Ausgeölt

p1000918Ultraentspannt verbringe ich meinen letzten Tag im schönen Sri Lanka ölfrei im und am schönen Pool. Mein Flug ist auf abends verschoben worden, eigentlich ganz angenehm, das wird zwar eine kurze Nacht, aber ich bin ja erholt und freue mich schon auf Penang in Malaysia. Eine Woche dort und dann steht eine erneute Globonauten-Reunion an!

 

p1000902Die drei Wochen Ayurveda im Lawrence Hill Paradise  haben einfach nur gut getan, körperlich wie seelisch. Fünf Kilo sind auf der Strecke geblieben, große Gelassenheit ist bei mir eingekehrt und ich fühle mich um einige Jahre verjüngt. Die Massagen waren großartig, Yoga mit Blick auf’s Meer genauso, ich bin ein großer Meditationsfan geworden und habe wunderbare Menschen kennengelernt.

p1000911
Und nu sind sie fast in Balance

 

p1000913
Hier werden die Doshas ertastet

 

 

 

 

 

 

p1000893
Jeden Morgen Yoga mit Blick aufs Meer
p1000889
Immer begleitet von dieser Taube: eine alte Seele

Ich hoffe sehr, mir einiges aus dieser Zeit erhalten zu können. Jedenfalls fühle ich mich gestärkt für weitere asiatische Abenteuer und freue mich mehr denn je auf die kommenden Monate. In Sri Lanka lasse ich meine Wünsche für die Zukunft – wohl verpackt hängen sie in einem Gartenbungalow und werden am Ende der Saison in den Tempel gebracht. „It works“ sagt mir die Ärztin am letzten Tag. Ich bin gespannt…

p1000920

 

 

 

Küchenkräuter und Kräuterküche

p1000878Am Sonntag ist Markttag in Hikkaduwa. Die sonst verwaiste Straße neben den Gleisen gegenüber dem Bahnhof verwandelt sich in ein Meer aus Gemüse, Obst und vor allem Kräutern. Ein sehr authentischer Markt, der kaum touristisch beeinflusst zu sein scheint.

p1000733Andreas und ich schwingen uns am frühen Morgen in ein Tuktuk und fahren mit Srilal, dem Gästebetreuer aus unserem Hotel, das kurze Stück bis zum Markt. Der Fahrer lässt uns kurz hinter den Gleisen raus und wir tauchen ein in das Lebensmittelparadies. Für die ersten 50 Meter brauchen wir fast p1000761eine halbe Stunde – an jedem Stand gibt es etwas zu erzählen, zu bestaunen oder zu probieren. Viele der Obstsorten habe ich noch nie gesehen – Wood Apples, die frisch nicht sonderlich gut schmecken, als Saft mit Zucker, Milch und Limette allerdings köstlich. Kleine gelbe Beeren, die ein wenig wie Stachelbeeren aussehen und laut Srilal während des Kauens ihren Geschmack mehrmals ändern, von sauer zu bitter über süß. Bei mir bleiben sie allerdings im Anfangsstadium stecken. Jedes Kraut, jedes p1000739Gemüse, jede Frucht hat eine Wirkung und Srilal kennt sie alle. Der Wood-Apple-Saft macht schlank, die kleinen kleeartigen Blätter schlau und die grüne Wurzel stärkt die Manneskraft. Das Sträßlein mit den Ständen macht einen Knick nach rechts und es wird laut: wir stehen vor der eigentlichen Markthalle, eigentlich eher eine Ansammlung blauer Betonpfeiler, über die bunte Planen gespannt sind. Zwischen Bergen von Zwiebeln sitzen die Verkäufer und überbieten sich gegenseitig mit Sonderangeboten. Es wird gebrülltp1000828 was das Zeug hält, aber die Käufer scheinen sich trotzdem recht gleichmäßig über die vielen Stände zu verteilen. Weiter drinnen wird es immer grüner: Berge frischer Kräuter! An einer Ecke scharen sich die Bananenverkäufer, an einer anderen wird getrockneter Fisch angeboten, neben einem Riesenhaufen länglicher Ananas türmen sich die Papayas. Was für eine Pracht! Und was für Menschen! Ich kann mich kaum losreißen, aber die Massagen rufen und ich beschließe, am nächsten Sonntag nochmals etwas früher wiederzukommen.

p1000754 p1000816

Amp1000771 Nachmittag bekommen wir dann einen Eindruck, was mit den vielen unterschiedlichen Kräutern und Wurzeln passieren kann – unsere ayurvedische Ärztin gibt uns einen Einblick in die hoteleigene Kräuterküche. Hier wird alles selber gemacht – in zwei eingemauerten Kesseln werden die Öle für die Massagen gekocht, in einem großen p1000770Apothekerschrank lagern die unterschiedlichen Zutaten in getrockneter Form, auf dem Feuer brodeln verschiedene Kräutersude und daneben werden Pillen gedreht. So gut wie alles, was wir zu den Mahlzeiten an Tabletten und Säften schlucken und was bei den Massagen über uns ausgegossen wird, produzieren die Medizinmänner in dieser Küche. Ab sofort genieße ich die Massagen noch ein bisschen mehr und selbst die bittere Abkochung, die ich nachmittags und morgens trinke, verliert etwas von ihrem Schrecken.

Da köchelt mein Frühstücksdrink
Da köchelt mein Frühstücksdrink

p1000809Aber der Markt hat mich noch nicht losgelassen und so starte ich am folgenden Sonntag schon früh allein und zu Fuß. Die Händler sind noch am Aufbauen, hagere Gestalten schleppen riesige Säcke mit Gemüse durch die Gassen der Markthalle, noch wird nicht gebrüllt, obwohl die ersten Käuferinnen schon mit prall gefüllten Einkaufstaschen von dannen ziehen. Schade, dass es hier keinen Teestand oder ähnliches gibt, ich p1000824würde mich am liebsten ein Stündchen mitten auf den Markt setzen und die Menschen beobachten. Ich drehe ein paar Runden und mache mich dann auf den Rückweg. Kurz hinter den Schienen kommen mir Srilal und Andreas entgegen. Sie winken und Srilal ruft „Warst Du schon auf dem Fischmarkt?“. Nein, war ich nicht, und obwohl sie beide gerade von dort p1000868kommen, drehen sie um und wir gehen gemeinsam zu dem kleinen Hafen nur ein paar Meter weiter. Am Kai vor den bunten Booten präsentieren die Fischer ihre Beute: Barrakudas, von denen einer später in Andreas‘ Einkaufstüte landet, Haie, die noch ihre Beute im Maul tragen, ein großer Haufen Oktopusse, Fische mit wie empört aufgerissenen Augen, die gleich an Ort und Stelle ausgenommen und in Stücke gehackt werden. Ein ziemlich blutiges und eindrückliches Erlebnis, dieser kleine Fischmarkt.

p1000863p1000869

p1000874
Was vom Fische übrig blieb

p1000871

Essen und Lebensmittel bedeuten in Sri Lanka p1000749nicht nur Nahrungsaufnahme, alles hat eine Wirkung und die will gut ausbalanciert sein. Insofern ist Ayurveda hier besonders gut angesiedelt und scheint einen festen Platz im Alltagsleben zu haben. Srilal erzählt ganz selbstverständlich, dass die großen Ferien für die Kinder erstmal mit einer guten Darmreinigung beginnen. Als wir uns darüber unterhalten, welche Tiere in Sri Lanka gegessen werden und ich ängstlich frage, ob denn auch Affen darunter seien, beruhigt er mich „Nein, aber sie sind gut für die Augen.“ Uuuh….

Langsam geht meine Zeit hier zu Ende. Tiefenentspannt, grundgereinigt und um einige Kilos leichter werde ich Sri Lanka vermissen. Doch die Aussicht auf das phantastische Essen im malayischen Penang, das ein oder andere Shopping Center und den ersten Kaffee nach drei Wochen wird mir den Abschied ein bisschen versüßen…

Stadt, Land, Meer

Bevor ich die nächsten Tage abtauche in die Ölfluten des Shirodhara, des Stirnölgusses mit allerlei wundersamen Nebenwirkungen, nutze ich den fettfreien Abend, um von den schönen Ausflügen der letzten Tage zu berichten.

p1000597Hikkaduwa selber bietet wenig – bis auf Strand und Meer natürlich, denen die Hauptstraße leider gefährlich nah gekommen ist. Der ursprüngliche Traumstrand wurde mit Hotels und Restaurants zugebaut, hinter denen die stark befahrene Straße verläuft. Und parallel zu dieser befindet sich die Zugtrasse.
Auf unserer Fahrt Richtung Norden halten wir kurz am Tsunami-Denkmal in Peraliya, nur einige Minuten von Hikkaduwa entfernt. Über 1000 Menschen, vermutet werden sogar bis zu 1700, starben, als der Zug am 26.12.2004 von der Welle erfasst wurde. Mit Schaudern denke ich an diesen 2. Weihnachtsfeiertag zurück, als die ersten Meldungen von 500 Toten sprachen und die Zahlen sich stündlich vervielfachten.

p1000601Wir sind zu viert und fahren zum „Brief Garden“, dem einstigen Wohnsitz von Bevis Bawa, Major und Landschaftsarchitekt, der sich im dörflichen Beruwala ab 1929 ein kleines Paradies erschaffen hat. Ein verwunschener tropischer Garten, in dem p1000603es viel zu entdecken gibt – versteckte kleine Lichtungen, verschlungene Pfade, hier ein Teich, dort eine Treppe Richtung Haus. Und dieses ist die eigentliche Attraktion – ausgestattet mit antiken Möbeln und häufig homoerotischen Kunstwerken, luftig mit wunderbaren Blicken in den Garten, im Flur Photographien aus der Zeit, als Mr. Bawa und seine prominenten Gäste, u.a. Lawrence Olivier und Vivien Leigh, hier viel Spaß hatten. Wir lassen uns durch die Räume und das Outdoor-Badezimmer führen und der leicht morbide Charme schafft eine ganz besondere Stimmung.

p1000620 p1000622 p1000611 p1000609  p1000615 p1000614

p1000650Auf dem Rückweg halten wir an einer Schildkrötenfarm, in die wir dank eines Bekannten unserer Mitreisenden nach einem kühlen Ingwerbier einen Blick werfen dürfen. Ich war ja erst etwas skeptisch, aber die Anlage dient dazu, Schildkröteneier vor dem Zugriff illegaler Händler zu retten, auszubrüten und die kleinen Paddler p1000638dann ins Meer zu entlassen. Ich erliege dem Charme einer Mini-Schildkröte, die gar nicht mehr von meiner Hand runter will, und so gern hätte ich sie mitgenommen… Auch verletzte und deformierte Schildkröten werden hier kuriert oder beherbergt und meine Vorurteile sind rasch beseitigt. Ein schöner Nachmittag mit ungewöhnlichem Programm.

p1000693Ein paar Tage später geht es in die Altstadt von Galle innerhalb des im siebzehnten Jahrhundert errichteten Forts. Die meisten der historischen Häuser sind renoviert, stylische Läden und Hotels finden sich an allen Ecken und wir frönen unseren Shopping-Gelüsten. Standhaft widerstehen wir den Kaffeebars p1000682und Eisverkäufern und bummeln auf der Fortmauer Richtung Leuchtturm. Ein Schlangenbeschwörer versetzt eine sri lankische Schulklasse in Aufregung und unten im Meer findet der Schwimmunterricht statt – Galle ist p1000685noch nicht komplett in touristischer Hand. Ein Abstecher an den Strand von Unawatuna gibt mir die Gelegenheit, mich zum ersten Mal ins wilde Meer zu stürzen und die Abendstimmung an der Peace Pagode – der Sonnenuntergang fällt wolkenbedingt aus – macht auch diesen Tag zu einem sehr schönen Erlebnis.

 

Danke an Rolf, Karin, Ellen, Andreas, Alex und Manuel für die zwei schönen Nachmittage!

p1000694

Ganz schön schmierig

p1000714Seit anderthalb Wochen bin ich in Sri Lanka und seither wurden mindestens 10 Liter Öl über mir ausgegossen. In Hikkaduwa an der Südwestküste Sri Lankas lasse ich meine Doshas ins p1000715Gleichgewicht bringen. Und da werden keine halben Sachen gemacht: der Tag beginnt morgens um sieben mit einer ziemlich bitteren Kräuterabkochung, dann Yoga mit sensationellem Blick über die Küste, es folgt ein ayurvedisches Frühstück bestehend aus einem kleinen Kräuterschnaps, grüner Suppe, Tee und einigen Kräuterpillen.

p1000708
Medikamente für Frau Julia

Der Vormittag gehört dem angenehmsten Teil: den Massagen und Anwendungen. Im Halbstundentakt werden der Rücken, die Füße, der Kopf speziell und der ganze Körper allgemein geölt, gewalkt und mit heißen Kräuterstempeln bearbeitet. Die Öle kommen aus der hoteleigenen Kräuterküche und sind nicht unbedingt mit den Wellness-Essenzen deutscher Spas vergleichbar. Die Düfte erinnern an Bertie Botts Bohnen aller

p1000713
Where the magic happens

Geschmacksrichtungen: mal angenehm mandelig oder frisch-minzig, aber es sind auch durchaus Gorgonzola und Maggi im Angebot. Das Mittagsbuffet ist reichhaltig und gibt alles her, was die sri lankische Küche so an Geschmacksexplosionen zu bieten hat und das sind einige. Den Nachmittag verbringt man faul p1000707und versucht sich zu entölen, aber meine Haare sehen trotzdem aus, als wäre nur Samstag Badetag. Um 18 Uhr wird meditiert, danach Abendessen und um spätestens 21 Uhr liege ich im Bett. Der Erfolg des ganzen nach nur einer Woche ist durchaus spürbar: seidige Haut, wohlige Entspanntheit und drei Kilo weniger.

img_0604In den ersten anderthalb Wochen habe ich großes Glück mit meinen Mitkurenden, lauter nette und interessante Menschen. Von der Besitzerin feiner Koch- und Dekoläden über eine Biologin mit Comic-Ambitionen bis hin zum Tatortregisseur ist alles dabei. Recht berlin- und ostlastig, denke ich, bis mir die beiden breit sächselnden Chemnitzer erzählen, dass sie seit mehr als zwanzig Jahren in Metzingen leben.

Ein großer tropischer Garten beherbergt nicht nur viele Pflanzen, die zu Medikamenten verarbeitet werden, sondern auch exotische
Tiere: die Warane und Flughunde bekam ich noch nicht vor die Linse, dafür aber Affen, die regelmäßig über die Bäume turnen.

Trotz aller genüsslichen Faulheit: auch die Umgebung von Hikkaduwa habe ich schon etwas erkundet. Aber davon ein andermal. Meine Finger glitschen einfach ständig von der Tastatur…p1000672

Brüssel -das war knapp!

20161001-belgien-bruessel-12Das war knapp! Mann oh Mann!
Aber der Reihe nach…

Freitag Nachmittag starte ich und hole mir meinen Mietwagen, einen Fiat 500, um zum Globonaten Reunion Festival in Brüssel zu starten. Tolle Idee, sich ausgerechnet am verlängerte Wochenende mit vielen anderen auf die Straße zu schmeißen 👎. Und so brauche ich schon nach Landau mehr als zweieinhalb Stunden, also fast doppelt so lange wie unter normalen Umständen. Doch dann fließt der Verkehr und so komme ich gegen halb neun abends am Parkhaus nahe dem gebuchten B&B an. Das hat ganz gut funktioniert. Doch dann, nur dreihundert Meter von der Unterkunft entfernt, ist der Akku meines iPhones am Ende und ich stehe ohne Plan auf der Straße. Wohin? Keine Ahnung! So ein Mist! Ich bin abhängig von der Technik 😳. Also mitten auf der Straße kurz einen Schub Strom vom Notebook in das Handy gestoßen, unterstütz von Flucherei. Dann, endlich, ein Lebenszeichen vom Telefon. Ich bin gerettet! Das Ziel in wenigen Minuten erreicht!
20161003-belgien-bruessel-53Ein freudiges Wiedersehen und dann erst mal los zum Großen Platz. Eine wahre Pracht, die erleuchteten Häuser mit ihren goldfarbenen Elementen und den Steinmetzarbeiten.
Doch der Hunger treibt uns weiter und so landen wir in einem der vielen Restaurants in den Fressgassen rund um den Platz. Muscheln mit Pommes und ein Bier, so dass wir gleich ein typisch belgisches Gericht zu einigermaßen erschwinglichem Preis in dieser doch sehr teuren Stadt zu uns nehmen.
20161001-belgien-bruessel-30Das B&B liegt absolut zentral und mitten im Schwulenviertel -die fast reine Männergesellschaft steht in Trauben vor den Bars. Freitagabend ist die Hölle los und so schlendern wir noch ein wenig durch die Gassen der Altstadt, bevor wir dann, doch sehr müde, ins Bett fallen.
Tags drauf erkunden wir die Stadt bei ständig wechselndem Wetter. Immer wieder haben wir Glück und der starke Regen fällt gerade dann, wenn wir irgendwo gerade drinnen im Trockenen sind. Auch in Brüssel sehen wir, wie man auch in einer gut durch den Krieg gekommenen Stadt, hässliche Gebäude bauen kann. Aber schön und eine Reise wert ist es in jedem Fall. Wir lassen uns wieder einmal treiben und auch hier wartet um jede Ecke eine neue Attraktion auf uns. Wir freuen uns, uns nach einem Monat wieder zu sehen und ein paar Tage die Reise wieder gemeinsam fortführen zu können.

20161002-belgien-gent-02Am Sonntag machen wir Abstecher nach Gent und Brügge, zwei ebenfalls sehr schöne Städte. Natürlich überall deutsche Touristen, die wie wir durch die geöffneten Läden schlendern. Irgend ein Ereignis findet offenbar belgienweit statt und so ist gut für Unterhaltung gesorgt. Julia hat offenbar als Mitbringsel ein paar Dudelsackbläser aus Schottland nach Gent 20161002-belgien-gent-07mitgebracht. Auch Falkner mit ihren schönen Vögeln posieren auf einem der Plätze der Stadt und scharen Neugierige Beobachter um sich.

Die Zeit verfliegt wieder einmal sehr schnell, zu schnell, und so naht auch schon bald wieder der Abschied.
20161002-belgien-gent-1220161002-belgien-bruegge-0520161002-belgien-gent-17

Julia fliegt am Dienstagmorgen nach Sri Lanka und hat einen sehr langen Tag vor sich, der sie zunächst einmal nach Doha für einen mehrstündigen Zwischenstop führen wird. Natürlich fahre ich sie mit dem Fiat zum Flughafen. Wir stehen sehr früh auf und alles läuft zunächst nach Plan. Wir holen das Auto aus dem Parkhaus und lassen uns von Google Maps durch die Stadt leiten. Doch hat natürlich auch schon der Berufsverkehr eingesetzt und die Straßen werden immer voller. Wir werden durch zahlreiche rote Ampeln ausgebremst und landen in einer verstopften Straße nach der anderen.

20161003-belgien-bruegge-09Am schlimmsten ist jedoch, dass Google uns im Stich lässt. Es gibt in Brüssel sehr viele Straßen, die immer wieder durch Tunnel führen. Parallel zu ihnen führen auch immer wieder oberirdische Straßen, die wohl dazu dienen, von den Schnellstraßen abzufahren und so in die angesteuerten Stadtviertel zu gelangen. Doch Google Maps macht uns nicht klar, ob wir unten oder oben fahren sollen und dazu kommt noch die ungenaue Ortung meines Handys.
Wir irren immer schlimmer in der Stadt umher, landen in kleinen Seitenstraßen und verlieren komplett die Orientierung. Ständig wird die Route neu berechnet, ständig stehen wir in einer neuen Blechlawine. Panik steigt auf und als wir schließlich auf einer großen Straße direkt vor den Gebäuden der Europäischen Union beim Schumann Platz die endlose Schlange vor uns sehen, fahre ich einfach rechts in eine Seitenstraße direkt bei der Europäischen Kommission, in der gerade die Afghanistan Runde tagt, und parke das Auto. Wir rennen zu einem Taxistand den wir eben passierten, können jedoch noch zuvor eine Taxe anhalten. „To the airport!“ rufen wir dem Fahrer zu. Julia springt in den Wagen, ich befördere den Koffer in das Heck und steige schnell ein. Der Taxifahrer kämpft sich sicher durch die wartenden Autos und biegt von dieser Horrorstraße ab. Er kennt kein Pardon und fährt 20161001-belgien-bruessel-39schnell an allen Schlangen vorbei. Er überholt auf den Autobahnen zügig links alle an den Ausfahrten geduldig Wartenden und drängt sich ohne Nachsicht im letzten Meter auf die Abbiegespuren. Ein Stau folgt auf den nächsten aber mit unserem gnadenlosen Chauffeur haben wir das große Los gezogen. Wir erreichen endlich den Flughafen, den wir laut Google in nur 20 Minuten von unserem Hotel aus hätten erreichen sollen. -Absolut utopisch, wie wir nun feststellen mussten.
Tja, und wie gnaden- oder skrupellos unser Taxifahrer war, das mussten wir nun auch feststellen. Kurz vor dem Ziel stellte er den Taxameter ab. Der Fahrpreis wäre wohl so bei 25 Euro gewesen, doch machte er eine ganz andere Rechnung auf: 45 Euro, so seine Kalkulation!
Keine Zeit für Verhandlungen und so entrichtete ich den Lohn -oder eher das Lehrgeld- mit dem Fazit, dass wir es ohne seine Kaltblütigkeit nie und nimmer rechtzeitig geschafft hätten.

Wir rennen in den nach dem Anschlag stark gesicherten Flughafen und werden von einem Soldaten ermahnt, nicht so zu rennen. Vermutlich müssen wir froh sein, dass er nicht gleich geschossen hat. Am Abfertigungsschalter gibt es mittlerweile keine anderen Fluggäste mehr, so dass wir sofort an der Reihe sind -eine Stunde vor dem Abflug. Geschafft! Und natürlich ist für den Abschied nur noch kurze Zeit. Aber ein wenig nehmen wir uns doch. Julia entschwindet im abgesperrten Bereich und solange noch Sichtkontakt besteht winken wir uns zu. Dann ist sie weg. Gute Reise Julia!

20161001-belgien-bruessel-05So, jetzt ist da nur noch das Problem des Zurückkommens. Erst einmal muss ich nach der Plünderung einen Geldautomaten finden und mich wieder liquide machen. Dann in die Katakomben des Flughafens hinabgestiegen, ein Zugticket erstanden und in nur 15 Minuten Fahrzeit bringt mich der Zug zum Schumann Platz. Ich rechne fest damit, dass mein Auto in dieser hochsensiblen Gegend inmitten des Europaviertels abgeschleppt wurde. Die Terrorangst war schließlich in Form von hochbewaffneten Soldaten in der Stadt in den vergangenen Tagen immer wieder gegenwärtig gewesen. Also taste ich mich vorsichtig zu der Stelle, an der ich geparkt hatte. Überall stehen Teilnehmer der Afghanistan-Konferenz auf den Straßen der Europäischen Kommission. Doch dann erblicke ich den kleinen Fiat! Noch nicht einmal ein Strafzettel hängt an der Windschutzscheibe! Bin ich froh.

So schnell es geht starte ich den Wagen und fahre durch die nun wieder freien Straßen in Richtung Autobahn und über Luxemburg weiter nach Deutschland.

20161001-belgien-bruessel-32Irgendwann wird mir klar, dass ich wohl noch tanken muss. Doch kalkuliere ich, dass es bis zur deutschen Grenze bei Schengen noch reichen würde. Dann würde ich die erste Tankstelle ansteuern. Der Sprit reichte auch, doch hatte ich nicht damit gerechnet, dass der deutsche Straßenbau eine Vollsperrung der Autobahn für mich bereithielt und so wurde ich mit Überschreiten der Grenze durch die saarländische Provinz über eine tankstellenfreie Umleitung gelenkt. Das Auto meldete schon längst, dass es Kraftstoff haben möchte und der Bordcomputer weigerte sich dann, weiter anzuzeigen, wie viele Kilometer er mir noch geben würde. Er forderte mich unmissverständlich auf, zu tanken. Nur wo? Schließlich endete die Umleitung und ich befand mich wieder auf der Autobahn. Ausfahrten wiesen ausschließlich auf Industriegebiete hin und eine Tankstelle war nirgends zu sehen. Schließlich, als auch das letzte Leuchtsegment der Tankanzeige erloschen war, fuhr ich irgendwo ab und folgte den mir plötzlich entgegenkommenden Hinweisschildern auf ein Einkaufszentrum. Einkaufszentrum! Da hat es doch bestimmt eine Tankstelle! Ich kurvte durch die verlassenen Straßen eines öden Vororts von Saarbrücken und stand dann endlich davor. Vor einem popligen Supermarkt a la Tengelmann! Das war das Einkaufszentrum… Ich suchte im Internet nach de nächsten Zapfsäule -sie wurde mir in 2,5 km Entfernung angezeigt. Ich fürchtete schon, der Wagen würde nun vielleicht gar nicht mehr anspringen, doch er tat es. Mit den letzten Tropfen im Tank erreichte ich die Tankstelle.

Genug Spannung für einen Tag!

Last Minute

Jetzt war ich einen ganzen Monat in Edinburgh, die Stadt ist überschaubar, das Wetter war meist gut – und doch habe ich drei Attraktionen erst auf den letzten Drücker besucht. Und ich bin froh, dass ich es getan habe, denn es sind echte Highlights.

p1000398Da wäre erstmal die National Portrait Gallery, an der ich fast jeden Tag auf dem Weg in die Innenstadt vorbei gefahren bin. Ein imposanter Sandsteinbau und das erste Gebäude weltweit, das für seinen Zweck gebaut wurde: nämlich die p1000414Gesichter berühmter und weniger berühmter Schottinnen und Schotten darzustellen. Eigentlich ist der Bau selber schon eine Attraktion für sich: die große Eingangshalle, die sich über drei Etagen erstreckt mit kunstvollen Verzierungen und einem Sternenhimmel, die Treppenhäuser und die Ausstellungssäle. Aber natürlich sollen die Hauptdarsteller die Portraits sein: Königinnen und Könige vergangener Zeiten, schottische Nationalhelden, doch auch Alltagsszenen mit ganz normalen Menschen, Gemälde, Skulpturen und Photographien, alles dabei. Sehr empfehlenswert bis hin zu dem freundlichen Café im Erdgeschoss mit leckerem Kuchen. p1000402

Meinen allerletzten Tag in Edinburgh habe ich mit p1000450einem kurzen Ausflug ans Meer begonnen. Superwahl, seit einigen Tagen windet es ziemlich und als ich an der Promenade des Firth of Forth ankomme, stürmt es gewaltig, dazu immer wieder Regen und auch mal Sonnenschein, aber so optimal inszeniert, dass mich ein wunderbarer Abschiedsregenbogen erwartet. Das Wasser ist extrem aufgewühlt, ich bin ziemlich schnell ziemlich nass, mit dem Wind zu fahren ist eine p1000459-1Freude, in die andere Richtung eher weniger, aber mein Fahrrad ist sturmtauglich. Oh das Gute, morgen früh muss ich mich von ihm trennen. Ein schöner Ausflug, aber auf Dauer ganz schön kühl und dreckig, Schutzbleche hat mein Drahtesel nämlich nicht. Nach anderthalb Stunden gebe ich auf, heute ist auch meine letzte Yogastunde, also ab zurück. Außer Atem und ganz schön durchgepustet schwitze ich kurz darauf auf der Yogamatte, p1000437hatte Yogalehrer John die Mittagsstunde nicht als „very relaxing“ angekündigt? Ich werde alt… Beim Abschied erzählt er mir, dass er sechs Jahre lang Mitglied der britischen Ski-Nationalmannschaft war. Ich wusste gar nicht, dass sie so was haben, den einzigen Briten auf Skiern, den ich je wahrgenommen habe, war Eddie the Eagle. Aber wer kann schon von sich sagen, von einem Skiprofi in die Geheimnisse der Königstaube eingewiesen worden zu sein.

Als alte Royalistin (nein…. Ich trau mich maximal p1000465beim Friseur, die entsprechende Fachliteratur zu studieren) habe ich mir den Holyrood-Palast der Queen für den allerletzten Nachmittag aufgehoben. Die Queen weilt im Sommer eines jeden Jahres in Edinburgh und das Schloss ist dann ihre Residenz. Wenn sie nicht da ist, und das p1000470ist meistens der Fall, kann man das Castle besichtigen. Und das ist nicht nur wegen der Queen absolut sehenswert. In den Räumen ist das Photographieren leider verboten, sie sind prunkvoll und beeindruckend, aber das ganz besondere ist, dass hier seit Jahrhunderten britische Geschichte geschrieben wird. Mary Queen of Scots hat hier gelebt, Bonnie Price Charlie und ja, ich gebe es zu, ich finde es sehr ergreifend, knapp hinter dem Stuhl zu stehen, auf dem die Queen bei den Festdinners Platz nimmt, den Raum zu betreten, in dem Sean Connery oder Gordon Ramsay zu Rittern geschlagen wurden oder die Queen den Papst empfing. Ich war halt auch lang nicht mehr beim Friseur…

p1080871Und zu guter Letzt besuche ich noch das schottische Parlament. Liegt auch nahe, nämlich genau auf der anderen Straßenseite, direkt gegenüber vom Palast und so doch eigentlich fast eine Provokation. Jetzt muss die arme Queen bei ihren Besuchen immer auf die Unabhängigkeitsbestrebungen ihrer schottischen Untertanen blicken und wer weiß, vielleicht p1000501residiert hier auch demnächst nicht nur ein(e) First Minister sondern ein echter Premierminister. Es gibt diverse Führungen durch den modernen Bau, aber ich bin langsam müde und hungrig und werfe deswegen nur einen Blick in den Parlamentssaal. Es ist nach fünf, die Abgeordneten schon weg und dann mach ich mich doch auch mal auf den Rückweg.

Tschüß, liebes Edinburgh, es war schön! Ich kann jetzt verstehen, warum Deine Einwohner gerne hier leben, die Stadt, das Meer, die Parks… Aber ganz langsam wird es eindeutig zu kalt hier, der Wind macht ein paar Tage Spaß, nur wenn das jetzt den ganzen Herbst und Winter so weiter geht, suche ich mir lieber ein wärmeres Fleckchen.

I don’t understand

Die Zeit in Edinburgh neigt sich unaufhaltsam dem Ende entgegen. Die letzte Woche ist angebrochen und am Freitag geht es erst mal Richtung Brüssel für ein verlängertes Globonauten-Reunion-Wochenende. Und dann mach ich, was ich immer schon mal wollte: Ayurveda in Sri Lanka. Ich bin sehr gespannt und erhoffe mir, neben Erholung, Erkenntnissen, Verjüngung und viel Wärme, endlich die entzündeten Achillessehnen beruhigen zu können. Wollen wir doch mal sehen.

So kurz vor Ende scheint es aber auch der richtige Zeitpunkt zu sein, über ein paar Alltagsbesonderheiten des schönen Schottlands zu berichten. Fangen wir mit dem alleralltäglichsten an, dem Einkaufen.

Die großen Supermärkte scheinen die kleinen Lebensmittelgeschäfte recht erfolgreich verdrängt zu haben. Gemüseläden, Metzger oder selbst Bäcker sind mir nicht in großer Zahl p1000239aufgefallen und meine Hoffnung, auf einem Wochenmarkt frische Lebensmittel zu kaufen, haben sich leider auch nicht erfüllt. Der Samstags-Markt in Leith beherbergt genau einen Obst- und Gemüsestand, alle anderen bieten sehr feine, aber eben doch schon fertig zubereitete Leckereien an – am interessantesten das Schotten-Wrap mit einer Füllung aus Haggis, Würsten und Speck. Nein, hab ich nicht probiert, die vegetarische Variante mit Pilzen und roter Zwiebelmarmelade war auch gut. Da der große Tesco bei mir um die Ecke ist und quasi immer geöffnet hat, bietet sich der Einkauf dort ja an. Erschreckend ist nur die Riesenmenge an Plastik, die sie einem mitverkaufen. Obst, Gemüse, Brot, so gut wie alles ist in Plastikschalen verpackt, dazu die Milch in Plastikcontainern, es ist unglaublich und leider fast alternativlos. Die frischen Produkte darin bergen zudem ein Rätsel – das der Haltbarkeit. Als großer Supermarkt täglich beliefert gehe ich davon aus, das Tesco recht p1000186frische Ware bietet. Wie kann es dann aber sein, das Kartoffeln, Äpfel und Himbeeren das gleiche Haltbarkeitsdatum tragen? Kartoffeln, die angeblich nur noch drei Tage verzehrfähig sind? Ich lagere sie natürlich länger, schon weil ich kein Kilo Kartoffeln innerhalb von drei Tagen esse, und sie selbstverständlich auch an Tag 5 noch gut sind, aber was soll diese kurze Frist? Ein Apfel schmeckt auch zwei Wochen nach dem Einkauf noch wunderbar, obwohl er offiziell seit 10 Tagen abgelaufen ist. Und die Himbeeren? Ich bin es gewohnt, dass die frischen Himbeerschälchen, die ich auf dem Markt kaufe, schon zuhause das ein oder andere verschimmelte Exemplar enthalten – Himbeeren halt. Die britischen Exemplare sind allerdings in ihrer Plastikverpackung noch am dritten Tag ohne sichtbare Sporen-Spuren. Bestrahlung, kommt einem da doch sofort in den Sinn, aber trotz intensiver Googelei fand ich nichts. Zähe britische Wunderbeeren…

Der ganze Verpackungsmüll muss dann natürlich auch wieder entsorgt werden. Und da begegnet einem das nächste Mysterium: das Mülltonnensystem, falls es ein solches überhaupt gibt. Hier in meinem Viertel steht vor jedem vierten Haus ein dunkler Container für Müll, zugänglich für jeden, und da soll der Restmüll rein – denke ich mal. Ganz schön großes Behältnis dafür. An diversesten Stellen findet man spezielle Tonnen – mal für Papier, mal Biomüll, mal Plastik oder Glas. Wo diese Tonnen stehen, ist ein wenig rätselhaft. Bei mir vor dem Haus ist es ein Biomüll. Der heißt hier „Food Recycling“, iiih. Um die Ecke, versteckt in einem Hauszugang, steht eine Plastiktonne, noch weiter die Straße entlang eine für Glas, und zwar farbenunabhängig. Vor dem Tesco allerdings findet man dann aber Container für grünes, braunes und Weißglas. Wollte man hier wirklich korrekt trennen, müsste man sich mit mehreren Tüten bewaffnet auf einen längeren Spaziergang machen und da verstehe ich jetzt, warum die Tonnen für Restmüll die weitaus größten sind. Keiner scheint Lust auf Müllwanderungen zu haben. Schon im angrenzenden Stadtteil scheint es aber anders gehandhabt zu werden: vor den Häusern haben die Bewohner offene Kisten unterschiedlicher Farben abgestellt, die einen gefüllt mit Papier, die nächsten mit Flaschen usw. Die Kisten sind mit der Hausnummer beschriftet, nix mit allgemein zugänglichen Tonnen. Wie die Müllabfuhr dieses System handelt, ist mir unbegreiflich. Es scheint aber so aufwändig zu sein, dass sie auch sonntags ihre Touren fahren und so findet sich in den Restmülltonnen immer zuverlässig Platz für Dinge, die da eigentlich nicht reingehören.

Und noch was im Dunstkreis des Einkaufens: hier scheint jeder sein eigenes Geld p1000395drucken zu können. Dass die Schotten eigene Scheine haben, wusste ich schon. Aber irgendwie sieht es im Geldbeutel immer so aus, als hätte man Währungen aus vielen verschiedenen Ländern drin. Denn nicht nur die Royal Bank of Scotland gibt Scheine heraus – auch die Bank of Scotland und die Clyesdale Bank tun das und so gibt es für jeden Wert vier verschiedene Scheine – ein englischer und drei schottische. Das führt aber wohl auch bei den Schotten selber ab und an zu Verwirrung. Der freundliche Verkäufer im Schuhladen musste erst seine Kollegin fragen, ob mein 20 Pfund-Schein ein echter sei.

Und dann der Verkehr: Dass man hier links fährt, dürfte ja für niemanden eine Überraschung sein. Und so versuchte ich anfangs, auch als Fußgängerin diesem Prinzip zu folgen. Aber nein, hier wird rechts gelaufen. Und natürlich nahm ich auch an, dass es eine entsprechende Regelung „links vor rechts gibt“. Nein, gibt es nicht. Auch nicht „rechts vor links“. Das Prinzip heißt: von wo immer Du kommst, look at me. Gibt es keine Beschilderung, dann muss man sich verständigen. Aber das klappt ganz gut, auch als vermeintlich schwächerer Radfahrer. Die hier sowieso sehr viel mehr Respekt und Vorrang genießen als bei uns. Vor jeder Ampel befindet sich ein breiter Streifen nur für Radfahrer, die bei Rot ganz offiziell an allen Autos vorbeiziehen und exklusiv vor diesen auf Grün warten dürfen. Das wär doch mal was für uns. Die Fußgängerampeln haben, das berichtete ich schon, ja eher symbolischen Charakter. Dafür sind die Radfahrer hier sehr brav, kaum einer überfährt eine rote Ampel und als Verkehrsteilnehmerin, die ernst genommen werden möchte, finde ich das gut. Wären die Hügel und das Kopfsteinpflaster nicht, es wäre ein Radfahrparadies!

Marotten hin oder her, es lässt sich sehr gut leben in Edinburgh. Obwohl, mein Yoga-Lehrer freute sich vorhin schon wieder über den warmen Abend (12 Grad). I don’t understand…

P.S.: Und falls ihr nach Edinburgh kommt und ein eher sportliches Yoga möchtet: ich fühle mich sehr wohl bei Yoga Mix!

Zwei Weltkulturerbe und ein Weltwunder

Im Jahr 1995 wurden die Alt- und die Neustadt p1000281on Edinburgh zum Weltkulturerbe erklärt. Bei der Altstadt mit der Burg und den düsteren Bauten auf der Royal Mile kann man dies auf einen Blick nachvollziehen – die Einzigartigkeit der Neustadt erschließt sich erst, wenn man durch die breit angelegten Straßen fährt oder am allerbesten wahrscheinlich aus der Luft: es ist ein Ensemble, das gar nicht so sehr ein einzelnes Gebäude in den Vordergrund stellt, sondern in seiner Gesamtheit wegweisend für die Architektur der damaligen Zeit war.

p1080825In den dunklen Gassen der Altstadt kann man sich gut vorstellen, dass die Bewohner irgendwann die Nase voll hatten – im wahren Sinne des Wortes. „Gardyloo“ vom französischen „Gardez l’eau“ tönte es abends nach 10 durch die engen Straßen, bevor sich der Inhalt der Nachttöpfe von den Balkonen auf die Straßen entleerte. Übrigens ist das auch der Ursprung des im britischen gebräuchlichen Wörtchens Loo für Toilette. Dass sich die Menschen bessere Wohnverhältnisse wünschten, ist nachvollziehbar und so wurde zwischen 1767 und 1850 die Newtown errichtet, die als Meisterwerk der Städteplanung angesehen wurde. Breite Straßen, viele Grünflächen, prächtige Plätze – vieles ist heute genauso erhalten und man kann sich gut vorstellen, dass es eine Freude gewesen sein muss, der stinkigen Enge der Altstadt zu entkommen und hier ins vornehme Leben einzutauchen.

p1000303Ganz besonders anschaulich wird dies im Georgian House, einem original erhaltenen Prachtbau am Charlotte Square, das dank des Scottish National Trust auch innen epochengetreu ausgestattet wurde. Auf vier Stockwerken fühlt man sich wie im „Haus am Eaton Place“, von den vornehmen Räumen der Herrschaft bis hinunter in die Küche und die p1000298Schlafräume der Diener. Ein gut gemachter Film führt zunächst in die Lebensweise der ersten Eigentümer Anfang des 19. Jahrhunderts ein und der spätere Gang durch die einzelnen Räume ist auch angesichts der sehr bemühten Volontäre, die allesamt ihr reguläres Arbeitsleben bereits hinter sich gelassen haben dürften, ein großes Vergnügen. Das Leben p1000312sowohl der feinen Herrschaften als auch der Bediensteten wird sehr plastisch und wären die Stühle im Haus allesamt nicht mit Disteln bestückt, damit die historischen Stoffe unter der Last müder Besucher nicht leiden, man könnte Stunden hier verbringen und sich in die damalige Zeit zurückversetzen. Obwohl – einen Zufluchtsort haben sie uns gegönnt: unterm Dach gibt es ein Spielzimmer für Kinder und Erwachsene, wobei ich nur letztere dort sah. Und die hatten allesamt großen Spaß daran, kurz in die historischen Kostüme zu schlüpfen, wenn auch meistens recht verstohlen.

Am nächsten Tag scheint die Sonne schon früh und ich will endlich meinen Plan umsetzen und eine etwas längere Fahrradtour machen. Die Brücken über den Firth of Forth habe ich bis jetzt immer nur aus der Ferne betrachtet, aber jetzt muss ich auch mal hin. South Queensferry heißt der Stadtteil, der noch zu Edinburgh gehört, also kann es ja so weit nicht sein. Ist es aber, um es vorweg zu nehmen. Zumindest mit dem Fahrrad. p1000332

Als erstes passiere ich Cramond, wo ich schon mal war und es nicht auf die Insel geschafft hatte, weil die Flut kurz bevor stand. Als ich dort ankomme, ist die Ebbe auf ihrem Höhepunkt, einige Leute sind unterwegs zur Insel und dann sollte ich doch auch die Gelegenheit nutzen. Wunderbare Ausblicke sind die Belohnung für die kurze Wanderung und ich bin wirklich froh, dass ich diesen Ausflug noch eingeschoben habe.

p1000326 p1000328 p1000331 p1000369

Und dann weiter Richtung Queensferry. Die p1000377Strecke zieht sich. Die letzten vier Kilometer sind furchtbar anstrengend und wenig schön, bergauf, bergab neben der Schnellstraße, puh… Der Ort selber ist ganz goldig, aber die Attraktion sind die Brücken. Die rote Eisenbahnbrücke, die Forth Bridge, war bei ihrer Eröffnung 1890 die größte ihrer Bauart und wurde doch tatsächlich als achtes Weltwunder bezeichnet. Und seit 2015 ist sie Weltkulturerbe. Und sie hält. Anders als die p1000373zweite große Brücke in Queensferry, die Forth Road Bridge aus den 60ern. Die ist mittlerweile so marode, dass sie immer wieder für längere Zeit gesperrt werden muss und derzeit eine Ausweichbrücke gebaut wird. Trotzdem – die beiden Brücken sind äußerst beeindruckend und man kann bestimmt auch auf die andere Seite radeln, aber mir steht noch ein langer Rückweg bevor und den trete ich lieber mal an. Zum Glück findet sich noch eine anderer Fahrradweg, zunächst immer am Ufer entlang und dann durch das p1000386-1Anwesen Dalmeny des Earl of Roseberry. Und der hat einiges richtig gemacht, nicht nur sein wunderbares Haus inmitten eines Golfplatzes mit Blick auf den Firth of Forth, sondern auch seine ausgedehnten Ländereien, auf denen mir Schafe und Fasanen begegnen, zeugen davon. Der Weg ist wunderschön, aber auch lang und irgendwann taucht endlich mein Tesco auf, in dem ich mich mit der ein oder anderen Süßigkeit eindecke und dann nur noch ins Bett fallen will. Ganz schön anstrengend, diese Weltwunder.

Ankommen

Es ist nicht einfach, nach diesem einjährigen Abenteuer zuhause anzukommen. Aber es geschieht. Langsam aber sicher ist das Gefühl zurück, wieder Alltag zu leben -und es verliert zugleich an Schrecken. Aber es ist ja auch nicht der selbe Alltag wie der, den ich im August 2015 zurückließ.

War nach unserer Rückkehr der Berg an auf uns lauernder Bürokratie noch sehr groß, so arbeiteten wir ihn nach und nach zu einem überschaubaren Hügel ab.
Da war zum Beispiel die in unserer Abwesenheit per Gesetz verschärfte Anmeldeprozedur beim Einwohnermeldeamt. Es wird plötzlich eine Bestätigung des Vermieters darüber verlangt, dass man in der Wohnung auch wirklich leben und nicht nur zum Schein angemeldet sein wird. Der Staat räumt hierfür zwei Wochen ein, egal, ob sich das ganze Land (und damit auch der Vermieter) gerade mitten in den Sommerferien befindet. Und er terrorisiert seine Bürger mit Mahnungen, die er sogar noch vor Ablauf dieser Zweiwochenfrist versendet und und dies tut, obwohl mir zuvor am Telefon eine Verlängerung der Frist eingeräumt worden war. Oder auch die Steuererklärung, die nicht allein durch unser Zutun zum Kampf durch zigfach geänderte Bescheide wurde. Oder das lange Hin und Her mit unseren Krankenkassen. Selbst das simple Beenden des Nachsendeantrags bei der Deutschen Post erforderte zwei Anläufe. Aber Licht am Ende des Tunnels ist in Sicht.
Dass nun dennoch vieles anders ist liegt auch daran, dass Julia wieder in die weite Welt loszog und ich in Stuttgart zurück geblieben bin. Es ist schon eine große Herausforderung für uns beide, nach so langer gemeinsamer Zeit, nun unterschiedliche Wege zu gehen.
Und da ist natürlich auch die Tatsache, dass ich noch nicht wieder im Berufsleben zurück bin, das ja doch den Großteil unseres Alltags ausmacht. Diese Situation bewahrt mir aber nach wie vor den Zustand der Veränderung, der ja auch jeden Tag in der Zeit während der Reise gegeben war.
Bereits von unterwegs hatte ich Kontakte zu Firmen hergestellt, bewarb mich online und führte auch erste Gespräche mit Interessenten. So kam es zum Beispiel aus Toronto zu einem Bewerbungsgespräch mit einer Vermittlungsagentur, welches ich mittels Skype führten. Im  Verlauf der Videokonferenz stellte sich sehr zu meiner Überraschung heraus, dass es sich bei der angebotenen Stelle just um meine ehemalige Position bei meinem alten Arbeitgeber handelte. Die Stellenbeschreibung hatte so perfekt gepasst 😃. Ich musste sehr lachen.
Das Thema Arbeitssuche war also ein sehr bestimmendes in den letzten Wochen, das mir aber glücklicherweise auch so viel positive Resonanz einbringt, dass ich meine Entscheidung, meine alte Stelle für die Chance auf Veränderung aufzugeben, auf das Beste bestätigt sehe. Im Moment mache ich hierbei so schöne Erfahrungen, dass ich sehr freudig den neuen Möglichkeiten entgegen sehe.
Natürlich bin ich wehmütig darüber, dass die 12 Monate ein Ende gefunden haben. Aber ich bin auch sehr glücklich darüber, dass sie fester Bestandteil meines Lebens sind.
Klar ist, dass die Reise noch gar nicht zu Ende ist, denn das Ankommen zuhause gehört genau so zu ihr, wie die Vorbereitungen im Vorfeld.
Tatsächlich wird sie nie ein Ende nehmen, denn sie beeinflusst meinen weiteren Lebensweg sowohl jetzt in der Gegenwart, als auch in der Zukunft.

An afternoon at the park

Edinburgh findet sich regelmäßig in den mittlerweile so beliebten Städte-Rankings: beste Lebensqualität in Großbritannien oder auch Stadt mit dem besten Lebensstandard für Ü50er (ach deswegen). Am Wetter kann’s definitiv nicht liegen, aber ein Grund sind sicherlich die zahlreich vorhandenen grünen Oasen in Form von Parks oder wunderbaren Küstengegenden. Über den Stadtstrand in Portobello habe ich ja bereits berichtet, sehr schön ist auch Cramond mit seiner vorgelagerten Insel. Ein paar Kilometer vom Stadtzentrum entfernt kann man hier ein fast ländliches Schottland erleben und Cramond Island hatte zumindest bei meinem Besuch im wabernden Dunst eine sehr mystische Ausstrahlung.

p1000225 p1000220

 

Besonders schön sind die überall vorhandenen Parks. Nie scheint man weiter als 200 p1000264Meter von einer Grünfläche entfernt zu sein, Unmengen von Holzbänken laden für eine kurze oder längere Rast ein und werden auch eifrig genutzt. Ein Highlight ist der Royal Botanic Garden, dessen Osteingang praktischerweise ganz in meiner Nähe liegt. Kostenlos wie so viele schöne Dinge in der Stadt wird er eifrig angenommen. Obwohl auch wichtige wissenschaftliche Einrichtung wird für alle etwas geboten: Kinder werden im Obst- und Gemüsegarten bespaßt und mit Pflanzenbau vertraut gemacht, die älteren Ladies treffen sich im Queen Mum-Gedächtnis-Garten, mittendrin in einem hübschen Pavillon findet eine Hochzeit statt und all über all scheint das p1000258Motto „Den Rasen bitte betreten!“. Nun sind es ja auch die letzten Sonnenstrahlen des Jahres, die alle noch tanken wollen, und vor allem beim Inverleith House, wo man einen phantastischen Blick auf die Skyline Edinburghs hat, tobt das Leben. Die einzig freie Bank direkt an einer Gartenmauer, die wohlige Wärme abstrahlt, wollte wohl niemand haben (wen wundert’s, hier hat’s bestimmt 20 Grad), ein perfekter Platz für eine Lesestunde.

p1000254-1

Aber wir sind ja nicht zum Vergnügen hier, die Kamera muss weiter getestet werden, und die bunten Blumen und zahlreich vorhandenen Insekten sind dankbare Photoobjekte. Es ist ein botanischer Garten, ob das jetzt also heimische Pflanzen sind, kann ich maximal bei den rotbäckigen Äpfeln des Obstgartens sicher sagen. Aber interessant ist es allemal. Der Arzneimittelgarten, die ursprüngliche Keimzelle der Anlage, lässt tief in die schottische Seele blicken – die kargen Sträucher und ihre Früchte dienten vorwiegend entweder der Whisky- und Bieraromatisierung oder der Behandlung von Winterdepressionen. Oder wahrscheinlich beidem gleichzeitig…

p1000261 p1000263

p1000247 p1000250

Sehr nett anzusehen ist auch das historische p1000240Gewächshaus, das höchste in Großbritannien. Das Innenleben hebe ich mir für einen kälteren Tag auf. Und der wird kommen, die Temperaturen fallen beständig und ich muss mir langsam sehr ernsthafte Gedanken über mein nächstes Reiseziel machen. Und das muss so gelegen sein, dass 20 Grad gerne als unnormal angesehen werden – weil zu kalt…