Seit drei Wochen bereisen wir Taiwan. Warum erst jetzt ein Bericht?
Weil dieses Land sich nicht sofort erschließt. Die Menschen sind unglaublich freundlich, doch Städte und Sehenswürdigkeiten überwältigen nicht auf den ersten Blick. Und ja – vielleicht sind wir auch ein wenig reisemüde.
Haben uns Oman und vor allem Australien zu sehr verwöhnt? Haben wir das Staunen für die kleinen Dinge verlernt? Nein. Für Taiwan braucht es eine andere Art der Annäherung.

Nach der abendlichen Landung in Taipeh klappt alles reibungslos. Das Taxi bringt uns in ein knallbuntes Hotel, das sich zudem noch über einem Shoppingcenter und einer Metrostation befindet, etwas außerhalb des Stadtzentrums, in Luzhou, einem Viertel mit ganz eigenen Reizen. Unsere ersten Begegnungen mit der taiwanesischen Kultur finden hier statt – das hervorragende Frühstückscafe mit fluffig-weichen Brötchen, cremigem Ei und Krabben. Der geschäftige Yonglian Tempel und das Anwesen der Familie Li, eine historische Wohnanlage, die einst von Reisfeldern umgeben war und nun eine kleine Oase inmitten von Hochhäusern bildet. Stimmungsvoll und vollkommen untouristisch.

Die Innenstadt von Taipeh ist nur eine kurze Metrofahrt entfernt: Taipeh 101, das ehemals höchste Gebäude der Welt, das Chiang Kai Shek Mausoleum – interessant, aber noch springt der Funke nicht über. Viele der riesigen Wohnhäuser in der Innenstadt wirken grau, funktional und etwas heruntergekommen. Vielleicht müssen wir einfach noch einmal wiederkommen, sagen wir uns.

Also steigen wir in den Zug und beginnen, die Insel im Uhrzeigersinn zu umrunden.
Erster Stopp: Hualien. In der Nähe liegt mit der Taroko-Schlucht eine der größten Attraktionen des Landes. Wir übernachten in einem Homestay, eine in Taiwan beliebte Unterkunftsform, und stellen fest: das ist nichts für uns. Zu kommunikativ der Betreiber, der uns streng fünf Minuten nach dem vereinbarten Frühstückstermin aus dem überdekorierten Zimmer klopft.
Dafür erleben wir unseren ersten Hot Pot – Essen zum Selberkochen am Tisch, große Teller mit Gemüse, Fleisch und Fisch wandern in die bestellte Brühe. Von unseren Tischnachbarn werden wir sehr freundlich und unaufdringlich eingeführt – da, an dieser Station mitten im Restaurant gibt es die Saucen, die hier ist besonders lecker, nehmt euch auf der Rückseite etwas zu trinken und zum Schluss unbedingt noch ein Eis.
Taiwan liegt im „Ring of Fire“, Erdbeben gibt es hier regelmäßig und 2024 erschütterte ein starkes Beben die Region um Hualien. In der Stadt selbst sind die Schäden dank erdbebensicherer Bauweise begrenzt geblieben, aber in Taroko kam es zu mehreren Erdrutschen. Die Schlucht ist seither nur eingeschränkt zugänglich. Trotzdem nehmen wir den Touristenbus, der dann quälend langsam durch die Straßen schleicht, mehrere Schleifen zieht und für die 6 km lange Strecke von Hualien nach Taroko anderthalb Stunden braucht. Am Visitorcenter besteigen wir einen der Berge und erhaschen einen Blick in die Schlucht – weiter hinein ginge es jetzt nur mit einem eigenen fahrbaren Untersatz. Schön, aber wieder: es überwältigt uns nicht.

Weiter die Ostküste hinunter nach Taitung.
Und hier verstehen wir zum ersten Mal, warum wir eigentlich hier sind.
Taiwan lebt nicht von spektakulären Sehenswürdigkeiten. Es ist das Alltägliche: die Gelassenheit, die Freundlichkeit der Menschen, der Stolz auf ihre Küche.
Vielleicht ist genau das unser größtes Privileg auf dieser Reise: Zeit zu haben. Uns nicht von Sehenswürdigkeiten treiben zu lassen, keine Liste abzuarbeiten. Wir lassen Top-Touristenziele wie Alishan oder den Sun Moon Lake bewusst aus – zu aufwendig, zu weit, zu sehr verbunden mit dem Gefühl, wieder irgendwo „hin zu müssen“. Stattdessen bleiben wir länger an Orten, die auf den ersten Blick unspektakulär wirken. Und genau dort beginnt Taiwan für uns interessant zu werden.
Im „Kindness Hotel“ wird das greifbar. Der Name ist Programm: Neben dem Frühstück gibt es den ganzen Tag über kostenlos Kaffee, Tee und Eis, abends ein Snackbuffet, das locker ein Abendessen ersetzt. Fahrräder, Waschmaschinen, Trockner – alles frei verfügbar.
Wir radeln durch die Stadt, werden immer wieder angelächelt, verbringen einen Sonntag im Park, sitzen stundenlang im „Community Café“, wo Menschen plaudern, lernen, arbeiten. Nichts davon ist spektakulär – und genau darin liegt der Reiz. Langsam passen wir uns diesem ruhigeren Rhythmus an.

Wir sind auf einer tropischen Insel und wollen endlich auch ans Meer. Entsprechend groß sind unsere Erwartungen, als wir in Kenting im Süden Taiwans ankommen: türkisfarbenes Wasser, weite Strände, ein bisschen Südseegefühl.
Unser Hotel passt dazu – japanisch inspiriert, ruhig, fast schon minimalistisch. Und dann treten wir am Abend auf die Hauptstraße – und stehen mitten in einer Partymeile.
Kenting ist laut, voll, lebendig. Junge Menschen ziehen in Gruppen durch die Straßen, essen an den Ständen, spielen an Wurfbuden, lachen, rufen durcheinander. Es ist nicht ganz das, was wir gesucht haben. Und doch hat dieser Ort etwas. Keine gröhlenden Massen, kein exzessiver Alkoholkonsum – stattdessen eine erstaunlich entspannte, fast freundliche Form des Feierns. Viel Energie, aber wenig Aggressivität.
Am nächsten Morgen wirkt alles wieder ruhig. Der Strand lädt zu einem Spaziergang ein, das Meer glitzert – und trotzdem bleibt das Gefühl: Für große Naturmomente sind wir vielleicht am falschen Ort.

Also ziehen wir weiter Richtung Westküste.
Kaohsiung macht Spaß. Die ehemalige Industriestadt befindet sich mitten im Wandel hin zu einer grünen, lebenswerten Metropole. Wir statten den Tempeln am Lotus See einen Besuch ab, betreten den wichtigsten für optimiertes Glück durch das weit geöffnete Drachenmaul und verlassen ihn durch das Tigermaul. Wieder nur nette Menschen um uns herum, die lächeln, grüßen, fragen, wo wir her kommen. Oh Germany, staunt ein Mann und zeigt uns stolz Bilder auf seinem Handy, er war schon in Berlin und in Finnland und jetzt müsse er dringend noch ein Bild mit Eric machen.

Am Hafen bestaunen wir die futuristische Architektur und genießen die stylischen Geschäfte in den ehemaligen Lagerhallen. Auf dem Nachtmarkt trauen wir uns an etwas exotischere Snacks und schlemmen in einem unscheinbaren Fischrestaurant günstige und leckere Sushi. Wäre jetzt noch das Hotel besser gewesen, sehr stylisch eigentlich, aber mit muffiger Luft ohne öffenbare Fenster, die Tage wären perfekt gewesen.
In Sachen Hotel wird das Xiuxi in Anping alles schlagen, was wir bisher erlebt haben. Nicht nur der unglaublich freundliche Empfang, der tägliche Nachmittagstee mit wunderschönen kleinen Snacks, das riesige Zimmer.
Das Frühstück ist ein Erlebnis für sich: ein mehrgängiges Menü, optisch fast auf Sterne-Niveau. Abends hätten uns die chinesisch deftigen Geschmäcker vermutlich mehr begeistert als morgens um neun – aber beeindruckend ist es allemal.

Unvergesslich wird mir Anping aber nicht wegen der kolonialen Bauten bleiben, die recht schön anzusehen sind – es ist das, was das Hotel allabendlich in seinem „Medienlabor“ bietet. Die Projektion unterschiedlichster Szenen auf Wände und Boden, die man entweder gemütlich auf Sitzsäcken flezend oder durch den Raum spazierend genießen kann, ist ein echter Traum. Bewegt man sich, hinterlässt man Lichttapser auf dem Boden und an den Wänden. Am letzten Abend staunen wir mit einem kleinen Jungen um die Wette, der dann seine Zuneigung dadurch zum Ausdruck bringt, dass er Eric Großvater nennt. Kurz sind wir irritiert, aber klar, das könnte unser Enkel sein.
Unser nächster Stopp ist nur eine kurze Taxifahrt entfernt. Tainan ist Taiwans älteste Stadt und wir versuchen es noch mal mit einem Homestay. Diesmal haben wir mehr Glück, die Vermieterin ist ganz reizend und versorgt uns mit Essenstipps für mehrere Wochen. Um die Ecke lassen wir uns durch die lampionbehängten Gassen treiben. Besonders gefällt uns der Konfuziustempel – eine weitläufige Anlage, die all das erfüllt, was man sich unter einem klassischen chinesischen Tempel vorstellt.

Historisches blieb bisher leider etwas auf der Strecke. Aber das soll sich in Lukang ändern. In der Stadt der vielen Tempel liegt direkt gegenüber unseres Hotels der schönste und stimmungsvollste – der Lung-shan Tempel. Was für ein Glück, dass wir ihn durch die kurze Distanz zu allen Tages- und Abendzeiten besuchen können – in der Dunkelheit ist er noch viel schöner, die vielen roten Lampions, die entspannte Stimmung, ein magischer Ort. Wir streifen durch die verwinkelten Gassen, für die Lukang ebenfalls berühmt ist, besuchen ein tolles Museum und lassen uns in einem fröhlichen Friseursalon die Haare schneiden – so zur Begeisterung einer Kundin, dass sie uns zwei „Wheel Cakes“ schenkt. Gleich probieren, fordert sie mich auf, und was ich schon ahnte trifft zu – die Füllung besteht aus gesüßten Kidneybohnen. Aber wir sind so überwältigt von der Freundlichkeit, dass wir auch das wegstecken.

Und jetzt sitzen wir wieder im Zug und nähern uns Taipeh für die letzten Tage. Ein Resümmee muss her. Aber dafür braucht es eine weitere Geschichte.



