Tag der Gegensätze

Wir sind seit fünf Tagen in Kathmandu, 20160225-Kathmandu-Nikon-153besser gesagt in Patan. Dieser einst selbstständige Ort vor den Toren der Hauptstadt bildet nunmehr mit ihr zusammen eine Doppelstadt, aber immer noch mit ganz eigenem Charakter. Nachdem wir einen ersten Ausflug nach Thamel, dem Touristenzentrum von Kathmandu unternommen haben, sind wir sehr froh über die Lage unseres Guesthouse im aufregenden Patan.

Aber auch das Umland bietet einige Sehenswürdigkeiten und nachdem wir erste Bekanntschaft mit dem öffentlichen Nahverkehr gemacht haben, trauen wir uns jetzt auch zu, das fünf Kilometer entfernt liegende Pashupatinath zu besuchen. Ausgestattet mit einer Anfahrtbeschreibung unseres Gastgebers starten wir zunächst zu Fuß auf der Hauptstraße Richtung Ringstraße, auf der die Busse fahren. Busfahren in Nepal ist etwas sehr Spezielles. Sie sind alt, verbeult und meistens heillos überfüllt. Häufig sind es „Mikrobusse“, kleine für etwa 15 Personen ausgelegte Fahrzeuge, die man hier aber locker mit der doppelten Zahl Menschen füllt. Ein Fahrer steuert stoisch durch den chaotischen Verkehr, der „Schaffner“ 20160226-Kathmandu-Nikon-330hängt meistens außerhalb des Busses in der Tür, brüllt den Wartenden am Straßenrand das Ziel zu, bekommt von den Fahrgästen einen Zuruf, wenn sie aussteigen wollen, haut dann wie wild von außen an die Bustür als Signal für den Fahrer, kassiert ab und sorgt dafür, dass jeder Quadratzentimeter des Busses mit Passagieren gefüllt wird. Wenn man nicht am Anfang der Route einsteigt und so vielleicht einen Sitzplatz ergattert, verbringt man die Fahrt irgendwie stehend und bei unserer Größe mit eingezogenem Kopf, überzeugt, dass der Bus jetzt voll ist. Doch der Schaffner lässt weiter anhalten, wenige steigen aus, mehr wieder ein. Als erste aufs Dach klettern, schreitet der Fahrer ein, in die offene Tür hängen, o.k., aber runter vom Dach.
Wir erreichen Pashupatinath, schaffen es, den Bus zu verlassen und gehen einen breiten Weg, der bald von vielen bunten Verkaufsbuden gesäumt ist, weiter, bis wir zum Eingang kommen. Wir gehen davon aus, dass wir hier einen wichtigen Hindutempel zu sehen zu bekommen, sehen und riechen aber gleich hinter dem Eingang im Zentrum der großen Anlage mehrere Verbrennungsghats.
Vor drei Jahren waren wir in Varanasi, der heiligen indischen Stadt am Ganges, in der P1080058Leichenverbrennungen stattfinden. Einigermaßen indienerfahren hatte uns Varanasi trotzdem außergewöhnlich berührt. Der Schmutz, die Menschen, die in dem ganzen Dreck auf der Straße dahinvegetieren und nur zum Sterben gekommen sind, die aus unserer westlichen Sicht unwürdigen Bestattungszeremonien, bei denen herumlaufende Ziegen den Toten die Blumenkränze vom Hals fressen, Hunde gern mal ihr Beinchen heben und die eigentliche Verbrennung ohne sichtbare Anteilnahme der Angehörigen vonstatten geht.
Die Szenerie hier ist insofern ähnlich, als dass direkt am Fluss, der zu dieser Jahreszeit kaum Wasser führt und voller Müll ist, Treppen, die sogenannten Ghats, nach oben zu den eigentlichen Verbrennungsstätten führen. Auf rechteckigen Steinemporen wird Holz aufgeschichtet, darauf kommt der in orangefarbene Tücher gehüllte Leichnam und darauf wieder Holz und Reisig. Der älteste Sohn, nur mit einer Hose bekleidet, umschreitet P1080057dann den Scheiterhaufen und setzt ihn in Brand. Stundenlang brennt das Feuer dann, betreut von einem weißgekleideten Kremateur, bis nur noch Asche übrig ist, die in den Fluss geschüttet wird. WIr beobachten drei Männer, die etwas unterhalb eines Ghats für die höheren Kasten im Fluss stehen und die Schlacke untersuchen – wir hoffen, sie haben nur etwas verloreen, fürchten aber eher, dass sie nach Schmuck oder Goldzähnen suchen. Affen turnen am Fluss, irgendetwas scheint auch für sie abzufallen. Die Trauergemeinden gehen für unsere Begriffe würdiger mit der Zeremonie um, sie sitzen still dabei, einigen Männern werden die Haare bis auf einen winzigen kleinen Zopf am Hinterkopf geschoren. Gegenüber der Ghats auf der anderen Seite des Flusses befinden sich Terrassen, die gut besucht sind. Es scheinen fast Familienausflüge zu sein, Menschen haben sich niedergelassen, Getränke werden verkauft und den Verbrennungen zugeschaut. Es ist einfach eine ganz andere Welt, die wir nie verstehen werden und deswegen auch nicht beurteilen wollen. Durch Varanasi sind wir vorbereitet und erleben das Ganze nicht als verstörend. Immerhin ist es das große Ziel eines jeden Hindus, an einer besonders heiligen Stelle verbrannt zu werden, und wer das in Varanasi und hier in Pashupatinath schafft, kann sich im Himmelreich glücklich schätzen.
Nach zwei Stunden haben wir uns die Anlage angeschaut und die Atmosphäre verdaut. Wir machen uns zu Fuß auf zum nächsten Ziel, einer riesigen Stupa etwa 2 km von hier entfernt. P1080048Wir laufen durch staubige Straßen, finden zwischendurch ein nettes Restaurant mit köstlichen Momos und kommen erst am späteren Nachmittag in Boudha an. Gleich am Eingang sehen wir: die Stupa wird renoviert, die Spitze ist abgebaut, der Putz abgeschlagen, so ein Pech. Als wir dann aber den Platz um die Stupa betreten, sehen wir, dass die eigentliche Attraktion hier die Menschen sind. Der Platz ist von Häusern umrundet und um die Stupa bewegt sich ein steter Zug von Menschen in vorwiegend tibetischer Kluft, die im Uhrzeigersinn um das Heiligtum herum laufen, heilige Verse murmelnd. Zwei tibetische Tempel direkt am Platz kommen mit ihrer ganzen tibetisch-buddhistischen Schönheit daher, riesige bunte Gebetstrommeln, farbenprächtig geschmückte Buddhastatuen und das Gefühl, überall herzlich willkommen zu sein. Gesänge einer Gruppe von Nonnen locken mich 20160228-Kathmandu-Nikon-500in einen Tempel, ich setzte mich hinein und höre ihnen eine Weile zu. Alles etwas anders als bei den Hindus, die keine Andersgläubigen in ihre Tempel lassen.  So viele interessante Menschen, viele lassen ihre Gebetsmühlen kreisen, vor allem die alten Frauen mit ihren freundlichen sonnengegerbten Gesichtern und ihrer tiefen Spiritualität beeindrucken mich. Nur zwei Kilometer entfernt hat sich hier eine andere Welt aufgetan. Fasziniert drehen wir ein paar Runden 20160228-Kathmandu-Nikon-502um die Stupa mit, verabschieden uns dann aber, weil ja noch der Rückweg ansteht. Vorbei an einem Nobelhotel und angrenzendem Elendslager finden wir die Ringstraße wieder. Hier fahren leider nicht alle Busse zu unserem Ziel, also springen wir auf jeden herannahenden Bus zu, brüllen „Patan?“ und beim fünften Bus haben wir Glück. Der Schaffner nickt, wir ergattern zwei Sitzplätze ganz hinten, entgehen so auch dem einsetzenden Regen und sind nach einer halben Stunde zurück in unserem Stadtteil. Nach einer leckeren Nudelsuppe laufen wir durch den Regen zu unserem Guesthouse und fallen ins Bett. Dieser Tag muss erst mal verarbeitet werden.

Kathmandu

Im Flugzeug deutet es sich schon an – es wird anders werden. Die Stewardessen haben ihre Not, die nepalesischen Fluggäste im Zaum zu halten. Kaum hat sich das Flugzeug Richtung Rollbahn in Bewegung gesetzt, steht ein Mann auf und will auf die Toilette. Fünf Stunden später landen wir etwas ruppig auf dem Flughafen von Kathmandu. Es ist halb elf abends, in Bangkok ist es viertel vor zwölf. Eine Zeitverschiebung im Viertelstundentakt hatten wir auch noch nicht. Wir sind auf alles gefasst, ein Visum haben wir noch nicht und im Internet war von langen Schlangen vor den Schaltern die Rede. Um so erstaunter sind wir als uns in der Ankunftshalle ein Mann an einen Automaten heran winkt, unsere Pässe dort einscannt, uns bittet, ein paar wenige Angaben einzutippen und uns für ein Photo in Position zu bringen. Dann ab zum Zahlschalter, 40 Dollar pro Person, dann zur eigentlichen Einreise und nach zehn Minuten sind wir drin in Nepal. Auf das Gepäck müssen wir unwesentlich länger warten und vor dem Flughafengebäude erwartet uns schon der Fahrer unseres Guesthouse. Das nächtliche Kathmandu ist vor allem dunkel, Straßenbeleuchtung gibt es kaum und nur wenige fahrende Autos – dafür um so mehr wartende. Eigentlich sieht es aus, als würden die Fahrzeuge am Straßenrand parken, unser Fahrer sagt uns aber, dass das die Warteschlange für die Tankstellen seien. Die Grenze nach Indien ist seit Monaten blockiert, durch einen Generalstreik einer ethnischen Minderheit, die sich durch die Verfassungsreform benachteiligt sieht, oder durch Indien selber, so ganz sicher ist das nicht. Und da alle Benzinlieferungen über den Landweg aus Indien ins Land kommen, ist eine strikte Benzinrationierung die Folge. Drei Liter pro Fahrzeug alle elf Tage, sagt uns der Fahrer, und hierfür ist ein Vielfaches des normalen Preises und eine extrem lange Wartezeit erforderlich. Dass die Blockade auch die Versorgung mit Gas beeinträchtigt, merken wir später in unserem wunderschönen Guesthouse. Warmes Wasser nur morgens und abends zwischen sieben und neun, „due to the gas crisis“.

Ach, unser Guesthouse. Der Fahrer parkte auf 20160223-Kathmandu-Nikon-04dunkler Straße neben einem Haus, das in Folge des Erdbebens mit Holzlatten abgestützt ist. Er führte uns zu einem verschlossenen Holztor, dass von zwei großen steinernen Löwen eingerahmt wurde. Was für ein Eingang zu einem Hotel, dachte ich. Er musste zunächst per Telefon jemanden herbeirufen, der das Tor aufschloss. Dahinter aber befand sich ein Platz, umgeben von schmalen mehrstöckigen Häusern, in der Mitte kleine Stupas, Buddhafiguren und allerlei anderes. Wir liefen über den dunklen Platz zu unserem Guesthouse in einem wunderbaren historischen Gebäude. 20160224-Kathmandu-Nikon-06Verschlafen grüßte uns der Rezeptionist, schlug vor, dass wir die Formalitäten am Morgen erledigen könnten und führte uns über eine schmale Holztreppe in den ersten Stock zu unserem Zimmer. Holzfußboden, dunkle Holzdecke, Backsteinwände, ein Traum! Und blitzesauber. Zwei Fenster auf den Platz raus sorgen für Überblick und er zeigte uns eine Art Steppdecke, die man vor die Fenster hängen kann. Nicht damit die Kälte draußen bleibt, sondern zur Schallisolation. Lärm können wir uns hier gar nicht vorstellen, es ist so still wie schon lange nicht mehr. Wir sinken ins Bett, kriechen unter die warme Decke und sind sofort eingeschlafen. Etwa um fünf Uhr morgens verstehen wir dann, warum es diese Steppdecken gibt: der Tag wird mit einer religiösen Zeremonie im wahrsten Sinne des Wortes eingeläutet, eine große Glocke wird geschlagen, die Hunde fangen an zu heulen, jemand bläst ein Horn, Gesänge setzen ein. Gut, die Glocke ist laut und durchdringend, sie verstummt zum Glück nach etwa fünf Minuten. Wir drehen uns um und lassen uns von den Gesängen in den Schaf wiegen.

Drei Stunden später beginnt der P1070960Tag mit einer heißen Dusche und einem wunderbaren Frühstück auf der Dachterasse. Ein warmer Haferflockenbrei ganz nach meinem Geschmack, Toast und Ei, gute Grundlage für einen aufregenden Tag. Recht bald treten wir durch das Tor auf die Straße und beginnen unsere Wanderung durch die Stadt. Was wir denn heute machen wollen, fragte uns der freundliche Rezeptionist. Einfach mal schauen, antworteten wir.

20160224-Kathmandu-Nikon-09Was für eine Stadt! Es gibt sie doch, die Zeitmaschine. Hohe Häuser, enge Gassen, buntgekleidete Frauen, kleine Läden, über allem der Duft von Räucherstäbchen. An jeder Ecke ein kleiner Tempel, immer wieder tritt man durch Tore in große Innenhöfe oder Plätze wie der, an dem unser Guesthouse liegt. Das Leben scheint gemächlich, Menschen sitzen zusammen, Kinder spielen drumrum, die Händler kommen in die Innenhöfe, auf Fahrrädern präsentieren sie ihre Waren, Wäsche wird gewaschen, an großen Zisternen Wasser geholt und es wird viel gebaut. Viele Häuser werden noch abgestützt, bei einigen stehen noch Grundmauer, andere sind ganz verschwunden. Bauen ist hier absolute Handarbeit, die Backsteine scheinen 20160224-Kathmandu-Nikon-15selbst fabriziert, es wird mit Hacken und Schaufeln gearbeitet, Bagger oder gar Kräne sieht man nicht. Wahrscheinlich haben wir Glück, dass der Verkehr durch die Blockade reduziert ist, trotzdem hupt es überall um uns 20160224-Kathmandu-Nikon-24herum. Durch unsere Indienaufenthalte sind wir ja einiges gewohnt und bewegen uns mit Gelassenheit über die chaotische Hauptstraße. Die Luft ist staubig, viele Menschen verwenden Schutzmasken und auch uns juckt der Dreck in Nase und Hals. Ansonsten liegt zwar viel Müll herum, aber uns scheint es deutlich sauberer als Indien, Kühe gehören hier nicht zum Straßenbild und entsprechend auch nicht ihre Ausscheidungen und die Kloakendüfte, die sogar in Thailand immer wieder durch die Straßen waberten, riechen wir hier nicht.
Wir finden einen Buchladen und kaufen uns einen Reiseführer, ein 20160224-Kathmandu-Nikon-40klein bisschen Orientierung ist dann doch nicht schlecht. In einem Café genießen wir unseren ersten Gewürztee und am Mittag in einem Restaurant nahe des zentralen Durbar, einem der drei Königsplätze in der Stadt, die ersten Momos. Die gefüllten Teigtaschen kennen wir schon aus Indien, diese sind voller knackigem Gemüse und mit einer köstlich-scharfen Linsensoße.20160224-Kathmandu-Nikon-61

Eigentlich möchte man sich stundenlang auf einen der Plätze setzen und nur Menschen und Szenerien betrachten. Aber: warum eigentlich nicht? Erschlafft von den vielen Eindrücken beschließen wir heute, es sehr gemütlich angehen zu lassen und genau das zu tun. Also, weitere Berichte werden folgen!

 

 

Distanzlos

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Eine Stunde noch und unsere Malaysia Airlines Maschine wird in Kathmandu landen. Gerade überfliegen wir Bangladesh, eigentlich auch eines meiner Ziele auf der Reisewunschliste bevor wir von zuhause aufbrachen.
Aber im Moment ist uns eigentlich eher nach einem ruhigen und geordnetem Ort zumute.
Ich gebe es zu: Kathmandu und Nepal überhaupt, werden dieser Sehnsucht garantiert nicht gerecht. Als wir uns die letzten Tage darüber Gedanken machten, wohin wir in der uns so offen stehenden Welt als nächstes reisen werden, da kamen in der Tat ernstgemeinte Überlegungen zu Italien auf. Vielleicht ist es ja so, dass wir anstrengende Länder doch eher in Einmonatdosen bewältigen? Unsere Reisen können ansonsten sehr gerne nach Indien, Sulawesi oder Kambodscha führen. Aber klar -nach vier Wochen hatte man wieder sein geregeltes Zuhause.

Und jetzt? Jetzt landen wir gleich in Nepal,
Schon im Flieger stellen wir einen Wandel fest. Außer uns sind vielleicht gerade einmal noch fünf andere Westler an Bord. Der Rest sind auffallend kleine und braungebrannte, sehr dünne Menschen, die einem, sagen wir mal recht eigenwilligen Modetrend folgen: T-Shirt, enge und am Hintern tief sitzende Jeans über spindeldürren Beinen, Kunstlederjacke und Baseballcap.
Sie haben alle Freude daran, die Klingeltöne ihrer Handys laut abzuspielen und unterhalten sich im Flieger von Reihe zu Reihe geradewegs so, als kommunizierten sie von Berggipfel zu Berggipfel.
Mein Nebensitzer ist auch einer von ihnen. Als wir auf die Startbahn zurollten, da hantierte er noch mit seinem Handy herum und hatte das Tischchen noch im Einsatz. Der Steward forderte ihn auf, dieses nach oben zu klappen. Beim ersten Mal fühlte er sich nicht angesprochen und beim zweiten Mal war zu erkennen, dass er gar nicht wusste, was der Herr von Malaysia Airlines von ihm wollte. Er sah ihn fragend und treuherzig in die Augen und versuchte sein Glück, indem er ihm die Zeitschrift entgegenstreckte, die er auf der Ablage deponiert hatte. Vergebens -der Uniformierte gab wieder Laute von sich, die er nicht verstand. Ich schritt ein und übernahm für ihn das Einklappen des Tischchens. Ab da schien ich der wissende Onkel zu sein, denn als später die Einreisekarten ausgeteilt wurden, die man vor der Landung ausgefüllt haben muss, da wandte er sich an mich und stellte nun mich vor das Problem, vor dem kurz zuvor er selbst noch stand: er redete auf mich ein, mit dem Zettel gestikulierend. Ich schloss, dass er nicht verstand, wo er was einzutragen hatte. Leider konnte ich ihm da ja nicht weiter helfen. Doch redete er noch immer auf mich ein. Ich vertiefte mich in den Zettel und als ich ihn wendete, da sah ich, dass das ganze auf der Rückseite in nepalesisch geschrieben war. Also nahm ich ihm sein Blatt aus der Hand und wendete es -und schon legte er los.
Wenig später offenbarte sich, dass er wohl noch nie geflogen war. Mal abgesehen davon, dass er sowieso auf meinem Platz saß, erschloss sich ihm auch das Entertainmentsystem nicht. Bis er sich gegen später bei mir abschaute, wo in der Armlehne die Kopfhörer eingesteckt werden, hatte er sie nur als Ohrwärmer oder als Schallschutz aufgesetzt.
Einen Film zu starten., das war ihm aber dann wohl doch nicht gelungen, denn immer wieder überbrückte er die in einem Flieger ohnehin geringe Distanz und streckte interessiert seinen Kopf in meinen Monitor.
Gegen später gab er auf und schloss die Augen. Klein gebaut, stellt es für ihn kein großes Problem dar, es sich in seinem Sitz gemütlich zu machen. Aber offenbar muss Körpernähe her. Also drückte er sein Schienbein an meine Wade und schlief ein. Körperkontakt ist ja doch in viel mehr Ländern üblich als man denkt. Ich hielt dagegen und wich nicht aus, doch störte ihn dies nicht. Aber ich spielte mit und sah es als eine Art Eingewöhnungsphase für das, was da auf mich wartet.
Das Landemanöver ist in vollem Gange. Längst wurden alle aufgefordert sich zu setzen, anzuschnallen und alle elektronischen Geräte abzuschalten. Die Stewardessen und ihre männlichen Kollegen wirken ein wenig verzweifelt. Schnell eilen sie durch die Reihen und fordern die Passagiere mehrfach auf, sich anzuschnallen. Immer wieder müssen sie dafür entsprechende Gesten machen, da sie in ihrem Englisch nicht verstanden werden und die Menschen offenbar nicht wissen, dass das normal ist. Schnell rennt einer noch auf die Toilette -husch, ist er ihnen entkommen.
Die Landung wird denn auch ein wenig holprig und während wir noch in voller Fahrt sind, hört man massenhaft das Klickgeräusch sich öffnender Sicherheitsgurte -zwei Minuten am Platz festgebunden zu sein, das war den meisten dann offenbar doch zu lange.
Ich bin gespannt auf Kathmandu.
Wir fahren mit dem Bus über das Rollfeld und werden in das Ankunftsgebäude geleitet. Wir sind darauf vorbeireitet, dass es bei dieser Einreise zu Komplikationen kommen könnte, denn wir haben tatsächlich kein gültiges Weiterflugticket bei uns. Unsere Versuche vom Vorabend, die scheiterten einmal mehr an der zusätzlich eingebauten, unsäglichen Verifizierung der Kreditkarteninformationen über die Seiten der Kreditkartenbetreiber und so war uns nichts anderes übrig geblieben, als uns eines Tricks zu behelfen. Eine Fluglinie bot eine Möglichkeit an, einen Flug jetzt zu buchen und dann innerhalb 24 Stunden in einem der Partnerbüros zu bezahlen. Es war klar, dass wir das gar nicht schaffen würden, doch was wir durch dieses Vorgehen erhielten, das war eine Buchung, die 24 Stunden aufrecht erhalten wurde und dann verfallen würde. Und dadurch hatten wir ja immerhin etwas in der Hand, auch wenn auf dem Schreiben vermerkt war, dass der Flug nach Ablauf der Frist verfallen würde.
Das zweite Thema war das Visum. Wir hatten zwar gelesen, dass es bei der Einreise über den Flughafen in Kathmandu direkt beantragt werden könne, man solle aber ein aktuelles Passbild und viel Zeit mitbringen.
Beides erwies sich als absolut problemlos. Keiner wollte dieses Mal etwas von einem Weiterflug wissen (vielleicht auch, weil er im System vermerkt war?) und die Einreise war äußerst unkompliziert und schnell über di Bühne gegangen. Als Ausländer wurden wir an einen Automaten verwiesen, an dem ein Mann stand. Ihm reichte man seinen Reisepass, den er dann in den Automaten einscannte. Die Felder, die er dort nicht auslesen konnte, die trug man schließlich selbst über eine Tatstatur in das Gerät ein. Über eine Web-Cam wurde noch ein undeutliches Foto geschossen und als Dankeschön druckte der Automat einen Beleg mit allen Informationen aus. Sodann begab man sich an Schalter zwei, an dem die Visumgebühr in Dollar beglichen wurde und schließlich zu Schalter drei, an dem dann der Grenzbeamte saß und alles schön abstempelte. Alles zusammen dauert (mitten in der Nacht) vielleicht fünfzehn Minuten. Das war’s!
Unsere Unterkunft hatte uns davon überzeugt, dass es besser sei, sich von einem Fahrer am Flughafen abholen zu lassen, der weiß, wo das Gueshouse zu finden ist. Und so hatten wir das erste Mal in unserem Leben das Vergnügen, die Reihen der vor der Ankunft Wartenden abzuschreiten und nach einer Person mit einem Schild mit unseren Namen darauf Ausschau zu halten. Den fanden wir schnell und schon saßen wir in seiner wackeligen Kiste, unterwegs auf unebenen Straßen in Richtung Innenstadt. Er erklärte die langen Reihen von Bussen, die überall an den Straßenrändern zu sehen waren. Nepal hat nach dem Erdbeben im vergangenen Frühjahr nun schon seit Monaten mit einer menschengemachten Katastrophe zu kämpfen. Nach langer Zeit wurde vor kurzem eine neue Verfassung verabschiedet, an deren Ausarbeitung sich besonders stark auch die indische Regierung eingebracht hatte. Leider fühlen sich nun aber nichtsdestotrotz Volksgruppen an der Grenze zu Indien nicht genügend repräsentiert und so starteten sie immer wieder Generalstreiks, die auch die Wege zu den Grenzen mit Indien blockierten. Da dies über mehrere Monate erfolgte, ist die Versorgungslage Nepals extrem angespannt. Nepal ist ein Binnenland und hat zwei große Nachbarn, über die ein Großteil der Versorgung des Landes mit wichtigen Gütern erfolgt. Das Erdbeben hat die Versorgungswege nach China zerstört und die Streiks jene nach Indien unpassierbar gemacht. Die Folge sind unter anderem eine Benzinknappheit. Unser Fahrer erklärte, dass sich die Situation bereits wieder entspannt habe, da die Streikenden ihre Aktionen circa zwei Wochen zuvor beendet hätten. Die Autoschlangen seien vor kurzem noch viele Kilometer pro Zapfsäule gewesen und die Preise für den Sprit horrend.
Als wir schließlich am Guesthouse ankamen, da war es in den Straßen stockdunkel und ruhig. Wir stiegen aus dem Wagen und standen vor einem Haus, dessen Fassade mit Holzbalken gegen einen drohenden Einsturz abgestützt werden. „Here is your guesthouse“, sagte der Fahrer und fügte hinzu, wir könnten unbesorgt sein. Zwar habe es erst vor fünf Tagen ein Nachbeben von einer Stärke über fünf gegeben und er sei, beim Versuch das Haus zu verlassen, wie betrunken hin und her getaumelt. Doch geschehen sei nichts. Und außerdem: Dieses Haus mit den Balken, das sei es nicht. Wir standen vor einem großen alten Tor, das eher der Eingang zu einem Tempel zu sein schien. Das Tor war verschlossen und so telefonierte der Fahrer mit den Betreibern des Guesthouses. Hinter dem Tor sei ein großer Platz, erzählte er uns beim Warten. Das sei gut für uns, denn wenn die Erde bebt und unsere Unterkunft einstürze, dann hätten wir da einen Raum, um ein Zelt aufzuschlagen. Very funny unser Fahrer…
Schließlich öffnete sich das Tor und wir werden über den fußballfeldgroßen Platz, der nahtlos von Häusern umbaut ist, zu unserem Zimmer geführt. Alles sehr sauber und nett und dafür geeignet, unmittelbar in den Schlaf hinüber zu gleiten.

Globonauten reunited

Der Gegensatz könnte kaum extremer sein. imageEben noch im friedlichen Sukhothai mit Kleinstadtfeeling hinein ins wilde Rotlichtviertel Nana in Bangkok. Das Hotel war gut besprochen, ist stylish, günstig und zentral, dass drumherum 24 Stunden Nachtleben tobt, war mir nicht klar. Nun denn, wir wollten diesmal ins pralle Leben in der Nähe der großen Shoppingcenter und das ist uns gelungen. Und es gehört nun mal leider auch zu Thailand, die Bars, in denen 24 Stunden am Tag die Mädels darauf warten, für ein paar Tage einen Europäer oder Amerikaner zu ergattern, der sie ausführt und finanziert. Für die Typen, die dort unterwegs sind, verdient man aber auch reichlich Schmerzensgeld…

Seit Mittwoch sind wir wiedervereinigt. Ganz komisch am Anfang, wieder zu zweit unterwegs zu sein, aber gerade in der chaotischen Metropole Bangkok macht es viel mehr Spaß, zu zweit durch die Gegend zu ziehen. Und wir sind beide nach längerem Landleben doch recht wild auf die IMG_0318Zivilisation. Wo könnte man die besser genießen als in einem Shopping Center, zumal wenn es in Bangkok steht. Eigentlich hatte ich von den japanischen Städten erwartet, dass sie mit futuristischen Einkaufstempeln aufwarten, hier sind sie aber noch einen Tick größer, bunter, exklusiver, einfallsreicher, humorvoller. Wie das „Terminal 21“, in dem einem der Sicherheitsmann am Eingang in strahlend weißer
Traumschiffuniform salutiert, die Damen am Infoschalter bunte Stewardessen-Outfits tragen und jedes Stockwerk sehr detailverliebt einer Stadt nachIMG_0316empfunden ist. In San Francisco läuft man über Cable Car Schienen auf die Golden Gate Bridge zu, in Istanbul wandelt man unter hunderten orientalischer Leuchter durch einen Souk, in London wechseln sich bunte Designerläden mit roten Telefonzellen und allerlei britischem ab und in Tokio treffen wir auf die rote Torii und futuristische Roben. Und auch für Entertainment ist gesorgt, eine japanische Boyband entertained die Teenies (und uns auch kurz) und kulinarische Köstlichkeiten gibt es an jeder Ecke.

P1070952Natürlich stoßen wir hier auch wieder auf P1070950 (1)die großen Restaurant-Ketten. Ronald McDonald grüßt auf thailändisch, so viel Humor hätte ich denen gar nicht zugetraut. Die Supermärkte halten erstaunliche Dinge vor. Na, Appetit auf einen Kaffee mit Collagen? Oder Kitkat mit Rote-Bohnen-Füllung? Popcorn mit Karamell und Käse? Könnt ihr hier alles haben!

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Aber das absolute Essens-Highlight wartet in einer leicht heruntergekommenen garagenähnlichen Halle auf uns. Tagsüber werden hier billige Klamotten verkauft, am späten Nachmittag werden Tische und Plastikstühle aufgebaut, an den Eingang kommen mobile

IMG_0300Kochstationen, Fische und allerlei Meeresgetier werden auf Tischen präsentiert. Der „shabby chic“ ist nicht gewollt, aber in Berlin oder New York wäre das eine absolute In Location. Und das Essen! So köstlich! Die Tische sind überladen mit Köstlichkeiten, gegrillte Fische, Meeresfrüchtecurrys, gebratene Gemüse aller Art. Oh, wir sind im Paradies und das für knapp 10 Euro zu zweit. Mit Bier.

Aber Globonaut sein heißt ja auch, sich nicht nur dem süßen Nichtstun hinzugeben. Und wir müssen entscheiden, wie die Reise weitergeht. Zwar haben wir zwei Flüge nach Myanmar, aber die waren vor allem dafür da, bei unserer Einreise nach Thailand das erforderliche Weiterreiseticket vorzeigen zu können. Wir haben beide die Wochen hier genossen, aber wir sind auch beide etwas südostasiensatt. Und so schauen wir, was es sonst so für Möglichkeiten gibt. Südamerika ist so weit, da bräuchte es mehrere Zwischenstopps. Afrika, da müssen wir noch hin. Wie wäre Äthiopien? Oder mit besserer touristischer Infrastruktur Namibia, Südafrika oder Botswana? Hm. Jordanien, wollten wir doch immer schon mal, aber ne, da ist es kalt. Ganz leichte Sehnsucht haben wir nach Europa, vielleicht Süditalien? Wir entdecken einen sehr günstigen London-Flug. Aber England im Februar? Und da haben wir doch angefangen. Und dann noch ein Schnäppchen: Kathmandu. Ein kurzer Blick in die Klimatabelle, da ist es ja richtig warm. Und das Erdbeben? Es gibt immer wieder Nachbeben, aber die Infrastruktur ist ok und die Leute sind dankbar, wenn der Tourismus wieder anläuft. Und schließlich bebt es auch in Christchurch noch häufig, in Kagoshima spuckte der Vulkan vor kurzem wieder und wir erinnern uns an die Schweizer Mone und Mike, die kurz nach dem Beben in Nepal waren und Hilfsgüter verteilten. Also wird es Kathmandu. Übermorgen geht es los. Katmandu, I’ll soon be seeing you!

Noch mehr Buddhas und ein Abschied

16.02.2016

Die Zeit des Alleinreisens neigt sich dem Ende zu. Morgen früh um halb neun fährt mein Bus nach Bangkok ab, am Donnerstag steht der fast schon obligatorische Königspalast auf dem Programm und am Freitag treffe ich Eric wieder.

Ja, wie war es? Anders.

Ich glaube, allein reisen macht aktiver, mich zumindest. Komisch, warum das so ist, aber das kenne ich auch von zuhause.

Die drei Wochen kamen mir viel länger vor. P1070849Wenn ich da an Australien denke, da schien die Zeit zu fliegen. Hat das was mit dem Land oder mit dem Alleinsein zu tun?

Jedenfalls habe ich (mal wieder) festgestellt, dass mir allein nicht langweilig wird. Das ist eine gute Aussicht für das zweite Jahr meiner Auszeit.

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Lag es vielleicht auch daran, dass ich immer etwas länger in eher untouristischen Orten blieb? Na ja, zwei Nächte in Chiang Mai, sechs in Pai, vier in Lampang und zur Zeit sieben in Neu- und Alt-Sukhothai, so wirklich kann man da nicht von länger sprechen. Und außer Lampang werden auch alle Städte durchaus von Touristen heimgesucht. Aber trotzdem kam es mir in überall sehr schnell so vor als wäre ich schon lange Zeit dort. Sofort war eine gewisse Vertrautheit da und speziell in Nordthailand kommt die große P1070835Gelassenheit und Freundlichkeit der Menschen dazu, die mir das Gefühl vermittelt hat, eine gern gesehene Besucherin zu sein. Nie habe ich mich irgendwo unsicher gefühlt, wurde bedrängt oder so übers Ohr gehauen, dass es weh getan hätte. Hätte ich außer „Vielen Dank“ wenigstens ein paar Worte Thai verstanden, wären die vielen kleinen Begegnungen noch intensiver gewesen: die alte zahnlose Frau, die sich sorgte, dass ich zu viel Sonne abbekomme, ihren Schattenplatz für mich räumte und mir noch ein Glas Wasser besorgte. Die Marktfrauen, die erschöpft vom Besuch einer großen chinesischen Touristengruppe ihre Wassermelone mit mir teilten. Mein P1070836großartiger Guide im Tempel in Lampang. Und viele lächelnde Menschen mehr. Das Radfahren war hier bestimmt ein wichtiger Faktor, ich kam so schnell in Gegenden, in denen man Fremde selten sieht. Das Tempo, zu dem man mit den alten Gurken mit regelmäßig zu niedrigem Sattel fähig ist, entschleunigt automatisch.

In der Stadt hat man radelnd zudem keine Chance, wenn man sich nicht eine gewisse Gelassenheit aneignet. Im Stuttgarter Stadtverkehr konnte ich ja in Sachen Fahrrad in den Monaten vor unserer Abreise schon Erfahrungen sammeln, so dass es mir hier überhaupt nicht schwer fiel, mich in den dreispurigen Kreisverkehr hinein und auch wieder heraus zu schlängeln. Immer in Bewegung bleiben, möglichst nicht anhalten, lieber mal etwas Tempo rausnehmen, so machen es die Thais und die Tatsache, dass die Bremsen meiner Räder sowieso selten taten, half mir dabei, es ihnen gleich zu tun.

Ich bin mittlerweile nach Alt-Sukhothai umgezogen, um näher an den Ruinen zu sein. Ein sehr hübscher Bungalow, in dem die Massagefrau ins Zimmer kommt, hat mir den Abschied aus der Neustadt erleichtert. Und gestern Abend wollte ich erstmalig austesten, wie das so ist, abends im Park. Mit großer Enttäuschung las ich im Hotelprospekt, dass der Park um 18 Uhr schließt. Also kein Sonnenuntergang mit Buddha. Allerdings empfahl der selbe Prospekt die Sicht ab halb sieben, weil da der Dunst des Tages zurückgegangen sei. Hmm

Ich verbrachte einen schönen Spätnachmittag auf P1070855einem sonnengeschützen Plätzchen am See, mit Blick auf den Haupttempel. Pünktlich um sechs dann Musik aus den Lautsprechern und eine Durchsage. Gut, jetzt macht er wohl zu, der Park. Ich schwinge mich aufs Fahrrad und radle zum Haupttempel, da können sie mich ja verscheuchen, wenn sie wollen. Es sind kaum weniger Leute dort als noch vor sechs und niemand macht Anstalten zu gehen. Die Händler im Park packen ihre Sachen zusammen und ziehen ab, die Besucher bleiben, wo sie sind und vermehren sich sogar noch. Zum P1070916Sonnenuntergang ab halb sieben bringen sich diverse Photographen in Position

Leute joggen, radeln, laufen ungehindert auf den kleinen Straßen, hier schließt offensichtlich nur der Ticketverkauf. Ich erlebe einen grandiosen Untergang der blutroten Sonne, versuche mich in Gegenlichtaufnahmen und erst der Hunger treibt mich um sieben in eines der Restaurants. Und um acht muss ich ja in meinem Bungalow sei. Die Massage ruft

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17.02.2016

Und schon sitze ich im Bus nach Bangkok, Doppeldecker und VIP. Für acht Euro bekomme ich einen bequemen Sitz, eine Stewardess an Bord, die Kekse und Wasser verteilt, P1070939eine Gardine mit Troddeln und einen Fernseher mit James Bond-Film in der thailändischen Synchronfassung. Seit Roger Moore machen die einfach keinen Spaß mehr… Draußen ziehen Reisfelder vorbei und in etwa vier Stunden werde ich in Bangkok sein. Es war schön in Thailand und ich bin froh, nicht auf Strände und Meer gesetzt zu haben. Was leider gar nicht geklappt hat, war mein ursprünglicher Plan, einen echten Yogaurlaub zu machen. Außer in Chiang Mai habe ich nirgendwo Yogastudios gefunden und obwohl ich meine Yogamatte jetzt schon um die halbe Welt geschleppt habe, bringe ich einfach nur äußerst selten die Disziplin auf, für mich selber Yoga zu machen. An dieser Stelle mal ein ganz lieber Gruß an meine phantastischen Yogalehrerinnen Christine und Maria, ohne euch wird das einfach nichts…. Aber nichtsdestotrotz: es war toll, trotz der Touri-Ströme kann ich Thailand nur empfehlen, eine tolle Mischung aus wunderbarer Landschaft, freundlichen Menschen, Spiritualität, einmaligem Essen und Wellness satt – eben perfekt für die alleinreisende Globonautin!

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Can’t get no sleep

Ich kann nicht schlafen

Was ist los?
Warum bin ich nicht müde?
Auf Kho Phayam, der Insel auf der ich fünf Tage verbrachte, da hätte ich es ja verstehen können. Dort hatte ich in einer Hütte gewohnt, in der es keine Klimaanlage hatte, sondern einen einfachen Ventilator. Der hatte aber selbst auf Stufe drei keine Chance, das sehr dicht gewobene Moskitonetz zu durchdringen, das mir zwar einen Schutzraum vor den blutsaugenden Plagegeistern in der Nacht bot, mir andererseits aber auch schweißtreibende Stunden bescherte.
Strom gab es immer nur zwischen 18:00 Uhr und 06:00 Uhr. Er wird von einem Dieselgenerator erzeugt, der mich in den ersten drei Nächten zusätzlich zur Hitze vom Schlaf hätte abhalten können. Doch war das alles kein Problem. Im Gegenteil: Ich war regelmäßig um halb zehn Uhr so müde, dass ich spätestens um 22:00 Uhr im Reich der Träume weilte.
Und jetzt? Zurück auf dem Festland? Zurück in Ranong, der Stadt an der Grenze zu Burma? Und zurück in „The B“, dem coolen Hotel, das so wirkt, als sei es in einer ehemaligen Fabrik erstellt worden?
Hier trocknet die Klimaanlage die tropisch feuchte Luft. Kein Tröpfchen Schweiß auf meiner Haut, keine Kakerlaken beim nächtlichen Gang auf die Toilette und dennoch bekomme ich kein Auge zu.
Irgendetwas ist im Gange!
Irgendetwas stimmt nicht!
Ich habe keinen Hunger!!
Und was hatte ich heute zu essen? Ich kann mich kaum erinnern. Ich bin so geschwächt. Lasst mich nachdenken -meine letzte Mahlzeit liegt 16 Stunden zurück. Es war das Frühstück! Nach und nach erscheint es wie ein Traum vor meinen Augen.
Es war gut!
Und ich hatte einen Bärenhunger.
Ein Haferflockenmüsli mit Obst und lecker Milch!
Ich glaube, ich liege im Fieber und es ist eine Erinnerung von zuhause…
Ich verputze das Müsli restlos. Und dann kommt ein Omelette dahergeschwebt.
Ein saftiges Omelette mit Zwiebeln und Pilzen und verschiedenen Käsen und dazu zwei Scheiben Vollkorntoast. Schnell rein mit Dir in meinen Magen, bevor mich dieser Traum verlässt!!
Aber nein! Es war so. Ich habe es alles so gehabt, im Cha Chai -so heißt das open-air Restaurant auf meiner Insel. Es gibt hier ausschließlich vegetarische Küche. In der Speisekarte werden 99 Gründe für die Fleischlosigkeit genannt. Ich habe nur eine einzige Missetäterin erwischt, die sich davon nicht überzeugen ließ: die süße kleine Katze. Sie biss immer wieder herzhaft in die Echse, die bereits vergeblich versucht hatte, ihr Leben für ihren Schwanz zu tauschen. Während wir Menschen unser höheres Sein durch wirklich köstliche Enthaltsamkeit demonstrierten, folgte das Schmusetier seinem grausamen Jagd- und Spieltrieb. Schau mich an, Pusy Cat! Vielleicht schaffst Du es in einhunderttausend Jahren ja auch noch!
Oh, ich fantasiere. Ich schwöre: Dies war meine einzige Mahlzeit heute! Zwei geeiste Kaffee und eine Cola noch. Mehr war da nicht. Ich hatte keinen Hunger mehr. Etwas stimmt also nicht.

Ich kann nicht schlafen.
Ich weiß genau ich kann es!
Nach drei Nächten gab mir Lek, mein Hüttenwirt, einen Upgrade.
Ich hatte es geschafft! Der Durchbruch! Ich durfte raus aus Hütte zehn und damit weg vom Generator. Und als wäre dies nicht genug, nein! Lek, welch Traum, ich bekam die 6! Danke Lek! Lakeview! Ein Volltreffer!!
Nein, nein, geneigter Leser -nicht jedem wird dieses Privileg zuteil. Ich hatte es geschafft, hatte Leks Vertrauen gewonnen, fühlte mich geadelt wenn er mich mit seinem thailändischen Akzent ‚Äric‘ rief. Gute alte Freunde!
Noch nicht einmal der Holländer hatte das geschafft.
Nein!
Der Holländer, der sich seit Ende Oktober wahrhaft dafür abgestrampelt hatte, hierher zu Lek an den Lake zu kommen. Gemeinsam mit seiner Frau war er in China mit dem Tandem gestartet und hatte schon über 4.000 km auf dem Gesäß. Und dennoch mussten sie in letzter Reihe in den bescheidenen Bambushütten ihr Dasein fristen. Mit Tandem.
Wie es aber die britische Familie nach Nummer vier und damit neben mich geschafft hat, das wird für immer ein Mysterium bleiben.
Anfangs, als ich die Drei das erste Mal am Abend registrierte, da hatte ich ein wenig Mitleid für das kleine Mädchen empfunden. Es war so fröhlich und tanzte herum -leicht übergewichtig in seinem rosa Tüllkleidchen.
Es ist 01:45 Uhr in der Nacht. Ich fantasiere. Ich sehe rosa Elefanten. -Streicht den letzten Satz bitte.
Aber was jetzt kommt, das stimmt ganz in echt:
Mama, nennen wir sie Brittanie, hustete sich von morgens fünf die Seele aus dem Leib. Ich fühlte mich erinnert an meine Zeit im Lungenkrankenhaus, in dem die krebskranken alten Männer die selben Laute von sich gaben und vernünftiger Weise dennoch auf der Toilette heimlich ihre Zigarren rauchten.
Mein Mitleid für das Mädchen wandelte sich. Das arme kleine Ding. Ist dies die letzte gemeinsame Traumreise einer bald nur noch zweiköpfigen Familie? Wird hier gerade ein letzter Wunsch erfüllt?
Aber nein! Fast schon überglücklich und erleichtert konnte ich dieses trübsinnige Szenario beerdigen.
Denn Brittanie schien nur in einem Frauenkörper gefangen zu sein. Bald schon gesellte sich zu dem tiefen Röcheln auch ein Gerotze und Ausspeien und Konversatzion wie durch das MEGAFON hinzu und mit einmal erstrahlte die Welt wieder in voller Blüte -Brittanie hatte nur eine schlechte Kinderstube!
Oder aber einen chinesischen Papa.
Eric!!
Pfui!
Halte an Dich! Komme zu Dir! Versuche Dich zu erinnern. Das alles -es sind die reinen Hungerhalluzinationen.
Denke an was Schönes.
Ja, Du Stimme aus dem Licht. Du hast recht.
Oh, ein Seeadler. Zwei, drei -nein viele! Dazu ein Eisvogel. Und da! Ein Schwarm von Hornbills boaaaah, sind die aber toll. Die haben aber einen großen Schnabel.
Und das Meer!
Der Strand!
So weit und so leer.
Schau mal: Ich gehe auf dem Meeresgrund -wo ist all das Wasser hin? Ist da am Horizont das große Seeungeheuer, das alle sechs Stunden das Wasser verschluckt?
Bestimmt! Das muss es doch auch. Denk doch mal nach! Jeden Abend muss es ja auch den leuchtend roten Feuerball fressen, der da immer vom Himmel fällt. Und da bekommt es halt ganz großen Durst.
Aber pssst!! Nix erzählen! Da auf der Insel, da ist es gar nicht schön.
Braucht Ihr gar nicht hin!
Da ist nix.

02:38 Uhr. Ich kann nicht schlafen.

Lächelnde Buddhas, befreite Vögel und ein unsichtbares Fest

Diesen Beitrag kriegt ihr nur und jetzt, weil sie ohne mich feiern, diese Thais. Ich kann es genau hören und jetzt schon den zweiten Abend, aber ich finde es nicht: das unsichtbare Fest. Gestern Abend schon wummerte die Musik und ich hielt es natürlich für die Siegesfeier des FC Sukhothai. Die Freude sei ihnen gegönnt, sagte ich mir, steckte mir Stöpsel in die Ohren und schlief ab halb elf, vielleicht war es auch 11, selig. Wenn man mich lässt, bin ich offensichtlich doch zu erheblicher Entspannung in der Lage – als ich am Morgen aufwachte, zeigte die Uhr viertel vor 10…. Heute Abend wollte ich dann aber doch am Spaß teilhaben und zog um 21:00 Uhr noch mal los, um die Party zu finden.

Kleine Sentimentalität: mein (Ex-) Balkon!
Kleine Sentimentalität: mein (Ex-) Balkon!

Ich lief durch einsame Straßen, Wohnviertel, in denen noch ein paar Menschen beim Essen oder Fernsehgucken zusammen saßen, sonst aber eher nur Hunde und Katzen meinen Weg kreuzten, alles sehr schläfrig also, wenn da nicht diese Musik wäre. Es hörte sich interessant an, fast wie das Robbie Williams Konzert auf dem Cannstatter Wasen in Stuttgart, bei dem ich auf meinem Balkon dank günstiger Windrichtung fast jedes Lied mitsingen konnte. Aber diese Fete lässt sich einfach nicht lokalisieren! Nach einer halben Stunde gebe ich auf, sichte einen 7/11 (warum bitte gibt es die bei uns nicht?) und beschließe, den Abend mit einem Fläschchen Chang Bier auf meiner Veranda ausklingen zu lassen. Und deswegen wird es jetzt diesen Beitrag geben.

P1070725Also, trotz späten Starts heute morgen war der Ausflug nach Alt-Sukhothai ein sehr schöner. Mit dem Sammeltaxi ging’s bis zum Fahrradverleih ( was der den Chauffeuren wohl zahlt, damit sie die Kunden direkt vor seinem Geschäft aussteigen lassen?). Mein Auge fiel auf ein cremefarbenes Retromodell, ich fragte den Verleiher, ob er auch welche mit Gangschaltung hätte, da zeigte er mir stolz die funktionierende Vorderbremse. Hinterbremsen sind auch völlig überschätzt und P1070736
eine Gangschaltung brauchte ich tatsächlich nicht, der „Historical Park“ ist topfeben, deswegen wurden wir uns handelseinig. Also rein in den Park, Weltkulturerbe seit 1991 und Heimat der Überreste der Hauptstadt des antiken Königreichs Sukhothai. Dieses bestand vom 13. bis 15. Jahrhundert und aus dieser Zeit sind auch die Ruinen, die im Park zu sehen sind. Unwillkürlich drängt sich mir der Vergleich mit Angkor in Kambodscha auf und damit ist es eigentlich nicht P1070749zu vergleichen. Angkor ist so unglaublich groß und prächtig, dagegen ist Sukhothai eher überschaubar, aber die wissend lächelnden Buddhafiguren schaffen eine Atmosphäre der Gelassenheit und Weisheit, die man auch in Angkor an vielen Stellen spürt. Ich laufe durch die Ruinen, die so verstreut liegen, dass es zu Fuß ganz schön nervig gewesen wäre, lege immer wieder Pausen ein, bleibe fast eine Stunde an einem See sitzen und lese. Irgendwann komme P1070729ich zu einem modernen Denkmal, das wahrscheinlich nur für Thais eine besondere Aussagekraft hat. Ich trinke eine Cola und schlendere herum, da fällt mir ein kleiner Stand mit einem Stapel, der Geräusche von sich gibt, auf. Ich gehe näher ran und sehe, dass die Verkäuferin kleine, winzig kleine Käfige aufgetürmt hat, in denen sich je zwei sehr kleine Vögel drängen. Ich habe das mal in Hongkong gesehen, wilde Vögel werden gefangen und zum Freilassen wieder verkauft, das soll P1070741Glück bringen. Nun denn, mein excellent luck kann ja nie genügend Auffrischung bekommen, aber vor allem finde ich das mit den Piepmätzen ganz schrecklich. Den Brauch werde ich schlecht ändern können, aber wenigstens einem Teil könnte ich doch zur Freiheit verhelfen. Wie viel es denn koste, frage ich sie, sie nimmt zwei Käfige und sagt „100“. Das ist eigentlich zu viel, deswegen frage ich, was ein Käfig kostet. „100“ erwidert sie grinsend., eindeutig nicht zu P1070753Verhandlungen bereit. Na egal, her mit den zwei Käfigen. Sie findet ihre Taktik hervorragend, ruft ihrer Standnachbarin zu: 2 for 100, 1 for 100 und lacht laut. Ich nehme die Minikäfige, ziehe einen Gitterstab hinaus, es dauert kurz, bis die Vögel merken, dass sie sich jetzt in die Freiheit quetschen können, aber dann flitzen sie über den See davon. Na, hoffentlich warnen sie ihre Kumpels!

Die Sonne senkt sich langsam und der freundliche Fahrradvermieter hatte mir gesagt, dass P1070722das letzte Sammeltaxi nach Neu-Sukhothai um halb 6 zurückfährt. Also mache ich mich langsam auf den Rückweg, gebe das Fahrrad zurück und will mich eigentlich noch in eins der Cafés setzen, da fährt ein Sammeltaxi an mir vorbei. Ach egal, denke ich mir, laufe hinterher, der Fahrer bremst kurz, ich springe auf und fahre zurück. Ein leckeres Abendessen und einen Entspannungsstopp in meinem Bungalow später mache ich mich dann auf die Suche nach dem unsichtbaren Fest, womit wir wieder am Anfang der Geschichte wären…

 

Olé Olé Olé Olé!

Guten Abend, liebe Freundinnen und Freunde, heuteIMG_0284 berichte ich LIVE vom großen Finalkampf des FC Sukhothai in Orange gegen die Blauen (Name konnte ich noch nicht rausfinden). In der zweiten Halbzeit steht es nach anfänglicher Überlegenheit des FCS und kurzen Durchhängern vor der Pause nun endlich verdient 1:0 für Sukhothai. Ich habe mich von meinem Platz direkt vor der Leinwand wegen akuter Mosquitoattacken zurückgezogen an einen der Straßenstände gegenüber, und bekomme bald ein Bier und Nudeln und alles mit, was quer über die Straße rüber passiert. Sollte also zwischenzeitlich ein weiteres Tor fallen – ihr werdet es erfahren!
IMG_0282Die Busfahrt von Lampang nach Sukhothai dauerte entspannte dreieinhalb Stunden. Der Bus sah von außen zwar ziemlich zusammengeflickt aus, drinnen gab es aber bequeme Sitze. Gut, die Stoßdämpfer waren nicht ganz neu und so wogten wir über die Straßen – Oh, einer der Orangen hat eine echte Chance vergeben, so schade – bis wir fast pünktlich in Sukhothai ankamen. Der Taxifahrer nahm mir für einen fairen Preis schon beim Aussteigen das Gepäck aus der Hand und 10 Minuten später war ich im Hotel. Wieder mal ein sehr schöner Bungalow, IMG_0283dunkles Holz, Antiquitäten, große Veranda mit Tagesbett und alles in einem tropischen Garten. Die eigentliche Attraktion der Stadt liegt 12 km weit entfernt in Alt-Sukothai, nämlich eine riesige historische Tempelanlage, die mindestens mit dem Fahrrad durchquert werden muss. Morgen und wenn es toll ist übermorgen noch mal. – Aufregung vor dem Torraum der Blauen, aber Entwarnung. Dafür ist mein Bier endlich da – Das heißt also, morgen mit dem Sammeltaxi nach Alt-Sukhothai und dann wieder rauf aufs Radel – Soeben wurde die Nudelsuppe serviert, das Spiel plätschert eher vor sich hin- .
P1070717Auf das Public Viewing traf ich zufällig, ich hörte laute Musik, sah viele Menschen aufstehen, dachte zunächst, das sei ein rituelles Absingen der Nationalhymne, dann setzten sich aber alle und fingen an zu johlen. Das war eindeutig Fußballjohlen und da sah ich auch schon die riesige Leinwand. Eine stationäre, damit sie hier immer Spaß haben können, das wär doch mal was für uns. Ich ging also hin, sah viele Menschen in orangefarbenen Trikots, ausgerüstet mit kalten Getränken, und wurde sofort und sehr stolz informiert, dass es sich um den lokalen Fußballverein P1070720handele. Ob das das Endspiel um die Meisterschaft oder so sei, fragte ich, verstand aber die Antwort leider nicht. Egal, spannend war es trotzdem. Nach zehn Minuten wummerten laute Bässe los, ich war etwas irritiert, aber die Thais stehen ja auf Lärm. In der Halbzeitpause sah ich dann, dass das mitnichten der Belebung des Spiels dienen sollte, sondern zu einem Freiluft-Aerobic-Kurs gehörte, der nebendran im Park gestartet worden war. Na, wenn schon Spaß, dann alle zusammen. – Oh, böses Foul am Stürmer der Orangen, er lässt sich in den Strafraum fallen, aber darauf fällt der Unparteiische nicht rein!-
Anders als in Lampang bin ich hier doch durchaus wieder unter Touristen. Mein Hotel liegt etwa zehn Minuten von der kleinen Backpackermeile entfernt, ganz ideal, so habe ich beides: die sehr originale Innenstadt mit Markt direkt vor der Tür und die Backpackercafes in Gehweite. – Oh, die Triumphgesänge setzen ein, dabei läuft das Spiel noch. Sogar eine Pauke kommt zum Einsatz. Ob’s jetzt noch einen Autokorso gibt? Die Suppe war übrigens nicht gut. Geschmacklos. Und das in Thailand. Eine Sünde!
Aus! Das Spiel ist aus! Sukhothai gewinnt mit 1:0 gegen die Blauen und damit – äh, den Pokal? Die Meisterschaft? Oder einfach nur das Spiel? Jedenfalls einen Fan mehr ab heute.

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Kein Schiff wird kommen

Krabi war einer dieser seltsamen Orte, die ich nicht verstehe. Ich hatte eine Unterkunft am Strand etwa 25 km westlich der eigentlichen Stadt gelegen und vermutlich war diese Gegend im Vergleich zu anderen hier tatsächlich ein eher ruhigerer Ort. Aber schon der Start, also die Fahrt vom Flughafen zum Hotel bereitete mir Magengrummeln. Für eine vergleichbare Strecke hätte ich an Orten mit wenig Tourismus nur einen Bruchteil gezahlt. Damit ich richtig verstanden werde: 800 Bath sind etwa 20 Euro, also nicht die Welt. Und wenn ich andernorts dafür 400 gezahlt hätte, dann wäre das immer noch mehr als für Einheimische, aber realistisch gewesen. Doch in Orten wie Krabi, da herrschen andere Gesetze, nämlich jene, die die für hier typischeren Touristen zulassen und fördern. Es sind jene, die sich gar nicht erst die Mühe machen, sich mit den Gegebenheiten im Lande auseinanderzusetzen, jene, die auch ohne auf die Verhältnismäßigkeit zu schauen, für eine Nacht in einem Ressort (mit zugegebenem hohen Standard) 270 Euro hinblättern, also etwa 75% eines durchschnittlichen Monatsgehalts eines Thailänders.
In solchen Orten gerät nach und nach alles aus den Fugen und so verwundert es fast schon nicht mehr, dass sich einem hier am Strand auch als erster Eindruck ein praktisch nackter europäischer Frauenleib entgegenstreckt. In dieser Gegend Thailands leben mehrheitlich Moslems -wie ist das doch gleich mit der mangelnden Integrationsfähigkeit und dem fehlenden Respekt gegenüber der „Mehrheitskultur“?
Und ganz klar bekommt man hier auch überall die ganze Palette der westlichen Populärküche angeboten. Das wäre ja noch hinnehmbar, wenn es denn auch original thailändisches Essen gäbe. Aber das zu finden ist hier nicht ganz einfach, denn das, was da allenthalben noch auf der Karte steht, das wurde dem 08/15-wischiwaschi-buäh-mir-ists-zu-scharf-Geschmack der Klientel angepasst.
Also was bleibt da? Die Flucht!
Aber eine Bemerkung noch: Die Landschaft, die ist hier wirklich schön. Der Strand ist ewig lang und überall sind die steil nach oben schießenden und dicht bewachsenen Kalkfelsen zu sehen, die für die Gegend typisch sind.
Ich jedenfalls zog weiter und musste dafür den Wecker um 05:15 klingeln lassen. Ein Wagen brachte mich zum Busbahnhof, wo ich eine Stunde vor Abfahrt des Busses bereits eintraf. Der Eigentümer des Nachbarhotels hatte mich am Abend zuvor etwas verunsichert. Mir war klar, dass es nur zwei oder drei Fahrten von Krabi ins etwa 330 km entfernte Ranong nahe der burmesischen Grenze gibt. Er meinte jedoch, dass es gut sein könne, dass es keine freien Plätze mehr gäbe. Dann hätte ich mit Umsteigen das Ziel zwar auch noch erreicht, wohl aber erst nach Ablegen der letzten Fähre zur Insel Koh Phayam, meinem eigentlichen Ziel.
Doch, wie so oft, war alles kein Problem und genug Plätze frei. Der Bus war bei der Abfahrt sogar zu 2/3 leer. Ich fragte die Ticketverkäuferin noch, wie lange die Fahrt dauern würde. Fünf Stunden, antwortete sie.
Pünktlich um 08:30 Uhr fuhren wir los -und blieben auch schon wieder wenig außerhalb des Busbahnhofs am Straßenrand stehen. Fahrer und Kontrolleur telefonierten leicht hektisch und nach zwei Minuten wurde klar, warum die Abfahrt unterbrochen wurde. Ein Pick-up fuhr mit zwei älteren Franzosen auf unseren Bus zu, spuckte diese aus und schon flitzten sie in unseren Bus hinein -verschlafen oder was??
Keiner regt sich auf oder wundert sich. Alles normal.
Und ja, es sollten noch viele Halts auf der Route folgen, denn offenbar schätzt man den Komfort, an der dem Heim nächstgelegenen Kreuzung zur Hauptstraße aufgelesen zu werden. Offizielle Haltestellen gibt es nur in den größeren Städten und so erfolgt auch der Ausstieg auf Zuruf. Dadurch wurden aus den angekündigten fünf Stunden Reisezeit schließlich sechseinhalb. Ich fühlte mich an die Deutsche Bahn erinnert…
Während der Fahrt waren mir ein paar Besonderheiten aufgefallen, Verhaltensweisen, die so bei uns eher nicht vorkommen. Einmal ist es so, dass sich die Einheimischen absolut selbstverständlich zu anderen Menschen dazusetzen. Das tun sie selbst dann, wenn sie unter 30 Doppelsitzbänken 20 unbesetzte vorfinden. Nicht, dass sie es zwangsläufig auf ein Gespräch abgesehen hätten. Es scheint einfach gar nicht in ihren Überlegungen zu existieren, dass ein Platz alleine, ohne Nachbar von besonderem Interesse sein könnte.
Andererseits habe ich aber auch beobachtet, wie sich zwei Frauen, die sich offensichtlich kannten, direkt auf die Fensterplätze hintereinander setzten und so die ganze Fahrt über relativ laut miteinander kommunizierten, ohne sich dabei ansehen zu können. Die Plätze neben ihnen waren leer. Selbst als sich dann dort jemand hinsetzte, der Zeitpunkt zu dem man sich bei uns dann spätestens doch zusammengesetzt hätte, weil einem ein bekannter Nachbar lieber ist als ein fremder, blieben sie bei ihrer den Bus unterhaltenden Tandemkommunikation. An der störte sich auch keiner.
Ankunft 15:00 Uhr, also noch eineinhalb Stunden Zeit bis zum letzten Fährboot. Selbstverständlich ließ ich die teuren Taxiangebote im Busbahnhof links liegen, hatte ich doch zuvor im Internet gelesen, dass es außerhalb Sammeltaxen gäbe. Also habe ich mich auf die Suche begeben und erhielt schließlich von einer freundlichen Frau die Information, dass die blauen Wagen zum Pier fahren würden. Als dann schließlich eines vorbei kam, da war es schon ganz gut besetzt, so dass ich meinen viel zu schweren Rucksack auf das Dach des Gefährts wuchtete und mich ins Innere zu den anderen auf die Holzbänke gesellte. 10 Bath kostete die Fahrt und um 15:35 war ich an der Ablegestelle.
Vermutlich war es Respekt zollend, doch trifft es mich ja dennoch: Ein leicht pummeliges Mädchen kam aus einem Schuppen des Ticketverkaufs und sprach mich mit „Papa“ an. Aaaah!!!
Aber es sollte noch dicker kommen…
Ich sagte, ich wolle gerne eine Überfahrt für die 16:30 Uhr Fähre buchen. Und sie erwiderte, es gäbe keine Fahrt um 16:30 Uhr.
Aber sicher Mädchen. Ich weiß es genau! Das hat mir nämlich mein Hotelmanager von der Insel zugemailt.
Dann betritt ihr leiblicher Vater die Szenerie und erklärt: Ja, ja -da hast Du schon recht. Eigentlich fährt ein Boot um 16:30 Uhr. Doch:

‚Kein Schiff wird kommen.
Und Deinen Traum erfüllen
Und Deine Sehnsucht stillen
Die Sehnsucht dieser Nacht.

Denn dieses Boot, das hat einen Maschinenschaden und fährt erst morgen wieder.
Ätschbätsch.
Mist. Und jetzt?
Ich rufe den Hotelbesitzer an und vergewissere mich bei ihm, dass ich hier keinen Gaunern aufsitze. Aber es scheint alles mit rechten Dingen zuzugehen. Ich frage noch nach einem Hoteltip für Ranong und er nennt das Hotel „The B“. Ok. Zurück zur Hauptstraße und dieses mal das rote Sammeltaxi. Der Fahrer versteht erst nicht, wohin ich möchte und so verfolge ich auf meinem Handy die Fahrtroute, bereit am nächsten zum Hotel gelegenen Punkt Stop zu rufen. Doch da entlässt er nach zehn Minuten Fahrt alle anderen Fahrgäste, da eine Hauptstraße gesperrt ist. Mich lässt er sitzen und deutet mir an, dass er nun weiß, wohin ich möchte. Er umfährt die Sperrung und gibt mir eine Exklusive Fahrt bis zum Hotel. Sehr gut. Genau wie das Hotel selbst auch.
Nach einer kurzen Entspannungspause mache ich mich auf, den Nachtmarkt zu erkunden, der heute im Zeichen des chinesischen Neujahrsfestes steht. Viel Kleidung und allerlei möglicher Haushaltswahren wurden angeboten, dazwischen natürlich viele Essensstände. Eine Art Crêpe-Omelette-Mischung mit allerlei Zutaten probiere ich -köstlich!
Schließlich biege ich in den Innenhof einer Schule ein. Hier zeigen die Schüler ihre lange einstudierten Tanzdarbietungen. Am lustigsten sind die Knirpse, die eine wahre show abziehen. Sehr nett!!
Schließlich setze ich mich noch in ein Restaurant und esse eine sehr scharfe Suppe mit noch schärferem Papayasalat. Puh!

Am nächsten Morgen klingelt der Wecker wieder, dieses mal um sechs. Das Frühstücksbuffet hält für mich Honigtoast, Cornflakes und Obst bereit. Ich gestehe: Hier bin auch ich nur bedingt integrationswillig und lasse die thailändischen Speisen links liegen.
Dann Fahrt zum Pier: Hello again! Um 8:30 Uhr ist hier schon einiges los und um fünf vor neun beginnt das Boarding. Ca. 30 Passagiere werden auf ein kleines Sport-Motorboot gelassen. Es werden marode und viel zu enge Rettungswesten ausgegeben und darauf bestanden, diese überzustreifen. Dann geht es los. Erst langsam im Hafenbereich und den Flusslauf entlang und dann schneller werdend ab dessen Mündung in das Meer. Das Boot schlägt immer wieder hart auf der Wasseroberfläche auf. Seeadler kreisen über uns, einer passiert uns mit einem Fisch zwischen den Greifern. Nach einer dreiviertel Stunde legen wir an.
Auf Koh Phayam gibt es keine Autos und so lasse ich mich von den hier üblichen Motorradtaxen fahren. Ein Motorroller, darauf zwischen Lenker und Fahrer eingeklemmt mein Rucksack. Dann der Chauffeur und schließlich ich. Die Fahrt ist nicht lange, doch ist sie schön durch das saftige tiefe Grün der Insel.
Ich bin angekommen!
Geschafft.

Wat satt

Lampang ist ein gemütlicher Ort, eine Kleinstadt P1070711mit etwas über 50.000 Einwohnern ohne große touristische Infrastruktur. Im Lada House, meiner Unterkunft, gibt es Fahrräder, die perfekt zum Laura Ashley-Design passen, früher sagte man Gesundheitslenker, jetzt Retrodesign. Eins davon will ich mir schnappen, aber da kommt schon meine Vermieterin angelaufen, prüft den Reifendruck, befindet, dass Luft nachgefüllt werden müsse, pumpt nach und legt mir noch zwei Orangen in den Fahrradkorb „For lunch.“. 🙂

Ich schwinge mich auf den Sattel, ziemlich P1070658 (1)bequem und diesmal tun die Bremsen auch. Dann kurve ich einfach mal los. Vielleicht noch ein Lob an den lieben Eric: sein Tipp mit den Online-Maps ist klasse, ich will zwar nirgendwo hinfinden, aber ich weiß, dass ich jederzeit zurückfinde und das gibt mir die Freiheit, überall dort abzubiegen, wo es interessant aussieht. Und das tut es an vielen Ecken in Lampang. Wats, die typisch thailändischen Tempelanlagen, gibt es hier P1070666wirklich überall und in unterschiedlichen Architekturstilen. Als erstes finde ich einen gleißend weißen Wat mit blinkenden Silberverzierungen im Stil des berühmten Wat Rong Khun in Chiang Rai. Fast etwas kitschig, gut, kann ich mir die Reise auch sparen. Dann mal auf die andere Seite des Flusses, die wichtigsten Wats liegen dort. Die Orientierung hier fällt nicht schwer und es gibt doch tatsächlich so etwas wie einen Fahrradweg zu den wichtigsten P1070667Attraktionen. So finde ich den Wat Pongsanuk ganz unproblematisch. Ein schöner traditioneller Wat mit einem liegenden Buddha und ohne Touristenströme, sehr angenehm. Um die Ecke dann ein weiterer Wat, ich will nur kurz hineinschauen, aber da habe ich nicht mit Surasak Saibundit gerechnet. Ich laufe um den Tempel herum, da kommt er aus einem Haus herausgelaufen und fragt „Do you speak Thai?“. Nein, tue ich leider nicht. Da nimmt er mich am P1070672Arm und führt mich herum, deutet auf einen Hund „Ma“, auf den Tempel „Wat“, auf sich „Puchay“ (Mann), auf mich „Pujing“ (Frau). Er führt mich zu einer Statue, berichtet eine Göttergeschichte (oh, so ganz habe ich sie nicht verstanden). Zwei thailändische Touristen kommen dazu, er entschuldigt sich bei mir, er müsse jetzt alles noch mal auf Thai erklären. Ich  bedanke mich bei ihm und will weiter ziehen, da kommt er hinter mir her. Nix da, hier geblieben, das beste fehlt ja noch. P1070660Er führt mich zu einem offenen Haus am Eingang der Anlage, vor dem mehrere Menschen mit gefüllten Tabletts warten. Drinnen sehe ich einen Mönch sitzen, der die Gaben entgegen nimmt und die Gläubigen segnet. Ob ich ihm auch etwas geben möchte. Klar, mach ich. Surasak verschwindet kurz, kommt mir drei Wasserflaschen zurück, 20 Baht. Das ist nicht viel, hoffentlich endet das nicht in einer kleinen Bescheißerei. Ich erinnere mich noch sehr gut an Laos vor vielenP1070670 Jahren, als ich früh morgens an der Speisung der Mönche teilgenommen habe, zwei Frauen mir ständig Essenportionen gaben, die ich an die Mönche weiterreichte und sie uns danach eine heftige Rechnung präsentierten. Surasak sorgt erst mal dafür, dass ich über einen Nebeneingang direkt in die erste Reihe vor den Mönch komme. Ich soll mich hinknien und meine Wasserflaschen überreichen. Dann bekomme ich einen Briefumschlag, noch mal 20 Baht soll ich da rein tun und meinen

Törö!
Törö!

Namen draufschreiben. Ok, das mach ich noch, die anderen hier tun es auch und 20 scheint das Standardopfer zu sein. Der Mönch murmelt fortwährend Gebete, greift die Umschläge, baut die darauf stehenden Namen in seine Litanei ein, ich verstehe „Julia“. „That’s for good luck, health and happiness.“ Klasse, mein excellent luck aus Japan kann gerne noch ergänzt werden. Ich soll dann meinen linken Arm hinstrecken, der Mönch bindet mir ein weißes Baumwollband um das Handgelenk und bastelt dann aus einem weiteren Band und einem herzförmigen IMG_0276Anhänger eine Kette, die er mir umhängt. Jetzt bin ich schon ziemlich ergriffen. Damit bin ich fertig, andere rücken nach. Surasak führt mich hinaus, ich soll mich unter einen Baum setzen, er bringt mir eine Flasche Wasser, Bananen eine Postkarte vom Wat und eine Art Visitenkarte des Mönchs. Das würde er mir alles schenken. Dann schreibt er seine Adresse auf die Postkarte und bittet mich, ihm meine Adresse in sein Notizbuch zu schreiben. Ich bedanke mich und habe jetzt ein ziemlich schlechtes Gewissen, dass ich ihm böse Absichten unterstellt habe. Ich bin schon bei meinem Fahrrad, da kommt er noch mal, ein junges Mädchen mit Handy im Schlepptau. Ah, ich verstehe, er will ein Photo. Kriegt er natürlich und ich reiche dem Mädchen auch noch mein Handy. Danke, Surasak, für dieses schöne Erlebnis.

IP1070681ch kurve weiter durch die Straßen, hier auf dieser Seite des Flusses gibt es ruhige Wohngegenden mit vielen traditionellen Holzhäusern. Kleine Kinder winken mir zu, ältere Frauen schauen verwundert, was diese Radlerin hier zu suchen hat, lachen dann aber freundlich. Unten am Fluss grasen Pferde, hier haben die Kutscher ihre Lager, in Lampang gibt es noch PP1070696ferdekutschen, auch wenn sie meist für Touristen eingesetzt werden. Irgendwann wechsele ich wieder auf die andere Flussseite, Brücken gibt es hier genug, und genehmige mir zum Abschluss noch einen Wat. diesmal im burmesischen Stil. Watsatt kehre ich ins Lada House zurück, setze mich in den schönen Garten und freue mich schon auf einen weiteren Besuch beim Currygott auf dem Nachtmarkt.

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