Abschied

Der letzte Tag in Darwin. Leicht regnerisch und zum Glück nicht so brüllend heiß wie gestern. So wie mich Darwin empfangen hat, verabschiedet es mich auch.

Mein Flug ist erst abends, aus dem Hotel muss ich nach australischer Sitte früh raus, also habe ich Zeit genug, ein letztes Mal die schönen Orte abzufahren, die ich so genossen habe. Das freundliche Parap, wo ich Haus und Hunde gesittet habe, Fannie Bay, mein erstes Stranderlebnis, East Point, der nette Park mit Wallabies, Mangroven und bunten Vögeln. Und natürlich mein Traumstrand Casuarina. Es ist vielleicht etwas schnulzig, aber dieser Ort wird in meinem Herzen bleiben. Solch eine überwältigende Natur, die mich jeden Tag auf’s Neue staunen ließ und ich immer wieder kopfschüttelnd stehen blieb ob dieser unglaublichen Weite, Schönheit und Einsamkeit.

Gestern habe ich mir dann endlich auch die Innenstadt von Darwin angeschaut. Jo, da hält sich die Begeisterung in Grenzen. Bürogebäude, eine Fußgängerzone und die Ruinen historischer Gebäude, die der Zyklon zerlegt hatte. Eine entspannte Waterfront haben sie, es scheint alles relativ neu gestaltet zu sein, mit Apartmenthäusern, Restaurants und dem Versuch, das quallenverseuchte Meer doch zu genießen. Die armen Darwinites sind zwar von der schönsten Stränden mit sanfter Brandung umgeben, so richtig genießen können sie das allerdings nur im Wellenbad…

Es ist unglaublich heiß, schon um kurz nach acht hatte es über 30 Grad und die Sonne brennt in einer Intensität vom Himmel, dass ich eigentlich nur noch von Schatten zu Schatten springe. Den gibt es auf dem Weg zum Pier, von dem aus man einen hübschen Blick über die Bucht hat, leider nicht und als ich endlich dort ankomme, bin ich so geschafft, dass ich lange unter einem Sonnenschirm sitze und mit Schrecken an den Rückweg denke. Nirgendwo habe ich die Sonne bisher als so heftig empfunden wie hier. Die Menschen passen sich an, verlagern ihre Aktivitäten auf früh morgens oder den späten Nachmittag, Fischen ist der Nationalsport und die Hunde genießen es, im Meer zu Seehunden zu werden.

Sie sind schon ein spezielles Völkchen, diese Australier und hier in Darwin ganz besonders. Ziemlich abenteuerlich, die verwegenen Fahrzeuge, die hier durch die Stadt fahren, könnten auch der Requisite von Mad Max entsprungen sein. Darwin scheint ein Sammelbecken für Abenteurer zu sein, das bestätigt mir auch Lorraine, die Besitzerin der beiden Königspudel, die ich ab und an ausgeführt habe. Gestern Abend lud sie mich als Dankeschön zum Essen ein. Sie selber ist in der 60er- und 70er-Jahren in Papua Neuguinea aufgewachsen, ihr Mann Dave stammt ursprünglich von den britischen Kanalinseln, die Familie wanderte in der 60er Jahren nach Australien aus und führte ein jahrelanges Nomadendasein, bis sie sich in Darwin ansiedelten – ein Jahr nach dem Cyclon inmitten der zerstörten Stadt.

Die Gesellschaft in Darwin wirkt extrem international, die Zuwanderung aus Asien ist deutlich sichtbar. Der News-Channel im Fernsehen bringt täglich Nachrichten aus so ziemlich jedem Winkel der Welt in der Originalsprache – Bangladesh, Mazedonien, Zypern, Italien, Indien, Deutschland und viele mehr haben ihre eigenen Sendungen. Nur die Einheit mit den Aborigines, die scheint nicht gelungen. Die Gesellschaft bringe nicht genügend Toleranz auf, solange propagiert würde, dass Aborigines aus biologischen Gründen weniger intelligent seien als die Weißen, könne das auch nichts werden, sagt mir der alte Mann, mit dem ich heute ins Gespräch komme. Er nennt sie „first Australians“ und schämt sich für die Ausgrenzung. Die über 600 verschiedenen Sprachen der Aborigines mache auch die Einheit untereinander schwer, erklärt mir Lorraine. Und alle sind sich einig, dass den Ureinwohnern großes Unrecht widerfahren ist, aber diese Einsicht scheint wenig sichtbare Folgen zu haben. Ich will und kann mir kein Urteil erlauben, aber bei meinen Spaziergängen entlang der wunderbaren Strände dachte ich mir oft, dass diese wilde und ursprüngliche Landschaft fast schon etwas Spirituelles hat und so gar nicht zu der europäisch geprägten Gesellschaft passt.

Ich verlasse Darwin mit Wehmut. Die Stadt hat so viel Unerwartetes für mich bereit gehalten und mich sehr berührt. Was für eine schöne Erfahrung.

Ein Strand wie ein Gemälde

Der Strand von Casuarina am nördlichsten Zipfel von Darwin ist so ziemlich der spektakulärste, den ich je gesehen habe. Morgens gegen halb sieben ist genau der richtige Zeitpunkt für einen wunderbaren Morgenspaziergang und jedes mal präsentiert sich die Landschaft anders, der Strand, der Himmel, das Meer, immer andere Farben und anderes Licht.

  

 

Aber nicht nur der Blick in die Ferne ist phantastisch, auch im Sand finden sich schöne Dinge.

 

 

Heute Morgen teilten sich hunderte von Vögeln den wunderbaren Strand mit mir.

 

 

Und das nach dem tollen Sonnenaufgang, den ich heute Morgen ganz exklusiv auf meiner Terrasse genießen konnte.

 

 

Dieses Australien ist einfach unglaublich!

Bye bye Countryside

Die Landpartie ist schon wieder vorbei. Eine Nacht im Litchfield National Park und ich habe genug. Die Küste und das Meer sind zu schön, zu spektakulär, da können die Wasserfälle von Litchfield nicht mithalten, zumal der Großteil wegen Überflutung gesperrt ist.

Die Fahrt gestaltete sich einfach – allzu viele Straßen raus aus Darwin gibt es nicht und ist man erstmal auf dem Stuart Highway kann man nichts mehr falsch machen außer zu weit zu fahren und in Alice Springs rauszukommen, aber das sind 1500 Kilometer. Mein Handy-Navi ist hier also vollkommen ausreichend und so komme ich mittags in Batchelor an, der einzigen Stadt in der Nähe des Nationalparks. Oder eher das einzige Dorf, hätten sie ihr „town center“ nicht deutlich mit einem Schild markiert, würde es keiner merken und das Litchfield Motel, in das ich einchecke, passt sich voll und ganz in den leicht trostlosen Charakter des Ortes ein. Ich mache mich nach kurzer Pause auf in den Nationalpark, mein Wirt, der vor 40 Jahren aus der Schweiz nach Batchelor kam, hat mich schon gewarnt, viel gesperrt, der Regen…
Die erste Attraktion auf meinem Weg sind die Magnetic Termite Mounds, die so heißen, weil sie exakt in Nord-Süd-Richtung errichtet wurden, und die sind wirklich beeindruckend. Baumhohe Termitenbauten, hunderte davon, geben der Landschaft fast ein außerirdisches Flair. Zumal schwarze Wolken den Himmel verhängen und in der Ferne Donner grollt. Also dann mal weiter, bevor noch der letzte Wasserfall überflutet ist. Litchfield ist berühmt für seine Steinpools, in denen man wunderbar baden kann, wenn man nicht gerade zu der Zeit kommt, zu der ich hier bin. Tja, und was die Wasserfälle angeht, da hätten wir unsere allererste große Reise damals Anfang der 90er einfach nicht nach Venezuela machen dürfen, denn seither kann mich kein Wasserfall mehr so wirklich beeindrucken. Immer mal wieder tröpfelt es und es geht langsam auf den Abend zu, also zurück nach Batchelor. Das Motelzimmer ist muffig und ich bin erleichtert als mir unter der plüschigen Überdecke strahlend weiße Bettwäsche entgegen leuchtet. Einmal Schweizer, immer Schweizer 🙂 Dann halt einen gemütlichen Abend im Bett, Internet gibt es ja auch. Nach einer halben Stunde bekomme ich die Meldung, dass mein Datenvolumen leider aufgebraucht ist. Hm, lesen ist ja auch ganz schön. Und dazu vielleicht einen Tee. Ich gehe ins Bad, um Wasser zu holen und als ich wieder ins Zimmer komme flitzt etwas an mir vorbei in die Zimmerecke. Eine Spinne, etwas kleiner als ein Handteller, schwarz und fleischig. Meine Angst vor Spinnen hält sich mittlerweile eigentlich in Grenzen, aber das ist Australien, haben sie hier nicht eine erkleckliche Anzahl von todbringenden Spinnen? Aber jetzt noch mal anziehen, den etwas durchgeknallten Schweizer holen, der die Begegnung des deutschen Mädels mit der australischen Natur bestimmt ganz besonders lustig findet und dann ist die Spinne sicher eh weg – nein. Also wieder zurück ins Bett, solange sie da in der Ecke bleibt, kann ja nichts – äh, wo ist sie denn? Hups, da sitzt sie auf dem Nachbarbett, ich schrecke hoch, sie rast hinters Bett, die ist echt schnell. Wie machen diese Mörderspinne das eigentlich, greifen die wirklich aktiv an oder verteidigen sie sich nur? Letzteres wäre ja eigentlich logisch, da ich sicher nicht in ihr Beuteschema falle und wenn ich still im Bett liege, habe ich doch nichts zu befürchten, oder? Ich ziehe die Decke fest um mich, die nächtlichen Temperaturen sind zwar hoch, aber lieber gekocht werden als morgens tot aufzuwachen (oh, peinlich, die Insider wissen, was ich da zitiert habe, gelle? Aber dieser Satz fiel ja wenigstens auch in Australien). Es wird eine unruhige Nacht, ich wache früh auf und beschließe, dass ich keine Lust mehr habe auf das australische Landleben. Ich denke an den wunderbaren Strand von Casuarina und das fast insektenfreie Tropical Darwin Resort, da können diese gesperrten Wasserfälle einfach nicht mithalten. Die Spinne hatte sich übrigens vom Acker gemacht…
Also schwinge ich mich in mein Auto und beschließe, auf dem Rückweg nach Darwin einen Abstecher zum Territory Wildlife Park zu machen, die Ausfahrt hatte ich auf dem Hinweg gesehen und das hört sich doch ganz nett an. Um 10 bin ich da und betrete den Park mit einer großen Gruppe australischer Kinder, die im Rahmen ihres Sommerferienprogramms hier vorbei schauen. Die sehen schon witzig aus, alle mit riesigen Hüten, großen Wasserflaschen und käsigen Beinen. Sunblocker gehört hier einfach zur Standardausrüstung. Den Gruppen entkommt man ganz schnell in dem riesigen Park, der wirklich der absolute Knüller ist. Die glücklichen Australier brauchen ja kaum etwas künstlich anzulegen, sie ziehen einfach einen Zaun um die bestehende Natur, nehmen eine paar Waisentierbabys auf und schon ist der Park fertig. Meine erste Station sind die Dingos, noch nie habe ich diese Wildhunde gesehen und der Ranger ist ganz begeistert, dass er mir alles erklären kann. Sie sehen aus wie normale Hunde, vielleicht etwas dünn, aber sie gucken nett und man kann sich überhaupt nicht vorstellen, dass sie auch für Menschen gefährlich werden können. Der Fall des 1980 von Dingos geraubten Babys ging gerade wieder durch die australische Presse, weil der Familienvater kürzlich gestorben ist. Dingos leben seit über 5000 Jahren in Australien, also nix ausgebüxte Hunde der Engländer, wie ich eigentlich dachte. Die schmalen Tiere jagen in Rudeln und können es so erfolgreich sogar mit Riesenkängurus aufnehmen.
Der Park gibt einen Eindruck von den Vegetationszonen des „Top End“, wie die Gegend um Darwin genannt wird – den Mangroven-, Trocken- und Monsunwaldregionen. Regenwald, den kenne ich, Monsunwald ist mir neu, aber eben der Wald, der nur in der kurzen Wet-Season Wasser bekommt und ansonsten vor sich hin dorrt. Überall sind Wanderwege angelegt, die ich fast für mich alleine habe. Ich komme an einem Billabong vorbei, dem australischen Begriff für Wasserlöcher. Bei uns würde man einfach nur See sagen… Pelikane drehen hier ihre Runden, Wasserschildkröten paddeln vor sich hin und hups – da schwimmt auch ein kleines Krokodil vorbei. In der größten Mittagshitze komme ich zum Wallaby-Gelände. Auf einem Schild wird darauf hingewiesen, dass man am späteren Nachmittag die besten Chancen hat, Wallabys zu sehen. Hm, ich dreh trotzdem mal eine Runde, ich kann ja später noch mal kommen. Aber da, mitten auf dem Weg im Schatten der Bäume hat sich eines ausgestreckt. Sie lassen sich gerne kraulen, das stand auch auf dem Schild und tatsächlich – es scheint es durchaus zu genießen und posiert auch gerne für Selfies. Noch zwei weiteren laufe ich über den Weg, absolut zahm und sehr freundlich. Da mag man ja gar nicht mehr weg!

Viel zu warm heute
Ja los, kraul mal
Kriegst auch ein Photo mit mir
Und schon ist es besser

Ich bin jetzt echt froh, dass ich nicht noch weiter Richtung Süden gefahren, sondern hierher gekommen bin. So ein schöner Park mit wunderbaren Tierbegegnungen. Am späten Nachmittag mache ich mich auf den Rückweg nach Darwin und bereue in keiner Weise, das Landabenteuer rasch beendet zu haben.

Freiheit!

So nett es war, ich fühle mich ein wenig befreit: kein Haus mehr, keine Hunde und keine Verpflichtungen – dafür ein silberner Flitzer, dessen Nummernschild allein schon nach Abenteuer riecht: NT (das steht für Northern Territory) und dann: Outback!
Doch das muss noch warten, zunächst einmal ist aber Darwin dran, die Innenstadt hebe ich mir für den Abfugtag auf, aber die Küste und die vielen Strände will ich sehen, bevor ich ins Landesinnere abtauche. So fahre ich einfach mal drauf los, die Straßen sind leer und das Linksfahren ist komischerweise überhaupt kein Problem. Ich komme in die Gegend meines Housesits, da ging’s doch los mit den Stränden und noch bevor ich die Küste sehe, stehe ich plötzlich vor dem „Museum of the Northern Territory“. Ja klasse, da wollte ich auch hin. Die Mittagssonne sticht, das Museum ist umsonst und gut gekühlt, also rein da.

Manche hielten damals aus: Keep out, we still live here

Eine ungewöhnliche Zusammenstellung dessen, was Darwin und das Northern Territory ausmacht: Aboriginal Kunst, die einheimischen Tiere mit Fokus auf die besonders tödlichen, Boote des Pazifik und alles über den Zyklon Tracy, der 1974 die Stadt verwüstete. Gut, dass ich mir das erst jetzt angeguckt habe. In sehr anschaulicher Art werden die Ereignisse der Weihnachtsnacht 1974 dargestellt und mir erst jetzt klar, was für eine Katastrophe damals über die Stadt kam. Die Menschen feierten gemütlich Weihnachten, als sich der Sturm über dem Meer zusammenbraute und Kurs Richtung Darwin nahm. Am frühen Morgen des 25. traf er die Stadt mit voller Wucht und bei diesem Ausmaß der Zerstörung ist es ein Wunder, dass nur 71 Menschen ums Leben kamen. Die Bilder der abrasierten Häuser ähneln in grausamer Weise den Aufnahmen im Museum von Hiroshima, das wir im letzten Jahr besuchten. Darwin wurde später evakuiert, fast die komplette Bevölkerung von über 40.000 Einwohnern wurde ausgeflogen und ich bin wieder mal erstaunt, dass Menschen die Kraft hatten, zurückzukehren und ihre Stadt neu aufzubauen.
An der Tür zu einem kleinen Raum im Museum hängt ein Schild: Menschen, die den Zyklon 1974 miterlebt haben, sollten aus Retraumatisierungsgründen nicht eintreten. Drinnen ist pechschwarze Dunkelheit und ein furchtbarer Lärm – Heulen, Schleifen, Ächzen, Donnern. Die Originaltonaufnahmen des Zyklon. Ein ganz kleiner Eindruck, wie es in der damaligen Nacht gewesen sein muss, stockfinster und diese Horrorgeräusche. Nach fünf Sekunden flüchte ich aus dem Raum.
Alle Wohnhäuser in Darwin müssen seitdem einen gemauerten Raum enthalten, der keine Fenster hat und als Bunker dienen kann. Stimmt, die Waschküche bei meinem Housesit war so ein Raum. Und plötzlich fällt mir auch der Fernsehspot ein, der davor warnt, in der Zyklonsaison Gartenmöbel und Grills draußen stehen zu lassen und vorschlägt, jetzt doch die Bäume beschneiden zu lassen und das Dach auf lose Ziegel hin zu untersuchen. Irgendwie haben sie schon andere Probleme hier.
Dafür haben sie aber eine grandiose Natur. Im Naturschutzgebiet von East Point, vor dessen Toren ich vor ein paar Tagen schon mal umdrehen musste, weil Hunde dort nicht erlaubt sind, beginnt ein paar hundert Meter hinter dem Parkplatz der Mangrovenwald. Bunte Vögel und noch buntere Krebse kann man von Stegen aus beobachten, während die Bäume von der einsetzenden Flut umspült werden. Wieder mal kaum jemand hier, obwohl Sonntag ist, wahrscheinlich gewöhnt man sich rasch an die Schönheit der Natur.

  

Doch das Highlight des Tages kommt noch. Ich beziehe ein Zimmer im Darwin Tropical Resort, der letzte Außenposten der Stadt ganz im Norden. Nur drei Minuten entfernt liegt der Strand von Casuarina , den mir der freundliche Rezeptionist für einen entspannten Sonnenuntergang empfiehlt.
Nur wenige Autos parken am Zugang zum Strand. Wieder sehe ich große Warntafeln, diesmal gelten sie nicht Krokodilen, sondern „Box Jellyfish“, Würfelquallen. Nicht schwimmen. Auf keinen Fall. Und schon gar nicht zu dieser Jahreszeit.
Aber was für ein Strand! Riesig, breit und unendlich lang. Ein wunderbares Licht zu dieser Tageszeit und die paar Menschen, die ihre Hunde hier spazieren führen, verlieren sich in der Weite. Ein leichter Wind, sanfte Wellen, ein perfekter Abendstrandspaziergang. Als die Sonne dann langsam untergeht scheint der Himmel wie in Feuer getaucht. Ein unglaubliches Farbenspiel, die intensivsten Rottöne und ich schwöre, die Bilder sind nicht bearbeitet.
Und das alles quasi in der Stadt. Wie wird das erst, wenn ich aufs Land fahre. Oder gar wirklich ins Outback. Sie haben hier schon ein ganz besonderes Fleckchen Erde, diese Australier. Ganz besonders gefährlich und ganz besonders schön.

Die Rache des kleinen Hundes

Mein Housesit neigt sich dem Ende zu. Übermorgen kommen die Eigentümer zurück und einen Tag später werde ich ein Auto in Empfang nehmen und mir die Gegend um Darwin anschauen. Und Darwin selber. Das Wetter wurde einfach nicht besser, es schüttete teilweise stundenlang, dazu kommt stürmischer Wind und nicht nur einmal stand ich mitten in der Nacht pitschnass auf der Terrasse und versuchte, die Jalousien einzurollen oder den großen Hund zu retten. Jetzt bleiben die Rollos oben und der Hund gleich bei mir im Schlafzimmer, dann reicht eine aus dem Bett gestreckte Hand, um ihn zu beruhigen.
So ein Housesit ist schon sehr interessant, man taucht kurz in das Leben anderer Menschen und wird sofort in den australischen Hausfrauenalltag geworfen. Morgens erst mal mit dem großen Hund raus, danach den Pool leeren (habe ich schon erwähnt, dass es hier viel regnet?), den kleinen Hund bespaßen, endlich mal wieder etwas kochen, viel Wäsche waschen (bei der Feuchtigkeit müffelt einfach alles sofort) und irgendwie finden mein Dogsitterqualitäten Anklang. jetzt gibt es auch noch zwei äußerst agile Königspudel einer Nachbarin, die ich abends mit um den Block nehme. Das alles gepaart mit der Wettersituation hat doch tatsächlich dazu geführt, dass ich über meinen Stadtteil Parap und das angrenzende Fannie Bay hinaus noch nichts von Darwin gesehen habe. Gut, dafür hab ich den ein oder anderen Abend im Pool verbracht und dort auch auf das neue Jahr angestoßen.

Warum hast Du mit das angetan?

Die neue Häuslichkeit stresst meine beiden Hunde… Die arme Mandela habe ich heute Morgen an den Rand eines Herzinfarktes gebracht, der Spaziergang war so nett, dass ich ihn weit ausdehnte, es wurde wärmer und wärmer, der Hund mit seinem dichten schwarzen Fell keuchte zunehmend, meine Abkühlversuche auf einem Spielplatz mit Wasserspender waren nicht sonderlich erfolgreich, ich sah mich schon mit dem großen schweren Hund auf dem Arm durch die heißen Straßen wanken, aber mit Müh und Not kam sie auf allen Vieren zuhause an. Die Arme schaffte es dann aber nicht mal mehr ins kühle Haus, sondern warf sich hechelnd unter den nächstbesten Busch im Vorgarten – ganz kurz befürchtete ich, ich hätte den Hund ermordet. Mittlerweile schnarcht sie aber glücklich neben meinem Bett, ist also noch mal gut gegangen.

Danach musste dann Nellie, der hinreißende kleine Hund, dran glauben. Ja, ich gebe es zu, sie darf bei mir im Bett schlafen. Der viele Regen hat aber auch bei ihr dazu geführt, dass sie trotz ihrer Kuscheltierqualitäten ein wenig nach nasser Hund riecht. Zu ihrem Pech fand ich im Waschraum dann ein Hundeshampoo… Der eigentlich so fröhliche kleine Hund ließ sich zwar gerne einseifen, nass sein mag sie aber gar nicht. In der Badewanne stehend waren ihre großen Augen ein einziger Vorwurf – bis die Rache kam. Ich hob sie heraus, wollte den nassen Hund in ein großes Handtuch wickeln, da schoss sie davon, rein in mein Schlafzimmer, rauf aufs Bett und so lange über die Bettdecke geschrubbert, bist diese nass und der Hund trocken war. Bätsch, schien ihr Blick zu sagen, das hast Du jetzt davon. Ok Nellie, Du hast gewonnen. Aber dafür duftest Du jetzt gut.

Ich werde den kleinen Hund sehr vermissen. So viel Persönlichkeit in so einem kleinen Tier, das ist schon erstaunlich. Auch wenn ich mich nachts immer mal wieder am äußersten Ende des Bettes wieder finde, weil sich so ein kleiner Hund ganz schön lang machen kann, vor allem wenn er quer liegt. Das war eine schöne Erfahrung, dieses Housesitting. Aber: mich hat es auch etwas träge gemacht. Man fühlt sich zwar zuhause, ist es aber doch nicht und bewegt sich wie eine Besucherin, die es besonders gut machen möchte. Und dabei fast zur Hundemörderin wird. Auch wenn mein Herz bluten wird, ich freue mich darauf, ab Sonntag wieder ganz unabhängig zu sein. Vielleicht springt der kleine Hund ja in meinen Rucksack und kommt einfach mit. Ich würde sie nicht daran hindern….

 

Auf den Hund gekommen

Seit Weihnachten bin ich stolze Besitzerin zweier Hunde. Nellie und Mandela sind zwei ganz besonders nette Exemplare, die allerdings unterschiedlicher nicht sein könnten. Nellie ist winzig und äußerst charmant, ein kleiner wuseliger Hund, während Mandela eher groß und recht massiv ist, unglaublich dankbar für jede Art von Aufmerksamkeit und mit einem sehr weisen Hundeblick. Ich kenn mich ja mit Hunderassen so gar nicht aus, aber da scheint auf der einen Seite ein Shih Tzu und auf der anderen ein Labrador beteiligt zu sein. Beide wohnen in einem schönen tropischen Haus mit großer Terrasse und einem himmlischen Pool und für zwei Wochen ist das auch mein Zuhause. Die Eigentümer sind nach Perth geflogen, zuvor haben wir aber noch Heiligabend zusammen verbracht und bei Freunden von ihnen ganz hervorragend gegessen – Garnelen, Austern und „Moreton Bay Bugs“ – ganz herrliche kleine Hummer – als Vorspeise und dem britische Erbe folgend Truthahn und glasierter Schinken als Hauptgang. „When in Rome do as the romans do“ denkt sich mein vegetarisches Herz und ich greife zu. Wir sind zu sechst, alle sind Kollegen aus dem Schulbereich und klagen über ihre anstrengenden Jobs mit 12-Stunden-Tagen. Och, ich wüsste da was 🙂 Wir sitzen auf einer riesigen überdachten Terrasse, es ist selbst am späten Abend noch warm und guter australischer Rotwein fließt in Strömen. Der gibt morgens keinen Kopf und so starte ich einigermaßen gut den ersten Weihnachtsfeiertag, der auch mein erster Dogsitting-Tag ist. Mittags verabschieden sich meine Gastgeber und dann gehören mir Haus, Pool und Hunde. Schon ziemlich unglaublich, wie viel Vertrauen die in mich haben, sie kennen noch nicht mal meinen Nachnamen und überlassen mir ihr Zuhause samt gut gefülltem Kühlschrank. In den folgenden Tagen treffe ich mich noch ein paar Mal mit den netten Menschen vom Heiligabend-Dinner und erkunde mit den Hunden die Umgebung. Wenn es das Wetter zulässt, denn das heiße, trockene Weihnachten war eher eine Ausnahme – hier ist eigentlich Regenzeit. Und deswegen pladdert es mindestens einmal am Tag tropisch vom Himmel. Ich lasse täglich Wasser aus dem Pool, nachdem ich das ein oder andere Palmwedel rausgefischt habe, werde pitschnass beim Hundespaziergang, es ist egal, ob es regnet oder nicht, die hohe Luftfeuchtigkeit sorgt auch ohne Niederschlag dafür, dass ich vollkommen durchnässt zurück komme. Das Meer ist gar nicht weit weg von mir, 15 Minuten und schon bin ich an der Promenade von Fannie Bay. Ein schöner, sehr ursprünglicher Strand und fast menschenleer. Ja, sagt mal, das ist doch ein perfekter Ort für eine rasche Abkühlung. Nein, ist er nicht, erzählt mir Rebecca, eine der Weihnachtsgäste. Krokodile und Würfelquallen machen das Baden hier unmöglich und sie sei in 18 Jahren Darwin nur zwei mal an bewachten Stellen im Meer gewesen. Gut, dann lass ich das lieber. Aber die Küste ist auch so beeindruckend, es ist Zyklon-Saison und über dem Meer brauen sich dunkle Wolken zusammen. Aber keine Sorge, sagt man mir, die Häuser seien alle Zyklon-sicher gebaut, nachdem die Stadt Weihnachten 1974 fast vollständig durch einen tropischen Wirbelsturm zerstört wurde. Na, ob mich das jetzt beruhigt?

Jedenfalls windet es immer wieder heftig, aber durchaus angenehm. Die stechende Hitze von Heiligabend hätte ich jetzt wirklich nicht mehrere Tage lang gebraucht und auch wenn das Haus nachts dann immer mal wieder scheppert und ächzt, finde ich es recht komfortabel. Natürlich bleiben die vielen Ventilatoren im Haus trotzdem im Dauerbetrieb, es gibt zwar auch Klimaanlagen, aber bei der offenen Bauweise wäre das wirklich zum Fenster raus gekühlt. Tolle Häuser haben sie hier, alles aufs Draußenleben angelegt. Beim Spazieren mit den Hunden fliegen Kakadus über meinen Kopf, riesige allradgetriebene Autos, an denen der rote Staub des Outback haftet, fahren durch die Straßen und jeder hat ein Boot vor dem Haus. Aber: so sehr ich die Wärme liebe, ich könnte das nicht, neun Monate im Jahr diese Wahnsinnshitze. Und diese Abgelegenheit, die nächste größere Menschenansammlung findet man auf Bali, aus Darwin führt genau eine Straße hinaus und wenn die überflutet ist, was durchaus mal passiert, kommt man nur noch mit dem Flugzeug weg. Es ist eine schöne, eine sehr multikulturelle Atmosphäre hier, die drei kleinen Supermärkte in meiner Nähe werden von Indern, Griechen und Nordafrikanern betrieben und auf dem kleinen Samstagsmarkt von „meinem“ Stadtteil Parap ist das Angebot an indonesischen Gerichten fast größer als in Ubud. Ein Viertel der Einwohner sollen Aborigines oder Torres-Strait-Insulaner sein, man sieht sie auch durchaus im Stadtbild, aber so wie ich es bisher wahrgenommen habe, scheinen sie eher am Rande der Gesellschaft zu leben.

Und jetzt ist der 31.12. und es geht langsam auf 24:00 Uhr zu. Eigentlich wollte ich zum Ufer laufen und schauen, ob es ein Feuerwerk gibt, geböllert wird bereits, aber unten in meinem Schlafzimmer zittert ein vollkommen verängstigter großer Hund und ich bringe es nicht übers Herz, ihn hier alleine zu lassen. Also werde ich mir um Mitternacht ein Gläschen Weißwein einschenken, in den Pool gleiten und mit der kleinen, äußerst tapferen Nellie auf euch alle anstoßen! Ich wünsche Euch ein wunderbares 2017!!!

Ausgeyogt

Nun bin ich also in Ubud, dem künstlerischen Zentrum Balis. Wobei Kunst hier eher relativ ist, das traditionelle Kunsthandwerk ist beeindruckend, was die vielen Läden anbieten weniger. Viele fühlen sich zum Maler berufen und scheinen die urlaubliche Verklärtheit der Touristen ausnutzen zu wollen. Die schönen Reisfelder rings um das Städtchen und die günstigen Unterkünfte haben über die Jahre eine sinnsuchende Klientel angezogen und so wurde Ubud auch zu einem Zentrum für Yoga und Spiritualität. Und dann kam noch „Eat, Pray, Love“ und der Kessel war geflickt.

Also tauche auch ich mal in die Szene ein, verlasse nach einer Woche meinen schönen Holzbungalow in den Reisfeldern und ziehe in ein freundliches Guesthouse in der Stadt. Der absolute Marktführer ist die „Yoga Barn“ mit einem riesigen Angebot vor allem an Yoga und Meditationen. Inklusive Restaurant mit allem, was gerade in ist in der Szene – vegan, glutenfrei, raw food, wheatgrass und und und. Das ganze ist perfekt organisiert, an einer großen Rezeption kaufe ich mir eine 5er-Karte, mir wird ein IPad entgegengestreckt, um meine Daten einzutragen und kriege dann eine aufgeladene Scheckkarte. Zum Einstieg teste ich Yin Yoga aus und betrete einen riesigen Saal mit zum Schluss sicherlich über 100 Leuten. Der Yogalehrer erfüllt alle Klischees – von den Rastalocken über das wild hineingeschlungene Tuch bis hin zur einfühlsamen Stimme. Aber er ist nicht allein, in der Ecke sitzt ein Musiker mit einem elektronischen Cello, eine feenartige Querflötistin hat neben ihm Platz genommen. Noch halte ich das Ganze eher für Yoga-Disneyland. Bilder von meinem Aufenthalt in einem Ashram in Rishikesh gehen mir durch den Kopf, die schlichte Halle, in der ich nach der frühmorgendlichen Stunde schweißgebadet und mit schmerzenden Schultern Richtung Basic-Unterkunft marschierte. Das ist doch das wahre Yoga. Immer diese westliche Yogaverweichlichung… Und dann beginnt der Kurs und ich muss zugeben, nach fünf Minuten bin ich dann doch sehr ergriffen. Die sphärische Musik, der schöne Saal mit riesigen Fenstern in den sattgrünen tropischen Garten, die spirituelle Atmosphäre und das sehr lange Halten von Yogapositionen – das tut einfach gut. Westlich hin oder her.

In den folgenden Tagen teste ich aus, was das Angebot hergibt. Ich hänge an Gurten kopfüber in der Luft („Fly high Yoga“), singe inbrünstig Mantras beim Kirtan, verausgabe mich beim Vinyasa Flow, erhole mich inmitten tibetischer Klangschalen und beobachte das Yogaleben. Leute über 30 sind hier eher selten, die Yoga Barn ist voll in der Hand der Generation Z und die ist ja besonders gesundheitsbewusst. Und so finde ich mich an einem Sonntag Vormittag beim „Ecstatic Dance“ wieder und bin dann doch erstaunt, zu welchem Spaß man nur mit Ingwertee und organischem Müsli in der Lage ist. Es sind schon witzige Typen unter dem Publikum, so wie die schöne Russin, die beim Yin Yoga neben mir liegt und die Aufforderung des Lehrers, man möge so richtig entspannt ausatmen und dabei auch ruhig ein bisschen stöhnen, sehr brav befolgt. Sie gibt Geräusche von sich, die einen kurz bevorstehenden Orgasmus befürchten lassen. Ich schaue kurz hin, sie hat beschlossen, die anstrengenden Yin-Posen durch entspanntes Sitzen, anmutige Handbewegungen und eben dieses Stöhnen zu ersetzen. Ich unterdrücke ein Kichern, schon beim Ecstatic Dance hatte ich gemerkt, dass es den Youngsters hier nicht nur um Yoga, sondern durchaus auch um Zwischenmenschliches geht.

Aber ich falle ja zum Glück aus der relevanten Zielgruppe und kann mich so ganz dem Wellness-Erlebnis hingeben. In Ubud werden an jeder Ecke Massagen angeboten und so kommt zum wohligen Stretching-Erlebnis auch noch ein kräftiges Durchkneten mit duftigen Ölen. Hier kann man sich wirklich wohl fühlen. So manch einer findet gar nicht mehr den Absprung, im Guesthouse treffe ich auf eine Münchnerin, die seit zwei Jahren hier lebt. Im Hotel wohlgemerkt. Aber bei den Preisen, dem schönen Pool und den sehr netten Leuten ist das auch wieder nicht so vollkommen aus der Welt.

Aber, mich zieht es weiter. Australien ist quasi gleich um die Ecke und ich habe doch tatsächlich die Möglichkeit, für zwei Wochen zur House- und Hunde-Sitterin in Darwin zu werden. Wer weiß, wenn die Muskeln ziehen, kann ich immer noch auf dem Rückweg einen Zwischenstopp im schönen Bali einlegen.

Es gibt Reis, Baby

Nach dem Surfertrubel Südbalis habe ich p1010772beschlossen, meine Zeit in Ubud etwas ruhiger zu starten und ich finde, ich habe eine hervorragende Wahl getroffen mit dem Nur Guesthouse. Mitten in den Reisfeldern habe ich fast den Eindruck, ganz weit weg von Ubuds Gewimmel zu sein und dabei ist es gerade mal ein fünfminütiger Spaziergang zur Hauptstraße. So weit muss ich noch nicht mal, die Infrastruktur um mich herum hat alles, was das Herz begehrt: ein Massagesalon schräg gegenüber, p1010783verschlungene Pfade durch die Reisfelder und nette Cafes und Restaurants zwischendrin. Wenn ich überhaupt weg will, denn mein Bungalow ist ein balinesischer Traum, ganz aus Holz mit Blick in die Reisfelder, eine schöne Terrasse und ein tolles Restaurant mit kleinen Pavillons. Da kann man schon mal den ein oder anderen Nachmittag verbringen und den heftigen Regen abwarten. Alles wäre perfekt, wenn da nicht diese fiesen Moskitos wären…  p1010806Das Yogazentrum um die Ecke ist toll gelegen, vermittelt mir aber einen ersten Eindruck vom professionellen Management der Hauptattraktionen Ubuds: Spiritualität und Yoga. Nicht erst seit „Eat, Pray, Love“ ist Bali das Ziel westlicher Sinnsucher und Ubud wiederum dessen Epizentrum. Ich steuere also das Ubud Yoga House an, 15442113_1240860652626328_7726120204437818388_ndass für seine persönliche Atmosphäre gelobt wird und finde mich mit doch einer Reihe von Leuten in einem hübschen Pavillon wieder, bei der kurzen Vorstellungsrunde stellt sich raus, dass viele zum ersten Mal in ihrem Leben Yoga machen, weil es in Ubud halt irgendwie dazu gehört. Was ja ok ist, aber eben doch eine eher flüchtige Atmosphäre aufkommen lässt. Also wende ich mich mehr der Hauptattraktion meiner Unterkunft zu: der spektakulären Lage in den Reisfeldern. Ich wandere über die kleinen Wege zwischen plätschernden Bewässerungsgräben und bin gerade rechtzeitig dran: die Ernte hat begonnen. Und die ist absolute Handarbeit, vom Schneiden der Reishalme bis zum Dreschen.

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Die Felder sind kaum durch echte Straßen erschlossen, also wird alles auf kleinen Mopeds über die Pfade balanciert – sowohl Arbeitskräfte als auch das Ernteergebnis. Die Leute sind freundlich, winken und lächeln mir zu und irgendwann finde ich dann auch noch das perfekte kleine Café, in dem ich mir einen „Good Morning Detox“ gönne, denn selbst in den abgelegeneren Gebieten von Ubud kann man dem vegan-organisch-glutenfreien Superfood nicht entkommen.p1010766

Schön ist es hier, aber jetzt will ich richtig eintauchen in die Szene. Die „Yoga Barn“ ist die Location mit über 100 Kursen in der Woche. Dafür muss ich rein in die Stadt und so sage ich meinem freundlichen Guesthouse terima kasih – vielen Dank – und mache mich auf ins ultimative Yogaabenteuer.

Kleine Zeitreise

Es regnet und das schon seit einigen Tagen. Nicht schlimm, denn es ist warm, ich habe einen wunderschönen Bungalow mitten im Reisfeld und direkt daneben ein freundliches Restaurant – so halte ich es auch mal ein paar Tage eher stationär aus. Und wenn man nichts großartig erlebt, hat man auch die Muße, sich über andere Dinge als das Reisen Gedanken zu machen. Mir ist es ein Bedürfnis, heute einen Beitrag meiner Tante Lisbeth zu widmen, die einen gewissen Anteil an dieser Reise hat und eigentlich eine frühe Globonautin war.

Lisbeth wäre heute 95 Jahre alt, lisbeth1sie starb im Juni vor 11 Jahren und hinterließ mir vor allem eine Lebensversicherung, die sie schon vor langer Zeit für mich abgeschlossen hatte und die just drei Monate vor Beginn unserer Reise fällig wurde. Als hätte sie’s geahnt, die Gute.

Ahnenforschung ist ein großes Hobby von mir, leider habe ich mich zu Lebzeiten meiner Angehörigen nicht sonderlich dafür interessiert, wo sie so herkamen, aber in den letzten Jahren habe ich viel rekonstruiert und jetzt ein besseres Bild davon, wie sie gelebt haben müssen.

Lisbeth war die älteste Schwester meines Vaters, sie wurde 1921 in Pommern geboren, in der Nähe von Schivelbein, heute Swidwin, wo eigentlich alle meine Vorfahren väterlicherseits seit Jahrhunderten lebten. Ich war letztes Jahr dort, die Stadt ist von der Zerstörung gekennzeichnet, das Schloss ist wieder aufgebaut, auch der Dom, das Steintor und das ein oder andere historische Haus, aber die Innenstadt, wo Lisbeth aufwuchs, ist kaum noch zu erkennen. Ich hatte einen alten Stadtplan, versuchte, die Mittelstraße zu finden, in der meine Großeltern lebten, aber noch nicht einmal die historischen Straßenverläufe sind mehr dieselben, die Zerstörung war äußerst gründlich.

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Der Schivelbeiner Dom vor 1945
Der Schivelbeiner Dom 2015
Der Schivelbeiner Dom 2015

Von der deutschen Vergangenheit der Stadt ist kaum noch etwas zu spüren, vor dem städtischen Friedhof die Reste einige alter Grabsteine und ein Schild in brüchigem Deutsch: Zum gedachtnis deren die hier vor uns lebten“ Das waren unter anderem meine Vorfahren, die Familien Krüger und Henke, Völz und Becker und noch eine Generation weiter zurück Ott, Polzin, Brunn, Radünz und Wilm. Alle lebten in oder im Umkreis von maximal 20 Kilometern um Schivelbein. Und das hätte Lisbeth wohl auch getan, wenn der Krieg sie nicht gezwungen hätte, Pommern und sogar Deutschland zu verlassen.

Meine Großeltern väterlicherseits waren sehr einfache Menschen, mein Großvater Reinhard kämpfte im ersten und zweiten Weltkrieg und war ansonsten Transportarbeiter. Es gibt ein Bild von ihm mit kurz geschorenen Haaren und Nazibärtchen, eigentlich ein erschreckendes Bild, aber es ist alles, was ich von ihm weiß oder habe, über ihn wurde wenig gesprochen. Mein Großmutter Meta habe ich sehr lebhaft in Erinnerung, sie starb vier Monate vor ihrem 103. Geburtstag und hat mein Leben doch eine ganze Weile begleitet.

lisbeth-als-kind-kopieLisbeth war zwar das erste Kind von Meta und Reinhard, sie kam zwei Monate nach der Hochzeit zur Welt und blieb bis sie fast sieben war ein Einzelkind. Aber sie wurde in eine große Familie hineingeboren, neun Onkel und Tanten und einer ihrer Onkel wurde sogar erst nach ihr geboren. Sie ging in Schivelbein zur Schule, fing dann an, bei der „Schivelbeiner Buchführung- und Beratungsstelle“ als Buchhalterin zu arbeiten und die einzige Ausbildung, die sie genossen hat, scheint ein sechsmonatiger Kurs in allerlei Kaufmännischem gewesen zu sein. Doch dann kam der Krieg und ging verloren.  Die Zeitzeugenberichte, die ich aus Schivelbein habe, lassen vermuten, dass die Zeit unter russischer und polnischer Besatzung vor allem für die Frauen furchtbar gewesen sein muss. Auch darüber wurde nicht gesprochen, aber meine Tanten waren nie verheiratet und ich fürchte, sie hatten ihre Gründe.

Lisbeth floh mit ihrer Tante nach Berlin und schlug sich dort eine Weile durch. Meine Großmutter blieb mit ihrer jüngeren Tochter und meinem Vater im polnisch besetzten Schivelbein, bis sie im April 1946 ausgewiesen wurden. Sie haben kaum etwas mitnehmen können, die Flucht hat sehr überstürzt stattgefunden und am schlimmsten war wohl, dass sie den Großvater und das Haus, dass die ganze Familie zusammen gebaut hatte, zurücklassen mussten. Der Großvater, also mein Urgroßvater August Krüger, starb zwei Monate nach der Ausweisung seiner Familie. Für mich war es der emotionalste Moment meiner Reise nach Pommern, dieses Haus wiederzufinden.pribslaff-stary-przybyslaw-kopie

Lisbeth und ihre engsten Angehörigen fanden sich in einem Aufnahmelager in Ratzeburg wieder. Die einstige Großfamilie war in alle Winde zerstreut, zwei Onkel tot, der Vater in Gefangenschaft, andere Onkel und Tanten im Ruhrgebiet. Lange Zeit lebten sie in sehr beengten Verhältnissen und ohne Vater. So übernahm Lisbeth die Rolle der Ernährerin, sie erzählte, sie habe in der Gutsverwaltung in Damp an der Ostsee gearbeitet und dann wagte sie den ganz großen Schritt: sie ging für zwei Jahre nach England. Ende der 40er Jahre muss das ein riesiges Abenteuer gewesen sein, sie arbeitete in einem Krankenhaus in Poole. Danach wurde sie in Norderstedt sesshaft und arbeitete bis zu ihrer Pensionierung bei der Commerzbank in Hamburg.

Lisbeth war kein einfacher Charakter, aber sie hatte auch kein einfaches Leben. Die Jugend durch Nazizeit und Krieg dominiert beziehungsweise ruiniert, traumatische Erlebnisse während der Besatzung und Vertreibung, dann die Unterstützung ihrer Mutter und Geschwister. Ihr eigenes Leben blieb dabei auf der Strecke. „Dass ich keinen Mann habe, habe ich nie bereut. Aber keine Kinder, das bereue ich sehr.“ sagte sie mir einmal. Lisbeth war ein zäher Typ, der Menschen vorsichtig begegnete. Sie wirkte auf mich immer ein bisschen wie aus der Zeit gefallen – in Pommern tickten die Uhren einfach anders. In Schivelbein gehörte sie sicherlich eher zur moderneren Jugend – keine Arbeiterin, wie ihre Eltern, Groß- und Urgroßeltern, sondern Buchhalterin und den Mut, zwei Jahre im Ausland zu leben hätte dort sicherlich kaum jemand aufgebracht. In Hamburg war sie dann aber eine Frau, die den Einstieg in ein eigenes Leben verpasst hatte.

Sie schien einerseits altmodisch, lisbeth2war aber andererseits neugierig auf die sich wandelnden Zeiten. Doch irgendwie blieb sie dabei immer nur Zuschauerin, wenn auch interessiert und wissbegierig. Wir haben erst in den letzten Jahren ihres Lebens etwas näher zueinander gefunden und leider habe ich das Gefühl, sie erst nach ihrem Tod verstanden zu haben. Ich wäre gerne gemeinsam mit ihr durch Schivelbein spaziert und tiefer eingetaucht in eine untergegangene Welt. Tante Lisbeth hat mir viel Gutes getan und ich hoffe, sie findet gut, was ich so treibe. Jedenfalls, liebe Lisbeth, eine Befürchtung kann ich Dir vielleicht nehmen: Du bist nicht vergessen.

 

Andere Welten

Das Schöne am Reisen ist, dass man immer 20161123-myanmar-yangon-26wieder die Gelegenheit hat, in andere Welten einzutauchen. Kurz reinschnuppern, mitmachen und dann auf in die nächste Welt. Ganz extrem habe ich das in den letzten Tagen in Singapur und Bali erlebt.

Die Globonautentrennung in Yangon war nicht einfach und jetzt ist die gemeinsame Reiserei wirklich endgültig beendet. Eric düste zurück Richtung Europa und ich nach Singapur. Dort p1010725wohnt die Freundin einer alten Schulfreundin aus Hamburg und ich durfte für zwei Nächte einen Eindruck davon gewinnen, wie die Expats so leben in dieser Stadt. Und, ich geb’s jetzt mal offen zu, ich bin ein ganz kleines bisschen neidisch. Auch wenn ich mich natürlich freue, liebe Inken, dass Ihr da so ein schönes Leben habt. Ap1010730llein schon diese Wohnung, ein echter Tropentraum, durch die Balkone wirkt sie offen nach allen Seiten, morgens kommt ein Hornbill vorbei, um etwas Papaya zu stibitzen und im Kühlschrank lacht einem trotzdem Europa entgegen, mit Vinho Verde, Käse und Duplo, denn die Versorgungslage ist perfekt in Singapur.

Ich habe eigentlich nur einen Tag und den verbringe ich in primär unter und in vier Shopping Centern. Mittlerweile baut man diese auch mehrere Stockwerke in die Erde, so dass dort eine glitzernde Konsumunterwelt p1010694entstanden ist. Oben die Straße überqueren? Nix da, runter in die Gänge der Malls. Ist auch besser, denn es schüttet wie aus Kübeln. Inken ist übrigens gerade bei einem Open Air Konzert… Gen Abend treibt es mich dann aber doch hinauf auf die Orchard Road, denn: es ist ja bald Weihnachten. Und da lässt man sich in Singapur nicht lumpen, die Dekorationen sind beeindruckend, auch wenn es 30 Grad und gefühlte 99 Prozent Luftfeuchtigkeit hat. Kein Schnee? Doch kein Problem hier, ich sehe zwei Varianten: entweder kauft manp1010721 für mehr als 500 Dollar ein und darf dafür in ein Plastikzelt, in dem Kunstschnee herab rieselt (sagen sie zumindest, ich hab bestimmt eine halbe Stunde davor gewartet, aber keiner kam). Oder man schließt sich den Kindern an und macht eine Schaumball-Schlacht im Weihnachtsdorf. Ist ja eh angenehmer als dieses eiskalte Zeugs auf der Haut.
Nach Myanmar ist das hier alles fast ein kleiner Kulturschock, denn ich bin ja immer noch in Asien. Der stolz zur Schau getragene Reichtum, die beeindruckende Architektur, die Sauberkeit, alles wirklich ein ganz krasser Gegensatz zu Yangon.

p1010744Am nächsten Tag geht es dann weiter nach Bali, mein Wirt holt mich vom Flughafen ab, die Unterkunft war ein Tipp des Sohnes meiner Yogalehrerin. Und so komme ich in den Genuss einer weiteren anderen Welt – ich bin mitten in der coolen Surferszene gelandet. Ich wohne in einem Homestay der eher einfacheren Kategorie mit sehr netten Vermietern und merke schon am ersten Tag, dass ich mich einer meiner Ängste stellen sollte, wenn ich hier eine Woche lang Spaß haben will. Die Wege sind weit, die Gegend hügelig, die Straßen eng und Fußgänger nicht vorgesehen. Deswegen fahren alle Mofa oder Scooter, wie das hier heißt. Uh. Hinten drauf durch Bagan düsen und Eric dafür verantwortlich machen, wenn wir in den Schlamm rutschen, ist ja eine Sache. Aber ich hab wirklich etwas Angst. Vermieter Wayan gibt mir einen Automatik-Roller und eine sehr intensive Einführung. Dann muss ich das Sträßlein zum Homestay einmal hoch und runter fahren, er ist zufrieden, aber bitte noch eine Runde auf der etwas größeren Straße. Als ich auch das zu meiner eigenen Überraschung meistere, entlässt er mich in den balinesischen Straßenverkehr. Und – es klappt. Man kann doch mehr als man denkt…

Ich finde schöne Strände, die ich aber nur p1010743von oben betrachte – es regnet viel und meine Gelüste, im nassen Sand zu liegen, halten sich in Grenzen. Die Alternative sind die coolen Surfer-Lounges an den Klippen – toll! Alles sehr lässig, natürlich bio, regional und vegan, das scheint zum Wellenreiterleben dazu zu gehören, entspannte Musik und der Blick auf die Surfer draußen, die auf die Wellen warten – wow! So ganz passe ich ja nun wirklich nicht in die Szene, aber lustig, das mal für eine Woche zu erleben.

p1010735Am Abend sitze ich dann aber doch lieber in einem bestimmt regionalen, wahrscheinlich nicht-bio und sicherlich nicht-veganen Warung, einem einheimischen Lokal, und genieße Indonesisches. Das Warung ist gleichzeitig Tankstelle für Mofas, der Sprit wird hier literweise in Schnapsflaschen ausgeschenkt, Klappe auf, Trichter rein, ein oder zwei Liter obendrauf, fertig. Der Tankwart neben mir steckt sich erst mal eine Zigarette an, um dann in aller Ruhe Benzin aus einem Fass in die Schnapsflaschen abzufüllen. Ich sitze etwa zwei Meter daneben und überlege, ob ich lieber die Flucht ergreifen sollte. Das gute Essen hat mich dort gehalten und ich hab’s überlebt…

Und dann merke ich doch, dass das freundliche p1010736Bali Teil des korrupten Indonesiens ist. Ich düse mit dem Mofa durch ein Städtchen, links eine Polizeiwache, davor drei Polizisten. Einer winkt mich raus, ich halte, grüße ihn freundlich und er fragt nach meinem Führerschein. Ich wusste gar nicht, dass man den überhaupt braucht, hab ihn auch nicht dabei, da grinst er und sagt, dass sei doch überhaupt kein Problem, mit 500.000 Rupien sei das Problem aus der Welt. Das sind 35 Euro. Oder zwei Übernachtungen in meinem Homestay. Oder 50 Liter Benzin in meinem Warung. Ich tue geschockter als ich es bin, versuche eine kleine Charme-Offensive, da bietet er 300.000 an. Du kleines A**, denke ich mir, tue trotzdem weiter hilflos, murmele, so viel hätte ich nicht, ob er vielleicht gnädig sein könne. Bei 100.000 ist dann Schluss bei ihm, er sagt, wenn ich das nicht zahle, würde er mit mir rein gehen und eine offizielle Anzeige produzieren. Ne, lass mal… Ich gebe ihm die 100.000, sie verschwinden in seiner Hosentasche und ich auf die andere Straßenseite. Dem will ich nicht noch mal in die Arme fahren. Mein Vermieter freut sich nachher, das hätte ich gut gemacht, die deutschen Jungs, die letzte Woche hier waren, hätten die 500.000 sofort gezahlt.

Nach einer Woche ist gut mit Surferleben, ich steuere Ubud an, spätestens seit „Eat, Pray, Love“ sicherlich kein Geheimtipp mehr, aber es wird Zeit für ein wenig Yoga und schöne Reisterrassen. Die nächste Welt wartet….