Vier Städte, zwei volle Bäuche – Schlemmen in Südostasien

Den Oman mit seinen orientalischen Köstlichkeiten haben wir hinter uns gelassen. Unser eigentliches Ziel ist der Süden Australiens, aber wir wollen uns Zeit nehmen. Statt direkt weiterzufliegen, entscheiden wir uns für einen genussvollen Abstecher nach Südostasien. Und tun das, was wir am besten können: schlemmen!

Bangkok

Bangkok ist unser erstes Ziel – eine Stadt, die wir vor über dreißig Jahren zum ersten Mal besucht haben und in die wir seither immer wieder zurückkehren. Natürlich hat sich vieles verändert: Es ist voller geworden, riesige Shoppingtempel sind aus dem Boden geschossen, auf der früheren Backpackermeile Khao San Road tummeln sich westlich anmutende Kneipen und schicke Hotels. Und doch fühlt sich überraschend viel noch genauso an wie in den 90ern. Das Chaos auf den Hauptstraßen, die friedlichen Gassen der Wohnviertel nur wenige Schritte abseits des tosenden Verkehrs, die Obst-, Gemüse- und Fischmärkte – da ist es noch, das Bangkok von damals.

Wir wohnen etwas abseits der klassischen Touristengegenden, aber dennoch zentral, nahe der Bootsanlegestelle Thewes Pier. Ein idealer Ausgangspunkt: Für die nächsten Tage können wir dem Verkehrschaos auf den Straßen entgehen und stattdessen auf die Boote des Chao-Phraya-Flusses umsteigen.

Abendliche Fahrt auf dem Chao Praya River

Nach unserer müden Ankunft nach dem Nachtflug aus Maskat nehmen wir zunächst noch die Metro in die Stadt. Für die letzten vier Kilometer bis zum Hotel müssen wir jedoch eine geschlagene Stunde auf ein Grab warten – das südostasiatische Pendant zu Uber. Kaum ein Fahrer möchte die Strecke im morgendlichen Berufsverkehr übernehmen. Irgendwann klappt es dann doch, und wir landen im freundlichen SSIP Boutique Dhevej Bangkok, wo uns eines der herzlichsten Frühstücke erwartet, die wir je erlebt haben. Spätestens jetzt ist klar: Die Schlemmertour kann beginnen.

Jeden Tag anders, jeden Tag lecker – das Frühstück im SSIP

Bangkok kennen wir gut. Die Sehenswürdigkeiten – allen voran der Königspalast – sind phantastisch, inzwischen aber so überlaufen, dass wir lieber in Erinnerungen schwelgen: an eine Zeit, als chinesische Reisegruppen noch Seltenheitswert hatten und Europäer lieber in Strandresorts blieben. Also fahren wir viel Boot, streifen durch die Straßen und essen, was das Zeug hält.

Auch nicht mehr ganz neu, aber mittlerweile prägend für die südostasiatische Gastroszene, sind die Streetfood-Empfehlungen des Michelin. Seit Jay Fai mit ihrem Krabbenomelett sogar zum Netflix-Star wurde, sind viele dieser Garküchen umlagert. Wir versuchen es trotzdem mit einer der Empfehlungen – und ja: Der Mango Sticky Rice von K. Panich ist schlicht phantastisch.

Wir schlemmen uns durch das Gassengewirr des Wang-Lang-Marktes, wo die Curry-Nudeln genial sind, genießen Wantans im Hagow Yaowarat in Chinatown und machen zum Abschluss dann doch noch einen Abstecher in eines der großen Shoppingcenter. Im Icon Siam landen wir schließlich im beeindruckendsten Food Court, den wir bisher in Asien gesehen haben: ganz Thailand auf einer riesigen Fläche, liebevoll inszeniert mit Marktständen und künstlichen Kanäle, auf denen Boote voller Essen schaukeln.

Nach drei Tagen lassen wir Bangkok glücklich zurück. Klar ist: Wir kommen wieder. Irgendwann.

Schaaarf – Streetfood Bangkok

George Town

Ab nach Malaysia – und ja, ich lege mich fest: in das Land mit dem besten Essen der Welt. Und zwar gleich in dessen kulinarische Hauptstadt. Malaysia ist ein Paradies, das gleich mehrere der großartigsten Küchen vereint und daraus noch etwas ganz Eigenes geschaffen hat: indisch, chinesisch, malaiisch – und die Verschmelzung der letzten beiden, unser persönlicher Favorit: Nyonya.

Der beste Ort dafür ist George Town auf der Insel Penang. Auch hier sind wir nicht zum ersten Mal. Als wir vor über dreißig Jahren erstmals durch die Stadt liefen, bröckelte der koloniale Charme so sehr vor sich hin, dass wir ihn für unrettbar hielten. Wehmütig blickten wir damals auf das halb verfallene Eastern & Oriental Hotel, einst eine Perle Südostasiens. Die halbe Nacht verbrachten wir mit der Kakerlakenjagd in unserem Billighotel.

Dass sich George Town verändert hat, wurde mir bereits bei einem Besuch 2016 klar. Jetzt kommen wir erneut an – es ist bereits dunkel, als wir im Cititel Penang einchecken. Vom Fenster unseres Zimmers im 11. Stock sehen wir zunächst nicht viel. Erst am Morgen offenbart sich der grandiose Blick: direkt auf das in neuem Glanz erstrahlte Eastern & Oriental Hotel und die dahinterliegende Bucht der Straße von Malakka. Rechts unter uns leuchtet das ikonische Blau der Cheong Fatt Tze Blue Mansion. Und dort vorne – ist das nicht tatsächlich das Hotel, in dem wir vor vielen Jahren Kakerlaken gejagt haben?

George Town

Das Frühstück entpuppt sich als Reise durch Asien: alle Küchen Malaysias, dazu japanisch und europäisch. Wo fängt man da bloß an? Bei diesem Blick und diesem Frühstück verzeihen wir dem Hotel sogar die scheppernde Klimaanlage und den leicht muffigen Geruch im Zimmer. Doch jetzt: raus in die Stadt!

George Town

Zu den ohnehin tausenden asiatischen Touristen gesellt sich heute noch eine große Ladung deutscher Kreuzfahrer – ein TUI-Schiff hat sie für den Tag ausgespuckt. Entdeckt haben wir das natürlich schon frühmorgens von unserem Zimmer mit Premiumblick. Wir wandeln durch das Eastern & Oriental Hotel, lassen uns von seinem kolonialen Charme einfangen, bummeln durch den Vintage-Zauber der chinesischen Shophouses, lassen uns von indischen Tempeln und chinesischen Clanhäusern in vergangene Zeiten beamen – und essen. Viel.

Schlemmen im Emerald Nyonya in Penang

Kuala Lumpur

Doch satt sind wir noch lange nicht. Also weiter nach Kuala Lumpur.

Bei unserem ersten Besuch in den 90ern fanden wir die Stadt schrecklich. Wir wohnten in einem fertigen Wohnblock außerhalb des Zentrums, Malaysia war damals im Vergleich zu anderen südostasiatischen Ländern teuer, wir noch im studentischen Sparmodus – und landeten folglich in einer wenig einladenden Gegend. Die rasante Entwicklung von „KL“ haben wir bei späteren Besuchen verfolgt, wirklich überraschen kann sie uns also nicht mehr.

Und trotzdem: Wir können uns nicht sattsehen am Blick aus unserer Wohnung im 26. Stock auf  die Häuserschluchten. Auf die Türme der Petronas Towers, für uns immer noch die schönsten Hochhäuser der Welt, auf den Merdeka Tower in Chinatown.

New York Vibes in unserem Schlafzimmer

Die Shoppingcenter brummen Tag und Nacht, in den Food Courts tobt zu jeder Uhrzeit das Leben, die Straße muss man nicht mehr betreten, denn zwischen den Einkaufstempeln und den Häusern bewegt man sich auf klimatisierten Fußgängerbrücken. Am Abend trifft man sich im Park des KLCC, sieht sich die Watershow an, wandelt über die Spazierwege im Grünen und das alles vor der grandiosen Kulisse der Petronas-Zwillingstürme. Malaysia ist eindeutig im 21. Jahrhundert angekommen.

Die Petronas Towers

Das bevorstehende chinesische Neujahrsfest macht aus der Innenstadt einen gigantischen roten Karneval. Obacht: Es wird das Jahr des Feuerpferds – da sollen spannende Kräfte am Werk sein.

Alt und neu – Shophouses und Merdeka 118 in Chinatown KL

Wir geben uns Beef und Chicken Rendang hin, genießen Rotis an Straßenständen, süße gedämpfte Custard Buns im Hainan Kafei Dian, zwischendurch auch aromatische Ramen und krönen das Ganze mit einem Besuch im 1919 mit Nonya Red Curry und frittierter Aubergine. Spätestens jetzt ist klar: Wir sind im absoluten Foodie-Heaven angekommen. Wäre da nicht eine weitere Stadt ganz im Süden der malaiischen Halbinsel.

Singapur

Und dann kommt Singapur. Und setzt noch mal einen drauf.

Nach der schnellsten Einreise unseres Reiselebens – vollelektronisch und ohne Schlange – sind wir in zwei Minuten drin. Direkt vor uns wartet schon die erste Attraktion: Jewel, der gigantische Wasserfall mitten im Flughafen. Wassermassen stürzen aus der Kuppel hinab in das von tropischen Terrassen gesäumte Rund, dazu erklingt Indiana-Jones-Musik. Am Rand des großen Beckens absolvieren fitte Singapurianerinnen ein Fitnessprogramm, über allem gleitet der Skytrain durch die Szenerie – so ein ganz klein wenig fühlt sich das an wie eine Szene aus Star Trek.

The Jewel – mitten im Flughafen
Nicht nur für Stewardessen

 

 

 

 

 

 

 

 

Unser Hotel liegt nur eine Viertelstunde entfernt im Stadtteil Katong. Schnell wird klar, dass es sich hier um das In-Viertel von Singapur handelt mit bunten Shophouses, kleinen Läden und unglaublich vielen Restaurants. Sind wir also richtig! Bei 328 Katong Laksa hat schon Gordon Ramsay gegessen und auch wir schlagen begeistert zu.

Satay – ein Muss in Singapur

In den nächsten zwei Tagen tritt Essen – kaum zu glauben – zeitweise etwas in den Hintergrund. Singapur überwältigt mit seinen futuristischen Aussichten: die Ausblicke rund um die Marina Bay mit dem ikonischen dreibeinigen Marina Bay Sands Hotel, die Skyline entlang der Bucht, der wohl coolste Apple-Shop der Welt, das lotusförmige ArtScience Museum, die riesigen künstlichen Blütenkelche der Gardens by the Bay, glitzernde Metrostationen und mondäne Shoppingcenter –  die vielen Möglichkeiten dieser Stadt erschlagen uns fast.

 

So toll es hier ist – ein bisschen Natur und Einsamkeit könnten wir jetzt gut gebrauchen. Vier Städte, zwei volle Bäuche und unzählige Aromen später lassen wir Südostasien satt und glücklich hinter uns.

Tschüß Asien.

G’day Australia!

Zwischen Tradition und Moderne – unser Fazit zum Oman

Zeit, Bilanz zu ziehen: Wie ist er so, der Oman als Reiseland?

Nicht mehr unentdeckt, aber nach wie vor exotisch. Die Zeiten des Geheimtipps sind allerdings vorbei. Zu den zahlreichen internationalen Touristen kommen viele Omanis, die ihr eigenes Land bereisen. An touristischen Hotspots wie Nizwa ist an manchen Stellen kaum ein Durchkommen, Deutsch, Französisch und Italienisch hört man überall. Das bringt allerdings auch Vorteile mit sich – tolle Hotels oder auch mal eine kleine Kulturüberraschung.

Am Fort von Nizwa

Der große Unterschied zu vielen anderen Reisezielen liegt in der Gelassenheit, mit der die Omanis diesem Andrang begegnen. Ein Bummel durch einen orientalischen Souk ohne aufdringliche Händler? Willkommen im Oman. Taxifahrertricks, überteuerte Restaurants an beliebten Orten? Fehlanzeige. Qualität, Freundlichkeit und Fairness scheinen hier erstaunlich selbstverständlich zu sein.

Weihrauch-Händler in Maskat

Reisen im Oman ist unkompliziert. Mit Englisch kommt man überall durch, und fast alle Aufschriften sind zweisprachig, in Arabisch und Englisch. Mit ganz reizenden Übersetzungen – am liebsten mochten wir „Sale of Foodstuff“, als Hinweis auf kleine Lebensmittel-Lädchen.

Die Straßeninfrastruktur ist hervorragend und zumindest außerhalb von Maskat auf deutlich mehr Verkehr ausgelegt als tatsächlich vorhanden. Ein dichtes Netz an Radarkontrollen und empfindliche Strafen halten Raserei in Grenzen, Parken ist selten ein Problem. Mit Kamelen auf der Straße muss man in ländlichen Gegenden rechnen – die größere Gefahr besteht aber darin, an einer der zahlreichen Temposchwellen aufzusetzen. Die ein oder andere haben wir übersehen, aber es ging gut. Benzin ist günstig, das Tankstellennetz dicht. Aber Obacht: Schmutzige Autos sind verboten, und allzu wüstenverstaubte Fahrzeuge können tatsächlich von der Polizei eingezogen werden.

Es sind vor allem die Menschen, die den Oman so besonders machen. Ihre Freundlichkeit ist zurückhaltend, herzlich und stilvoll. Selbst das Arabische klingt hier weich und elegant. Männer in blütenweißen Dishdashas, dazu bestickte Kappen oder Turbane, Frauen meist in schwarze Umhänge gehüllt – mal mit, mal ohne Verschleierung. Wir hören, dass das vor zwanzig Jahren noch anders war, Frauen bunte, elegante Kleider trugen, doch durch den Einfluss Saudi-Arabiens sei das in den privaten Raum verdrängt worden. Trotzdem sind Frauen im Alltag ganz selbstverständlich präsent. Väter kümmern sich auffällig oft und liebevoll um die Kinder, mehr als wir es in anderen arabischen Ländern beobachtet haben. Und Anmache oder blöde Sprüche gegenüber Ausländerinnen haben wir nicht erlebt.

Zurückhaltung und Stilsicherheit finden sich auch in Architektur und Design wieder. Gedeckte Farben, klare Linien, traditionelle Formen – kaum Kitsch, viel Geschmack.

Und der Oman duftet. Wirklich überall. Vor Geschäften und auf der Straße, selbst in Behörden brennt Weihrauch. Die Quaste an der Kleidung der Männer hat nur einen Zweck – in Parfüm getaucht zu werden. Duftstände sind allgegenwärtig und bei Amouage, dem omanischen Parfümklassiker, testen wir uns durch eine ganze Welt orientalischer Wohlgerüche.

Im Souk

Der Oman ist ein wohlhabendes Land: Erdöl und Gas als Grundlage, erneuerbare Energien als Zukunftsstrategie. Politisch ist er eine absolute Monarchie ohne Parteien, doch vieles deutet darauf hin, dass der Sultan es gut meint mit seinen Untertanen. Der Staat investiert in Infrastruktur und Lebensqualität: Bibliotheken, Oper, Schulen, Universitäten, Sportzentren, gepflegte Wohnviertel. Platzmangel kennt man hier nicht – großzügige Grundstücke, wenig Hochhäuser, saubere Städte, zuverlässige Strom-, Wasser- und Internetversorgung.

Anders als Dubai, das mit futuristischen Superlativen beeindrucken will, verbindet der Oman Moderne mit Tradition. Architektur, das Festhalten an traditioneller Kleidung oder auch die Weihrauchkultur schaffen einen ganz eigenen Stil.

Entdeckungen in Al Hamra

Und dann das Essen. Der Oman scheint sich aus vielen Küchen das Beste herausgepickt zu haben. Brot in allen Varianten – knusprig, fluffig, frisch aus dem Ofen – gehört immer dazu. Datteln sind Grundnahrungsmittel und Symbol der Gastfreundschaft. Sie sind so wichtig, dass jedes Fort über große Dattellager verfügte, zum Verzehr oder auch mal flüssig als kochendheiße Waffe gegen eindringende Feinde. Fleisch spielt eine große Rolle: Hähnchen, Lamm, Ziege oder Rind, meist gegrillt und hervorragend zubereitet. Alles kann sorglos verspeist werden – die Kontrolle in den Restaurants ist streng, es geht sehr hygienisch zu und wir hatten keinerlei Magenprobleme. Beeindruckt haben uns auch die großen Supermärkte: ein Überfluss an frischem Fisch, Brot, Obst – nicht eine Mangosorte, sondern sechs –, dazu ein riesiges Sortiment an omanischen und internationalen Produkten.

Auch preislich bleibt der Oman moderat. Kein Billigreiseland, aber gut erschwinglich: Schöne Hotelzimmer für etwa 80 Euro, ausgezeichnetes Essen für 8–10 Euro, Mietwagen ohne Allrad ab rund 40 Euro pro Tag, Benzin kostet etwa 55 Cent pro Liter. Wir haben den fehlenden Allradantrieb nicht vermisst. Bräuchte man ihn in den Bergen oder in der Wüste, wird ein Abholdienst organisiert. Westlicher Kaffee und Eintrittspreise bewegen sich auf westlichem Niveau. Auf ein kühles Bier zum stimmungsvollen Sonnenuntergang muss man fast überall verzichten – wir haben kein einziges Hotel oder Restaurant entdeckt, in dem Alkohol ausgeschenkt wurde. Wozu auch – die überall angebotenen frisch gepressten Fruchtsäfte sind hervorragend.

Unser Fazit nach zwei Wochen und rund 1.000 Kilometern: Der Oman verbindet Tradition mit hohem Lebensstandard, orientalisches Flair mit erstaunlicher Zugänglichkeit. Ohne Abzocke, ohne Aufdringlichkeit, mit sehr viel echter Freundlichkeit. Hinter die gesellschaftlichen Kulissen konnten wir in dieser kurzen Zeit nicht blicken – etwa auf die Situation vieler ausländischer Arbeitskräfte besonders aus Pakistan oder die politischen Strukturen ohne Parteien. Als Reiseland jedoch können wir den Oman uneingeschränkt empfehlen.

Blick auf die Altstadt von Al Hamra

Delfine, Datteln und Lehmstädte – eine Reise im Oman

Mohammed hat Delfine versprochen – und wir bekommen Delfine. Auch wenn wir zunächst daran zweifeln, ob wir überhaupt in See stechen werden.
Nach einem Frühstück, das locker für fünf gereicht hätte, und mehreren Tassen köstlichen Kaffees mit Rosenwasser werden wir mit Verspätung abgeholt. Am Traumstrand zeigt sich der Grund: Der Jeep, der unser Boot ins Meer ziehen soll, springt nicht an. Irgendwann gibt es Starthilfe vom Nachbarn, das Boot wird hinten angebunden und gleitet über den hellen Sand Richtung tiefblaues Meer. Wir springen hinein, die Fahrt geht los – hinaus in eine einsame Bucht.

„Turtle!“, ruft unser Kapitän irgendwann. In der Ferne sehen wir einen kleinen Kopf aus dem Wasser ragen, der bald wieder abtaucht. Kurz denken wir an frühere Schildkröten-Schnorchelerlebnisse in Australien, an Delfine bei Pamilacan auf den Philippinen. Eine der Gefahren des Reisens: Vieles war schon einmal ultimativ. Kann ein Nashornerlebnis je wieder so gut werden wie im Chitwan-Nationalpark in Nepal? Wird uns eine Wüste je wieder so begeistern wie Sossusvlei in Namibia?
Aber dann lassen wir das alles los und genießen den Moment.


Wir fahren weiter hinaus aufs offene Meer – und plötzlich sind sie da. Delfine. Ihre Körper wölben sich elegant aus dem Wasser, sie überholen unser Boot, tauchen ab, verschwinden und tauchen weiter vorne wieder auf. Unser Kapitän stellt den Motor ab. Wir hören sie atmen. Und ja, Pamilacan war großartig – aber das hier ist es auch!

Nach zwei Stunden kehrt ein Boot voller glücklich grinsender Globonauten ans Ufer zurück. Auf omanische Art: mit Anlauf und frontal Richtung Strand. Kurz erschrocken halten wir uns fest, gleiten dann jedoch sanft über den Sand und steigen trockenen Fußes aus. Ein Bad lassen wir uns trotzdem nicht entgehen: Kurz darauf treiben wir im kristallklaren Wasser des Golfs von Oman.

Am Abend zeigt uns Mohammed eine weitere Attraktion von Ras al-Hadd: leuchtendes Plankton. Das Meer ist spiegelglatt. Das Plankton leuchtet nur bei Bewegung, und so funkelt das auflaufende Wasser nur dezent als würden Glühwürmchen darin baden. Magisch ist es trotzdem. Ein Fischerboot zieht vorbei und zieht unter sich eine leuchtende Spuren – fast wie ein Geisterschiff.

Am nächsten Tag brechen wir auf ins Landesinnere. Viele fahren von der Küste aus in die Wüste, wir verzichten darauf. Sossusvlei… Aber einen Wadi, für die der Oman bekannt ist, wollen wir uns anschauen. Behinderungsgemäß wählen wir einen, in den man nicht kilometerlang hineinlaufen muss. Der Wadi Bani Khalid ist gut mit dem Auto erreichbar. Allein sind wir hier nicht, doch es sind vor allem fröhliche einheimische Touristen, die die Pools bevölkern. Wir bekommen einen Eindruck von der Grandiosität dieser Landschaft, planschen im klaren Wasser und widmen uns anschließend einem sehr guten Essen.

Wadi Ben Khalid
Wadi Ben Khalid
Nach dem Wadi: al baik Damascus – freundlich und sehr lecker

Unser nächstes Ziel: Nizwa. Eine Oasenstadt nahe der Berge, mit Burg, Fort und großem Souk – eines der wichtigsten Touristenziele des Landes, für omanische wie ausländische Gäste. Die meisten alten Lehmgebäude sind restauriert, Hotels und Cafés säumen die engen Gassen. Sehr orientalisch, sehr stimmungsvoll, sehr geschmackvoll – und manchmal schon nah an einem Disneyland aus Tausendundeiner Nacht.

Der Blick aus unserem Fenster im Swathina Inn in Nizwa

Freitags findet hier der berühmte Ziegenmarkt statt, lesen wir. Alles ausgebucht an diesen Tagen. Als wir am Samstagabend die Menschenmassen sehen, die sich durch die Gassen schieben, sind wir fast froh, ihn verpasst zu haben.
Unser Hotel ist komfortabel und zugleich authentisch – Orientträume mit modernen Annehmlichkeiten. Und trotz der vielen Besucher macht es Freude, durch den Souk zu bummeln: durch Weihrauchschwaden hindurch, Halwa in verschiedenen Variationen zu probieren, Datteln und Dattelsirup zu kosten. Fort und Palast sind vor allem eines: ein Spiel aus Licht und Schatten, aus kreuzenden Treppen, verschachtelten Räumen und warmem Sandstein.

Im Fort von Nizwa
Blick auf die Royal Mosque in Nizwa

Wir lassen es ruhig angehen. Sitzen stundenlang auf der Dachterrasse des freundlichen Niz Cafés, bummeln täglich durch den Souk, entspannen im luftigen Zimmer und essen hervorragend in einem kleinen jemenitischen Restaurant hinter dem inzwischen leeren Ziegenmarkt.

Früh übt sich – im Souk von Nizwa

Doch es gibt noch so viel zu sehen. Die Forts und Festungen Omans sind spektakulär – eine gehört sogar zum UNESCO-Weltkulturerbe. Jabrin hätten wir beinahe übersehen, dabei beeindruckt dieses Fort vor allem von innen. Die luftigen Wohnräume sind so gemütlich, dass man am liebsten bleiben möchte.

Jabrin

Bahla fasziniert durch seine schiere Größe. Wir kommen am späten Nachmittag, die untergehende Sonne taucht die Mauern in warmes Licht. Nur noch wenige Menschen sind unterwegs – und da wir gleich nebenan wohnen, können wir das Weltkulturerbe später sogar beim Abendessen von außen bewundern.

Fort Bahla
Fort Bahla

Misfah Al Abriyeen ist wunderschön, doch der Tourismus hat hier bereits deutliche Spuren hinterlassen. Das Bergdorf mit seinen terrassierten Gärten ist ein beliebtes Ziel von Reisebussen geworden. Am Ortseingang bittet die Bevölkerung fast schon flehend um zurückhaltendes Verhalten und entsprechende Kleidung – nicht alle nehmen das ernst. Wir klettern durch die steilen Gärten, bewundern die ausgeklügelten Bewässerungskanäle und genießen Zitronen-Minz-Saft mit spektakulärem Blick in einen kleinen Canyon.

Die Wüste blüht dank Falaj Bewässerung

Unsere letzten Tage im Landesinneren verbringen wir in Al Hamra. Die Altstadt aus Lehm ist weitgehend verfallen; man bewegt sich durch ihre Gassen wie Entdecker in den Überresten einer lang vergangenen Zivilisation. Das liebevoll restaurierte und mit historischer Inneneinrichtung versehene Bait al Safah lässt diese Vergangenheit wiederauferstehen.

Am Rand der Altstadt spazieren wir durch Palmengärten, lassen den Nachmittag in einem der schönen Cafés ausklingen und gönnen uns baskischen San-Sebastian-Cheesecake: ein Käsekuchenwunder mit gefühlt tausend Kalorien, Pistaziensoße und – ganz nebenbei – Erics Geburtstagskuchen.

Viel haben wir gesehen in den letzten Tagen. Morgen geht es zurück nach Maskat, noch eine Nacht dort – und dann beginnt unser Abenteuer Ausreise. Der Oman darf noch ein wenig nachwirken. Dann folgt unser Fazit.
Und danach: Good morning, Bangkok!

Holpern im Oman

Wir waren schlecht vorbereitet. Eigentlich gar nicht vorbereitet, weil wir bis zuletzt zweifelten, ob wir überhaupt starten können. Als dann 48 Stunden vor Abflug das Okay kam, waren plötzlich tausend andere Dinge wichtiger als Reiseplanung. Aber – so mögen wir es eigentlich. Für Dubai fand sich schnell ein Hotel und was braucht man mehr? Dachten wir.

Nach der Landung in Maskat läuft zunächst alles wie am Schnürchen. So gut organisiert, so gelassen, so freundlich, „Gelle, wir fliegen am 25. weiter“, sagt Eric der netten Frau am Einreiseschalter. Sie lächelt, drückt uns das Visum in den Pass – das war’s.

Unser Guesthouse hat uns bereits eine WhatsApp-Nachricht geschickt: Welcome to Oman. Fünf Minuten später werden wir abgeholt. Das Zimmer ist blitzesauber, auf uns wartet omanischer Karak-Tee mit Cardamom. Unser erstes Abendessen ist köstlich, aber viel zu viel. Diesen Mengen werden wir uns in den nächsten Tagen immer wieder geschlagen geben müssen. Aber obwohl wir nie aufessen, bleibt das Wetter gut: leichte Meeresbrise und sehr angenehme Temperaturen. 

Unseren Mietwagen bekommen wir erst in zwei Tagen, und Maskat ist eine sehr ausgedehnte Stadt. Mit sehr wenig öffentlichem Nahverkehr. Und in erster Linie gemacht fürs Autofahren. Also fahren wir Taxi und das ist dank App einfach und günstig. 

Aber – noch fehlt uns die Orientierung in dieser weitläufigen Stadt, in der Fußgänger nicht vorgesehen sind. Also lassen wir uns zunächst 25 Kilometer in den Osten fahren, dorthin, wo sich der Sultanspalast und Ministerien befinden. Der Palast selber kommt mit seiner blau-goldenen Fassade wenig märchenhaft daher, aber die ihn umgebenden Regierungsgebäude in sandigen Tönen, mit traditionellen Formen und dem Spiel von Licht und Schatten geben uns einen ersten Eindruck vom Zauber moderner omanischer Architektur. 

So alt Maskat ist, so wenig historische Viertel finden sich heute noch. Für das durchaus beeindruckende Regierungsviertel wurde die Altstadt abgerissen. An der Uferpromenade von Muttrah findet sich noch das ein oder andere alte Kaufmannshaus, die meisten Gebäude sind jedoch neu. Auch der Souk von Muttrah, der größte im ganzen Oman, wirkt architektonisch eher modern.

Ein gelungenes Beispiel für dieses moderne Bauen ist die neue Oper von Maskat – monumental, elegant und geschmackvoll.

Als wir dann endlich ein eigenes Auto haben und nun selbst über die breite Stadtautobahn donnern können, wissen wir mit unserer neu gewonnenen mobilen Freiheit erstaunlich wenig anzufangen. Die große Moschee ist für Nichtmuslime nur bis 11 Uhr geöffnet – das haben wir verpasst. Das Naturreservat am Meer scheint seit Monaten geschlossen zu sein. Und irgendwann landen wir dann doch wieder in einem der großen Shoppingcenter – was durchaus Spaß macht: Ikea auf arabisch, ein kleiner Schnuppertest bei Amouage, einem der teuersten Parfums der Welt, und ein riesiges Dosa im Foodcourt.

Aber unser Start in Maskat holpert ein wenig.

Und dann entdecken wir in unseren Pässen das eingestempelte Ausreisedatum: 23.01. Nicht der 25.01., an dem wir fliegen. Eigentlich kein Wunder, 14 Tage gewährt der Oman bei Einreise, alles darüber hinaus erfordert ein Visum, das man vor der Reise beantragen muss. Wenn man sich denn mit solchen Dingen beschäftigt und nicht mit Arztbesuchen und der Frage, ob man überhaupt reisen kann.

Die Webseite des Auswärtigen Amts, sonst eher Weltmeister der Panikmache, gibt sich erstaunlich gelassen: Bei Überschreitungen der Aufenthaltsdauer müsse man dann halt zahlen. Die Webseite der Royal Oman Police sagt: ja, aber nur bis zu 24 Stunden Überschreitung. Wir werden unsicher. Fragen die KI. Surfen durch verschiedene Seiten und Foren. Und kriegen leichte Befürchtungen – nicht wegen möglicher Strafzahlungen, sondern wegen künftiger Einreisen in andere Länder. Als „Visumsverletzer“ könnten uns Staaten wie die USA Probleme machen. Wobei: da wollen wir derzeit sicher nicht hin.

Trotzdem beschließen wir, die Sache direkt zu klären und statten der Royal Oman Police einen Besuch ab. Wir finden uns in einem von Weihrauch erfüllten Verwaltungsgebäude wieder und werden in einen großen Raum mit sehr vielen Menschen geschickt. Hier muss man bereits für den Erhalt einer Wartemarke lange anstehen – sehr lange. Die nächsten zwei Stunden folgen dann erstaunlich exakt den Regeln deutscher Bürokratie – warten – Rücksprache halten – „wir sind nicht zuständig“. Die Omanis um uns herum nehmen all das mit der landestypischen Gelassenheit und Freundlichkeit. Wir hingegen überlegen zwischendurch bereits, unseren Flug umzubuchen. Schließlich werden wir noch mal drei Kilometer weiter in eine andere Dienststelle geschickt – und bekommen dort die Auskunft, dass alles in Ordnung sei und wir halt das bissle Strafe zahlen sollen. Ob das stimmt, das wird sich noch rausstellen. Jedenfalls beschließen wir, der gelassenen Auskunft zu vertrauen. Und dass es jetzt endlich losgeht mit unserem omanischen Abenteuer.

Also rauf auf die Autobahn Richtung Süden. Vorbei an steinigen Wüsten, hoch hinauf in die Berge und wieder hinunter. Bis der tiefblaue Golf von Oman am ansonsten staubigen Horizont aufblitzt.

Für Sur, das Städtchen am Meer, in dem wir eigentlich einen ganzen Nachmittag verbringen wollten, bleibt nur wenig Zeit. Aber wir erleben einen schönen Sonnenuntergang und fahren dann weiter nach Ras al-Hadd.

Als wir am Guesthouse von Mohammed ankommen, von seinem Sohn mit Tee und Kaffee begrüßt werden, der Papa uns eine Bootsfahrt zu Delfinen und Meeresschildkröten für den nächsten Tag organisiert und ein köstliches Frühstück in Aussicht gestellt hat, ist dann aufeinmal alles gut.

Der Anfang war holprig.

Aber jetzt wird es gut werden!

Gute Nacht, Auto!

Zwei Tage Dubai: Mandi, Mall und Metro

Die Stadt liegt in warmes Sonnenuntergangsgelb getaucht, als wir in Dubai landen. Von diesem Moment an läuft alles wie am Schnürchen: Gepäckausgabe, Einreise, Metrofahrt. Selbst unser Hotel liegt praktischerweise direkt über der Metrostation Gold Souk. Schnell eingecheckt, einmal um die Ecke – und schon befinden wir uns mitten im arabischen Schlemmerhimmel in Gestalt eines ganz unspektakulären Restaurants in einem Wohnkomplex.

Kaum haben wir uns für zwei Hähnchengerichte entschieden, beginnt das große Auffahren: Suppen, Gemüseteller, Schälchen mit Soßen in leuchtendem Rot und Grün, Joghurt, Röstzwiebeln – und schließlich zwei große Platten mit Huhn auf einem duftenden Reisbett. Warum, bitte, haben wir noch nie von Mandi gehört? Eine jemenitische Spezialität, inzwischen auf der gesamten Arabischen Halbinsel verbreitet – und eine kulinarische Offenbarung.

Mit echten kulturellen oder historischen Highlights kann das Emirat am Persischen Golf nur bedingt punkten. Die meisten Besucherinnen und Besucher kommen ohnehin wegen ganz anderer Dinge: Baden und Shoppen. Auf Strand hoffen wir an späterer Stelle, unser Gepäck ist ohnehin schon schwer genug und will nicht weiter gefüllt werden. Aber die Shoppingcenter von Dubai? Die interessieren uns durchaus.

Umrahmt von futuristischen Wolkenkratzern – allen voran dem höchsten Gebäude der Welt, dem Burj Khalifa – sollte man vor allem die Dubai Mall nicht verpassen. Ein riesiges Aquarium mit Haien und Rochen, eine Eislaufbahn in beachtlicher Größe, ein vierstöckiger Wasserfall mit hinabstürzenden Springer-Skulpturen: Hier haben Architekten ihre Kindheitsträume offenbar kompromisslos ausgelebt. Und ja – diesem übergroßen Spielplatz für Erwachsene geben auch wir uns gerne hin.

Fortbewegung ist dank der Metro meist denkbar einfach. Vorausgesetzt, man versucht nicht gerade zur Rushhour, die Dubai Mall zu verlassen. Trotz Zwei-Minuten-Takt lassen wir eine Bahn nach der anderen an uns vorbeiziehen, bis wir uns schließlich in einen der überfüllten Waggons quetschen können. Nicht wirklich angenehm – aber auch nicht dramatisch. Niemand drängelt, niemand schimpft. In Erinnerung bleiben pieksaubere, angenehm duftende Stationen, unaufgeregte Menschen, ständig einfahrende Züge – und unser leiser Neid auf diese perfekt funktionierende Infrastruktur.

Froh sind wir darüber, nicht im Zentrum des edlen Konsums zu wohnen. Rund um den Gold Souk geht es deutlich bodenständiger zu: Der Kaffee kostet keine sieben Euro und zu entdecken gibt es trotzdem reichlich. Der Souk selbst ist allerdings so ordentlich und aufgeräumt, dass echte orientalische Marktatmosphäre kaum aufkommen mag – kein Vergleich mit dem quirligen Chaos des Khan el-Khalili in Kairo, den Basaren von Jerusalem oder Akko oder dem Großen Basar in Istanbul. Dafür lässt es sich hier recht unbehelligt durch die überdachten Gassen schlendern und ausgiebig Weihrauch schnuppern.

Mit einer Abra, einem traditionellen Holzboot, setzen wir für umgerechnet etwa 25 Cent über den Dubai Creek und spazieren durch das historische Al-Fahidi-Viertel. Hier wird der beeindruckende Völkermix Dubais besonders sichtbar: arabisch, indisch, südostasiatisch – alles lebt und arbeitet nebeneinander.

Was wir in Dubai nicht erwartet hätten, sind völlig neue kulinarische Entdeckungen. Mit Mandi begann dieser Bericht – mit Chaat soll er enden. Rund die Hälfte der Bevölkerung Dubais stammt aus Indien, und wo Inder sind, ist gutes Essen nie weit. Siebenmal waren wir bereits in Indien, haben uns durch Kerala und Gujarat geschlemmt, Streetfood in Delhi, Mumbai, Lucknow und Kalkutta probiert – und trotzdem ist Chaat bislang an uns vorbeigegangen.

Dabei handelt es sich um klassisches indisches Streetfood: frittierter Teig in allen erdenklichen Formen, kombiniert mit Soßen, Gewürzen, Gemüse – eine wahre Geschmacksexplosion. Besonders angetan haben es uns Dahi Puri: hohle Teigbällchen, gefüllt mit Kartoffeln und Linsen, übergossen mit süßem Joghurt. Und ja – das passt nicht nur, das ist schlicht genial.

Zwei Tage – mehr als ein flüchtiger Eindruck ist das nicht. Aber eine gelungene Einstimmung auf Arabien. Wir fühlen uns bereit für das nächste Ziel, nur einen kurzen Flug von Dubai entfernt. Morgen geht es weiter in den Oman.

Loslassen

Ich muss es mir eingestehen – ich bin alt geworden. Und nicht nur ich. Allerdings wehrt sich mein Reisepartner hartnäckig gegen diese Erkenntnis. Doch ganz der Wahrheit entziehen kann sich auch Eric nicht. Denn dieses Älterwerden fängt an, sich sogar auf unsere Reisen auszuwirken.

Nicht nur, dass unsere Medikamentenvorräte inzwischen spürbar Platz im Reisegepäck beanspruchen und wir uns angesichts der erklecklichen Mengen vorsorglich von unseren Ärzten einen Freibrief haben ausstellen lassen, um nicht in den Verdacht des Drogenschmuggels zu geraten. Nicht nur, dass wir angesichts zunehmend morscherer Knochen bis kurz vor der Abreise bangen mussten, ob uns der Doc überhaupt die Lizenz zum Reisen erteilt. Und nicht nur, dass wir die für nächstes Wochenende bereits gebuchte stundenlange Busfahrt durch die arabische Wüste kurzerhand gegen einen angenehm kurzen Flug eingetauscht haben.

Nein, am erschreckendsten ist für mich etwas anderes: Ich habe spürbar an Coolness verloren. Nicht, was das Reisen an sich betrifft. Sondern die noch schlecht zu stoppenden Gedanken an das, was ich zurücklasse. Die Sorge um die Wohnung, die bei winterlichen Temperaturen einsam vor sich hinfriert, raubt mir doch tatsächlich die letzte deutsche Nachtruhe. Am Morgen sieht alles deutlich rosiger aus – ich weiß um hilfsbereite Freunde und aufmerksame Nachbarinnen, die sich kümmern werden. Doch noch fällt es mir schwer, gedanklich wirklich loszulassen. Und die Irritation über diese plötzlich aufgetauchten Ängste macht es nicht gerade leichter.

Übernächtigt und noch nicht ganz unbeschwert starten wir in den verschneiten Stuttgarter Morgen.

Die S-Bahn lässt uns auch heute nicht im Stich – bereits eine Stunde nach Betriebsbeginn hat sie ihre Standardverspätung von zehn Minuten erreicht. Aber egal, wir haben gut geplant und sind zudem quasi Business-Class Passagiere mit Priority wo es nur geht. Allerdings bei Eurowings – BizClass heißt das erstaunlich günstige Angebot mit  angenehmer Beinfreiheit, Essen und Trinken satt, während in den Reihen hinter uns die Kreditkartenmaschine rattert, und einem riesigen Entertainment-Programm – bestehend aus einem Rätselheft. Doch der Rotwein aus der Plastikflasche, serviert im Kaffeepappbecher, trägt später dann durchaus zur Hebung meiner Laune bei.

Vor dem Start rollt die Maschine noch zur Enteisung – ganz faszinierend, bis der Sprühstrahl unser Kabinenfenster trifft und rostrote Streifen auf der Scheibe hinterlässt als würde uns ein Schaummonster einspinnen. Fangen so nicht Horrorfilme an?

Der Schaum verzieht sich, der Start glückt, die winterliche Kälte lässt sich von hier oben nur noch ahnen und wird uns die nächsten Monate hoffentlich gestohlen bleiben. 

Mangels irgendwelcher Bildschirme in der Kabine können wir nur ahnen, über welche verschneiten Berge wir gerade schweben, aber egal. Mit jedem zurückgelegten Kilometer schwinden die Sorgen ein bisschen und so ganz langsam steigt die Freude – auf ein arabisches Abenteuer!

 

Naumburg und die karibischen Helferlein

Nein, wir haben Europa immer noch nicht verlassen. Noch nicht mal Deutschland. Aber wenigstens Westdeutschland. Denn wir sind auf dem Weg nach Leipzig und haben einen Stopp in Naumburg eingelegt. Der Sommereinbruch im frühen April beschert uns einen lauen Abend in der komplett erhaltenen und weitgehend perfekt restaurierten Altstadt. Auf dem großen Marktplatz leuchten die bunten Bürgerhäuser mit dem blauen Himmel um die Wette, wir lassen uns das erste Eis der Saison schmecken und genießen in einem kleinen Biergarten ein leckeres Köstritzer Pils und Thüringer Bratwurst – also eigentlich ein Ort zum Wohlfühlen. Aber irgendwas passt nicht. Die Frühlingstemperaturen scheinen bei den vornehmlich jungen Männern die Hormone in Wallung gebracht zu haben und das können sie nur unter Zuhilfenahme ihrer Fahrzeuge verarbeiten – schwere Maschine dröhnen durch die Straßen,  Motoren heulen auf und mit jedem weiteren wrumm aus den Auspuffen scheint die Männlichkeit ihrer Besitzer noch ein paar Zentimeter zu wachsen. Diese Poserei nervt in jeder Stadt, aber vor der Kulisse prächtiger Bürgerhäuser, gemütlicher Cafés und stylischer Weinbars scheint sie besonders absurd. Als würden die Stadt und ihre Bewohner – zumindest die hörbaren – einfach nicht zusammen zu passen. Nun denn, unsere freundliche Pension liegt in einer Sackgasse und wir schlafen ganz himmlisch.

Die Hauptattraktion der Stadt folgt am nächsten Tag – der Naumburger Dom. Weltkulturerbe ist er vor fünf Jahren geworden, eine fast unendliche Geschichte der Antragstellung ging dem voraus und wäre da nicht dieser winzige Karibikstaat gewesen, wer weiß, ob es überhaupt geklappt hätte. Ernsthaft geplant war die Antragstellung seit 1998, 2014 wurde der erste Antrag eingereicht, 2015 abgelehnt, noch mal eingereicht, wieder abgelehnt und als die Hoffnung schon fast erloschen war, kam St. Kitts und Nevis. Die zwei karibischen Inseln mit gerade mal 40.000 Einwohnern hatten einen Änderungsantrag für Naumburg eingebracht, der dann tatsächlich angenommen wurde und endlich war es passiert – der Dom darf sich seit 2018 Weltkulturerbestätte nennen. Und klar durfte eine Delegation aus St. Kitts und Nevis zur Eröffnungssause kommen. Lästereien musste sich Naumburg eine ganze Weile gefallen lassen wegen der karibischen Schützenhilfe, aber egal – der Dom ist grandios und mit oder ohne Titel eine Reise wert.

Berühmt ist er vor allem wegen seiner Stifterfiguren im westlichen Chor – allen voran Ekkehard und und die schöne Uta. Sie wirken ganz modern und sie sind ein Meisterwerk, so wie der ganze Dom. Bildhauerkunst und Architektur verschmelzen, unglaublich, was ein unbekannter Naumburger Baumeister vor hunderten von Jahren geschaffen hat.

 

Was mich aber besonders beeindruckt hat, ist die moderne Kunst, die in das mittelalterliche Bauwerk wie selbstverständlich integriert wurde. Und das schon zu DDR-Zeiten. Ich bin kein großer Fan zeitgenössischer christlicher Kunst und da kommt es meinem Geschmack sehr zugute, dass der Naumburger Dom nicht mehr der Kirche gehört, sondern einer weltlichen Stiftung. Denn die scheinen sehr viel offener mit verschiedenen künstlerischen Ansätzen umzugehen. Für uns folgen zwei äußerst interessante und unterhaltsame Stunden, die wir dann aber wegen der Kälte im Dom – draußen sonnige 25, drinnen frische 10 Grad – beenden.

Da ist zum Beispiel die Glaskunst. Im Naumburger Dom beeindrucken einerseits die über 800 Jahre alten Kirchenfenster im Westchor, andererseits aber auch die in den 2000ern gestalteten Fenster in den Kapellen. In der Elisabethenkapelle taucht man ein in tiefes Rot. Ein bisschen sozialistisch wirken sowohl Motiv als auch Farbe, die sich der Leipziger Maler Neo Rauch ausgesucht hat, aber die Stimmung ist einzigartig.

 

So richtig Spaß machen die Werke des Bildhauers Heinrich Apel. In der Krypta halten eine Engelin und ein huttragender Prophet die Leuchter, die Handläufe rechts und links des Ostchors sind bezaubernd. Bronzene Figuren versuchen auf dem schmalen Pfad ins Paradies den Aufstieg weg vom Teufel, vom armen Sisyphos wissen wir, dass er es mit seinem Felsbrocken nicht schaffen wird, ein vorwitziger Seiteneinsteiger versucht eine Abkürzung, Adam und Eva sind bereits da. Auf der rechten Seite führen kleine Fußabdrücke zu Franz von Assisi, der zu den Vögel, die sich auf dem Handlauf tummeln, predigt.

Beim Altar im Westchor kommen sich Mittelalter und Moderne am nächsten – die Seitenflügel sind die Originale von Lucas Cranach, das zerstörte Mittelteil wurde vom Leipziger Maler Michael Triegel neu gestaltet. Da trifft dann Baseballcap auf Rauscheengel, wie ich das inhaltlich finde, ist egal, denn es ist einfach sehr gut gemacht und eine mutige Entscheidung – Cranach und Triegel ergänzen sich perfekt, das moderne Werk hebt sich auf den ersten Blick überhaupt nicht ab von seinen fünfhundert Jahre älteren Partnern und strahlt mit ihnen um die Wette. Fast hätte die Aufstellung des Altars den mühsam errungenen Welterbetitel wieder verschwinden lassen, aber die Domstiftung hat sich vorerst durchgesetzt – obwohl der Altar den Blick auf die Stifterfiguren ablenkt, steht er da jetzt. Ganz vorbei ist der Streit mit der UNESCO noch nicht, der Entzug des Titels könnte immer noch drohen. Vielleicht fragt ihr einfach mal in der Karibik nach, wie sich das Dilemma lösen lässt.

 

 

 

Andalusische Überraschungen

Es hat doch tatsächlich geklappt. Am französischen Superstreiktag sind wir fast pünktlich sowohl von La Réunion nach Paris als auch ein paar Stunden später weiter nach Málaga gekommen. Und unser Gepäck auch. Was ja mittlerweile keine Selbstverständlichkeit mehr ist. Auf dem Flughafen von Málaga bekommen wir eine erste Ahnung von den Menschenmassen, die hier Jahr für Jahr durchgeschleust werden: die Autovermietung hat sich voll automatisiert, am Automaten wählt man zwischen drei Wagen und schwupps wird der Schlüssel einschließlich Parkplatznummer ausgespuckt. Keine halbe Stunde nach der Landung sitzen wir schon im Auto und machen uns auf in unser andalusisches Abenteuer.

Der Blick beim Landeanflug – warten hier doch mehr Wunder als geahnt?

Spanien stand bisher auf der Liste der Länder, die ich lieber vermeide, ganz weit oben. Bestimmt nicht wegen der Schönheit des Landes und seiner Kultur, sondern wegen der Touristenmassen. Dummerweise belegt ausgerechnet ein spanisches Ziel einen der ersten Plätze unserer Bucket List: die Alhambra in Granada. Ein Dilemma, das wir endlich lösen wollen. Es ist März und Nebensaison, wir brauchen eine langsame Annäherung an Deutschland und da scheint es uns doch eine gute Idee, noch ein paar Tage in Andalusien zu verbringen, bevor es endgültig nach Hause geht.

Vom Flughafen Málaga starten wir es erst mal in die Berge. In Alhama de Granada haben wir uns im La Maroma eingebucht und das entpuppt sich als perfekter Start für unsere kurze Andalusienreise. Ein wunderschönes Zimmer in einem wunderschönen Haus gegenüber einer wunderschönen Kirche mit Blick ins wunderschöne Tal. Und Touristen scheinen in dem Ort noch Mangelware zu sein. Wir streifen durch die kleinen Gassen, wir brauchen noch Milch und Haferflocken fürs Frühstück, und werden bei einer älteren Dame in ihrem Laden fündig. Wir betrachten den Honig, der auf einem Tresen steht, „natural“ ruft sie durch den kleinen Laden. Und die Beutel mit Mandeln, auch „natural“, fängt sie an zu plaudern, obwohl wir eben nur dieses eine Wort verstehen. Aber das macht nichts, die Atmosphäre ist so herzlich und die Mandeln später so unglaublich lecker, dass uns dieser Laden noch lange in Erinnerung bleiben wird. Auch beim Abendessen in einer Bar am Marktplatz mit Wein, einer Wurstplatte und Oliven setzt sich die Freundlichkeit und Entspanntheit fort. Wir sind noch nie große Olivenfans gewesen, eigentlich gehören sie für mich nach Rosinen zu den Dingen, die ich wirklich nicht essen kann, aber die hier, die sind gut. Beschwingt vom Wein und müde von der durchflogenen Nacht fallen wir später ins Bett und bedauern fast, dass wir nur einen Tag in dem freundlichen Ort verbringen werden.

Aber da wissen wir ja noch nicht, was Andalusien noch so bereit hält. Ohne Reiseführer und ohne eine echte Ahnung von der Gegend steuern wir Córdoba an. In der Altstadt beziehen wir ein echtes Designer-Prachtstück. In einem der vielen Innenhöfe gehört uns für die nächsten drei Tage ein perfekt restauriertes Apartment, das sogar mehrere Architekturmagazine schmückt. Im Hof ein eigener Zitronenbaum, was will man mehr. Dass die Mauren in Granada waren, das weiß ich. Deswegen wollen wir ja auch hin und die wunderbare Architektur wie aus tausendundeiner Nacht genießen. Dass sie auch in Córdoba waren und eigentlich in ganz Andalusien, das war mir nicht klar. Und so beginnt der orientalische Traum für uns recht überraschend bereits jetzt. Die Mezquita-Catedral war früher eine Moschee und auch wenn sie seit über 800 Jahren eine katholische Kirche beherbergt, fühlt man sich hier inmitten einer islamischen Wunderwelt. Die vielen Besucher verlieren sich in dem riesigen Betsaal mit hunderten Säulen, die von Hufeisenbögen überspannt sind. In Halbschatten getaucht findet hier jeder sein Eckchen, vom schnatternden Touristenführer bis zum Andachtsuchenden. Stunden kann man durch die 23.000 qm große Halle schreiten, findet immer wieder neue Blicke und Perspektiven, ein durch und durch großartiges Bauwerk.

Ein schöner Kontrast ist die Schloss- und Gartenanlage Alcázar de los Reyes Christianos, durch die wir am frühen Abend streifen. Vom Schlossturm aus hat man einen Blick in die königlichen Reitställe nebenan, rassige Pferde gehören ebenso zu Andalusien wie die atemberaubende Architektur. Im Garten holt sich Kolumbus den Auftrag zur Entdeckung einer neuen Welt ab.

Zum Sonnenuntergang ist die Römische Brücke the place to be und danach quellen die vielen Straßenrestaurants über von geselligen Menschen. Über allem liegt der Duft der Orangenbäume – was für ein perfekter Ort!Die römische Brücke in Córdoba

Davon wollen wir mehr und so steuern wir als nächstes Sevilla an. Nach dem fast schon beschaulichen Córdoba erwartet uns hier eine brodelnde Großstadt. Dazu passt auch unser Loft, im allerbesten Urban Style industriedesignt wähnen wir uns mitten im Stadtzentrum, um dann aber festzustellen, dass Sevilla eine riesige Innenstadt hat. Und Restaurants, die ganz harmlos daherzukommen scheinen, mit kleinen Tischen auf breiten Bürgersteigen und klassisch wirkenden Tapaskarten. Um uns dann ins Reich der modernen spanischen Leckerstküche zu entführen. Das hatte ich nicht erwartet, aber klar, Iberico-Schinken, Gazpacho und die Inspirationen durch die Mauren mit einer Vielzahl orientalischer Gewürze, all das kommt von hier. Wir schlendern am Ufer des Río Guadalquivir entlang, vorbei an der Stierkampfarena Plaza de Toros – sie tun es leider immer noch, die Spanier – durch das historische Viertel El Arenal bis hin zum Plaza de España. Der riesige Platz wurde 1929 zur Iberoamerikanischen Ausstellung gestaltet. Das gigantische halbkreisförmige Gebäude, das den Platz begrenzt, reich verziert und durchzogen von einem Kanal, auf dem eine Ruderbootpartie unternommen werden kann – ein bisschen erinnert mich das an die künstlichen Welten in Las Vegas, aber hier wirkt es authentisch und begeistert so sehr, dass der Platz gerne auch mal für Hollywood-Produktionen als Kulisse dient.

Nach so viel urbaner Grandeur steuern wir eines der weißen Dörfer Andalusiens  an. Wobei Ronda schon länger kein Dorf mehr ist, die Häuser dafür aber weitgehend weiß und in spektakulärer Lage hoch auf einem Felsen oberhalb einer tiefen Schlucht, die von der Puento Nuevo überspannt wird. Wieder haben wir absolutes Glück mit unserer Wohnung, ein schmales Häuschen am Rande der Altstadt über drei Stockwerke und mit viel Charme. Ronda ist beliebt bei Tagestouristen, die Stadt ist schon in der Vorsaison tagsüber voll. Elektronisch verstärkte Straßenfolklore schallt über das Tal, aber hübsch ist es trotzdem. Am Abend wird alles ein wenig intimer und man findet Platz auf gemütlichen Mäuerchen, um den Sonnenuntergang über dem Tal gemütlich beobachten zu können. Im Restaurant Las Tablas kommt das perfekt gebratene Fleisch auf großen Schieferplatten, aber erinnern werde ich mich vor allem an den New York Cheesecake aus Ziegenfrischkäse – eine echte Genussüberraschung!

Los, alles aufessen!

Und jetzt auf nach Granada! Nicht ganz freiwillig haben wir die Stadt ans Ende unserer Andalusienreise gelegt. Eric kam vor Wochen zum Glück auf die Idee, mal nach Karten für die Alhambra zu gucken. Und siehe da – so gut wie ausgebucht. In der Vorsaison. Die einzigen Karten die wir noch ergattern konnten, gelten für den vorletzten Tag unserer Reise und zwar für 8:30 Uhr. Wie das wohl mit Tickets in der Hochsaison läuft? Zwei Jahre im Voraus buchen?

Auch hier wieder eine schöne Wohnung, mitten in der Stadt, die Kathedrale von Granada gleich um die Ecke und von leckeren Restaurants scheint man in Andalusien ja sowieso nie weiter als 100 Meter entfernt zu sein. Und so schön die Stadt ist – Overtourism ist hier ein Thema. Die Herzlichkeit anderer Städte, die scheint schon etwas verloren gegangen und einer routinierten Professionalität gewichen zu sein. Aber nicht so sehr, dass man sich hier nicht wohlfühlen könnte. Wir laufen durch das Stadtviertel Albacín den Hügel hinauf, orientalisch gestaltete kleine Läden und Restaurants säumen die Gassen, und plötzlich sehen wir sie: die Alhambra auf dem Berg gegenüber. Im Hintergrund die schneebedeckten Hügel der Sierra Nevada. Der Anblick ist atemberaubend, so schön, so ergreifend, weil ich schon so lange hierher wollte. Es gibt einige erste Blicke, die mich weltweit fassungslos gemacht haben, der auf den Grand Canyon, das Taj Mahal, die Klagemauer in Jerusalem und jetzt die Alhambra gehören dazu.Die Alhambra

Am nächsten Tag ist es dann soweit, früh quälen wir uns aus den Betten, lästern auf dem Weg zur Alhambra, dass es eher Panikmache im Internet ist und bestimmt noch Tickets vor Ort erhältlich sind und wir vollkommen umsonst so früh durch die Stadt schleichen. Wir durchqueren das große Eingangstor, laufen durch einen Park, keiner da, wussten wir’s doch. Oben angekommen ist dann aber klar: hier ist bereits was los und Tickets vor Ort, das kann man vergessen. Wir reihen uns in die Schlange der Wartenden, eine Viertelstunde noch bis zur Öffnung und die vielen Absperrungen, die die Massen kanalisieren sollen, geben einen Vorgeschmack auf den Ansturm. Wir sind fast die Ersten, die den maurischen Traum betreten und dem Zauber des Orients erliegen. Die kunstvoll dekorierten Räume, die prachtvollen Innenhöfe mit leise plätschernden Brunnen, das Spiel mit Schatten und Licht, das durch die steinernen Gitter der Fenster fällt, Säulen und Durchgänge – sie haben es sich sehr schön gemacht, die maurischen Herrscher. Die wechselvolle Geschichte der Alhambra lassen wir außen vor – zu schön, zu atmosphärisch ist die Palastanlage, um sich mit den spanischen Königen zu beschäftigen. Unser unfreiwillig frühe Besuch erweist sich als Glück – hinter uns drängen die Massen in die Palastanlage.

Ein langer Spaziergang durch die Gärten der Alhambra, ein Bummel durch die Gassen Granadas, ein letztes spanisches Tapas-Dinner, dann ist er vorbei, der letzte Tag unserer großen Reise. Was wir nicht gedacht hätten: Andalusien hat sich nahtlos in die Highlights unserer Reise eingereiht und Spanien haben wir sicherlich nicht zum letzten Mal besucht – außerhalb der Hauptsaison.

Jetzt steht nur noch Zurückreisen an und das mit gemischten Gefühlen. Natürlich ist da eine gewisse Vorfreude, nicht mehr alle paar Tage zusammenpacken, ständig nach neuen Unterkünften recherchieren zu müssen. Aber die große Freiheit, die täglichen Abenteuer, die vielen Inspirationen, die sind jetzt erst mal vorbei. Vier Monate waren wir unterwegs, für ein Resümee ist es jetzt noch zu früh. Machen wir uns also erstmal auf zurück in die Normalität. Danke für’s Begleiten, Ihr Lieben!

 

Wolkenwanderungen

Nur ein relativ schmaler Streifen Küstenlandschaft umgibt La Réunion. Kaum genügend Platz für die Städte, rasch wird es hügelig und die Straßen steigen steil an. Die Vororte kleben wie kleine Insekten an den Hängen und am Abend funkeln die beleuchteten Wohnhäuser wie ein Schwarm Glühwürmchen, der über der Stadt schwirrt. Die Berge dahinter sind von der Küste aus meist nur schemenhaft und wolkenbedeckt zu erkennen. Aber hier warten die eigentlichen Highlights von La Réunion.

Im bergigen Inneren der Insel gibt es drei Talkessel. Der von Mafate ist nur zu Fuß oder mit dem Helikopter zu erreichen und scheidet für uns damit aus. Wir machen uns erst mal auf zum Cirque de Cilaos. Hierher führt die „Straße der 400 Kurven“ und diese Zahl ist sicherlich nicht übertrieben. Fast senkrecht türmen sich die üppig grünen Berge vor uns auf, Wasserfälle stürzen ins Tal hinunter und die Straße windet sich mal rechts, mal links und oft so steil, dass nur der erste Gang hilft. Furchtbar sei es, auf La Réunion zu fahren, diese engen Kurven, ungeduldige Einheimische, tiefe Gräben am Straßenrand, schreiben die Reiseführer. Aber wahrscheinlich sind wir mittlerweile abgehärtet, es fährt sich erstaunlich gut und auf deutschen Straßen geht es wesentlich ungeduldiger zu. Kein Grund also, die spektakulären Blicke, die sich nach jeder Kurve auf’s Neue bieten, auszulassen.

Wir haben ein kleines Häuschen in einem abgelegenen Dorf am Rande des Talkessels in Palmiste Rouge gemietet. Es regnet als wir ankommen, aber das scheint hier normal zu sein. Ohne Schirm gehen wir ab sofort nicht mehr aus dem Haus und Wolken werden unsere ständigen Begleiter der nächsten Tage. Es gibt tolle Wanderwege auf La Réunion, so grün, so viele Wasserfälle, so viele Überraschungen, wenn sich die Wolken plötzlich verziehen und den Blick auf Gipfel und Täler freigeben.

Für viele Wanderabenteuer muss man sehr fit und sehr trittsicher sein – und zumindest ich bin das nicht. Noch nie bin ich gerne von Stein zu Stein über Flüsse gesprungen oder endlos bergauf gestiegen. Ich bin eine Flachländerin, das ist sogar genetisch bewiesen. Anders die Réunionaisen. Über die Insel rennen ist hier Nationalsport. Beim Grand Raid spurten sie jedes Jahr 165 Kilometer bergauf bergab quer durch die Insel, fast 10.000 Höhenmeter überwindend. Der Beste in unter 15 Stunden, aber zu den Top 100 gehört man auch mit 50 Stunden. Diagonale des Fous, Diagonale der Verrückten, nennt man den Lauf auch, an dem 1350 Einwohner von La Réunion und 1000 von außerhalb teilnehmen. Und weil dafür natürlich auch trainiert werden muss, überholen uns immer mal wieder Sprinter, die über die Flüsse springen als wärs nix. Mein Neid ist ihnen sicher. Wir jedenfalls wandeln auf einigermaßen ebenen Strecken und drehen halt wieder um, wenn’s zu steil oder zu nass wird.

Etwas gefälliger kommt dann der Cirque de Salazie daher, wo man ebenfalls sehr schön wandern kann, dessen Attraktion aber auch die hübschen kreolischen Dörfer mit ihren bunten Holzhäusern sind. Hell-Bourg ist ein solches Exemplar, es wird auch als das schönste Dorf Frankreichs bezeichnet. Die Grand Nation ist ja mit etlichen hübschen Städtchen gesegnet, ob Hell-Bourg da jetzt so ganz besonders raussticht, glaube ich zwar nicht, aber der Ort mit seinen schönen Häusern und umgeben von riesigen Wasserfällen ist durchaus eine Reise wert.

   

Das hätte dann alles sehr harmonisch sein können, wenn booking.com ein wenig verlässlicher wäre. In der absoluten Einsamkeit haben wir ein Häuschen gebucht, die Anfahrt ist anstrengend, Google kennt nicht immer einen gut befahrbaren Weg, aber gen späteren Nachmittag schaffen wir es dann. Voller Vorfreude auf ein kühles Bier, ein selbstgekochtes Abendessen und eine Waschmaschine kommen wir an. Doch was sind das für Handtücher auf unserer Veranda? Unsere schöne kleine Villa ist bereits belegt. Und zwar eindeutig durch einen Fehler von booking.com. Nachdem wir zwei mal aus der Hotline fliegen, bietet man uns eine Unterkunft, für die wir etwa zwei Stunden fahren müssten als Alternative an. Die wahrscheinlich vor allem deswegen noch zu haben ist, weil sie mit „Sehr schlecht“ bewertet ist. Mehr Unterstützung gibt’s nicht von dem Reiseportal, das in den vergangenen 100 Tagen recht gut an uns verdient haben dürfte. Auf die Schnelle und in der beginnenden Dämmerung finden wir ein Zimmer, zu dem wir dann etwa eine Stunde unterwegs sind – über dustere, enge, kurvige Straßen. Nie im Leben wären wir freiwillig in der Dunkelheit durch diese Berge gefahren. booking.com interessiert so was aber nicht, maximal zahlen sie uns ein paar Euro die Nacht, wenn es etwas teurer wird, aber bitte nicht zu teuer. Und eine Entschädigung für Ärger, Angst und Aufwand? Doch nicht bei booking.com. Die streichen zwar gerne eine ordentliche Provision pro Buchung ein, aber wenn sie ihre Kunden in Schwierigkeiten bringen, dann herrscht ganz schnell das große Schweigen am Ende der Hotline. Nun denn, wir sind um eine Erfahrung reicher.

Nach der Erfahrung mit booking.com brauchen wir erst mal ein Bier.

Was jetzt noch fehlt ist der Grund für all diese Berge und Täler – der Vulkan Piton des Neiges.  Im Regen und Nebel fahren wir die Straße hinauf, die Wolken verschwinden und ein tiefblauer Himmel bietet unglaubliche Aussichten auf die Gipfel. Hier lässt es sich unproblematisch lange am Kraterrand laufen, mit immer schöneren Aussichten und steigender Begeisterung. Eine Landschaft wie aus Jurassic Park, diese glücklichen Réunionaisen!

Und dann nehmen wir den direkten Kraterbereich in Angriff. Der Vulkan gehört zu den aktivsten weltweit, etwa ein mal pro Jahr bricht er aus, aber gerade ist er ruhig. Über eine Mad-Max-ähnliche Piste gelangt man an den Rand des Kraters, von dem aus mehrere Wanderungen möglich sind. Nach einem ersten Versuch, auf einsamen Wegen am Kraterrand entlang zu laufen, entscheiden wir uns für die weniger einsame Variante: den Abstieg über eine lange Treppe hinunter in den weitläufigen Kessel. Bei strahlendem Sonnenschein kommen wir unten an, in der Ferne sehen wir aber schon die Wolkenwand, die sich rasch nähert. Innerhalb kurzer Zeit sind wir in Dunst eingehüllt und ich fühle mich doch sehr an den Nebel des Grauens in „The Fog“ erinnert. Die Wolken ziehen so schnell weiter, wie sie gekommen sind, wir leben noch und machen uns an den nicht ganz unanstrengenden Aufstieg zurück zum Parkplatz.

Für uns war der Vulkan ein harmloses touristisches Abenteuer. Was der Feuerberg anrichtet, kann man eindrucksvoll im kleinen Örtchen Sainte-Rose besichtigen, der 1977 vom Lavastrom verschüttet wurde. Die Kirche, die aus dem Lavafeld freigeschaufelt wurde, trägt heute den Namen Notre-Dame-des-Laves.

Und das war es jetzt schon mit Frankreichs kleinem Paradies im Indischen Ozean. Ausgerechnet am Tag des Generalstreiks gegen die Rentenreform machen wir uns auf zurück nach Europa. in La Réunion sind sie zum Glück viel zu entspannt, um die Flugzeuge ins Mutterland nicht abheben zu lassen. Ob es von Paris aus für uns dann weitergeht, das wird sich zeigen. Jedenfalls war La Réunion eine tolle Entdeckung, exotisch und doch so vertraut, so anders als Mauritius und mit den schönsten Wolken der Welt!

 

 

Département 974 – Frankreichs Paradies

Nur 25 Minuten Flugzeit von Mauritius entfernt liegt Europa. Ein Eiland mitten im indischen Ozean, gerade mal so groß wie das Saarland, aber Teil Frankreichs. La Réunion heißt die wilde Schöne im tiefblauen Meer, auf die wir Anflug nehmen. So nah an Mauritius und doch so anders – eben noch die strahlenden Türkistöne der Westküste bei Mahébourg, jetzt hohe wolkenverhangene Berge und ein Blick auf Europas teuerste Straße. Die Nouvelle Route du Littoral spannt sich entlang der Küste über das Meer, knapp 9 Kilometer der geplanten 12,5 sind fertig und die Gesamtbaukosten werden auf 2,5 Milliarden Euro geschätzt. Im Vergleich zu manch einem Tiefbahnhof fast ein Schnäppchen.

Tschüß Mauritius
Bonjour La Réunion

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wir zücken nach drei Monaten erstmals wieder unsere Euros, legen deutsche SIM-Karten in die Handys ein und fühlen uns in unserem kleinen Apartment unterm Dach fast ein bisschen wie in einer freundlichen Mansardenwohnung in Paris. Die Hauptstadt von La Réunion heißt Saint-Denis, ein fröhlicher Mix aus kreolischen Villen, einem schönen Park, gemütlichen Cafés und einer Fußgängerzone, in der wir das Bummeln durch die Geschäfte genießen. Wären da nicht das wilde Meer und die schroffen Berge im Hintergrund, das könnte auch Südfrankreich sein.

Saint-Denis

Was in La Réunion sofort auffällt, ist der Kulturmix, der die Geschichte der Insel widerspiegelt. Wie Mauritius war Réunion bei Ankunft der Europäer unbesiedelt. Die weißen Eroberer brachten Sklaven aus Madagaskar und Ostafrika ins Land und warben später Menschen aus Indien und China als billige Arbeitskräfte an. Was daraus entstand, ist ein Happy End, eine echte multikulturelle Gesellschaft, wie wir sie so noch in keinem anderen Land erlebt haben. Fast jeder Mensch hier scheint Afrika, Europa und Asien in sich zu tragen. „Als identitätsstiftend für alle Réunionaisen wird heute die als Métissage bezeichnete Vermischung und das friedliche Zusammenleben aller Bevölkerungsgruppen betrachtet.“, schreibt Wikipedia, und das bringt es sehr gut auf den Punkt.

Die Fröhlichkeit und Vielfältigkeit der Menschen spiegelt sich wieder in ihren entspannten Städten. Dabei ist das Paradies nicht frei von Problemen, hohe Arbeitslosigkeit, europäische Preise bei geringerem Verdienst, all das macht Réunion zu schaffen. Doch die Menschen scheinen das Leben hier trotzdem zu genießen, zwischen Bergen und Meer, zwischen Europa, Afrika und Asien.

Ein entspannter Abend am Strand von Saint-Pierre

Die gemeinsame Sprache ist, wie in vielen Ländern mit Sklaverei-Geschichte, Kreol. Aber anders als auf Mauritius ist das Kreol in La Réunion sehr nah am Französischen, also für uns einigermaßen verständlich. Englisch wird – ganz wie in der kontinentalen Grande Nation – eher schlecht gesprochen und verstanden. Aber mit unserem bisschen Schulfranzösisch und einigen dann doch recht gut englisch sprechenden Einheimischen kommen wir durch.

La Dodo lé la – Der Dodo ist hier. Das war einmal, er lebt nur noch im Inselbier Bourbon weiter.

Ein ganz besonders netter Ort ist Saint-Pierre im Süden der Insel. Weder Hauptstadt noch mit spektakulären Stränden versehen, herrscht hier eine besonders entspannte Stimmung. Eine Promenade nebst Leuchtturm am Meer, ein freundlicher Stadtstrand, das ehemalige Fischerdörfchen Terre Saint – perfekt für ein Bier bei Sonnenuntergang -, eine Menge guter Restaurants und nicht zuletzt eine phantastische Stadtwohnung – hier kann man es aushalten. Im Le Caritologue genießen wir ein hervorragendes kreolisches Buffet, fast gegenüber im Afrik N Food begegnen wir zum ersten und sicher nicht letzten Mal der senegalesischen Küche – den Erdnusseintopf Mafe müssen wir unbedingt zu Hause nach kochen. Und unser Apartment mit Outdoor-Wohnzimmer und tropischer Bepflanzung würde ich trotz vergnügter Nachbarschaft mit entsprechender Geräuschkulisse jederzeit wieder mieten.

An der Promenade von Saint-Pierre

Die Städte auf La Réunion sind aber sicherlich nicht die Hauptattraktion der Insel. Und wer endlos lange Sandstrände möchte, wird besser auf Mauritius fündig. Auch sorglos ins blaue Meer eintauchen, könnte auf La Réunion unerfreulich enden – nirgendwo sonst auf der Welt ist die Gefahr eines Haiangriffs höher. Die eigentlichen Attraktionen von La Réunion liegen im Inneren der Insel. Und darüber berichten wir später.