Kleine Zeitreise

Es regnet und das schon seit einigen Tagen. Nicht schlimm, denn es ist warm, ich habe einen wunderschönen Bungalow mitten im Reisfeld und direkt daneben ein freundliches Restaurant – so halte ich es auch mal ein paar Tage eher stationär aus. Und wenn man nichts großartig erlebt, hat man auch die Muße, sich über andere Dinge als das Reisen Gedanken zu machen. Mir ist es ein Bedürfnis, heute einen Beitrag meiner Tante Lisbeth zu widmen, die einen gewissen Anteil an dieser Reise hat und eigentlich eine frühe Globonautin war.

Lisbeth wäre heute 95 Jahre alt, lisbeth1sie starb im Juni vor 11 Jahren und hinterließ mir vor allem eine Lebensversicherung, die sie schon vor langer Zeit für mich abgeschlossen hatte und die just drei Monate vor Beginn unserer Reise fällig wurde. Als hätte sie’s geahnt, die Gute.

Ahnenforschung ist ein großes Hobby von mir, leider habe ich mich zu Lebzeiten meiner Angehörigen nicht sonderlich dafür interessiert, wo sie so herkamen, aber in den letzten Jahren habe ich viel rekonstruiert und jetzt ein besseres Bild davon, wie sie gelebt haben müssen.

Lisbeth war die älteste Schwester meines Vaters, sie wurde 1921 in Pommern geboren, in der Nähe von Schivelbein, heute Swidwin, wo eigentlich alle meine Vorfahren väterlicherseits seit Jahrhunderten lebten. Ich war letztes Jahr dort, die Stadt ist von der Zerstörung gekennzeichnet, das Schloss ist wieder aufgebaut, auch der Dom, das Steintor und das ein oder andere historische Haus, aber die Innenstadt, wo Lisbeth aufwuchs, ist kaum noch zu erkennen. Ich hatte einen alten Stadtplan, versuchte, die Mittelstraße zu finden, in der meine Großeltern lebten, aber noch nicht einmal die historischen Straßenverläufe sind mehr dieselben, die Zerstörung war äußerst gründlich.

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Der Schivelbeiner Dom vor 1945
Der Schivelbeiner Dom 2015
Der Schivelbeiner Dom 2015

Von der deutschen Vergangenheit der Stadt ist kaum noch etwas zu spüren, vor dem städtischen Friedhof die Reste einige alter Grabsteine und ein Schild in brüchigem Deutsch: Zum gedachtnis deren die hier vor uns lebten“ Das waren unter anderem meine Vorfahren, die Familien Krüger und Henke, Völz und Becker und noch eine Generation weiter zurück Ott, Polzin, Brunn, Radünz und Wilm. Alle lebten in oder im Umkreis von maximal 20 Kilometern um Schivelbein. Und das hätte Lisbeth wohl auch getan, wenn der Krieg sie nicht gezwungen hätte, Pommern und sogar Deutschland zu verlassen.

Meine Großeltern väterlicherseits waren sehr einfache Menschen, mein Großvater Reinhard kämpfte im ersten und zweiten Weltkrieg und war ansonsten Transportarbeiter. Es gibt ein Bild von ihm mit kurz geschorenen Haaren und Nazibärtchen, eigentlich ein erschreckendes Bild, aber es ist alles, was ich von ihm weiß oder habe, über ihn wurde wenig gesprochen. Mein Großmutter Meta habe ich sehr lebhaft in Erinnerung, sie starb vier Monate vor ihrem 103. Geburtstag und hat mein Leben doch eine ganze Weile begleitet.

lisbeth-als-kind-kopieLisbeth war zwar das erste Kind von Meta und Reinhard, sie kam zwei Monate nach der Hochzeit zur Welt und blieb bis sie fast sieben war ein Einzelkind. Aber sie wurde in eine große Familie hineingeboren, neun Onkel und Tanten und einer ihrer Onkel wurde sogar erst nach ihr geboren. Sie ging in Schivelbein zur Schule, fing dann an, bei der „Schivelbeiner Buchführung- und Beratungsstelle“ als Buchhalterin zu arbeiten und die einzige Ausbildung, die sie genossen hat, scheint ein sechsmonatiger Kurs in allerlei Kaufmännischem gewesen zu sein. Doch dann kam der Krieg und ging verloren.  Die Zeitzeugenberichte, die ich aus Schivelbein habe, lassen vermuten, dass die Zeit unter russischer und polnischer Besatzung vor allem für die Frauen furchtbar gewesen sein muss. Auch darüber wurde nicht gesprochen, aber meine Tanten waren nie verheiratet und ich fürchte, sie hatten ihre Gründe.

Lisbeth floh mit ihrer Tante nach Berlin und schlug sich dort eine Weile durch. Meine Großmutter blieb mit ihrer jüngeren Tochter und meinem Vater im polnisch besetzten Schivelbein, bis sie im April 1946 ausgewiesen wurden. Sie haben kaum etwas mitnehmen können, die Flucht hat sehr überstürzt stattgefunden und am schlimmsten war wohl, dass sie den Großvater und das Haus, dass die ganze Familie zusammen gebaut hatte, zurücklassen mussten. Der Großvater, also mein Urgroßvater August Krüger, starb zwei Monate nach der Ausweisung seiner Familie. Für mich war es der emotionalste Moment meiner Reise nach Pommern, dieses Haus wiederzufinden.pribslaff-stary-przybyslaw-kopie

Lisbeth und ihre engsten Angehörigen fanden sich in einem Aufnahmelager in Ratzeburg wieder. Die einstige Großfamilie war in alle Winde zerstreut, zwei Onkel tot, der Vater in Gefangenschaft, andere Onkel und Tanten im Ruhrgebiet. Lange Zeit lebten sie in sehr beengten Verhältnissen und ohne Vater. So übernahm Lisbeth die Rolle der Ernährerin, sie erzählte, sie habe in der Gutsverwaltung in Damp an der Ostsee gearbeitet und dann wagte sie den ganz großen Schritt: sie ging für zwei Jahre nach England. Ende der 40er Jahre muss das ein riesiges Abenteuer gewesen sein, sie arbeitete in einem Krankenhaus in Poole. Danach wurde sie in Norderstedt sesshaft und arbeitete bis zu ihrer Pensionierung bei der Commerzbank in Hamburg.

Lisbeth war kein einfacher Charakter, aber sie hatte auch kein einfaches Leben. Die Jugend durch Nazizeit und Krieg dominiert beziehungsweise ruiniert, traumatische Erlebnisse während der Besatzung und Vertreibung, dann die Unterstützung ihrer Mutter und Geschwister. Ihr eigenes Leben blieb dabei auf der Strecke. „Dass ich keinen Mann habe, habe ich nie bereut. Aber keine Kinder, das bereue ich sehr.“ sagte sie mir einmal. Lisbeth war ein zäher Typ, der Menschen vorsichtig begegnete. Sie wirkte auf mich immer ein bisschen wie aus der Zeit gefallen – in Pommern tickten die Uhren einfach anders. In Schivelbein gehörte sie sicherlich eher zur moderneren Jugend – keine Arbeiterin, wie ihre Eltern, Groß- und Urgroßeltern, sondern Buchhalterin und den Mut, zwei Jahre im Ausland zu leben hätte dort sicherlich kaum jemand aufgebracht. In Hamburg war sie dann aber eine Frau, die den Einstieg in ein eigenes Leben verpasst hatte.

Sie schien einerseits altmodisch, lisbeth2war aber andererseits neugierig auf die sich wandelnden Zeiten. Doch irgendwie blieb sie dabei immer nur Zuschauerin, wenn auch interessiert und wissbegierig. Wir haben erst in den letzten Jahren ihres Lebens etwas näher zueinander gefunden und leider habe ich das Gefühl, sie erst nach ihrem Tod verstanden zu haben. Ich wäre gerne gemeinsam mit ihr durch Schivelbein spaziert und tiefer eingetaucht in eine untergegangene Welt. Tante Lisbeth hat mir viel Gutes getan und ich hoffe, sie findet gut, was ich so treibe. Jedenfalls, liebe Lisbeth, eine Befürchtung kann ich Dir vielleicht nehmen: Du bist nicht vergessen.

 

5 Kommentare

  1. Ich bin 1940 im Januar in Schivelbein geboren. Unsere Ausweisung erfolgte im Juli 45. Meine Mutter hat sich nie davon erholt ihr geliebtes Schivelbein verlassen zu müssen. Nach 17 Tagen „Marsch“ kam sie ohne mich, mit einem toten, verhungerten Bruder im Kinderwagen und sonst ohne alles in Rostock an. Ihre Geschichte weckt Erinnerungen

  2. Das ist ja eine schöne Geschichte, so haben es viele erlebt, auch ein Teil davon, meine Familie, sie stammt aus Gallensow, Kreis Stolp. Ich konnte mit meiner Mutter und meiner Schwester noch einmal in ihre Heimat fahren, was auch sehr emotional war. Die
    Gegend einfach wunderbar, Lonsker Düne, traumhaft.

  3. Wzruszająca historia,opublikuję – jak wiele innych dot. przedwojennego Świdwina-Schivelbein w naszej gazecie parafialnej oraz na stronie internetowej. W domu tym na Przybysławiu mieszka rodzina mojego zięcia.Pozdrawiam serdecznie.,

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