich bin froh, dass wir uns so viel Zeit für den Registan in Samarkand oder die Türme in Chiwa genommen haben, dass wir versucht haben, uns an der Schönheit sattzusehen. Hat natürlich nicht geklappt, aber die Blicke haben sich schon sehr fest eingeprägt. Und es ist die Freundlichkeit der Menschen, die entspannte Lebensart, die das Land zu einem Erlebnis machen. Einmal in die Kissen eines Tapchans geworfen, hat man wenig Lust, diesen gemütlichen Ort wieder zu verlassen.

In jedem Fall war Usbekistan eine ganz neue Erfahrung, die schon wieder so viel Lust aufs Weiterreisen macht, dass mich der große Globonauten-kater zu überfallen droht. Es gibt so viele unglaubliche Orte auf dieser Welt und ich möchte sie am liebsten alle sehen.

Im wilden Fergana-Tal

Ein bisschen Abenteuer muss ja sein. Das Reisen auf der klassischen Seidenstraßenroute ist angenehm, die Abfolge der Orte vorgezeichnet und die touristische Infrastruktur gut. Wir haben noch eine knappe Woche Zeit und es gibt zwei Optionen, um von der Route abzuweichen: entweder in den Süden nach Termez an die afghanische Grenze. Das wäre für Eric natürlich toll, ein kurzer Blick hinüber ins Vaterland. Oder in den Osten ins Fergana-Tal. Termez ist der heißeste Ort Usbekistans und der Transport beschwerlich. Ins Fergana-Tal gibt es einen Direktzug von Samarkand aus, da fällt die Entscheidung dann leicht. Also besteigen wir am Morgen einen Wagen, der mich ziemlich an unsere Klassenreise in die Sowjetunion im Sommer 1983 erinnert. Ein Großraum-Schlafwagen, in offenen Abteilen jeweils zwei Liegen unten und oben. Uns gehören zwei untere, aber eine etwas mürrisch blickende Usbekin ignoriert uns, sie hat oben geschlafen und will jetzt unten frühstücken. Wir sitzen etwas unschlüssig auf unserer einen Liege, da entschließt sie sich, ihre Morgentoilette zu erledigen und verschwindet um die Ecke. Und gleichzeitig biegt der Schaffner um selbige, wir fragen ihn per Google Translate ganz unschuldig, wo Nummer 33 und 35 sei, da schreitet er zur Tat und bereitet uns zwei Schlaflager mit blütenweißer Bettwäsche. Als die Matrone frisch gewaschen zurück kommt, liege ich schon im Bettchen und sie muss nach oben klettern. Der Wagen ist insgesamt nicht in allerbestem Zustand, was uns nicht unbedingt stören würde. Schade ist nur, dass die Fenster so verdreckt sind, dass wir die dahinterliegende Landschaft nur erahnen können. Aber es wäre ja auch zu perfekt, gemütlich liegend dahinzuschaukeln und vom Bett aus die grandiose Bergwelt betrachten zu können. Neun Stunden dauert die Fahrt, das reicht für ein ganzes Buch und kurze Schlummer. Als wir um halb fünf in Kokand ankommen, fühlen wir uns fast ein bisschen erholt. 

Unser Hotel ist ziemlich neu und entspricht wohl dem, was sich der moderne Usbeke unter einer gehobenen Unterkunft vorstellt. Viel glänzender Marmorfußboden, Tapeten mit europäischen Wahrzeichen, glanzfurnierte Möbel, aber so richtig wohl fühle ich mich nicht. Der Restauranttipp des Rezeptionisten scheitert daran, dass wir kein Wort auf der Karte verstehen und uns Goggle Translate wieder mal im Stich lässt. Also gehen wir weiter und hoffen auf ein Restaurant in der Stadtmitte. Auf dem Weg dorthin fühlen wir uns ein wenig in den Wilden Westen versetzt – Autos jagen mit quietschenden Reifen durch die Straßen, Gehupe, ein Wagen überholt einen anderen und bremst diesen aus, bis beide zum Stillstand kommen. Die Fahrer springen raus, schreien sich an – hui, hier weht ein anderer Wind als im beschaulichen Samarkand. Das wilde Fergana-Tal ist für seine eigensinnigen Einwohner bekannt, wahrscheinlich alles Nachfahren von verwegenen Steppenreitern. Die Innenstadt hat das ein oder andere hübsche Haus zu bieten, aber so richtig einladend ist das alles nicht und zu essen gibt es auch kaum was. Am Ende werden es Hamburger. Oh je, was wollen wir hier?

Der nächste Tag wird dann schon etwas netter,
Kokand hat einen Khanspalast, der bestimmt einmal ganz grandios sein wird, wenn die Restaurierungsarbeiten abgeschlossen sind, aber wir sind gerade dankbar für alles. Dahinter finden wir ein Restaurant mit englischer Speisekarte und das mittelmäßige Geschnetzelte mundet uns plötzlich ganz hervorragend, so erleichtert sind wir, dass wir die nächsten Tage nicht von Fast Food leben müssen. Wir schlendern weiter und kommen zu einem kleinen Mausoleum auf einem Friedhof, das ein Treffpunkt des Viertels zu sein scheint. Im Eingangsbereich haben sich zwei Frauen niedergelassen, die Massagen und Behandlungen mit einem Kräuterstempel anbieten. Auf zwei Bänken sitzen Männer, die nicht nur Wasser verkaufen, sondern auch Segenssprüche verteilen. Wir nehmen unter einem schattigen Baum Platz und beobachten die Menschen. Eine Frau mit ihren Kindern kommt auf uns zu und möchte ein Photo mit uns, kriegt sie natürlich gerne. Sehr schön hier.

Und dann kippt die Stimmung vollends. So sehr zum positiven, dass wir am Ende mit großem Bedauern Abschied von Kokand nehmen werden.

Zunächst ist da unser Fahrer. Den hat uns das zunehmend sympathischere, leicht verpeilte Hotel organisiert. Er bringt uns zu den Attraktionen des Fergana-Tals, den Kunsthandwerkstätten. Er spricht nur russisch, wir können nichts außer da, njet, spasiba und pajalsta. Aber den Rest kriegt Google hin und wir haben viel Spaß, auch wenn das Gesagte nicht immer in sinnvolle Sätze übersetzt wird. Zuerst besichtigen wir die Seidenfabrik Yodgorlik. Unglaublich, wie traditionell hier noch produziert wird. Wir sehen die großen Kessel, in denen die Kokons gekocht werden. Die Seidenraupen, die eher wie fette Käfer aussehen, werden dabei gemeuchelt und der Konkon etwas entwirrt. Dann werde die superfeinen Fäden gesponnen, gefärbt, verwoben oder zu feinen Seidenteppichen verknüpft. Eine sehr freundliche Atmosphäre liegt über den Produktionshäusern, die Arbeiterinnen grüßen sehr freundlich und scheinen durchaus Spaß bei ihrer filigranen Arbeit zu haben.

 

Das mit der Keramikwerkstatt wird schwierig, bedeutet uns unser Fahrer, überall wird gebaut, und die Straße des größten Meisters ist gesperrt. Wir sind etwas enttäuscht, haben aber die Seidenfabrik und die gute Stimmung im Auto genossen, dann ist es nicht so schlimm. Da macht der Fahrer doch noch einen Anlauf, fährt auf eine Straßensperre zu und fängt an, mit dem Polizisten zu diskutieren. Und diskutiert. Und zeigt auf uns. Und diskutiert weiter. Irgendwann öffnet der Polizist genervt die Sperre und lässt uns passieren. Nur uns, nicht die zehn anderen Autos, die ebenfalls den Durchbruch versucht haben. Ha, gewonnen! Wir halten bei der Werkstatt von Meister Rustam Usmanov und betreten den Innenhof seines Hauses. Bereits die Herstellung einer Schale auf einer Töpferscheibe ist faszinierend, die größte Kunst besteht aber in der filigranen Bemalung. In einem weiteren Innenhof sitzen ein Mann und eine Frau über eine lange Reihe von Kacheln gebeugt. Ruhig und konzentriert malen sie die Muster nach, die zuvor mittels einer Schablone markiert wurden. Der Mann erklärt uns den Prozess in sehr gutem Englisch, sie produzieren gerade ein Küchenfries für ein Haus in Taschkent, mit feinen Pinseln, ruhiger Hand und gelassener Stimmung arbeiten sie mehrere Monate an diesem Kunstwerk. Alle Menschen, die uns in dieser Meisterwerkstatt begegnen, wirken sehr distinguiert und passen zu den wunderschönen Mustern, die sie produzieren. Wir sind begeistert von Atmosphäre und prächtiger Keramik. Mehrere Schälchen und Schalen wandern zum Abschluss in unser Gepäck und wir bedanken uns nochmals bei unserem Fahrer, dass er uns den Weg zum Meister freigekämpft hat.

 

   

Am späten Nachmittag kehren wir zurück nach Kokand und werden im Hotel herzlich begrüßt. Wir sollen doch bitte zum Abendessen im Hotel bleiben, der Chef habe Essen bestellt und wolle alle Gäste zum gemeinsamen Mahl einladen. Ok, das machen wir gerne. Später sitzen wir mit einer Gruppe Chinesen im Speisesaal, die Konversation kommt nicht so richtig in Gang, obwohl sie alle bis auf ein älteres Paar gut Englisch sprechen. Unsere Fragen werden knapp beantwortet und dann wieder ins Handy gestarrt. Da kommt der ältere Herr am Tisch auf uns zu und hält uns sein Handy hin. Er liebe Deutschland, er sei schon vier mal dort gewesen, das erste Mal Ende der 90er Jahre dienstlich, jetzt sei er pensioniert. Dann zeigt er uns Bilder von mehr Orten in Deutschland als wir je bereist haben und stellt uns pantomimisch seine Erlebnisse beim Biertrinken dar. Was er beruflich denn gemacht habe, fragen wir ihn per Google, und er antwortet, er sei Richter gewesen und habe sich Gefängnisse in Deutschland angeschaut. Die seien wie Hotels, fand er. So ein freundlicher, lustiger und wissbegieriger Herr, jetzt hoffen wir mal, seine Erkenntnisse haben in seinem Berufsumfeld in China für positive Entwicklungen gesorgt. Das Hotelpersonal setzt sich mit an den Tisch, die Stimmung ist gut, Fotos werden gemacht und Kontakte über Whatsapp vereinbart. Ja wer hätte das gedacht, dass es hier noch richtig lustig wird?

Am Morgen holt uns unser Fahrer wieder ab. Das Hotelpersonal ist gekommen, um uns zu verabschieden. Wir bekommen kleine Geschenke und sie winken uns nach als wir uns auf den Weg nach Taschkent machen. Diesmal sehen wir die Berge und türkisgrünen Seen in ihrer ganzen Pracht. Als wir uns der Großstadt nähern, werden wir fast ein wenig wehmütig. Ausgelassen hupend verabschiedet sich unser Fahrer von uns. War doch eine ganz besondere Erfahrung, dieses Fergana-Tal. 

Samarkand!

Nachdem sowohl der Reiseführer als auch freundliche Mitreisende vor allem von Chiwa und Buchara geschwärmt hatten, fragten wir uns, ob Samarkand da überhaupt noch Steigerungsmöglichkeiten bereithält. Tut es. Ganz eindeutig.

Zunächst einmal donnern wir mit 220 Sachen durch die Wüste. Afrosyob heißt unser schnelles Gefährt und es ist ein Hochgeschwindigkeitszug, den man hier jetzt wirklich nicht vermuten würde. Innen wirkt er wie ein Flugzeug und einmal gemütlich zurückgelehnt sind wir auch fast schon da, gerade mal anderthalb Stunden braucht er für die gut 250 Kilometer von Buchara nach Samarkand. 

Unser Guesthouse ist äußerst gemütlich, zwei nette Innenhöfe und überall lauschige Ecken, in denen man sich in die orientalischen Kissen fallen lassen kann. Mitten im Wohngebiet, aber keine 10 Minuten Fußweg vom zentralen Platz Registan entfernt. Und da gehen wir am frühen Abend natürlich noch hin. 

Vielleicht ist es ja so, dass ich im Alter sentimentaler werde. Oder aber, ich entdecke erst jetzt die besonders schönen Orte. Oder der Gewöhnungseffekt beim Reisen tritt bei mir nicht ein. Ich hoffe natürlich letzteres. Jedenfalls ist der erste Blick auf den Registan ein so überwältigender, dass mir die Tränen in die Augen schießen. Auf die Pracht der prunkvoll dekorierten Monumente war ich noch einigermaßen gefasst, was den Registan in Samarkand aber so einzigartig macht, ist die Größe der drei wunderschönen Medresen. So sehr erhaben stehen sie da, das Abendlicht taucht sie in warme Farben, ein architektonisches Meisterwerk. Man will den Blick gar nicht lassen von diesem Platz und ich schüttele immer wieder ungläubig den Kopf. Oh Mann, Samarkand.

Wir kühlen unsere Gemüter mit einem köstlichen Eis, irgendwie das Nationalvergnügen der Usbeken. Es ist immer Softeis, in diversen Geschmacksrichtungen und allen Größen, getoppt mit Soßen und Nüssen, die besten Stände immer umlagert. In der Ferne leuchtet eine weitere riesige Medrese, das scheint gar nicht aufzuhören in dieser Stadt. Der Park neben dem Registan ist zudem ein riesiges Sommervergnügen für Familien, abends werden Fahrräder und Roller an die Kinder verliehen, die über die Wege kurven, die Erwachsenen gehen spazieren. Als wir auf der breiten Treppe vor dem Registan Platz nehmen, setzen sich sofort zwei Mädchen mit ihrem kleinen Bruder zu uns, die plaudern möchten. Ein sehr entspannter Abend.

   

Am nächsten Tag sehen wir uns die Medresen am Registan von innen an. Und damit wir mit dem Staunen nicht aufhören, hält die Tilla Kari Medrese in einem Innenraum einen weiteren Gänsehautmoment bereit: die märchenhaft blau und golden dekorierte Moschee. Samarkand, mir gehen jetzt wirklich die Worte aus.

 

Und Samarkand, geht da noch was? Klar! Die Nekropole Shohizinda. In der Gasse der Mausoleen verliert man sich in den blau-türkisfarbenen Wanddekorationen, innen wie außen ist einfach alles wunderbar. 1200 gemachte Photos zählt Erics Kamera mittlerweile und sie hat noch Energie, die Pracht zu dokumentieren. Ok Samarkand, du hast uns sprachlos gemacht.

 

 

 

Wir hätten nicht gedacht, dass diese Stadt solche Höhepunkte für uns bereit hält. Chiwa hatte uns bereits begeistert, Buchara war toll und jetzt das. Was für ein Land! 

Aber jetzt machen wir uns auf, die touristischen Pfade etwas zu verlassen. Neun Stunden Bahnfahrt stehen uns bevor, um in das ganz im Osten gelegene Fergana-Tal zu gelangen. Es wird ein bisschen anstrengender werden und ein Abschied von der beeindruckenden Architektur. Aber, so viel sei schon jetzt verraten, auch hier erwarten uns unvergessliche Erlebnisse. 

Reisen in Usbekistan

Jetzt sind wir zwei Wochen in Usbekistan unterwegs, nicht unbedingt auf Routen, die niemand vor uns bereist hat, aber einen ersten Eindruck von Land und Leuten haben wir bekommen. Die Städte warten mit unglaublichen architektonischen Wundern auf und es ist uns ein Rätsel, wie es dieses Land bisher geschafft hat, sich der weltweiten touristischen Aufmerksamkeit zu entziehen. Aber wir haben das Gefühl, das ändert sich gerade. Zwar beherrschen noch geführte Gruppenreisen mit vorwiegend betagten Teilnehmern das Bild, aber der Wandel ist bemerkbar. Die neue Politik in Usbekistan ist ganz klar darauf ausgelegt, sich dem Tourismus zu öffnen und Schwierigkeiten für Individualreisende abzubauen. Berichten unsere Reiseführer noch von schikanösen Polizisten und sinnlosem Bürokratismus, so haben wir bisher nur positive Erfahrungen mit offiziellen Stellen gemacht. Die Sache mit dem Geld, die ist vielleicht etwas nervig. Bargeld ist Trumpf in Usbekistan, bisher haben wir nur in einem Hotel mit der Kreditkarte zahlen können. Ich berichtete ja bereits, dass wir (gebügelte) Dollar und Euro von zuhause mitgebracht haben, aber das Reisen mit größeren Mengen Bargeld ist nicht so ganz unsere Sache. Einmal haben wir nach längerer Suche in Taschkent Dollar am Automaten abheben können. Der Umtausch in Som klappt – solange es sich um unbeschädigte Banknoten handelt – meist gut. Wenn man um die „Kreditbank“ mit ihrem unverschämten Wechselkurs einen Bogen macht. Verlassen kann man sich auf die NBU, die National Bank of Usbekistan. 2017 wurden größere Banknoten eingeführt, wir tragen zwar schon ein paar Bündel Scheine mit uns rum, aber früher benötigte man nach einer Wechselaktion durchaus einen kleinen Rucksack, um das Geld davon zu tragen.

Usbekistan ist ein günstiges Reiseland. Am stärksten schlagen Übernachtungen zu Buche, wir haben im Schnitt etwa 50 Dollar pro Nacht gezahlt. Verzichtet man auf ein eigenes Bad, kann es deutlich billiger werden. In den Übernachtungspreisen ist immer ein reichhaltiges Frühstück enthalten, das uns meist bis nachmittags gesättigt hat. Essen gehen ist sehr günstig, besucht man einheimisches Lokale, liegt die Rechnung für zwei um die 5 Euro, wenn man sich an Grillspieße, Tomaten-Gurkensalat und Brot hält. Transport ist ein echtes Schnäppchen, für die neunstündige Bahnfahrt von Buchara ins Fergana-Tal zahlen wir für unsere zwei Schlafwagenplätze 30 Dollar. 

Und Usbekistan ist sehr einfach zu bereisen. Zumindest solange man sich im touristischen Viereck Chiwa-Buchara-Samarkand-Taschkent bewegt.  Fast überall kommt man mit Englisch durch und wer russisch spricht, wird hier gar kein Problem haben. Unterkünfte und Restaurants sind sehr sauber. Auch wenn man das Leitungswasser nicht unbedingt trinken sollte. Das Internet funktioniert auch meistens und bis auf den 24-stündigen Stromausfall in Samarkand klappte es bei uns auch mit der sonstigen Infrastruktur.

Wirklich toll sind die Usbeken selber. So freundlich, so aufgeschlossen, so hilfsbereit, so interessiert. Selbst in den großen Städten, in denen sie mittlerweile an Touristen gewöhnt sein müssten, wird man immer wieder gefragt, ob sie ein Photo mit uns haben können.

Es ist ein Land im Aufbruch, das spürt man sehr deutlich. Den jungen Leuten ist klar, das jetzt ihre Chance gekommen und der Schlüssel hierfür eine gute Ausbildung ist. Auf dem zentralen Platz von Samarkand, dem Registan, sitzt man nicht lange allein, Studenten nutzen die Gelegenheit, einen Plausch auf Englisch zu halten. Politische Reformen haben aus der einstigen Diktatur ein sich öffnendes Land gemacht, das zwar noch einen weiten Weg vor sich hat, aber die richtige Richtung eingeschlagen zu haben scheint.

Was uns ganz besonders auffällt, sind die fröhlichen Kinder, frech und neugierig, so wie Kinder halt sein sollten. „Hello“ schallt es uns überall entgegen, und sie freuen sich unglaublich, wenn man zurück grüßt oder winkt. Und dabei handelt es sich meistens um ganz besonders hübsche Kinder, so wie viele Menschen hier optisch das beste von Orient und Asien in sich vereinen.

Die Frauen kleiden sich häufig noch traditionell, blumig gemusterte lange blusige Oberteile über weiten Hosen und Kopftücher. Für unsere Augen wirkt es immer mal wieder wie ein Schlafanzug. Viele Männer tragen die traditionelle Kopfbedeckung „Doppa“. Eric hat auch sofort zugelangt und ist sehr zufrieden.

 

 

 

Alles in allem: ein wunderbares Reiseland und jetzt ist genau der richtige Zeitpunkt, Usbekistan kennenzulernen! 

Genießen in Buchara

Es warten noch weitere Wunder auf uns in Usbekistan, da sind wir uns sicher, und deswegen verlassen wir das schöne Chiwa nach vier Tagen wieder. 450 Kilometer durch die Wüste bis nach Buchara, immer entlang der turkmenischen Grenze, mit unserem privaten Taxi für 35 Euro. Aber bevor die Reise richtig losgeht, erst mal ab zum Tanken. In Usbekistan wird viel mit Gas gefahren, wir nähern uns der großen Tankstelle mit der Aufschrift „Methan“, da stoppt der Fahrer an einem Wartehäuschen und bittet uns, hier auf ihn zu warten. Und wir sind nicht die einzigen, die hier abgesetzt und später wieder aufgelesen werden. Gastanken in Usbekistan scheint gefährlich zu sein, Fabiano hatte uns am Vortag bereits erzählt, dass es gerne mal zu Explosionen dabei kommt und daher nur die Fahrer in die Tankstellen fahren dürfen. Wenns dann bumm machen sollte, wäre nur ein Opfer pro Fahrzeug zu beklagen. Dann hoffen wir mal, dass wirklich nur das Tanken bei diesen Fahrzeugen explosionsgefährdet ist. Die Straße ist in keinem guten Zustand, wir holpern mit unserer kleinen Gasbombe im Kofferraum in sportlichem Tempo über den löchrigen Asphalt und unser Fahrer bremst nur ab, wenn sein Radarwarngerät anspringt. Bis zu 300 Dollar, mehr als ein Monatsgehalt, können für Geschwindigkeits-übertretungen fällig werden und dazu der Ärger mit der hier sehr gefürchteten Polizei. Irgendwann geht die holprige Straße in eine recht gute Autobahn über, die wir fast für uns alleine haben. Links und rechts Wüste so weit wir schauen können. Wochenlang haben die Karawanenreisenden nichts anderes gesehen als diese kargen Sandhügel mit Dorngestrüpp. An einer kleinen Raststätte halten wir, „Border“ steht auf einem Schild und bitte auf keinen Fall Photos machen. Da drüben liegt also Turkmenistan, ein Land, von dem ich keinerlei Vorstellung habe. Aber wer weiß, wir kriegen ja gerade erst richtig Lust auf Zentralasien.

Am späten Nachmittag erreichen wir Buchara. Die historische Altstadt ist autofrei, so laufen wir die letzten Meter zu unserem Hotel, in dem wir herzlich mit Tee und Süßigkeiten empfangen werden. Eine altes Kaufmannshaus mit hübschem Innenhof und blitzblanken Zimmern. Bei unserem ersten Spaziergang durch die Altstadt fremdeln wir etwas – auf dem zentralen Platz der Altstadt ist usbekisches Remmidemmi, große Gruppen, laute Musik, viele Stände mit Touristenramsch. Kurz sehnen wir uns ins ruhige Chiwa zurück.

Am nächsten Morgen zeigt sich Buchara dann aber von seiner spektakulären Seite und alles ist wieder gut. In den überkuppelten Basaren stellt sich rasch das Seidenstraßen-Feeling wieder ein. Wir laufen zum prachtvollen Platz am Kalon-Minarett, auf dem sich die Kalon-Moschee und eine Medrese gegenüberstehen. Wieder so ein Anblick, der fassungslos macht. Die riesigen Portale, prachtvoll verziert, die prunkvollen Innenhöfe, so viel Schönheit. Eigentlich kann man es kaum beschreiben, deswegen lasse ich mal wieder Erics schöne Bilder sprechen.

  

     

Vor der Moschee sprechen uns vier Jungs an, der kleinste vielleicht gerade 10, der älteste wahrscheinlich 15. Sie würden für die Englischprüfung lernen und möchten sich unterhalten. Das passiert uns hier immer mal wieder, die Leute sind so freundlich, so interessiert, möchten unbedingt wissen, woher man kommt und wie man Usbekistan so findet. Und möchten zum Schluss ein gemeinsames Photo. In Indien wurde mir ja schon manch ein Kleinkind in die Arme gedrückt für’s Familienalbum, aber da ging es tatsächlich meist ums Bild mit der exotischen Europäerin. Hier scheint das Photo eher die Erinnerung an ein freundliches Gespräch festhalten zu sollen. Wir finden ein stimmungsvolles Teehaus, kühl und schattig, in dem wir zu einer Kanne sensationellem Kräutertee kleine Teller mit orientalischen Süßigkeiten bekommen. Es ist Nebensaison, eigentlich schon ein wenig zu heiß, aber auch deutlich touristenärmer. So bekommen wir überall dort Platz, wo es schön aussieht, und die volle Aufmerksamkeit der freundlichen Bedienungen. Das jüdische Viertel von Buchara ist voll von geschmackvoll renovierten Restaurants und Hotels. Aber nichts ist so spektakulär wie das Restaurant Aivan. Versteckt im Innenhof eines Hotels ist der Speisesaal der schönste, in dem ich je gegessen habe. Man kann sich kaum satt sehen an den prachtvoll dekorierten Wänden, der hohen Holzdecke, den Antiquitäten, die in den kleinen Wandnischen Platz gefunden haben. Wir sitzen in bequemen Clubsesseln, speisen ganz hervorragend und sind viel zu leger angezogen für dieses traumhafte Ambiente. Trotzdem erreicht die Rechnung am Ende dieses wunderbaren Abends keine 20 Euro. Aber auch weniger exquisite Lokalitäten werden wir so schnell nicht vergessen. Wir schlendern durch einen Park, vorbei an einem Mausoleum und kommen zu einem kleinen See. An seinem Ufer ein ganz einfaches kleines Restaurant, mehrere Tapchans unter schattigen Bäumen. Wir bestellen Tee bei der freundlichen alten Dame und liegen fast eine Stunde auf dem gemütlichen Hochbett, beobachten die Menschen, lesen und fühlen uns sehr wohl. Genauso wie am nächsten Tag auf einer Bank vor der reizenden kleinen Char Minar mit ihren vier blauen Türmchen, mitten in einem Wohngebiet.

Buchara hat viele Sehenswürdigkeiten zu bieten, die große Festung Ark, die vielen Medresen und Moscheen, die Basare. Die Hauptattraktion sind für uns aber die schönen Unterkünfte, Restaurants und Cafés. Sie machen es sich sehr schön, die Usbeken, und sie haben eine sympathisch-geruhsame Lebensart. Davon demnächst mehr.

Im Wunderland

Taschkent liegt im Osten Usbekistans, die drei Topziele Samarkand, Buchara und Xiva eher Richtung Westen, und die Distanzen sind groß. Um einen Inlandsflug würden wir nicht drumrumkommen und so haben wir uns schon in Deutschland entschieden, von Taschkent ins am weitesten entfernte Xiva zu fliegen, weit oben und fast an der Grenze zu Turkmenistan. Die Abendverbindung gibt uns noch fast einen ganzen Tag in Taschkent und nach einem ziemlich holprigen Flug landen wir um halb neun im dunklen Urgench, der Hauptstadt der Provinz Choresmien. Unsere Pension hat die Abholung organisiert und das funktioniert wunderbar, wie bisher alles in Usbekistan. 35 km fahren wir über holprige Straßen und dann tauchen sie auf, die antiken Stadtmauern von Xiva. Wie eine große Sandburg und als das Auto durch das Nordtor schaukelt, hören auch die befestigten Straßen auf. In unserer Pension ist alles ganz neu und liebevoll traditionell dekoriert. Eigentlich wollten wir noch einen kurzen Abendspaziergang machen, aber wir sind ziemlich erledigt und schlafen bald ein. Die Betten sind hart, die Kissen prallvoll gestopft, da hätten sie uns auch bezogene Holzblöcke geben können, aber das scheint recht normal zu sein hier. Ich bin offensichtlich so müde, dass ich trotzdem gut und lange schlafe, Eric wacht gerädert auf. Wir fragen den netten Wirt, ob er vielleicht ein etwas flacheres Kissen hätte, und am Abend scheinen sie dann nicht mehr ganz so aufgeplustert. Wegen der Flaumreste auf dem Boden vermuten wir, dass sie einfach ein paar Federn herausgenommen haben. Nach einem leckeren Frühstück machen wir uns dann auf, Xiva zu erkunden. Eine schöne Oasenstadt und wichtiges Handelszentrum der Seidenstraße, sehr gut erhalten und sehr sehenswert, sagt der Reiseführer. Eine absolute Untertreibung, stellen wir fest, als wir um die Ecke unseres Wohnviertels biegen. Wo man hinschaut prachtvolle Moscheen und Medresen aus hellem Backstein, dekoriert mit blaugrünen Kacheln und mit türkisfarbenen Kuppeln, alles so gut erhalten und restauriert, würde Aladin auf seinem Teppich vorbei fliegen, es würde uns nicht wundern. 

Die Minarette habe hier nicht die schlanke Form, die wir aus der Türkei oder sogar aus Deutschland kennen. Es sind massive bauchige Türme, gut fünfzig Meter hoch. Der Kalta Minor ist komplett von türkisfarbenen Kacheln bedeckt und endet recht abrupt. 70 Meter hoch sollte er werden, wegen des kriegsbedingten Todes seines Bauherrn Mitte des neunzehnten Jahrhunderts reichte es nur für knapp 30, aber das tut seiner Schönheit keinen Abbruch. Beim eleganteren Islam Hodscha dominieren die hellen Backsteine, türkisfarbene Musterstreifen dekorieren ihn dezent. Die Mehrzahl der religiösen Gebäude sind nicht etwa Moscheen, sondern Medresen, die Universitäten der damaligen Zeit. Durch ein riesiges rechteckiges Portal, den Pischtak, betritt man einen großen Innenhof. Rundum befinden sich meist zweistöckig die Studentenzellen, die Eingänge schön dekoriert. Souvenirhändler haben sich in den kleinen Lernräumen niedergelassen, manche Medresen wurden auch zu stilvollen Hotels umgestaltet. Den Helden vergangener Jahrhunderte sind prunkvolle Mausoleen gewidmet. Das beeindruckendste und stimmungsvollste ist für uns das Pachlawan-Machmud-Mausoleum, opulent mit blauen Kacheln ausgekleidet und als wir uns auf eine der Bänke setzen, kommt plötzlich ein Imam in den Raum, nimmt auf einem Stuhl Platz und beginnt zu singen. Ein magischer Moment.

Es ist heiß in Chiva, das Thermometer kratzt an den 40 Grad, aber das lässt alle in einen gemütlichen Schlenderschritt verfallen und die wandernde Sonne beschert uns alle paar Stunden ein ganz anderes Licht auf diese unglaubliche Stadt. In fast jedem der alten Gebäude ist ein kleines Museum untergebracht, mal geht es um usbekische Musik, mal um Keramik und besonders interessant ist das über die Mennoniten. Stricksocken mit nordisch anmutenden Mustern werden an den Souvenirständen verkauft und es wird vermutet, dass es sich hierbei um ein Erbe dieser deutschen und schweizerischen Auswanderer handelt. 50 Jahre lebten sie bis 1935 in Chiwa und haben neben den Sockenmustern manch einen prächtigen Holzboden in den alten Häusern hinterlassen. Am Abend finden wir ein Restaurant, in dass wir auch an den folgenden Abenden zurückkehren, denn es ist perfekt. Auf einem Tapchan, einer Art Holzbett mit weichen Matten, Kissen und einem niedrigen Tisch, lässt es sich stilecht orientalisch fläzen, hinter und vor uns jeweils eine riesige Medrese, in der Ferne einer der hohen Türme. Die untergehende Sonne lässt den sandfarbenen Stein golden leuchten, das Türkis der Kacheln funkelt, Schwalbenschwärme drehen ihre Runden über uns und werden später von kleinen Fledermäusen abgelöst. Was für ein phantastischer Ort. Was für eine Erinnerung. Weiß Du noch damals in Chiwa, in diesem wunderbaren Restaurant?

Trotz aller Magie möchten wir auch die Umgebung von Chiwa kennenlernen und planen eine Tour zu den Wüstenschlössern von Karakalpakstan. Das klingt doch nach Orient und Karawane! Wir aber wählen ein schnödes Auto, das wir uns mit zwei freundlichen Italienern aus unserer Pension teilen. Fabiano ist perfekt vorbereitet, er spricht sogar ein paar Worte Usbekisch und hat die interessantesten Festungen ausgewählt. Und dann beginnt eine heiße, staubige, aber faszinierende Reise zu den 2000 Jahre alten befestigen Siedlungen, die wir fast für uns alleine haben. Wir erklimmen die Hügel in der flirrenden Hitze, schauen hinunter in die karge Wüste und stellen uns vor, wie die Karawanen hier vor hunderten von Jahren Station machten und ihre Waren verkauften. Die Festung von Ayaz Kala ist hierfür ganz besonders geeignet, erst ein Marsch durch die Wüste, dann ein steiler Anstieg, ein atemberaubender Blick und auf dem Rückweg hat sich doch tatsächlich ein Kamel vor dem Palast in Position gebracht. Es gehört zum Camp nebenan, in dem wir in einer Jurte eiskalte Cola bekommen und draußen im heißen Wüstenwind schaukeln können.

 

 

Nach fünf Schlössern sind wir erledigt – Sonne und Staub, holprige Straßen und viel Abenteuer. Es war ein interessanter Tag in guter Gesellschaft, aber jetzt wollen wir nur noch in unser traumhaftes Restaurant, die Schwalben im Sonnenuntergang beobachten und den Abend mit einem kühlen Bier ausklingen lassen. 

        

P.S. Den schönen Abend hat uns noch nicht mal eine feierfreudige Seniorenreisegruppe vermiesen können, die zu „Besame mucho“ auf der Balalaika animiert von ihrer Reiseleisterin das Tanzbein schwingen mussten. Ach, diese Alten, denken wir, und dann rechnen wir kurz nach, wie viele Jahre uns von ihnen trennen…..

Asien mal zentral

Etwas amputiert fühlt es sich schon an, auf maximal zwei mal drei Wochen Reisezeit im Jahr beschränkt zu sein. Als ordentliche Globonauten brauchen wir das Abenteuer, ein bisher ganz weißer Fleck auf unserer Reisekarte war Zentralasien und hier wird man doch bestimmt sofort in die Exotik gestoßen. Die Seidenstraße, Samarkand, Buchara – Kamelkarawanen mit feinsten Stoffen und duftenden Gewürzen ziehen vor unseren Augen durch die Wüste – da wollen wir hin. Und als wir dann noch hören, dass die Visapflicht für Deutsche im Januar 2019 aufgehoben wurde, ist die Entscheidung für Usbekistan gefallen. So richtig einfach wird es wohl trotzdem nicht, wir lesen von endlosen Einreise- und Zollformalitäten, mitgeführte Medikamente müssten pillengenau angegeben werden und Kreditkarten seien weitgehend unbekannt. Dafür regiert das druckfrische westliche Bargeld – aber bitte makellos und ungeknickt. So bügele ich vor der Abreise nicht nur T-Shirts und Blusen, sondern tatsächlich auch die ein oder andere Dollarnote. 

Der Flug ist angenehm. Erst drei Stunden nach Istanbul und nach kurzweiliger Wartezeit im neuen Flughafen noch mal viereinhalb nach Taschkent. Es ist kurz nach Mitternacht und wir machen uns auf was gefasst. Gerne mal zwei Stunden könne die Einreise dauern, hieß es, und die könnten unangenehm sein. Die Schlange an der Passkontrolle ist kurz – dann muss die Bürokratenhölle dahinter auf uns warten. Etwas nervös schaue ich dem Grenzbeamten dabei zu, wie er meinen Pass inspiziert – der schaut mich an und sagt „Chulia Henke – Welcome“. Und schwupps scheine ich drin zu sein in Usbekistan. Während Eric auf die Koffer wartet, schaue ich mich nach den Zollformularen um, allzeit bereit, meine Medikamentenliste zu zücken, aber ich finde nichts. Also spreche ich einen Zollmitarbeiter an, der überreicht mir freundlich und in gutem Englisch zwei Formulare und nachdem Eric unser Gepäck erobern konnte, machen wir uns daran, sie auszufüllen. Aber warum sind wir die einzigen, die hier stehen und eintragen, dass wir Handys und Laptops dabei haben? Da kommt wieder ein freundlicher Beamter vorbei, fragt, ob wir mehr als 5000 Dollar dabei haben, und als wir verneinen schüttelt er den Kopf und sagt „Kein Formular“. Kann denn das jetzt sein? Einreise innerhalb von zehn Minuten? Und keiner will meine schöne Pillenliste sehen? Kurze Zeit später sitzen wir im Taxi und nähern uns im nächtlichen Taschkent unserem Guesthouse. Und liegen eine Stunde nach der Landung in blitzsauberen Betten und träumen uns in tausend und eine Nacht.

Der Tag beginnt mit einem leckeren Frühstück unter Aprikosenbäumen im Innenhof. Unser Gastgeber stattet uns mit allem aus, was der moderne Globonaut braucht, nämlich zwei SIM-Karten mit unendlichen Gigabyte. Nur Geld tauschen, das müssen wir auf der Bank. Er beschreibt uns den Weg und nach einem kurzen Spaziergang durch ein freundliches Wohnviertel mit vielen Maulbeerbäumen stehen wir vor dem Zentralbasar von Taschkent – ein riesiger Kuppelbau mit allem, was das kulinarische Herz oder besser der Magen begehrt – Gemüse und Obst im Überfluss, getrocknete Früchte und Nüsse, Fleisch und Brot. Doch nichts von der Hektik, die wir von anderen asiatischen Großstädten kennen – alles geht in einem angenehmen, freundlichen Tempo. Kein Geschubse, kein Gedränge, ein Mann kommt auf uns zu, gibt uns die Hand, sagt ein paar freundliche Worte und ist wieder verschwunden. Mit etwas Suchen finden wir die Bank. Aber alles was wir über die Annahme von Geldscheinen gelesen haben, stimmt. Eric überreicht mehrere Euroscheine, die beiden Damen am Schalter überprüfen sie peinlichst genau und finden an einem doch tatsächlich einen winzigen Riss an der Ecke. Dafür würden wir 5% weniger kriegen, sagt sie streng. Kurz darauf sind wir Som-Millionäre. Wir bummeln über den Markt zu den  gegenüber gelegenen Arkaden. Handwerker präsentieren dort ihre Waren, Möbel, Küchenutensilien und Textilien. Wahrscheinlich sah das vor 100 oder gar 500 Jahren nicht viel anders aus. Langsam werden wir hungrig und stoßen auf ein kleines Straßenrestaurant in den Arkaden, Somsa gibt es hier und essenstechnisch bin ich vorbereitet. Ich liebe die Youtube-Videos von Mark Wiens, der sich durch die Welt reist und isst, I travel for food ist sein Motto, und Usbekistan hat er auch bereist. Die Teigtaschen mit würziger Füllung, die im Lehmofen gebacken werden, hat er besonders gelobt und ja: er hat recht! Der Teig so knusprig, die Füllung so saftig und perfekt gewürzt, und das ganze für weniger als einen Euro das Stück – so gut. Wir streifen weiter durch Taschkent, viele Sehenswürdigkeiten hat die Stadt, die in den sechziger Jahren bei einem Erdbeben zerstört wurde, nicht, aber sie überrascht uns trotzdem. Das gemächliche Tempo, das uns bereits auf dem Markt aufgefallen ist, scheint überall zu herrschen. Taschkent ist sehr großzügig angelegt, breite Boulevards, große Kreisverkehre, immer mal wieder ein Park: Platz scheint hier kein Problem zu sein. Im Gegensatz zu Stuttgart eine Stadt, in der Infrastruktur und Einwohner in einem guten Verhältnis stehen. Die Zerstörungen des Erdbebens haben sie genutzt, um eine Metro zu bauen, ganz nach Moskauer Vorbild mit grandios dekorierten Stationen, und die bringt uns am Abend in die russische Neustadt. Die sowjetischen Monumentalbauten sind sichtbar, aber nicht unangenehm. Wir sind hierher gekommen, um koreanisch zu essen, denn in Usbekistan und besonders in Taschkent gibt es eine große koreanische Community. Der ideale Ort für ein authentisch koreanisches Essen. Wir finden ein hochgelobtes Restaurant, sind ausgestattet mit einer Übersetzungs-App, scheitern dann aber kläglich an der Speisekarte. Koreanische Gerichte, ausschließlich in kyrillischer Schrift, da streikt auch die moderne Technik. Die Kellnerin spricht nur koreanisch und russisch, irgendwann deute ich auf das lecker aussehende Essen auf dem Nachbartisch, Eric tippt einfach so in der Karte herum.  Das letzte mal als wir so bestellt haben, es war in Japan, bekamen wir Horumon-Yaki serviert, eine Zusammenstellung furchtbarster Innereien. Hier haben wir Glück, kurze Zeit später sitzen wir vor einem Tisch voller köstlicher Dinge.

Am nächsten Tag bekommen wir einen ersten Eindruck von der Pracht religiöser usbekischer Gebäude. Wir besuchen Khast-Imam, das religiöse Zentrum Taschkents. Atemberaubend und grandios, die Moscheen und islamischen Schulen. Hier lasse ich einfach die Bilder sprechen. 

 

Zum Mittagessen landen wir eher zufällig in einem usbekischen Alltagsrestaurant, sehr gut besucht und ohne jeden Charme. Braucht es aber auch nicht, denn im Mittelpunkt steht Laghman, eine weitere usbekische Spezialität. Hausgemachte Nudeln in einer sensationellen Brühe mit Gemüse und Fleisch (ohne das geht hier nichts), eine leichte Sternanisnote, ziemlich perfekt für etwa zwei Euro. 

Was für ein Einstieg in dieses wunderbare Land. Und es wird noch viel besser werden…