Auf der Jagd nach dem grünen Basilisk

20160415-Costa-Rica-Tortuguero-326San Jose verließen wir ohne Wehmut und mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Unser erster Bus entließ uns nach etwas mehr als zwei Stunden bei einer Umsteigestation, wo bereits der nächste Bus, nun schon etwas schlichter, auf die Passagiere wartete. Also nichts wie rein und weiter geht die Fahrt. Bald schon verlassen wir die geteerte Straße und holpern über eine Schotterpiste dahin. Endlich wieder frischen Staub in die Lungen lassen -aber das Nepalfeeling kommt nicht recht auf 😄.
20160415-Costa-Rica-Tortuguero-336Schließlich erreichen wir die Anlegestelle und steigen erneut um, dieses Mal in ein langes Boot, in das etwa 20 Personen passen. Und los geht die lustige Bootsfahrt. Das Wasser des durch den Dschungel führenden Flusses hat Niedrigstand und so muss der Kapitän sehr angestrengt nach der schmalen Fahrrinne suchen. Immer wieder verfehlt er sie und wir setzen auf oder rammen einen der vielen Stämme, die, im Wasser liegend, das Unterfangen noch weiter verkomplizieren. Stecken wir fest oder drohen wir die Kurve nicht zu kriegen, so springen einer oder zwei Schiffsjungen in das Wasser und zerren und ziehen das Gefährt.
20160415-Costa-Rica-Tortuguero-307Vorbei geht es an Kaimanen und Vögeln, doch am beeindruckendsten sind die leuchtend grünen Echsen, die immer wieder in der wärmenden Sonne Toter-Mann spielen. Es sind, so schauen wir es später nach, Stirnlappenbasiliske. Sie sehen aus, als hätten hier in Tortuguero die schrillsten Dinosaurier im Miniaturformat überlebt. Oder handelt es sich um entlaufene Darsteller des Films „Jurassic Park“, der ja teilweise in Costa Rica gedreht wurde?
20160415-Costa-Rica-Tortuguero-30320160415-Costa-Rica-Tortuguero-29520160415-Costa-Rica-Tortuguero-317Über zwei Stunden dauert die Fahrt auf dem Wasser und nach insgesamt mehr als acht Stunden Reise beschließen wir, am Abend keine Nachttour in den Dschungel mehr zu unternehmen -gemach, gemach.
Am Morgen machen wir uns nach dem Frühstück auf zum Eingang des Nationalpark. 15 $ pro Kopf öffnen uns für diesen Tag die Pforte und wir starten die kleine Wanderung, die man dort auf eigene Faust unternehmen darf. 20160414-Costa-Rica-Tortuguero-280Der Weg führt durch den dichten Wald, lässt einen aber auch auf der östlichen Seite immer wieder den Blick auf den Atlantik, der hier die Karibik ist. Ihre Brandung ist an dieser Küste sehr wild und die Strömungen so gefährlich, dass das Baden darin verboten ist. Bekannt ist der Strand auch für seine Schildkröten, die hier dem Meer entsteigen, um Eier in den heißen Sand zu legen und den Nachwuchs von der Sonne ausbrüten zu lassen. Zur Zeit sind sie aber nicht vor Ort.
Wir schleichen durch den Wald und entdecken weitere Echsen – nicht bunt aber nicht weniger exotisch. Ein wenig mehr hatten wir uns schon erwartet, zugegeben. Aber bevor 20160412-Costa-Rica-Tortuguero-11420160413-Costa-Rica-Tortuguero-262Enttäuschung sich breit machen kann, werden wir belohnt. Affen!! Zuerst sehen wir Weißschulterkapuzineraffen, die aussehen als hätte man sie künstlich zusammenmontiert. Fast eine Art Chimäre.
Später treffen wir auf Spidermonkeys, also Spinnenaffen. Sie erhielten ihren Namen, weil sie in den Bäumen, alle Fünfe von sich streckend, an Spinnen in ihren Netzen erinnern.
Zufrieden kehren wir zurück und starten abends erneut, doch diesmal mit Roberto, unserem Führer für die Nachtwanderung durch den Dschungel. Er begrüßt uns schon fast entschuldigend mit den Worten, dass er sich natürlich alle Mühe geben werde, dass es aber schwierig sei zurzeit auf Tiere zu treffen. Anhaltende Trockenheit in dieser sonst regenreichen Jahreszeit, lässt die Tiere sich immer weiter in den Dschungel zurück ziehen. Vor allem die prächtigen Frösche seien nicht einfach zu finden.
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Und in der Tat ist unsere Ausbeute eher mager an diesem Abend. Ein schmuckloser aber großer Ochsenfrosch, eine schlafende grüne Echse, schemenhaft den sich bewegenden weißen Kopf eines Faultiers in einem weit entfernten Baum und eine leuchtend grüne kleine Schlange in den Blättern über unseren Köpfen. Aber das Gefühl bei dieser Wanderung war dennoch gut. Liefen wir anfangs noch auf einem etwas breiteren Weg, so verließen wir ihn dann irgendwann und es ging direkt in das dunkle Dickicht hinein. Schon eine spannende Vorstellung, inmitten von Tieren zu gehen, die man selber nicht wahr nimmt.

20160413-Costa-Rica-Tortuguero-15920160413-Costa-Rica-Tortuguero-14920160413-Costa-Rica-Tortuguero-231Wir wollten natürlich noch mehr und so starteten wir am folgenden Morgen um 5:45 Uhr zu einer Fahrt in einem kleinen Boot. Hier gab es dann doch sehr viele bunte Vögel und neben Affen gar ein Faultier in einem Baum hängend zu sehen. Das heißt, eigentlich sahen wir weniger das große Tier, sondern wir blickten auf ein pelziges Etwas, in dessen Mitte ein kleiner Kopf herausschaute. Es war ein Muttertier, das sich mit seinem Jungen in den Baum zurückgezogen hatte und das Baby an seinem Bauch trug. Beide waren extrem gut getarnt, so dass trotz der Hinweise Robertos einige Zeit verging, bis wir sie in dem grünen Wirrwarr erkannten.
Tortuguero ist definitiv eine Reise wert.
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Pura Vida!

Plop, machte es in Madrid, als ich ein vermeintliches Steinchen, das wohl irgendwie in die Packung Tropifrutti geraten sein musste, aus meinem Mund zog und auf den Balkon schnippte. Ein Fall für eine Rückrufaktion durch Haribo, scherzte ich, bis Eric meinte, ich solle doch mal meine Zähne untersuchen. Also lutschte ich an jedem Beißerchen entlang und blieb irgendwann mit der Zunge an einem Backenzahn hängen. Das Steinchen war wohl eher eine Zahnfüllung gewesen. Neun Uhr abends in Madrid und noch 12 Stunden bis zum Abflug nach Costa Rica.

Der Versuch, das Problem mit Kaugummi zu lösen, war mehr als untauglich, irgendwann klebten zwar meine Finger, aber die Gummimasse löste sich glatt und geschmeidig in Sekundenschnelle aus dem kleinen Krater in meinem vormals schönen Zahn. Nun denn, mal schauen, was die mittelamerikanischen Zahnärzte so drauf haben.

Zunächst mal nichts. Wir kamen Freitag nachmittags an und am Wochenende sind die Praxen zu. Auch unser Hotel konnte nicht weiterhelfen. Egal, dachte ich, dann halt am Montag, tut ja nix weh. Am Sonntag erfuhren wir, dass der Montag costa-ricanischer Nationalfeiertag ist und wir wollten auf keinen Fall noch länger in der unattraktiven Hauptstadt bleiben. Langsam gewöhnte ich mich an das Löchlein, das würde sicher noch etwas halten. Also, auf in den Dschungel!

Tortuguera liegt auf einer Halbinsel, die auf der einen Seite von der Karibik und auf der anderen Seite von einem Fluß umspült wird. Ein relaxter Ort mit kleinen bunten Häusern, keine Geldautomaten und natürlich kein Zahnarzt. Mittlerweile war’s mir egal.
Doch dann winkte das Schicksal: am örtlichen Supermarkt hing ein Schild, Ortodentista stand dr20160412-Costa-Rica-Tortuguero-94auf und 12. – 14. Abril. Der Zahnarzt scheint in der Stadt zu sein, jetzt gab’s keine Entschuldigung mehr. Ich solle zur Klinik gehen, sagte mir der Kassierer im Supermarkt. Die fand ich neben dem Fußballplatz, ein Warteraum mit vielen Kindern und ein kleiner Schalter, hinter dem der freundliche Organisator saß. Zahnarzttermine gebe es nicht mehr, we are full. Ob ich denn Schmerzen hätte. Nein, sagte ich, ich geh auch wieder, dachte ich. Was denn das Problem sei. Mir ist eine Füllung rausgefallen. Uh, dann würde er mal nachfragen. Tja. Ich saß eine Weile, da winkte er mich zu sich und sagte, ich könnte behandelt werden, ich müsste es aber zahlen. Ja, was denkt er denn, klar, ich erwarte doch nicht, dass sie Touristen umsonst zusammen flicken und außerdem bin ich beim Testsieger auslandskrankenversichert. Erst mal den Pass abgeben, jetzt haben sie mich in der Hand. Ich solle weiter warten. Mach ich, während Eric schon mal meine Kreditkarte aus dem Hotel holt.
Es gibt viel zu gucken, es scheint gerade Kindersprechstunde zu sein, die kleinen Karibikschönheiten flitzen hin und her und scheinen gar keine Angst vor dem Doc zu haben. Ein kleiner blasser Junge wird von seiner noch blasseren Mama hereingetragen, Schweden oder Norweger. Der Kleine ist ein Häufchen Elend, er setzt sich erst mal auf den Boden und ist unglücklich. Herzerweichend! Irgendwann kommt eine Schwester zu mir und kündigt an, dass ich in 30 Minuten dran sei.
Und dann ist es so weit, ich werde in einen Raum geführt, in dem eine Liege steht, rauf da, die Zahnärztin spricht kein Englisch, aber egal. Ich zeige auf den Zahn, sie hakelt drin rum und fängt aufeinmal an, auf ihr Handy einzutippen. Sie wird doch jetzt keine SMS schreiben? Wahrscheinlich rechnet sie aus, was der Spaß kostet. Sie hält mir das Handy hin, ich krame nach meiner Brille, erwarte eine Zahl mit vielen Nullen, aber nein. Google Translate: die Krone sei hin und zudem aus Porzellan, da könne sie nichts machen, steht da auf Englisch. Bissle polieren, mehr sei nicht drin, und irgendjemand soll mir eine neue Krone verpassen. Nein! Füllen, bitte füllen! Ich kenn doch meinen Zahn, den hatte vor Jahren mal ein Zahnarzt trotz Krone aufgebohrt und die 20160412-Costa-Rica-Tortuguero-64Wurzel entfernt. Sein Werk verschloss er mit besagter Füllung, die jetzt auf einem Balkon in Madrid liegt. Und die Konstruktion hielt bis vor wenigen Tagen. Nun gut, sagt die Ortodentista, und ruft ihrer Assistentin irgendwas mit Amalgama zu.
Tage habe ich vor vielen Jahren im Zahnarztstuhl in Tübingen verbracht, um mir das ganze Zeug aus den Zähnen entfernen zu lassen. Jetzt eine ordentliche Portion hineingedrückt, was daneben geht, bleibt im Mund, kein Absauger, kein Becken zum „Spülen bitte“. Und nach zwei Minuten bin ich fertig. Nix essen für eine Stunde, das verstehe ich sogar auf Spanisch. Glücklich verlasse ich das Behandlungszimmer, die Zahnfee kommt noch hinterher und zeigt auf die Toilette: da bitte den Mund ausspülen. Mach ich und denke daran, dass in Deutschland das Abwasser der Zahnarztpraxen als Sondermüll entsorgt wird.

Bei meinem excellent luck lebe ich mit der Füllung und einem leicht erhöhten Quecksilberspiegel noch lange und glücklich. Pura vida, wie der Costa Ricaner sagt!

 

Fremdeln

20160409-Costa-Rica-San-Jose-03Von Costa Rica haben wir bisher nur Gutes gehört. Ein Naturparadies und so sicher. Die Schweiz Mittelamerikas. Deswegen haben wir uns nach langem Überlegen auch gegen Südamerika entschieden und außerdem haben wir uns mal wieder von unserem (Schwaben-) Glück inspirieren lassen. In einem Buchladen in Zypern entdeckte ich einen aktuellen Mittelamerika-Reiseführer von Rough Guide für 7,70 Euro. So ein Schnäppchen, da mussten wir zuschlagen.

20160409-Costa-Rica-San-Jose-08Also flogen wir von Madrid nach San José, der Hauptstadt Costa Ricas. Mit Avianca, einer kolumbianischen Fluglinie und bisher eigentlich unser bester Flug. Nach einer Zwischenlandung in Bogota kamen wir am Nachmittag an und steckten mit dem Taxi erstmal lange im Stau fest. Als wir uns dann der Straße näherten, in der sich unser Hotel befand, wurde die Gegend immer merkwürdiger, schmierige Bars, Hotels, die ihre Zimmer auf Plakaten stundenweise anpriesen, Fabrikgelände und Parkplätze, die durch hohe Mauern mit Stacheldraht gesichert waren. Auch unser Hotel, ein netter Kolonialbau mit viel Atmosphäre, war hinter Gittern gesichert. Aber wir waren so kaputt von langem Flug und Zeitumstellung, dass wir nur noch ins Bett fielen.
Am nächsten Morgen machten wir uns auf20160409-Costa-Rica-San-Jose-11, San José zu entdecken. Sehenswürdigkeiten gäbe es nicht, aber der Ort sei auf den zweiten Blick ganz nett, hatte uns unser Reiseführer vorbereitet. Ein paar Kolonialbauten, der gelegentliche Blick auf die Berge und ein Zentralmarkt mit vielen kleinen Restaurants, das hat uns gefallen. Aber ansonsten fremdeln wir. Während unserer gesamten bisherigen Reise hatten wir das große Glück, fast immer auf sehr freundliche Menschen zu stoßen. Die Menschen in San José sind bestimmt nicht unfreundlich, aber eher desinteressiert. Die Frauen sind hier fast alle übergewichtig und tragen etwas zu enge Hosen, etwas zu hohe Schuhe und etwas zu viel Make-up. Ihr merkt: der Funke ist noch nicht übergesprungen.

Aber, es gab auch tolle Momente. 20160409-Costa-Rica-San-Jose-15Das Café im Nationaltheater zum Beispiel, ganz im klassischen Stil mit Deckengemälden und schwarz-weißem Marmorboden. Dort wird Kaffeekultur zelebriert. Man hat die Wahl zwischen sechs verschiedenen Kaffeesorten, jede akkurat beschrieben nach Geruch und Geschmack, frisch für jeden Gast gemahlen und am Tisch in einem eigenen Filter aufgebrüht. Ich entscheide mich für „San José“, ein P1080219„eye-opener“ zum Abschalten, mit dem Aroma von Holz und dunkler Schokolade und dem Geschmack von Kakao und Grapefruit, sagt die Beschreibung. Eric entscheidet sich für „Karthago“ mit Honig-Nuss Aroma und dem Geschmack von Pflaume und Lebkuchen. So trinken wir unseren Kaffee andächtig wie bei einer Weinprobe und schmecken zum Schluss tatsächlich ungewöhnliche Aromen heraus.

Dann die alte Frau, die ganz selbstvergessen zur Musik einer Straßenband tanzt. Diese unseligen südamerikanischen Panflötenspieler mit elektronischer Verstärkung gibt es nicht nur auf der Stuttgarter Königstraße, sondern tatsächlich auch in der Nähe des vermeintlichen Ursprungsorts.  So wirklich Begeisterung ruft die Band bei den Passanten nicht hervor, als jedoch eine alte Dame auf einmal vor die Gruppe tritt und mit erstaunlicher Taktsicherheit und Beweglichkeit Lied für Lied tänzerisch interpretiert, bildet sich eine große Menschentraube. Da können die Pandüdler wirklich froh und dankbar sein.

20160409-Costa-Rica-San-Jose-06Und dann vielleicht noch ein Wort zur Küche in Costa Rica. Wirklich große Erwartungen hatten wir nicht. Fleischmengen gegrillt wie in Venezuela oder trockene Tacos wie in Mexiko, unsere einzigen Nicht-US-Amerika-Erfahrungen, mehr Vorstellungen hatten wir nicht. Aber weit gefehlt, das Essen ist klasse. Sehr gut gewürzt, sehr vielfältig und mit vielen vegetarischen Optionen. So genießen wir im Zentralmarkt Abenteuerteller mit vielen verschiedenen Beilagen: Reis mit Bohnen, Bohnenmus, Salat, Kochbananenchips, gedämpftes Gemüse und so weiter. Verhungern werden wir hier nicht!

Was aber stark dazu beiträgt, dass wir uns noch nicht richtig mit Costa Rica anfreunden können, ist unser Sicherheitsgefühl. Man darf einfach nicht so genau im Internet nachlesen… Aber die festungsartigen Parkplätze und die ebenso stark gesicherten Einfamilienhäuser vermitteln uns ganz ohne Horrorstories den Eindruck, dass auch die Einheimischen Angst um ihr Eigentum haben. Dazu ein kleiner Gang durch’s nebenan gelegene Rotlichtviertel und danach die Erlebnisberichte im Internet. Da kommt man schnell in einen gewissen Unbehaglichkeitsmodus. Recht spät abends fällt uns dann noch ein, dass wir Geld holen müssen, wir wollen früh am nächsten Morgen weiter in einen Ort ohne Geldautomaten, also gibt es keine Alternative. Ich ertappe mich dann dabei, wie ich vor dem kleinen Kabuff, in dem Eric den Geldautomaten bedient, Wache stehe und die Vorbeikommenden argwöhnisch beobachte. Natürlich geht alles gut, natürlich kommt keiner auf die Idee, uns zu überfallen. Aber ein gewisses Magengrimmen bleibt. Na, wenigstens sprachlich wäre ich dem gewachsen: Esto es un robo! Dies ist ein Überfall! Den Satz habe ich schon als Teenie von Paul Newman und Robert Redford als Butch Cassidy und Sundance Kid gelernt. Kann man durch entsprechende Betonung ja auch in eine Frage ummünzen. Falls uns eine dunkle Gestalt begegnet und wir nicht sicher sind, ob sie was Böses will. Ab jetzt im Internet nur noch die Seiten mit den guten Nachrichten!

 

Long time no write

Wir leben noch, Ihr Lieben, und das sehr gut. Aber es gab viel zu sehen, zu bestaunen und zu schwätzen – denn endlich mal war die Kommunikation mit Zuhause nicht einseitig nur hinein ins Internet, sondern direkt von Angesicht zu Angesicht!IMG_0406
Denn kaum ist man in Europa, schon trifft man auf bekannte Gesichter. Da war erst mal Coco, die uns auf Zypern besucht hat und mit der wir drei wundervolle Tage verbracht haben. Sie wird einen Gastbeitrag verfassen, das hat sie uns versprochen. Wir haben viel gesehen, viel geschwätzt, viel gegessen und getrunken und die Zeit sehr genossen.

P1080196Den Abschied von Zypern erlebten wir gemeinsam – wir hatten uns für Madrid als nächstes Ziel auf dem Weg nach Mittelamerika entschieden und zufällig den gleichen Flug wie Coco gebucht, zumindest bis zur Zwischenlandung in Wien. So konnten wir den Abschied wirklich noch bis zur letzten Minute hinauszögern – unsere Gates lagen nebeneinander.

Zweieinhalb Stunden später IMG_0411landeten wir in Madrid und am Gepäckband wartet schon jemand auf uns: Sonja! Ich wusste zwar, dass sie zufällig auch in Madrid ist und ebenfalls am späteren Abend ankommt, hätte aber nie damit gerechnet, dass wir uns am Flughafen treffen. So hatten wir das Glück, von einer fachkundigen Expertin durch das Metrosystem der Stadt geleitet zu werden.

Unter der Erde und mitten in der Nacht hatten wir nicht viel gesehen von Madrid und ich hatte keine echte Vorstellung davon, was uns erwartete. P1080214Wir fügten uns trotzdem umgehend in den spanischen Tagesablauf ein, wachten um halb zehn auf und starteten den Tag in der gegenüberliegenden Bar. Es war fast elf als wir uns dort an den Tresen setzten und wir waren nicht die einzigen, die um diese Zeit frühstücken wollten. Milchkaffee und ein Croissant, so weit reichte unser Spanisch dann noch. Ob wir die Croissants warm möchten. Ja, das hört sich gut an. Kurz darauf bekamen wir jeder einen Teller mit einem längs aufgeschnittenen und in Butter angebratenen Croissant (das ja seinerseits vorwiegend aus Butter besteht), dazu nochmals Butter und Aprikosenmarmelade. Oh, wie köstlich! Triple-Burro sozusagen, aber Fett ist ja ein Geschmacksträger.
P1080215Die Bar selber gab uns dann einen ersten Eindruck vom spanischen Alltagsleben. Sonja hatte uns schon gesagt, dass Spanier so gut wie nie zuhause frühstücken. Laufend kamen Menschen herein und setzten sich an den halbrunden Tresen, in dessen Mitte drei ältere Männer mit weißen Hemden und schwarzen Fliegen wirbelten – Kaffee produzierten, fettgebackene „Churros“ dazu servierten, auch schon mal den ersten Wein ausschenkten, ständig in Bewegung und für jeden Gast noch ein paar freundliche Worte übrig hatten. Um diese Tageszeit waren vorwiegend ältere Menschen in der Bar, fein herausgeputzt begannen sie den Tag mit Kaffee oder dickflüssiger Schokolade, eigentlich eher ein Schokopudding, in den die Churros getunkt werden, und einem freundlichen Schwätzchen. Als wir zwei Abende später eine Spanierin befragten, ob es normal sei, dass so viele Rentner vormittags in den Bars sitzen, fragte sie erstaunt „Was sollen sie sonst tun?“.

Und dann begann der Gang durch Madrid und das hatte ich nicht erwartet. Was für eine Stadt! Die durchgehend historische Architektur, die wunderbaren Plätze, Statuen, große Boulevards, die sich mit verwinkelten Straßen abwechseln – wirklich beeindruckend. Bis auf einen Gran Canaria-Urlaub vor vielen Jahren war ich tatsächlich noch nie in Spanien und da habe ich offensichtlich etwas versäumt. Eric wird noch viele schöne Photos nachliefern.

P1080213Die Abendgestaltung übernahm Sonja. Ihr Freund lebt seit vielen Jahren in Madrid und sie eigentlich auch schon fast. So kamen wir erst in den Genuss eines wunderbaren Menüs in einem schönen kleinen Restaurant und am Abend drauf bei Bier und Tapas zu einem Fußballerlebnis in einer traditionellen Bar. Real Madrid gegen Wolfsburg in der Champions League und nach einer halben Stunde wäre ich fast zum Wolfsburg-Fan geworden. Die Einheimischen trugen die 2:0 Schmach mit Fassung.

So viel hätten wir noch sehen können, gerade mal eins der wunderbaren Museen haben wir besucht, aber es wird nicht das letzte Mal gewesen sein! Sonja, da habt ihr euch einen sehr schönen Ort ausgesucht!

Ach ja, übrigens: Wir haben es geschafft. Wir sind ein mal rum um die Welt! Aber es geht weiter, denn wir wollen auch noch Mittelamerika sehen. Deswegen auch Madrid. Und so steigen wir am Freitag mal wieder ins Flugzeug und machen uns auf nach Costa Rica. Von dort dann mehr!

Das haben wir nicht verdient

20160327-Zypern-Trimiklini-33Wir sind ganz feige Winterflüchtlinge. Immer dem guten Wetter hinterher und sobald es mal unter 20 Grad hat, was uns glücklicherweise nur in Neuseeland und in Japan passiert ist, flüchten wir uns ins Dampfbad, drehen die Autoheizung auf oder kuscheln uns in die Heizdecken. Deswegen haben wir ihn eigentlich auch überhaupt nicht verdient, den Frühling. Aber wir können ihm hier auf Zypern einfach nicht entgehen. Es knospt und 20160327-Zypern-Trimiklini-15blüht unter einem strahlend blauen Himmel und überall riecht es nach Frühling. Gut, die Abende sind kalt, wären wir nicht so faul, würden wir den Kamin in unserem Häuschen in Gang setzen, aber eine heiße Dusche, eine warme Decke und ein Gläschen Rotwein hilft auch. So beginnen wir den Tag mit Frühstück im sonnigen Innenhof und genießen die Häuslichkeit. Hier macht selbst das Putzen Spaß und nach und nach waschen wir den Nepalstaub aus unseren Klamotten. 20160330-Zypern-Trimiklini-112Eine richtige Waschmaschine, die nicht bereits nach 30 Minuten kurz-durchs-kalte-Wasser-wirbeln den Eindruck erwecken möchte, dass jetzt alles sauber sei.

Ein bissle wollen wir natürlich auch von Zypern sehen, auch wenn es schwer fällt, sich vom Haus zu trennen. Nur einige Kilometer hinauf in die 20160328-Zypern-Trimiklini-45Berge wird es richtig kalt, wir stoßen sogar auf letzte Schneeausläufer. auch wenn die Skilifte schon längst den Betrieb eingestellt haben. Recht verlassen hier oben, zu warm für die Wintersaison und noch viel zu frisch für den Sommer. Auch wir werfen nur einen kurzen Blick in die Bergwelt des Troodos-Gebirges und flüchten uns dann wieder in die Wärme unseres Autos.

Nur kurz hinter unserem Dorf dann ein 20160328-Zypern-Trimiklini-53weiteres Idyll: das verschlafene Dörfchen Laneia, das jedes Zypern-Klischee voll erfüllt. Kleine verwinkelte Gässchen, blaue Holztüren und Fensterrahmen auf schneeweißen Steinhäuschen, nur leider vollkommen ausgestorben und ohne Taverne, von der man das Dorfleben genießen könnte. Ist halt noch Vorsaison.

Also dann auch mal weiter weg, Paphos ist das Ziel, ein archäologisches Zentrum und Badeort vorwiegend für Briten. 20160329-Zypern-Trimiklini-72Nach gut anderthalbstündger Fahrt erreichen wir die Königsgräber, eine Grabanlage der Ptolomäer, direkt am Meer
gelegen und beeindruckend in die Felsen gehauen. Haben sie gut ausgesucht, denn ohne die stadtähnliche Friedhofsanlage wäre auch dieses Gebiet mit Hotels zugepflastert. Ein schöner Ort, um den Anblick des strahlendblauen Meers zu genießen, die kleinen Salamander auf den Sandwegen zu 20160329-Zypern-Trimiklini-107beobachten und sich wie Indiana Jones zu fühlen – nicht nur die Kinder haben einen Riesenspaß, in das Gewirr  höhlenförmiger Grabplätze und Verbindungsgänge einzutauchen und an ganz anderer Stelle wieder nach oben zu klettern.

20160329-Zypern-Trimiklini-95Wir nutzen die Zeit auch, uns Gedanken über die weitere Reiseroute zu machen. Fehlen tun noch Afrika und Südamerika. Wenn ihr euch richtig gruseln wollt, lest doch mal die Reisehinweise des Auswärtigen Amtes – ein Wunder, dass im reisefreudigen Deutschland noch eine Familie existiert, deren Wertsachen nicht 20160329-Zypern-Trimiklini-75Opfer eines Schurken wurden. Dass Individualreisen nach Äthiopien oder Sambia gewisse Gefahren bergen, nun denn, aber noch nicht mal in Italien kann man unbedarft spazieren gehen – wenn es nach dem Auswärtigen Amt geht.

Und auch wir kriegen einen kleinen Eindruck vom europäischen Terrorgeschehen: eine entführte Maschine steht stundenlang auf dem Flughafen in Larnaka, bis es Entwarnung gibt. Es war wohl doch eher eine verzweifelte Liebestat. Einer der wenigen Tage, in denen wir ausflugsbedingt den ganzen Tag ohne Internet waren, so erfahren wir es erst, als schon wieder alles vorbei ist. Die armen Menschen im Flugzeug, sie haben es überlebt, aber wie wird man mit einer solchen Horrorerfahrung fertig?

Wir fragen uns häufig, in was für ein Deutschland wir da überhaupt zurück kehren werden. Wir haben den großen Flüchtlingsansturm nicht erlebt, sind an vielen Orten gelobt worden für Deutschlands Politik, in Neuseeland schüttelte die Vermieterin den Kopf über die Deutschen, „Wie soll das gehen? Das sind in wenigen Jahren so viele Menschen wie es Neuseeländer gibt.“, in Nikosia bedankte sich ein syrischer Flüchtling bei uns dafür, dass Deutschland so viele Menschen aufnimmt, entschuldigte sich aber, dass einige sich schlecht benehmen und bat um Gottes Beistand, damit Deutschland alles meistert.
Es ist schwierig, sich aus der Ferne eine Meinung zu bilden. Unsere Informationsquellen sind vor allem die Zeitungen im Internet und Berichte von Freunden, selber haben wir es aber nicht erlebt, weder die Euphorie am Anfang noch die Ressentiments nach der Silvesternacht in Köln oder die Stimmung nach den Wahlerfolgen der AfD. Alles also nur aus zweiter Hand, eine etwas wackelige Grundlage für eine feste Position. Uns freut es jedenfalls, dass in Deutschland etwas in Bewegung geraten ist und die längst fällige Diskussion über eine anständige Einwanderungspolitik in Gang kommt.

Vier Monate haben wir noch Zeit und die wollen wir nutzen. Mal eine Woche hier, mal zwei dort, das wollten wir ändern. Also gehen wir nach dem Ausschlussprinzip vor. Klima, Lust und Laune, Sicherheit, Kosten, all das wägen wir ab und kommen dann auf – Süd- und Mittelamerika.

Aber dann müssen wir ein weiteres Kriterium dazu nehmen: die mehr als verwirrenden Flugverbindungen, die keiner Logik zu folgen scheinen. Von Larnaka gibt es eh kaum Fernflüge, also starten wir doch von irgendeinem mitteleuropäischen Flughafen. Aber möchte man zum Beispiel von München nach Chile fliegen, muss man mit langer Wartezeit in Düsseldorf zwischenlanden. Ha, vermeiden wir das doch und starten von Düsseldorf aus. Haste gedacht, von Düsseldorf nur über München. Hä?

Die allerletzte Entscheidung ist noch nicht gefallen, aber es sieht gerade sehr nach Costa Rica aus, vielleicht mit einem Abstecher nach Panama und/oder Nicaragua. Spätestens morgen müssen wir buchen, denn wir kriegen Besuch aus Hamburg, auf den wir uns ganz und gar konzentrieren wollen. Wahnsinn, nach acht Monaten ein Stückchen Heimat. Wie das wohl wird? Ihr werdet’s sehen, vielleicht gibt es demnächst ja einen Gastbeitrag oder ein paar weinselige Photos oder beides.

 

Gib mir die Kante

Deutschland im Jahr 2016 ist krank!
Ich fasse es nicht! Wir haben nun ja wirklich nicht so oft die Gelegenheit „echtes“ deutsches Fernsehen zu verfolgen. Aber hier auf Zypern, da haben wir heute Abend die Möglichkeit, ZDF zu sehen. Warum es ausgerechnet das Zweite Deutsche Fernsehen sein muss, dass ist mir nicht klar. Aber da ist noch viel mehr, das mir nicht klar ist.

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Das ist nicht die Engländerin…

Es ist Gründonnerstag und wir verließen heute Nikosia, um zu unserem jüngst gebuchten Steinhäuschen in Trimiklini, nördlich von Limassol zu fahren. Nach dem Frühstück packten wir unsere sieben Sachen und machten uns zunächst einmal zu Fuß auf den Weg, um unseren Mietwagen bei der Firma Europcar abzuholen. Das artete dann allerdings doch eher zu einer kleinen Wanderung aus, da ich mich mit den Distanzen in den verwinkelten Straßen Nikosias etwas vertan hatte. Dennoch waren wir nur fünf Minuten nach dem vereinbarten Zeitpunkt am Ziel.

Wir schon, aber das Büro von Europcar war nicht besetzt. Da dieses Büro in Gemeinschaft mit einer Reiseagentur residiert, wendeten wir uns an diese Damen, die uns dann nach einem kurzen Telefonat mitteilten, dass die Mitarbeiterin der Leihwagenfirma unterwegs sei und in 25 Minuten eintreffen werde. Wir sollten doch solange warten. Wie bitte? Gut, das sind dann wohl die Nachteile der zyprischen Gelassenheit. Aber es schockt uns nicht und so überbrücken wir die Zeit in einem Café bei einem Frappé.

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…das auch nicht!
Als wir zurückkehren, sitzt eine recht magere und offensichtlich auch schon betagte Dame im Büro. Sie entpuppt sich als die ersehnte Mitarbeiterin von Europcar und noch dazu als waschechte Britin. Sie ist freundlich aber etwas überkandidelt und, ich fasse es nicht, spricht mich immer wieder mit ‚Darling‘ an. Bin ich für so was nicht ein wenig zu -sagen wir mal- „reif“? Aber vermutlich sollten das nur Blendgranaten sein. Doch die üblichen Tricks, mit denen man zu Leistungen überredet werden soll, die man nicht braucht, verfingen bei uns nicht und so ließ sie von diesen Versuchen sehr schnell wieder ab. Vom „Darling“ aber nicht.

Also nichts wie rauf auf die Straßen Zyperns und wieder einmal hinein in den Linksverkehr. Da wir auf unserer Reise bislang die meisten Kilometer auf der „falschen“ Seite zurückgelegt habe, ist es tatsächlich kein Problem mehr, selbst wenn das Auto ein Schaltgetriebe hat. Wirklich20160324-Zypern-Trimiklini-02

lange dauert die Fahrt nicht, denn so groß ist die drittgrößte Insel des Mittelmeers nicht.

Und nun sind wir also in einem wunderschönen alten Steinhaus inmitten eines kleines Dorfes und genießen ein Glas Wein in der Sonne unseres ummauerten Innenhofs, während die Schwalben über unsere Köpfe zischen.20160323-Zypern-Nikosia-71
Als es dunkel und kühler wird, da setzen wir uns nach drinnen und da werden wir Zeugen.
Zeugen eines unglaublich schlechten Fernsehprogramms. Wir erleben die letzten Minuten der SOKO Stuttgart -wie grottenschlecht ist denn das?
Aber es lässt sich toppen. Leider. Denn direkt nach dem Heute-Journal strahlt das ZDF Notruf (gib mir die) Hafenkante aus. Oh ne! Was soll man im Ausland von uns denken?
Und dann müssen wir erkennen: Das Ausland muss denken, dass die Deutschen allesamt krank sind. Denn das ZDF sendet auch Werbung. Zwei Werbeblöcke, die nahezu identisch sind. Und was wird da beworben?
Ich habe es Euch in exakt der Reihenfolge aufgeschrieben, wie es ausgestrahlt wurde:
Neurexan gegen Stressbeschwerden
Mainzelmännchen
-Lindt
Mainzelmännchen
Olivenöl Intensivcreme
Mainzelmännchen
Diclo Ratiopharm Schmerzgel
Mainzelmännchen
Tebonin bei Ohrgeräuschen
Mainzelmännchen
-Rasendünger
Mainzelmännchen
Proff Schmerzcreme
Mainzelmännchen
-Targobank
Mainzelmännchen
ThermaCare Schmerzgel
Mainzelmännchen
Biolectra gegen Muskelkrämpfe
Mainzelmännchen
Voltaren Schmerzgel forte
Mainzelmännchen
-Erdinger Weißbier (schmeckt auch wie Arznei)
Mainzelmännchen
Neurexan gegen Stressbeschwerden
Ein Land voller Schmerzen!!!
Und dann wurde es auch unmittelbar klar. Schmerzmittel müssen her und das jede Menge!
Was folgte als nächstes im Programm?
!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!
Der
C A R M E N
N E B E L
des Grauens
!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

Zypern

Von Zypern habe ich bisher keine große20160322-Zypern-Nikosia-45
Vorstellung gehabt. Mediterran. Griechisch. Und türkisch. Chypre douze points. Und die Anfangsszenen eines meiner absoluten Lieblingsfilme im Hafen von Famagusta: Exodus, mit einem umwerfenden Paul Newman, die Initialzündung für meine Israel-Leidenschaft. Ach, und auf dem Rückweg von Israel habe ich sogar schon mal zypriotischen Boden betreten, im Hafen von Limassol reichte es gerade für ein Mittagessen, bevor unser Schiff von Haifa nach Piräus wieder ablegte.

20160321-Zypern-Nikosia-08Jetzt habe ich schon einen Eindruck von Larnaka bekommen und seit drei Tagen sind wir in Nicosia. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich zwar irgendwie wusste, dass es einen griechischen und einen türkischen Teil von Zypern gibt, aber dass Nicosia eine geteilte Stadt ist und der Norden gar nicht zur Türkei gehört, sondern nach wie vor besetzt ist, obwohl formal sogar EU-Gebiet, war mir alles nicht klar.

Wir haben mal wieder eine kleine Wohnung, 20160321-Zypern-Nikosia-19mitten im modernen Stadtzentrum von Nicosia und etwa eine Viertelstunde zu Fuß von der Altstadt entfernt. Diese betritt man durch die imposante venezianische Stadtmauer und verirrt 20160321-Zypern-Nikosia-21sich dahinter in den vielen Gassen, die einen in einem recht erbärmlichen Zustand, andere bereits schön renoviert. Moscheen und christliche Kirchen wechseln sich ab, ein ottomanisches Hamam, alles sehr stimmungsvoll. Irgendwann treffen wir auf die Hauptflaniermeile Ledra. In den Cafés sitzen die Leute und genießen beim ein oder anderen Frappé die Frühlingssonne. Läuft man die Ledra stadteinwärts weiter – wohlgemerkt die zentrale Einkaufsstraße – steht man plötzlich vor einem Grenzübergang. Mitten in der Stadt. Und den gibt es sowieso erst seit 2008, davor war hier einfach eine Mauer.
Zuerst kontrollieren die Zyprioten, 20160322-Zypern-Nikosia-39dann läuft man etwa 10 Meter und kommt zum türkischen Grenzposten. Bis auf die Ausweiskontrollen ist der Übergang unproblematisch, aber bei uns Kindern des Kalten Krieges kommt sofort ein Ostberlin-Feeling auf. Hinter der Grenze präsentiert sich ein entspanntes Stückchen Türkei, ein kleiner Basar, in dem Louis-Vuitton-Taschen in Hülle und Fülle angeboten P1080179werden, Restaurants mit Döner statt Souvlaki, gezahlt werden kann in Euro oder Türkischer Lira und die alten Gebäude sind wunderbar restauriert, teilweise sogar aus EU-Mitteln. Im Innenhof einer alten Karawanserei essen wir lecker, nebendran bekommen wir köstlichen türkischen Kaffee und der Muezzin ruft. Alles sehr türkisch und es könnte so nett sein, wenn alles nicht einen so ernsten Hintergrund hätte. VP1080178or allem am nächsten Tag, als wir wieder durch den zypriotischen Teil der Altstadt streifen, wird uns an vielen Ecken die bittere Realität klar: Straßen enden an einer Mauer oder Stacheldraht, dahinter ein menschenleerer Streifen mit verfallenen Häusern, an einem Wohngebäude kann man deutlich Einschusslöcher erkennen.

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Der ganze Konflikt, seine Ursachen und Auswirkungen, die Frage, wer hier wie Schuld auf sich geladen hat, das alles vermag ich nicht zu beurteilen. Dass es mitten in Europa noch eine solche Grenze gibt, die eine Stadt mit Stacheldraht in zwei Hälften teilt, ist jedenfalls eine Schande.

Der Feder Kern

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Es liegt hervorragend unser larnakisches Appartement.
Es sind nur wenige Meter bis zum Meer oder auch zum Platz mit der schönen und sehr alten Kirche des Lazarus, wo wir in der wunderbaren Frühlingssonne bei angenehmen Temperaturen bei einem Frappé sitzen und uns mit jedem befreiten Atemzug und der frischen Meeresluft des nepalesischen Staubs in unseren Lungen entledigen.
20160319-Zypern-Larnaka-12Toll ist auch die Waschmaschine, mit der wir unsere Wäsche tatsächlich sauber bekommen. Vorbei dieses Gefühl, dass man sich ein T-Shirt überzieht, das eigentlich gerade gewaschen wurde, das einem aber doch ein gegenteiliges Empfinden in der Nase bescherte.
In einem Satz: All die Annehmlichkeiten unseres westlichen Lebens sind zurück und die uns so ganz besonders faszinierende Zeit in Nepal nimmt zunehmend die Qualität eines Traums an.
Traum? Oh ja, da war doch noch was. Alexis, unser Appartementhotel, es gibt da auch ein Bett. Also zumindest ein Gestell, das aussieht wie ein solches. Das, was da als Matratze dienen soll, das ist allerdings eine Gebirgslandschaft, die wir in Nepal ja wegen des Dunsts leider nicht zu sehen bekamen. Hier sorgt nun also dieser Federkernhimalaya für bewegte Nächte, die für den Körper vermutlich eine ebenso strapaziöse Belastung darstellen, wie die Besteigung des Mt Everest.
Aber dies ist wirklich bislang das einzig Negative, von dem es zu berichten gibt und, da bin ich ganz deutsch, Nörgeln macht halt am meisten Spaß 😜.

Na gut, ich habe da auch noch eine schöne Geschichte auf Lager. Aber Achtung: sie ist gänzlich unspektakulär.
Als wir gestern in einem kleinen Onkel-Emil-Laden einkaufen waren, da standen dort der schätzungsweise knapp über sechzigjährige Ladenbesitzer zwischen den Waren und an der Kasse der sich entsprechend in den Achtzigern befindliche Vater.
Der durchaus etwas tattrige Senior war nichtsdestotrotz eindeutig für die Abrechnung zuständig. Er tippte all unsere Einkäufe aus dem Gedächtnis in die Kasse und es unterlief ihm dabei nur ein Fehler -er berechnete für einen Steckdosenadapter 1,60 € statt der am Regal ausgezeichneten 2,00 €.
20160320-Zypern-Larnaka-19Ich machte ihn darauf aufmerksam, doch verstand er nicht, was ich da in englisch auf ihn einredete. Also schaltete sich nun der Sohn ein und ich erklärte ihm die Sache. Zwar ging dann er los, um den tatsächlichen Preis am Regal abzulesen, doch übernahm er in keiner Weise das Ruder. Als er zurück kam, da erklärte er dem Vater behutsam, dass der Preis ein anderer sei. Dieser korrigierte den Betrag und gab mir auf hundert Euro korrekt heraus.
Ich fand es schön, wie die beiden miteinander umgingen. Der Vater hat so nach wie vor seinen Platz und seine Aufgabe. Er nimmt am Leben Teil und verkümmert nicht einsam in seiner Wohnung oder in einem Heim. Und der Sohn hat wertvolle gemeinsame Zeit mit seinem Vater.
Natürlich ging alles etwas langsamer vonstatten. Aber hier hat man die Zeit dafür -es ist nicht alles durchorganisiert und auf Effizienz durchrationalisiert.
Mit dem Sohn gerieten wir dann noch ins Plaudern und er klagte scherzhaft über seine Töchter, die statt Deutsch lieber Englisch und Spanisch gelernt hätten. Nun stünde er vor dem Problem, ihre Studienwünsche finanzieren zu müssen. Sowohl in England, als auch in Spanien fallen sehr hohe Studiengebühren an, die es so in Deutschland ja nicht gibt. Dumm gelaufen. Er trug es mit viel Humor. Schließlich verabschiedeten wir uns per Handschlag voneinander und wir zogen weiter.

Europa

Das Vergnügen in Abu Dhabi war kurz, 20160315-Abu-Dhabi-12aber ergiebig. Nach über sieben Monaten unterschiedlichster Waschverfahren hatten sich Löcher, unentfernbare Flecken und andere Unansehnlichkeiten in unseren Klamotten festgesetzt. Als uns dann auf einmal in einem Einkaufszentrum ein Tchibo-Schild entgegenleuchtete waren wir erst amüsiert und dann hoch erfreut: lauter Restposten aus Deutschland mit deutschen Größen! Kein Rätseln mehr, wie lang mein Fuß in Zentimetern ist (Strumpfmaß in Neuseeland), nein, da stand einfach „39-42“ und ich schlug zu. Und auch die Trauer um meine verlorene Lese-Sonnenbrille war vorbei, sie hatten doch tatsächlich Ersatz für mich. Und nicht nur der Tchibo-Besuch war fruchtbar, so dass mein Rucksack schon wieder hart an der 20kg-Grenze kratzt.

Der letzte Eindruck von Abu Dhabi war leider ein chaotischer, ganz untypisch für das reiche und gut organisierte Emirat. Der Flughafen ist leider eine mittlere Katastrophe und mit Abstand der schlechteste, den wir bisher erlebt haben. Am Check-In standen wir fast eine Stunde, bei der Ausreise noch mal und unsere Nervosität hielt sich nur in Grenzen, weil alle um uns herum ebenfalls nur noch maximal eine halbe Stunde bis zum Abflug hatten. Die vollkommen überforderten Flughafenmitarbeiter blafften herum, man solle halt drei Stunden vor Abflug da sein. Nach absolvierten Formalitäten legten wir einen gestreckten Sprint hin und kamen fast als letzte am Gate an. Man warte nur noch auf zwei Passagiere, hieß es, gut, dann kann ich ja noch einen kleinen Toilettenabstecher machen. Im Bereich der langen Warteschlangen, wo genügend Zeit gewesen wäre und wir fleißig unsere Wasserflaschen leerten, gab es leider weit und breit keine Toiletten. Nix da, bedeutet mir der Mann am Gate, rein in den Bus. Na gut, wahrscheinlich fährt er ja sofort ab. Nach fünf Minuten im wartenden Bus habe ich genug und steige wieder aus. Böse Blicke des Gate-Bewachers, aber er wird mich nicht aufhalten. Nach zwei Minuten bin ich zurück, werfe dem Cerberus ein triumphierendes „See!“ zu und teile ihm noch mit, dass das der allerschlechteste Flughafen meines Lebens sei (das juckt ihn nicht, ich weiß, wirkt für mich aber ähnlich befreiend wie der Toilettenbesuch).

P1080127Das Flugzeug ist halb leer, wer will schon von Abu Dhabi nach Zypern. Wir fliegen über Wüsten und bewässerte Felder, die wie grüne Kornkreise in die Einöde getupft wirken. Doch all die Exotik vor unserem Fenster kann uns nicht davon ablenken, dass wir uns Europa nähern. Und da kommt bei uns die Frage auf, was jetzt wäre, wenn wir aussteigen und wieder zuhause sind. Und wir denken beide, dass es sich anfühlen würde, als wären wir halt in einem langen Urlaub gewesen. P1080136Und wir vielleicht wie viele Male zuvor zunächst etwas fremdeln würden mit der Heimat, uns schnell aber wieder daran gewöhnen und in den alten Trott zurück fallen könnten. Wir sind beide fast erschrocken von dieser Vorstellung und nehmen uns fest vor, während der nächsten Monate auch verstärkt auf eine innere Reise zu gehen.

20160319-Zypern-Larnakos-15Nach viereinhalb Stunden setzen wir zur Landung in Lanarca an. Ein frühlingshaftes Zypern erwartet uns, überhaupt nicht zu kalt, wie wir es erwartet haben, mit blauem Himmel, einer sanften Meeresbrise und der besten Luft seit vielen Wochen. Die Stadt ist überschaubar und wir haben ein kleines Apartment mittendrin. Die ersten Kontakte mit den Zyprioten sind sehr freundlich, im Lebensmittelladen bleiben wir lange hängen, weil wir mit dem Besitzer ins Gespräch kommen. Wir kaufen Wein und Käse, 20160319-Zypern-Larnakos-03lange nicht mehr gehabt. Der 20 Euro-Schein, den er uns rausgibt, kommt uns wie Falschgeld vor, den kannten wir noch nicht. Er fragt uns, wie es in Deutschland denn so mit den Flüchtlingen ist und wir müssen passen. Da merken wir doch, wie lange wir schon weg 20160319-Zypern-Larnakos-14sind und dass zumindest die Phase des Fremdelns länger dauern wird als sonst. Wir bummeln durch Lanarca und grasen die Sehenswürdigkeiten ab. Keine spektakuläre Stadt, aber jetzt in der Vorsaison entspannt und trotz durchaus vorhandener Touristen ziemlich original. Wir essen in kleinen Lokalen, trinken Wein auf unserem Balkon und schauen mal, wie es weitergeht. Wahrscheinlich mieten wir ab Montag ein Auto und erkunden die Insel. Auch hier wird links gefahren, darin sind wir ja mittlerweile Profis (in Abu Dhabi kam es uns fast schon falsch vor, dass der Taxifahrer auf der linken Seite saß). Und wohin es nach Zypern geht, das steht noch in den Sternen. Aber, und das ist auch das tolle daran, wieder in Europa zu sein, niemand wollte am Flughafen ein Weiterflugticket sehen, wir sind ganz frei in der Planung. Afrika? Südamerika? Oder vielleicht noch ein Stopp in Italien, Spanien oder der Türkei? Schaumermal…

Wüstensöhne

20160315-Abu-Dhabi-05Größer hätte der Gegensatz kaum sein können. Nach dem Start in Kathmandu blickten wir auf die dunkle Stadt hinunter, um halb sieben abends sind die einzigen Lichtquellen, die man von oben ausmachen kann, die Scheinwerfer der Autos auf den wenigen Hauptverkehrsstraßen der Hauptstadt. Alles andere lag im Dunkeln. Kein Strom für Straßenbeleuchtung und schon gar nicht für die Häuser. Nach einer halben Stunde setzten wir schon wieder zur Landung an – Lucknow in Nordindien war erreicht. Keine normale Zwischenlandung, um Passagiere aussteigen zu lassen und neue aufzunehmen, sondern ein Tankstopp. Wegen der Blockade an der indischen Grenze ist Nepal schon seit einigen Wochen nicht mehr in der Lage, Flugbenzin für ausländische Fluglinien zur Verfügung zu stellen. Also hopsen die Maschinen von Kathmandu über die Grenze und werden in Lucknow betankt. Heftig.

Fünf Stunden später sind wir in einer anderen Welt. Es ist kurz vor elf nachts als wir im hell erleuchteten Abu Dhabi landen. Der Flughafen ist riesig, ultramodern, gut klimatisiert und effizient organisiert, nur eine kurze Schlange an den Einreiseschaltern. Wo sonst uniformierte Grenzbeamte ihren Dienst tun, sitzen hier weiß gekleidete Wüstensöhne und im langen 20160316-Abu-Dhabi-13Gewand und einem Tuch auf dem Kopf, das von einem schwarzen Ring gehalten wird. Die Einreise erfolgt schnell und unproblematisch- bei allen Mitreisenden inklusive Eric. Ich werde gefragt, woher ich denn angereist sei. Kathmandu sage ich, aber das kennt der Wüstensohn nicht. Nepal. Uh, schwierig, er parliert mit seinem Kollegen und bittet mich dann in ein Büro. Dort übergibt er mich einem Kollegen, der wieder mit mir raus zum Einreiseschalter läuft. Er blättert im Pass, tippt auf dem Computer herum, ich schaue ihn fragend an, er lächelt kurz, hat er rausgefunden, dass ich mit dem Pass schon in Israel war? Aber das war Eric auch und der durfte schon vor fünf Minuten einreisen. So langsam werde ich doch etwas nervös, aber da haut er mir plötzlich den Stempel in den Pass und winkt mich durch. Ja fein, jetzt bin ich drin in den Emiraten. Und dann läuft alles wie am Schnürchen, Gepäck, Taxi, Fahrt in die Stadt. Breite Straßen, kein Ruckeln und Holpern, futuristische Hochhäuser und schwupp sind wir schon am Hotel. Das Zimmer ist eine Wohltat und das Badezimmer erst. Wir haben nicht schlecht gewohnt in Nepal, aber die Bettwäsche und Handtücher wurden meist mit der Hand gewaschen und die Bäder waren meist arg in die Jahre gekommen.

20160315-Abu-Dhabi-01Am nächsten Tag erkunden wir Abu Dhabi. Der Reichtum des Emirats springt einem an jeder Ecke entgegen, neben unserem Hotel ist die Porsche-Niederlassung, wahrscheinlich nur eine von vielen, die Straßen sind makellos, die Hochhäuser stylisch und die Malls mit allem ausgestattet, was die Welt so an Luxusmarken bietet. Der Verkehr ist sehr geordnet, an Zebrastreifen wird ordnungsgemäß angehalten, das haben wir
seit Australien nicht mehr erlebt. Die Atmosphäre ist relaxed und ich finde es insgesamt freundlicher als im benachbarten Dubai. Und dann die Luft. Es weht ein angenehmer Wind vom nahen Meer und obwohl hier bestimmt auch eine Menge Sand rumfliegt, kommen wir uns vor wie im Luftkurort. Trotzdem – ich würde Nepal immer vorziehen. Es ist schon alles sehr künstlich hier, so gar nichts Gewachsenes, Historisches, alles 20160315-Abu-Dhabi-11irgendwie seelenlos. Die eigentliche Arbeit scheinen hier vor allem die Ausländer zu tun – wir sehen Bauarbeiter aus Bangladesh, die Nannies von den Philippinen, südindische Reinigungskräfte und die vielen Nepalesen im Flugzeug sind bestimmt nicht zum Urlaubmachen nach Abu Dhabi gekommen. Die Wüstensöhne und ihre schwarz verhüllten Gattinnen scheinen eher durch die Einkaufszentren zu schlendern oder über die breiten Straßen zu cruisen.

Angesichts dieses immensen Reichtums könnte ich jetzt philosophieren über Gerechtigkeit, aber ich würde sowieso keine befriedigende Antwort finden.  Ich stelle nur fest, dass ich es ungeheuer vermisse, nicht an jeder Ecke freundlich gegrüßt zu werden und den Menschen lächelnd in die Augen sehen zu können.