Leipzig!

Was für eine gute Entscheidung, meine Auszeit in Leipzig einzuläuten. Erst mal Ankommen im Rumkommen, das war mein Ziel, und dabei habe ich fast zufällig meine neue Lieblingsstadt entdeckt!

In Leipzig stimmt für mich alles: die freundliche „Senfbude“, in der nicht nur ein kleines Apartment, sondern auch eine dreibeinige Schmusekatze und ein Fahrrad auf mich warten. Das frühlingshaft warme Wetter. Die entspannte Atmosphäre. Und jeden Tag eine neues Abenteuer.

Ich wohne in Stötteritz im Südosten der Stadt in einer alten Senffabrik. Umgeben von Datschen in üppig grünen Gärten geht es hier ruhig und entspannt zu. Trotzdem ist man mit dem Fahrrad in einer Viertelstunde in der Stadt. Schon beim Ankommen war das riesige Völkerschlachtdenkmal nicht zu übersehen. Hier will ich meine Entdeckungstour starten und schwinge mich am nächsten Tag auf’s Fahrrad. Die Anlage ist riesig, pompös, wilhelminisch. Und trotzdem faszinierend. Für das Innere braucht man zunächst einmal Kondition – insgesamt 500 Stufen bis ganz hinauf zur Kuppel. Es gibt zwar einen Fahrstuhl, aber der ist den Leuten vorbehalten, die nicht so gut zu Fuß sind, und zu denen möchte ich noch nicht gehören. Eine Pause lege ich schon im ersten Stock ein: eine Filmpräsentation zeigt die Ereignisse von der Völkerschlacht 1813 über Bau und Einweihung des Denkmals hundert Jahre später bis heute. Kraft tanken für den weiteren Aufstieg, der auf der Aussichtsplattform mit grandiosem Blick in 91 Meter Höhe endet. Erst nach dem Weg hinunter schaue ich mir Krypta und Ruhmeshalle genauer an. Die riesigen Steinfiguren im Halbdunkel, der sphärische Chorgesang, allein die Atmosphäre beeindruckt. 

Aber jetzt ist Zeit für etwas Sonne, auf dem benachbarten Südfriedhof lässt es sich in Ruhe flanieren. Die Familiengräber der Baedekers und Ullsteins stimmen mich ein auf die Buchstadt Leipzig. Und welcher Ort kann danach passender sein als die Deutsche Nationalbibliothek, die ich eher zufällig entdecke. Kaum bin ich drin, haben mich die sehr freundlichen Mitarbeiter schon mit einem (kostenlosen!) Leseausweis versorgt. Ich durchstreife die original restaurierten Lesesäle und recherchiere nach Literatur für meine Familienforschung. Am nächsten Tag macht mir eine Bombe einen Strich durch die Rechnung – bitte sofort die Bibliothek verlassen, Weltkriegsbombe auf dem Gelände der gegenüberliegenden Alten Messe. Die Entschärfung in der Nacht war erfolgreich, einen Tag später darf ich wieder rein.

Aber zunächst einen Besuch in der Innenstadt. Ich starte meine Tour am Marktplatz, das alte Rathaus leuchtet in der Sonne, Naschmarkt, Auerbachs Keller, dann weiter zur Nikolaikirche – hinter jeder Ecke erwartet mich Geschichte und Kultur. Bach, Mendelssohn Bartholdy und Goethe, Handel, Messe und Bürgertum, die friedliche Revolution – überall finden sich ihre Spuren in der Stadt. Die vielen Passagen laden dazu ein, die berühmten Höfe zu entdecken – schöne Restaurants, viel Jugendstil, Ruhe in der quirligen Stadt. 

Weiter zum Bahnhof, einem ganz besonders gelungenen Beispiel für die Restaurierung eines Kopfbahnhofs. Viel Licht und Luft im Inneren, in den grandiosen Wartesälen der wahrscheinlich schönste Starbucks. Hat 250 Millionen Euro gekostet, Stuttgart, nicht 9 Milliarden. Schön und funktionell ist es obendrein.

Dann der Augustusplatz. Das Gewandhaus atmet wuchtige DDR-Architektur, hat aber sicherlich eine grandiose Akustik. Der neobarocke Mendebrunnen davor lässt erahnen, dass hier vieles verloren ging, durch Krieg oder Sozialismus. Ein sehr trauriges Beispiel findet sich vor dem modernen Gebäude der Universität: ein kleines bronzenes Modell der Universitätskirche, 1240 geweiht. Die hatte den Krieg fast unbeschadet überstanden, stand dann aber dem Sozialismus im Weg. Am 30. Mai 1968 wurde sie gesprengt. Der ultramoderne Neubau hinter dem Modell neigt sich leicht zu der Seite, in der die Kirche einsackte. Auch im Inneren hat man sich an einer modernen Interpretation der Rekonstruktion versucht und ich finde, sie ist gelungen.

Leipzig ist ein idealer Ort zum Fahrradfahren, flach mit häufig breiten Straßen, wenig aggressiven Autofahrern und einer ganz hervorragenden Infrastruktur, die Radfahrer und Fußgänger Ernst nimmt. Eigene Ampeln, Beschilderung, Erklärung, warum an dieser Stelle Vorsicht oder sogar ein Absteigen notwendig ist. Und siehe da, wenn man alle Verkehrsteilnehmer gleichberechtigt behandelt, dann benehmen sie sich auch. Der coole Hipster-Radler hält an der roten Ampel, die flippige Studentin steigt an der Baustelle ab und schiebt ihr Rad kurz. Natürlich gibt es auch hier den wütenden Kampfradler, der sich an nichts hält, aber im Großen und Ganzen geht es auf den Straßen friedlich und entspannt ab. Und weil Radeln hier so viel Spaß macht, erkunde ich auch noch das Waldstraßenviertel und die schönen angrenzenden Parks, bis ich mich im Stadtteil Gohlis vor einem Rokokoschlösschen wiederfinde. Im dazugehörigen Lustgarten kann man den Tag wunderbar bei einem Gläschen Wein ausklingen lassen und herausfinden, dass so die Sommerfrische reicher Leipziger Bürger vor zweihundert Jahren aussah. Auf dem Rückweg durch das Rosental tauchen plötzlich die Giraffen des Leipziger Zoos auf ihrem Weg ins Nachtquartier auf. Ein netter Abendgruß.

Und was war noch? Orgelvesper in der Nikolaikirche, sehr schön! Der Marzipantraum Leipziger Lerche im Café Riquet, sehr lecker! Eine Gose, säuerlich-salziges Bier, gebraut im Bayerischen Bahnhof, sehr interessant! Der botanische Garten der Universität, sehr idyllisch! Die komplett erhaltenen Straßenzüge mit feinster Gründerzeitarchitktur, sehr beeindruckend! Und die Begegnung mit einem bisher unbekannten Verwandten, sehr bewegend! Ahnenforschung bringt die Menschen zusammen, sehr wichtig!

Am letzten Tag dann noch ein Highlight: eine Kanalrundfahrt durch Plagwitz, einem ehemaligen Industrieviertel. Ich habe Glück und ergattere am freundlichen Bootsverleih Klingerweg einen Platz im „Eisvogel“ und verbringe die Wartezeit im gegenüberliegenden Clara-Zetkin-Park auf einer duftigen Frühlingswiese. Wir tuckern anderthalb Stunden durch die lauschigen Kanäle und bestaunen das, was am Ufer geboten wird. Der Umbau des einstigen Industrieviertels ist sehr gelungen – fantastische Wohnungen mit Blick auf die idyllischen Wassersträßchen, Restaurants, eine Slackline über das Wasser, Menschen, die einfach nur die Schönheit genießen – wow!

Nach einer Woche habe ich das Gefühl, bei Weitem nicht alles gesehen zu haben in dieser wunderschönen Stadt. Ich war in keinem einzigen Museum, habe nur einen kurzen Eindruck von den vielen Parks bekommen, habe den Thomanerchor und das Gewandhausorchester nicht gehört. So viel Kultur, so viel schöne Architektur, so viele Parks, so eine entspannte Atmosphäre. Wer weiß, vielleicht lande ich ja eines Tages für längere Zeit in Leipzig. Vorstellen könnte ich es mir.

Losfahren

Wäre alles wie ursprünglich geplant gelaufen, hätte ich das Sabbatjahr heute bereits hinter mir. Aber erst fühlte ich mich zu gut im neuen Job, dann kam Corona: es gab immer wieder Gründe, meine Auszeit zu verschieben. Viel Zeit also für Pläne aller Art. Die Pandemie macht die Reisewelt kleiner und ich fing an, über einen Roadtrip nachzudenken. Einfach rein ins noch nicht vorhandene Auto und los, am besten Richtung Osten. Erst ein bisschen Familienforschung in Ostdeutschland, dann Polen, ein Abstecher nach Lemberg, Baltikum hoch bis nach Estland und dann übersetzen nach Finnland. Dieser Plan verfestigte sich immer mehr. Dann kam der Krieg. 

Ich will es trotzdem wagen. Lemberg habe ich vorerst von der Liste gestrichen. Wunderschönes Lviv, sobald dieser furchtbare Krieg vorbei ist, werde ich das nachholen. 

Ein Auto zu kaufen in Zeiten explodierender Anschaffungs- und Benzinpreise ist vielleicht nicht vernünftig, aber ich will jetzt. Das neue Globomobil ist ein unauffälliger Golf, der hoffentlich nicht ins Visier autogieriger Schurken gerät. 

Das Schicksal hat für mich einen Bruch vorgesehen – gerne hätte ich meine Wohnung behalten, ein paar Monate untervermietet und mich nach einem Jahr wieder in die gewohnten Kissen geschmissen. Aber diverse Wassereinbrüche, zuletzt direkt über meinem Bett, gaben mir ein äußerst schlechtes Gefühl, hier während meiner Abwesenheit einen Untermieter zu beherbergen. Also trennte ich mich schweren Herzens von meinem Turmwächterinnendomizil und bin gespannt, wohin mich die Zukunft treiben wird.

Die letzten Wochen sind stressig wie gehabt – egal, wie früh man anfängt mit Kisten packen und organisieren, die Zeit ist immer knapp. Aber geklappt hat es natürlich trotzdem. Erleichterung mischt sich mit Wehmut und dann wieder mit Vorfreude. Vielleicht auch, weil es sich gar nicht so anfühlt, als würde ich Stuttgart für ein ganzes Jahr verlassen. Muss das nicht dramatischer vonstattengehen, der letzte Spaziergang durch den Park, das letzte Treffen mit lieben Kollegen und Freunden, der letzte Blick auf meine Sachen im Möbellager?

Ich verabschiede mich nicht nur von der Wohnung, sondern auch von einem Stadtteil, den ich in den letzten Jahren lieb gewonnen habe. Stuttgart-Berg ist verkehrsumtost, ohne Einkaufsmöglichkeiten und von der Politik ein wenig vergessen – die Stadt geht nicht ernsthaft gegen den illegalen und viel zu schnellen Durchgangsverkehr vor, sie bestreitet sogar, dass es ihn gibt. „Kein bekannter Unfallschwerpunkt“, bekam ich als Auskunft im Vorfeld einer Bürgerversammlung. Muss halt erst einer totgefahren werden.

Aber Berg hat Highlights, von denen andere Stadtteile nur träumen können: den Rosensteinpark, nicht mehr so verwunschen und einsam wie noch vor Corona, aber immer noch wunderbar. Das „Flora und Fauna“ am Park war zeitweise mein zweites Wohnzimmer, eine Art Stammkneipe ist in Stuttgart gar nicht so leicht zu finden. Dann der Park der Villa Berg – hier bleiben die Stuttgart-Ostler meist noch unter sich. Auch wenn die grandiose Villa weiter verfällt. Und die Stadt im kleinen Park das Motto „Warum reparieren, wenn man sperren kann“ kultiviert. In die beiden Mineralbäder Leuze und Berg hätte ich in unter zwei Minuten im Bademantel spazieren können. Aber wie es so ist: ich war in der ganzen Zeit vielleicht zweimal im Leuze und einmal im Berg. Schade, aber so geht es mir immer mal wieder, wenn ich Dinge direkt vor der Haustür habe.

Am letzten Tag vor dem Umzug bummele ich noch einmal durch „mein“ Berg. Hinein in den Park der Villa Berg, das Wetter ist trüb, heute habe ich den Park fast für mich alleine. Der Cannstatter Wasen lärmt über den Neckar hinüber, ich bilde mir ein, dass sogar der Geruch von Bratwurst und Pommes herüber weht. Im unteren Teil des Parks sind Grabsteine wie zufällig auf dem Rasen und in den Büschen verstreut, die Aufschriften kaum lesbar. Weiter oben leuchtet die Frühlingswiese trotz des grauen Himmels. Der Krokuswiese, auf die ein Schild hinweist, ging auf selbigem das r und u verloren. Über die so entstandene „Kokswiese“ muss ich jedesmal grinsen.


Die Villa selbst bröckelt traurig wie eh und je vor sich hin. Ihre Fensterbögen sind mit Bildern der Stars, die hier im früheren SDR-Studio aufgetreten sind, dekoriert – fast alle leben nicht mehr, so wie der SDR auch, und das unterstützt den morbiden Charakter des Ortes.

Erst vor kurzem habe ich die Raitelsberg-Siedlung hinter dem Park entdeckt – ein ziemlich originales 20er-Jahre-Ensemble mit einem grandios-modernen Schulgebäude von 1929. Da hatte sich die Stadt noch was getraut. Durch einen kleinen Grünstreifen der Blick auf das Wahrzeichen von Gaisburg, den Gaskessel. Nicht Stuttgarts beste Gegend, aber spannend wie viele Ecken im Osten. Vielleicht verschlägt es mich in einem Jahr hierher?

Eric und ich gestalten einen Abschied auf Raten und fahren erst mal für ein verlängertes Wochenende in die Oberpfalz. Im schönen Berching genießen wir das unerwartet bayerische Ambiente kurz hinter der fränkischen Grenze. Ein wunderbarer Ort für einsame Wanderungen, opulentes Schäufele mit Kloß und süffiges Bier. Bei Erasbach entdecken wir eine steinerne Rinne wie aus dem Märchenbuch. Geformt durch kalkhaltiges Wasser grub sich der Bach nicht in den Boden, sondern wuchs über die Jahrhunderte nach oben und windet sich heute wie ein sagenhafter Tatzelwurm den Bergwald hinab. Am Abend sitzen wir an der Stadtmauer, schauen den Schafen beim Grasen, den Turmfalken beim Jagen und dem Storch beim Heimkommen zu. Ein sehr schöner Ort, dieses Berching.

Ein letzter gemeinsamer Frühlingstag in Nürnberg, langsam wird mir doch etwas weh ums Herz und dann kommt der Abschied ganz schnell. Kein Parkplatz vor dem Nürnberger Hauptbahnhof, also nur ein kurzer illegaler Stopp in der Taxibucht, Eric springt aus dem Auto – jetzt muss ich alleine ran!

Und es läuft. Lange nicht mehr gefahren, anfangs noch unsicher, aber sobald ich Nürnberg hinter mir gelassen habe, wird die Autobahn leerer und entspannter. Ich bin tatsächlich gestartet!

Reisen in Zeiten des Krieges

Wir hatten ihn nötig, den Urlaub. Corona beeinflusst die Reisemöglichkeiten immer noch. Nach zwei faszinierenden Polen-Reisen sollte es im kühlen März weiter südlich ins hoffentlich frühlingshafte Sizilien gehen. Aber noch nicht raus aus Europa, in Pandemie-Zeiten wollten wir auf Nummer sicher gehen. Und dann gab es Krieg in Europa.

Muss das sein, Reisen in Corona-Zeiten, diese Frage hatten wir 2020 vor unserer ersten Fahrt nach Polen für uns bejaht. Und jetzt, wo der Krieg ausgebrochen ist, Menschen vertrieben werden, ihre Heimat zerstört wird, Menschen mitten in Europa in einem Krieg sterben? Wir haben uns auch diese Frage mit ja beantwortet. Es hilft ja niemandem, wenn wir das Reisen lassen. Aber unsere Gedanken wandern immer wieder in den Osten Europas.

Im letzten Jahr sind wir hunderte Kilometer entlang der ukrainischen Grenze gefahren, im Osten Polens, von den Waldkarpaten bis nach Lublin. Und hätten uns die Coronaregeln nicht gestoppt, wir wären so gern hingefahren, nach Lemberg. Wie nah die Ukraine ist, haben wir im letzten Jahr gespürt.

In der grandiosen Natur der Beskiden im Dreiländereck Polen, Slowakei und Ukraine verbrachten wir herrliche Tage in der abgeschiedenen Pension Gutkowa Koliba. Jacek und Marysia beherbergen heute Flüchtlinge und wir sind froh, dass wir in Kontakt geblieben sind und ihre Gastfreundschaft ein wenig unterstützen können.

Przemyśl überraschte uns mit habsburgischer Eleganz und köstlichem Essen im Cuda Wianki. Heute berichtet die Weltpresse aus der Stadt nahe der ukrainischen Grenze, weil sie zu einem Drehkreuz für Flüchtlinge geworden ist.

Auch das grandiose Zamość, in dem wir uns für ein paar Tage wie venezianische Kaufleute fühlen konnten, beherbergt heute mehr Flüchtlinge als Touristen.

Den furchtbaren Bildern aus Charkiw und Mariupol kann man auch in Italien nicht entkommen, auch hier gilt unser erster Gedanke morgens den nächtlichen Geschehnissen in der Ukraine, auch hier fühlen wir uns ohnmächtig angesichts des brutalen Machtmissbrauchs. Aber auch hier bewundern wir die Stärke der Menschen in der Ukraine und ihrer Repräsentanten.

Italien zeigt sich ebenso solidarisch wie der Rest Europas. Am Flughafen werden ukrainische Passagiere willkommen geheißen, blau-gelbe Fahnen an den historischen Gebäuden, selbst der Supermarkt positioniert sich mit einer eindeutigen Botschaft für den Frieden.

Der Schönheit Siziliens musste ich dies voranstellen. Einfach so über eine Reise in den Frühling Italiens zu berichten, schien mir nicht angemessen. Aber Syrakus, Noto und Modica, Agrigent, Cefalù und das grandiose Palermo müssen in den nächsten Tagen natürlich dokumentiert werden!

Valletta, Du Schöne

Ganz am Anfang meines Urlaubs hatte ich kurz mal gelinst, wie Valletta so ist. Ein kleiner Abstecher mit der Fähre von den Three Cities, grad mal zwei Stunden Aufenthalt, aber was für ein umwerfender erster Eindruck. Valletta weiß, wie man den Neuankömmling beeindruckt: Die Anfahrt über das Mittelmeer durch den Grand Harbour, der Blick hinauf zur Stadt, die hoch oben in einer Festung thront, ist schon ein Erlebnis für sich. Mit der Fahrt übers blaue Meer ist es dann aber nicht getan. Ein moderner Aufzug trägt Seemann oder -frau 58 Meter in die Höhe und erspart den mühevollen Anstieg vom Hafen in die Stadt. Die Idee entstand Anfang des 20. Jahrhunderts, als auch Aufzüge wie der Elevador de Santa Justa in Lissabon gebaut wurden. Der ursprüngliche Lift von 1905 war bis in die 70er Jahre in Betrieb und wurde erst 2012 durch den heutigen Aufzug ersetzt. In modernen Kabinen saust man in 20 Sekunden hinauf.

Als wäre dies nicht spektakulär genug, begrüßen einen oben die Upper Barrakka Gardens: stimmungsvolle Bogengänge und ein süchtig machender Blick auf die Three Cities und den Grand Harbour. Das wird mein absoluter Lieblingsplatz in Valletta.

Drei Nächte habe ich für Valletta eingeplant. Um eine hatte ich ja schon gekürzt, und weil der Katamaran von Gozo ebenfalls am Fährhafen anlegt, komme ich wieder in den Genuss der spektakulären Anfahrt. Der Marsch zu meiner Wohnung ist nicht ganz ohne, in Valletta geht es steil bergauf und bergab. Mein viel zu schwerer Rollkoffer wirkt hinauf wie Blei, hinab schubst er frech an meinen Fersen. Beim ersten Betreten der Wohnung bin ich kurz enttäuscht: das sollen 60 qm sein? Eine Küche und ein Schlafzimmer, hm. Eine Treppe führt hinunter zum Notausgang, immer gut zu wissen, wohin man flüchten kann, aber dort unten tut sich dann noch etwas auf. Im Gewölbekeller verbirgt sich ein gemütliches Wohnzimmer, angenehm kühl und sehr stimmungsvoll. Hier mag ich bleiben!

Valletta ist die kleinste Hauptstadt in der EU. Die allerkleinste. 80 Hektar, das ist grad drei mal so groß wie der Cannstatter Wasen in Stuttgart oder weniger als ein Viertel meiner Hamburger Heimat Wellingsbüttel. Haste nicht gesehen, stehste schon im Nachbarort Floriana. Aber trotzdem bringen sie das Kunststück fertig, hier 25 Kirchen, diverse Regierungsgebäude, eine Touristenmeile, Museen und ganz normale Wohnviertel unterzubringen. Gut, gibt auch nur 6000 Einwohner 🙂

Trotzdem wirkt die maltesische Hauptstadt erstaunlich großzügig und in drei Tagen wird einem garantiert nicht langweilig. Piraten oder so können mir bei meinen Erkundungen nicht in die Quere kommen, umgeben von diversen Bastionen gilt Valletta als eine der am besten gesicherten Städte der Welt. Und oben drauf ist sie auch noch Weltkulturerbe.

Valletta war außerdem 2018 Europäische Kulturhauptstadt und was das mit Orten Gutes machen kann, habe ich in Hermannstadt erlebt. Viel wurde restauriert, aber nicht alles, und dieser Mix ist einfach spannend. Valletta ist natürlich eine Gründung der Kreuzritter. Nach der großen Belagerung war Birgu nicht mehr standesgemäß und Großmeister Jean de la Vallette gründete 1566 flugs am Ufer gegenüber diese gigantische Ritterburg. Valletta litt heftig unter dem Bombenterror der Deutschen, aber der Wiederaufbau ist sehr gut gelungen. Neues wie das maltesische Parlament passt sich genauso ein wie die restaurierten Paläste der Ritter oder das Fort St Elmo an der nördlichen Spitze der Mini-Stadt.

Ein absolutes Muss ist die St John’s Co-Cathedral, trotz heftiger 15 Euro Eintritt. „Co“, weil der Erzbischof von Malta seinen Sitz gleich noch in einer zweiten Kathedrale in Mdina hat. Bei dieser Pracht könnte ich mich auch nicht entscheiden. Von außen schlicht und vermeintlich unspektakulär eröffnet sich innen eine barocke Pracht, für die man mehrere Stunden mitbringen sollte.

In den landsmannschaftlichen Kapellen der Ritter lassen sich so viele Details entdecken, den Boden des Kirchenschiffs zieren Geschichten erzählende Grabplatten, an den Wänden und der Decke ist kein Quadratzentimeter undekoriert und ein besonderer Genuss ist das riesige Gemälde „Die Enthauptung Johannes des Täufers“ von Caravaggio. Dieses Spiel mit Licht und Schatten ist so eindrucksvoll, perfekt inszeniert in einem Seitenschiff der Kirche. Nicht verpassen sollte man den kurzen Film über Caravaggios Leben, der hinter einem Durchgang gleich rechts vom Eingang des Ausstellungsraumes gezeigt wird. Und auf gar keinen Fall sollte man sich von den Stufen hinauf auf die Galerie schrecken lassen. Der Blick auf den Altarraum und die Möglichkeit, der prächtigen Deckenbemalung ein klein wenig näher sein zu können, lohnt jeden steilen Aufstieg.

Ein Besuch in der Sacra Infermeria, die heute das Mediterranean Conference Center beherbergt, ist ein weiterer Höhepunkt. Das Krankenhaus der Ritter aus dem Jahr 1575 war im 16. Jahrhundert ein internationales Vorbild für moderne medizinische Versorgung. Mit seiner riesigen Halle, dem spektakulären Kellergewölbe und den Seitengängen ist das Gebäude eigentlich schon Attraktion genug. Dazu kommt die Ausstellung „The Knights Hospitallers“ im Keller, die toll gemacht ist und einen anschaulichen Überblick über die Geschichte der Ritter gibt.

Plötzlich sind da Ritter….
wo vorher keine waren

Aber dann setzen sie noch mal eins drauf mit „Augmented Reality“. Per Bildschirm entweder des eigenen Handys oder eines Pads zum Ausleihen kann man sich die Ritter in die Räume beamen. Eine sehr nette Spielerei, sehr anschaulich wird einem klar, wie hier gearbeitet, gelebt, gebetet und geheilt wurde.

 

Und meine letzte Empfehlung ist ein Besuch des Casa Rocca Piccola in der Republic Street. Die Familie de Piro lebt seit Generationen in diesem Haus, hat aber einen Großteil der Räume für Besucher geöffnet. Auf einer freundlichen Führung kriegt man einen intimen Einblick in das Leben der adligen Familie damals und heute. In den üppig dekorierten Räumen kommt man sich fast wie ein Voyeur vor, Familienbilder, persönliche Gegenstände, aber das ist gewollt. Mit großem Stolz präsentieren sie die Einladung der Großeltern zur Krönung der Queen und es stellt sich heraus, dass der freundliche ältere Herr im Innenhof Marquis Nicholas de Piro, selbstverständlich auch ein Malteser Ritter, ist.

Nicht geschafft habe ich es in die Ausstellung des Nationalmuseums MUŻA. Aber kleiner Tipp: das wunderbare Restaurant ist eine Oase, schöne Atmosphäre, anständige Preise, gutes WLAN und kaum Besucher. 

Valletta verkraftet den Ansturm der vielen Tagestouristen souverän. Nicht nur die Fähren aus den Three Cities karren halbstündlich Besucherinnen und Besucher herbei. Auch aus dem auf der anderen Seite der Landzunge liegenden Ferienort Sliema strömt es vor allem am späten Nachmittag und stetig spucken große Kreuzfahrtschiffe Gruppen in die Stadt. Die Stimmung in der Fußgängerzone ist trotzdem heiter und entspannt. Die Partyszene kommt nördlich von Valletta auf ihre Kosten, wer hierher fährt, möchte sich einen schönen Abend in mediterranem Flair machen. Zudem gilt Malta noch als eines der schwulenfreundlichsten Länder und ältere gutgelaunte Männergruppen tragen zur gelassenen Atmosphäre bei. Die Freiluftrestaurants lassen Corona vergessen, gutes Essen wird in großen Portionen aufgetischt, der sommerliche Abend beginnt am späten Nachmittag mit einem anständigen Aperitivo und Musik klingt aus allen Richtungen.

Alles in allem: Valletta sollte man unbedingt mehr Zeit als einen kurzen Tagesausflug geben. So viel gibt es zu entdecken, zu essen, zu genießen. Nicht nur die klassischen Touristenattraktionen. Ein paar Schritte neben den Hauptstraßen findet das typisch maltesische Leben statt. Am letzten Abend bummele ich auf der Befestigungsmauer hoch über dem Meer. Unter mir ein Sandplatz, flutlichtbeschienen. Männer werfen mit Kugeln und Zylindern auf einen winzigen Ball. Bocci, ähnlich wie Petanque oder Boccia, wird hier sehr ernst genommen. Fasziniert verfolge ich das Spiel von meinem Logenplatz und leide mit den Grünen, die sich den Roten geschlagen geben müssen. Ist ja fast wie daheim 🙂

Und dann endet alles wie es begonnen hat. In Frankfurt haben alle, aber wirklich alle Züge mindestens 60 Minuten Verspätung. Und ich lerne eine Menge anderer Gründe der Deutschen Bahn kennen. Streckensperrung, technisches Problem eines vorausfahrenden Zuges, verspätete Bereitstellung. Da ich ja eh mindestens eine Stunde auf den Zug nach Stuttgart warten muss, warum kein gepflegtes Bier im Airport Hilton. Ich betrete die noble Eingangshalle, schreite mit meinem verbeulten Koffer zur coolen Bar und stehe in der Schlange. Drei Leute vor mir warten darauf, zu ihrem Platz geführt zu werden, um fünf Euro für ein Bier zahlen zu dürfen. Aber keiner kommt, um uns einen dieser Plätze zuzuweisen. Nach zehn Minuten breche ich das Experiment ab und finde einen fröhlichen City Rewe im Flughafen. Die sind gewappnet, haben sogar einen Flaschenöffner an der Kasse. Den werde ich dann zwei mal brauchen. Aus 60 werden 80 und am Ende 91 Minuten Verspätung. Echt gut, dass ich noch Malta-entspannt bin….

Irgendwann um Mitternacht endet dann diese äußerst überraschende Reise. Was für ein tolles Land. Von dem ich einfach noch nicht genügend gesehen habe. To be continued……

Von Rittern und Helden

So idyllisch die Inseln im tiefblauen Mittelmeer weitab von allem Unbill wirken, so kriegerisch ist doch ihre Vergangenheit. Ihre strategische Lage wurde ihnen mehrfach zum Verhängnis.

Da waren zunächst die Ritter des Johanniterordens, auf deren Spuren man heute noch in jedem Winkel von Malta und Gozo stößt. 1048 in Jerusalem gegründet, um kranke Pilger zu versorgen, gehörte schnell auch die militärische Sicherung zu ihrem Repertoire und so schlitterten sie von einem Kampf in den nächsten. Erst Jerusalem, dann Akko und 1291 die endgültige Vertreibung aus dem Heiligen Land. Dann ging es nach Zypern, 20 Jahre später nach Rhodos – immerhin für 200 Jahre – und 1530 schließlich nach Malta.

Hier befestigte der Orden so ziemlich alles, was man zur Verteidigung der Inseln brauchte und noch heute kann man sich zum Beispiel im Fort St Angelo in Birgu, der Zitadelle von Victoria oder den Gassen von Mdina wie ein alter Kreuzritter fühlen.

 

Auf den Sieg der Ritter über die Ottomanen in der großen Belagerung, der „Great Siege“ von 1565, ist man immer noch stolz. 40.000 Türken wurden nach viermonatiger Belagerung von knapp 18.000 Rittern in die Flucht geschlagen und wagten es danach nicht mehr, die Inseln nochmals anzugreifen. Belagerungen, Seeschlachten, das ganze Programm überstand der Orden für lange Zeit, aber dann kam Napoleon und 1798 war Schluss mit dem Ordensleben auf Malta. Der „Souveräne Malteserorden“ zog ab nach Rom und bildet bis heute ein Konstrukt, das ich bisher nur aus der Völkerrechtsvorlesung kannte: ein nichtstaatliches Völkerrechtssubjekt, eine Art eigener Staat, allerdings ohne Staatsgebiet. Trotzdem mit allem, was man sonst so braucht, Regierung, Botschafter, eigenes Autokennzeichen, eigene Pässe.

Wer sich auf die Spuren der Ritter auf Malta machen möchte, der sollte im Fort St. Angelo in Birgu anfangen. Hier war 1530 der erste Sitz des Großmeisters, hier gibt einem das Museum einen ersten Überblick. Tief eintauchen in die Geschichte der Ritter kann man dann im Gewölbe der Sacra Infermeria in Valletta und alles über die humanitäre Seite des Ordens erfahren. Und dann ab nach Victoria auf Gozo und rein in die von den Rittern befestigte Zitadelle.

Wer jetzt noch nicht rittersatt ist, für den hab ich da was. Ich suchte eine passende Urlaubslektüre über den Orden, so ein bisschen was zwischen Umberto Eco und Dan Brown schwebte mir vor. Ich stieß auf ein ganz aktuelles Buch, das den Machtkampf im Malteserorden 2017 beschreibt. Mit allergrößtem Vergnügen las ich das hervorragend recherchierte Sachbuch „Gefallene Ritter“ von Constantin Magnis – oder ist es doch eher eine Satire? Oder gar ein Krimi? Jedenfalls sehr empfehlenswert für einige vergnügliche Stunden und tiefe Einblicke in den Malteserorden, das englische Landleben, römische und vatikanische Skurrilitäten.

Ganz und gar nicht vergnüglich ist das, was die Deutschen im Zweiten Weltkrieg auf Malta und Gozo angerichtet haben. Das kleine Georgskreuz im oberen linken Eck der Flagge Maltas zeugt heute noch davon. Es wurde der Bevölkerung Maltas wegen ihrer außerordentlichen Tapferkeit im Zweiten Weltkrieg vom britischen König Georg VI. verliehen.

Wieder wurde Malta die strategische Lage im Mittelmeer und als Tor nach Afrika zum Verhängnis. Damals noch Kronkolonie und entsprechend britischer Marinestützpunkt gerieten die Inseln ins Visier der Achsenmächte Deutschland und Italien. Die ersten Luftangriffe der Italiener Mitte 1940 waren wenig erfolgreich, richtig schlimm wurde es, als die Deutschen den Luftkrieg Ende 1941 begannen. Malta wurde zum meistbombardierten Land der Welt. 3000 Bombenangriffe, 14.000 Tonnen Bomben, 35.000 zerstörte Häuser, hunderte Tote. Auf einer Fläche so groß wie München, das muss man sich dabei vor Augen führen.

Valletta 1942

Die Malteser retteten sich in Stollen, Keller und unterirdische Wasserspeicher, viele richteten sich wohnlich in den Katakomben ein, denn oft machte es gar keinen Sinn, den Bunker bis zum nächsten Angriff zu verlassen. Währenddessen wurden die Städte von den Deutschen in Schutt und Asche gelegt. In jeder maltesischen Stadt kann man heute noch Weltkriegsbunker besichtigen. In der riesigen Anlage in Birgu, die Teil des Malta-at-War-Museums ist, laufe ich durch die unterirdischen Gänge mit vielen privaten kleinen Höhlen, in denen ganze Familien wohnen mussten. In den Katakomben von Rabat fand die Bevölkerung Unterschlupf in alten Grabanlagen, vor der großen Kirche in Mosta kann man den Bunker besichtigen und auch die Führung durch das reizende Casa Rocca Piccola in Valletta endet im Familienbunker. 

Die schönen alten Städte, ein riesiges Ruinenfeld. Eine tapfere, aber traumatisierte Bevölkerung. Malta begann rasch mit dem Wiederaufbau und er ist gelungen. Die Briten stellten 30 Millionen Pfund hierfür zur Verfügung. Über eine deutsche Wiedergutmachung konnte ich nichts finden. Unfassbar, wo Deutschland überall seine zerstörerischen Spuren hinterlassen hat. 

Wundervolles Gozo

Die Republik Malta besteht aus insgesamt drei bewohnten Inseln, wobei es auf Comino, der kleinsten, gerade mal drei dauerhafte Einwohner sein sollen. Auf Gozo nördlich von Malta ticken die Uhren anders, lese ich, es sei ländlich, wenig Verkehr und sehr geruhsam. Also hin da!

Mit dem Bus zur Anlegestelle in Cirkewwa dauert es eine Dreiviertelstunde, die Fähre wartet schon und nach einer knappen halben Stunde komme ich in Mgarr, dem Hafen von Gozo, an. Auch dort wartet schon der Bus, klappt ja alles wie geschmiert. Aber dann kommen mir kurz Zweifel am ländlichen Idyll. Der Bus steht im Stau, schleichend geht es voran, kurz vor der Hauptstadt Victoria kriecht er nur noch, Autos über Autos. Auch durch Victoria selber quält sich der Verkehr. Ich steige erst mal aus und genehmige mir eine Steak and Ale-Pie. Was das wohl wird?

Das Paradies, ich nehme es schon mal vorweg. Ich habe mir ein kleines Häuschen gemietet, mitten in der Altstadt von Gharb im Norden von Gozo. Quaint and quirky little farmhouse – uriges und schrulliges kleines Farmhaus – ist es beschrieben, und für die nächsten sechs Tage wird es meine kleine Oase. Hanne, die deutsche Vermieterin, treffe ich an der Kirche von Gharb, sie führt mich in eine kleine Gasse, zweimal um die Ecke und da, ganz am Ende, ein türkisfarbenes Holztor. Wir treten in einen kleinen schattigen Hof, unter einer üppigen Bougainvillea ein türkisfarbener Tisch mit Stühlen. Links geht es hinein ins Haus, Küche und Wohnzimmer, rechts führt eine Treppe nach oben, zwei Schlafzimmer und ein Bad. Alles wirkt so, als seien die Bewohner gerade nur mal zum einkaufen gefahren und so ist es auch fast: die Besitzerin wohnte bis vor kurzem noch hier, lebt jetzt aber wieder in Deutschland. Nichts wirkt neu und steril, das Bad ist in die Jahre gekommen, Vintage kann man eigentlich zu allem sagen, aber gerade dieses unperfekte macht es für mich perfekt! 

Die nächsten Tage vergehen nach dem gleichen Muster: früh aufwachen, ein Kaffee auf dem oberen Balkon, Frühstück im Innenhof, lesen und schreiben, bis die Sonne den Schatten verdrängt und dann mal los. Ich wandere gen Norden, gen Westen und Osten. Die kleinen Straßen sind so gut wie leer, die terrassenförmig angelegten Felder karg und trocken, der Sandstein formt wellenartige Skulpturen, überbordende Kakteen voller Kaktusfeigen und sattgrüne Kapernsträucher bilden die einzigen Farbtupfer in der steinigen Landschaft. Aber auch das ist perfekt.

Und dann die Küste. Riesige Klippen und tiefblaues Wasser. An einigen Stellen begegnet man den motorisierten Touristen, kleine Mietwagen, Motorräder und diese unsäglichen Quads, auf denen sich die Mitglieder der Spaßgesellschaft stark und cool fühlen, obwohl sie einfach nur so aussehen, als würden sie mit einem Rasenmäher durch die Landschaft pflügen. Was ihnen in jedem Fall entgeht, sind die kleinen Wanderwege rechts und links der Touri-Spots. Ganz schnell ist man wieder allein mit der grandiosen Natur, dem wilden Meer und den gigantischen Aussichten.

Das Laufen ist nicht ganz ohne, Schatten gibt es kaum, es geht über Stock und über viel Stein, den Weg kann man nicht immer erkennen. Überall stehen die kleinen Verschläge der Vogeljäger – und häufig lugt eine Flinte heraus. Die vielen Patronenhülsen auf dem Boden zeigen mir, dass sie es Ernst meinen, aber zum Glück ist meine Ähnlichkeit mit einer Turteltaube nicht so ausgeprägt.

Der Beitritt Maltas zur EU hätte ein Segen für Zug- und einheimische Vögel sein können. Die bis dahin erlaubte Jagd wurde offiziell illegal, aber die Lust am Vogelmord hält sich leider hartnäckig. Durch Ausnahmegenehmigungen unter Hinweis auf die Tradition macht sich der Staat mitschuldig. Meine Wirtin in Mosta hatte sehr schmerzhaft das Gesicht verzogen, als ich sie nach der vielen Munition auf dem Boden fragte. „It’s horrible“, klagte sie. Es habe sogar schon eine Volksabstimmung dazu gegeben, die sehr knapp verloren wurde. Ein Schatten über dem Paradies.

An diesen wildromantischen Küsten, dem tiefblauen Meer, den freundlich grüßenden Bauern kann man sich gar nicht vorstellen, dass die Menschen hier nicht im Einklang mit der Natur leben wollen. Gozos Landschaft gerade hier im Norden ist so schön, mein Dorf Gharb so perfekt idyllisch, mein kleines Häuschen wird jetzt regelmäßig auch noch von einer schmusigen Katze besucht, die morgens von der Mauer des Nachbarhauses zu mir hinunterspringt – besser geht es eigentlich nicht. Dann noch diese unfassbar leckeren Ravioli mit Kaninchenfüllung in Salbeibutter im Il-Kunvent, die nur durch gelegentliches Läuten der Dorfkirche unterbrochene absolute Stille nachts – hier könnte ich sehr lange bleiben. Ich kürze meine Valletta-Pläne und verlängere wenigstens für eine weitere Nacht. Meine Vermieterin Hanne setzt noch einen obendrauf – wir düsen in ihrem Cabriolet über die Insel, essen Spaghetti mit Meeresfrüchten am Hafen, laufen entlang der Südküste. Sie will nie mehr weg hier, lebt jetzt seit vier Jahren in Gozo – und macht mich wirklich nachdenklich, ob das nicht eine Überlegung wert wäre.

Gharb ist ein wundersamer Ort, nicht nur wunderschön, sondern auch Heimat von Wundern. Die Wallfahrtskirche Ta Pinu, gegenüber von Gharb, zeugt davon. Riesig, wie so viele Kirchen in Malta und Gozo. Auf dem Weg dorthin laufe ich an einem kleinen Museum vorbei, dem Wohnhaus von Karmni Grima. Ich vermute ein klassisches Heimatmuseum, aber Karmni ist der Grund für die 1932 geweihte Basilika. 1882 vernahm sie die Stimme der Mutter Gottes aus der Kapelle, die damals dort stand. Ihr Wohnhaus zeigt nicht nur ein typisches gozitanisches Farmhaus, sondern macht auch die besondere Verehrung, die Karmni bis heute auf der ganzen Insel erfährt, deutlich. 95% der Malteser sind katholisch, die Religion ist ein ganz essentieller Bestandteil des Alltagslebens und die große Zuneigung, mit der die freundliche Museumsbetreuerin von Karmni spricht, ist schon sehr berührend.
Die Basilika selber ist vor allem groß. In einem Nebenraum findet sich eine Sammlung von Danksagungen an den Wänden, Menschen haben Gipsbeine, Motorradhelme, Kinderkleidung geschickt und über die damit verbundenen Wohltaten berichtet –  das Bein heilte, der Kopf blieb beim Motorradunfall ganz, das Kind wuchs zum gesunden Jugendlichen heran.

Und zu Herzen geht mir auch, wie sehr die Dorfbewohner ihren früheren Nachbarn Frenc verehren. Eine Statue am Dorfplatz und ein winziges Museum an der Hauptstraße erinnern an den Mann mit dem lieben Grinsen. Der einfache Bauer , der Ende der 1960er Jahre starb, kurierte seine Mitbürger mit selbstgemachten Salben und geistigem Beistand. Gutes Karma in Gharb!

Vor einem Besuch in Victoria, der autoumbrausten Hauptstadt, schrecke ich noch etwas zurück. Aber nach sechs Tagen Landleben bin ich bereit, mal wieder etwas Trubel zu ertragen. Und miete mich in der Altstadt ein, in einem ganz reizenden kleinen Bed and Breakfast. Hier kommen die Autos nicht hin und ich bin in fünf Minuten an der riesigen Zitadelle, die über der Stadt thront. Wie schön, dass ich die Zeit habe, die Gassen und Mauern der Zitadelle bei Tag und auch nach Sonnenuntergang zu erkunden. Wieder so ein absolutes Gesamtkunstwerk, stimmungsvoll, mit Blicken über die ganze Insel bis hin nach Malta.

Einen Besuch wert ist die Kathedrale Mariä Himmelfahrt in der Zitadelle. Auf den maltesischen Inseln kommt man um den Katholizismus nicht drumrum, die Menschen sind sehr gläubig und die täglichen Andachten gut besucht. Die reich verzierten Kirchen sind ein schöner Ort der Einkehr, kühl und still im mediterranen Touristengewusel und die Verehrung, die die Menschen ihrer Religion entgegen bringen, ist hier besonders spürbar. Was ich allerdings nie so richtig verstehen werde, ist die Lust am Morbiden, die gerade katholische Kirchen zelebrieren. Aus der Ferne scheinbar eine ruhende Heilige, wird es bei näherem Hinsehen immer gruseliger: die Dame zeigt ihr knöchernes Innenleben.

Zur Stärkung kann man dann direkt in der Zitadelle bei Ta’Rikardu einkehren und den leckeren selbstgemachte Ziegenkäse genießen. Man darf sich nicht abschrecken lassen vom Dauerstau auf Victorias Hauptstraße, ein paar Schritte weiter, und man ist wieder mittendrin im entspannten gozitanischen Leben. 

Und dann ist sie vorbei, meine schöne Woche auf Gozo. Für den Rückweg wähle ich den neuen Katamaran „Gozo Fast Ferry“, der mich in einer dreiviertel Stunde direkt nach Valletta trägt. Als wir in den Grand Harbour einfahren, weicht der Abschiedsschmerz der Vorfreude. Valletta, ich komme!

Maltesische Erkundungen

Corona hin oder her – leer ist es nicht auf Malta. Hier herrscht die mit Abstand höchste Bevölkerungsdichte in der europäischen Union, zumindest bezogen auf ein ganzes Land. Wenn man aber bedenkt, dass Malta gerade mal so groß wie München ist und sich in der bayrischen Hauptstadt fast 4.800 und hier nur knapp 1.600 Menschen pro Quadratkilometer drängen, müsste es eigentlich ganz ok sein. Doch die Touristen sind zurück und das macht sich für mich vor allem dadurch bemerkbar, dass viele Hotels ausgebucht sind. Auf der Suche nach einer schönen Unterkunft in einem zentral gelegenen Ort finde ich die Stadt Mosta und das kleine Juwel „Julina Boutique Living“. Gerade mal 10 Kilometer von Cospicua entfernt steige ich an der riesigen Kirche von Mosta aus und laufe in Richtung Hotel. Ein älterer Herr steht davor, identifiziert mich treffsicher und ruft mir entgegen „Welcome to your home“. Er öffnet mir die Tür und ich bin absolut entzückt. Was für ein schönes Haus, was für eine edle Einrichtung, die trotzdem zum Wohlfühlen einlädt. Er dirigiert mich zu einem großen Ohrensessel und bringt mir erst mal einen Kaffee. Kurz darauf kommt die Besitzerin, plauscht mit mir, bis der Kaffee getrunken ist und zeigt mir dann mein Königinnenreich. Was für ein Zimmer! Schwarz, Gold und Türkis, ein riesiges Bett, zwei samtene Sessel. Ein ganz und gar royales Refugium, in dem die Besitzer alles tun, damit sich die Gäste wohlfühlen. Das Paradies ist zudem wirklich erschwinglich und wer sich nicht daran stört, dass die Zimmer – typisch für die Hitze Maltas – recht dunkel, dafür aber voller Atmosphäre sind, kann sich hier wie im Gästehaus der Queen fühlen.

Mostas riesige Kirche, die Rotunde, ist die Attraktion der Stadt. 1860 fertiggestellt besitzt sie die viertgrößte Kirchenkuppel der Welt. Und die ist stabil gebaut, bei einem Luftangriff der Deutschen im Zweiten Weltkrieg krachte eine Bombe in die gut gefüllte Kirche. Mehr als ein kleines Loch in der Kuppel gab es nicht, die Bombe fiel einfach in den Kirchenraum ohne zu explodieren und keiner der Anwesenden wurde ernsthaft verletzt. Dass viele hier an ein Wunder glauben, kann ich gut verstehen.

Für meinen kleinen Palast kaufe ich mir eine gute Flasche Rotwein und eine Octopus-Pastete und versinke lesend in einem meiner Sessel. Auch wunderbar!

Mosta liegt ziemlich in der Mitte von Malta, die Rotunde ist die einzige echte Sehenswürdigkeit in der Stadt, also ein idealer Ort für Ausflüge in die Umgebung. Der erste läuft erstmal etwas anders als geplant, falsche Richtung merke ich, als ich schon im Bus sitze. In Malta aber gar kein Problem, man ist ja nie weit weg von irgendwas und die Bustickets gelten pauschal zwei Stunden – egal in welche Richtung man fährt. Also bleibe ich sitzen und schaue mal, wo der Bus mich hinträgt. Und im Nachhinein bin ich ganz froh, dass ich gelandet bin wo ich landete – in Bugibba, im Zentrum des günstigen Pauschaltourismus. Viel zu kleine Strände für viel zu viele Leute, eine Promenade mit großen Bars und Restaurants, eine vielbefahrene Straße, hinter der sich die Hotels drängen. Touristen mit All-Inclusive-Armbändern, die bereits zur Mittagszeit eine leichte Alkoholfahne hinter sich herziehen. Auch das ist Malta und es scheint ja eine Menge Leute zu geben, die ihren Urlaub gerne so verbringen. Ich will es aber nicht werten, für mich ist das einfach nichts.

Also wieder rein in den Bus und diesmal in die andere Richtung. Und tatsächlich komme ich irgendwann in Mdina an, wo ich eigentlich hinwollte. Die alte Hauptstadt Maltas bis Mitte des 16. Jahrhunderts, 3000 Jahre alt, komplett erhalten – doch ich muss schon wieder motzen – mit kaum noch Atmosphäre und zu vielen Touri-Gruppen. So ein ganz klein wenig fühle ich mich zuerst an Xiva in Usbekistan erinnert, die komplett erhaltene Wüstenstadt, auch dort viele Touristen, aber trotzdem ganz viel Atmosphäre. Warum das in Mdina nicht funktioniert, weiß ich nicht. Vielleicht, weil die Einwohner geflüchtet sind oder sich zumindest zu verstecken scheinen. Das Schild, man möge die Bewohner respektieren, spricht sehr dafür.

Der nächste Ausflug geht nach Rabat, die direkte Nachbarstadt von Mdina, aber für einen Besuch hatte es am ersten Tag nicht mehr gereicht. Eine der großen Attraktionen von Rabat sind die St. Paul’s Catacombs, eine riesige, fast 1700 Jahre alte unterirdische Begräbnisanlage. Runter und hoch geht es in die verwinkelten Gänge, kleine Höhlen und Nischen mit Sarkophagen. Ich entferne mich etwas von einer lärmenden Gruppe und tauche in die hinterste Ecke ab. Plötzlich geht das Licht aus, es ist zappenduster und das bleibt es auch für ein paar Sekunden. Uff, als der Strom wieder da ist, bin ich durchaus erleichtert und froh über die lebenden Touristen um mich rum. Kondition braucht man für die Katakomben, viele sind nur über separate Treppen vom Erdboden aus zu erreichen. Nach Nr. 20 merke ich es dann doch langsam in den Beinen. Aber trotzdem ein toller Ausflug.

Mein kleiner Palast in Mosta hat den weiteren Vorteil, dass fast direkt gegenüber ein wunderbares kleines maltesisches Restaurant liegt: Bukkun. Kaninchen isst man auf Malta und ich dann natürlich auch, erst als Ragout zu Spaghetti, am nächsten Tag geschmort mit Kartoffeln und Gemüse. Die Würze liegt irgendwo zwischen Italien und Nordafrika, ich schmecke Zimt und Wacholder und vielleicht auch Piment. Schon ab Tag 2 scheine ich dort als Stammgast zu gelten, ungefragt stellt mir die nette Kellnerin Bigilla, eine Bohnenpaste mit Crackern, auf den Tisch und schenkt später noch Limoncello aus. Und ganz zum Schluss verrät sie mir das Geheimnis ihres Hasen: Majoran.

Durch Mosta führen die Victoria Lines, eine alte Befestigungsanlage, zunächst angelegt von den Rittern, später dann ausgebaut von den Engländern. Einmal quer durch die Insel verläuft die Mauer und man fragt sich schon, vor was sich die Engländer hier eigentlich schützen wollten. Vor den Nordmaltesern? Wirklich zum Einsatz kam der Wall auch nicht, denn schnell merkten die klugen Briten, dass es doch viel sinnvoller ist, den Feind bereits am Wasser abzuwehren. Man soll hier wandern können und die Victoria Lines wollen sogar UNESCO-Weltkulturerbe werden, also sind meine Erwartungen hoch. Wo ich denn hinmüsse, frage ich meinen Herbergsvater. Across the street from liddel, sagt er mir, ich schaue ihn etwas verständnislos an, er zeigt es mir auf Google Maps. Ach so, Lidl meint er! Die Wanderung selbst führt schnell durch Gestrüpp, über Felder und ins Nichts. Ich setze mich auf einen Stein und beschließe, die Expedition zu beenden. Hinter mir raschelt es, im Baum entdecke ich doch tatsächlich ein kleines Chamäleon. Nicht bunt wie seine tropischen Genossen, aber sehr hübsch. Trotzdem, marketingmäßig würde ich noch mal drüber gehen, bevor sie das mit dem Weltkulturerbe realisieren…

Nicht ganz scharf, aber der musste hier rein!

Eine richtige Wanderung muss her. Also auf an die Küste. Im Nordwesten liegt der Il-Majjistral-Nationalpark. Es ist Sonntag, strahlender Sonnenschein, und alle, die mit mir aus dem Bus steigen, streben Richtung Golden Bay Sandstrand. Ich aber biege nach rechts ab und finde nach etwa 500 Metern den Eingang zum Park, den ich ganz für mich alleine habe. Vielleicht, weil niemand sonst auf die Idee kommt, in der glühenden Sonne durch die schattenlose Landschaft zu traben. Es ist anstrengend in der Hitze, die Wege staubig und uneben, aber man wird mit sensationellen Ausblicken belohnt. Die Küste, das Wasser in karibischen Blautönen und später dann der Blick hinüber nach Gozo – so schön, so unerwartet einsam, dafür lohnt sich der Schweiß. Ganz zum Schluss laufe ich noch einen kleinen Abstecher zur „Popeye Village“, die vor Jahren extra für den Film mit Robin Williams erbaut wurde. Heute ist sie ein kleiner Freizeitpark, den man für viel Geld auch betreten kann, aber mir reicht der Blick von oben. Noch etwa einen Kilometer bis zum nächsten Ort, ich nehme den Bus zurück, 12 Kilometer in der heißen Sonne, mir reicht’s für heute.

Es war eine gute Idee, Mosta zu meinem Basislager zu machen. Es wäre noch für einige Ausflüge mehr gut gewesen. Aber jetzt ist Zeit, die Insel zu wechseln!

Malta!

Es fängt spannend an. Ich hätte auch eine Zubringerflug nach Frankfurt nehmen können, aber man ist ja klimabewusst und mit der Bahn dauert es nur etwas mehr als eine Stunde. Normalerweise, aber was ist schon normal bei der Bahn.

In Stuttgart hat der Zug bereits 15 Minuten Verspätung. Tiere im Gleis, ah ja. Aber das hab ich eingeplant, auf die Pünktlichkeit der Deutschen Bahn verlasse ich mich schon seit Jahren und meistens zu Recht nicht mehr. Hauptsache, ich sitze irgendwann drin. Die Türen schließen, dann die Durchsage: Der Lokführer hat ein Problem mit den Bremsen entdeckt, er muss eine Bremsprobe machen. Im Stehen, hüstel? Braucht fünf Minuten, kein Problem, bin immer noch gut in der Zeit. Dauert dann zwar 10 Minuten, aber scheint erfolgreich zu sein. Wir kriechen aus dem Bahnhof. Und zwar genau bis zum Nordbahnhof. Dann stehen wir wieder. Person im Tunnel. Jetzt werde ich langsam nervös. Mein Puffer ist anderthalb Stunden lang, davon hat die Bahn ein Drittel aufgebraucht. Nach weiteren 10 Minuten trifft die Bundespolizei ein. Sie suchen die Person im Gleis. Seien nur wenige Kilometer, die sie absuchen müssen, berichtet der Schaffner. Aber dem scheint’s langsam auch peinlich zu sein. 

10 Minuten später meldet sich der Lokführer. Die Person sei immer noch im Tunnel, selbstmordgefährdet. Das Schlimme ist, dass man der Bahn ja mittlerweile zutraut, dass das nur eine vorgeschobene Geschichte ist. Erst vor ein paar Wochen erlebten wir mal wieder, wie genau es die Bahn mit der Wahrheit nimmt. Am frühen Morgen fielen Steinquader aus der Fassade des Stuttgarter Bahnhofs. Keine Steinchen, sondern große Brocken. Auf einer Länge von drei Metern, aus dem obersten Stock. Blubb, einfach so. Wäre es Tag und der Bahnhofsvorplatz wie üblich voller Menschen gewesen, es hätte Tote geben können. Die Bahn gibt bekannt, sie seien nicht Schuld gewesen, in den Büros hinter dem neu entstandenen Loch hätten sie nix gebaut. Drei Tage und mehrere Expertisen später fällt ihnen ein, dass sie da doch gebaut haben. Und einen Tag später geben sie kleinlaut zu, dass sie eine tragende Wand entfernt haben. Das bestgeplante Bahnprojekt aller Zeiten, hatten sie verkündet. Möchte ja nicht wissen, was mit den mittelgut geplanten passiert…..

Und dann rollt er. Eine Stunde beträgt jetzt die Verspätung, zwei Drittel meines Puffers. Ohne besondere zusätzliche Gründe kommen noch mal 10 Minuten dazu und so wird’s dann nichts mit einem gemütlichen Kaffee am Flughafen und dem Aufsaugen lang nicht gehabter Reisestimmung. Aber egal, irgendwann sitze ich im Flugzeug und jetzt kann nichts mehr schiefgehen.

Warum eigentlich Malta? Ohne Corona wäre ich hier nicht gelandet. Nach zwei tollen Polenreisen war der Hunger nach etwas Exotik, nach ein wenig Abwechslung von mitteleuropäisch Bekanntem ganz spürbar vorhanden. Am liebsten natürlich ganz weit weg. Aber so weit ist es noch nicht. In Europa also entweder ganz in den Norden, Finnland stand recht weit oben in meiner Liste, oder in die Wärme. Und als ich dann las, dass Malta mit 90% Impfrate ein sympathischer Coronastreber ist, war die Entscheidung gefallen.

Nachdem Malta im Sommer erklärt hatte, dass sie Herdenimmunität erreicht haben, kam das Partyvolk und die Inzidenzen schnellten nach oben. Darauf wurde schnell reagiert: nur noch mit Impfung oder 14-tägiger Quarantäne lassen sie Touristen rein. Das hat das Paar mittleren Alters, die neben mir am Gesundheitscheck-Schalter stehen, wohl nicht gelesen. 1680 Euro für 14 Tage Quarantänehotel oder sofortige Rückreise, teilt ihnen der Grenzbeamte mit, und die beiden sind ganz furchtbar schockiert. Ich auch, wie kann man nur so naiv sein? 

Die Malteser nehmen es weiter noch sehr Ernst mit Corona, Maskenpflicht im Bus und in Läden und die Leute halten sich dran. Coronaleugner haben’s hier schwer und das macht mir die Inseln dann gleich noch sympathischer.

In einer knappen Stunde bin ich per Bus mit einem Umstieg in Cospicua, einer der „Three Cities“ gegenüber von Valletta. Mit dem Taxi wäre es eine Viertelstunde gewesen, aber das ist ja langweilig 🙂 Weit kann es nicht sein bis zu meiner Unterkunft, aber Google Maps ist etwas irritiert ob der vielen kleinen Strässchen. In den winzigen Gassen verirre ich mich prompt, irgendwann winkt mir jemand vom Dach eines der historischen Häuschen zu: Daniel, mein Vermieter. In den liebevoll restaurierten „Città Cospicua Suites“ gehört mir die oberste kleine Wohnung. Gar nicht so wichtig, dass sie blitzesauber und gut gekühlt ist, der ganz besondere Charme ist der kleine Balkon, von dem aus man das Leben in der Gasse beobachten kann. Autos passen hier zum Glück nicht durch, so ist Platz für Menschen. Die alte Dame gegenüber, die von einer Nachbarin jeden Morgen mit frischen Brötchen beliefert wird, die sie in einem kleinen Körbchen an einem Seil hinauf in ihre Wohnung zieht. Der Mann auf dem Nachbardach, der nach seinen Brieftauben schaut. Die Katzen, die durch die Gasse streifen. Und der Straßenkehrer, der nach ihnen sauber macht. So viel Atmosphäre in so historischem Ambiente. Und so richtig entdeckt hat der Tourismus das noch nicht.
  

Ich streife durch die kleinen Gassen, die Leute sitzen vor ihren Häusern und grüßen freundlich, hinter jeder Ecke wartet eine weitere Bilderbuchansicht. Ich steige hinunter zum Hafen, es ist mittlerweile dunkel, in der Bucht schaukeln kleine Boote und riesige Jachten, in der Ferne strahlt Valletta – das ist fast unwirklich schön. 

Die Three Cities bestehen aus „meinem“ Cospicua, Vittoriosa und Senglea. Und damit es nicht zu einfach wird, haben sie noch ältere Namen, Bormla, Birgu und Isla, die man sich merken sollte. Denn obwohl die Umbenennung im 16. Jahrhundert erfolgte, heißt vieles und vor allem die Busstationen immer noch so. 

Meinen ersten Abend verbringe ich mit einem Cisk, dem maltesischen Bier, auf einem Platz nahe meiner schönen Wohnung. Ein echter Nachbarschaftstreff! Um eine Art Kiosk herum sind Tische aufgestellt, jeder Vorbeikommende wird begrüßt und die Zahl der Flaschen auf manchen Tischen lässt vermuten, dass der eine oder die andere hier schon einen fröhlichen Tag verbracht hat. Die Stimmung ist entspannt und familiär, ein guter Einstieg.

Den Morgen beginne ich auf meinem Balkon, mit einem Kaffee schaue ich Cospicua beim Aufwachen zu. Die Sonne treibt mich von meinem Logenplatz dann runter auf die Straße. Hier braucht man keine Straßenkarten und keinen Reiseführer, einfach drauf los, die Bucht sorgt schon für Orientierung. Und die „Three Cities“ sind nicht größer als drei Dörfer, nach Vittoriosa laufe ich fünf Minuten und nach Senglea auf der anderen Seite der Bucht kaum länger. Ich steuere das große Fort an, das ich gestern Abend schon gesehen habe, und tauche in der Mittagshitze in die kühlen Räume ein. Perfekte Entscheidung, wie sich dann rausstellt. Das Fort St. Angelo ist das Zentrum maltesischer Geschichte, wer hier saß, beherrschte den „Grand Harbour“ und damit auch das Land. Die erste Festung wurde von den Phoeniziern in der Spätantike erbaut, dann kamen die Ritter des Johanniterordens, später die Engländer. Der großen Belagerung im Jahr 1565 hielt man hier Stand, wehrte die Osmanen ab und trotzte den Bombenangriffen der Deutschen. Die Festung beherbergt ein sehr empfehlenswertes Museum, das sehr anschaulich einen Überblick über die unglaubliche Geschichte Maltas gibt. Und zudem phantastische Blicke auf das tiefblaue Mittelmeer, den Großen Hafen und Valletta auf der gegenüberliegenden Seite der Bucht bietet. Sehr wenige Touristen und das ein oder andere schattige Plätzchen lassen mich hier einige Stunden verbringen und ich kann es für den Auftakt einer Malta-Reise wärmstens empfehlen.

Zwei weitere Museen sollte man in den Three Cities unbedingt besucht haben. Zunächst den Palast des Inquisitors, der 1574 auf die Insel geschickt wurde, um die etwas aus dem Ruder gelaufenen Ritter zu bändigen. Prachtvolle Gemächer, ein friedlicher Innenhof mit Granatapfelbäumen, düstere Zellen und kurze Videos, in denen Schauspieler das Schicksal der Opfer darstellen, lassen einen tief eintauchen in die Welt der Ritter, der einfachen Bürger und der römischen Kirchenmacht.

Und dann noch das Museum „Malta at War“ an der Stadtmauer von Vittoriosa. Wieder mal ist es mir fast peinlich, wie wenig ich immer noch darüber weiß, was Deutschland im Zweiten Weltkrieg alles angerichtet hat. Aber dazu später mehr.

Eine Reise nach Malta in den Three Cities zu beginnen, scheint mir eine sehr gute Entscheidung gewesen zu sein. Abseits der Touristenströme gibt es hier die wunderbare Gelegenheit, sofort in die maltesische Lebensweise einzutauchen, einen Überblick über die spannende Geschichte der Inseln und gigantische Aussichten auf die schönen Städte vor einer herrlichen Mittelmeerkulisse zu bekommen. Der große Charme der Three Cities sind ihre kleinen Gassen, die Sandsteinhäuser mit den geschlossenen Holzbalkons, die knallbunten Eingangstore mit metallenen Türklopfern. Hier ließen sich die Johanniterritter nieder, lange bevor Valletta gegründet wurde, und viele der Herbergen der Ritter sind noch heute erhalten.

Wer sich für einen solchen Einstieg entscheidet, dem kann ich die „Città Cospicua Suites“, eine „Cassata Anchovy“-Pastete im Café Birgi am Hafen, die Museen und viel Muße für einen Bummel durch die Gassen empfehlen. Und wenn ihr dann zufällig auf das „Ghost House“ in der Il-Kwartier 15 stoßt, rein da. Oder besser runter in die authentische Souterrain-Wohnung, die so wirkt, als seien die Bewohner nur grade kurz zum Einkaufen weg. Für 50 Cent Eintritt gibt’s zudem ein bisschen Gruselfeeling obendrauf. Und zum Entspannen dann die herrlichen Aussichtspunkte an den Safe Haven Gardens in Senglea, an der Birgu Waterfront oder der Vittoriosa Yacht Marina. 

 

Hier könnte man einen ganzen Urlaub verbringen, aber ich will auch noch anderen Städten eine Chance geben. Deswegen Tschüß schönes Cospicua und hallo freundliches Mosta!

Reisen mit Pieks

Ich bin geimpft. Wow! Es ist weniger die eigene Sicherheit, die mich in Euphorie versetzt, sondern die Gewissheit, dass ich für andere keine große Gefahr mehr darstelle. Und ein Signal, dass es jetzt wirklich bergauf geht.

Ich kann nicht sagen, dass ich in den letzten anderthalb Jahren gelitten habe. Eine Wohnung mit schönem Arbeitszimmer, die Möglichkeit zu Homeoffice, ein sicherer Job, keine zu beschulenden Kinder, ich weiß schon, dass ich da sehr privilegiert war. Aber dieses Gefühl der Freiheit, das mir vor allem das Reisen vermittelt, wurde schon arg strapaziert.

Seit Monaten hatte ich mir vorgenommen, dass mich meine erste Reise nach Hamburg führen wird. Wäre auch ungeimpft möglich gewesen, aber mich interessieren ja nicht nur die wunderbare Stadt, sondern vor allem die lieben Menschen in der Heimat. Zugfahren ist nachgerade günstig in Corona-Zeiten, ein erste Klasse -Ticket für unter 100 Euro, das ist ein Schnäppchen. Also auf in den schönen Norden. 

Das Programm ist straff: fünf Treffen gilt es in zweieinhalb Tagen zu absolvieren, aber ich bin ja so ausgehungert nach schönen Gesprächen und lieben Menschen. Noch am Ankunftsabend feiern wir Kathas Geburtstag. Und am nächsten Tag dann ab in die Stadt. Das Wetter unterstützt mich wo es nur kann: wir starten in Klein Borstel im Hamburger Grau, der Himmel reißt rasch auf, schon an den Alsterarkaden strahlt die Sonne und später an der Elbe wird es perfekt. Am Elbstrand bei Övelgönne scheint Corona dann wirklich nur noch eine gespenstische Erinnerung zu sein. Bei frühlingshaften Temperaturen sitzen die Leute im Sand, in der Elbperle ergattern wir den letzten freien Tisch und dann endlich das, wonach mir seit einem halben Jahr gelüstet: ein frisch gezapftes Bier! Ok, es ist ein Astra, immer noch ein Wunder, wie die einstige Billigplörre den Aufschwung zum Kultbier geschafft hat, aber der Name passt ganz wunderbar zur Pandemie-Überwindung. Geschmeckt hat es tatsächlich auch. Gute Gespräche, Sonne im Gesicht und zum Schluss zieht dann noch ein riesiges Containerschiff fast schon majestätisch an uns vorbei – perfekt!

Am nächsten Tag ein Spaziergang auf den Spuren meiner Jugend: ich laufe meinen alten Schulweg. Das Haus, in dem ich aufwuchs, wurde abgerissen nachdem wir 1985 dort ausgezogen sind, und der etwas protzige Neubau, der mittlerweile auch schon keiner mehr ist, quetscht sich wie ein Fremdkörper auf das für ihn zu kleine Grundstück. Aber wahrscheinlich bin ich die Einzige, der das auffällt.

Der Hamburger Norden ist einfach schön, gewachsene Wohngebiete mit traditionellen Häusern, die ein oder andere klassische Kaffeemühle findet sich noch und ich bedauere wirklich sehr, dass wir damals nicht zugeschlagen und unser Haus einfach gekauft haben. Na ja, mein Leben wäre anders verlaufen, wenn ich hier geblieben wäre und vielleicht würde ich die Schönheit gar nicht genießen, sondern das Gefühl haben, hier steckengeblieben zu sein. Wer weiß.

Jedenfalls legt meine Freundin Kati noch mal eins oben drauf: ein wunderbarer Spaziergang durch grüne Parks hin zu meinem alten Reitstall, der heute ein Umweltzentrum geworden ist. Ich erkenne die einst baufällige Scheune und das Herrenhaus nur mit Mühe, toll haben sie das gemacht. Kurz mal die Augen geschlossen und die Bilder von Klein-Julia in ihrer Trainingshose und den Gummistiefeln tauchen auf. Ich war nie eine begeisterte Reiterin und die Pferdemädels waren mir eigentlich suspekt.

Nach einem letzten Abend mit Coco steige ich am nächsten Tag in den Zug und kriege beim Blick von den Elbbrücken auf Hamburg feuchte Augen. Toll war’s!

So sehr ich Hamburg liebe – die Nähe zu Frankreich ist ein großes Plus des Südwestens. Und kaum verzichten die Franzosen für Geimpfte auf einen PCR-Test für die Einreise, sitze ich auch schon im TGV Richtung Straßburg. Ein sehr internationales Publikum an Bord, Amerikaner, Chinesen, Reisen scheint hier fast wieder normal. Der Zug überquert den Rhein, da ertönt Musik aus den Lautsprechern – ist es die Nationalhymne? – und der Schaffner heißt uns willkommen in Frankreich. Er freue sich so, dass wir da seien. Diese kleine Zeremonie kenne ich aus Prä-Covid-Zeiten nicht, ein Zeichen der Erleichterung, dass Europa wieder grenzenlos ist. 

Aber irgendjemand wird doch meinen Impfpass sehen wollen. Der Schaffner, eine Kontrolle auf dem Bahnhof, oder? Nein, nichts da. In Straßburg angekommen marschiere ich unbehelligt Richtung Stadt. Ans Masketragen halten sich allerdings alle und das ziemlich strikt, draußen wie drinnen, überall. Bei diesem herrlichen Frühsommerwetter nicht ganz angenehm, aber wat mutt, dat mutt. Vor dem wunderbaren Münster eine kleine Schlange, jetzt vielleicht der Impfausweis? Nein, Taschenkontrolle, den Terroranschlag auf den Weihnachtsmarkt 2018 hatte ich schon ganz verdrängt. Aber schwerbewaffnete Polizei an allen Ecken der Innenstadt erinnert mich dann den ganzen Tag daran. Das prächtige Münster wird durch einen riesigen Mond, der im Kirchenschiff zu schweben scheint, noch beeindruckender. 

Es wird ein sehr entspannter Tag, Bummeln durch die Gassen der Altstadt, Staunen über das beneidenswerte Angebot auf dem Wochenmarkt, Quiche Lorraine und Schokotörtchen in Straßencafés und ein Großeinkauf in der Pâtisserie Naegel.

Gegen 5 hüpfe ich wieder in den Zug, diesmal ist es ein deutscher ICE, natürlich verspätet. Den Anschluss in Karlsruhe verpasse ich, aber auf die deutsche Bahn ist Verlass: ein sehr verspäteter IC nimmt mich auf und bringt mich zurück. In Stuttgart setze ich endlich die Maske ab, die ich jetzt mit kurzen Essensunterbrechungen 10 Stunden am Stück getragen habe und laufe glücklich nach Hause. Es geht wieder mit dem Reisen, wenn auch nicht lang und ganz weit weg, aber der Anfang ist gemacht. Ein kleiner Vorgeschmack auf nächste Woche, da geht’s los mit beiden Globonauten! Wollte mich nur kurz warmschreiben.

 

Überraschungen im Osten

Die Frage, wie wir nach Polen kommen, hatte uns Corona beantwortet. Fliegen ging nicht, viele Stunden im Zug schien keine gute Idee, also haben wir uns für’s Auto entschieden. Flexibel, virengesichert und ganz nach dem Motto „Der Weg ist das Ziel“ haben wir nicht nur Polens Norden bereist, sondern auch an Deutschlands östlicher Grenze erstaunliche Entdeckungen gemacht. 

Da war auf dem Weg nach Polen zunächst Görlitz. Kein echter Geheimtipp mehr und eigentlich nicht geeignet für nur einen Nachmittag. Das größte zusammenhängende Denkmalgebiet Deutschlands, das hätten wir ernster nehmen sollen. Eine Besichtigung von Görlitz ist ein Spaziergang durch fast tausend Jahre Architekturgeschichte mit über 4000 Kultur- und Baudenkmalen. Wir besichtigen die Pfarrkirche St. Peter und Paul, schlendern vom Unter- zum Obermarkt und weiter zum Marienplatz, wo uns das Görlitzer Warenhaus von 1913 leider nur von außen beeindruckt. Die Stadt ist nicht nur für ihre Geschichte, sondern auch als Filmstadt berühmt geworden und das Foyer des Jugendstil-Gebäudes bildete das „Grand Budapest Hotel“. Ich fand den Film ja nicht so dolle, aber die Bilder haben mich damals fasziniert. Noch eine Tasse Kaffee und ein kurzer Spaziergang über die Neißebrücke hinüber nach Polen, dann geht es schon weiter.

 

Also wieder rauf mit Görlitz auf unsere Bucket List, für die Stadt sollte man mindestens zwei volle Tage, besser mehr, einplanen und einen guten Architekturführer mitbringen. Wer einen kurzen Ausflug über die polnische Grenze machen und ganz ganz ganz hervorragend essen möchte, dem sei der Palac Lagow oder Schloss Leopoldshain empfohlen. Nicht so sehr zum Wohnen, es ist leider nur von außen fürstlich und zudem direkt an der Autobahn gelegen. Aber das ist sofort vergessen, wenn das Essen serviert wird: zart gebratene Entenleber mit crunchig-buttrigem Grünkohl, saftiges Schweinefilet mit samtigem Rote-Betepürree und schlesischen Knödeln, danach ein Abenteuerteller voll leckerstem Dessert mit dem weltbesten Crumble – es war unser Auftakt zu vielen polnischen Köstlichkeiten.

Bereits auf dem Rückweg nach Deutschland erfüllte ich mir einen langgehegten Wunsch: ein Ausflug nach Eisenhüttenstadt. Wieso denn das bitte, fragt ihr euch vielleicht. Wenn ihr im trüben Herbst ein  wenig lächeln wollt, dann schaut euch auf YouTube ein altes Video aus der David-Letterman-Show „Tom Hanks on German Autobahn“ an. Tom Hanks berichtet hier sehr witzig von seinen Erlebnissen auf der deutschen Autobahn und ab 5:50 min über Eisenhüttenstadt. Und seither will ich da hin.

Eisenhüttenstadt wurde Anfang der 50er Jahre als sozialistische Wohnstadt für ein Eisenhüttenkombinat errichtet und sollte das Modell einer arbeiterfreundlichen Siedlung mit Komplettversorgung sein. Wohnungen, Freizeiteinrichtungen, Einkaufen, Schulen, Krankenhaus – alles in unmittelbarer Nähe. Etwas Graues und Karges hatte ich mir vorgestellt, eher menschenfeindlich, so ein bisschen wie eine kommunistische Gropiusstadt, in der man maximal Werbung für „Plaste und Elaste aus Schkopau“ erwarten kann. Den Eindruck erweckt ja auch die Schilderung von Tom Hanks. Und dann ist es ganz anders.

 

Die riesige Siedlung ist in vier Bereiche unterteilt, die auch heute noch Komplex Nr.1 bis Nr. 4 heißen. Sie überrascht aber als erstes durch die vielen Grünflächen und die Weitläufigkeit. Vier Stockwerke sind das Maximum und auch wenn man sich die heute bunten Fassaden in tristem DDR-Grau vorstellt, sind sie immer noch interessant und voller Details. In den Erdgeschossen Raum für Läden, eine riesige Gaststätte und große grüne Innenhöfe mit vielen Bänken. Wenn ich das mit Stuttgart-Freiberg, Hamburg-Mümmelmannsberg oder den vielen Plattenhaussiedlungen im Osten vergleiche, dann ist es kein Vergleich. Hier scheint der Sozialismus seinen Arbeitern doch glatt mal was Gutes getan zu haben. Schade nur, dass die Stadt diese Perle so wenig vermarktet, trotz Steilvorlage durch Tom Hanks. Aber wenigstens haben sie eine hilfreiche Broschüre für einen Rundgang erstellt, die wir sehr empfehlen.

Weiter südlich, wieder direkt an der Grenze zu Polen gelegen, trifft man im verschlafenen deutschen Städtchen Bad Muskau oder Łęknica auf polnischer Seite auf ein veritables Weltkulturerbe. Der Muskauer Park des Fürsten Pückler ist ein klassischer Landschaftsgarten, in dem es sich rechts und links der Neiße schön flanieren lässt. Über die vielen Brücken kann man Europa voll und ganz auskosten, kurz rüber nach Polen, dann wieder zurück nach Deutschland. Der Park ist auf der polnischen Seite größtenteils verwildert, auf der deutschen trotz heftiger Zerstörungen im und nach dem Krieg jedoch sehr gut restauriert. So große Botanikfans sind wir eigentlich  nicht, was uns aber total begeistert und was man auf gar keinen Fall bei einem Besuch auslassen sollte, ist die Ausstellung im restaurierten Schloss über den ziemlich durchgeknallten Fürsten. Als wahrer Globonaut bereiste er die ganze Welt, lebte als Dandy in London oder Wien, reiste durch den Orient, schreckte auch nicht davor zurück, sich auf einem Sklavenmarkt im Sudan eine Reisebegleiterin zu kaufen, schrieb unzählige Reiseberichte und legte nebenbei noch den Park in Bad Muskau an. Wir haben einige sehr vergnügliche Stunden in dem toll gestalteten Museum verbracht und den Park danach in einem ganz anderen Licht gesehen.

  

 

Und ganz zum Schluss dann noch eine weitere große Überraschung: Bautzen. Knast, Senf und Rechtsradikale, das war das, was ich mit der Stadt bisher verbunden habe. Schau mal, die vielen Türme, sagte Eric auf der Hinfahrt nach Polen, als wir Dresden hinter uns gelassen hatten. Und dann die Autobahnausfahrt Bautzen. Kann nicht sein, dachte ich, und googelte. Doch, das ist Bautzen. Also musste auf der Rückfahrt ein Stopp her. Ein Spaziergang durch die restaurierte mittelalterliche Altstadt mit ihren vielen Türmen, die „Alte Wasserkunst“ an der Spree, die vielen Kneipen und Restaurants – ein Ausflug lohnt sich! Bautzen oder Budyšin ist die Hauptstadt der Sorben, die Straßenschilder sind zweisprachig und überall trifft man auf sorbische Kulturstätten. Und weil ich selber eine kleine Teil-Sorbin bin – mein Urgroßvater Gustav Noack hatte sorbische Wurzeln –  finde ich es hier besonders interessant. Wieder mal viel zu wenig Zeit für viel zu viel spannende Stadt! Wie schon so häufig stelle ich fest: Im Osten warten noch so viele Überraschungen, die ich unbedingt entdecken will!