Was für eine Stadt!

20160716-Portugal-Lissabon-20Es ist ja immer riskant, einen Ort wieder zu besuchen, den man beim ersten Mal absolut beeindruckend fand. Erste Begegnungen sind leider unwiederbringlich und das Gefühl, den Sonnenaufgang über dem Mount Bromo auf Java oder nach einer Wanderung durch die Altstadt die Klagemauer in Jerusalem zu sehen, wird sich in der ersten überwältigenden Intensität wohl nie wiederholen lassen. Auf unserer Reise gab es diese Momente zum Beispiel  beim ersten Blick auf den Grand Canyon und auf die Weite des pazifischen Ozeans auf der Osa-Halbinsel in Costa Rica. Eine Stadt, die mich in den letzten Jahren auf diese Weise fasziniert hatte, war Lissabon, als ich vor drei Jahren das erste Mal hierher kam. Und meine Befürchtung, dass der Zauber beim zweiten Besuch verpuffen würde, war groß. Aber: Lissabon ist weiterhin großartig!

Der Flug von Toronto über Amsterdam nach Lissabon war indisch: die Desorganisation von Jet Airways ist bemerkenswert und ich fände es durchaus liebenswert, wenn sie nicht auch noch mit ihrer Kühltechnik für eine heftige Erkältung bei mir gesorgt hätten. Nach einer kurzen Nacht (Start um halb acht abends, um halb elf gab es nach langem Warten was zu essen, um halb zwölf, als wir endlich schlafen wollten, folgte ich dem Tross der Passagiere und brachte unsere Tabletts selber zurück in die Bordküche) gab es zum Frühstück ein Stück Kuchen und die Frage, was wir trinken wollen. Kaffee, war unsere Bitte. Later, war ihre Antwort. Nach einer kaffeefreien Stunde kam die Ankündigung des Piloten, dass wir bald landen würden. Nach Koffein lechzend ging ich zu den Stewardessen und scheuchte sie auf – bei ihrem Morgenkaffee. Bitte, zwei mal Kaffee! Na gut, sagte der Steward, und brachte uns zwei weniger als halbvolle Becher (wahrscheinlich das, was die Crew übrig gelassen hatte). Incredible India!

Nach einem langen Aufenthalt am Amsterdamer Flughafen erreichten wir am frühen Nachmittag Lissabon. Es ist Ferienzeit und wir sind eindeutig nicht die einzigen, die Portugal erleben wollen. Wir kaufen erst eine Fahrkarte für den Bus in die Stadt (high frequency, heißt es, der Bus kommt in fünf Minuten), reihen uns auch brav in die Warteschlange ein, entscheiden uns nach einer halben Stunde dann aber, unsere Tickets an andere Reisende 20160715-Portugal-Lissabon-03weiterzugeben und ein Taxi zu nehmen. Der Fahrer brettert mit uns durch den dichten Verkehr und nach etwa zwanzig Minuten erreichen wir die Innenstadt. Unser Apartment liegt am „Praca da Figueira“ mitten im Zentrum von Lissabon, fünf Stockwerke ohne Aufzug, mit einem sensationellen Blick über die schöne Stadt. Wenig Schlaf und Zeitumstellung lassen und den frühen Abend verdämmern, aber in Lissabon geht das Leben ja sowieso erst ab 10 richtig los. Wir bummeln durch die Straßen und ich finde meinen Lieblingsort für Ginjinha wieder – der wunderbare Kirschlikör, 20160716-Portugal-Lissabon-42den man eiskalt und randvoll gefüllt für 1,35 Euro kredenzt bekommt und im Stehen vor dem winzigen Ausschank schlürfen kann. Gegen 11 finden wir ein Fischrestaurant und genießen unseren ersten Stockfisch und Oktopus mit wunderbarem Blick auf die Burg von Lissabon. Was für ein schöner Start in diese wunderbare Stadt!

Am nächsten Morgen schlafen wir bis 10, im kleinen Mercado um die Ecke (wenn da nicht die fünf Stockwerke wären…) gibt es alles, was das Herz und der Magen begehrt, und unser Frühstück an der offenen Flügeltür unseres wirklich reizenden Apartments zieht sich zwei Stunden. Und dann los, in die Straßen der Altstadt. Die Sonne brennt vom tiefblauen Himmel, aber der frische Wind vom Tejo macht es trotzdem angenehm. Hinter jeder Ecke finden sich neue wunderbare Orte und ich bin so froh, dass Eric meine Begeisterung teilt.

20160716-Portugal-Lissabon-2120160716-Portugal-Lissabon-23

Am Abend suchen wir nach einem Restaurant, die Fußgängerzonen sind voll mit Touristenkneipen, aber uns zieht es in die Seitenstraßen. Wir schauen auf die Karte einer kleinen Gaststätte und der Kellner spricht uns an. Sie hätten ein tolles Menü und das Essen sei hervorragend. Also setzen wir uns an einen der zwei Tische auf der Straße, eingerahmt von zwei parkenden Autos, und bestellen das Menü. Der Kellner kommt 20160716-Portugal-Lissabon-47zu uns, so ganz verstehen wir sein Englisch nicht. Er fragt Eric, ob er Photos machen möchte, hier sei nämlich alles irgendwie auch Museum. Eric geht mit ihm rein, ich komme irgendwann hinterher und es stellt sich raus, dass der Kellner aus Nepal kommt. Wir erzählen ihm, dass wir in Nepal waren und es uns so sehr gefallen hat. Die Unterhaltung ist witzig – sein Englisch ist sehr speziell und wir rutschen von einem sprachlichen Missverständnis zum nächsten, haben aber alle viel Spaß dabei. Das Essen, das er zwischendrin serviert, ist eher – tja – interessant. Wahrscheinlich ambitioniert, aber – sorry, ihr freundlichen Menschen – einfach nicht gut. Eric bekommt von Minzlikör grün gefärbten Reis mit gebratenem Lachs und ich einen gewürzlosen Brei aus Stockfisch, Brot und Tomatensoße. Wirklich nicht lecker, aber der nette Kellner macht es wett. Dann kommen seine portugiesische Chefin und der Koch himself, sie wollen wissen, wie es uns geschmeckt hat. Very good, sagen wir schief grinsend, sie sind so nett, was sollen wir sagen? Die Chefin würde sich so gern mit uns unterhalten, aber sie spricht kein englisch und wir leider gar kein portugiesisch. Eric versucht es trotzdem, denn der Nepalese mit dem lustigen Englisch hat ihm erklärt, sie sei eine Sängerin. Oder vielleicht auch was ganz anderes. „You are a singer?“, fragt Eric freundlich. Sie ist etwas pikiert und fragt zurück „Me single?“ Ich kichere vor mich hin, da kommt sie mit ihrem Handy. Der Kellner hat sie in „Google translate“ eingeweiht und jetzt legt sie los. Sie spricht ins Handy und hält mir die Übersetzungen hin. Ihr Vertrauen in Eric hat sie seit der Single-Frage offensichtlich verloren. Sie sprudelt los mit Tipps, was wir uns in Lissabon und Portugal alles anschauen sollen, und meistens verstehe ich auch, was Google mir so übersetzt. Sintra sei toll und Cacais (allein wie sie den Namen des Ortes ausspricht, Cajschcaijsch, macht Lust auf einen Besuch dort) und Fado und und und. Ich muss mindestens noch mal vier Wochen für Portugal einplanen, das hört sich alles so wunderbar an! Sie serviert uns zum Abschied einen hausgemachten Kirschlikör, wir genießen ihn wegen der netten Menschen, aber auch er ist nicht gut. Dieser Ort ist wunderbar, wir würden ihn so gern empfehlen, wenn das Essen nur nicht so schlecht wäre… Sehr beglückt ziehen wir trotzdem von dannen.

Vielleicht schafft es Eric ja noch, einen etwas objektiveren Bericht über Lissabon zu liefern, ihr merkt ja vielleicht, dass ich sehr verklärt bin, aber diese Stadt ist einfach nicht nur einen Besuch wert. Ein ganz schön gelungener Einstieg in den Heimatkontinent!

20160716-Portugal-Lissabon-31 20160716-Portugal-Lissabon-36 20160716-Portugal-Lissabon-15

 

 

Vom Fisch und dem Kellner

20160716-Portugal-Lissabon-17Ganz schön hügelig ist dieses Lissabon. Aber das ist ja für einen Stuttgarter kein Problem. Und genau wie in Stuttgart gibt es hier Stäffele und sogar die Straßenbahnen erinnern an die Modelle, die in meiner frühesten Jugend zuhause ausgemustert wurden. Allerdings sind diese historischen Straßenbahnen komplett überfüllt. Unglaublich viele Touristen stehen Schlange, um eine Fahrt in den Gefährten zu ergattern und wenn sie es dann geschafft habe hineinzukommen, dann stehen sie da wie die Ölsardinen in der Dose.
20160715-Portugal-Lissabon-03Apropos Sardinen. Hier in Lissabon, da gibt es an allen Ecken und Enden Fisch und diesen dazu auch noch sehr lecker gegrillt und nicht in Panade zementiert und mit Mayonnaise wieder geschmeidig gemacht, wie bei uns zuhause oder auch in allen englischsprachigen Ländern dieser Erde. Es liegen hier auch nicht immer Pommes bei, sondern Salzkartoffeln und Gemüse. Also nur zu empfehlen und dazu auch noch recht erschwinglich. Jedenfalls hatten wir auch heute wieder Fisch in einem Restaurant, das zwar bei uns gleich um die Ecke, aber abseits der touristisch stark frequentierten Straßen liegt. Schon bei der Recherche im Internet nach einem guten Fischrestaurant stand da geschrieben, man solle sich nicht vom Äußeren des Etablissements abschrecken lassen. Wohl wahr. Und auch das Innere muss man hierzu zählen, denn vom Fußboden bis an die Decke ist es durchgängig mit schmucklosen weißen Kacheln versehen und erinnert so eher an ein Restaurant wie wir es aus Indien kennen. Sogar die 20160716-Portugal-Lissabon-41Neonbeleuchtung könnten sie sich dort abgeschaut haben. Aber das Essen, das ist wirklich klasse und schließlich ist das die Hauptsache in so einem Restaurant.
Ja, also, Sardinen: Julia hatte welche bestellt und bekam davon gleich fünf auf dem Teller geliefert. Während ich mit meiner einen Dorade dann irgendwann zum Ende kam, lagen bei Julia noch zwei ganze Fische auf der Platte und ich bot an, ihr einen zu filetieren. Ich bin da eigentlich gar nicht so schlecht drin, doch kaum hatte ich damit angefangen das Messer anzusetzen, da kam auch schon der Kellner, ein eher bulliger und griesgrämig dreinblickender Mann, an den Tisch getreten, entschuldigte sich kurz und meinte: no, no, no. Sprachs und nahm mir das Besteck aus den Händen. „May I?“. Aber klar, nur zu. Es ist ja so, dass wir Deutschland ja eher als Fischlegastheniker aufwachsen. Da kann man eine helfende und erklärende Hand schon mal gebrauchen. 20160716-Portugal-Lissabon-29Und so folgte eine Demonstration auf meinem Teller, wie man eine Sardine ordentlich zerlegt. Also schau: Schwanz weg, Kopf weg, Rücken aufgeschlitzt, das eine Filet entfernt, die Gabel in die Gräte nahe dem Rumpfende eingefädelt und zack, weg mit dem Ding. Filets wieder zusammengeklappt und guten Appetit!
Das ganze noch mit der zweiten Sardine auf Julias Teller -sie soll ja auch was lernen.
Ok, das ging wirklich schnell. Mein falscher Ansatz war, Schwanz und Kopf nicht entfernt zu haben. Aber für die nächste Sardine bin ich nun bestens vorbereitet!

Auf in die Alte Welt

20160710-Kanada-Ontario-Ottawa-28Nach über drei Monaten auf dem amerikanischen Kontinent rückt der Abschied unaufhaltsam näher. In drei Stunden geht es zurück nach Europa und zum Glück erst mal ins wunderbare Lissabon. Kanada war eine große Überraschung, mit der großen Weltoffenheit, Toleranz und Gelassenheit der Menschen hatte ich nicht gerechnet. Was denn aus ihrer Sicht der Unterschied zwischen den USA und Kanada sei, hatten wir eine Frau in Quebec gefragt und sie meinte „We don’t shoot each other.“ Ziemlich bezeichnend, dieser Satz.

Das mit der Gelassenheit trifft in einem Punkt allerdings nicht zu und das ist der Straßenverkehr. Auf Geschwindigkeitsbegrenzungen sollte man locker 15% draufschlagen und wer in der Fahrschule gelernt hat, der Abstand zum Vordermann sollte den halben Tacho betragen, der kommt hier nicht durch. Die USA und Kanada bestechen sowieso durch undurchsichtige Verkehrsregeln. Bis heute haben wir nicht verstanden, wie das mit dem rechts abbiegen an roten Ampeln funktioniert. Es scheint grundsätzlich erlaubt zu sein, aber P1080636da gibt es eine Menge Schilder, die das auch wieder einschränken könnten. Könnten, denn wir verstehen sie nicht. Deswegen halten wir eigentlich immer bis wir von hinten angehupt werden. Interessant ist auch die Regelung an Kreuzungen, bei denen jede Richtung ein Stoppschild hat. Da darf nämlich der fahren, der als erster da war. Blöd nur, wenn mehrere Autos da stehen – haben alle ein Stoppschild? Und wer war als zweiter, dritter da? Kompliziert… Aber, sie gehen mit der Zeit. Die gute alte Raststätte, an der man sich die Beine vertritt, hat ausgedient. Text Stops, sind das jetzt, SMS-Schreibstätten. Tja…

Aber zurück zu Kanada. Wir wollten endlich noch mal unser Zelt zum Einsatz bringen und Eric hatte einen schönen und recht einsamen Campingplatz gefunden. Als wir in Syracuse starten, scheint die Sonne und es ist heiß. Wir kommen gut durch, überqueren die kanadische Grenze sehr unproblematisch und fahren weiter Richtung Norden. Als die ersten Regentropfen fallen denken wir uns noch nichts. Die Tropfen verdichten sich und irgendwann pladdert es herab. Als wir am Campingplatz ankommen, hat es unter 20 Grad. Wir fragen die Rangerin, was sie denn so vom Zelten heute hält. „It’s a bit chilly“ lacht sie „but you can try if you want“. Nö, wollen wir nicht, beschließen wir später bei einem warmen Kaffee. Ottawa ist nicht weit und da sind wir auf dem Hinweg nur kurz durchgefahren. Also auf nach Kanadas Hauptstadt. Im „Motel Adam“ IMG_0531(liebe Helene, das Photo haben wir extra für Dich gemacht!) finden wir ein nettes Zimmer und fühlen uns beim Blick aus dem Fenster ins trübe Regenwetter sehr in unserer Entscheidung bestätigt. Unser Motel liegt in Gatineau, direkt gegenüber von Ottawa, nur getrennt durch den Ottawa River und eigentlich mittlerweile mehr ein Stadtteil – aber eben auch in der Provinz Quebec und das heißt: hier ist wieder alles auf französisch. Beim abendlichen Sprint durch den Regen zum benachbarten Schnellimbiss reichen unsere Sprachkenntnisse noch nicht mal zum Pommes-Bestellen, aber wir kommen mit dem netten Mädel, das uns bedient, ins Gespräch. Wir versichern ihr, dass wir eigentlich ein bisschen Französisch sprechen, aber sie sagt selber, dass das kanadische Französisch eine andere Welt ist.

20160710-Kanada-Ontario-Ottawa-15Am nächsten Tag und nachdem sich die Regenwolken verzogen haben, schauen wir uns Ottawa an. Die Regierungsgebäude wirken wie Trutzburgen, die sich aneinandergereiht an der Hauptstraße entlangziehen. Wir besichtigen das 20160710-Kanada-Ontario-Ottawa-19Oberste Gericht Kanadas, bummeln am Parlamentsgebäude vorbei Richtung Fluss und bestaunen den Rideau Canal mit insgesamt acht Schleusen, die alle von Hand betätigt werden müssen. Die Motorboote, die vom Ottawa River in den Kanal fahren, müssen 24 Meter Höhenunterschied überwinden und brauchen anderthalb Stunden Geduld, um von Schleuse zu Schleuse zu tuckern.

Mittlerweile scheint die Sonne wieder durchgehend und jetzt gibt es kein Pardon mehr: es wird gezeltet. Wir fahren zurück zum Murphys Point, ein großer Wald inmitten einer schönen Seenlandschaft, wie man sich Kanada halt so vorstellt. 20160711-Kanada-Ontario-Murpys-Point-04Der Campingplatz ist riesig und von dem kleinen Hügel im Wald, auf dem wir unser Zelt aufbauen, sehen wir keine anderen Menschen. Wir spannen unsere Hängematten auf und die Entspannung könnte so perfekt sein, wenn da nicht… bssss – hunderte von Mücken den Angriff starten würden. Wir sprühen uns ein, ziehen in der Wärme lange Hosen und Pullis an, aber nichts hilft: sie stechen durch Jeans und ungeachtet der 20160711-Kanada-Ontario-Murpys-Point-11Chemiekeulen. Eric sinnt auf Rache und schlägt zu: innerhalb weniger Minuten sind 51 Stechviecher ermordet und werden zur Abschreckung fein säuberlich aufgereiht den Artgenossen präsentiert, aber die sind wenig beeindruckt. Irgendwann geben wir auf und legen uns ins Zelt. Trotz der Widrigkeiten halten wir eine weitere Nacht durch, es ist schön hier und Stiche heilen ja auch wieder ab. Irgendwann. Noch jucken sie jedenfalls ziemlich.

20160712-Kanada-Ontario-Murpys-Point-13 20160711-Kanada-Ontario-Murpys-Point-06

Zelt und Luftmatratze Nr. 3 auf unserer Reise werden wir diesmal hier lassen, die Heilsarmee im nahegelegenen Örtchen Perth freut sich. Die letzte Nacht verbringen wir in einem Hotel vor den Toren Torontos und dann war’s das mit Kanada. Und Amerika. Auf nach Portugal!

 

Klein New York -Syracuse, NY

Syracuse im Staat New York erinnert in manchen Ecken an ein Klein-New-York aus den 1930er Jahren. Ohne Wolkenkratzer und auf dem absteigenden Ast, hat es zweifelsohne schon einmal bessere Zeiten gesehen.
Von keinem Krieg zerstört, haben aber Stadtväter (und wohl auch Mütter) sowie Spekulanten hier durchaus ganze Arbeit geleistet und sehr viele Schneisen in die Bausubstanz geschlagen. Dort stehen heute dann hässliche Betonklötze oder aber Baulücken, die wohl eher nie geschlossen werden…

Hier aber ein paar Bilder der schöneren Ecken:

20160708-USA-New-York-Syracuse-0720160708-USA-New-York-Syracuse-15 20160708-USA-New-York-Syracuse-13 20160708-USA-New-York-Syracuse-11 20160708-USA-New-York-Syracuse-09

20160708-USA-New-York-Syracuse-02 20160708-USA-New-York-Syracuse-01 20160708-USA-New-York-Syracuse-04

Ein Klavier, ein Klavier

20160705-USA-Massachusetts-Cape-Cod-24Mit Massachusetts habe ich bisher vorwiegend das Klavier von Mutter Berta verbunden. Dass Boston hier liegt, war mir zwar klar, aber ansonsten hatte ich keine echte Vorstellung von diesem Staat. Und eigentlich wollten wir ja auch vorwiegend durch Maine und New Hampshire fahren, um einen Eindruck von den Neuengland-Staaten zu bekommen. Aber irgendwie sind wir rasch in Massachusetts angekommen und wollten endlich mal ein paar Tage an einem gemütlichen Ort bleiben. Die Idee vom hübschen Ferienhäuschen haben wir mittlerweile aufgegeben, der Osten der USA ist teuer und nette bezahlbare Unterkünfte sind rar. Zelten wäre eigentlich ganz nett, aber – wir können es kaum fassen – unser Jahr neigt sich dem Ende zu und zumindest für Eric bedeutet das, sich langsam um einen Job zu kümmern. Ich darf ja zum Glück noch ein bisschen weitermachen 🙂 Also brauchen wir ein paar Tage stabiles und schnelles Internet. Auf Cape Cod finden wir dann eine ganz freundliche Kombination: ein recht hübsches Motel, unweit schöner Strände und mit fixem Internet.

20160705-USA-Massachusetts-Cape-Cod-26Die Ferienzeit in den USA hat begonnen und Cape Cod scheint ein beliebtes Ziel zu sein. Noch ist keine Hochsaison, doch die hübschen Städtchen sind schon quite busy. Aber – wir sind ja zum Arbeiten hier. Erst wird recherchiert, getippt und gemailt, dann gibt es kleine Ausflüge. Die Strände sind besonders im spätnachmittäglichen Licht wunderbar, nicht zum Baden, sondern zum Gucken. Je weiter man läuft desto einsamer wird es – zumindest was Menschen angeht. Im Wasser und auf Sandbänken weiter draußen tummeln sich hunderte von Seehunden! Fasziniert stehen wir am Ufer, da spricht uns eine Amerikanerin an. Ob wir denn schon am Pier beim Fischmarkt waren. Nein, waren wir nicht. Wenn wir die Seehunde ganz nah sehen wollten, sollten wir da hin, sagt sie.

20160705-USA-Massachusetts-Cape-Cod-1720160705-USA-Massachusetts-Cape-Cod-2520160705-USA-Massachusetts-Cape-Cod-34

20160706-USA-Massachusetts-Cape-Cod-45Dann schauen wir uns das am nächsten Tag doch mal an. Ein winziger Fischmarkt und eine Anlegestelle für die Fischerboote. Wir erklimmen eine kleine Holzterrasse, von der man einen Blick direkt auf den kleinen Hafen hat. Ein Boot hat angelegt und die Fische werden ausgeladen. Eine ganz schön blutige Angelegenheit, hunderte von Katzenhaien und Flundern wandern in große Bottiche. Und rund um das Boot tummeln sich die Seehunde, die darauf warten, etwas vom Fang abzubekommen. Geduldig und genussvoll 20160706-USA-Massachusetts-Cape-Cod-58schwimmen sie um das Boot herum, immer mal auf dem Rücken als wollten sie sich die Sonne auf den Bauch scheinen lassen. Und sie werden nicht enttäuscht. Immer wieder werfen ihnen die Fischer etwas zu. Die Möwen, die sich auch gewisse Hoffnungen machen, ziehen fast immer den Kürzeren. Wir hätten gar nicht gedacht, dass es im doch recht touristischen Cape Cod noch so ursprüngliche Orte gibt. Danke an die unbekannte Amerikanerin für ihren Tipp!

20160706-USA-Massachusetts-Cape-Cod-4220160706-USA-Massachusetts-Cape-Cod-3720160706-USA-Massachusetts-Cape-Cod-62
Mehrere Bewerbungen sind geschrieben, erste Kontakte zustande gekommen – jetzt können wir langsam ans Zelten denken. Viel Zeit ist ja auch gar nicht mehr. Also machen wir uns auf Richtung Norden und verlassen Massachusetts. Wirklich schön, dieser Bundesstaat. Wenn’s nicht so teuer wäre, hätten wir sicherlich noch ein paar Tage drangehängt. Aber gemütlich Richtung Toronto fahren hat ja auch was und auf den Thousand Islands im Ontario-See wird sich doch sicherlich ein Inselchen finden, auf dem wir unser Zelt aufschlagen können.

20160705-USA-Massachusetts-Cape-Cod-22

Travel in Style

20160629-Kanada-Nova-Scotia-Überfahrt-06Und wieder darf unser Auto Boot fahren und diesmal lohnt es sich richtig. Über zwei Stunden dauert die Überfahrt von Digby in Nova Scotia nach St. John in New Brunswick. Das Wetter ist herrlich und so hoffen wir auf schöne Aussichten und vielleicht sogar Wale, aber kaum auf dem Wasser kommen die ersten Nebelschwaden. Wir halten zwar tapfer noch eine Weile durch, lassen uns vom trötenden Nebelhorn etwa fünf Meter neben uns ganz furchtbar erschrecken, aber dann geben wir auf und gehen rein. Und erleben mal wieder, dass es die Kanadier verstehen, es sich so richtig nett zu machen. Eine junge Frau f20160629-Kanada-Nova-Scotia-Überfahrt-04idelt keltische Lieder, auf einem Schild in ihrem Geigenkasten steht „Help me go to Ireland“. Das müsste nach dieser Fahrt gelingen, allen scheint es sehr zu gefallen, eine Großmutter tanzt mit ihrer kleinen Enkelin und der Geigenkasten füllt sich mit Münzen und sogar 20 Dollar Noten. Jetzt einen Kaffee und ein wenig lesen, das wäre doch toll. Mein Reader zeigt akuten Strommangel und Kaffee ist hier bestimmt sauteuer. Da habe ich aber nicht mit den Kanadiern gerechnet, neben zwei kleinen Kinos gibt es hier einen Computerraum und in dem mehrere (natürlich kostenlose) Schließfächer mit Ladekabeln, die auch für meinen Reader passen. Der Kaffee kostet keine zwei Dollar und ist erstaunlich lecker und wir fragen uns mal wieder, warum in Deutschland solche Monopolsituationen immer ausgenutzt werden und schlechte Qualität zu Höchstpreisen verscherbelt wird. Hier scheint man auf seinen Umsatz zu kommen, indem man gute Qualität zu günstigen Preisen anbietet und so viele Kunden anlockt, von denen keiner auf die Idee kommt, sich Butterstullen und Getränke selber mitzubringen.

Die Überfahrt verläuft trotz dicker Suppe unproblematisch und bald fahren wir auf der Küstenstraße Richtung USA. Keine zwei Stunden später sind wir am Grenzübergang, wir werden gebeten, das Auto abzustellen und ins Gebäude zu gehen, dort warten wir kurz und werden befragt. You travel a lot, fragt die Grenzbeamtin und blättert in den Stempeln in unseren Pässen. Wir erzählen ihr von unserer Reise und sie scheint fast ein bisschen neidisch zu werden. Ob wir denn auch im Iran, Irak oder in Syrien waren? Nein, waren wir nicht und zwölf Dollar später gibt’s die Einreisekarte. Als wir sie im Auto angucken, steht da bei Nationalität „Germany (West)“. Oh Leute…

20160701-USA-Maine-Massachusetts-01
It’s Maine, aber es ist auch Canada-Day

Wir sind jetzt in Maine und sehen erst mal viel Wald. Unser erstes Ziel ist Bangor, die drittgrößte Stadt von Maine, viel mehr wissen wir aber nicht. Die Hotels in Maine sind teuer und hier hatten wir ein günstiges „Howard Johnson“ gefunden. Das ist dann zudem auch noch ganz nett und so beschließen wir, noch eine zweite Nacht hier zu verbringen und uns Bangor anzuschauen. Nur: da gibt es nichts. Eine merkwürdige Stadt mit noch merkwürdigerer Atmosphäre. Die Innenstadt ist klein, ein paar Backsteingebäude (gut, es gab hier 1911 einen großen Brand und alles wurde in Schutt und Asche gelegt), viel Leerstände und etwas skurrile Läden. Wir betreten ein Sportgeschäft, in dem klassische Musik spielt und sich die wenigen Kleiderständer verlieren, die einzige weit sichtbare Stufe im ganzen Laden ist in Warnfarben abgeklebt und mit mehreren Warnschildern „Watch your step“ versehen – es handelt sich wohlgemerkt nicht um ein Sanitätsfachgeschäft… Die Menschen auf den Straßen sind ziemlich anders, nicht der fröhliche Völkermix, den wir aus Kanada gewohnt sind, alles ein bisschen fertiger. Wir konsultieren dann mal das Internet und das weist als eine der Attraktionen Bangors aus, dass Stephen King hier wohnt und seine Romane häufig in dieser Gegend spielen. Oh ja, Mr. King, da haben sie sich einen ziemlich perfekten Ort ausgesucht.

Wir beschließen, nach Boston zu fahren. Die Hotelpreise sind zwar auch hier wirklich heftig, aber etwas weiter draußen finden wir dann doch etwas, das zwar immer noch teuer, aber verschmerzbar ist. Wir starten für unsere Verhältnisse sehr früh, damit wir noch was vom Tag haben, und fahren an der Küste Maines entlang Richtung Süden. Auf einmal wird es laut im 20160701-USA-Maine-Massachusetts-03Auto, ist das der Wagen neben uns? Er fährt vorbei, aber der Lärm bleibt. Das müssen wohl wir sein. Wir halten auf dem Seitenstreifen und inspizieren unseren treuen Jetta: der rechte Hinterreifen ist aufgeplatzt und platt. Das ist jetzt unsere dritte Reifenpanne. Ein Nagel in Hawaii, die Holzattacke in Neuseeland und warum jetzt dieser Reifen den Geist aufgegeben hat, können wir nicht erkennen. Na klasse, wir haben keine amerikanische SIM-Karte, unsere Notfall-Telefonnummer ist in Kanada und ich hatte mich schon so auf einen gemütlichen Kaffee in Harvard gefreut. Eric findet seine deutsche SIM-Karte, nein, wir wollen nicht wissen, was uns dieser Anruf jetzt kosten wird. Joe wird kommen und uns den Notreifen montieren und dann sollen wir den Wagen tauschen, sagt uns die freundliche Dame. Joe rückt nach einer halben Stunde an, er ist wortkarg und laut Aufschrift auf seiner Baseball-Mütze ein Vietnam-Veteran. Nach zehn Minuten sitzt der schmale Reifen und wir machen uns auf zum nächsten Ort, den uns die freundliche Dame genannt hat, um das Auto zu tauschen. Die sind etwas überfordert, sie gehören zu Enterprise und unser Auto zu Alamo, das hätten sie noch nie gemacht und ob wir nicht weiter in die nächste Stadt zum Flughafen fahren könnten. Machen wir, ist alles in unserer Richtung. Wir haben keine Landkarte, aber den Flughafen können wir gar nicht verfehlen, sagen sie. Portland heißt der Ort und Portland ist etwas ganz besonderes: dort haben sie sich entschieden, ihren Flughafen zu tarnen. Ganz wenig Schilder aufhängen, das kann ja jeder. Aber ihn einfach nicht Airport zu nennen, da muss man erst mal drauf kommen. Portland International Jetport oder abgekürzt PWM. Genial! Und das in einer Stadt, die einen großen Hafen hat. Und Jetty doch Anlegestelle heißt. Aber nicht gut genug gemacht, Portland, wir finden ihn trotzdem, wenn auch erst nach mehreren Anläufen. Leicht genervt treten wir an den Alamo-Schalter und wissen dann sofort wieder, warum dies unsere absolute Lieblings-Autovermietung ist. Der freundliche Mitarbeiter drückt uns erst mal zwei eiskalte Wasserflaschen in die Hand, bedauert uns und verspricht, uns ein „nicer car“ rauszusuchen. Zwei Unterschriften, er drückt uns einen neuen Schlüssel in die Hand und fünf Minuten später stehen wir vor unserem Neuen: ein ganz edler Buick mit weißen Ledersitzen neben dem sich unser Jetta, an dem immer noch der rote Staub von P.E.I. klebt, wie ein Kleinstwagen ausmacht. Na, das ist doch was! Mittlerweile ist es Nachmittag und das mit Boston können wir für heute wohl vergessen. Das Outletcenter an der Grenze zu New Hampshire kommt da gerade recht. Da schlägt das Schwabenherz hoch, komplett neu eingekleidet schwingen wir uns in unsere Edelkarosse und schweben Richtung Hotel. Und die haben sich wohl gedacht, dass zu so einem Auto auch das entsprechende Zimmer gehört, als wir die Zimmertür öffnen, stehen wir zunächst nur im Wohnzimmer unserer Suite. So hatte ich mir meine Weltreise höchstens zu dem Zeitpunkt vorgestellt, als ich noch meinte, sie sei nur durch einen Lottogewinn zu realisieren.

20160702-USA-Massachusetts-Boston-07Und dann kommt am nächsten Tag noch das schöne Boston dazu. Wir haben uns von den Berichten im Internet etwas kirre machen lassen (Don’t even think about driving a car around here, sagt der Lonely Planet). Also fahren wir zu einem Vorortbahnhof, stellen das Auto ab und kommen erneut in den Genuss amerikanischen Organisationstalents. Fahrkartenautomaten – kann man ja mal hinstellen, aber die sollten doch den Experten vorbehalten bleiben. Keine Chance, hier ein Ticket zu lösen. Aber es gibt ja einen Schalter, was sage ich, es sind drei, und die Dame dahinter bedient sie alle! Gab es nicht mal einen alten Rudi Carrell Gag, in dem er sich ständig andere Mützen aufsetzte, um verschiedenste Funktionen abzudecken? So ist es hier und die Lady erläutert an einem Schalter die komplizierten Ticketstrukturen, verkauft dieselben an einem anderen und kassiert am dritten die Parkgebühren ab. Der Verkaufsvorgang vor uns nimmt etwa 15 Minuten in Anspruch, hier darf man es nicht eilig haben. Wir erreichen Boston 20160702-USA-Massachusetts-Boston-30dann in einer knappen halben Stunde und sehen, kaum dass wir den Bahnhof verlassen haben, geordneten Straßenverkehr und ein großes Parkhaus, das unser Auto für 15 Dollar aufgenommen hätte. Wir haben für die Bahntickets fast 30 Dollar gezahlt, dazu wird abends dann noch die Parkgebühr von 7 Dollar kommen und der Zug fährt am Wochenende im Zwei-20160702-USA-Massachusetts-Boston-09Stunden-Takt. Tja, Lonely Planet, die Warnung können wir nicht nachvollziehen. Aber egal, Boston ist toll und als erstes landen wir auf einem Markt mit lächerlich billigem Obst und Gemüse. Wir kaufen „organic strawberries“ für einen Dollar, beobachten Frauen in traditionellen afrikanischen Kleidern, die große Mengen Yamswurzeln kaufen und viele Asiaten, die sich mit frischem Gemüse eindecken. Wir sind mitten im historischen Zentrum, hier verläuft auch der „Freedom Trail“, der uns durch die Geschichte Bostons und der Vereinigten Staaten führt. Oder führen sollte, denn wir müssen unsere touristischen Aktivitäten heute ja für das Viertelfinale unterbrechen. Im Internet hatten wir recherchiert, dass die meisten Sportkneipen in der Hanover Street sind. Dass es sich hierbei auch um Little Italy handelt, merken wir dann erst als wir vor den Restaurants stehen und die vielen Menschen mit blauen Trikots sehen. 20160702-USA-Massachusetts-Boston-25Wahrscheinlich nicht der ideale Ort für das Spiel gegen Italien. Wir finden dann einen irischen Pub, der das Spiel überträgt und haben noch zwei Stunden Zeit. Boston hat ein berühmtes Holocaust-Denkmal, vielleicht etwas absurd, den Besuch dort vor einem Fußballspiel einzuschieben, aber es ist ein Ort mitten in der Stadt und inmitten der Touristenattraktionen, ein sehr lebendiger Platz. Sechs gläserne Türme, in die Nummern eingraviert sind, die die Opfer der Shoah repräsentieren sollen. Man geht in einem schmalen Park durch diese Glastürme hindurch, die auf der Innenseite auch Texte enthalten und am Boden eine Art Zeitleiste. Jeder Turm steht für ein Vernichtungslager und die Texte sind Zitate von Menschen, die Opfer des Holocaust waren. Ein sehr berührender Ort, der vor allem dadurch besticht, dass er sich mitten im Leben befindet. Was mich zudem beeindruckt hat ist der Hinweis in der Zeitleiste, dass die USA bereits 1942 von der Existenz der Vernichtungslager wussten. Eine solch selbstkritische Darstellung hätte ich in einem so patriotischen Land nicht erwartet und ich muss mein USA-Bild wieder einmal korrigieren.

Es ist schwer, nach diesem bewegenden 20160702-USA-Massachusetts-Boston-28Ort an so etwas profanes wie Fußball zu denken. Mir fällt unser erster Abend in Haifa 2013 ein, im Champions League Finale spielten Dortmund und Bayern und die Menschen in den Straßencafés verfolgten das Spiel auf Leinwänden mit großer Spannung. Wir finden unsere irische Kneipe wieder und sind nicht die einzigen Deutschen, die das Spiel sehen wollen. Spannende Spiele sind ja was Gutes, aber das war dann doch etwas viel… Jedenfalls machen wir uns danach langsam wieder auf Richtung Bahnhof und tuckern zurück in unseren Vorort.

20160703-USA-Massachusetts-Harvard-16
Vor der Harvard Law School – vielleicht färbt ja was ab?

Am nächsten Tag ist Harvard dann für mich ja quasi Pflichtprogramm. Es ist eigentlich genauso, wie ich es mir vorgestellt habe, vielleicht bis auf die vielen Touristen und den sehr großen Anteil von Asiaten. Die Bauten sind absolut beeindruckend, eine gute Atmosphäre und ich bedauere sehr, dass die Bibliothek nicht öffentlich zugänglich ist. Der Durst treibt uns irgendwann in ein Gebäude mit der Aufschrift „Student Center“, wir hoffen hier auf eine Cafeteria (und haben vielleicht so was wie das Clubhaus in Tübingen im Sinn). Wir laufen durch die Flure, die Cafeteria hat zu, klar, ist ja Sonntag. Plötzlich stehen wir in einem riesigen Raum, der wie die Lobby 20160703-USA-Massachusetts-Harvard-07eines Nobelhotels gestaltet ist, Sessel und Sitzgruppen, Kamine. Wir sind in einen Teil der Harvard Law School geraten. Weiter hinten finden sich die Hörsäle, für jeden Studi ein ergonomischer Stuhl, und da kommt mir das Audimax in der Neuen Aula in Tübingen in den Sinn… Schon sehr beeindruckend, was hier möglich ist. Wir finden eine weitere irische Kneipe und leiden mit den Isländern. Aber gut, dass wir sie nicht aus dem Turnier schmeißen müssen. Zu guter Letzt landen wir in einem koreanischen Supermarkt und probieren uns durch die Fertiggerichte. Mit zwei großen Schüsseln Nudeln in Sesamsoße und ein paar Abenteuerbeilagen wie getrocknetem Tintenfisch kehren wir zu unserem Auto zurück, das wir ja auf keinen Fall nach Boston mitnehmen sollten, und fahren zurück in unsere Suite. Ist wirklich eine Reise wert, das schöne Boston!

 

 

 

Keiner da in Kanada

20160625-Kanada-Nova-Scotia-Cape-Breton-05Die Überfahrt von P.E.I. nach Nova Scotia ist eine kurze und so sind wir pünktlich zum Mittagessen in Pictou. In einem kleinen Restaurant, das schon um kurz vor 12 rappelvoll mit älteren Leuten ist, genießen wir ein wirklich leckeres zweites Frühstück und starten auf diese Weise gestärkt Richtung Cape Breton im Norden von Nova Scotia. Cape Breton ist eine eigene Insel und beherbergt einen viel gelobten Nationalpark. Also hin da! Wie kamen wir eigentlich darauf, dass uns schon irgendwie 20160626-Kanada-Nova-Scotia-Cape-Breton-09eine Unterkunft über den Weg laufen wird? War ja bisher eigentlich nie so in Kanada, dass man irgendwo langfährt und plötzlich auf ein reizendes Hotel stößt, das einen mit günstigen Preisen und freien Zimmern von der Straße lockt. Irgendwann finden wir uns nach Zimmern googelnd und leicht genervt am Straßenrand 20160626-Kanada-Nova-Scotia-Cape-Breton-16wieder, haben aber Glück und beziehen ein wunderbares Bed and Breakfast in Baddeck. Mit Whirlpool im Badezimmer, so was hatte ich ja noch nie. Baddeck liegt am Rande des Nationalparks und so dauert es am nächsten Tag nicht allzu lang bis wir die spektakuläre Küste erreichen. Im Park gibt es mehrere Trails und wir nehmen einen der populärsten, steht zumindest im Reiseführer. Auch die Anzahl der parkenden Autos lässt darauf schließen und anfänglich begegnen wir noch vielen Menschen, bis der Rundweg beginnt. Man kann ihn links oder rechts rum laufen, nehmen wir rechts, ist ja eigentlich egal. Wir studieren zunächst die Verhaltensregeln für Kojoten-Begegnungen (Eindruck schinden und zur Not mit einem Stock verjagen) und hoffen 20160626-Kanada-Nova-Scotia-Cape-Breton-22dann auf Elche, aber die wollen sich einfach nicht zeigen. Es geht durch waldiges Gelände Richtung Küste und wir sind erstaunt, dass wir keine anderen Wanderer mehr sehen. Es ist ein schöner Weg, der nach etwa zwei Stunden zu einer hölzernen Plattform oberhalb des Meeres führt. Und da sind wir dann nicht mehr allein – zu diesem Aussichtspunkt gelangt man in weniger als einer halben Stunde, wenn man den Rundweg links herum nimmt. Das scheinen die meisten zu wissen, denn die Zahl der Flip-Flop-Tragenden auf der Plattform ist groß. Ihr hattet’s vielleicht bequemer, wir dafür aber schöner! Wir fragen uns dann allerdings, wozu viele einen Golfschläger dabei haben, den sie wie einen Wanderstock benutzen. Golfspielen kann man hier eindeutig nicht – das hat doch wohl nichts mit den Kojoten zu tun?

20160626-Kanada-Nova-Scotia-Cape-Breton-37

Wir fahren weiter immer an der Küste entlang und sind kilometerlang die einzigen auf der Straße. Kommt der Name Kanada womöglich von „keiner da“? Am frühen Abend erreichen wir Ingonish, diesmal haben wir vorgebucht, ein kleines Motel, von dem wir eigentlich nicht viel erwarten. Das Motel ist tatsächlich klein, aber mit spektakulären Blicken gesegnet. Vom Bett aus blickt man durch ein riesiges Fenster direkt aufs Meer – sehr schön!
20160628-Kanada-Nova-Scotia-Lunenburg-28Den Nationalpark haben wir damit umrundet, zum Zelten, was hier bestimmt wunderbar ist, ist es immer noch etwas zu kalt, also verlassen wir Cape Breton und fahren nach Lunenburg, eine knappe Stunde hinter Halifax. Eine Gründung deutscher und schweizer Auswanderer und Weltkulturerbe. Wirklich ein 20160628-Kanada-Nova-Scotia-Lunenburg-36reizendes Städtchen mit einem hübschen Hafen und vielen bunten Holzhäusern. Die diversen Kirchen des Ortes sehen von weitem fast ein wenig gotisch aus und tatsächlich nennt sich dieser Baustil „carpenter gothic“, was halt der Zimmermann mit Holz so hinkriegt, wenn er gotische Steinbauten nachbauen will. Ein schöner Ort für einen langen Spaziergang und eines der besten Essen während unserer Kanada-Reise: in Magnolia’s Grill gibt es eine wunderbare Seafood-Chowder für mich und Fishcakes mit einem tollen Salat für Eric. Das Geheimnis ihres Salatdressings wollten sie uns leider nicht verraten…

20160628-Kanada-Nova-Scotia-Annapolis-Royal-01Und weiter geht’s, wir wollen noch irgendwo zwischen hier und Toronto für eine Woche ein Häuschen mieten und in Nova Scotia sind wir nicht fündig geworden. Also buchen wir die Fähre auf’s Festland und wollen dann in die USA. Die Fähre geht um 11, von Lunenburg sind es mehr als zwei Stunden, man sollte auch ein Stündchen vorher dort sein, das ist uns zu stressig, also suchen wir uns eine Unterkunft in Fährnähe und fahren am Nachmittag von Lunenburg aus dort hin. Sowohl das Granvalley Bed and Breakfast als auch der Ort Annapolis Royal sind so entzückend, dass wir es fast bereuen, die Fähre schon gebucht zu haben. Eine äußerst gemütliche Nacht später machen wir uns auf, Kanada erst mal zu verlassen und Richtung Maine aufzubrechen. Aber davon später mehr.

20160628-Kanada-Nova-Scotia-Annapolis-Royal-06

 

Bye P. E. I.

20160624-Kanada-Prince-Edward-Island-Stanhope-79Was für eine nette Insel, diese Prince Edward Island oder P.E.I., wie hier jeder sagt und schreibt.  Sanfte grüne Hügel, rote Klippen, schöne Naturstrände, kleine Häfen und immer und überall Hummer. Dazu zwar sehr überschaubar, aber trotzdem abwechslungsreich: ein netter Ort für eine schöne Woche. Unser erstes Häuschen an der Südküste hat einen Traumblick auf das wilde Meer, an dem wir uns kaum sattsehen können – 20160622-Kanada-Prince-Edward-Island-Stanhope-17auch wenn wir zwischendrin für 90 Minuten mal in den Fernseher starren müssen, um ein mageres Unentschieden gegen Polen mitzukriegen. In dieser Gemächlichkeit soll es weitergehen, deswegen suchen wir nach einem weiteren Häuschen im Norden, möglichst nah am Nationalpark. Übers Internet wird man da ja eigentlich immer fündig und dank entsprechender Bewertungsportale wird auch selten enttäuscht – wenn das Internet tut. Und das ist auf unserer Insel leider nicht überall der Fall. Also diesmal keine aufwändige Recherche, ich finde ein Cottage mitten im Nationalpark, die Bilder sehen ganz nett aus, also schreibe ich den Vermieter an. Dies Konversation gestaltet sich etwas umständlich, da hätte ich schon stutzig werden sollen.

20160623-Kanada-Prince-Edward-Island-Stanhope-25
Nein, das war leider nicht unser Cottage

Als wir nach einer Fahrt durch die Insel an den Del Mar Cottages ankommen, begrüßt uns Dave in der muffigen Rezeption und fängt an zu erzählen. Und zu erzählen. Und noch mehr. Anfänglich noch höflich lächelnd (Dave hat die 70 sicherlich überschritten und wir wollen ja freundlich sein) fangen wir nach einer Weile an, von einem Bein auf’s andere zu wackeln, Aufbruch zu signalisieren, Luft zu holen, um einzuhaken – aber er lässt uns nicht. Keine Chance. Als er dann berichtet, dass er, wenn man ihn nur ließe, 200 Cottages hier bauen würde, fällt ihm Eric ins Wort: „Lass uns doch erst mal ein Cottage sehen“, schnappt sich den Schlüssel und befördert 20160623-Kanada-Prince-Edward-Island-Stanhope-52uns hinaus in die frische Luft. Dave kommt hinterher, geleitet uns zur Hütte, erzählt weiter, während wir das Auto entladen, leitet eine neue Geschichte ein, aber jetzt ist gut – wir lassen einfach die Tür der Hütte zufallen. Und nu stehen wir drin und ich fühle mich schlagartig an das Ferienhaus meines Großvaters in Rotenburg an der Wümme erinnert – sorry, Opa – aber diesen Geruch von sehr viel Holz gepaart mit alten Möbeln, altem Mann und wenig frischer Luft – den kenne ich. Es mag zwar sauber sein, aber ich fühle mich einfach unwohl. Spitze Finger sind angesagt in den nächsten Tagen. Draußen gibt es eine große Terrasse – aber da gibt es auch Dave und außerdem hunderte von Stechmücken, die sich auf einen stürzen. Und besonders gerne auf mich. Und da ganz besonders gerne auf meinen Kopf und Hals. Nach kürzester Zeit habe ich zwei Riesenbollen, die sich anfühlen wie gigantische juckende Lymphknoten. Also, wenn im Cottage, dann drinnen im Plüsch…  Dummerweise haben wir schon für drei Nächte gezahlt, aber wir lassen uns die Laune nur kurz verderben. Die Insel ist dafür viel zu schön und es gibt viel zu viele 20160623-Kanada-Prince-Edward-Island-Stanhope-51tolle Orte zu sehen. Und: quasi um die Ecke liegt ein kleiner Hafen und dort Richard’s Fresh Seafood mit unfassbar leckeren Lobster Rolls. Zarter frischer Hummer in einem leichten zitronigen Sößchen in buttrig getoastetem Weißbrot, alles leicht fastfoodmäßig auf einem Plastiktablett und mit Pommes dargeboten – eigentlich ja eine kulinarische Schande, aber so gut. Beim zweiten Mal sehe ich, dass man gegen Aufpreis auch Salat statt Pommes bekommen kann und beim dritten Mal genehmige ich mir noch einen Chardonnay von der Insel dazu. Dafür, dass er in einem Plastikglas serviert wird, ist er sehr lecker – wirklich trinkbarer kanadischer Wein, hätte ich nicht 20160623-Kanada-Prince-Edward-Island-Stanhope-30gedacht. Und so entdecken wir die Insel, finden tolle Strände und Dünen, an denen wir uns zum Lesen niederlassen, zum Sonnen- oder gar Meeresbaden ist es noch zu kalt. Die Kanadier lassen sich hiervon nicht abschrecken und der Golfstrom soll das Wasser angeblich auch wärmen, aber brr – es ist eisig. Dafür ist es unglaublich blau und eine absolute Pracht. Wir besuchen die Hauptstadt von P.E.I., das sehr hübsche Charlottetown, und fahren nach Cavendish, wo das Kinderbuch „Anne auf Green Gables“ entstand und spielt. Historische Leuchttürme, Muschelfarmen und immer wieder Hummer – hier kommen uns die Provinzen der Canadian Maritimes am maritimsten vor. Und 20160623-Kanada-Prince-Edward-Island-Stanhope-59dann finden wir ganz in der Nähe unserer Retro-Unterkunft das einzige Autokino von P.E.I., das Brackley Drive-In, ganz im Stil der 50er-Jahre, und weil Eric noch nie in einem Autokino war, testen wir es aus. Bewaffnet mit Popcorn und Zuckerwatte sehen wir „Central Intelligence“, der dann doch nicht ganz so schlecht ist, wie wir zunächst befürchtet hatten. Ging ja auch nicht um den Film 🙂

 

20160624-Kanada-Prince-Edward-Island-Stanhope-91Die Tierwelt kam ja bisher ein bisschen kurz, zwei Elche an der Autobahn in Quebec und – ich darf jetzt wirklich nicht undankbar sein – die Wale vor Tadoussac. Hier begegnen wir sehr hübschen Füchsen, ganz unerschrocken laufen sie auf der Straße und sind sogar recht neugierig. Und sie sind vor allem lebendig, plattgefahrene Wollknäuel haben wir schon recht oft auf den Straßen gesehen.

Und dann verlassen wir P.E.I., diesmal nicht über die Confederation Bridge, sondern mit der Fähre Richtung Nova Scotia. Schön war’s und das trotz muffigem Cottage. Und zum zweiten Mal während unserer Reise heißt es zumindest für mich „Bye P.E.I.“.

20160624-Kanada-Prince-Edward-Island-Stanhope-7020160623-Kanada-Prince-Edward-Island-Stanhope-2220160624-Kanada-Prince-Edward-Island-Stanhope-64

 

 

Voll gechilled

20160618-Kanada-New-Brunswick-Fredericston-02Fredericton, die Hauptstadt von New Brunswick, ist ein sehr gelassener Ort, dem man anmerkt, dass die Menschen gerne dort wohnen und es sich deswegen schön machen. Das wunderbare Wetter verstärkt diesen Eindruck noch und so beginnen wir den Tag mit einem Besuch des Farmer Markets. In und um eine kleine Markthalle werden Produkte der Region verkauft und man hat den Eindruck, als würden hier wirklich die 20160618-Kanada-New-Brunswick-Fredericston-03Hausfrauen der Umgebung ihre Spezialitäten anbieten. Das Brot- und Wurstsortiment ist fest in deutscher Hand: wir kaufen ein paar Landjäger bei Elke, verschmähen dann aber die Laugenbrezeln von Kurt: viel zu groß und ohne knackige Ärmchen, bayrisch halt, und mit seinem Dresdner Bäckerdiplom kommt er eindeutig nicht aus der Expertenregion. Das Keksangebot scheint vor allem schottisch geprägt und ich erstehe „Buttercrunch Oatmeal Shortbread“. Wir lassen uns auf dem Rasen vor dem Markt nieder, so wie viele Familien, und ich teste meinen Einkauf. Der erste Biss zerschmilzt im Mund, Karamell und Toffee mit ganz leicht salziger Unternote und haferflockigem Finish, das doch noch zum Kauen einlädt – das sind die besten, wirklich die allerbesten Kekse, die ich je gegessen habe. Wow!

20160618-Kanada-New-Brunswick-Fredericston-09Wir bummeln weiter durch die Stadt: die Dame vom Wollladen hat Stühle vor ihr Geschäft gestellt und frau trifft sich dort zum geselligen Stricken, auf der Terrasse vor dem Leuchtturm direkt am blauen Fluss erholen sich die Samstag-Nachmittag-Shopper bei Kaffee und Bier, der Fahrradverleih am Ufer ist gut ausgelastet und kleine weiße Motorboote ziehen vorbei. Wir kaufen uns Sushi im Supermarkt und lassen uns in einem der vielen kleinen Parks nieder. Ich liege auf meiner neuen Yogamatte (die letzte steht 20160618-Kanada-New-Brunswick-Fredericston-32bestimmt immer noch in einem Hotelzimmer in Costa Rica) und schaue in den blauen Himmel, nein, eigentlich betreibe ich intensiv Shavasana. Nach so viel Chillen wollen wir uns doch wenigstens noch die andere Uferseite anschauen und überqueren den Fluss. Schon mittags hatten wir von dort Musik gehört, eher nur Getrommel, und je näher wir kommen desto lauter wird es. Ein 20160618-Kanada-New-Brunswick-Fredericston-30kleines Fest, da schauen wir doch mal. Wir schlängeln uns zwischen Ständen hindurch, die Musik wird immer lauter, Menschen in Indianerkostümen tanzen – wir sind in einem echten Powwow gelandet. Angehörige verschiedenster First Nations – die kanadische Bezeichnung für die indigenen Völker – treffen sich, vor allem zum Tanzen, aber auch zur Förderung der Gemeinschaft. Wirklich faszinierend und vollkommen umtouristisch. Was für ein Glück, auch noch diesen Teil der kanadischen Gesellschaft erleben zu können.

20160618-Kanada-New-Brunswick-Fredericston-29 20160618-Kanada-New-Brunswick-Fredericston-28

P1080577Das Wetter ist toll, die Landschaft auch – jetzt wäre es doch endlich mal wieder Zeit für ein kleines Zeltabenteuer! Zwei Zelte hatten wir bisher schon, das erste nahm Michael für uns von Los Angeles nach Stuttgart mit, unser schönes Kiwizelt aus Neuseeland erreichte mit dem Schiff von Bali nach zwei Monaten die Heimat. Jetzt also Zelt Nummer drei, günstig aus dem Supermarkt. Wir fahren an die Bay of Fundy, der Bucht zwischen New Brunswick und Nova Scotia und finden dank der netten Dame aus der Touri-Information einen schönen Campingplatz am New River Beach. Neugierige Eichhörnchen und ein Hase begrüßen uns in einem kleinen Märchenwald, ein nettes Plätzchen ist sofort gefunden, aber warum ist es eigentlich so kalt hier? Sommerliche Temperaturen in Fredericston und auch noch im 30 km entfernten St Andrew bei der Touristen-Info. Na, das wird schon. Einen Streit später steht das neue Zelt und wir brechen zu einem Abendspaziergang ans Meer auf. Eine ziemlich steife Brise weht hier und wärmer wird es dadurch nicht. Ein Gläschen Rotwein wird’s vielleicht richten und dann ziehen wir halt was vernünftiges an. Mit Leggings, Socken, T-Shirt, und Fleesejacke bekleidet schlüpfe ich in den Schlafsack, darüber noch die Decke aus Nepal – aber so richtig kuschelig wird’s nicht in der P1080586Nacht. Erholsam ist was anderes und so kriechen wir am Morgen aus dem Zelt und fühlen uns auf eine ganz andere Art gechilled als am Vortag. Wir beschließen, die nächste Nacht in jedem Fall wieder in einem Haus zu verbringen. Irgendwo in Nova Scotia, der angrenzenden Provinz. Beim Frühstück im warmen Tim Hortons mit einem großen heißen Kaffee entscheiden wir uns dann doch für Prince Edward Island oder, as we say in Canada,  Pi -I – Ei. Eine lange Brücke bringt uns übers Meer und jetzt sind wir in Kanadas kleinster Provinz. Unser warmes Häuschen ist innen eher schlicht – aber ansonsten einer der schönsten Orte der Welt. Was für ein toller Blick übers Meer! Wir werden berichten.

20160620-Kanada-Prince-Edward-Island-Chelton-05 20160620-Kanada-Prince-Edward-Island-Chelton-03

Reisen durch das Braunschweiger Land

Kanada ist doch nicht blöd! 20160613-Kanada-Quebec-11

Nachdem Toronto ein netter Einstieg war, sprang der Funke im französischen Quebec so gar nicht über. Gut, das Wetter war schlecht. Und die trotzdem vorhandenen Stechmücken wahre Ungeheuer, die für riesige Quaddeln an meinem Hals sorgten, die immer noch nicht weg sind. Und die Landschaft wenig abwechslungsreich. Klar, dafür können sie nichts, die Quebecer. Wofür sie aber was können, ist ihr sagen wir mal etwas rauer Charme. Unsere freundlichen Versuche, mit ihnen französisch zu reden, wurden entweder damit quittiert, dass sie in rasender Geschwindigkeit antworteten oder gleich meinten, wir sollten doch besser englisch sprechen. Und diese Konversation beschränkte sich dann meist auf das Notwendigste.

20160616-Kanada-New-Brunswick-42Richtig aufgeregt hat mich die  Fahrerei. Anfangs hielt ich es ja noch für eine anarchistische Marotte, wenn sie konsequent mindestens ein Drittel über der erlaubten Geschwindigkeit durch die Landschaft düsten. Sollen sie ruhig, ist ja ihr Land. Aber, dass sie einem dabei fast auf der Stoßstange hängen, das nervte dann schon zunehmend. „Sorry for obeying your laws.“ hätte ich mir am liebsten hinten ans Auto gehängt.

Ihr merkt, es machte nicht so richtig Spaß. Sie sind nicht unfreundlich, aber eben nicht so herzlich und locker wie die Costa Ricaner oder auch die Amerikaner. Wahrscheinlich sind sie weniger amerikanisch und eher europäisch. Und wir sind’s nicht mehr gewöhnt…

20160616-Kanada-New-Brunswick-16Jedenfalls fassten wir den Plan, Quebec Richtung Süden zu verlassen und dann zu entscheiden, ob wir in die USA fahren. Die Grenze zu Maine ist nicht weit weg und die Neuengland-Staaten waren immer schon ein Wunschreiseziel von mir, wenn auch eher zum Indian Summer. Also brachen wir Richtung Fähre über den Sankt Lorenz-Strom auf und siehe da: strahlend blauer 20160616-Kanada-New-Brunswick-29Himmel. Als wollte uns Quebec doch noch von
seiner Schönheit überzeugen, zog es, an der Anlegestelle angekommen, alle Register: vom Ufer aus konnte man in der Ferne die schneeweißen Belugawale dabei beobachten, wie sie ihren Spaß im nährstoffreichen Fluss haben. Der wolkenlose Himmel, der tiefblaue Fluss, die Wale, die wie Delfine durch die sanften Wellen plantschten – doch noch ein schöner letzter Eindruck von Quebec.

Die Fahrt ans andere Flussufer dauert etwas mehr als eine Stunde und von der Anlegestelle in Riviere du Loop nochmals etwa genauso lang bis zur Grenze zu 20160616-Kanada-New-Brunswick-44New Brunswick, einer der drei Seeprovinzen Kanadas. Benannt nach dem Königshaus Braunschweig geht es hier sehr britisch zu – obwohl diese Provinz die einzige offiziell zweisprachige Kanadas ist. Die Landschaft ist fast lieblich – Hügel, Wald, Wiesen, Seen und reizende bunte Holzhäuser prägen das Bild. Und: sie jagen einen nicht mehr unerbittlich über die Straßen, sondern halten britisch-höflichen Abstand. Uff… Fast schon amerikanisch ist die stolze Freude der Kleinstädte an Superlativen: wir passieren 20160616-Kanada-New-Brunswick-33Florenceville, „French Fry Capital of the World“, weil hier McCain seinen Firmensitz hat und Hartland mit der längsten gedeckten Brücke der Welt. In Grand Falls erwartet uns eine Miniausgabe der Niagara Fälle, allerdings mit etwa derselben Wassermenge. Mit unglaublicher Wucht donnern die Wassermassen über 20 Meter in die Tiefe. Ein ziemlich beeindruckendes Schauspiel.

Endlich kommen wir dann in Woodstock an, fünf Kilometer von der US-amerikanischen Grenze entfernt und sind ganz erstaunt, wie spät es geworden ist. Schon halb elf, komisch.

Am Morgen lassen wir uns Zeit, Checkout ist ja erst um 11, das reicht ja locker für das Spiel Italien – Schweden zum Frühstück, nachdem wir den lahmen Kick unserer Jungs gegen Polen am Tag zuvor verpasst haben. Um halb 11 klingelt das Telefon: ob wir vielleicht mal auschecken möchten? Ähm, ja klar, in einer halben Stunde. Um 11 halt. Das sei es vor einer halben Stunde gewesen, hier gelte Eastern Time. Haben die uns doch glatt beim Grenzübertritt eine Stunde geklaut und wir haben’s nicht gemerkt…

20160617-Kanada-New-Brunswick-54Also schnell weiter. Wir bleiben erst mal in Kanada, New Brunswick macht einen guten Eindruck und der verstärkt sich im Laufe des Tages nur noch. Das Wetter ist wieder traumhaft, die Landschaft absolut idyllisch, da wundert es uns kaum noch, dass uns mitten auf der Straße zwei Rehe freundlich entgegen schauen. Satte grüne Wiesen direkt am Fluss, dazwischen pittoreske Farmen und Wohnhäuser, die Garagen fast größer als das eigentlich Haus, umgeben von perfektem englischen Rasen. In Nackawic erwartet uns ein weiterer Rekord: die weltgrößte Axt. Ja, wow, unfassbar, was man hier alles erleben kann 🙂
20160617-Kanada-New-Brunswick-56Am Ufer vor der Axt legen wir einen Picknick-Stopp ein, der Fluss ist hier besonders breit, es weht ein leichter Wind und die Sonne scheint auf uns herab – perfekt für einen entspannten Nachmittag. Im Supermarkt gegenüber werden wir freundlich begrüßt und verabschiedet – es ist so deutlich anders hier.

Am Abend erreichen wir dann Fredericton, die Hauptstadt von New Brunswick. Was für eine hübsche Stadt, viktorianische Häuser, wieder einmal direkt am Fluss und eine sehr entspannte Atmosphäre. Wir finden eine fast britischen Pub mit sehr gutem Bier und leckerem Essen. Ach, hier gefällt uns Kanada sehr!

20160617-Kanada-New-Brunswick-60