Die vernarbte Stadt

Eine Annäherung an Stettin

Kaum liegt Deutschland hinter mir, bin ich auch schon an der Stadtgrenze von Stettin angelangt. Es ist ein sonniger Sonntagnachmittag, viele Radfahrer auf den Wegen rechts und links der Straße, ein Festplatz, auf dem ein Konzert stattfindet, Familien auf dem Weg dorthin. Die Straßen sind gut ausgebaut und breit, der Verkehr läuft entspannt, kein Problem, mich durch die Großstadt zu schlängeln. Die Straße verläuft durch einen Park, auf der großen Grünfläche haben sich die Menschen niedergelassen, Kinder toben herum, am Ende des Parks ein schlossähnliches grünes Gebäude. Ein paar Minuten später biege ich in die Straße ein, in der sich meine Wohnung für die nächste Woche befindet. Eine lange Häuserzeile, in deren Inneren man sich verirren kann. Ich wohne im dritten Stock und aus den Fenstern habe ich einen weiten Blick über die Stadt. Die Lage der Wohnung war als hervorragend angepriesen worden. Wo mag dann das Zentrum sein? 

Blick von der Jerzego Janosika, Stadtteil Śródmieście-Północ, Richtung Hafen

Mein erster Erkundungsspaziergang führt mich in Richtung des grünen Schlosses, das ich vom Auto aus gesehen habe. Aber es ist kein Schloss, ein Schild weist es als Sitz der Stadtverwaltung aus. Richtig so, immer die schönsten Gebäude für die Administration 🙂

Stadtverwaltung am Ende Aleja Papieza Papieża Jana Pawła II.

Der kleine Supermarkt um die Ecke hat geöffnet. Das ist so angenehm in Polen, immer ein Żabka oder ähnliches in der Nähe, in dem man sich zu jeder Zeit mit allem Notwendigen versorgen kann. Ich kehre mit Milch für’s Frühstück, einem Sandwich und einem Bier zurück in meine Wohnung. Wo ich jetzt genau bin in der Stadt, habe ich noch nicht herausgefunden. Aber morgen geht’s los!

Doch auch in den nächsten Tagen werde ich nicht fündig. Die Stadt hat kein Zentrum. Nicht mehr. Eine winzige Altstadt mit ein paar Restaurants. Grandiose Plätze, wie der Plac Grunwaldzki, gesäumt von Bürgerhäusern. Trutzige Prachtbauten rund um die Hakenterrasse am Ufer der Oder. Ein Stadtstrand gegenüber mit Panoramablick. Uralte Backsteinkirchen. Ein Hafenviertel, das sich gerade aufschwingt, cool zu werden. Einkaufszentren. Aber nichts, was einem Stadtkern nahe kommt.

Die Jakobskathedrale in Stettin

Wahrscheinlich ist es der Fluch der boulevardähnlich angelegten Straßen. Der Verkehr scheint die Stadt in ihrer Mitte zu zerschneiden. Und wie in vielen Städten des früheren Sozialismus: Wohnblocks im Herzen der Stadt. Ungewohnt für das westlich geprägte Auge, das an dieser Stelle mit Bürohochhäusern oder Einkaufszentren rechnet. Aber vielleicht ist ja gerade diese Wohnbebauung das Rezept gegen das Aussterben der Innenstädte. 

Wie verloren im tosenden Verkehr ein einsamer Rest Barock, der so gar nicht zur Bebauung drumherum passen will. Das „Berliner Tor“ war einst eines der Stadttore von Stettin. Trotzig behauptet es seinen Platz und schaut auf die massiven roten Backsteinkirchen, die sein Schicksal teilen. Alles wirkt zusammengestückelt. Als hätte ein Kind seine kaputtgegangene Ritterburg mit Legosteinen geflickt. Gotik neben Plattenbau, filigran dekorierte Bürgerhäuser neben grobschlächtigem Beton.

Die Oder trennte immer schon Vor- von Hinterpommern. Das deutsche Stettin war einst die Hauptstadt von ganz Pommern. Heute ist Szczecin die Hauptstadt der Woiwodschaft Westpommern und liegt in Polen. Der „Pommersche Greif“ ist immer noch allgegenwärtig, sei es auf den alten Gebäuden aus deutscher Zeit oder auf modernen Taxis und Straßenbahnen. Auch die historischen blauen Wasserpumpen, die überall in der Stadt zu finden sind, ziert das Wappentier Pommerns.

Die Altstadt von Stettin wurde im Zweiten Weltkrieg zum größten Teil zerstört. Die deutsche Bevölkerung wurde vertrieben, es rückten ihrerseits Vertriebene nach: Menschen aus den östlichen Teilen des damaligen Polen. Gebiete, die der Sowjetunion einverleibt worden waren. Sie kamen ohne zu wissen, ob sie in Stettin eine dauerhafte Heimat finden würden. Zunächst bestand Unklarheit über die Zugehörigkeit der größtenteils westlich der Oder liegenden Stadt. Dazu drängten 30.000 Holocaust-Überlebende nach Stettin, die schnell nur noch eines wollten: weg hier, weiter nach Palästina oder bald Israel. In den Ruinen und unter dem Damoklesschwert der Vorläufigkeit mussten sich die Menschen eine neue Heimat schaffen, eine neue Gemeinschaft. Die Ausstellung im Dialogzentrum Umbrüche beginnt mit einem Panoramabild des zerstörten Stettin, voller verzweifelter Menschen. Auf dem Boden davor der Schriftzug „Genesis“. Der Bezug passt perfekt. Aus Ödnis und Chaos musste ein neuer Lebensraum, eine neue Gesellschaft entstehen.

Ich fremdle anfänglich stark mit der Stadt. Ihre Identität ist nicht leicht zu erkunden. Was mir hilft ist, mich einfach durch die Straßen treiben zu lassen. Alles zu Fuß erkunden, ausgiebig die Fassaden der Häuser betrachten, in den vielen Grünanlagen auf eine Bank setzen und die Menschen beobachten. Anfangs war ich fast ein wenig enttäuscht, nicht näher an der Altstadt zu wohnen. Aber was hätte ich da eigentlich gewollt? Mein Viertel ist eine ganz normale Wohngegend, gegenüber ein gedeckter Markt mit dem Duft von Erdbeeren und üppigen Sträußen Dill. Das Eintauchen in den polnischen Alltag und das viele Laufen sind der beste Weg, diese Stadt zu erkunden.

Die Stimmung ist gelassen, viele junge Menschen. Über 50.000 Studierende hat Stettin, aber die scheinen wirklich fleißig am Studieren zu sein, denn gemütliche Cafés oder ungewöhnliche Restaurants finde ich so gut wie keine. Dafür bekomme ich in einer Metzgerei ein wirklich traumhaftes Bigos, das polnische Nationalgericht aus Kraut, Fleisch und Wurst für gerade mal drei Euro. In einem der vielen ukrainischen Restaurants der Stadt gibt es Wareniki – Teigtaschen – mit einer Füllung aus Wild und Pilzen, obendrauf ein Riesenklecks saurer Sahne. Und mit dem Café Dzien Dobry finde ich dann doch noch einen Ort, an dem man lesend im Sessel versinken kann.

Die wichtigsten offiziellen Sehenswürdigkeiten sind schnell abgeklappert – die schon erwähnte Mini-Altstadt, das Schloss der pommerschen Herzöge, die Hakenterrasse. Natürlich gibt es noch vieles mehr. Folgt man dem sehr praktisch auf dem Bürgersteig rot markierten Weg, kann man kaum etwas verpassen. Wenn möglich, sollte man auch mal reingehen in die Gebäude, zum Beispiel im roten Rathaus, der Post oder der Musikhochschule warten hübsche Überraschungen. 

Hakenterrasse mit Woiwodschaftsgebäude, Rotes Rathaus, Schloss der pommerschen Herzöge, Heumarkt
links: im Postgebäude, rechts oben: im roten Rathaus, rechts unten: Akademia Sztuki w Szczecinie, Aleja Niepodległości 40

Was man auf keinen Fall auslassen sollte, ist das Dialogzentrum Umbrüche – es hilft, die jüngste Geschichte der Stadt zu verstehen. Sie ist zugleich auch eine Geschichte Polens zwischen 1939 und 1989. Die Nazizeit, die Aufstände, Solidarność, der polnische Papst, Kriegsrecht, die Dritte Polnische Republik.

Sehr beeindruckt hat mich ein Besuch in den Bunkeranlagen unter dem Hauptbahnhof, die 5000 Menschen Schutz bieten konnten. Die Anlage befindet sich weitgehend im Originalzustand, die nachgestellten Szenen schaffen eine beklemmende Atmosphäre, zumal ich hier unten fast alleine bin.

Und ein ganz besonderer Ort ist das Lapidarium auf dem Hauptfriedhof. Restaurierte deutsche Grabsteine wurden hier neu platziert. Sicherlich in erster Linie nach ästhetischen Kriterien. Aber manche Grabsteine scheinen freundliche Grüppchen zu bilden. Wie zu einem Kaffeekränzchen vereint stehen sich sechs Grabsteine gegenüber, im Halbkreis angeordnet scheint der Stein von „Vedder“ seinen Untergebenen die Befehle des Tages mitteilen zu wollen. Ein verwunschener Ort.

Hauptfriedhof und Lapidarium Stettin

Sehr entspannt im hier und jetzt geht es am Stadtstrand auf der Oderinsel Wyspa Grodzka zu. Auf 1500 Tonnen feinstem Ostseesand kann man wahlweise im Liegestuhl oder auf dem Strandtuch das wuchtige Panorama der Hakenterrasse gegenüber auf sich wirken lassen. 

Ein sehr schöner Ort, den sonnigen Nachmittag mit einem leckeren Eis auf einer Parkbank zu genießen, ist der Kasprowicza-Park vor dem grünen Haus der Stadtverwaltung, das ich ja schon am ersten Abend fand. Spinatpalast nannte man es früher und seit das Grün das zwischenzeitlich sozialistische Grau wieder vertrieben hat, könnte man diesen Namen ruhig erneut aufleben lassen.

Nach einer Woche bin ich ein bisschen mehr angekommen in der Stadt. Sich hier auf die Spuren der Vergangenheit zu beschränken, bedeutet, sich auf das Verlorene zu konzentrieren. Mit diesem Fokus, in dem wir Ahnenforscher uns gerne mal verlieren, wird die Stadt wahrscheinlich immer verletzt erscheinen. Wie amputiert und mit schlecht sitzenden Prothesen bestückt. Doch Stettin ist geheilt, zwar mit deutlichen Narben, aber aus Stettin ist Szczecin geworden, eine moderne und lebensfrohe polnische Stadt. Vielleicht ist das Stettins Identität und Mission: einen möglichst angenehmen Rahmen für ein ganz normales polnisches Leben zu bilden. Sich dabei behutsam auch der deutschen Geschichte der Stadt zu nähern. Diese zu integrieren, nachdem die menschlichen und städtebaulichen Wunden der vergangenen 60 Jahre langsam vernarben. Stettin eben als polnische Heimat mit vielfältiger Geschichte zu begreifen.

Am Hafen

Ich bin froh, dass ich mir Zeit gelassen habe für die Stadt. Nach ein oder zwei Tagen wäre ich einigermaßen ratlos weitergefahren und wahrscheinlich nicht mehr zurückgekehrt. Stettin erschließt sich erst auf den zweiten Blick, und so ergreift mich sogar etwas Wehmut, als ich über die Oder-Brücke Richtung Osten fahre und Szczecin hinter mir zurücklasse.

5 Kommentare

  1. Danke für deinen sehr guten, interessanten Reisebericht. War ib den letzten Jahen mehrmals in Pommern, in meiner Geburtsstadt Schivelbein. Bei jeder Reise hatte ich es immer „eilig“ so das ein Abstecher nicht möglich war. Liebe Grüße

    1. Vielen Dank, lieber Klaus! Ich bin so froh, dass ich diesmal ausreichend Zeit mitgebracht habe. Pommern hat so viele interessante und wunderschöne Gegenden!

  2. Liebe Julia, danke für den Bericht über Stettin. Meine Familie mütterlicherseits lebte dort, bis sie dann 1945 fliehen mußten. Meine Mama (1913 bis 1997) hat auf Rügen und später in Berlin/Ost zwar eine neue Heimat gefunden, aber Stettin spielte immer eine große Rolle in den Familienerzählungen als das verlorene Paradies. Als es möglich war, fuhr ich zu DDR-Zeiten mit Mama einige Male nach Stettin. Zum Glück war meine Mutter keine Person, die nur in der verklärten Erinnerung lebte und so haben wir die Entwicklung von Stettin als polnische Stadt Szczecin bis heute miterlebt. Wenn Du es noch nicht kennst, empfehle ich Dir die Lektüre von Jan Musekamp: Zwischen Stettin und Szczecin, vielleicht als Nachbereitung Deiner Reise. Das Etikett einer „vernarbten Stadt“ teile ich, dort sind die Narben viel stärker sichtbar als in deutschen Städten wie z.B. Dresden. Als sehr hoffnungsvoll erlebte ich die Entwicklung seit den 70er Jahren, als wir zum ersten Mal nach dem Krieg dort waren und die Stimmung alles andere als deutschfreundlich war. Ich kann nur hoffen, dass die Enwicklung Europas zu einem Konstrukt gleichberechtigter und sich freundlich gesinnter Staaten nicht wieder in einem kalten oder gar heißen Krieg mündet. Mit freundlichen Grüßen aus Berlin und Usedom. Ursula

    1. Liebe Ursula, vielen Dank für diese Erinnerungen. Das Buch hört sich spannend an, danke für den Tipp!
      Es ist auch für mich als Kind des kalten Krieges immer noch etwas ganz Besonderes, „einfach so“ in die frühere DDR und nach Polen reisen zu können. Je näher ich der polnisch-litauischen Grenze und Kaliningrad komme, desto häufiger verdrängt die aktuelle Situation das Reisevergnügen. Deinen Wunsch nach einer friedlichen Entwicklung teile ich so sehr. Liebe Grüße!

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