Vier Wochen Taiwan – viel Zeit, um ein Land kennenzulernen, das gerade einmal so groß wie Baden-Württemberg ist. Und sich der chinesischen Kultur anzunähern. Ein Resümee sollte eigentlich schon längst erschienen sein – hätte uns unser Provider nicht einen veritablen Globonautenschock versetzt. Zwei Wochen lang waren unsere Reiseberichte verschwunden – vielleicht für immer, mailte Contabo schulterzuckend. Als dann klar war, dass unsere Daten gerettet werden konnten, hakte es noch wochenlang. Zum Glück ging es am Ende gut aus.
Ja, wie war es nun in Taiwan, jetzt auch mit etwas Abstand?
Jedenfalls alles andere als chinesisch. Eigentlich eher japanisch. Unglaublich, dass die vergleichsweise kurze 50jährige japanische Kolonialherrschaft einen so nachhaltigen Einfluss auf die Bevölkerung der Insel hatte, die – abgesehen von den indigenen Völkern – ursprünglich aus China stammt.

Die Menschen sind vermutlich Taiwans größte Attraktion – unglaublich freundlich, hilfsbereit und angenehm. Nichts erinnert an die barschen Gruppen, die uns erst darauf gebracht haben, ein chinesisches Land zu bereisen. Eine vollkommen andere Mentalität.
Wobei ein gewisser Erziehungsprozess durchaus eine Rolle zu spielen scheint: Schilder und Durchsagen in der Metro bitten darum, leise zu sprechen, nicht zu essen und zu trinken, andere erst aussteigen zu lassen. Auf Verbotsschildern finden sich nicht zwei oder drei Anweisungen, sondern gleich 22. Aber ganz ehrlich – es macht das Leben unglaublich angenehm, wenn niemand drängelt, wenn Menschen geordnet an Rolltreppen warten, wenn keine lautstarken Telefonate durch die Bahn schallen und öffentliche Toiletten nicht abschrecken.

Ein Merkmal der taiwanesischen Alltagskultur: die große Liebe zu niedlichen Comicfiguren. Sie begegnen einem überall – schon bei unserem Abflug auf Bali bekommen wir entsprechend dekorierte Boardingpässe der taiwanesischen Fluggesellschaft EVA in die Hand gedrückt. Eine unschuldige, manchmal fast an Naivität grenzende Verspieltheit scheint hier tief verankert zu sein.
Mit der taiwanesischen Geschichte und Kultur haben wir uns wahrscheinlich viel zu wenig beschäftigt. Zu komplex scheinen die vielen Einflüsse, Dynastien und religiösen Strömungen. Die Ureinwohner Taiwans sollen bis nach Hawaii, Neuseeland und in die Südsee gereist sein und als Vorfahren der austronesischen Kulturen gelten. Dann kamen die Portugiesen, die der Insel den Namen Formosa gaben, die Holländer, chinesische Einwanderer, später die japanische Herrschaft von 1895 bis 1945, danach die Republik China, deren Führung nach Gründung der Volksrepublik auf die Insel flüchtete – Kuomintang, Chiang Kai-shek, Kriegsrecht, Demokratisierung und wirtschaftlicher Aufstieg. In nicht mal 40 Jahren hat sich das Land in eine lupenreine Demokratie verwandelt. Taiwan hat eine bewegte Geschichte hinter sich.
Und es ist zu befürchten, dass die Insel in Zukunft nicht nur Gutes erwartet. Kaum ein Land erkennt Taiwan an, um dem großen Nachbarn auf dem Festland nicht auf die Füße zu treten, und der träumt von der „Wiedervereinigung“. Die Düsenjäger, die wir insbesondere an der Ostküste häufig am Himmel sahen und hörten, die überall vorhandenen Luftschutzkeller, machen deutlich, dass Taiwan diesen Traum nicht teilt.
Immer wieder werden wir auf diesen unklaren Status gestoßen – Weltkulturerbestätten, zum Beispiel. Gibt es hier nicht, schlicht deshalb, weil Taiwan nicht Mitglied der UNESCO sein darf.

Unsicherheit kam bei uns dennoch keine Sekunde auf. Im Gegenteil: Vermutlich haben wir uns noch nie in einem Land so sicher gefühlt wie hier. Eine extrem niedrige Kriminalitätsrate, keine Anmache, selbst die Taxifahrer wollten uns nicht übers Ohr hauen. Sauberkeit und Hygiene sind selbstverständlich. Essen, Trinkwasser, Straßen – nirgendwo hatten wir das Gefühl, besonders vorsichtig sein zu müssen. Auffällig war die große Zahl alleinreisender Frauen – ich hätte keinerlei Bedenken, hier auch solo unterwegs zu sein.
Auch ganz praktisch ist Taiwan ein sehr angenehmes Reiseland. Viele Hotels waren hervorragend. Unser Favorit bleibt das Xiuxi in Anping mit seinem märchenhaften Medienraum, aber auch unsere Hotels in Taipeh, aus denen man direkt ins nächste Shoppingcenter fiel, machten einfach Spaß.
Das Bahnsystem ist hervorragend: pünktlich, preiswert und effizient. Tickets lassen sich bequem online buchen und später am Bahnhof oder sogar im Supermarkt ausdrucken – der Automat spricht auf Wunsch sogar Deutsch. Geht sicherlich auch ganz papierlos, aber uns war doch wohler, etwas Vorzeigbares in der Hand zu haben.
Die Städte verfügen über nahezu perfekte Metrosysteme – günstig und angenehm. Mit der aufladbaren EasyCard kann man im ganzen Land den Nahverkehr nutzen und sogar Fahrräder ausleihen. Genau das machen viele: Metro verlassen, Fahrrad nehmen und weiterfahren. So kommt das Land zum Glück ohne die nervigen E-Scooter aus.
Überhaupt das Radfahren – erstaunlich beliebt und unterstützt durch eine gute Infrastruktur. Viele Hotels verleihen Fahrräder kostenlos und gerade in den Städten war das eine wunderbare Art, unterwegs zu sein. Westliche Touristen kommen gerne für Radtouren nach Taiwan, sicherlich auch eine spannende Möglichkeit, das Land zu erkunden.
In Taiwan wird zu jeder Tages- und Nachtzeit gegessen. Hotels bieten oft kostenlose kleine Snacks an, Eis, Kekse oder auch mal Nudelsuppen, damit niemand hungrig ins Bett gehen muss. Aber auch hier wieder – bitte benehmen. „Do not talk when picking up food“, nicht sprechen beim Beladen der Teller, weist uns ein Schild am Buffet zurecht – das sei hier die „dining etiquette“.
Die Nachtmärkte quellen über vor unterschiedlichsten Spezialitäten, die aber sehr auf chinesische Geschmäcker zugeschnitten sind – Hühnerfüße, Stinky Tofu, Innereien aller Art – zu vielem konnten wir uns nicht überwinden. Der Rest war allerdings köstlich! Erstaunlicherweise war es abseits der Nachtmärkte abends nicht immer einfach, ein Restaurant zu finden, vor allem wenn man nur eine Kleinigkeit, und keinen riesigen Hotpot vertilgen wollte. Aber – verhungert sind wir auf keinen Fall.
auf dem Nachtmarkt in Kaohsiung
Taiwan hat den Bubbletee erfunden und das ist kein Wunder. Denn Teestände finden sich an jeder Ecke und ein großer Teebecher in der Hand scheint zum Outfit zu gehören wie eine Handtasche. Die Bubbles im Tee, Tapioka-Perlen, haben wir probiert und festgestellt: einmal reicht. Aber geeister Oolong-Milchtee, das ist schon etwas sehr Feines! Bei der Bestellung bekommt man eine Skala entgegengestreckt, auf der sich die Menge der Eiswürfel und der Zuckergehalt festlegen lassen. Und wenn ich jetzt so darüber schreibe – diesen köstlichen Tee vermisse ich!

Taiwan ist ein wohlhabendes Land, die Halbleiter-Industrie hat es reich gemacht. Im Straßenverkehr fielen uns die vielen teuren deutschen Autos auf. Brav, kurbelt sie nur an, unsere Autoindustrie 🙂
Einen gewissen Kontrast zum sichtbaren Wohlstand bilden immer wieder ältere Hochhauskomplexe, die von außen recht heruntergekommen wirken. Gerade in Taipeh tauchen zwischen modernen Gebäuden regelmäßig graue, etwas schmuddelige Fassaden auf – aber vielleicht wird das ja mit der Zeit.
Historische Sehenswürdigkeiten gibt es erstaunlich wenige. Es waren vor allem die Tempel, die wir auf der Suche nach kulturellen Highlights besuchten. Die meisten sind eher Stätten der Alltagskultur. Ein klein wenig mehr hatte ich mir erwartet, aber es gab sie, die magischen Orte, wie den Lung-shan Tempel in Lukang, den Konfuziustempel in Tainan, die kleinen Museen rund um das Anping-Baumhaus und das sehr empfehlenswerte Lukang Folk Arts Museum. Und nicht zu vergessen gleich am Anfang in Taipeh der Yonglian-Tempel, eingebettet in ein Gewirr aus Straßen und voller Leben.

Wir hatten vier Wochen lang die Gelegenheit, einen Einblick in ein Land zu bekommen, dem keine allzu rosige Zukunft bevorstehen könnte. Taiwan ist für uns jetzt nicht mehr nur die Insel aus den Nachrichten, die von der Volksrepublik China bedroht wird. Wir haben einen Eindruck davon bekommen, was die Taiwanesen verlieren, wenn sie annektiert werden. Taiwan hat für uns ein Gesicht bekommen.
Sehr berührt hat mich ein Schild in einer archäologischen Ausgrabungsstätte in Taitung. Dort hatte man mit viel Liebe ein prähistorisches Haus aus Holz und Stroh rekonstruiert. Nach einem Unwetter blieben von dem mühsam errichteten Gebäude nur einige verkohlte Balken zurück. An dieser Ruine stand: „Das prähistorische Haus wird in neuer Hoffnung wiedergeboren. Nach einer Feuerprobe beginnt für das Haus ein neuer Zyklus. Die Menschen der Urzeit scheuten sich nie davor, von vorne anzufangen und ihre Behausungen jedes Mal neu zu errichten. Auch wir werden diese Widerstandskraft weitertragen.“
Vielleicht spiegelt sich in diesen Worten vieles von dem wider, was Taiwan für uns ausmacht. Diese Resilienz wünsche ich dem Land ganz besonders für die Herausforderungen, die eine mögliche Annexion mit sich bringen würden.
Eine Begegnung mit einer chinesischen und eben doch nicht chinesischen Gesellschaft. Wir sind ehrlich – ein paar Tage weniger hätten auch gereicht, um einen Eindruck von der Insel zu bekommen, aber vielleicht wird es kein zweites Mal geben, wenn China seine Drohungen wahr macht. Deswegen – wir sind sehr froh, einen Einblick in dieses erstaunliche Land bekommen zu haben. So klein, so erfolgreich. So starke chinesische Wurzeln, so gar nicht chinesisch. So nah an der westlichen Kultur und doch so exotisch.
Deshalb sind wir vor allem eines: froh, dort gewesen zu sein.






