Ich bin Mette-Marit!

Das Fort von Jodhpur ist nicht nur bei stimmungsvoller Abendbeleuchtung eine Augenweide, sondern auch tagsüber und von innen. Beim Frühstück genießen wir den Blick auf die beeindruckende Anlage und damit steht auch das Programm für heute fest: rauf da! Die Sonne brennt bereits und so entscheiden wir uns für eine Motorrikscha für den Weg nach oben. Wir sind eindeutig nicht die einzigen, die die ab dem 15. Jahrhundert erbaute Festung sehen wollen. Es sind aber überwiegend indische Touristen, die die Schönheiten ihres Landes erkunden wollen. Wir stärken uns zunächst mit einem leckeren kalten Kaffee, lernen einen freundlichen Inder aus Delhi kennen, der uns zu sich einlädt, wenn wir das nächste Mal dort sind und gehen dann die Mauern hinauf durch eines der beeindruckenden Tore bis zum Palastkomplex. Und der ist einfach atemberaubend schön. Noch zauberhafter, noch bunter, noch prächtiger als in Udaipur und mit einem für mich ganz besonderen Zauber: hier praktiziert Mr. Sharma, der Handleser. Und bei dem war ich schon vor vielen Jahren bei unserem ersten Besuch in Jodhpur. Damals war er allerdings bereits ein älterer Herr, ob er immer noch hier sein wird? Ist er und keine Frage: da muss ich noch mal hin. Wie damals ist es auch heute wieder unglaublich, wie gut er mich einschätzt. Nicht alles stimmt exakt, aber die Grundlinien meiner Persönlichkeit skizziert er verblüffend genau nach einem raschen Blick in meine Hände. Und deswegen vertraue ich seiner Prognose, dass alles gut sein wird in meiner Zukunft. Und wenn nicht, Mr. Sharma, dann komme ich wieder.
Jodhpur wird auch die blaue Stadt genannt und das liegt an den vielen blaugestrichenen Häusern der Altstadt. Von hier oben sieht man das besonders gut. Wir genießen den Blick hinunter und machen uns dann auf den Rückweg. Der Abstieg ist steil, aber kurz und so sind wir erstaunlich rasch wieder in in der Kühle unseres schönen Hotels. Wir müssen ja auch schauen, wohin es als nächstes geht. Mal ein bisschen Ruhe abseits der Städte, das wärs. Und Eric wird dann fündig – unser nächstes Ziel heißt Chandelao, ein kleines Dorf etwa 40 Kilometer von Jodhpur entfernt. Wir haben wenig Vorstellung, was uns da erwartet, aber die Hotelkritiken sind überragend und wenn es uns nicht gefällt, dann gehen wir wieder. Das Taxi biegt nach etwa einer Stunde auf einen holprigen Weg ab und wir ruckeln zwei Kilometer in die Landschaft hinein. Dann beginnt der Ort und er ist ganz reizend. Saubere kleine Häuser, ein paar Kühe hier, Ziegen da, sogar zwei Esel. Vor einem großen Tor halten wir, hier muss es sein. Zwei Männer mit bunten Turbanen kommen heraus, nehmen uns unsere Taschen ab, ja, hier sind wir richtig. Hinter dem Tor tut sich ein schöner Garten auf, rundum die früheren Tierställe, in denen sich jetzt die Zimmer befinden, und in der Mitte das alte Wohnhaus aus der Mitte des 18. Jahrhunderts. Unser Zimmer bietet erstaunlichen Komfort für diese abgelegene Gegend, Ventilatoren und Klimaanlage, ein sehr gemütliches Bett und ein großes blitzeblankes Bad. Zwei Sessel unter einem schattigen Baum warten nur auf uns und weiter hinten blitzt doch tatsächlich ein Swimmingpool. Jetzt ist erst mal Erholung angesagt. Am späten Nachmittag schauen wir uns das kleine Dorf an, das unsere kleines Landgut umgibt. Ein wirklich netter Ort, wie aus der Zeit gefallen, mit unglaublich freundlichen Menschen. Photo, Photo schreien die Kinder und stellen sich dann zum Gruppenbild auf. Zwei ältere Herren winken einen Nachbarn, der etwas Englisch spricht, heran, damit er übersetzen kann. Wo wir her kommen, wie alt wir sind, ob es uns gefällt. Aus den offenen Haustüren werden wir gegrüßt und scheinen eine kleine Sensation zu sein – obwohl das Hotel ja sicherlich einige Touristen anlockt. Wir laufen ein Stück aus dem Dorf raus, die Leute kehren von den Feldern zurück, treiben Ziegen, Schafe und Kühe zurück in den Ort. Auf der rechten Seite ein kleiner See, sehr idyllisch und in keiner Weise so verdreckt wie die meisten indischen Gewässer, die uns bisher begegnet sind. Ein Vogelparadies, in der Ferne sehen wir Pfauen, Kühe kommen kurz zum Trinken vorbei. Wir genießen die Abendstimmung und schlendern irgendwann ins Dorf zurück. In unserem Hotel haben sie für uns gekocht und bitten uns auf die steinerne Fortmauer. Unter dem Sternenhimmel sitzen wir direkt über dem Eingangstor, blicken auf das Dorf hinunter und genießen leckere Currys und ein kaltes Kingfisher Bier. Ja, so darf es gerne weiter gehen. Das Frühstück findet am nächsten Tag im Innenhof des historischen Wohnhauses statt. Im Eingangsbereich hängen Bilder, historische und nicht so historische. Wer ist das denn auf einem der Bilder, aufgenommen in der Nähe unseres Zimmers? Mette-Marit und Haakon, das norwegische Thronfolgerpaar war hier. In diesem kleinen Hotel mitten im Nichts. Quasi da, wo ich jetzt wohne. Jetzt macht es hier natürlich noch mehr Spaß 🙂 Beim Bad im wunderbaren Pool fühle ich mich dann tatsächlich wie eine Prinzessin, das Wasser ist herrlich, grüne Papageien fliegen über mich hinweg, das ist doch ein kaum zu steigernder Luxus. Am späten Nachmittag starten wir zu einer kleinen Wanderung mit einem der Turbanträger aus dem Hotel. Es geht aus dem Dorf hinaus und quer über die Felder. Hier wachsen Linsen, merkwürdige runde Gurken und irgendetwas Grünes mit Schoten. Ich pflücke eine, kleine längliche Kerne, ich rieche daran: das ist Sesam! Unser Guide kennt hier alle, die Frauen, die die Felder abernten, den Schäfer, oder ist es ein Ziegenhirt, und alle stehen bereitwillig für eine kleine Photosession zur Verfügung. Wir erklimmen einen Hügel und haben von hier oben einen tollen Blick über das ländliche Rajasthan. Die Sonne geht langsam unter, es ist sehr idyllisch. Aber wir müssen wieder zurück, so etwas wie Straßenbeleuchtung gibt es hier natürlich nicht. Ob wir noch Tee wollen, fragt uns unser Guide, wir sagen ja und sitzen ein paar Minuten später im Hof seines Hauses. Seine Frau und seine Schwiegermutter haben süßen Masala Chai für uns gekocht, eine Liege wird für uns herangetragen, der Nachbarsjunge kommt vorbei und spielt mit den Ziegen und dann bringt auch noch jemand ein Baby in seiner Wiege. Die Sonne ist längst untergegangen, wir sitzen unter dem Sternenhimmel mit diesen freundlichen Menschen und die Welt ist in Ordnung. Unser Guide fragt uns, ob wir am nächsten Tag mit ihm in den nächsten größeren Ort fahren wollen, dort sei Markt. Klar, wollen wir und so fahren wir am nächsten Tag mit dem Vormittagsbus nach Pipar. Schon die Busfahrt ist toll, ein kleines Mädchen strahlt uns die ganze Zeit an, hier ist man wirklich der Gipfel der Exotik. Pipar selber hat keine echten touristischen Reize, es ist einfach ein kleiner Ort, in dessen Gassen die Zeit stehengeblieben scheint. Handwerker arbeiten in ihren teilweise winzigen Werkstätten wie wahrscheinlich vor hunderten von Jahren auch,alle grüßen freundlich, posieren sehr bereitwillig für ein Photo, stolz, dass wir uns für sie und ihre Produkte interessieren.

  

Eine Familie lädt uns auf einen Tee in ihr Haus ein, man plaudert eine Weile und geht dann wieder auseinander. Langsam treten wir den Rückweg zum Busbahnhof an, dort angekommen, sagt uns unser Guide, dass unser Bus wohl erst in anderthalb Stunden fahren wird. Also hängen wir im besten indischen Stil rum – hier mal ein paar Worte wechseln, da ein paar Kindern zuwinken, ein Gläschen Tee beim einen, ein Schwätzchen beim anderen. In einer Seitenstraße haben die Messerschmiede ihr Zelt aufgebaut, eine junge Frau bedient den Blasebalg, ihre Mutter schlägt mit einem schweren Hammer auf das Metall ein und der Vater erledigt die Feinarbeiten. Es ist ein Riesenprivileg, dass wir das alles erleben können. Der Bus bringt uns wieder in unseren kleinen Flecken Luxus und wir genießen den letzten Abend unter dem Sternenzelt.
Ja, und das war es eigentlich mit Indien. Noch eine Nacht in Jodphur, dann fliegen wir zurück nach Mumbai. Unser Hotel dort ist so abstrus schlecht, dass wir in ein Shopping-Center flüchten, das nach der ganzen Ländlichkeit jetzt aber auch einen ganz besonderen Reiz hat. Nach einer schrecklichen Nacht in der teuren Absteige spendiert Eric uns ein sehr komfortables Hotel bis zum Abflug um Mitternacht. Früher haben wir uns bei einem späten Abflug irgendwo in der Stadt rumgetrieben, sind verschwitzt und erledigt ins Flugzeug gestiegen. Aber so ein Zimmer für ein paar Stunden passt jetzt zu einem insgesamt doch sehr komfortablen Urlaub. Im sehr anstrengenden Indien kann man es sich eben auch sehr gut gehen lassen!

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