Von Rittern und Helden

So idyllisch die Inseln im tiefblauen Mittelmeer weitab von allem Unbill wirken, so kriegerisch ist doch ihre Vergangenheit. Ihre strategische Lage wurde ihnen mehrfach zum Verhängnis.

Da waren zunächst die Ritter des Johanniterordens, auf deren Spuren man heute noch in jedem Winkel von Malta und Gozo stößt. 1048 in Jerusalem gegründet, um kranke Pilger zu versorgen, gehörte schnell auch die militärische Sicherung zu ihrem Repertoire und so schlitterten sie von einem Kampf in den nächsten. Erst Jerusalem, dann Akko und 1291 die endgültige Vertreibung aus dem Heiligen Land. Dann ging es nach Zypern, 20 Jahre später nach Rhodos – immerhin für 200 Jahre – und 1530 schließlich nach Malta.

Hier befestigte der Orden so ziemlich alles, was man zur Verteidigung der Inseln brauchte und noch heute kann man sich zum Beispiel im Fort St Angelo in Birgu, der Zitadelle von Victoria oder den Gassen von Mdina wie ein alter Kreuzritter fühlen.

 

Auf den Sieg der Ritter über die Ottomanen in der großen Belagerung, der „Great Siege“ von 1565, ist man immer noch stolz. 40.000 Türken wurden nach viermonatiger Belagerung von knapp 18.000 Rittern in die Flucht geschlagen und wagten es danach nicht mehr, die Inseln nochmals anzugreifen. Belagerungen, Seeschlachten, das ganze Programm überstand der Orden für lange Zeit, aber dann kam Napoleon und 1798 war Schluss mit dem Ordensleben auf Malta. Der „Souveräne Malteserorden“ zog ab nach Rom und bildet bis heute ein Konstrukt, das ich bisher nur aus der Völkerrechtsvorlesung kannte: ein nichtstaatliches Völkerrechtssubjekt, eine Art eigener Staat, allerdings ohne Staatsgebiet. Trotzdem mit allem, was man sonst so braucht, Regierung, Botschafter, eigenes Autokennzeichen, eigene Pässe.

Wer sich auf die Spuren der Ritter auf Malta machen möchte, der sollte im Fort St. Angelo in Birgu anfangen. Hier war 1530 der erste Sitz des Großmeisters, hier gibt einem das Museum einen ersten Überblick. Tief eintauchen in die Geschichte der Ritter kann man dann im Gewölbe der Sacra Infermeria in Valletta und alles über die humanitäre Seite des Ordens erfahren. Und dann ab nach Victoria auf Gozo und rein in die von den Rittern befestigte Zitadelle.

Wer jetzt noch nicht rittersatt ist, für den hab ich da was. Ich suchte eine passende Urlaubslektüre über den Orden, so ein bisschen was zwischen Umberto Eco und Dan Brown schwebte mir vor. Ich stieß auf ein ganz aktuelles Buch, das den Machtkampf im Malteserorden 2017 beschreibt. Mit allergrößtem Vergnügen las ich das hervorragend recherchierte Sachbuch „Gefallene Ritter“ von Constantin Magnis – oder ist es doch eher eine Satire? Oder gar ein Krimi? Jedenfalls sehr empfehlenswert für einige vergnügliche Stunden und tiefe Einblicke in den Malteserorden, das englische Landleben, römische und vatikanische Skurrilitäten.

Ganz und gar nicht vergnüglich ist das, was die Deutschen im Zweiten Weltkrieg auf Malta und Gozo angerichtet haben. Das kleine Georgskreuz im oberen linken Eck der Flagge Maltas zeugt heute noch davon. Es wurde der Bevölkerung Maltas wegen ihrer außerordentlichen Tapferkeit im Zweiten Weltkrieg vom britischen König Georg VI. verliehen.

Wieder wurde Malta die strategische Lage im Mittelmeer und als Tor nach Afrika zum Verhängnis. Damals noch Kronkolonie und entsprechend britischer Marinestützpunkt gerieten die Inseln ins Visier der Achsenmächte Deutschland und Italien. Die ersten Luftangriffe der Italiener Mitte 1940 waren wenig erfolgreich, richtig schlimm wurde es, als die Deutschen den Luftkrieg Ende 1941 begannen. Malta wurde zum meistbombardierten Land der Welt. 3000 Bombenangriffe, 14.000 Tonnen Bomben, 35.000 zerstörte Häuser, hunderte Tote. Auf einer Fläche so groß wie München, das muss man sich dabei vor Augen führen.

Valletta 1942

Die Malteser retteten sich in Stollen, Keller und unterirdische Wasserspeicher, viele richteten sich wohnlich in den Katakomben ein, denn oft machte es gar keinen Sinn, den Bunker bis zum nächsten Angriff zu verlassen. Währenddessen wurden die Städte von den Deutschen in Schutt und Asche gelegt. In jeder maltesischen Stadt kann man heute noch Weltkriegsbunker besichtigen. In der riesigen Anlage in Birgu, die Teil des Malta-at-War-Museums ist, laufe ich durch die unterirdischen Gänge mit vielen privaten kleinen Höhlen, in denen ganze Familien wohnen mussten. In den Katakomben von Rabat fand die Bevölkerung Unterschlupf in alten Grabanlagen, vor der großen Kirche in Mosta kann man den Bunker besichtigen und auch die Führung durch das reizende Casa Rocca Piccola in Valletta endet im Familienbunker. 

Die schönen alten Städte, ein riesiges Ruinenfeld. Eine tapfere, aber traumatisierte Bevölkerung. Malta begann rasch mit dem Wiederaufbau und er ist gelungen. Die Briten stellten 30 Millionen Pfund hierfür zur Verfügung. Über eine deutsche Wiedergutmachung konnte ich nichts finden. Unfassbar, wo Deutschland überall seine zerstörerischen Spuren hinterlassen hat. 

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