Der schwarze Punkt

Das Wetter ist ein ganz großes Thema hier, das merkt ihr. Im September scheint das letzte Aufbäumen gegen die anstehende dunkle Jahreszeit stattzufinden und deswegen nutzt jeder die Gelegenheit, die letzten Sonnenstrahlen zu erhaschen. Und so ziehe auch ich durch die Gegend, schaue mir an, was der Reiseführer so anpreist und was ich selber finde, mache Photos und freue mich an ihnen – doch halt, p1080857was ist denn das in der Mitte meiner schönen Bilder? Ein schwarzer Punkt! Wie kommt der da hin? Jetzt ist Edinburgh ja eine der führenden Gespensterhauptstädte, eine gewisse Materialisierung verstorbener Seelen also nicht ganz auszuschließen, aber das sieht mir doch eher wie ein gewöhnlicher Dreck aus. Allerdings nicht auf der Linse, sondern eher tief drinnen im Gehäuse. Selbst ist die Frau, denke ich mir, und finde flugs auf Youtube ein Do-It-yourself-Video zur Kamerareinigung. Hier ein paar Schräubchen gelöst, dort ein Schalterchen umgelegt, nochmal Schrauben, kleine Gummistreifen, wieder Schrauben – der Tisch vor dem älteren Photoexperten wird immer voller. Mich ergreift leichte Panik – die Erinnerung an eine Szene vor vielen Jahren in Hamburg. Unsere Heizung fiel immer mal wieder aus, der Brenner war alt, und mein lieber Freund Tom wollte behilflich sein. Also ließ er sich im Heizungskeller nieder, ich kochte inzwischen oben Kaffee und als ich wieder runter kam, saß Tom inmitten der Einzelteile des Brenners und sah wenig glücklich aus. Ich fürchtete Schlimmstes, wenn mein Vater das erfahren würde, und flehte Tom an, schnell alles wieder zusammenzubauen. Ich meine, die ein oder andere Schraube blieb übrig und der Brenner tat weiterhin nicht, ich habe es aber offensichtlich überlebt, doch diese Erfahrung bewahrt mich davor, ähnliches mit meiner Kamera zu versuchen.

p1000077Also auf zu John Lewis, einem wirklich gut sortierten Kaufhaus, und nach kurzer Beratung bin ich stolze Besitzerin einer neuen Kamera. Und die muss natürlich sofort ausprobiert werden. Auf den Hausvulkan der Stadt, Arthur’s Seat, wollte ich schon die ganze Zeit und so mache ich mich auf Richtung Holyrood Castle, dem Wohnort der Queen bei ihren Edinburgh-Aufenthalten, in dessen Park der Aufstieg beginnt. p1000091Es ist anstrengend – sehr anstrengend. Zum Glück muss ich ja alle paar Meter stehen bleiben, um die Kamera zu testen. Nur deswegen, natürlich 🙂 So schöne Spielereien, ich kann die Landschaft dramatisch und lieblich aussehen lassen, den Kreisverkehr beim Castle der Queen zum Spielzeugland werden lassen und die Panoramafunktion ist auch sehr nett. Also, macht euch ab jetzt auf was gefasst…

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p1000107Als Kontrast zieht es mich am nächsten Tag Richtung Meer, im Stadtteil Portobello liegen Edinburghs Badestrände und die stahlharten Schotten p1000114machen auch vor den herbstlichen Wassertemperaturen nicht halt. Der Ort selber ist trotz seiner Strandpromenade nicht sonderlich hübsch, aber die Strände sind durchaus beeindruckend – immerhin ist man hier fast noch in der Stadt. Es ist Nachmittag, die Kinder spielen in ihren Schuluniformen im Sand, Hunde springen im Meer herum, draußen wird auch gerudert, die p1000118Straßencafés sind voll, ganz wie im Hochsommer. Ein echtes Strandleben hätte ich von einer schottischen Stadt wirklich nicht erwartet. Ich setze mich auf die Promenadenmauer, lasse mir die Sonne ins Gesicht scheinen und amüsiere mich mit meiner Kamera. Wenn die Sonne weg ist, und das passiert wolkenbedingt dann p1000124doch regelmäßig, wird es wirklich frisch, also schnappe ich nach einiger Zeit mein Fahrrad und mache mich auf den Rückweg. Fahrradfreundlich ist Edinburgh in jedem Fall, trotz vieler Hügel und p1000123Kopfsteinpflaster. Ein riesiges Netz gut ausgeschilderter Radwege bringt einen eigentlich überall hin und solltet ihr mal etwas länger in Edinburgh sein, lohnt es sich in jedem Fall, ein Fahrrad zu mieten oder gleich zu kaufen. Gebraucht kann man schon für 75 Pfund ein recht gutes ergattern, mit anständiger Gangschaltung und robusten Reifen (die Kopfsteinpflaster…). Meines ist von Pedal Forth, aber es gibt einige Läden, die gebrauchte Fahrräder verkaufen und später dann auch wieder ankaufen.

p1000130Gut, dass ich den Sonnenschein genutzt habe. Am folgenden Tag ist die ganze Stadt in eine graue Suppe getaucht, Nieselregen und Nebelschwaden, dazu frostige Temperaturen, uh. Eigentlich ideales Wetter für den Besuch der düsteren Burg, die über der Stadt thront. Viel sieht man zwar nicht von Edinburgh, aber es geht ja um die Burg und die macht bei diesem Schmuddelwetter einen sehr trutzigen Eindruck. In ihren Gewölben befinden sich eine Reihe von Militärmuseen, auf p1000184ihre schottischen Regimenter sind sie stolz, aber für mich ist das eher nichts. Lieber schaue ich mir die Throninsignien und die Gemächer von Queen Mary an und ein echtes Highlight sind die authentisch restaurierten Kriegsgefängnisse in den Katakomben. Irgendwann habe ich genug von der Kälte und Nässe, bibbernd erwerbe ich einen Schottenschal, radeln zurück und lasse den Abend mit einer schönen heißen Schokolade im Bett ausklingen. p1000158

 

At home in Edinburgh

Es sind gerade einmal anderthalb Wochen, p1080825-1die ich jetzt in Edinburgh bin und trotzdem kommt es mir so vor, als würde ich schon lange hier leben. Das erste Fremdeln ist zum Glück gewichen und ich entdecke jeden Tag Neues.

Wann fängt man eigentlich an, sich irgendwo zuhause zu fühlen? Wenn man die Straßen seiner Umgebung so ergründet hat, dass einen hinter der nächsten Ecke keine Überraschungen mehr erwarten? Zwar weiß ich immer noch nicht genau, wie mein Stadtteil heißt, aber ich habe ihn nach Süden Richtung Innenstadt, nach Norden und Osten Richtung Meer und nach Westen bis zum Royal Botanic Garden erkundet und jetzt gerade mal nachgeschaut: Canonmills heißt er. Zum Heimischfühlen gehört sicherlich, dass man sich eine gewisse Infrastruktur erarbeitet hat. Mein Tesco um die Ecke versorgt mich an sieben Tagen die Woche bis zehn Uhr abends mit feinen Dingen, noch näher befindet sich mein Yoga-Studio, das mich ganz schön ins Schwitzen bringt und meinen Fahrradhändler kenne ich schon etwas genauer, musste er doch nach wenigen Tagen die Bremsen nachziehen. In der Wohnung habe ich mittlerweile jetzt alle Zimmer in Beschlag genommen. Verbrachte ich die Abende anfänglich vor allem in der Wohnküche, habe ich jetzt auch das Wohnzimmer erobert und mir einen sehr vergnüglichen Abend mit „Last Night of the Proms“ bereitet – da hätte ich ja eigentlich mal dran denken und mich zunächst in London einquartieren sollen, um im Hyde Park dabei zu sein, aber so ist das mit der fehlenden Reiseplanung. Trotzdem macht auch die Fernsehübertragung Spaß und „Jerusalem“ gehört zu den Liedern, die mich zu Tränen rühren, und mitsingen kann ich es natürlich auch 🙂 

Wer hier auf den ersten Blick nicht als Tourist auffallen möchte, der darf erstens nie an einer Fußgängerampel darauf warten, dass es grün wird und zweitens keine temperaturangemessene Kleidung tragen. Alles über 15 Grad scheint hier in die Kategorie Sommer zu fallen, trotz herbstlicher Temperaturen laufen viele Männer in kurzen Hosen durch die Straßen, bei den Frauen scheinen Strumpfhosen was für Schwächlinge zu sein und man möchte warme Decken über die armen Kinder werfen, die barfuß in ihren Kinderwagen herumgefahren werden. Grundsätzlich halten alle die Temperaturen offensichtlich für tropisch – meine Yoga-Gruppe bestaunte die warmen Abende – 21 Grad, das sei „not normal“.

Die Hauptsehenswürdigkeiten der Stadt habe ich fast durch – zumindest von außen. Einen Besuch im Edinburgh Castle und im Schloss der Queen hebe ich mir noch auf, die royale Yacht spare ich mir wahrscheinlich und für eine Gipfeltour zum Arthur’s Seat, dem höchsten p1080885Berg der Stadt, muss ich noch trainieren… Die Scottish National Gallery wird mich sicherlich noch ein paar Mal sehen – viele Museen in Edinburgh sind kostenlos und geben einem so die Gelegenheit, sich bei einem Besuch auf ein paar wenige Ausstellungsstücke zu konzentrieren. Also werde ich mich im Laufe der Zeit von der frühen Renaissance bis zum Impressionismus vorkämpfen und habe so auch einen guten Plan, falls das Wetter wirklich schlecht werden sollte.

Trotz Nieselregens war der Besuch auf dem Calton Hill genau das Richtige, um einen Überblick über die Stadt zu bekommen. Auf der einen Seite erstreckt sich die Neustadt bis hin zum Meeresarm Firth of Forth, auf der anderen Seite blickt man auf den Schlossberg und wieder ein Stück weiter auf den Holyrood Palast mit dem beeindruckenden Arthur’s Seat im Hintergrund.

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Auf dem Hügel selber findet p1080852sich eine Parthenon-Nachbildung, die vor allem Asiaten anzuziehen scheint. Zitternd präsentiert eine Gruppe von Chinesinnen Brautmoden, der Photograph lässt sich Zeit – er hat ja auch eine dicke Daunenjacke an.

Am nettesten ist es aber, zu Fuß oder mit dem Fahrrad einfach mal loszuziehen. Jedes Mal entdecke ich dabei eine nette Ecke – sei es ein hübscher Pub am Meer, viktorianische Häuserensembles in der New Town oder ein verwunschener Park, von denen es hier reichlich gibt.
p1080876-1Sogar das Einkaufen wird hier zum touristischen Erlebnis, das altehrwürdige Kaufhaus Jenners hat sich seine Pracht bewahrt und kombiniert wagemutig BH-Moden vor historischer Glasmalerei. p1080880-1Eigentlich ging ich hinein, um mich ein wenig aufzuwärmen nach einem kurzen Regenschauer und kräftigen Böen. Aber überall pusteten einem Ventilatoren entgegen, denn ich weiß ja jetzt: 21 Grad, das ist nicht normal.

Es geht wieder los

Seit vier Tagen bin ich wieder unterwegs – aber mit einem entscheidenden Unterschied: aus den zwei Globonauten ist eine Globonautin geworden. Ich reise jetzt alleine und das fühlt sich gerade noch sehr fremd an.

Ich habe zehn Monate eingeplant, möchte P1080791weniger Orte ansteuern, dort dafür länger bleiben. Los geht’s mit Edinburgh. In der schottischen Hauptstadt nenne ich für einen Monat eine Wohnung mein eigen, die fast aus einem Film gesprungen sein könnte – in einem etwas fertigen Stadtteil, gegenüber einer Autowerkstatt, Haus an Haus gebaut, betritt man die Nummer 7 und findet sich in einem ziemlich heruntergekommenen Treppenhaus wieder. P1080800Hinter einer Tür im ersten Stock mit unzähligen Schlössern, von denen nur zwei wirklich funktionieren, befindet sich mein Reich: zwei Zimmer, Wohnküche, Bad, grobe Holzdielen, gemütlich eingerichtet und nach hinten raus mit schönem Blick in den Garten. Hier kann man es aushalten, ohne dass einem die Decke auf den Kopf fällt. Am Tag nach meiner Ankunft mache ich mich auf die Suche nach einem gebrauchten Fahrrad und werde schnell fündig: ab jetzt teile ich mir den Flur mit meinem rosa Flitzer. Edinburgh ist hügelig und von hier in die Innenstadt geht es heftig bergauf – aber ein Ziel des ersten Monats ist, etwas fitter zu werden. Das Wetter ist schottisch-durchwachsen, kein Vergleich mit dem Stuttgarter Hochsommer, aus dem ich mich gerade verabschiedet habe. Aber meistens ist es trocken, immer wieder lässt sich die Sonne blicken und dann wird es durchaus warm.

Um die Ecke gibt es einen Tesco und ich bin überrascht über die günstigen Lebensmittelpreise – oder kommt das nur vom Brexit-geschädigten Wechselkurs? Die Leute P1080809sind äußerst freundlich – an der Supermarktkasse gibt es immer einen netten Plausch und auf der Straße wird man sofort hilfsbereit angesprochen, wenn man verloren wirkt. An die Sprache muss ich mich allerdings noch gewöhnen – im letzten Jahr habe ich viel Englisch gesprochen und fand mich eigentlich ganz gut dabei, aber Schottisch ist eine andere Nummer.

P1080814Die Stadt ist noch ziemlich voll mit Touristen. Ich wurde von den Leuten, mit denen ich ins Gespräch kam, abwechselnd für die Wahl meines Reisemonats bedauert (Oh, Du verpasst das Festival) oder beglückwünscht (Sei froh, dass Du den Massen während des Festivals entkommen bist) und mein sonntäglicher Ausflug heute in die volle Innenstadt bestätigt mich darin, dass mir die Festivalzeit zu viel gewesen wäre.

P1080821Ich habe einen Monat Zeit für eine Stadt, die in etwa so groß ist wie Stuttgart und werde es mir leisten, sie ganz langsam und eher nach dem Zufallsprinzip zu erkunden. Wo ich hinkomme, da komme ich halt hin und wo ich es schön finde, da suche ich mir ein Café und genieße es. So wie heute die Princes Street Gardens unterhalb der Burg – die Sonne schien, die Leute machten es sich auf den vielen Bänken mit einem kleinen P1080805Picknick bequem und da saß dann auch ich, um mich für den Aufstieg auf den Burgberg zu wappnen. Oben angekommen beschloss ich dann aber, das Edinburgh Castle an einem anderen Tag zu besichtigen – Menschenmassen drängten sich auf dem Vorhof, auf dem die Tribünen vom Festival gerade noch abgebaut werden. Muss ja auch nicht gerade am Sonntag sein. Auf der Royal Mile, der Prunkstraße der Altstadt, tobte das Leben, ein bunter Mix aus Touristen, Einheimischen, Straßenmusikern und Straßenkünstlern (wobei: ist das eigentlich Kunst, wenn P1080819 (1)ich mich wie Yoda verkleide und scheinbar in der Luft schwebend auf einem Metallgerüst sitze?). In einer Parallelstraße finde ich vor einer Kirche einen weiteren Sonnenplatz, hole mir einen Kaffee aus dem Kirchencafé und habe fast Mitleid mit der Gruppe, die ihrem historische gekleideten Führer hinterherläuft.

Ich bin noch in der Gewöhnungsphase – Alleinreisen hat mir eigentlich immer Spaß P1080802gemacht, ich war in Indien, Thailand und Portugal allein unterwegs, meine Familienforschung hat mich allein durch Ostdeutschland bis nach Polen geführt – aber gerade ist es schwieriger als sonst. Sich ständig auszutauschen, alles gemeinsam zu erleben, das war kennzeichnend für das letzte Jahr. Das wird jetzt anders werden und bietet ja auch die Chancen, die ich ergreifen möchte – in Ruhe über die Erlebnisse der letzten Zeit nachzudenken, das Erlebte zu ordnen, meine schon so lange gehegten Schreibpläne zu verwirklichen. Aber noch ist es schwierig und so bin ich froh über die moderne Technik, die via Facetime und WhatsApp steten Kontakt nach Hause ermöglicht.

Es sind erst vier Tage und es kommt mir schon viel länger vor. Wohin mich dieser Teil der Reise führen wird, weiß ich noch nicht. Ab Oktober wohl ziemlich sicher raus aus Europa, ich will wieder in die Wärme. Und wenn ich ans Essen und an Massagen denke, kommt mir sofort Südostasien in den Sinn. Aber erst mal Schottland. Die Menschen sind freundlich, die Landschaft toll, die Stadt spannend und das Bier lecker. Da wird das Fremdeln nicht mehr lange eine Chance haben.

 

Eine Fahrt durch die Republik

So langsam neigt sich der Heimaturlaub dem Ende zu und ohne einen Ausflug nach Hamburg wäre er nicht vollständig. Also begebe ich mich vertrauensvoll in die Hände des deutschen Fernverkehrs und teste zum allerersten Mal einen Fernbus aus. Frankfurt ist das Zwischenziel und der Preis des Postbus mit neun Euro für die Strecke so unschlagbar, dass ich es wage. Zwar fährt er eine ordentliche Verspätung ein, aber das ist zu Sommerferienzeit auf deutschen Autobahnen kein Wunder, mit dem Auto wäre das genauso passiert. Der Bus ist bequem, der Busfahrer freundlich, das WLAN gut, also durchaus Daumen nach oben. In Frankfurt treffe ich Anke und Sonja und in einer Äppelwoi-Wirtschaft in Neu Isenburg verbringen wir einen lustigen Abend. Dem Kellner falle ich sofort als Touristin auf, weil ich nach Verdünnungsmöglichkeiten für den Apfelwein frage. Er macht deutlich, dass er zwar zu jeder Sprudel-Panscherei bereit wäre, aber der echte Genuss nur in purer Form möglich sei. Gut, dann bitte ein Glas reiner Apfelwein. Es schmeckt erstaunlich gut und ich ordere bald nach. „Oi Schoppe Äppelwoi“ fasst der Kellner zusammen und ich zucke zusammen. Die Einheit „Schoppen“ kenne ich doch aus der Pfalz und die ist gar nicht weit weg. Der Schoppen Wein, den man dort durchaus schon mittags konsumiert, ist ein Riesenwasserglas mit einem halben Liter Füllungsvermögen. Nein, das ist mir zu viel. „Nein, ich hätte gerne noch mal genau so ein Glas Apfelwein“ sage ich dem hessischen Wirt. Nun scheint der Schoppen hier tatsächlich nur ein kleines Glas zu sein (in Abgrenzung zum Bämbel, dem Krug, den wir ja noch von Heinz Schenk kennen) und der Mann fühlt sich wohl von mir in seinem Dialekt korrigiert. Also ruft er seinem Kollegen am Tresen zu „Oi Schoppe Äppelwoi für die Dame, aber auf einem silbernen Tablett.“ Hihi, lustig sind sie schon, die Hessen.

P1080733Am nächsten Tag geht’s dann weiter nach Hamburg mit vollem Programm: nicht nur viele Wiedersehen mit alten Freundinnen, sondern durchaus auch touristische Abstecher. Coco hatte schon vor einigen Tagen angekündigt, dass wir unbedingt an die Elbe müssten und obwohl sich das Wetter weniger einladend gibt, machen wir uns mit Kind und Kegel, also Jonathan und P1080741Hunden, auf Richtung Landungsbrücken, steigen dort auf die Fähre, lassen uns auf dem trüben Aussichtsdeck IMG_0556ordentlich durchpusten, von der Gischt nassspritzen und gehen in Övelgönne von Bord. Am Elbstrand harren einige wackere Urlauber aus, es ist Mitte August, da kann einem so ein bisschen Wind und Wetter doch nichts anhaben. In der Strandperle liegen die warmen Decken bereit und ich hätte früher ja nie gedacht, dass ich freiwillig ein Astra trinken würde. Wie haben die es eigentlich geschafft, von der früher verpönten Billigplörre zum Kultbier zu werden?

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P1080768Die Elbe kriegt noch eine zweite Chance, am nächsten Tag bin ich mit Kati verabredet, sie arbeitet in Altona und der Fluss liegt in unmittelbarer Nähe. Nur hat heute wieder der Sommer IMG_0559begonnen, wir genießen die Sicht vom Dockland, essen leckeren Pannfisch in den Markthallen und bummeln später über den Fischmarkt Richtung Landungsbrücken. Noch eine wunderbare Aussicht von der Dachterrasse des Hard Rock Café – von der Elbe kann man gar nicht genug kriegen.

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Und zum Schluss noch ein schöner Abend mit Babette, seit Jahrzehnten nicht gesehen und dabei waren wir Anfang der 80er gemeinsame Globonauten. Mit ihrem Käfer zu viert von Hamburg nach Südfrankreich zum Zelten, wir hatten eine tolle Zeit.

Wow, kaum sechs Tage unterwegs und so viele nette Menschen getroffen. Aber Schottland rückt näher und langsam sollte ich wieder zurück.

Aber was ist eigentlich mit der Deutschen Bahn los?
Einerseits gibt sie einem nach wie vor dieses mittlerweile doch so vertraute Gefühl, für viel Geld auch viel Reise zu bekommen – ein angeblicher Oberleitungsschaden (in der Bahn App heißt es Weichenstörung) verlängert meine Fahrt. Dafür haben sie für das Ticket doppelt abkassiert – das Buchungsportal brach nach dem letzten Schritt ab ohne eine Fahrkarte auszuspucken: „time out“ – wahrscheinlich war es very busy, mein Konto zu plündern, die Abbuchung erfolgte nämlich postwendend. Schön ist auch, dass ich die Bahn für diese Räuberei auch noch bezahlen musste – die gebührenpflichtige Hotline ist die einzige Kontaktmöglichkeit. Aber, was sind 20 ct für 20 Minuten Entertainment, erst in der Warteschleife, dann mit einer pampigen Mitarbeiterin, die meinen Ärger gar nicht verstehen konnte.
Also, eigentlich alles wie gewohnt, außer… Die Zugbegleiter! Als wären deutschlandweit irgendwelche happy pills verteilt worden.
Schon bei der Hinfahrt fiel die Schaffnerin durch echte Freundlichkeit auf und kurz vor der Ankunft in Hamburg gab’s die Durchsage „Das ICE-Team möchte Adrian in Wagen 4 zum 18. Geburtstag gratulieren.“ Ein Lächeln huschte über die Gesichter der Fahrgäste und Adrian wird auch seinen Spaß gehabt haben.
Und dann die Rückfahrt. Der bestgelaunte Schaffner der Republik schreitet gute Stimmung verbreitend durch die Gänge, wird sogar von einem Fahrgast lobend auf seine Freundlichkeit angesprochen, worauf er entgegnet: Dafür sind wir Deutschen doch weltweit bekannt. Fand ich witzig. Das Highlight ist die Durchsage zum Mittagstisch im Bordrestaurant. „Lassen Sie sich begeistern von unserem kulinarischen Angebot“. Da packt mich schon die Neugier. Jetzt nichts gegen das Bordrestaurant, das ein oder andere heiße Würstchen habe ich da auch schon mal konsumiert, es war ein Würstchen und es war heiß, aber begeisternd wäre jetzt gar nicht das, was ich in einem rollenden Restaurant erwarten würde. Aber nett, dass der Mann offensichtlich von seinem Angebot überzeugt ist. Der Besuch auf der Bordtoilette ist dann allerdings eher entgeisternd und die Verspätung weitet sich wegen weiterer Gründe – technische Störung am Gleis (äh?) – aus. Aber die Mitarbeiter sind gut drauf – und das ist doch auch schon mal was.

Reichlich geschafft komme ich in Stuttgart an und das nächste Mal, Ihr Lieben, melde ich mich wohl schon aus Edinburgh!

Lieblingsorte

Seit 10 Tagen sind wir zurück und wir fremdeln nach wie vor. Treffen mit lieben Freundinnen und Freunden machen es kurzzeitig besser, Begegnungen mit Finanzamt und anderen Behörden schlagartig schlechter. Langsam taste ich mich heran die Heimat und ein sehr gutes Rezept ist es, meine Lieblingsorte aufzusuchen.

Da wäre zunächst einmal Tübingen. Sowieso P1080687schon äußerst pittoresk und allein deswegen immer eine Reise wert, ist die Stadt äußerst zurückhaltend in punkto Veränderungen und so der perfekte Ort, um in Erinnerungen zu schwelgen. Tanja teilt sie mit mir und so machen wir uns auf zu einem wunderbaren Spaziergang durch die Altstadt. Jetzt bin ich zwar P1080688anderthalbmal um die Welt gereist, was ich aber noch nie ausprobiert habe, ist eine Frozen-Yoghurt-Bar, immer verwirrt von diversen Toppings, Soßen und Geschmäckern. Tanja assistiert und das Ergebnis muss natürlich sofort photographisch festgehalten werden. Das Wetter ist klasse, die Neckarfront idyllisch wie eh und je und wie auf Bestellung kommt noch ein Stocherkahn vorbeigefahren.

P1080692An jeder Ecke wartet eine Erinnerung – das In-Café auf dem Marktplatz, das früher das Café Pfuderer beherbergte, in dem ich mit weißer Bluse, schwarzem Faltenrock und weißer Spitzenschürze bedient habe. Immer noch den alten Namen behalten hat die Marktschenke, wo mein Kommilitone Thomas am Zapfhahn stand – seines Zeichens heute Professor in Heidelberg. Das „Prinz Karl“ war unsere Mensa, damals eine echte Bruchbude in einem uralten Innenstadthaus, aber es war meist leerer als die Zentralmensa und im ersten Stock konnte man so gemütlich Kaffee trinken. Das Innenstadthaus ist heute zwar immer noch uralt, aber keine Bruchbude mehr, ein Schild informiert, dass hier Alois Alzheimer als Student wohnte und die Mensa drinnen ist ultramodern. Das „X“ gibt es auch noch, der Schnellimbiss in der P1080690Altstadt, wo man sich abends ein Bier und eine Currywurst holte, um die halbe Nacht auf dem Marktplatz zu sitzen und immer jemanden traf, den man kannte. Mir fällt ein, dass ich damals anfänglich mit ganz ähnlichen Problemen zu kämpfen hatte wie heute – es war 1987 und ich kam aus Israel zurück, wild entschlossen, meine Zukunft jetzt in Angriff zu nehmen und was Vernünftiges zu studieren, aber voller Sehnsucht nach dem Leben im Kibbutz. Anfänglich fühlte ich mich unglaublich einsam – in Israel hatten wir mindestens zu zweit in einem Zimmer gewohnt, das Essen gab’s im Dining Room gemeinsam mit hunderten Kibbutzniks und wann immer man Lust auf ein nettes Gespräch hatte – auf der Wiese vor meinem Zimmer saß immer jemand. Das Fremdeln in Tübingen legte sich aber schnell – nach einer Woche kannte ich schon eine erkleckliche Zahl von Leuten und alles war gut.

Tanja und ich beenden den Stadtrundgang mit einem Kaffee vor der Stiftskirche, auch dort schießen mir wieder Bilder durch den Kopf vom 1.Mai-Singen der Verbindungen – die Gegendemonstration war eine Pflichtveranstaltung. Ob’s das heute überhaupt noch gibt?

Zum Schluss dann noch ein Abstecher in P1080697Südstadt, wo Eric und Tanja gewohnt haben. Das Haus, ein privates Studentenwohnheim, gibt’s noch, es hat zwar ein Vordach und neue Fenster bekommen, aber ansonsten hat sich hier kaum was verändert. Um die Ecke, an der Steinlach, präsentiert mir Tanja einen ihrer Lieblingsorte – hier möchte sie wohnen. Da würd ich glatt mit einziehen – also, hat da jemand ein günstiges Haus zu verkaufen? Wir warten auch noch ein paar Jahre.

In Stuttgart schaut der Sommer jetzt auch P1080712regelmäßiger vorbei und so setze ich mich auf’s Fahrrad, um dem Stuttgarter Westen zu entfliehen. Ist zwar der In-Stadtteil mit lauter hippen Kneipen, aber ich werde dort nicht warm. Mein Lieblingsstadtteil ist Stuttgart-Ost, noch ein bunter Mix aus unterschiedlichen Nationalitäten, Familien und Singles, Anthroposophen und weniger Intellektuellen, aber die Gentrifizierung fängt schon an. Meine alten Strecken funktionieren nicht mehr wie gewohnt, Stuttgart 21 hat den P1080700mittleren Schlossgarten in Schutt und Asche gelegt, Stadtbahnhaltestellen, Durch- und Übergänge sind in riesigen Gruben verschwunden und nur das Planetarium bietet dem Milliardenloch die Stirn. Weiter hinten im Rosensteinpark scheint die Welt noch in Ordnung zu sein. Meine frühere Joggingstrecke war und ist ein Lieblingsort, vorbei am Rosengarten und Schlösschen, P1080705immer an der Wilhelma entlang, wo Eisbären und Kamele gleichgültig herüberblicken und dann links durch die Wiesen. Das Gras steht hoch, die Wildblumen blühen, als Futterwiesen für die Wilhelma ist alles ganz naturbelassen und P1080706man könnte fast vergessen, dass oberhalb am Löwentor der Verkehr vorbeidonnert und unten die Stadt tobt. Doch nur einmal zur Seite geschaut ist man zurück in der Realität. Der amputierte Holzsteg über den Neckar erinnert daran, dass Cannstatt für Fußgänger und Radfahrer hier vom Park aus abgeschnitten ist. Wohin man sich wendet, überall begegnen einem die Wunden der Stadt und eine Heilung scheint in weiter Ferne. Nun ja, an mir lag’s nicht…

P1080717Doch, ich bin ja auch Neuerungen durchaus aufgeschlossen und so komme ich zu einem weiteren Lieblingsort – der Dachterrasse der neuen Stadtbibliothek. Von hier hat man einen wunderbaren Rundumblick über die Stadt und kann die Sonne genießen. Im vergangenen Jahr war ich häufig hier, meist mit einem Buch aus der Bibliothek unter mir oder einmal auch zur P1080721Sonnenfinsternis. Tatsächlich ein gut gelungener Ort, sowohl die Bücherei als auch diese schöne Terrasse. Von außen vielleicht etwas gewöhnungsbedürftig, zumindest tagsüber, wenn die graue Fassade dem Spitznamen Bücherknast alle Ehre macht. Nachts, wenn das Gebäude blau angestrahlt wird, ist es aber durchaus ein Highlight. Dass sich zwischen Banken und Einkaufszentren tatsächlich ein Ort für die Allgemeinheit durchsetzen konnte, ist erstaunlich.

Und gestern war ich dann endlich an einem ganz wichtigen Lieblingsort: der Yogaschule von Christine. Ich habe auf der Reise ja einige Yoga-Stunden absolviert, in der Altstadt von Chiang Mai, Open Air mit Blick auf tropische Vegetation in Costa Rica, aber nichts war so gut wie Christines Yoga. Also, ist ja alles doch nicht so schlecht in Good old Germany.

 

 

Not so easy

Tja, dass das Nachhausekommen so seine Tücken hat, das hat Eric ja schon beschrieben. Dabei fing alles mit zwei wunderschönen Überraschungen an. Schon am Stuttgarter P1080680Flughafen konnten wir den neuesten und bestimmt am besten gelaunten Moarefi-Spross kennenlernen. Dürfen wir vorstellen: Aaron Moarefi mit Onkel Eric! Seine Eltern Dominik und Sabrina überraschten uns am Flughafen und es war so schön, von bekannten Gesichtern in Empfang genommen zu werden. Während ich dies in vollen Zügen genießen und viel Duzi-Duz machen konnte, bekam Eric den ersten Einblick in die deutsche Dienstleistungskultur: sein Rucksack hatte den Flug verpasst. Das erste und einzige Mal während unserer Reise mit so vielen Flügen und Fluglinien, aber bei einem simplen Direktflug von Lissabon nach Stuttgart mit Germanwings, da klappt es nicht. Kann passieren, aber was nicht passieren sollte, ist eine gelangweilte und in hohem Maße unfreundliche Dame an dem Schalter zu platzieren, wo Kunden eigentlich geholfen werden sollte. Um es vorweg zu nehmen: der Rucksack wurde mit zweitägiger Verspätung dann angeliefert – ohne vorherige Ankündigung und ohne ein Wort des Bedauerns. Na ja, jetzt ist er wenigstens da.

20160802-Stuttgart-Rückkehr-03Und die nächste Überraschung wartete dann an der Wohnungstür auf uns: ein Willkommensplakat, über das wir uns so gefreut haben. Danke Armin, Tine, Emil und Anton! Natürlich ist es toll, die ganzen lieben Menschen wieder zu sehen.

Nur irgendwie sind sie da, die Melancholie und das große Fremdeln. War Stuttgart eigentlich schon immer so grau? Waren die Leute auf der Straße auch früher schon so schlecht gelaunt? Und ging man immer schon so unfreundlich miteinander um?

Es sind ein paar Szenen, die ich ganz bezeichnend finde. Am ersten Morgen gehe ich in den Supermarkt um die Ecke, um für’s Frühstück einzukaufen. Vor mir an der Kasse eine von diesen hippen Heusteigviertel-Ladys, ganz cool und auf dem Band lauter Bioprodukte. Die Kassiererin tippt in ihre Kasse und sagt „9 Euro 20“. Madame zückt ihr Handy, teilt mit, dass sie bald da sei und nestelt nebenher einen zusammengefalteten Schein aus ihrer Jeans. Sie flötet weiter ins Telefon und wirft den Schein auf das Band, er landet zwischen Bioeiern und Direktsaft. Mein Mitleid mit der Verkäuferin ist grenzenlos.

Und ganz schön war heute der Kontakt mit der Autovermietung Buchbinder. Auto mieten war ja fast schon ein Standardvorgang während des letzten Jahres und ich schwärmte bereits von Alamo, die uns mit ihrer Freundlichkeit und Kompetenz wirklich verblüfft haben. Und dann also Buchbinder. Noch gut gelaunt trete ich an den Tresen am Flughafen heran, hinter dem vier Personen sitzen, einer davon im Kundenkontakt. Ich wähle die mittlere Dame, sie guckt kurz auf und sagt, ich solle doch zu ihrer Kollegin nebendran gehen. Gut, mache ich. Diese Dame ist allerdings ins Gespräch vertieft mit – wie ich mithören kann – einer weiteren Kollegin, die gerade Feierabend machen will. Als diese sich dann verabschiedet, wendet sich die Dame endlich grußlos mir zu. Ich schildere ihr mein Anliegen, allerdings klingelt plötzlich das Telefon. Sie macht eine Handbewegung in meine Richtung und vertieft sich in ein längeres Telefonat. Als dieses beendet ist, tritt sie in die Diskussion mit ihrer Kollegin über das Telefonat ein. Ich bin kurz davor, sie zu fragen, ob ich vielleicht später wiederkommen soll, da fängt sie an, in meinen Unterlagen zu blättern, stöhnt und ruft ihrer Kollegin zu „Hast Du noch nen Kleinwagen?“. „Maximal nen Panda“ antwortet diese und meine Ansprechpartnerin sagt streng zu mir „Abholzeit war 12 Uhr“. So ganz langsam vergeht mir die gute Laune, ich werde hier behandelt wie eine lästige Fliege und abgekanzelt wie ein Schulmädchen. „Sie haben also mein bereits bezahltes Auto weitergegeben?“ frage ich und erhalte als Antwort „Das steht so in unseren Bedingungen, können sie nachlesen.“. Offensichtlich findet sich aber noch was. „Telefonnummer?“ fragt sie, weiter ganz Oberlehrerin. „Ich habe derzeit keine Telefonnummer.“ sage ich ihr „Sie erreichen mich am besten per E-Mail.“ „Ich brauche aber eine Telefonnummer.“ „Wofür denn?“ „Damit wir sie erreichen können.“ „Das können Sie per E-Mail.“ „Aber wohnen tun sie hier, oder?“. Vielleicht sollte sie sich mal auf dem Ordnungsamt bewerben. Dann fragt sie nach meiner Kreditkarte, bucht die Kaution darauf, lässt es mich unterschreiben und ich sage „Den unterschriebenen Kreditkartenbeleg geben sie mir aber wieder, wenn ich das Auto zurückgebe.“ „Ne, der bleibt bei uns.“ Bitte? Ich habe im letzten Jahr dutzende solcher Kautionsbuchungen durchgeführt, das machen ja gerne auch die größeren Hotels, und es war jedes mal eine Selbstverständlichkeit, dass der Beleg mir entweder beim Aus-Checken ausgehändigt oder in meiner Anwesenheit zerrissen wurde. Geht’s noch? Jetzt reicht es langsam, pampig kann ich auch. Wir gehen nicht freundlich auseinander und ich frage mich mal wieder, warum ausgerechnet die Personen, die ungern mit Menschen umgehen, einen Beruf mit Kundenkontakt wählen. Wehmütig denke ich an Kanada zurück, eine herzliche Begrüßung, eine freundliche Erklärung, warum man Dinge so oder so handhabt. Willkommen in Deutschland. Wie peinlich, dass dies für einen Ausländer der erste Eindruck sein könnte, den er von unserem Land bekommt.

So, genug lamentiert. Das Auto trägt mich am Wochenende ins Umland, ich werde endlich mal wieder Tübingen besuchen und freue mich schon sehr auf ein Wiedersehen mit Tanja. Und am Sonntag soll das Wetter besser werden. Wahrscheinlich ist Stuttgart gar nicht grau, sondern gerade einfach nur falsch belichtet.

 

Leider, leider gar nicht heiter

20160412-Costa-Rica-Tortuguero-43Zurück in Deutschland und es ist gar nicht spaßig -ausgenommen natürlich das Wiedersehen mit Freunden und Verwandten.
Immer wieder hatten wir uns überlegt, wie es wohl sein würde, wieder in Deutschland anzukommen.
Und nun ist es Realität.

Die Rückkehr nach Hause, in die Gewohnheiten und Routinen, in die Aufgaben und Pflichten, in die Welt der Termine und der Formalismen -sie fühlt sich an, als wäre man zurückgekehrt in den Würgegriff einer Boa Constrictor.
Kommt man ihr zu nahe, schlägt sie blitzschnell zu. Dann umfasst sie einen mit ihrem langsamen aber immer fester werdenden Griff. Sie drückt zu, immer stärker, bis einem die Luft zum Atmen weg bleibt, bis die Sinne benebelt werden und man jeden Widerstand aufgibt.
Dann verschlingt sie einen langsam.
Noch ist man in ihrem Leib als dicker Klumpen zu erahnen. Doch bald schon ist man nicht mehr wahrzunehmen und ist voll und ganz in ihrem Fleisch und Blut aufgegangen, ist Teil ihres Organismus geworden

Es geht zu Ende…

20160730-Portugal-Sintra-01So, Ihr lieben Globonauten-Begleiterinnen und -Begleiter, jetzt ist doch tatsächlich der letzte Abend gekommen und die große Wehmut über uns herein gebrochen. War es nicht erst vorletzte Woche, dass wir in Stuttgart aufgebrochen sind, Eric kurz zuvor mit einem Car2go fast noch einen Unfall gebaut und wir mehr als knapp die S-Bahn zum Flughafen genommen hatten? Morgen geht es zurück nach Stuttgart und wir fühlen uns der Heimat fast so nah wie nach einem „normalen“ Urlaub. Die Termine für die nächsten Tage stehen fest, ein Zahnarzt, der ob meiner provisorischen Füllung aus Costa Rica wahrscheinlich die Hände über dem Kopf zusammenschlagen wird, für Eric stehen Vorstellungsgespräche bei Firmen an und die Kommunikation mit unseren Krankenkassen hat uns in den letzten Wochen schon einen ersten Dämpfer versetzt. Wir kommen in den Sommerferien an und das bedeutet auch, dass viele von euch ihren wohlverdienten Jahresurlaub angetreten haben und nicht da sind. Zu gern würden wir euch alle sofort bei einem großen Fest wiedersehen, aber das normale Leben ist bei euch natürlich weitergegangen uns so werden wir uns in Geduld üben müssen, euch wiederzusehen. Ihr merkt vielleicht, es ist gerade alles andere als einfach.

20160731-Portugal-Sintra-10Die letzten zwei Tage haben wir in Sintra verbracht und dieser Ort ist nicht ganz der ideale, um vom schönen Portugal Abschied zu nehmen -und auch nicht, um die letzten Tage einer wunderbaren Reise zu verbringen. Es ist Hochsaison und zu viele Touristen versperren diesen- und das müssen wir jetzt mal so deutlich sagen – vom Tourismus vollkommen versauten Ort. Überteuert und ohne eine Spur der portugiesischen Herzlichkeit, die wir in Lissabon und Porto so genossen haben. Routiniert werden die Sommergäste hier abgewickelt und die Schönheit des Ortes erstickt im Kommerz.
Trotzdem haben wir heute einen schönen Spaziergang unternommen und uns die beeindruckenden Villen in wunderbaren Parkanlagen angeschaut – von außen, denn wollte man sie alle besichtigen, wäre man locker 100 Euro los und müsste wegen der Warteschlangen zwei Wochen einplanen… Zum Glück versöhnte uns am Abend noch ein wunderbares kleines Restaurant mit der touristischen Welt. Bei gebratenem Octopus, einer Flasche Vino Verde und einem reizenden Kellner, dessen Lieblingsportwein mir den Abend schließlich gar noch versüßte, nahmen wir angemessen unser letztes Weltreise-Abendmahl zu uns.

Und wir haben eine erste Bilanz gezogen. Natürlich war das nach wie vor die allerbeste Entscheidung unseres Lebens, diese Reise zu machen. Wir haben viel aufgegeben, aber das war es wert! Wir haben so viel gewonnen in den letzten 12 Monaten und vielleicht dürfen wir an dieser Stelle mal ein ganz dickes Dankeschön an all die vielen Menschen loswerden, die uns begleitet haben oder erst Begleiterinnen und Begleiter wurden.
Unsere Kolleginnen und Kollegen von der VPV und der DHBW haben uns gezeigt, dass sie gerne mit uns zusammen gearbeitet und uns nicht vergessen haben. Wien war eine wunderbare Adresse für nächtliche Chats- danke Susanne -, meine alten Freundinnen aus Hamburg, Dörte und Babette, ich nenn euch jetzt mal beim Namen, es war toll, wieder so intensiv in Kontakt zu treten! Meine etwas neueren Freunde aus Bad Säckingen, danke, dass ihr immer dabei ward. Wir haben neue Freundschaften geschlossen und ein lieber Gruß geht nach Polen an Zbiegniew, den wir auf den Philippinen kennenlernen durften. Dann waren wir auch so froh über die Begegnungen mit Menschen aus der Heimat, Michael, Coco, Sonja und Jonathan, danke für die tolle Zeit. Ein Riesendankeschön geht an die Unterstützer, Armin, was hätten wir ohne dich gemacht, aber auch Simone war eine große Hilfe. Doofe Schreiben von Krankenkassen, dem Statistischen Landesamt, das plötzlich sein Interesse an meiner Meinung zeigte oder der mehr als nervigen EnBW habt ihr wunderbar gehandelt. Dann die liebe Helene, die den Kontakt in die schöne Pfalz aufrecht erhalten hat und irgendeinen großen Fan scheinen wir in Berlin zuhaben, wie uns die Zugriffsdaten auf unsere Seite zeigen. Unbekannterweise ganz liebe Grüße! So, jetzt komm ich mir fast vor wie bei einer Oscar-Rede und habe bestimmt ganz viele Menschen nicht genannt, über deren Mails und Facebook-Nachrichten ich mich so sehr gefreut habe!

Beim schon genannten wunderbaren Abendessen haben wir mal versucht, die schönsten und eindrücklichsten Erlebnisse zu sammeln, aber es bleiben doch eher nur Bruchstücke.

Die schönsten Orte, die gab es nicht. Alle Orte waren toll! Der erste Blick auf den Grand Canyon und dieser Wahnsinnsstrand in Costa Rica werden wahrscheinlich unsere Hitliste anführen, aber es gab so viel. Die berührendsten Orte, das waren wohl Hiroshima, Christchurch und Kathmandu. So viel Leid und so viel Zuversicht. Die beeindruckendste Essen (für uns ja eine ganz wichtige Kategorie) bestanden aus rohem Fisch: Poke in Hawaii, Sushi in Hiroshima und Kagoshima, das fiel uns spontan ein. Nudeln in Fischsud in Thailand, das gehört sicherlich auch dazu. Die freundlichsten Menschen, die trafen wir an vielen Orten, aber besonders  in Nepal und auf den Philippinen. Die unattraktivsten Städte, da haben wohl Auckland und Bangor in Maine eine gute Chance. Stolz sind wir darauf, uns meistens gut verstanden zu haben und 40 Meter in Costa Rica in die Tiefe gesprungen zu sein. Tolle Naturerlebnisse gab es unzählige, aber die Nationalparks der USA, der Chitwan-Nationalpark in Nepal und P.E.I. in Kanada spielen ganz oben mit.

Zu beklagen sind drei Autoreifen, ebensoviele Zehennägel, mehrere Ladekabel und zuletzt die Sportkamera. Nirgendwo ist uns etwas geklaut worden und die zwei geknackten Kreditkarten führten zum Glück zu keinen dauerhaften finanziellen Schäden. Ganz gute Bilanz.

Wir beenden jetzt die Reise zu zweit. Ich hänge noch ein Jahr dran, also wird es auch weiter Berichte geben. Ihr müsst dann aber mit weniger schönen Photos vorlieb nehmen. Im September geht es los nach Edinburgh, wo ich mir für einen Monat eine kleine Wohnung gemietet habe. Mein großer Vorsatz ist, in dieser Zeit ein Globonauten-E-Book zusammen zu stellen und so gedanklich noch mal alles abzureisen. Und ab Oktober muss es dann in die Wärme gehen und es gibt noch so viele Länder, die ich sehen möchte. Vielleicht habt Ihr ja Tipps für mich!

Also, Ihr Lieben, wir sehen uns. Die Globonauten machen weiter und wir treffen uns entweder demnächst persönlich oder wieder auf dieser Seite!

Harry Porto

20160725-Portugal-Porto-65Jetzt hab ich doch immer gedacht, Joanne K. Rowling habe sich in Edinburgh inspirieren lassen. Die dunklen Gassen am Schlossberg, die Schuluniformen englischer Internate, war doch alles offensichtlich. Aber mitnichten: ein kurzer Gang durch Porto und schon ist klar: hier ist es passiert. Mrs Rowling lebte zwei Jahre in Portugals zweitgrößter Stadt und schrieb hier am ersten 20160729-Portugal-Porto-139Harry Potter-Band. Die Stadt wirbt zwar nicht damit, aber die Stätten der Inspiration sind mittlerweile bekannt – und wissen ihren Status zu nutzen. Die Buchhandlung Livraria Lello e Irmão, deren Treppe wohl die Vorlage zu denen in Hogwarts geliefert hat, verlangt mittlerweile drei Euro Eintritt. Für das Ticket steht man lange an, in der Buchhandlung selber wird gebaut – das sparen wir uns. 20160726-Portugal-Porto-98Deshalb müssen wir und ihr mit einem Link vorlieb nehmen.   Wir gehen lieber ein paar Häuser weiter und finden uns in einem Laden wieder, in dem auch Olivanders Zauberstäbe angeboten werden könnten. Wir spazieren durch steile Sträßlein, die der Winkelgasse alle Ehre machen und an manchen Ecken würde man sich kaum wundern, wenn einem Menschen mit Spitzhüten entgegenkommen würden. Wir schaffen es leider auch nicht, einen Studenten im traditionellen schwarzen Umhang vor die Linse zu bekommen und deswegen gibt es noch mal einen Link zu jemandem, der hier mehr Glück hatte.
20160729-Portugal-Porto-134Porto kommt uns wie die wilde Schwester Lissabons vor. Hier wird zwar wohl viel Geld verdient, aber die Stadt hat nichts von der Aufgeräumtheit Lissabons. Die Häuser klettern die Felsen am Douro windschief empor, kaum eine Straße verläuft für längere Zeit geradeaus und immer mal wieder schlagen einem heftige Gerüche entgegen. Aber Porto ist toll und fast am beeindruckendsten ist es, über die Ponte Dom Luis I in rund 55 Meter Höhe über den Douro hinüber nach Gaia zu laufen. Und nicht nur 20160725-Portugal-Porto-44der tolle, wenn auch schwindelerregende Ausblick ist ein Grund, diese Tour zu machen, sondern auch die Tatsache, dass sich in Gaia die Portweinkeller befinden. Wir besichtigen zwei, Ramos Pinto und Burmester, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Während Ramos Pinto die volle Sinnlichkeit des Porto verkörpert (einschließlich erotischer Wandmalereien) bekommt man bei Burmester deutsche Qualitätsproduktion. 20160725-Portugal-Porto-41Natürlich probieren wir uns durch die Angebote und werden Portweinfans. Besonders lecker ist die Sommervariante Porto Tonic mit Zitrone und Minze und so integrieren wir Portos Vorzeigeprodukt in unseren Tag – besonders abends muss noch ein Gläschen her, weil der Flug von Toronto bei mir immer noch nachwirkt: der fiese Husten lässt sich angeblich besonders gut mit Portwein kurieren.

20160725-Portugal-Porto-73Porto hat aber auch eine kulinarische Sünde, die uns ganz fatal an Poutine in Kanada erinnert: Franceshina. Ein mit diversen Fleischarten und viel Käse gefülltes Sandwich, von Käse ummantelt und mit Soße übergossen. Wer davon nicht satt wird, kriegt noch ein gebratenes Ei obendrauf und Pommes dazu. Nein, diesmal testen wir nicht. Die letzte Poutine ruht noch auf meinen Hüften und hier bekommt man Fisch an jeder Ecke und der ist so viel besser.

20160725-Portugal-Porto-48Wir wollten ja eigentlich noch mehr von Portugal sehen, vor allem die Atlantikküste, aber in Porto lässt es sich so schön faul sein: wir starten spät, bleiben in Cafés oder auch mal auf eine Wasserpfeife P1080677irgendwo hängen und schwups sind wir eine Woche hier. Jetzt wird es wirklich ernst, die Reise ist so gut wie zu Ende. Das soll jetzt wirklich schon ein Jahr gewesen sein? Und am Montag fliegen wir echt nach Deutschland? Es ist schwierig, das sag ich euch, und so richtig unbeschwert sind wir nicht mehr. Aber dazu schreibe ich mal separat was. Noch haben wir einen kurzen Aufenthalt in Sintra vor uns und den werden wir genießen!

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Ein Aufstieg und ein Untergang

20160722-Portugal-Coimbra-86Während meiner ersten Reise nach Portugal hatte ich unter anderem „Nachtzug nach Lissabon“ von Pascal Mercier im Gepäck und es hätte keinen besseren Ort geben können, um dieses Buch zu lesen. Ein Schweizer Lehrer begibt sich auf die Spuren eines portugiesischen Arztes und Philosophen, die ihn nicht nur nach Lissabon, sondern auch nach Coimbra führen. „Er liebte die Biblioteca Joanina in der Universität. Es verging keine Woche, ohne dass er dort war. Und die Sala Grande dos Actos, wo er sein Zeugnis entgegennahm.“ sagt die Schwester des Arztes über ihren verstorbenen Bruder und nicht nur der Lehrer, sondern auch ich beschließe, mir Coimbra einmal anzuschauen.

20160722-Portugal-Coimbra-87Ich bin doch erstaunt, dass ich historische Universitäten immer noch so faszinierend finde, aber Coimbra ist ja auch wirklich historisch und eine richtige Universität. Gegründet im Jahr 1290 thront sie auf dem Alcacova-Hügel über der Altstadt, „die majestätischen Gebäude der Universität, die alles überragen“, um nochmals Mercier zu zitieren. Wir kommen mit dem Tageszug aus Lissabon an und beziehen unser Hotelzimmer mit Blick auf den Mondego, der sich glitzernd und behäbig durch die Stadt zieht, um außerhalb der Stadtgrenzen Fahrt aufzunehmen und sich wild durch die Berglandschaft zu schlängeln. Oder fließt er andersrum? Jedenfalls ist er außerhalb von Coimbra etwas unbändiger. Aber dazu später mehr.

Die schmalen kopfsteingepflasterten 20160722-Portugal-Coimbra-32Gassen der Altstadt Coimbras steigen steil an und winden sich den Berg hoch Richtung Universität. Wir unterbrechen unseren Aufstieg, kaum dass er begonnen hat und besuchen die Igreja de Santa Cruz, eine Kirche aus dem 12. Jahrhundert, 20160722-Portugal-Coimbra-42fliesengeschmückt und mit einer beeindruckenden Orgel. Mehr zufällig entdecken wir hinter einem Nebenraum den Zugang zu einem Kreuzgang hinter der Kirche. Eine kleine grüne Oase inmitten der Stadt, gut versteckt hinterlässt dieser Ort bei uns den Eindruck, als hätten nur wir ihn entdeckt, aber nein, da biegen schon andere Touristen um die Ecke.

20160722-Portugal-Coimbra-49Wir verlassen die Kirche und kommen nicht weit. Direkt daneben finden wir ein Café in einem historischen Kuppelbau. Wir bestellen Cafe com leite und Sandas de queiho, Milchkaffee und Käsebrötchen, und genießen die Atmosphäre. Während die Terrasse voll besetzt ist, haben nur wenige den Weg ins Cafe gefunden und die, die hier sind, scheinen oft zu kommen, um Zeitung zu lesen oder ein Schwätzchen mit dem Kellner zu 20160722-Portugal-Coimbra-72halten. Jetzt wird es aber Zeit, endlich die Universität zu erobern. Noch eine Kirche stellt sich uns in den Weg, als auch diese bestaunt ist, steigen wir die letzten Meter empor und stehen auf dem Hauptplatz mit wunderbarem Blick über Coimbra und der Statue König Joaos III, des Universitätsgründers, in der Mitte. Wir stellen uns am Ticketschalter im neueren Teil der Universität an, nach 20 Minuten haben wir sie und damit vor allem auch den Termin für den Besuch der Bibliothek. Wir kehren zurück in den historischen Teil und wie so häufig, haben sich die juristische Fakultät 20160722-Portugal-Coimbra-81und die Verwaltung hier die besten Plätze gesichert. Die wissen halt, wie’s geht 🙂 Wir besichtigen die repräsentativen Räume und stehen staunend an den Fenstern des Sala grande dos actos, des zentralen Prunkraums, in dem nicht nur Amtsübergaben oder die Eröffnung des akademischen Jahrs stattfinden, sondern auch die Doktorprüfungen und diese offensichtlich ö20160722-Portugal-Coimbra-79ffentlich und fast als touristisches Spektakel. An den Fenstern oben blickt man hinunter in den großen dunklen Saal, in dessen Mitte an einem Tisch eine arme Doktorandin im schwarzen Talar sitzt und auf einer Leinwand  hinter sich ihre Doktorarbeit präsentiert hat. Das Prüfungskommitee, ebenfalls schwarz gewandet, sitzt ihr gegenüber auf einer seitlichen Empore und auf den vielen Sitzbänken hat die Öffentlichkeit Platz genommen, der es wohl eher um den Raum und das Ambiente als die Prüfung geht, denn man sieht die erleuchteten Handydisplays der gelangweilt wirkenden Gruppe bis oben hin leuchten. Einmal drin kommt man (hoffentlich) erst am Ende wieder raus und das offensichtlich medizinische Promotionsthema scheint nicht sehr mitreißend zu sein. Ich habe großes Mitleid mit der Promovendin und hoffe, sie hat alles gut über die Bühne gebracht.

Noch ein Besuch in der Universitätskathedrale, fast hat man sich schon gewöhnt an so viel Pracht, und dann sitzen wir endlich vor der berühmten Biblioteca Joanina und warten auf Einlass.

20 Minuten später stehen wir in der ersten20160722-Portugal-Coimbra-100 der drei großen Hallen, links und rechts Bücherregale, hinter denen angeblich die schädlingsfressenden Fledermäuse schlafen, für die die Bibliothek auch berühmt ist. Photographieren darf man nicht, aber wir sind jetzt mal böse, versichern uns, dass der Blitz abgestellt ist und schießen aus der Hüfte.

Auch im Dämmerlicht ist die Pracht überwältigend, Architektur und Ausstattung spiegeln den Reichtum des damaligen portugiesischen Königreichs wider und lassen die eigentlichen Protagonisten – die Bücher – P1080650fast in den Hintergrund treten. Was für ein Gegensatz zum letzten historischen Büchertempel, den ich besucht habe, die frisch renovierte Anna Amalia Bibliothek in Weimar, deren Rokoko-Pracht in hellen Farben leuchtete und auch den Zugang zu einzelnen Büchern erlaubte. Die barocke Joanina hat in all ihrem Prunk etwas düsteres und die Bücher stehen erst im eher schlichten Untergeschoss im Mittelpunkt. Ein kurzer Abstecher in den Karzer – frisch gestrichen wirken die Zellen nicht unbedingt abschreckend – und dann stehen wir wieder in der immer noch gleißenden Sonne.

Wir sind viel gelaufen in den letzten Tagen und haben viel Stadt gesehen – wie wäre es zur Abwechslung mal mit einem kleinen Ausflug in die Natur. Von unserem Hotelzimmer konnten wir die bunten Boote auf dem Fluss sehen, also google ich nach Kayak und finde sofort eine Tour etwas außerhalb. Treffpunkt morgens um kurz vor 10 in Coimbra, den Rest erledigen sie für uns. Wir leihen uns zwei Fahrräder im Hotel und radeln am nächsten Morgen am Fluss entlang Richtung Ruderclub. Zunächst sind wir die einzigen, die dort warten, etwas später kommen noch zwei Französinnen und ein junges Pärchen mit dazu. Unser Guide lotst uns zu einem kleinen Bus und wir fahren nach Penacova, etwa 20 Kilometer am Fluss entlang ins Landesinnere. Dort angekommen merken wir, dass wir nicht die einzigen sind, die den P1080663Mondego bereisen möchten. An der Ablegestelle warten mehr als hundert Touristen darauf, die Kayak zu besteigen. Hm. Wir schnappen uns einen schnittigen Zweisitzer und paddeln los. Tatsächlich verteilt sich die Masse schnell, der Fluss ist breit und es gibt viele kleine Strände, an denen man anlegen kann. Wir meistern ein kleines Wehr und fühlen uns sehr sicher, ist ja nicht so, dass wir zum ersten Mal kayaken. Wir sind quasi Profis, das dürfte das dritte Mal sein. Vor drei Monaten in Costa Rica. Und davor in P1080657Vietnam. Ist das wirklich schon sieben Jahre her? Aber, gelernt ist gelernt. Der Fluss hat eine gemütliche Strömung, man muss fast nur lenken, kann sich treiben lassen und die spektakuläre Landschaft genießen. Bewaldete Hänge zu beiden Seiten, Ziegenherden und strahlend blauer Himmel. Ab und an eine Stromschnelle, aber wie gesagt – wir können das. Der Fluss fließt plötzlich wieder schnell, das Boot dreht sich quer, neigt sich nach links und schwups liegen wir drin im kühlen Mondego. Ah, wie konnte das passieren? Das Wasser ist P1080674tief, die Schwimmweste hält, eigentlich ist es ja ganz angenehm. Mein Hab und Gut ist in einer Box auf dem Boot wasserfest angeschnallt, meine Schuhe, auf die kann ich zur Not auch verzichten, die müffeln schon seit Costa Rica. Unter mir berührt etwas mein Bein – mein Hut aus Australien dümpelt am Flussgrund. Mein Paddel habe ich auch schnell, das von Eric treibt etwas weiter entfernt, das kriege ich. Eric kümmert sich um das Boot, ich schwimme durch den Fluss zum anderen Paddel und werde rasch weitergetrieben. Ein Guide nähert sich in seinem Kayak, ich hänge mich an sein Boot und er zieht mich an eine seichte Stelle, wo ich auf Eric warten kann. Eigentlich alles sehr lustig und äußerst erfrischend – wenn Eric nicht Minuten zuvor seine Kamera hervorgeholt hätte. Alles findet sich im Boot wieder, sogar die muffeligen Schuhe – nur die Kamera, die darf jetzt für immer im frischen Flusswasser baden. Und sie wird ein langes Leben haben, denn sie ist wasserdicht eingepackt, aber wir werden sie wohl nie wiedersehen. Der erste große Verlust auf der Reise. Zum Glück ist es „nur“ eine Action-Cam, die große Spiegelreflex liegt trocken im Hotel, aber wir schlucken schon. Nun ja, die Fahrt ist weiter toll und ändern können wir es jetzt nicht mehr. Vielleicht sollten wir doch mal einen Kayak-Kurs machen? So einen ganz kleinen? Oder haben wir jetzt unsere Kayak-Taufe erlebt und uns kann nichts mehr schocken?

Jedenfalls gönnen wir uns am Abend auf den Schreck einen Besuch in einem ganz besonderen Restaurant, dem Lingua, das lusophonische Küche anbietet und das musste ich erst mal nachschlagen. Lusophonie, die Bezeichnung für den portugiesischsprachigen Raum. Zu einem Bier aus Mozambique gibt es eine herrlich scharfe Suppe aus Macau und einen Fischtopf mit Reis aus Guinea-Bissau. Zu gern hätten wir auch noch die Geschmäcker von Angola, Brasilien oder der Kapverdischen Inseln probiert, aber nicht mal ein Nachtisch passt mehr rein. Sehnsüchtig blicke ich auf die große Weltkarte an der Wand, die die lusophonischen Länder darstellt und bleibe an einem jungen Staat in Südostasien hängen – Timor-Leste, Osttimor, stand eigentlich auch auf meiner Liste, aber ein Jahr ist einfach viel zu kurz, um alle Traumländer zu besuchen. Na mal sehen, vielleicht beim zweiten Mal!