Wursty und WuWA

Es war eine gute Entscheidung, Wroclaw neun Tage zu geben. Es gibt so viel zu sehen und zu erleben, was laut Reiseführer auch in einem verlängerten Wochenende zu schaffen wäre, aber seit unserer großen Reise begreife ich das als den wahren Luxus: viel Zeit, um die Atmosphäre aufzunehmen. Und so steuere ich pro Tag maximal zwei Sehenswürdig-keiten an. Mal das Nationalmuseum, das nicht nur einen guten Überblick über die polnische und schlesische Kunst gibt, sondern auch in einem sehr stimmungsvollen Gebäude untergebracht ist. Dann den Scheitniger Park mit der Jahrhunderthalle, die Werkbundsiedlung, den jüdischen Friedhof oder einen abgedrehten Wasserturm. 

Da bleibt zwischendrin genügend Zeit für das, was mir beim Reisen mindestens genauso wichtig ist wie die Sehenswürdigkeiten: das Essen. Schon in Krakau hatte ich  mich an der polnischen Küche glücklich gegessen. Hier kommen neben der klassischen polnischen auch noch die schlesische und Lemberger Küche hinzu. Ente gehört dazu, Piroggen und die vielen Süßspeisen, die ich als Souvenir auf meinen Hüften mit nach Hause tragen werde. Den ersten Abend – dem wohl ersten und letzten, an dem es warm genug war, draußen zu sitzen – beginne ich mit Entenschlegel, schlesischen Klößen und der obligatorischen roten Bete auf dem Rynek. Dazu ein leckeres Bier, das ich am nächsten Tag aber so deutlich spüre, dass ich ab jetzt alkoholfrei weitermache. Schlesische Klöße sind Kartoffelklöße, klein und mit einem Schlitz, damit sie ganz viel Soße transportieren können. Das ist doch schon mal ein Start. Die Breslauer Studentenkultur treibt mich am Morgen in ein Frühstückskaffee, gesunde Smoothies und Bowls und viel pastellige Gemütlichkeit. Das nette Mädel am Tresen erklärt mir die Kreationen, Mangoporridge hätten sie und ich kann noch verschiedene Toppings wählen. Oh, das hört sich gut an! Sie empfiehlt Erdnussbutter und Schokolade – das verstehen die Polen also unter gesund. Wir einigen uns dann auf Erdbeeren, Chia und Cashew und es ist köstlich. Sehr populär sind Buffetrestaurants, in denen man das Essen nach Gewicht zahlt. So wie in der Mensa gegenüber der Universitätsbauten, sehr leckeres Essen mit Exklusivblick auf die barocke Pracht. Einmal quer durch die polnische Hausmannsküche kann man sich an diesen Buffets essen, Qualität und Geschmack stimmen und man muss sich nicht mit Speisekarten herumschlagen, die man nicht versteht. Obwohl, einiges scheint eingepolnischt und zwar auf sehr nette Weise. Ich entdecke in einer Bäckerei Torty, geröstetes Brot läuft hier unter Tosty und lustig sind auch Burgery, Wursty und Hotdogi. Warum das Hotdogi wohl kein y bekommt, sondern nur ein schnödes i? Aber am meisten gefällt mir eine Entdeckung aus dem Supermarkt, Fleischbällchen heißen hier Klopsy.

Aber weiter mit den Dingen, die unaussprechlich lecker sind. Zapiekanka zum Beispiel, überbackene Baguettes, meist mit sahniger Pilzbeteiligung, eine Riesenportion für einen Euro, da ist man satt bis zum Abend. Wofür man unbedingt Platz lassen sollte sind die köstlichen Krapfen, Paczki, so viel fluffiger als unsere pappigen Berliner und mit herrlichsten Füllungen. Kinder Bueno ist mein absoluter Favorit, für einen Euro kriegt mein ein ofenwarmes Riesenexemplar, das sehr glücklich macht. Tartar ist eine gesamtpolnische Leckerei, die in der Vorsalmonellen-Zeit bei uns ab und an als Sonntagabendbrot auf den Tisch kam. Sollte das rohe Fleisch und Ei irgendwelche Würmer in mir zum Leben bringen, hat es sich wenigstens gelohnt. Lody, polnisches Eis, darf ich nicht vergessen. Eigentlich nicht die Temperatur dafür, aber Eisdielen sind hier allgegenwärtig und an Kreationen wie Schokolade mit Pflaume oder Peanutbutter kann ich einfach nicht vorbei gehen. Und dann das, was sie als heiße Schokolade und nie ohne Sahne verkaufen. Unschaffbar eigentlich. Schmeckt wie eine Tafel feinster Schokolade, die man in Sahne aufgelöst hat, und weil’s dann kalorienmäßig grad egal ist, kommt noch Schlagsahne obendrauf. Ich hätte mir den Rest, den ich übrig lassen musste, weil mein Magen wirklich rebellierte, am liebsten einpacken lassen. Eigentlich wäre danach ein Wodka fällig gewesen, hier günstig und in unzähligen Geschmacksrichtungen erhältlich, aber ich lass das mit dem Alkohol ja gerade und Wodka steht auf meiner Hitliste sowieso ziemlich weit hinten.

Damit aber nicht der Eindruck entsteht, ich würde nur und ausschließlich essen, noch ein paar Worte über die Avantgarde-Architektur in Breslau. Highlight ist hier die Jahrhunderthalle aus dem Jahr 1913, mittlerweile Weltkulturerbe. Leider leider wird sie derzeit restauriert und der gigantische freitragende Kuppelbau kann nur von außen besichtigt werden. Auch der Vier-Kuppel-Pavillon daneben gehört zum Weltkulturerbe und beherbergt heute eine Kunstausstellung. Nach einem  schönen Spaziergang durch den Scheitniger Park komme ich zum Gelände der WuWA, der „Wohnen und Werkraum-Ausstellung“ aus dem Jahr 1929. Ähnlich der Weißenhofsiedlung in Stuttgart tobten sich die Architekten hier aus und das Ergebnis wirkt heute noch modern. Zwischen Park und Moderne kann man Stunden verbringen, perfekt für einen kalten, aber strahlenden Sonntag. Diesen Teil Wroclaws sollte man sich trotz der pittoresken Altstadt auf keinen Fall entgehen lassen. 

   

 

Aber es gibt noch so viel mehr. Eine Kirche, die nicht wie eine aussehen darf, strahlende Panoramen und natürlich die vielen kleinen Zwerge, die sich an den Ecken der Stadt herumdrücken. Davon später mehr.

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