Meine Sommerkatze

Vor anderthalb Jahren zog ich in eine neue Wohnung am Rande der Stadt. Es war Winter, mir war noch nicht klar, dass die große Terrasse, hinter der steil der verwilderte Garten bis hinauf zum Weinberg anstieg, mein zweites Wohnzimmer werden würde. Als sich die Kälte langsam verzog, die Sonnenstrahlen bis zum großen Gartentisch drangen und die Luft mild wurde, saß ich schon morgens mit einem Kaffee auf der alten Bank, die meine Vorgängerin hinterlassen hatte, das Laptop vor mir mit einer Ahnung, dass dies mein Lieblingsarbeitsplatz werden würde.

Eine kleine rot weiß gestreifte Katze tigerte immer wieder durch den Garten oberhalb, guckte interessiert auf mich herab und eines Tages sprang sie plötzlich durch die Hecke vom Nachbargrundstück hinunter auf eines der Beete und kam näher. Ein erster kurzer Besuch. Ein paar Stunden später war sie wieder da, auch am nächsten Tag. Sie streifte um meine Beine, ließ sich kraulen, schnurrte genüsslich und eines Tages sprang sie von einem Gartenstuhl hinauf auf den Tisch. Langgestreckt räkelte sie sich in der Sonne, genoss die Wärme und die Nähe und inspizierte ab und an mein Laptop.

Mein Vorsatz, sie nicht in die Wohnung zu lassen, fiel schnell. Neugierig blickte sie durch die Terrassentür hinein, setzte erst eine Pfote und schnell alle Viere in die Wohnung und begann einen Inspektionsrundgang. Das Wohnzimmer schien eher uninteressant, aber das Badezimmer und die Küche mit den kühlen, glatten Fliesen hatten es ihr angetan. Dann ab ins Arbeitszimmer und von dort wieder hinaus auf die Terrasse. Ab sofort unternahm sie täglich mindestens eine Runde, neugierig, aber ohne Unsinn im Kopf. Danach legte sie sich auf den Tisch zu mir und wir verbrachten den Tag zusammen in der Sonne, sie meist schlafend, ich arbeitend. Am Abend kam sie ein letztes mal hinein ins Wohnzimmer, so als wolle sie sich für die Nacht verabschieden, und begab sich dann auf die Pirsch. 

Frühmorgens öffnete ich die Terrassentür, schlüpfte wieder mit einem Kaffee ins Bett, bis ich das Tapp Tapp Tapp auf dem Parkettboden hörte. Da war sie, forderte mich auf, hinaus an den Tisch zu kommen und den Tag mit ihr zu verbringen.     

Wo würde sie schlafen, wenn es kalt wird? Sollte ich sie füttern? Ich kam mit der Nachbarin ins Gespräch, kennen Sie die Katze, gehört sie irgendwo hin? Ja, ja, sagte sie, die Eigentümer seien alt und krank, aber die Katze könne nachts ins Haus und würde dort auch gefüttert werden. Nichts geben, sie würde genug bekommen, war der Rat der Nachbarin.

Sie sah tatsächlich auch wohlgenährt aus, das Fell glänzend, nur die Augen etwas verkrustet. So rieb ich ihr allmorgendlich mit feuchter Watte den Schlaf aus den Augen, stellte Trinkgefäße auf und gab ihr Leckerli. Drei am Tag, nicht mehr.

Der Sommer war warm und duftend, die Katze und ich fühlten uns wohl, sie hatte mich offensichtlich als ihre Sommerheimat gewählt. Als die Nächte kälter wurden und es auch tagsüber draußen nur noch eine kurze Zeit angenehm war, machte sich die Katze rar. Ich stellte ihr ein warmes plüschiges Körbchen auf die Terrasse, aber bald sah ich sie nicht mehr. Ich vertraute darauf, was die Nachbarin gesagt hatte – sie hat ein Winter-Zuhause.

Im Januar gingen wir auf große Reise und als wir Anfang Mai wiederkamen, war sie nicht mehr da. Sie fehlte, wenn ich am Tisch saß, aber die Katze und ich, wir waren da sehr ähnlich –  sie kam und ging wie sie wollte und ich tat das Gleiche.

Dann plötzlich sah ich sie. Oben im Garten querte sie die Beete. Katze, rief ich, und tatsächlich, sie kam hinunter zu mir. Erst fragend, dann so vertraut wie immer. Wiedersehensfreude auf beiden Seiten. Die Temperaturen stiegen, der Frühling endete und sie wurde wieder zu meiner Sommerkatze. 

Dann kam die große Hitze. Ich flüchtete mich in die dunkle Wohnung, die Katze wechselte zwischen einem Plätzchen unter dem dichten Busch, dem Schatten des Tisches und einem weichen Nest aus Gras unter einem kleinen Baum. Ich trug ihr die Trinkgefäße hinterher und versuchte, sie in die Kühle der Wohnung zu locken. Doch sie wollte draußen sein.

Als die Hitze wich und wir uns wieder am Gartentisch trafen, hatten wir noch ein paar Tage wie im letzten Sommer. 

Dann wurde klar – der Katze geht es nicht gut, sie hat Schmerzen. Sie blieb in meiner Nähe, aber mit größerem Abstand. Ich war hilflos – was sollte ich tun? Zum Tierarzt? Du kannst doch eine fremdes Tier nicht einfach so zum Tierarzt schleppen, sagte man mir. Ich beschloss: ich schaue mir das noch übers Wochenende an, dann muss ich handeln. Am Freitag Nachmittag konnte ich es nicht mehr mitanschauen – sie litt, sie konnte sich kaum noch hinsetzen, ihr seidiges Fell wurde buschig, sie war lethargisch. 

Ich litt mit ihr, googelte, ob ich Schmerzmittel kaufen könnte, um sie übers Wochenende zu bringen und dann am Montag zum Tierarzt zu gehen. Nein, alles aussichtslos. Ruf die Katzenhilfe an, empfahl mir die KI. Und das tat ich. Die Frau beruhigte mich etwas, sie würden vorbeikommen, gucken was sie tun könnten. Ich solle sie füttern. 

Am nächsten Tag kamen sie, ich war erschüttert, die arme kleine Katze in einer Transportbox zu sehen, klagvoll miauend: was tust Du mit mir? Dann war sie weg.

Ich fragte nach, jeden Tag, wie es der Katze gehe. Bekam Informationen, die mich hoffnungsvoll stimmten. Fing an zu überlegen, ob ich sie ganz aufnehmen könne. Informierte mich über Winterhäuschen für Katzen, überlegte, wer auf sie aufpassen könnte, wenn ich nicht da bin, zermarterte mir das Hirn, wie ich unsere Freundschaft retten könnte.

Die Informationen der Katzenhilfe kamen spärlich und nur auf Nachfrage. Ich sagte ihnen, ich schrieb ihnen, dass ich dabei sei, eine Lösung zu suchen. 

Am Mittwoch sah ich, dass sie eine Facebook-Seite haben. Und da war sie, meine kleine Sommerkatze, mit einem Aufruf, sie zu vermitteln. Ein Kater sei sie eigentlich, 14 Jahre alt und mit Alterszipperlein. Er hätte viele Jahre auf der Straße gelebt und um Essen betteln müssen. Mir stockte der Atem, meine Brust wurde eng. Ich war fassungslos. Gerade eben hatten wir doch noch Kontakt über WhatsApp gehabt. Da war der Vermittlungsaufruf schon Stunden alt. Und auf der Straße gelebt? Um Essen betteln müssen? Meine Sommerkatze? Das ist einfach durch und durch nicht richtig.

Ich schrieb ihnen eine Mail. Telefonieren hätte ich nicht können, meine Kehle war wie zugeschnürt. Dass sie doch wüssten, dass ich mich bemühe. Warum sie mir nichts gesagt haben? Dass sie über ihre Liebe zu Katzen die Menschen vergessen haben.

Ich bekam keine Antwort. Heute sah ich auf Facebook, dass meine kleine Sommerkatze ein neues Zuhause bekommen wird. Ein schönes Zuhause, mit Garten und einer Katzenfreundin.

Dass mich so ein kleines Tier so berühren könnte, hätte ich nicht gedacht. Vielleicht habe ich es geahnt und ihr deswegen keinen Namen gegeben. Hatte gewusst, dass wenn unsere Beziehung nicht mehr unverbindlich ist, sie und ich nicht mehr kommen und gehen können, wie wir es wollen, dass wir uns dann trennen müssen. Es wird ihr besser gehen, bei Menschen, die immer da sind, bei denen sie auch im Winter bleiben kann, die auf ihren alternden Körper besser eingehen können.

Doch es tut weh. Und mit dem Schmerz schwingt die riesige Enttäuschung mit. Warum sind sie so vorgegangen? Warum haben sie mir nicht erklärt, was sie tun? Warum haben sie nicht versucht, zusammen mit mir eine Lösung zu finden? Die auch darin hätte bestehen können, sie an einem anderen Ort unterzubringen. Warum?

Ich möchte mich nicht so an meine kleine Sommerkatze zurückerinnern. Wenn ich an sie denke, will ich an den Sommer denken, an ihr wohliges Räkeln neben mir auf dem Tisch, an ihr Schnurren. Wie sie mir um die Beine strich, wenn ich in der Küche stand, wie sie aufmerksam auf dem Küchenbalkon den Vorgarten unter ihr beobachtete, wie es raschelte und meine kleine Sommerkatze auf meine Terrasse sprang, um den Tag mit mir zu verbringen.

Ich darf aus dem Ganzen nicht folgern, dass es gefährlich ist, Hilfe zu suchen. Wohlmöglich verbittert sein. Meine kleine Sommerkatze hat es nicht verdient, dass meine letzten Erinnerungen an sie negativ sind.

Vielleicht wollte sie mir zeigen, wie wichtig es ist, immer auch die Menschen mitzudenken, bei allem Engagement. Auch ich bin ehrenamtlich tätig, so wie die Menschen der Katzenhilfe. Ich recherchiere jüdische Lebensläufe und versuche, jüdischen Menschen ihren Namen und ihre Geschichte zurückzugeben. Konzentriere ich mich dabei vielleicht zu sehr auf meine Forscherambitionen? Geriere mich als Expertin, wo ich keine bin? Und verliere ich darüber die Menschen aus dem Blick? So wie es die Menschen der Katzenhilfe getan haben, unabsichtlich vielleicht, zu sehr überzeugt davon, dass nur sie das Richtige für die Tiere tun.

Mich mehr zu hinterfragen, mehr auf Menschen zu achten, ihre Bedürfnisse und Gefühle, das soll das Erbe meiner kleinen Sommerkatze sein. Und es wird ihr gutgehen, das ist die Hauptsache.

 

 

2 Kommentare

  1. Liebe Julia,
    die Geschichte deines Sommergastes berührt mich sehr.
    Wir haben sie ja kennengelernt.
    Und es tut mir sehr leid, wie mit deinem Engagement umgegangen wurde.
    Ich habe den Eindruck, daß deine Fürsorge und dein verantwortliches und respektvolles Handeln auch gegenüber den Besitzern des Tieres von den Helfern der Katzenhilfe nicht erkannt wurde. Oder es wurde einfach ignoriert. Ich wünsche Dir, daß Du Dich nicht über die Menschen ärgerst. Du wirst Dich immer liebevoll an Deinen Gast erinnern.
    Liebe Grüße

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