Ein gut gehütetes Geheimnis

Nachdem es in Sachsen so gut geklappt hat, lasse ich mich auf dem Weg Richtung Norden wieder von meinen Ahnen leiten. Die Vorfahren meiner Großmutter kamen aus dem Gebiet zwischen Magdeburger Börde und Harzvorland und so miete ich mich für eine Woche in einem der vielen Orte in dieser Gegend ein, die auf -leben enden. Hadmersleben und hier das reizende Landhaus Rosmarin heißt meine neue Heimat auf Zeit.

Die Wohnung im Dachgeschoss eines liebevoll restaurierten Bauernhauses ist so gemütlich, dass ich eigentlich nicht mehr wegmöchte. Und was für ein schöner Ort. Kleine Fachwerkhäuschen reihen sich entlang der kopfsteingepflasterten Sträßchen auf, ein riesiger Klostergutshof zeugt von der Geschichte des Ortes, ein nur unwesentlich kleinerer Amtshof, eine doppelspitzige Kirche und daneben ein Landinternat wie von Enid Blyton erdacht. Drumherum grüne Felder, blühende Schrebergärten und Pferdekoppeln.

Und Hadmersleben ist keine Ausnahme, fast alle der kleinen Orte drumherum
sind so idyllisch. Es scheint sogar ein Tourismuskonzept für die Region zu geben, man fragt sich aber, ob die Urheber bei der Entwicklung noch ganz nüchtern waren: warum gute Luft und Stille propagieren, wenn man Gestank und Lärm haben kann. Eine Motorsportarena und etwas weiter weg eine Autocross-Rennstrecke, so kann man sich seine grandiose Natur auch versauen. Bis zur Gastronomiefrage kamen – wie in Sachsen – auch diese Planer nicht, aber das bin ich ja langsam gewohnt. Hören tu ich die Knatterei von meinem kleinen Paradies aus zum Glück nicht und ich hab eine kleine Küche.

Auch Hadmersleben hat einen Lost Place – eine ehemalige Malzfabrik. Fasziniert stehe ich vor dem großen roten Backsteinbau, da spricht mich eine Frau an. „Ziemlich scheußlich, oder?“ Nein, finde ich gar nicht. Sie sieht die zerbrochenen Scheiben, die bröckelnden Steine. Mich nimmt die morbide Atmosphäre gefangen. Sie wohnt gegenüber, ich kann wieder gehen. Als ich sie frage, was früher dort produziert wurde, leuchten ihre Augen auf. Kaffee und später Süßigkeiten. Aber alles abgewickelt nach der Wende. In einem Fenster sehe ich später ein Schild, tatsächlich: Hadme Kaffee. Die Fabrik soll zu einem Kunst- und Kulturprojekt werden, ein Ehepaar aus der Nähe von Heidelberg hat sie gekauft und versucht es mit Crowdfunding. Viel Arbeit, aber wenn das klappt, wird es sicherlich toll.

Die alte Malzfabrik in Hadmersleben

Und rundherum gibt es noch so viel mehr zu sehen. Nur 20 Kilometer weiter wartet eine der schönsten Städte Deutschlands auf mich: Quedlinburg. Über dem traumhaften Fachwerkensemble der Innenstadt thront der Quedlinburger Dom, in dem mein Ururgroßvater getauft wurde. Nach einer sehr empfehlenswerten Führung weiß ich, dass dort noch ein bisschen mehr passiert ist: Heinrich der Erste liegt hier begraben, die Äbtissin Mathilde war um 900 die mächtigste Frau des Reiches, die Nazis bauten den Dom um, damit pathetische SS-Shows veranstaltet werden konnten. Und dann noch die Story des Quedlinburger Domschatzes, den ein kunstverständiger US-Soldat per Feldpost in die USA schickte, wo das Samuhel-Evangiliar, eines der wertvollsten Bücher der Welt, in einem Bankschließfach verstaubte, bis ein Schatzsucher es in den 90er Jahren entdeckte.

Der Quedlinburger Dom
Der Quedlinburger Dom

Doch in Quedlinburg sollte man sich nicht auf den Dom beschränken. Die Altstadt besteht aus über 2000 Fachwerkhäusern, prächtig wie das Rathaus oder noch darauf wartend wachgeküsst zu werden, wie das ehemalige Wohnhaus meiner Ururgroßeltern. Der ganze Romantiktraum ist Weltkulturerbe und eine Reise wert.

Quedlinburg

Das benachbarte Halberstadt kann da nicht ganz mithalten, auch weil es im zweiten Weltkrieg sehr stark in Mitleidenschaft gezogen wurde. Die teilweise Sanierung gibt einen kleinen Eindruck davon, warum Halberstadt als „Rothenburg des Nordens“ galt. Besonders beeindruckend ist der Halberstädter Dom. Von außen halt ein Dom, ist das Innere atemberaubend. Im riesigen gotischen Halbdunkel hat die weitgehende Abwesenheit von Farbe eine ganz besondere Wirkung. Vorwiegend die steinernen Dekorationen wirken hier und setzen das wenige Bunt von Kirchenfenstern und Altar perfekt in Szene. Lohnt sich sehr!

Der Dom zu Halberstadt
Der Dom zu Halberstadt

Eine ganz besondere Attraktion befindet sich ein paar Kilometer außerhalb von Halberstadt im Ortsteil Langenstein: Höhlenwohnungen. Nicht von den Harzer Verwandten der Neandertaler, sondern von jungen Arbeiterfamilien Mitte des 19. Jahrhunderts in den Stein geschlagen, weil sie sich andere Wohnungen nicht leisten konnten. Der letzte Höhlenmensch zog vor gerade mal hundert Jahren aus und dank einer Privatinitiative wirken die Wohnungen heute so, als wären die Bewohner gerade nur mal einkaufen gegangen. Ein ganz reizendes Hobbitdorf im Harzvorland.

Die Felsenwohnungen von Langenstein

Gänzlich unbekannt dürften zwei Orte sein, die für mich von großer Bedeutung sind – Hoym und Frose. In Hoym lebte um 1800 mein fünffach-Urgroßvater, der Schäfer David Heitmann mit seiner Familie. Seine Frau und meine fünffach-Uromi Charlotte Hohendorf kam 1760 in Frose zur Welt. 

Das Dorf Hoym gruppiert sich um das fürstliche Schloss, dessen Schafmeister David Heitmann war. Heute ist hier die größte Behinderteneinrichtung des Landes Sachsen-Anhalt untergebracht. Die Häuser im alten Dorfkern und besonders die Kirche auf der anderen Seite der stark befahrenen Straße dürften zu Zeiten der Familie Heitmann kaum anders ausgesehen haben. Sogar eine Schäfergasse gibt es, vielleicht haben sie hier gewohnt. Rund um die Kirche sind einige alte Grabsteine erhalten, Heitmann steht leider auf keinem. Aber ich gebe zu: wenn man nicht gerade einen fürstliche Schafe hütenden Vorfahren hat, lohnt sich der Weg nach Hoym nicht unbedingt. Hübsch ist es trotzdem.

Impressionen aus Hoym
Impressionen aus Hoym

Nach Frose ist es nur ein paar Minuten mit dem Auto. Ein komplett ausgestorbener Ort, verzweifelt stürzt sich der polnische Amazonlieferant auf mich in der Hoffnung, ich könnte ihm mit einer Lieferadresse weiterhelfen. Er mag nicht glauben, dass ich als Besucherin hierher gekommen bin. Dabei könnte Frose ein echtes Zentrum der Reformationsfans sein: Bauernkriegsführer Thomas Müntzer war an der Kirche St. Cyricus zwei Jahre als Probst tätig. Was andernorts mindestens zu einem Müntzer-Café mit gleichnamigen Pralinen geführt hätte, entdeckt man hier eher zufällig. Und auch wenn Frose genauso wie Hadmersleben an der „Straße der Romanik“ liegt – der interessierte Tourist wird vor verschlossenen Türen stehen gelassen. Aber egal, ich wollt ja nur mal gucken, wo X-Uroma aufgewachsen ist und heute habe ich ein Vesperpaket dabei.

Wirkungsstätte von Thomas Müntzer in Frose
Wirkungsstätte von Thomas Müntzer in Frose

Und dann ergattere ich superkurzfristig einen spannenden Tag im Evangelischen Kirchenbucharchiv in Magdeburg – eigentlich sind die Plätze immer Wochen im Voraus ausgebucht. Viel neues Material für weitere Reisen, aber das will erst mal sorgfältig ausgewertet sein. Zeit für die Stadt selber bleibt mir nicht, aber es ist auch nicht mein erster Besuch. Gerade eine halbe Stunde ist Magdeburg von Hadmersleben entfernt, hat man also mal Hunger auf die Großstadt und überhaupt, die Landeshauptstadt ist quasi einen Katzensprung entfernt. 

Bei allen spannenden Besichtigungen genieße ich aber die wunderschöne Landschaft hier in der Magdeburger Börde am allermeisten. Der Harz selber bleibt für mich nette Kulisse im Hintergrund – es gibt so viel zu sehen und zu genießen, wer braucht da schon Berge im norddeutschen Flachland. Doch wie in Sachsen: sie halten die Attraktionen und die Schönheit ihrer Gegend streng geheim. Tourismuswillige werden mit nutzlosen Autorennstrecken in die Irre geführt. Aber passt auf, ihr wunderschönen Orte im Harzvorland, ihr werdet schon noch entdeckt werden!

 

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