Ganz schön anstrengend

Indien ist anstrengend. Entspannt eine Straße entlang schlendern, das kann man hier vergessen. Fußgängerwege muss man sich, falls es sie überhaupt gibt, nicht nur mit vielen vielen Menschen teilen, sondern auch noch mit Waren aller Art, Kühen und Motorrädern. Dazu noch diverse bauliche oder organische Stolperfallen, gerne mal tiefe Löcher oder andere Dinge, in die man nicht treten möchte, tierischen, menschlichen oder unklaren Ursprungs. Dann die Hitze, der Lärm, Gerüche – wenn wenigstens ein gemütliches Cafe oder Restaurant eine Pause von dem Wahnsinn da draußen ermöglichen würde. Das klassische indische Restaurant ist weiß gekachelt, mit Plastikstühlen und klebrigen Tischoberflächen ausgestattet – das Essen eigentlich immer sensationell, aber eben kein Ambiente, in dem man länger als zur raschen Essensaufnahme verweilen möchte. Die besseren Restaurants zeichnen sich meist durch gruseliges Design aus – verwegene Spanplattenkonstruktionen mit noch verwegenerem Kunststofffurnier und düsterem Ambiente – nix für einen längeren gemütlichen Abend. Mit dem indischen Starbucks „Cafe Coffee Day“ finden sich wenigstens ab und an kleine Oasen, aber meist nur in „besseren“ Gegenden und nicht dann, wenn man nach einem eiskalten Frappé lechzt.
Für Straßenüberquerungen benötigt man sehr viel Gelassenheit – rüber kommt man schon irgendwie, aber nix für Leute mit hohem Blutdruck. Im indischen Straßenverkehr ist nichts und niemand berechenbar, jede noch so kleine Lücke wird für waghalsige Überholmanöver genutzt, alle halten voll drauf und vertrauen darauf, dass es die Hupe schon richten wird. Fußgänger sind hierbei die schwächsten Glieder und zudem ohne Hupe, aber wunderbarerweise bleiben die meisten heil in diesem Superchaos. In Gujarat erscheint uns vieles noch anstrengender – weil man sich nicht auf bereits eingetretenen Touristenpfaden bewegen kann und die Sehenswürdigkeiten des Bundesstaats umständlich zu erreichen sind. Wir fahren nach Baroda, Uber sei Dank mit einem Taxi, und steigen in einem hübschen neuen Hotel mit unglaublich freundlichem Personal ab. Der Laxmi Palace, die einzig wirkliche Sehenswürdigkeit der großen Stadt, ist wegen des Ganesh-Festes größtenteils gesperrt, das Restaurant, das der Lonely Planet empfiehlt, macht erst in drei Stunden auf, scheint ja ein echt erfolgreicher Tag zu werden. Also beschränken wir uns aufs Hotel, das uns auch ein leckeres Essen kocht, und bauen auf den nächsten Tag.

Wir lassen uns nach Champaner fahren, eine weitere Weltkulturerbestätte, die hoffentlich den weiten Weg lohnt. Wir kurven etwa zwei Stunden über einen indischen Highway, zweispurig eigentlich, aber es gibt ja den Standstreifen. Bei einer Bezahlstation macht es plötzlich rumms, ein Motorrad ist uns hinten rein gefahren, der Fahrer liegt am Boden und krümmt sich. Eric hat es zufällig gesehen, der gute Mann ist ungebremst, aber zum Glück mit niedriger Geschwindigkeit auf unsere Stoßstange gedonnert. Motorräder sind in dieser Schlange verboten, er steigt nach kurzer Zeit wieder auf und schlängelt sich weiter an den Autos vorbei. Unser Fahrer meldet, dass seine Stoßstange zu Bruch ging, aber das veranlasst hier niemanden, irgendwie tätig zu werden. Wir erreichen eine imposante Stadtmauer, kurven durch ein riesiges Stadttor und erreichen einen kleinen Parkplatz. Jetzt geht’s also los. Wir zahlen den Eintritt – der Ausländerpreis liegt wie so oft in Indien bei mehr als dem Zehnfachen des Preises für Inder. Bisschen unfreundliche Praxis und ich stelle mir vor, in Deutschland gäbe es vor dem Schloss Neuschwanstein ein Schild: Deutsche 1 Euro, Ausländer 12 Euro. Da wär was los….
Aber egal, wir betreten das Gelände der ersten Moschee. Viele Informationen findet man nicht zu Champaner, weder hier noch im Netz. Überbleibsel der früheren Hauptstadt Gujarats aus dem 16. Jahrhundert, heißt es. Und so dünn wie die Informationslage ist auch der Besucherstrom: wir haben die Moscheen des Ortes in ihrer ganzen Pracht fast für uns allein. Hinduistische und moslemische Elemente mixen sich und ergeben einen Traum aus tausendundeiner Nacht. Der Sandstein ist üppig dekoriert, die Kuppeln ruhen auf unzähligen Pfeilern, die Atmosphäre ist einzigartig. Die beeindruckenden Gebäude liegen im Dornröschenschlaf, dem auch der Weltkulturerbestatus nichts anhaben kann. Wir wandeln durch die Säulenhallen, setzen uns in die kleinen Nischen mit Blick ins üppige Grün und fühlen uns wie Entdecker einer untergegangenen Kultur. Dabei sind die Moscheen Teil eines bewohnten Dorfes. Affen turnen auf der hohen Stadtmauer, Büffel kommen uns entgegen, Kinder rufen uns hinterher und fordern „Photo, Photo“ ein. Sie stellen sich zu kleinen Gruppen auf und jubeln, wenn sie das Bild nachher im Display von Erics Kamera sehen. Und auch hier ist das Ganesh-Fest allgegenwärtig. Heute am letzten Tag der Feierlichkeiten werden die Figuren des elefantenköpfigen Gottes auf Lastwagen und Trecker verladen und mit lauter Musik, Böllern und farbpulverwerfend durch das Dorf gezogen. An der Hauptstraße des Ortes setzen wir uns unter einen Baum, trinken die indische Cola „Thumbs up“ und genießen die Show. Vater und Sohn sprechen uns an, wir müssten nachher unbedingt mit auf die Stadtmauer kommen, um den Auszug der Wagen aus dem Ort zu sehen. Machen wir natürlich, auch um selber nicht blau oder gelb eingefärbt zu werden. Wir sind die einzigen Ausländer in dem Spektakel und die Inder scheinen sich zu freuen, dass wir uns freuen. Eine letzte Moschee zum Abschluss und dann wieder rein in unser Taxi, das brav den Tag über auf uns gewartet hat. Irgendwann erreichen wir unser Hotel in Baroda, auch hier läuft die Ganesha-Fete, die nette Rezeptionistin will mit mir tanzen, aber wir wollen nur noch essen und ins Bett. Und planen, wie es weiter geht, in diesem faszinierenden, aber eben auch sehr anstrengenden Indien.

    

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