Losfahren

Wäre alles wie ursprünglich geplant gelaufen, hätte ich das Sabbatjahr heute bereits hinter mir. Aber erst fühlte ich mich zu gut im neuen Job, dann kam Corona: es gab immer wieder Gründe, meine Auszeit zu verschieben. Viel Zeit also für Pläne aller Art. Die Pandemie macht die Reisewelt kleiner und ich fing an, über einen Roadtrip nachzudenken. Einfach rein ins noch nicht vorhandene Auto und los, am besten Richtung Osten. Erst ein bisschen Familienforschung in Ostdeutschland, dann Polen, ein Abstecher nach Lemberg, Baltikum hoch bis nach Estland und dann übersetzen nach Finnland. Dieser Plan verfestigte sich immer mehr. Dann kam der Krieg. 

Ich will es trotzdem wagen. Lemberg habe ich vorerst von der Liste gestrichen. Wunderschönes Lviv, sobald dieser furchtbare Krieg vorbei ist, werde ich das nachholen. 

Ein Auto zu kaufen in Zeiten explodierender Anschaffungs- und Benzinpreise ist vielleicht nicht vernünftig, aber ich will jetzt. Das neue Globomobil ist ein unauffälliger Golf, der hoffentlich nicht ins Visier autogieriger Schurken gerät. 

Das Schicksal hat für mich einen Bruch vorgesehen – gerne hätte ich meine Wohnung behalten, ein paar Monate untervermietet und mich nach einem Jahr wieder in die gewohnten Kissen geschmissen. Aber diverse Wassereinbrüche, zuletzt direkt über meinem Bett, gaben mir ein äußerst schlechtes Gefühl, hier während meiner Abwesenheit einen Untermieter zu beherbergen. Also trennte ich mich schweren Herzens von meinem Turmwächterinnendomizil und bin gespannt, wohin mich die Zukunft treiben wird.

Die letzten Wochen sind stressig wie gehabt – egal, wie früh man anfängt mit Kisten packen und organisieren, die Zeit ist immer knapp. Aber geklappt hat es natürlich trotzdem. Erleichterung mischt sich mit Wehmut und dann wieder mit Vorfreude. Vielleicht auch, weil es sich gar nicht so anfühlt, als würde ich Stuttgart für ein ganzes Jahr verlassen. Muss das nicht dramatischer vonstattengehen, der letzte Spaziergang durch den Park, das letzte Treffen mit lieben Kollegen und Freunden, der letzte Blick auf meine Sachen im Möbellager?

Ich verabschiede mich nicht nur von der Wohnung, sondern auch von einem Stadtteil, den ich in den letzten Jahren lieb gewonnen habe. Stuttgart-Berg ist verkehrsumtost, ohne Einkaufsmöglichkeiten und von der Politik ein wenig vergessen – die Stadt geht nicht ernsthaft gegen den illegalen und viel zu schnellen Durchgangsverkehr vor, sie bestreitet sogar, dass es ihn gibt. „Kein bekannter Unfallschwerpunkt“, bekam ich als Auskunft im Vorfeld einer Bürgerversammlung. Muss halt erst einer totgefahren werden.

Aber Berg hat Highlights, von denen andere Stadtteile nur träumen können: den Rosensteinpark, nicht mehr so verwunschen und einsam wie noch vor Corona, aber immer noch wunderbar. Das „Flora und Fauna“ am Park war zeitweise mein zweites Wohnzimmer, eine Art Stammkneipe ist in Stuttgart gar nicht so leicht zu finden. Dann der Park der Villa Berg – hier bleiben die Stuttgart-Ostler meist noch unter sich. Auch wenn die grandiose Villa weiter verfällt. Und die Stadt im kleinen Park das Motto „Warum reparieren, wenn man sperren kann“ kultiviert. In die beiden Mineralbäder Leuze und Berg hätte ich in unter zwei Minuten im Bademantel spazieren können. Aber wie es so ist: ich war in der ganzen Zeit vielleicht zweimal im Leuze und einmal im Berg. Schade, aber so geht es mir immer mal wieder, wenn ich Dinge direkt vor der Haustür habe.

Am letzten Tag vor dem Umzug bummele ich noch einmal durch „mein“ Berg. Hinein in den Park der Villa Berg, das Wetter ist trüb, heute habe ich den Park fast für mich alleine. Der Cannstatter Wasen lärmt über den Neckar hinüber, ich bilde mir ein, dass sogar der Geruch von Bratwurst und Pommes herüber weht. Im unteren Teil des Parks sind Grabsteine wie zufällig auf dem Rasen und in den Büschen verstreut, die Aufschriften kaum lesbar. Weiter oben leuchtet die Frühlingswiese trotz des grauen Himmels. Der Krokuswiese, auf die ein Schild hinweist, ging auf selbigem das r und u verloren. Über die so entstandene „Kokswiese“ muss ich jedesmal grinsen.


Die Villa selbst bröckelt traurig wie eh und je vor sich hin. Ihre Fensterbögen sind mit Bildern der Stars, die hier im früheren SDR-Studio aufgetreten sind, dekoriert – fast alle leben nicht mehr, so wie der SDR auch, und das unterstützt den morbiden Charakter des Ortes.

Erst vor kurzem habe ich die Raitelsberg-Siedlung hinter dem Park entdeckt – ein ziemlich originales 20er-Jahre-Ensemble mit einem grandios-modernen Schulgebäude von 1929. Da hatte sich die Stadt noch was getraut. Durch einen kleinen Grünstreifen der Blick auf das Wahrzeichen von Gaisburg, den Gaskessel. Nicht Stuttgarts beste Gegend, aber spannend wie viele Ecken im Osten. Vielleicht verschlägt es mich in einem Jahr hierher?

Eric und ich gestalten einen Abschied auf Raten und fahren erst mal für ein verlängertes Wochenende in die Oberpfalz. Im schönen Berching genießen wir das unerwartet bayerische Ambiente kurz hinter der fränkischen Grenze. Ein wunderbarer Ort für einsame Wanderungen, opulentes Schäufele mit Kloß und süffiges Bier. Bei Erasbach entdecken wir eine steinerne Rinne wie aus dem Märchenbuch. Geformt durch kalkhaltiges Wasser grub sich der Bach nicht in den Boden, sondern wuchs über die Jahrhunderte nach oben und windet sich heute wie ein sagenhafter Tatzelwurm den Bergwald hinab. Am Abend sitzen wir an der Stadtmauer, schauen den Schafen beim Grasen, den Turmfalken beim Jagen und dem Storch beim Heimkommen zu. Ein sehr schöner Ort, dieses Berching.

Ein letzter gemeinsamer Frühlingstag in Nürnberg, langsam wird mir doch etwas weh ums Herz und dann kommt der Abschied ganz schnell. Kein Parkplatz vor dem Nürnberger Hauptbahnhof, also nur ein kurzer illegaler Stopp in der Taxibucht, Eric springt aus dem Auto – jetzt muss ich alleine ran!

Und es läuft. Lange nicht mehr gefahren, anfangs noch unsicher, aber sobald ich Nürnberg hinter mir gelassen habe, wird die Autobahn leerer und entspannter. Ich bin tatsächlich gestartet!

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