Einmal um die Insel – Taiwan erschließt sich langsam

Seit drei Wochen bereisen wir Taiwan. Warum erst jetzt ein Bericht?

Weil dieses Land sich nicht sofort erschließt. Die Menschen sind unglaublich freundlich, doch Städte und Sehenswürdigkeiten überwältigen nicht auf den ersten Blick. Und ja – vielleicht sind wir auch ein wenig reisemüde.

Haben uns Oman und vor allem Australien zu sehr verwöhnt? Haben wir das Staunen für die kleinen Dinge verlernt? Nein. Für Taiwan braucht es eine andere Art der Annäherung.

Shennong Street in Tainan

Nach der abendlichen Landung in Taipeh klappt alles reibungslos. Das Taxi bringt uns in ein knallbuntes Hotel, das sich zudem noch über einem Shoppingcenter und einer Metrostation befindet, etwas außerhalb des Stadtzentrums, in Luzhou, einem Viertel mit ganz eigenen Reizen. Unsere ersten Begegnungen mit der taiwanesischen Kultur finden hier statt – das hervorragende Frühstückscafe mit fluffig-weichen Brötchen, cremigem Ei und Krabben. Der geschäftige Yonglian Tempel und das Anwesen der Familie Li, eine historische Wohnanlage, die einst von Reisfeldern umgeben war und nun eine kleine Oase inmitten von Hochhäusern bildet. Stimmungsvoll und vollkommen untouristisch.

Wohnhaus der Familie Li in Neu-Taipeh

Die Innenstadt von Taipeh ist nur eine kurze Metrofahrt entfernt: Taipeh 101, das ehemals höchste Gebäude der Welt, das Chiang Kai Shek Mausoleum – interessant, aber noch springt der Funke nicht über. Viele der riesigen Wohnhäuser in der Innenstadt wirken grau, funktional und etwas heruntergekommen. Vielleicht müssen wir einfach noch einmal wiederkommen, sagen wir uns.

Wahrzeichen – Taipeh 101 und Chiang Kai-shek Mausoleum in Taipeh

Also steigen wir in den Zug und beginnen, die Insel im Uhrzeigersinn zu umrunden.

Erster Stopp: Hualien. In der Nähe liegt mit der Taroko-Schlucht eine der größten Attraktionen des Landes. Wir übernachten in einem Homestay, eine in Taiwan beliebte Unterkunftsform, und stellen fest: das ist nichts für uns. Zu kommunikativ der Betreiber, der uns streng fünf Minuten nach dem vereinbarten Frühstückstermin aus dem überdekorierten Zimmer klopft.

Dafür erleben wir unseren ersten Hot Pot – Essen zum Selberkochen am Tisch, große Teller mit Gemüse, Fleisch und Fisch wandern in die bestellte Brühe. Von unseren Tischnachbarn werden wir sehr freundlich und unaufdringlich eingeführt – da, an dieser Station mitten im Restaurant gibt es die Saucen, die hier ist besonders lecker, nehmt euch auf der Rückseite etwas zu trinken und zum Schluss unbedingt noch ein Eis.

Taiwan liegt im „Ring of Fire“, Erdbeben gibt es hier regelmäßig und 2024 erschütterte ein starkes Beben die Region um Hualien. In der Stadt selbst sind die Schäden dank erdbebensicherer Bauweise begrenzt geblieben, aber in Taroko kam es zu mehreren Erdrutschen. Die Schlucht ist seither nur eingeschränkt zugänglich. Trotzdem nehmen wir den Touristenbus, der dann quälend langsam durch die Straßen schleicht, mehrere Schleifen zieht und für die 6 km lange Strecke von Hualien nach Taroko anderthalb Stunden braucht. Am Visitorcenter besteigen wir einen der Berge und erhaschen einen Blick in die Schlucht – weiter hinein ginge es jetzt nur mit einem eigenen fahrbaren Untersatz. Schön, aber wieder: es überwältigt uns nicht.

Der Eingang zur Taroko-Schlucht

Weiter die Ostküste hinunter nach Taitung.

Und hier verstehen wir zum ersten Mal, warum wir eigentlich hier sind.
Taiwan lebt nicht von spektakulären Sehenswürdigkeiten. Es ist das Alltägliche: die Gelassenheit, die Freundlichkeit der Menschen, der Stolz auf ihre Küche.

Vielleicht ist genau das unser größtes Privileg auf dieser Reise: Zeit zu haben. Uns nicht von Sehenswürdigkeiten treiben zu lassen, keine Liste abzuarbeiten. Wir lassen Top-Touristenziele wie Alishan oder den Sun Moon Lake bewusst aus – zu aufwendig, zu weit, zu sehr verbunden mit dem Gefühl, wieder irgendwo „hin zu müssen“. Stattdessen bleiben wir länger an Orten, die auf den ersten Blick unspektakulär wirken. Und genau dort beginnt Taiwan für uns interessant zu werden.

Im „Kindness Hotel“ wird das greifbar. Der Name ist Programm: Neben dem Frühstück gibt es den ganzen Tag über kostenlos Kaffee, Tee und Eis, abends ein Snackbuffet, das locker ein Abendessen ersetzt. Fahrräder, Waschmaschinen, Trockner – alles frei verfügbar.

Wir radeln durch die Stadt, werden immer wieder angelächelt, verbringen einen Sonntag im Park, sitzen stundenlang im „Community Café“, wo Menschen plaudern, lernen, arbeiten. Nichts davon ist spektakulär – und genau darin liegt der Reiz. Langsam passen wir uns diesem ruhigeren Rhythmus an.

Im Tianhou Tempel in Tainan

Wir sind auf einer tropischen Insel und wollen endlich auch ans Meer. Entsprechend groß sind unsere Erwartungen, als wir in Kenting im Süden Taiwans ankommen: türkisfarbenes Wasser, weite Strände, ein bisschen Südseegefühl.

Unser Hotel passt dazu – japanisch inspiriert, ruhig, fast schon minimalistisch. Und dann treten wir am Abend auf die Hauptstraße – und stehen mitten in einer Partymeile.

Kenting ist laut, voll, lebendig. Junge Menschen ziehen in Gruppen durch die Straßen, essen an den Ständen, spielen an Wurfbuden, lachen, rufen durcheinander. Es ist nicht ganz das, was wir gesucht haben. Und doch hat dieser Ort etwas. Keine gröhlenden Massen, kein exzessiver Alkoholkonsum – stattdessen eine erstaunlich entspannte, fast freundliche Form des Feierns. Viel Energie, aber wenig Aggressivität.

Am nächsten Morgen wirkt alles wieder ruhig. Der Strand lädt zu einem Spaziergang ein, das Meer glitzert – und trotzdem bleibt das Gefühl: Für große Naturmomente sind wir vielleicht am falschen Ort.

Kenting, Taiwan

Also ziehen wir weiter Richtung Westküste.

Kaohsiung macht Spaß. Die ehemalige Industriestadt befindet sich mitten im Wandel hin zu einer grünen, lebenswerten Metropole. Wir statten den Tempeln am Lotus See einen Besuch ab, betreten den wichtigsten für optimiertes Glück durch das weit geöffnete Drachenmaul und verlassen ihn durch das Tigermaul. Wieder nur nette Menschen um uns herum, die lächeln, grüßen, fragen, wo wir her kommen. Oh Germany, staunt ein Mann und zeigt uns stolz Bilder auf seinem Handy, er war schon in Berlin und in Finnland und jetzt müsse er dringend noch ein Bild mit Eric machen.

Tiger- und Drachen-Pagoden in Kaohsiung

Am Hafen bestaunen wir die futuristische Architektur und genießen die stylischen Geschäfte in den ehemaligen Lagerhallen. Auf dem Nachtmarkt trauen wir uns an etwas exotischere Snacks und schlemmen in einem unscheinbaren Fischrestaurant günstige und leckere Sushi. Wäre jetzt noch das Hotel besser gewesen, sehr stylisch eigentlich, aber mit muffiger Luft ohne öffenbare Fenster, die Tage wären perfekt gewesen.

In Sachen Hotel wird das Xiuxi in Anping alles schlagen, was wir bisher erlebt haben. Nicht nur der unglaublich freundliche Empfang, der tägliche Nachmittagstee mit wunderschönen kleinen Snacks, das riesige Zimmer.

Das Frühstück ist ein Erlebnis für sich: ein mehrgängiges Menü, optisch fast auf Sterne-Niveau. Abends hätten uns die chinesisch deftigen Geschmäcker vermutlich mehr begeistert als morgens um neun – aber beeindruckend ist es allemal.

Frühstück im Xiuxi Hotel in Anping

Unvergesslich wird mir Anping aber nicht wegen der kolonialen Bauten bleiben, die recht schön anzusehen sind – es ist das, was das Hotel allabendlich in seinem „Medienlabor“ bietet. Die Projektion unterschiedlichster Szenen auf Wände und Boden, die man entweder gemütlich auf Sitzsäcken flezend oder durch den Raum spazierend genießen kann, ist ein echter Traum. Bewegt man sich, hinterlässt man Lichttapser auf dem Boden und an den Wänden. Am letzten Abend staunen wir mit einem kleinen Jungen um die Wette, der dann seine Zuneigung dadurch zum Ausdruck bringt, dass er Eric Großvater nennt. Kurz sind wir irritiert, aber klar, das könnte unser Enkel sein.

Unser nächster Stopp ist nur eine kurze Taxifahrt entfernt. Tainan ist Taiwans älteste Stadt und wir versuchen es noch mal mit einem Homestay. Diesmal haben wir mehr Glück, die Vermieterin ist ganz reizend und versorgt uns mit Essenstipps für mehrere Wochen. Um die Ecke lassen wir uns durch die lampionbehängten Gassen treiben. Besonders gefällt uns der Konfuziustempel – eine weitläufige Anlage, die all das erfüllt, was man sich unter einem klassischen chinesischen Tempel vorstellt.

Im Konfuzius-Tempel Tainan

Historisches blieb bisher leider etwas auf der Strecke. Aber das soll sich in Lukang ändern. In der Stadt der vielen Tempel liegt direkt gegenüber unseres Hotels der schönste und stimmungsvollste – der Lung-shan Tempel. Was für ein Glück, dass wir ihn durch die kurze Distanz zu allen Tages- und Abendzeiten besuchen können – in der Dunkelheit ist er noch viel schöner, die vielen roten Lampions, die entspannte Stimmung, ein magischer Ort. Wir streifen durch die verwinkelten Gassen, für die Lukang ebenfalls berühmt ist, besuchen ein tolles Museum und lassen uns in einem fröhlichen Friseursalon die Haare schneiden – so zur Begeisterung einer Kundin, dass sie uns zwei „Wheel Cakes“ schenkt. Gleich probieren, fordert sie mich auf, und was ich schon ahnte trifft zu – die Füllung besteht aus gesüßten Kidneybohnen. Aber wir sind so überwältigt von der Freundlichkeit, dass wir auch das wegstecken.

Lung-Shan Tempel in Lukang

Und jetzt sitzen wir wieder im Zug und nähern uns Taipeh für die letzten Tage. Ein Resümmee muss her. Aber dafür braucht es eine weitere Geschichte.

Chinesische Begegnungen

Ich war noch nie in China. Einmal kurz in Hongkong, aber zu kurz, um einen belastbaren Eindruck zu bekommen. Ich habe keine chinesischen Freunde, und ich weiß so gut wie nichts über Geschichte und Kultur des Landes. China ist so groß, so viele Völker, Sprachen, Kulturen, die man sicherlich nicht über ein Kamm scheren kann. Aber ich gebe offen zu: Ich habe Vorurteile, auf vielen Reisen gebildet und leider oft genug bestätigt. Auch auf dieser Reise bin ich hin und hergerissen zwischen Faszination und Unverständnis. So richtig politisch korrekt werden die nächsten Zeilen nicht.

In Südostasien begegnet man der chinesischen Kultur auf Schritt und Tritt. Vieles daran ist faszinierend: die prachtvollen chinesischen Shophouses in Kuala Lumpur und Singapur, die in Rot und Weihrauchnebel getauchten Tempel in George Town. Die großartigen Clanhäuser, deren Idee mir ausgesprochen gefällt: eine Anlaufstelle, ein Ort der Gemeinschaft, Kultur und Ahnenverehrung für Menschen, die aus derselben Region in China stammen.

Ahnentafel im Cheah Kongsi Clanhaus in George Town, Malaysia

Der Ahnenkult fasziniert mich als Genealogin besonders. Die Verstorbenen sind nicht einfach begraben und verschwunden, sie wirken weiter, nehmen Anteil am Glück oder Unglück der Nachfahren. Man ehrt sie in den Ahnenhallen, sorgt gut für sie – und erhält im Gegenzug Schutz und Segen. Wobei vieles, was man den Ahnen so hinstellt, nicht echt ist: „Geistergeld“ etwa kann man bündelweise für wenig Echtgeld kaufen. Hm – sie sind doch nicht blöd, die Ahnen.

Sehr dankbar sind wir den Chinesen für ihren Beitrag zur Kulinarik Malaysias: die Nyonya-Küche, diese grandiose Mischung malaiischer und chinesischer Geschmäcker, ist einfach unschlagbar.

Hainan Tempel in George Town, Malaysia

Als wir Anfang Februar durch Südostasien reisen, ist das chinesische Neujahrsfest allgegenwärtig. Alles ist in Rot getaucht, das Jahr des Feuerpferdes steht bevor – ein dynamisches, unberechenbares Jahr. Ich lerne, dass ich im chinesischen Tierkreis eine Holzschlange bin, analytisch, gründlich, manchmal etwas zu sehr im Detail verloren. Was das Feuerpferdjahr für mich bedeuten soll: Gründlichkeit contra Leidenschaft, aufpassen, dass mein Holz nicht im Feuer verbrennt. Irgendwie passt das.

Pavilion Kuala Lumpur – auch in den Shopping Centern dreht sich alles um das Feuerpferd

Das Feuerpferd ist überall sichtbar – auf den Straßen, in Geschäften, Tempeln und am Flughafen. Sogar Apple hat sein Logo temporär angepasst. Mich fasziniert, wie selbstverständlich Spiritualität, Aberglaube und Kommerz hier ineinandergreifen. Aber was mich irritiert: alles scheint sich stark um Wohlstand und Geld zu drehen. Auf einem kleinen Papierpferd, das ich kaufen wollte, stand die Hoffnung oder gar Forderung: „Viel Reichtum“. Die KI erklärt mir später, das sei weniger Gier als der Wunsch nach Glück und Sicherheit. Mag ja sein – aber bei mir bleibt ein gewisses interkulturelles Unverständnis.

Im Apple Shop Singapur

Wo chinesische Kultur präsent ist, begegnet man zwangsläufig vielen Menschen chinesischer Herkunft – ob seit Generationen ansässig oder als Touristen unterwegs. Seit Chinesinnen und Chinesen verstärkt reisen, ist die Welt voller geworden. Reisen ist kein westliches Privileg – im Gegenteil, es ist großartig, wenn Menschen sich bewegen, Neues sehen. Aber ich habe zu oft chinesische Reisegruppen erlebt, die mit wuchtigem Selbstbewusstsein über Sehenswürdigkeiten hinwegrollen – laut, drängelnd, ohne Blick nach rechts oder links. Rücksicht scheint in der Gruppendynamik zu verschwinden. Gruppenreisende tendieren grundsätzlich dazu, vor allem auf sich selbst und weniger auf ihre Umgebung zu achten, aber bei Chinesen scheint dies noch stärker ausgeprägt zu sein. Schon chinesische Behörden fanden das so auffällig, dass sie ihren Landsleuten vor Jahren einen eigenen Touristen-Knigge verpasst haben.

Hainan Tempel in George Town, Malaysia

Auf unseren Reisen hatten wir selten direkten Kontakt zu chinesischen Reisenden – Gruppen bleiben meist unter sich, chinesische Gruppen umso mehr, und dann ist da ja auch die Sprachbarriere. Nur einmal kamen wir in Usbekistan mit einem älteren Herrn ins Gespräch, einem sympathischen, gebildeten ehemaligen Richter – leider nur über Hände, Füße und Google Translate. Die jüngeren Mitglieder seiner Gruppe, die gut Englisch sprachen, saßen desinteressiert und wenig hilfsbereit daneben.

Dann noch die unterschiedlichen „Etiketten“: Unser „fröhliches“ Schneuzen ins Taschentuch gilt in China als unrein; das dort übliche und von Chinesen auch außerhalb der Heimat praktizierte hörbare Hochziehen der Nase empfinden wir als Zumutung.

Nimmt man dann noch die aktuelle Weltpolitik hinzu, verfestigen sich die Fronten fast von selbst.

Tempel in George Town, Malaysia

Mit dem Abflug aus Südostasien dachten wir, das Thema hinter uns gelassen zu haben. Umso erstaunter waren wir in Melbourne, auf einen ganz ähnlichen Völkermix wie in Singapur zu treffen. Wir wohnten in der Innenstadt – hier sind rund 40 Prozent der Bevölkerung chinesischer Abstammung. Und auch in den nächsten Tagen werden wir einige chinesische Begegnungen haben.

Die Zahl chinesischer Individualreisender – vor zehn Jahren noch eine Seltenheit – steigt. Doch „Individual“ ist relativ: gereist wird oft in kleinen Gruppen. Auf eine solche treffen wir bei einer unserer ersten Campernächte. Auf einem sowieso schon engen Campingplatz hat sich direkt hinter uns eine Gruppe extrem gut gelaunter und perfekt ausgerüsteter Chinesen niedergelassen. Laut, in ihrem eigenen Kosmos und mit ausgeprägtem Desinteresse an den freundlichen australischen Nachbarn, deren Kontaktversuche abgeblockt werden.

Diese Rücksichtslosigkeit beginnt mich zu nerven. Und auch in den nächsten Tagen an den schönsten Aussichtspunkten, die die Great Ocean Road zu bieten hat, gewinnen sie keine Punkte – hier geht es nicht um Erlebnisse, um Erinnerungen – hier geht es knallhart um Fotos, irgendwas, was man vorzeigen kann in der Heimat. Klar sind viele Menschen auf schöne Bilder aus, aber das hier ist fordernd, rücksichtslos, die Schönheit der Natur ignorierend.

Und spätestens da haben sie sich meine Irritationen verfestigt, zu sehr negativen Vorurteilen. Schlechte Gefühle, auf denen ich nicht einfach sitzenbleiben will.

Soll ich nach China reisen, um mir eine Meinung zu bilden, die über Hörensagen und Reiseerlebnisse hinausgeht? Um Land und Leute besser zu verstehen? Bei Rumänien hatte es damals auch geklappt – ich war voller Vorurteile und kam als großer Fan des Landes zurück. Ich zögere. Komme von dem Gedanken aber nicht los. Und dann die Idee – wie wäre eine erste Annäherung? China light sozusagen?
Taiwan!
Komm, das machen wir!

Bali – eine Woche Erholung im Paradies

Auch bei der Erholung bleiben wir ganz australisch. Was Mallorca für die Deutschen ist, ist Bali für die Australier. Besonders in Perth gilt das – denn die „Insel der Götter“ liegt hier näher als Sydney oder Melbourne. Und so machen auch wir uns auf, um uns vom Vanlife zu erholen.

Fünf Flüge gehen an diesem Tag von Perth nach Denpasar – keine vier Stunden, und wir sind da. Es ist Nebensaison auf Bali: Die ohnehin günstigen Preise sind noch einmal niedriger, und wir beschließen, uns mit einer kleinen Villa nahe Ubud inmitten der Reisfelder zu verwöhnen.

Wir kommen im Dunkeln an. An der Straße werden wir bereits erwartet, und dann geht es im Gänsemarsch durch die Reisfelder. Was sich hinter dem hohen Gartentor verbirgt, raubt uns erst einmal den Atem: ein tropischer Garten mit Pool, daneben ein Pavillon, und etwas erhöht thront unsere kleine Villa. Ein großes Bett mit Blick in die Natur, eine kleine Küche und ein Outdoor-Badezimmer, das schöner kaum sein könnte – eine Steinbadewanne umgeben von riesigen grünen Blättern, eine Dusche wie im Dschungel. Einfach fantastisch.

Am Morgen wird uns das Frühstück in den Gartenpavillon gebracht, das Zimmer geputzt – und ansonsten ist es nur Privatheit pur.

Jetzt in der Nebensaison ist es nicht ganz einfach, in der Nähe etwas zu essen zu finden, doch auch dafür ist gesorgt: Ein Restaurant liefert an, für alles andere muss man ein Stück laufen. Tun wir – aber kulinarische Sensationen bleiben aus. Können wir verschmerzen 🙂

Unser leckerstes Essen auf Bali!

Wir waren schon ein paarmal auf Bali, daher verzichten wir diesmal auf Sightseeing und genießen den Luxus in vollen Zügen. Ausflüge wären ohnehin beschwerlich: Der gesamte Süden der Insel versinkt zunehmend im Verkehrschaos, für die 30 Kilometer zum Flughafen braucht man fast zwei Stunden, und in Ubud schieben sich die Massen durch die Straßen. Umso erstaunlicher, dass die Balinesen es dennoch schaffen, ihre Traditionen und Lebensweise zu bewahren. Im kleinen Dorf nahe unserer Villa werden wir mit einem Lächeln gegrüßt, obwohl auch wir nichts anderes als Touristen sind.
Zu den vielen australischen Gästen sind in den letzten Jahren immer mehr chinesische und indische Touristen gekommen – Bali ächzt, verkraftet es aber noch.

Ein Traum von einem Pool

Und so genießen wir eine Woche lang das süße Nichtstun, freuen uns jeden Morgen aufs Neue über die Schönheit und den Luxus, der hier so erschwinglich angeboten wird. Und wir bereiten uns auf das letzte Abenteuer unserer Reise vor – eine weitere Insel in Asien, abseits der klassischen Touristenrouten, und gerade deshalb so spannend.

Australisches Vanlife – unser Fazit

Unser Vanlife-Abenteuer liegt gerade einmal zweieinhalb Wochen zurück – und doch fühlt es sich schon erstaunlich weit weg an. Zeit und Abstand also genug, um Bilanz zu ziehen: Wie kamen wir mit dieser ganz anderen Art des Reisens – und eigentlich auch des Lebens – zurecht? Was hat uns begeistert, was weniger? Und vor allem: Würden wir es empfehlen, auch für Späteinsteiger wie uns?

Der Van

Unser Zuhause auf Rädern war ein ausgebauter Fiat Ducato – mit allem, was man wirklich braucht. Ein richtiges Bett, das weder aufgeklappt werden musste noch über der Fahrerkabine hing. Ein kleiner Wohnbereich mit Klapptisch, dazu ein Sitz, der durch das einfache Umdrehen von Fahrer- und Beifahrersitz zur gemütlichen Sitzgruppe wurde. Außerdem eine Küchenzeile mit Kühlschrank, Gasherd und Spülbecken sowie ein Mini-Bad, in dem man theoretisch hätte duschen können – haben wir aber nie getan. Auch die Toilette war ausschließlich Erics Refugium; ich fand immer ein anderes stilles Örtchen.

Unser Fahrer war Eric – und das hat für uns beide gepasst. Ich hatte großen Respekt vor Linksverkehr und Fahrzeuggröße, er dagegen meisterte beides mit beeindruckender Gelassenheit und hatte Spaß dran. Selbst das Parken war kein Problem. Volle Punktzahl für also von Eric für diesen Van – und von mir für Eric als Fahrer 🙂

Ausstattung und Komfort

Für uns war die Ausstattung perfekt: funktional, durchdacht, nichts Überflüssiges. Das Fahrzeug ließ sich rundum mit Jalousien verdunkeln – nicht alle mehr ganz taufrisch, aber durchaus in Ordnung. Für die Windschutzscheibe gab es einen maßgefertigten Vorhang zum Anknöpfen: hat super funktioniert. Einzig die fehlende Möglichkeit, sich im Bett anzulehnen, war etwas unbequem – aber das kleine Fenster, das das verhinderte, entschädigte jeden Morgen mit wunderbaren Ausblicken. Die Fahrerkabine war nicht vom Rest des Fahrzeugs abgetrennt, was einerseits praktisch war, andererseits die Lautstärke während der Fahrt im großen Gefährt manchmal nervig machte. Insgesamt aber waren wir superzufrieden mit Funktionalität und Komfort.

Überraschend unkompliziert war das Ankommen auf den Campingplätzen: Strom anschließen, Wasser verbinden, Tisch und Stühle raus – fertig in fünf Minuten. Der Aufbruch am nächsten Morgen ging ähnlich schnell, und das Verstauen aller Dinge – damit nichts klappert oder zu Bruch geht – wurde bald Routine.

Perfekte Barbecue-Ausstattung auf fast allen Plätzen

Aber – wenn der Van einmal steht, haben wir ihn nicht mehr bewegt. Kurz mal in die Stadt zum Essen oder eine kleine Abendrundfahrt? Für uns zu umständlich – alles abdocken und einpacken. Vielleicht einer der wenigen Nachteile gegenüber einem PKW.

Campingplätze

Die Welt der australischen Campingplätze ist eine besondere. Vom riesigen Platz mit halbem Freizeitparkcharakter über die naturnahen mitten im Wald bis zu kleinen unspektakulären Anlagen, die aber engagiert geführt werden. Und zwischendrin die „Roadhouses“, irgendwo am Highway, eine Kombination aus Tankstelle, Minimarkt und Übernachtungsmöglichkeit, mit ganz besonderem Flair. 

Auf genau 30 Plätzen haben wir übernachtet. Unsere Favoriten waren:

Weniger überzeugend waren die engen (z.B. der Discovery Park in Coffin Bay) und die überfüllten Plätze (z.B. Kennett River Park, zu voll, zu laut oder der Tasman Holiday Park in Albany, zu voll und auch noch mit Baustelle).

Koala-Suche am Kennett River

Und die Spontanität? Ja – aber mit Einschränkungen. Viele Campingplätze sind gerade an Wochenenden lange im Voraus ausgebucht. Mit Apps wie Wikicamps und Campermate fanden wir aber fast immer noch kurzfristig einen Platz. Aber – Planen ist erforderlich.

Erstaunlich jedenfalls, dass in einem so großen Land das Bedürfnis, auf Campingplätzen kuschlig nebeneinander zu leben, so ausgeprägt zu sein scheint. Aber trotz aller Nähe: Um spätestens 22 Uhr wurde es überall ruhig – darauf konnte man sich verlassen.  

Die Ausrüstung australischer Campingfreunde ist beeindruckend: Boote, Outdoorküchen, Angelgeräte und Vans von gigantischen Ausmaßen. Für viele, meist Ruheständler, ist Camping längst zu einer Lebensform geworden. Seit zwei Jahren seien sie jetzt unterwegs, berichtet der entspannte ältere Nachbar in Salmon Gums, bisschen rumfahren, Angel ins Wasser, was will man mehr, sagt er und grinst. Richtig so.

Ausrüstung ist alles: Kleiner Laster mit Boot, geländetauglicher Wohnwagen – und das Wochenende ist gerettet

Und was nie fehlen darf auf einem australischen Campingplatz – reichlich Barbecue-Gelegenheit. Wir haben uns auch das ein oder andere Mal daran versucht und auch wenn wir wohl nie das perfekte Steak hinbekommen werden, war alles lecker! 

Bissle zäh, aber selbstgegrillt und trotzdem lecker!

Was wir nicht nutzten, war die Möglichkeit des „Self Contained“-Campens, also außerhalb offizieller Plätze zu übernachten. Uns fehlte schlicht die Sicherheit: Reicht das Wasser, was tun ohne Strom? Vielleicht das nächste Mal.  

Denn auch in Australien ist das freie Stehen am Strand Wunschdenken – viele Nationalparks erlauben es nur mit Allradfahrzeugen und auf ausgewiesenen Flächen. Trotzdem: Das nächste Abenteuer kommt bestimmt!

Anbieter und Kosten

Den Camper fanden wir nach einer langen Recherchenacht schließlich bei einer schwäbischen Firma – der Camperoase im Remstal. Von dort fühlten wir uns bestens betreut und mit praktischen Tipps versorgt. Der australische Anbieter Cruisin’ Motorhomes, bei dem wir den Van tatsächlich mieteten, erwies sich als echtes Service-Wunder: Sowohl eine Reifenpanne als auch ein kleiner Steinschlag wurden professionell und kostenlos im Rahmen unserer Rundum-Sorglos-Versicherung behoben. Würden wir jederzeit wieder nehmen!

Rechnet man alles zusammen – günstigerer Mietwagen plus teure Hotels und Restaurantbesuche versus Van plus moderate Campinggebühren und Selbstversorgung –, war das Vanlife für uns nicht teurer als ein normaler PKW. Zumal die Spritpreise zu Beginn unserer Reise noch erfreulich niedrig waren.

Van contra Zelt

Es gab nur einen Roadtrip, den wir fast noch ein bisschen abenteuerlicher fanden, und das war unsere Reise durch Namibia 2023. Auch in Australien haben wir schon gezeltet, auf unserer Reise 2016 von Perth hoch in den Norden. Also, Vergleichsmöglichkeiten haben wir.

Zelten fühlt sich direkter an, näher an der Natur. In Namibia war das klasse, denn oft hatten wir  den riesigen Zeltplatz ganz für uns allein, Natur pur und echtes Wildnisgefühl. Aber eben auch dem Wetter ausgeliefert. Im Van macht man einfach nur die Tür zu, wenn es anfängt zu regnen.
In Australien kommt man sich mit seinem Zelt zwischen den vielen Wohnmobilen eher verloren vor. Es gibt sie, die einsamen Spots in Nationalparks, aber die hätte man auch mit dem Van anfahren können.

Der Van bringt zudem die Ausrüstung komplett mit, kein Kaufen und später wieder Loswerden von Zelt, Matratze und Kochgeschirr. Dafür bleibt man meist stationär: Für einen Ausflug in die Stadt alles abdocken? Für uns dann doch zu umständlich. Beim Auto plus Zelt geht das deutlich leichter.

Deswegen – für Australien würden wir uns immer wieder für den Van entscheiden, in Namibia liegt für uns das Zelt vorne.

So würden wir immer wieder zelten – Namibia 2023

Unsere Bilanz

Am Anfang hätten wir nicht geglaubt, wirklich jede Nacht im Van zu verbringen. Mal in ein Hotel mit eigenem Bad, diese Idee kam uns nicht ein einziges mal in den Sinn. Zu gemütlich war das Bett, zu schön das Gefühl, morgens die Tür zu öffnen und direkt in der frischen Luft zu stehen. Und selbst die Gemeinschafts-Duschen und -Toiletten gingen uns nicht auf den Geist. Gut, ab und an wären wir abends gerne noch mit dem Auto losgefahren, waren dann aber zu faul, alles einzupacken. Aber – dann eben zu Fuß.

Daher hier unsere Hitliste der Vorteile von Vanlife

  • Die private, gemütliche Welt im Inneren des Vans,  
  • die unmittelbare Nähe zur Natur
  • fünf Wochen in kurzen Hosen und barfuß,
  • dieses freundliche Gefühl von Freiheit und Abenteuer  
  • und für mich ganz oben: die wohltuende Erkenntnis, auf kleinstem Raum sehr zufrieden sein zu können. Ein paar Klamotten, etwas Geschirr, ein Kulturbeutel und ein bisschen Elektronik – mehr braucht es nicht zum Glücklichsein.

Nachteile? Hm… fallen uns da wirklich welche ein?

Deswegen – eine Riesenempfehlung! 

Fünf Wochen Vanlife – und ein Abschied in Perth

Als wir am Morgen das allerletzte Mal in unserem Van aufwachen, den Kaffee am stillen Fluss, nur ein paar Meter von unserem Bett entfernt trinken und dann zum ersten Mal seit fünf Wochen unsere Koffer aus dem Heck des Autos ziehen, um zu packen, da ist klar – jetzt ist es so gut wie vorbei.

Letzte Nacht am Fluss

60 Kilometer trennen uns noch von der Großstadt. Wir nehmen bewusst die langsamere Route, um das Vanlife bis zuletzt auszukosten.

Und dann geht plötzlich alles ganz schnell:
Bett abziehen, ein letzter Check, Schlüssel abgeben.
Eric füllt noch einen Unfallbericht aus – Steinschlag in der Scheibe. Ich verschenke Weingläser und Chemietoiletten-Pods an eine Schweizer Familie, deren Abenteuer gerade erst beginnt.
Fünf Minuten später sitzen wir im Uber. Ein freundlicher Inder fährt uns nach Perth.

Bye Van

Google lotst uns zum falschen Eingang unseres Hotels. Wir stehen vor einem Nebeneingang ohne Aufzug und ziehen unser Gepäck in der prallen Hitze die steile Auffahrt hinauf zur Lobby. Verschwitzt und verstaubt betreten wir die beeindruckende Eingangshalle mit einem riesigen Elefantenbrunnen, der Portier eilt sofort herbei.

Residence on Langley Park – schon anders 🙂

Unser Zimmer ist komfortabel, ein riesiges, blütenweißes Bett, ein großes Badezimmer ganz für uns allein. Was für ein Kontrast zu den Wochen zuvor. Selten haben wir uns so sehr über ein eigentlich ganz normales Hotelzimmer gefreut.

Wir duschen den Vanlife-Staub weg, ziehen zum ersten Mal seit Wochen wieder lange Hosen an und machen uns auf, die Hauptstadt Westaustraliens zu erkunden. Doch so angenehm und spannend es ist – die Wehmut überkommt uns immer wieder.

Wo er jetzt wohl ist, unser Van?
Wer ihn wohl als Nächstes bekommt?
Und welche Abenteuer noch vor ihm liegen?
Wir hätten ihm fast einen AirTag verpasst, um sein Schicksal zu verfolgen.

Doch Perth versüßt uns den Abschiedsschmerz. eine sehr entspannte Stadt. Von unserem Hotel in East Perth erreichen wir die Innenstadt bequem zu Fuß oder mit dem kostenlosen Bus.

Der Himmel ist anders in Perth

Es ist heiß im Spätsommer, doch viel Wasser und Grün machen die Temperaturen erträglich. Am Nachmittag weht der „Fremantle Doctor“ regelmäßig kühle Luft in die aufgeheizte Stadt, nach Sonnenuntergang bleibt es angenehm warm.

Es ist unser dritter Aufenthalt hier. Auf unserer Weltreise haben wir die Stadt zweimal besucht und an die ein oder andere Ecke erinnern wir uns vage. Doch diesmal geht es uns weniger ums Sightseeing. Wir wollen ankommen, runterkommen, genießen. Das Hotel mit seinen Annehmlichkeiten, ein bisschen durch die Läden bummeln, gut essen.

Am Elizabeth Quay in Perth

Perth gilt als die abgelegenste Großstadt der Welt – die nächste, Adelaide, liegt rund 2.000 Kilometer entfernt und wir hatten sie auf unserem Roadtrip ausgelassen. Für uns also die erste Großstadt seit Melbourne. Und so streifen wir durch die Straßen, bewundern die Skyline vom Hafen aus und von oben im Kings Park.

Blick vom Kings Park auf Perth

Das freundliche, wenig hektische Tempo der Stadt kommt für uns genau richtig. Drei Stunden „Tourismus“ am Tag reichen völlig. Das saubere, weiche Bett und das blitzschnelle Internet machen mindestens genauso viel Spaß.

Perth bei Nacht

Zweieinhalb Tage Perth – dann ist es soweit. Wir verlassen Australien.
Unsere dritte große Reise durch diesen riesigen Kontinent: von Cairns nach Sydney beim ersten Mal, von Perth nach Exmouth beim zweiten und jetzt von Melbourne nach Perth. Für mich sogar noch einmal mehr – meinen Housesitting-Einsatz in Darwin 2016 werde ich nie vergessen.

Und trotzdem bleibt noch so viel übrig. So viele Strecken, die wir noch nicht gefahren sind, so viele Orte, die wir noch nicht gesehen haben.

Deswegen ist klar:
Wir kommen wieder.

Tschüß Australien – Hello Bali!

Best of the West

Eigentlich klang es nach einem guten Plan – nach der Einöde und dem Staub der roten Erde auf dem Nullarbor ein paar Tage in Esperance, an der Küste des Southern Ocean, türkisblaues Meer und Bilderbuchstrände, die zu den schönsten Australiens gehören sollen. Doch – diese Idee hatten andere auch. Die Campingplätze in Esperance sind ausgebucht und selbst wenn wir ein Plätzchen für unseren Van finden sollten – auf das Getümmel haben wir keine Lust.

Also ändern wir die Richtung und landen im winzigen Salmon Gum. Der Platzwart trägt ein Fliegennetz übers Gesicht, erteilt seine Anweisungen mit militärischer Präzision – und zur Sicherheit auch schriftlich: Überall Schilder, die regeln, was man darf und was man besser lassen sollte. Irgendwie ist das so skurril, dass es schon wieder sympathisch ist. Genau die Art von Abwegen, die eine Reise spannend macht. Also beschließen wir, die Küste zunächst auszulassen und weiter nach Norden zu fahren – hinein in Australiens Siedlungsgeschichte, zu den Goldfields und in den Wheatbelt.

Kalgoorlie war das Zentrum des Goldrausches, gegründet 1895, als Glücksritter aus aller Welt hierher strömten. Die Gebäude an der breiten Hauptstraße spiegeln den Reichtum und die Pionierstimmung dieser Jahre wider: prunkvoll verzierte Fassaden im viktorianischen Stil, große Pubs, in denen man den Minenstaub mit einem Pint runterspülen kann, überdachte Gehwege, die Schatten spenden. Trotz unverkennbarem Australien-Feeling erinnert das Gesamtbild an die Kulisse eines Westernfilms.

Am Rand der Stadt klafft der „Super Pit“, eine der größten Goldminen der südlichen Hemisphäre. Vom Aussichtspunkt aus blickt man in ein gigantisches, terrassenförmiges Loch, so tief, dass die gewaltigen Transporter am Boden der Mine wie Spielzeug wirken. Tag und Nacht winden sie sich über die Serpentinen hinauf, beladen mit tonnenschwerem Gestein, in dem sich nur wenige Gramm Gold verbergen. Auch heute lebt Kalgoorlie von der Mining-Industrie, das merkt man selbst auf dem Campingplatz: ein völlig anderes Publikum als bisher, viele offenbar zeitweise in einer der Minen beschäftigt.

Die Stadt und das Loch – der Super Pit in Kalgoorlie

Wir fahren weiter nach Westen. Nach der roten Erde ändert sich das Bild: Hier beginnt der Wheatbelt. Riesige, bereits abgeerntete Getreidefelder säumen die Straße – gelb, stoppelig, weit bis zum Horizont. Doch die Eintönigkeit der Landschaft scheint ihre Bewohner geradezu anzuspornen, kreativ zu werden.

Das winzige Westonia wirkt wie ein lebendes Heimatmuseum – restaurierte Fassaden, ein liebevoll gestaltetes kleines Museum, in dem Alltagsszenen vergangener Zeiten nachgestellt sind. Der „Public Silo Trail“ führt zu künstlerisch gestalteten Getreidesilos, deren Außenwände zu überdimensionalen Leinwänden geworden sind. Und entlang des Tin Horse Highway stehen Dutzende Pferdeskulpturen aus ausrangiertem Farmgerät, skurril, witzig, typisch australisch.

Silo Art in Pingrup

Schließlich stoßen wir bei Albany wieder auf den Ozean. Der Ort selbst ist wenig attraktiv, aber der nahe Torndirrup Nationalpark dafür spektakulär: wilde Felsformationen und tiefblaues Meer, das tosend brandet. Nur ein paar Kilometer weiter finden wir in Denmark und am Greens Pool Traumbuchten mit Traumstränden und traumhaft türkisfarbenem Wasser, die Menschen und Hunde gleichermaßen glücklich machen.

Eine weitere Traumbucht im Torndirrup Nationalpark
Gassi gehen auf australisch

Die Straße schlängelt sich weg von der Küste und führt hinein in dichte Karri-Wälder, die es nur in diesem Teil Western Australias gibt. Die schlanken, kerzengeraden Eukalyptusbäume wachsen bis zu neunzig Meter in den Himmel, ihre Kronen schließen sich weit oben zu einem Dach über dem lichten, duftenden Wald. Unser Stellplatz liegt in einer großen Lichtung, und als wir ankommen, ist er schon besetzt – von drei Kängurus. Sie dösen im Schatten, heben träge die Köpfe, mustern uns kurz und hoppeln dann gemächlich beiseite. Wir packen unsere Stühle aus und tun, was man da am besten tut: nichts, außer schauen. Denn die drei waren nicht allein: Über den kompletten Campingplatz verteilt sich eine ganze Gesellschaft von Kängurus – so nah bei uns, so schön.

Mehr Kängurus als Menschen auf dem RAC Karri Valley Campingplatz

Aber – es geht noch besser. In Kudardup kaufe ich für zwei Dollar im Campingbüro von Molloy Hideaway einen Vorrat Känguru-Futter – und mir damit eine Menge pelziger Freunde. Unglaublich, sie fressen mir wirklich aus der Hand, mit diesen weichen, samtigen Schnauzen. So nah, so friedlich – das ultimative Känguru-Erlebnis.

Einen haben wir aber noch – diesmal sind es Meeresbewohner. In Hamelin Bay, an einem dieser Traumstrände, die es hier einfach an jeder Ecke zu geben scheint, gleiten riesige Rochen auf der Suche nach Futter bis an den Strand. Wir waten durchs Wasser, und einer streicht Eric übers Bein als wolle er Kontakt aufnehmen – angenehm und weich fühlt es sich an.

Rochen in Hamelin Bay

Weit ist es jetzt nicht mehr bis Perth – zumindest nach australischen Maßstäben. Wir bummeln die Westküste hinauf durch die Margaret River Region. Wein und Surfen, das ist hier die perfekte Kombination. Am Surfers Point geraten wir in einen Surfwettbewerb und bekommen die hohe Kunst des Wellenreitens geboten – entspannt, fröhlich, ein Treffpunkt für Surffans jeden Alters. Wir kaufen eine Flasche feinen Sauvignon Blanc – lässt sich ebenso gut trinken wie der Shiraz aus dem Barossa Valley – und wissen: Die langen Strecken, die sind jetzt vorbei.

Am Surfers Point

Noch ein paar Tage wollen wir in der Region bleiben, ohne Eile, ohne große Pläne. Mehr als hundert Kilometer am Tag müssen wir nicht mehr fahren. Einerseits ein angenehmer Gedanke – endlich ankommen –, andererseits schwingt Wehmut mit: Das war es jetzt fast. So viel gesehen, so viel erlebt. Aber noch sind wir unterwegs, und deshalb versuchen wir einfach, heute nicht an morgen zu denken.

Nullarbor: Zwischen Roadhouses, Roadtrains und 90 mile straight

Legendäre Roadtrips gibt es einige. Die Route 66 zum Beispiel, der wir 2015 gefolgt sind – auch wenn sie in ihrem ursprünglichen Verlauf längst nicht mehr existiert. Oder der Manali-Leh Highway, den wir 2011 bewältigt haben – zwar mit Fahrer, aber heftig genug. Auf dieser Reise kam gleich zu Beginn eine weitere Traumstraße dazu: die Great Ocean Road.

Und dann ist da plötzlich noch eine. Nicht geplant, aber unumgänglich, wenn man von Melbourne nach Perth will: der Nullarbor.

Spätestens in Ceduna wird klar, dass dies kein gewöhnlicher Roadtrip ist. Hier liegt der letzte große Supermarkt für die nächsten Tage, die letzte Gelegenheit, Wasser, Diesel und Proviant zu besorgen – zumindest in annehmbarer Auswahl und zu normalen Preisen. Die Planung hat es in sich: Mitten auf der Strecke überquert man die Grenze nach Western Australia, und bei der Einreise wird streng kontrolliert: Frisches Obst, Gemüse, Honig – alles tabu, um Schädlinge fernzuhalten.

Zwischen Ceduna in South Australia und Norseman in Western Australia verläuft diese meist schnurgerade Straße durch eine baumlose Einöde – und gleichzeitig entlang einer der spektakulärsten Küsten des Kontinents: der Großen Australischen Bucht, hinter der dann nur noch die Antarktis kommt. Über 1.000 Kilometer liegen vor uns, dazwischen: kaum mehr als ein paar Roadhouses.

Der Name sagt schon alles: „Nullarbor“ kommt vom Lateinischen nulla arbor – kein Baum. Und auch kein Wasser. Genau deshalb ist diese Küstenregion bis heute weitgehend unberührt – maximal einige winzige Siedlungen, meist rund um die Roadhouses, dazwischen buschige Natur und sehr viel Leere.

Zunächst einmal ist der Nullarbor eine Straße mit dem offiziellen Namen Eyre Highway: eine Spur für jede Richtung, befestigt und geteert. Sie führt durch den Nullarbor Plain, von dem sie ihren Namen bekommen hat.

Wer hier fährt, ist vorwiegend in einem großen Auto unterwegs – Wohnmobile, Offroad-Gespanne oder riesige Trucks. Und weil die Strecke so lang ist, hängt man an letztere gerne den ein oder anderen zusätzlichen Anhänger dran – fertig ist der Roadtrain, ein LKW mit einem, manchmal sogar zwei oder drei Anhängern. Oder mit erheblicher Überbreite, teils so breit, dass nur das Ausweichen auf den unbefestigten Seitenstreifen hilft. Doch über große Abschnitte ist man allein mit sich und der Straße – und die Konzentration darf nicht nachlassen. Auch wenn es über Stunden ausschließlich schnurgeradeaus geht.

Die einzigen Fixpunkte sind die Roadhouses. Tanken, Essen, Schlafen. Mehr gibt es nicht. Die Preise sind entsprechend – Benzin, Bier und Mahlzeiten im Pub sind gut 75 % teurer als in Ceduna.

Am ersten Abend übernachten wir am Nullarbor Roadhouse. Auf einer großen staubigen Flächen stehen die Campervans nebeneinander, alle in eine Richtung ausgerichtet, als würden sie auf den Start eines Rennens warten. Viel zu tun gibt es hier nicht. So kochen wir Apfelkompott, weil die frischen Äpfel nicht über die Grenze nach Western Australia dürfen. Draußen laufen Dingos zwischen den Trucks herum, immer eine gewisse Distanz wahrend, aber recht freundlich.

Ein freundlicher Dingo

Nachts wird es nicht wirklich ruhig. Das Brummen der Trucks hört nie auf, viele lassen ihre Motoren einfach laufen. Und erstaunlich viele fahren auch im Dunkeln – trotz der allgegenwärtigen Warnung vor Kängurus auf der Straße.

Beim Tanken am nächsten Morgen sehe ich ein kleines Schild an der Zapfsäule für AdBlue: „Out of stock“. Pech, wenn man das jetzt braucht, denke ich noch.

ok, geschummelt – das alte Roadhouse, aber mit unserem Van!

Heute liegt einer der spektakulärsten Abschnitte der Strecke vor uns: die Steilküste der Großen Australischen Bucht. Theoretisch. Praktisch verschluckt an diesem Tag der Dunst alles, was spektakulär sein könnte. Die Klippen verschwinden im Grau. Ein bisschen schade – und doch passt es irgendwie.

Bei klarem Wetter spektakulär: Die Great Australian Bight

Der Nullarbor hat sogar seine eigene Zeit. Zwischen South und Western Australia liegen eigentlich anderthalb Stunden Zeitverschiebung – nur der Nullarbor hat seine eigene kleine Zeitzone: eine Dreiviertelstunde hinter South Australia und eindreiviertel Stunden vor Western Australia. Wo genau was gilt, ist allerdings nicht immer klar – selbst unsere Uhren waren da unterschiedlicher Meinung.

Nullarbor-Time: Wie spät isses denn jetzt wirklich?

Anschließend geht es weiter Richtung Westen. Bei Border Village endet South Australia und gleich dahinter beginnt Western Australia. Die Einreisekontrolle ist streng: Kühlschrank, Schränke, Vorräte – alles wird geprüft. Wir sind vorbereitet und dürfen passieren.

Hier nehmen sie es genau: Quarantine Checkpoint

Kurze Zeit später meldet sich unser Van: AdBlue nachfüllen. Jetzt ist das „Out of stock“-Schild vom Vorabend plötzlich alles andere als belanglos.

Wir lernen schnell: Ohne das läuft irgendwann gar nichts mehr – dann startet der Motor einfach nicht.
Plötzlich bekommt diese scheinbar endlose Strecke eine neue Spannung. Wir rechnen, vergleichen, hoffen. Das nächste Roadhouse: Mundrabilla. Bitte, bitte.
Und tatsächlich – sie haben welches. Selten war eine Zapfsäule so eine Erlösung.

Dort verbringen wir die zweite Nacht. Als wir morgens aus dem Van klettern, Richtung Roadhouse laufen, um ein bisschen Empfang zu kriegen, hören wir vom Angriff auf den Iran. Noch ahnen wir nicht, dass der Spritpreis in den nächsten Tagen heftig steigen wird und wir uns die Preise vom Nullarbor noch zurückwünschen werden.

Voll betankt kommt jetzt eine weitere Attraktion: der 90 Mile Straight. 146,6 Kilometer ohne eine einzige Kurve. Einfach nur geradeaus.

Hin und wieder tauchen Schilder auf: Royal Flying Doctor Service – Emergency Airstrip. Wer hier einen medizinischen Notfall hat, braucht ein Flugzeug. Und die Straße wird kurzerhand zur Landebahn.

Der Nullarbor hat sogar seine eigene Zeit. Zwischen South und Western Australia liegen eigentlich anderthalb Stunden Zeitverschiebung – nur der Nullarbor hat seine eigene kleine Zeitzone, eine Viertelstunde von South Australia und eindreiviertel Stunden von Western Australia entfernt.

Für etwas Abwechslung der anderen Art sorgt eine typisch australische Idee: Nullarbor Links, der längste Golfplatz der Welt. 18 Löcher über 1 365 Kilometer – eines an jedem Roadhouse. Und im kleinen Museum am Balladonia Roadhouse erfahren wir, dass hier 1979 Teile von Skylab abgestürzt sind. Australien hat einfach für alles Platz.

Und irgendwann ist es geschafft. Offiziell endet der Nullarbor in Norseman. Wir biegen vorher ab. Die Fraser Range Station fühlt sich an wie eine andere Welt: kein Verkehr, kein Brummen, nichts als Stille.

Und genau hier ist er dann, der Moment. Wir öffnen eine der Weinflaschen, die seit dem Barossa Valley mitreisen, stellen die Stühle in den roten Sand, schauen in die Weite und stoßen an. Auf die Strecke. Auf den Nullarbor.
Und darauf, dass wir nicht immer wissen müssen, was vor uns liegt – Hauptsache, wir fahren los.

We did it!

Von der Küste ins Outback

Wir lassen die Great Ocean Road hinter uns – und mit dem Meer verschwinden auch die Touristenströme. Unser nächstes Ziel: Koroit. Eigentlich ein eher unspektakulärer Ort mit ein paar historischen Gebäuden. Für Australier mit irischen Wurzeln jedoch eine kleine Pilgerstätte. Der irischste Ort Australiens soll Koroit sein. Gegründet von Iren, Austragungsort des Koroit Irish Festival – und im Pub gibt’s Guinness vom Fass.

Welcome to Ireland – Das Koroit Hotel

Wir entscheiden uns trotzdem für ein australisches Bier. Den Alkohol brauchen wir dann auch – der Wirt knöpft uns knapp 20 Euro für zwei Pint ab. Kein Ausreißer des „Koroit Hotel“ – Bier ist in Down Under einfach teuer. Stilecht holen wir uns gegenüber Fish and Chips und lernen gleich noch eine australische Spezialität kennen.
„Would you like Chicken Salt with it?“
Ich schaue fragend. Sie sagt: ihr Favourite. Also: ja, bitte, mit Chicken Salt.
Und tatsächlich – ziemlich lecker. Wir rätseln, wie die Australier diesen Brathähnchen-Geschmack ins Salz bekommen. Wird das etwa langsam im Hühnerfett gegart? Später klärt uns Wikipedia auf: eine reine Würzmischung, die noch nie ein Huhn gesehen hat. Aber egal, es funktioniert.

Am nächsten Tag machen wir noch einen kurzen Abstecher zum Tower Hill Wildlife Reserve in einem erloschenen Vulkankrater. Schon am Parkplatz stehen Menschen um zwei Bäume. Wir hatten gar nicht mehr damit gerechnet – aber da sitzen Koalas. Direkt über uns. Und dann beschließt einer plötzlich, den Baum zu wechseln.

Er rutscht erstaunlich geschickt den Stamm hinunter, völlig unbeeindruckt vom Publikum, watschelt ein paar Meter weiter und klettert am nächsten Baum wieder hinauf. Oben angekommen, platziert er sich in einer Astgabel und schaut auf uns herab, fast ein bisschen triumphierend. Als wüsste er genau, was für einen Auftritt er da gerade hingelegt hat.
Die Emus, die kurz danach über den Parkplatz laufen, haben es schwer, nach diesem Auftritt überhaupt noch etwas Aufmerksamkeit zu bekommen. Ganz klar: das war unser ultimatives Koala-Erlebnis!

Etwa 150 Kilometer hinter Koroit überqueren wir die Grenze nach South Australia und bei Kingston ist es wieder da, das Meer. Und an vielen Stellen hat man es ganz für sich alleine. So wie im Coorong-Nationalpark, wo wir nach schweißtreibender Wanderung durch die Dünen auf einen menschenleeren Traumstrand treffen.

Alles unser – die Küste des Coorong-Nationalparks

Jetzt stellt sich die Frage: Adelaide – ja oder nein? Eine der lebenswertesten Städte der Welt. Aber wir schauen uns an: Großstadt? Jetzt gerade? Eher nicht.

Den Wein vor den Toren der Stadt nehmen wir allerdings sehr gerne mit. Im Barossa Valley haben einst deutsche Einwanderer den Weinbau geprägt. Australischer Shiraz – durchaus berühmt. Wobei wir bisher eher die 8-Euro-Supermarktversion kannten.

Dass in Australien vieles früh schließt, daran haben wir uns inzwischen gewöhnt. Unvergessen unsere erste Reise: Ankunft in Sydney, voller Vorfreude auf einen Stadtbummel – und um fünf waren alle Geschäfte zu und die Bürgersteige hochgeklappt. Australische Work-Life-Balance. Unser Kanzler wäre not amused.

Die Zeiten haben sich etwas gebessert. Aber im Barossa Valley enden Weinproben immer noch um vier. Wir kommen um drei auf dem Campingplatz an – und sprinten direkt weiter zum nächsten Weingut.

Um 15:40 Uhr betreten wir, leicht verschwitzt und außer Atem, das stilvolle Hauptgebäude von Ellerton Vineyard. „Shiraz, bitte.“ Die Dame lächelt und schenkt ein.

Es war ein Fehler, sich all die Jahre mit Yellow Tail zufriedenzugeben.

Was hier ins Glas kommt, ist große Winzerkunst. Reben, 130 Jahre alt. Vollmundig, vielschichtig, einfach was ganz Besonderes. Und weil wir nur einmal hier sind – und in den letzten Jahren am australischen Shiraz genug gespart haben – greifen wir zu. Zwei richtig gute Flaschen wandern ins Heck unseres Vans. Eigentlich eine Sünde, sie durchschütteln zu lassen.

Nicht fallen lassen, die teuren Tropfen

Für einen Euro besorgen wir uns zwei Weingläser im Second-Hand-Laden. Und nehmen uns vor: Die Flaschen werden nur geöffnet, wenn es etwas zu feiern gibt.

Die Zeit, die wir durch den ausgelassenen Abstecher nach Adelaide gespart haben, investieren wir in die Eyre-Halbinsel. Die Austern und Pelikane in Coffin Bay, die Felsküste bei Kiana – Australien ist einfach wunderbar!

Grandios und zufällig hinter einem Parkplatz gefunden – Die Küste bei Kiana

Je weiter wir die Küste entlangfahren, desto häufiger hören wir auf Campingplätzen die gleiche Frage:
„Are you doing the Nullarbor?“
Als wir unser Auto in Melbourne gemietet haben, hatten wir noch nie davon gehört. Später lasen wir von einer Straße, die durch eine baumlose Ebene mitten im Outback führt und recht lang ist – ein bisschen beeindruckend, aber noch ohne große Bedeutung für uns.
Doch je öfter wir unterwegs die Frage hörten, desto mehr dämmerte uns, was das tatsächlich heißt: eine legendäre Strecke durch eine 200.000 Quadratkilometer große Fläche auf einer einzigen Straße, endlose Weite und kaum Infrastruktur. Plötzlich drehten sich unsere Gedanken um Wasservorräte, Tankstopps und die Abstände zwischen den Roadhouses. Denn ja – wir werden den Nullarbor fahren.

Und irgendwo zwischen all diesen Überlegungen wird uns klar: Bis zur ersten geöffneten Flasche liegen noch ein paar Tage und viele, viele Kilometer vor uns.
Der Nullarbor wartet. Der Wein auch.

Auf der Great Ocean Road

Ab jetzt sind wir zu dritt. Unser Zuhause auf Rädern für die nächsten fünf Wochen ist ein ziemlich pfiffig ausgebauter Fiat Ducato. Sechs Meter lang, hinten ein überraschend großes Bett, überall Fächer, in denen fast unser kompletter Kofferinhalt verschwindet, dazu eine Küchenzeile und sogar ein kleines Bad. Fahrer- und Beifahrersitz lassen sich komplett drehen und plötzlich haben wir ein Wohnzimmer. Acht Quadratmeter zu zweit reichen erstaunlicherweise vollkommen.

Dazu gibts zwei Aussie-Outdoorstühle mit Bierdosenhalter und einen Klapptisch – wir sind bereit!

Bei Aldi füllen wir die Vorräte auf – Lebensmittel können in Australien kräftig zu Buche schlagen, hier stimmen Preis und Auswahl, also bleiben wir in diesem Punkt ganz deutsch.

Let’s go Aldi first

Unser erster Stopp liegt nur etwa 50 km von Melbourne entfernt in Breamlea, ein kleiner, etwas altmodischer Campingplatz am Meer, genau richtig zum Eingewöhnen. Und zum Glück nah genug an der Zivilisation, denn beim Blick auf einen unserer Reifen kommt mir unsere Tour durch Namibia in den Sinn – damals war Reifenkontrolle tägliche Pflicht, zweimal mussten wir zum Flicken. Und sieht unser Hinterrad nicht auch diesmal etwas schlaff aus? Wir telefonieren mit der Mietwagenfirma, schicken Bilder, und ja – den sollte man tauschen. Geht ja gut los, aber besser hier als irgendwo im Nichts.

Der Service unserer Mietwagenfirma überzeugt – am nächsten Morgen rollt pünktlich der Reifenmann an, schraubt, prüft, überlegt kurz und zaubert dann einfach einen neuen Reifen aus seinem Wagen hervor. Problem gelöst, ohne Werkstatt, ohne Warten. Wir drücken ihm dankbar ein paar Dollar in die Hand. „Are you sure?“ fragt er, Trinkgeld ist in Australien unüblich. Uns egal, wir sind einfach erleichtert, sofort weiterdüsen zu können.

Ein Mann und sein Van

Hinter Torquay beginnt die Straße, wegen der wir hier sind. 243 Kilometer lang windet sie sich entlang der Südküste des Bundesstaats Victoria. Menschenleere Traumstrände, wilde Brandung, das Meer in strahlenden Türkistönen, wasserumtoste Kalksteinfelsen vor der senkrecht abfallenden Steilküste – uns wird klar, warum jährlich über sieben Millionen Menschen diese Straße befahren wollen in einem Land, das insgesamt gerade einmal 25 Millionen Einwohner hat.

Was sich auf der Straße selbst an Besuchern noch verteilt hat, drängt sich auf dem Kennet River Campingplatz Wohnwagen an Campervan. Und wir mittendrin. Hinter uns eine Gruppe ziemlich rücksichtsloser Chinesen, die den Abend deutlich lauter genießt als wir. Am frühen Morgen gehört der Ort uns allein. Wir laufen zum Fluss, Kaffeebecher in der Hand, zwitschernde Vögel um uns herum und dann hoppeln Kängurus an uns vorbei.

Ok, es ist ein Wallaby…

Die Great Ocean Road wird hier kurviger und enger. Die Straße windet sich in Serpentinen den Berg hinauf, links das Meer, rechts der Fels. Für den uns ansonsten souverän steuernden Eric eine ziemliche Herausforderung – ein noch ungewohntes Auto, ordentlich Gegenverkehr und eine schreckhafte Julia auf dem Beifahrersitz. Die Blicke sind dafür einmalig, gerade von weit oben.

Hinter dem sehr entspannten Apollo Bay biegen wir ins Inland ab – die Küste ist toll, keine Frage, aber wir wollen Koalas! In Bimbi Park geht es so viel einsamer zu als am Kennet River und kaum stellen wir unsere Campingstühle hinter dem Van auf, sehen wir schon das erste Wollknäuel im Eukalyptus-Baum hängen. Weit oben, wenig Bewegung, aber sie sind da! Im Laufe des Tages bekommen wir sie aus immer kürzerer Distanz zu sehen.

Am nächsten Tag kehren wir zurück auf die Küstenstraße – und zu den berühmtesten Felsen der Strecke. Die Twelve Apostles waren noch nie zu zwölft und nachdem einer der Felsen 2005 im Meer versank sind es heute nur noch acht, die der Brandung trotzen, aber wen interessieren hier schon Zahlen.

Wir befürchten Menschenmassen, Parkplatzmangel, Anstehen für eine kurze Aussicht, aber die Nebensaison und die kluge Planung der Australier macht den Blick auf die Twelve Apostles zu einem perfekten Erlebnis.

Die hohen Felsen ragen wie Wächter der dahinter liegenden Steilküste aus dem türkisfarbenen Wasser. Die tosende Brandung, die die Felsen umspült, die weiße Gischt, die auf den Strand trifft, die Weite der Küste und des Ozeans – wir sind einfach nur beeindruckt und können uns kaum sattsehen. Mehrere Aussichtsplattformen verteilen die staunenden Touristen so geschickt, dass jeder ein Plätzchen findet, um die Schönheit der Natur auf sich wirken zu lassen.

An der Bay of Islands noch ein letzter Blick auf den grandiosen Ozean und seine Felsen – dann biegt die Great Ocean Road ins Inland ab und kehrt nicht mehr zurück ans Meer. Vier Tage auf dieser Traumstraße, dazu Kängurus und Koalas – ein grandioser Einstieg in unseren Roadtrip!

Melbourne – es geht los!

Seit fünf Wochen touren wir durch Australien – und das in einer Intensität, dass mir doch tatsächlich die Schreibe ausgegangen ist. So ein riesiges Land, so viel zu sehen, hinter jeder Ecke ein neues Erlebnis – da kommt man kaum zum Nachdenken, geschweige denn zum Aufschreiben. Aber jetzt – der Anfang muss unbedingt gemacht werden, bevor sich die vielen unglaublichen Eindrücke verflüchtigen.

Da war zunächst – und überaus beeindruckend – Melbourne. An vielen Ecken sehr europäisch, recht historisch, fast wie im britischen Mutterland. Die Menschen hingegen zeigen deutlich – hier sind wir auf der anderen Seite der Erdkugel. Wir dachten, wir hätten Asien hinter uns gelassen und finden fast die gleiche Mischung von Ethnien wie in Singapur  – über 40% der Melburnians, die im Stadtzentrum leben, haben asiatische Wurzeln.

Melbourne – alt und neu

Melbourne hat eine sehr coole Atmosphäre – historische Fassaden aus klassisch britischer Zeit treffen auf moderne Neubauten –  mal mehr, mal weniger gelungen. Dazu kommen sehr viele junge Menschen, Restaurants, Bars, Cafes, laute Straßenmusik und das, was man hier Street Art nennt – die Graffitits in manch spelunkiger Nebenstraße würden bei uns schlichtweg als Schmiererei gelten. Interessant werden die Gassen dadurch, dass sich hier trotz der mittelmäßig einladenden Umgebung kleine Restaurants und Bars befinden, in denen zur Mittagszeit anzug- und kostümtragende Angestellte einen spannenden Kontrast zur Umgebung schaffen.

Die Innenstadt ist relativ kompakt und gut zu Fuß zu erkunden. Die kostenlose Tram – welch  grandiose Idee – nehmen wir gar nicht in Anspruch, trotz immer wieder einsetzenden Regens und recht frischer Temperaturen, sobald sich die Sonne hinter Wolken versteckt. Haben wir uns mit dem australischen Spätsommer doch die falsche Jahreszeit ausgesucht? Aber wie uns unser Taxifahrer erklärt hat, hier gilt „four seasons in a day“ und damit hat er absolut recht. Trotzdem kaufe ich mir bei erster Gelegenheit ein warmes Sweatshirt und bin jetzt australientauglich.

Australia here I come!

Wir schlendern durch wunderbare Passagen aus viktorianischer Zeit, mindestens ebenso beeindruckend wie die Leipziger Höfe. In einer der art-déco-verzierten Arkaden treffen wir auf eine Britin, die zweifelnd vor den Aufzügen steht. Ob man da wohl man hoch darf, nur mal kurz gucken? „Probieren wir’s aus“, sage ich und drücke den Knopf. Wir nehmen uns mehrere Stockwerke vor, überall erwarten uns ähnlich opulent dekorierte Gänge. Wir wünschen uns gegenseitig eine gute Reise und erobern die Stadt weiter.

Der Bahnhof Flinders Street, der verkehrsreichste der Stadt, das Melbourne Museum in den Carlton Gardens, die State Library Victoria mit ihrem grandiosen Lesesaal, Kirchen wie im britischen Mutterland, Essen aus allen Ecken Asiens und viel Tempo – dieses Stadt brodelt.

Bahnhof Flinders Street
Der Lesesaal der State Library Victoria

Bei Aldi – den durften wir uns natürlich nicht entgehen lassen – sprechen uns zwei junge Mädels aus Deutschland an. Sie sind erst gestern angekommen, noch etwas verloren in dieser pulsierenden Stadt und froh, Deutsch zu hören. Fünf Monate wollen sie hier studieren, und der Neid packt mich. Ein Auslandsaufenthalt während des Studiums – bei mir hatte es nur für einen Ausflug nach Niedersachsen gereicht. Mit ihrer Kommunikationslust sind die beiden in jedem Fall im richtigen Land gelandet. 

Zwei Tage haben wir in Melbourne, wahrscheinlich zu wenig, aber wir sind auf ein anderes Abenteuer aus: einen Roadtrip von epischer Länge, Melbourne bis Perth, 6000 Kilometer vorwiegend entlang der südaustralischen Küste, durch drei Bundesstaaten und vier Zeitzonen. Und erstmals nicht nur mit dem PKW, sondern mit einem Campervan. Geplant war das nicht, Eric kam plötzlich im Oman auf die Idee, informierte sich und schwupps, hatten wir gebucht. Absolute Premiere für uns, ob es uns gefällt, wird sich zeigen. 

Also atmen wir ein letztes Mal Großstadtluft und machen uns auf in die Weiten Australiens.