Idyllisches und nicht so Idyllisches

Ich habe mich von den schönen Moldauklöstern verabschiedet und bin weiter Richtung Süden gefahren. Weil man für 400 km hier gerne einen ganzen Tag benötigt, suche ich nach einem Zwischenstopp auf dem Weg nach Schäßburg und Piatra Neamt ist etwa die Hälfte. Kein schöner Ort, aber in der Nähe befindet sich eine beeindruckende Schlucht und von hier sind es später nur noch etwa 200 Kilometer bis zu meinem nächsten Ziel. Im Internet finde ich eine Pension mit sehr guter Bewertung und da buche ich mich ein. Es regnet in Strömen als ich in Piatra Neamt ankomme. Die Pension hat keine Adresse, sondern nur GPS-Koordinaten, am einfachsten soll ich anrufen, wenn ich in der Stadt sei. Das mache ich und Claudiu lotst mich auf einen Parkplatz an der Schnellstraße, wo mich seine Frau Ana-Maria erwartet. Es schüttet, ich folge ihrem Auto und nach einem kurzen Stück auf der Schnellstraße biegt sie auf einen unbefestigten Weg ab, links und rechts nur Wiesen, wir flutschen von einem Schlammloch ins andere, aber irgendwann taucht die Pension auf. Im Haus duftet es nach Erdbeermamelade, freundliche Menschen begrüßen mich, Ana-Maria düst davon, sie muss noch arbeiten.
Das Zimmer ist goldig, mit viel Liebe dekoriert, ich falle auf’s Bett und verlasse es für den Rest des Abends nicht mehr. Durch’s Fenster blicke ich auf einen grünen Hügel, am nächsten Tag weiden dort Schafe, Idylle pur.
Am Morgen gibt es ein leckeres Frühstück im Wohnzimmer, eine junge Familie aus Moldawien sitzt am Nebentisch, wir kommen ins Gespräch. Alex erzählt wundersame Geschichten, Moldawien sei ein großer Weinproduzent und Nahe der Hauptstadt Chisinau gäbe es den größten Weinkeller der Welt. In Moldawien? Hm. Ich google das Ganze dann später und lese erstaunt über die Millionen Liter Wein, die dort lagern, einschließlich der Weinsammlung von Hermann Göring.

Ana-Maria hat mir ein paar Klöster und die Bicaz-Schlucht empfohlen, also mache ich mich auf den Weg. Kaum zu glauben, dass es gestern noch in Strömen geregnet hat und richtig kalt war. Im Kloster Bistrita bestaune ich wieder einmal uralte, bestens erhaltene Gemäuer. 1498 steht auf der Tafel am Turm, Wahnsinn.
Die Schlucht ist weiter weg als gedacht, der Weg dorthin aber sehr hübsch. In einem besonders idyllischen Tal taucht ein monströses Ungetüm aus sozialistischen Zeiten auf, eine gigantische Betonfabrik. Beim Näherkommen leuchtet mir ein Schild von Heidelbergzement entgegen. Kapitalismus meets Kommunismus. Es sei eigentlich ein Glück, sagt mir Claudiu später, seit die Fabrik westlich betrieben würde, seien endlich Filter eingebaut worden und das gesamte Tal nicht mehr mit einer weißlichen Betonschicht bedeckt.
Die Schlucht kündigt sich durch hölzerne Verkaufsbuden an, ein rauschender Gebirgsbach fließt neben der Straße und die Berge rücken rechts und links immer näher. Hui, echt beeindruckend, aber man muss auch höllisch aufpassen. Schulklassen und Touristen, die im Gänsemarsch am Straßenrand laufen und auf der Straße fiese Schlaglöcher. Woran erkennt man einen nüchternen westeuropäischen Autofahrer? Er fährt schön geradeaus. Und einen betrunkenen? Er fährt Schlangenlinien. Bei den Rumänen ist es genau umgekehrt, nüchtern schlängeln sie sich um die Schlaglöcher, betrunken brettern sie drüber hinweg, spotten Ana-Maria und Claudiu später.
Ich lese standesgemäß gerade Dracula von Bram Stoker, der berichtete schon 1897, dass „die Straßen in den Karpaten einer alten Tradition entsprechend nicht in allzugroßer Ordnung gehalten werden. Von alters her lassen die Hospodare nichts daran ausbessern, um nicht bei den Türken den Glauben zu erwecken, man wolle Truppen gegen sie marschieren lassen.“ Nein, den Eindruck vermittelt diese Straße wirklich nicht.
Nachmittags kehre ich in die Pension zurück und unterhalte mich lange mit Ana-Maria und Claudiu, die sehr gut englisch sprechen. Sie sind Ende 30, haben beide einen Universitätsabschluss und Fulltime-Jobs. Mit der Pension haben sie sich einen Traum erfüllt. „My father always wanted to have a lake“, erzählt Ana-Maria, also kaufte er ein Stück Land mitten im Nirgendwo und hat dort mittlerweile sogar zwei Seen angelegt. Und dann kam die Idee auf, eine kleine Pension neben den See zu stellen, in ein Gebiet ohne Straße oder Strom. Ana-Maria beantragte Fördergelder der EU, war damit erfolgreich und heute steht hier einer der freundlichsten Orte, die ich in Rumänien kennengelernt habe.

Sie erzählen von ihren Erinnerungen an die Ceaucescu-Zeit, wie ihre Eltern sich zuhause nur ängstlich wispernd über das Regime unterhielten und Rationierungen aller Art an der Tagesordnung waren. Dass sie großes Mitleid mit den Menschen in Nordkorea haben, deren verordnete Begeisterung ihnen seltsam vertraut vorkommt.
Herrje, ich weiß nichts über die rumänische Geschichte. Dunkel erinnere ich mich an die Bilder des hingerichteten Diktators Ende der 80er, die ich so gar nicht einzuordnen wusste. Claudiu berichtet, dass es Rumänien bis Ende der 60er Jahre eigentlich gut ging, Ceaucescu ein durchaus auch im Westen beliebter Politiker war, bis er Nordkorea besuchte, dort Geschmack am Personenkult fand und vollkommen verändert zurück kam. Und tatsächlich, die Bundesrepublik hatte Ceaucescu 1971 sogar mit einem hohen Orden geehrt, bevor er vollkommen abdrehte und sich zum Ziel setzte, den „neuen Menschen“ zu schaffen. Der Versuch der Reduzierung der Auslandsverschuldung hatte verheerende Folgen für die Versorgungslage der Bevölkerung. Als „Genie der Karpaten“ ließ er sich bezeichnen, wenn es nicht so dramatisch für die Bevölkerung gewesen wäre, könnte man eigentlich darüber lachen.
Wieder mal bin ich äußerst dankbar dafür, dass meine Großeltern – teils eher unfreiwillig durch Vertreibung, teils bewusst durch Flucht – dafür gesorgt haben, dass ihre Kinder und Enkel im Westen aufwuchsen.

Am Abend führt uns Alex dann in die moldawische Weinkultur ein. Er kredenzt einen edlen Sekt und einen Rotwein, beides wirklich lecker, aber mit ordentlichem Alkoholgehalt. Ich finde es spannend, etwas aus diesem mir vollkommen unbekannten Land zu hören. Sie sprechen dort vorwiegend rumänisch, das ist meine erste Überraschung. Es gibt sogar Bestreungen der Vereinigung von Moldawien mit Rumänien, hatte mir Claudiu am Nachmittag erzählt und eher etwas skeptisch nach meinen Erfahrungen mit der deutschen Wiedervereinigung gefragt. Rumänien sei arm, Moldawien aber erst recht.
Alex berichtet, dass Moldawien im großen Stil billige Äpfel aus Polen gekauft hat, diese als moldawisch umettikettiert und teuer nach Russland verkauft habe, weil dort die moldawischen Äpfel als besonders gut gelten. So seien die moldawischen Apfelexport-Zahlen weit höher als die gesamte Inlandsproduktion. Er findet das vollkommen in Ordnung, zumal es die Russen trifft und grinst: „We are poor, we need the money.“ Claudiu ergänzt, auf diese Art sei Rumänien auch schon mal zum Bananenexporteur geworden.
Ana-Maria und Claudiu betonen, dass sie wie viele Rumänen ihr Land lieben. Zwar liege sehr viel im Argen, aber sie würden es mit Humor nehmen. Arm aber sexy halt. Nur die Korruption und eine Regierung, die nichts dagegen unternimmt, seien die großen Probleme. Doch langsam regt sich Widerstand im Volk. Anfang des Jahres versuchte die Regierung ein Gesetz zu verabschieden, dass die Strafbarkeit von Korruption einschränken sollte. In Deutschland fast unbemerkt kam es zu Massenprotesten der Bevölkerung, die erfolgreich waren.
Warum ist die EU hier eigentlich so untätig, frage ich mich. Gibt es da nicht den Vertrag von Lissabon, der Rechtsstaatlichkeit als einen der obersten gemeinsame Werte festlegt? Doch wie fast immer, solange die wirtschaftlichen Interessen gewahrt bleiben, scheint der Rest fast egal zu sein.

Irgendwann falle ich dann müde ins Bett. Am nächsten Tag will ich weiter nach Schäßburg. Es war schön hier. Ich habe viel erfahren, die schöne Landschaft genossen und mich wie bei Freunden gefühlt. Wer das in Rumänien auch mal möchte, dem lege ich das „Potocina“ sehr ans Herz.

2 Kommentare

  1. Hi Julia,
    Da bist Du ja vor unserer Haustüre in Piatra Neamt vorbeigefahren…
    Die Stadt selber ist an sich nicht „schön“, hat aber ganz schöne Ecken!
    Du bist vermutlich auf dem Weg nach Bicaz – in die Bicaz Klamm am Grossen „Grand Hotel Ceahlău“ – ein potthässlicher Betonklotz, direkt daneben liegt der „Stefan cel mare“ Platz mit vielen historischen Gebäuden – eigentlich ganz nett!
    Auf dem Weh zur Bicaz Klamm hättest Du nch einen Abstecher zum Pângărați – Kloster machen können, auch ein sehr sehenswerter Platz 🙂
    und wenn Du die Bicaz Schlucht komplett durchfahren hast, kommst Du nach Lacul Rosu, einem kleinen See der vor vielen Jahren durch einen Bergsturz entstanden ist, in dem aber noch immer die Baumstrünke des Walder der vor dem Bergsturz dort war stehen…
    Leider ist dieser Ort jedoch total Touristisch verschandelt (wie viele Orte in Ro)…
    einen ähnlichen See – den Lacul Cuiejtel gibt es kurz vor Piatra Neamt. Da kann man mittlerweile (zum Glück) nicht mehr mit dem Aut hin! Der ist also vr der Verschandelung geschützt, aber ein absoluter „Geheimtip“ 🙂
    Gruß, Olli

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