Namaste Nepal

Jetzt waren wir gerade mal drei Wochen in Nepal 20160301-Kathmandu-Nikon-567und doch hat mich das Land auf eine andere Art berührt als unsere bisherigen Reiseziele. Wie mit einer Zeitmaschine hunderte von Jahren zurückversetzt liefen wir staunend durch die Straßen der mittelalterlichen Städte Patan und Bhaktapur und sahen Handwerkern zu, deren Werkzeug und Methoden uralt sind. Wir bewunderten die Tierwelt in Chitwan, in der P1080093Mensch und Tier verträglich miteinander zu leben scheinen, und radelten durch Dörfer, die auch vor tausend Jahren kaum anders aussahen als heute. Es waren aber insbesondere die Menschen,
die den besonderen Charme Nepals ausmachen, die vielen freundlichen Begegnungen und wenn es nur ein kurzes „Namaste“ beim Schlendern durch die Straßen war. Ganz auffällig ist der sehr sympathische Humor der Nepalesen, die sich gerne auch mal selber auf die Schippe nehmen. Da war die Frau, die mir in ihrem Lebensmittelladen Bustickets verkaufte, mich eindeutig übers Ohr gehauen hatte, aber wir verstanden uns so gut, dass es mir egal war. Auf 900 Rupien pro Ticket konnte ich sie herunter handeln, was immerP1080116 noch viel zu viel war, und als ich meinte, ich würde noch zwei Flaschen Wasser nehmen, grinste sie und sagte, die würden dann auch 900 kosten. Sie fand ihren Spaß so grandios, dass sie mir immer wieder an den Oberarm boxte, laut lachte und als ich mitlachte bat sie mir einen Schemel in ihrem Laden an, setzte sich neben mich und hielt die ganze Zeit meine Hand bis ihr Mann die Tickets ausgefüllt hatte. Dem war die Geschäftstüchtigkeit seiner Gattin wohl durchaus peinlich, er lud mich zum Ende ein, später mal zum Teetrinken vorbei zu kommen. Da war die Schmuckverkäuferin auf einem der Plätze in Bhaktapur, die mir unbedingt eine Kette verkaufen wollte und immer wieder auf mich lauerte, sobald ich den Platz wieder betrat. Sie hatte sich schon früh damit abgefunden, dass mit mir kein Geschäft zu machen ist, machte sich aber einen großen Spaß daraus, immer wieder wie aus dem Nichts vor mir zu stehen und mal auf Englisch, mal Spanisch auf mich einzureden, immer mit einem freundlichen Lächeln und nie zu aufdringlich.

P1080117Da war der Straßenverkäufer, dem Eric einen Hut abkaufte und ihn fragte, ob er ihn fotografieren dürfte. Der Mann stimmte zu, wollte P1080118sich vorher aber noch schön machen. Während er sein Jacke zuknöpfte, schüttete sich seine Frau daneben vor Lachen aus über die Eitelkeit ihres Mannes.

Und natürlich die vielen Kinder, die sich so sehr freuten, wenn man ihnen zuwinkte, die ihr teilweise sehr gutes Englisch an uns ausprobierten, auch mal nach einer Rupie oder Schokolade fragten, aber auch hier nie zu aufdringlich 20160228-Kathmandu-Nikon-556waren. Die größten Spaß daran hatten, einen alten Fahrradreifen vor sich herzutreiben oder sich aus verknoteten Gummibändern einen Ballersatz gebastelt hatten und damit amüsierten. Die alten Männer, die diskutierend vor dem Teehaus saßen und die Frauen, die mit ihrem Strickzeug auf der Haustreppe hockten und Neuigkeiten austauschten. Da bekommt man sehr leicht den Eindruck, dass die Gesellschaft hier noch funktioniert, auf

Streetfood
Streetfood

Gemeinschaft und gute Nachbarschaft ausgelegt ist, die Familienstrukturen noch intakt sind. Als Westlerin verklärt man sicher vieles, die Leute haben ein äußerst hartes Leben ohne fließend Wasser, Strom, schlechter Luft und begrenzter Versorgung und wünschen sich sicherlich sehnlichst, aus dem Mittelalter in die Neuzeit katapultiert zu werden. Trotzdem war es sehr berührend, diese Lebensweise mitzubekommen und ich habe es sehr genossen.

P1080125
Liebe Leute, solltet Ihr je Gelüste gehabt haben, Nepal zu besuchen, dann tut es bitte. Ich wünsche dem Land so sehr, dass es wieder auf die Beine kommt und der Tourismus ist in vielen Gegenden die Haupteinnahmequelle. Vieles liegt noch in Trümmern, aber die ursprüngliche Schönheit kann man trotzdem überall finden. Wir verabschieden uns mit Wehmut und ich bin mir sicher, noch einmal hierher zurückzukehren.

Hartes Leben der Nepalesen

öffentlicher BrunnenDie Nepalesen sind sehr freundliche Menschen, die einen immer wieder mit einem Lächeln begegnen und ein „Namaste“ zurufen. Vor allem auch die Kinder freuen sich an einer Begegnung und strahlen einen an.
Und dies, obwohl das Leben hier sehr hart ist. Wir bewegten uns nur in den wohlhabenderen Landstrichen, doch waren auch hier immer wieder Menschen zu sehen, die in notdürftigen Zelten oder in stark beschädigten Gebäuden hausen.
Vom allgegenwärtigen Staub, der das Atmen stark beeinträchtigt, und den ewig langen Schlangen vor den Tankstellen, haben wir nun schon öfter berichtet. Doch ist dies nicht das einzige, das den Menschen hier zu schaffen macht. In Bhaktapur, wo wir nun gerade zum Abschluss sind, stehen die Frauen vor mittelalterlichen Ziehbrunnen an, um Wasser für den Haushalt zu schöpfen. An öffentlichen Wasserstellen sitzen sie auch, um dort ihre Wäsche zu waschen und sich selbst gleich mit dazu.Körperpflege im Freien
Die Lebensumstände sind nicht mit denen bei uns zuhause zu vergleichen. In Sauraha, dem Ort am so beeindruckenden Nationalpark, sprach ich mit zwei Hotelangestellten. Krishna ist 49 und hat zwei Kinder. Als bei seinem vierjährigen Sohn Leukämie diagnostiziert wird, da sagen ihm die Ärzte,  in Nepal könnten sie nicht helfen und der Junge würde noch sechs Monate leben. Das wollte er nicht hinnehmen und verkaufte was er hatte, verließ Nepal und ließ den Jungen in Südindien behandeln. Dort konnte er nicht arbeiten und verbrachte so zehn Jahre mit der kein fließend WasserPflege des Sohns. Das ganze Geld ging drauf und er musste darüber hinaus noch Schulden machen. Mit 14 wurde der Bub als geheilt entlassen und sie kehrten zurück nach Nepal. Er ist jetzt 20 Jahre alt und der Vater zahlt noch immer seine Schulden zurück.
Der andere, vielleicht 30 Jahre alt,  hat ein vier Monate altes Kind. Aber seine Frau und der Sohn leben bei seinen Eltern. Das ist zwar nur 30 Minuten mit dem Fahrrad entfernt. Aber er sah sie schon seit vier Wochen nicht mehr, weil er das Hotel nicht einfach verlassen kann. Er könnte ja gebraucht werden -also rund um die Uhr.
Er arbeitete auch schon eineinhalb Jahre in Dubai. Er leidet sehr darunter, von seinen Eltern, seiner Frau und dem Kind getrennt zu sein. Ein sehr netter Kerl, dem man aber neben dem großen Frust auch einen gewissen Zorn am Schicksal anmerkt. In Dubai hatte er an einer anderen Welt und am Luxus geschnuppert.Träger schleppen alles
Ein großes Problem, von dem wir als Besucher aber nur etwas ahnen können, stellt das offiziell zwar abgeschaffte, in der Gesellschaft aber auch in Nepal noch stark gelebte Kastenwesen dar. Uns fehlt der tiefere Einblick, um die vielfältigen Abstufungen erkennen zu können, aber ein hoher Anteil „Unberührbarer“ steht am untersten Ende dieser Hierarchie und ist von vielem ausgeschlossen.

Elefanten

20160306-Nepal-Chitwan-15Einen besseren Ort für Elefantengeschichten gibt es nicht. Vor mir werden gerade vier Dickhäuter im Fluss gebadet, sie liegen genüsslich im Fluss, strecken den Rüssel aus dem Wasser und lassen sich von ihren Mahouts von oben bis unten mit Steinen abreiben. Die Elefanten hier direkt im Ort sind Touristenelefanten, ihr Hauptjob besteht darin, Touristen durch die Ausläufer des Dschungel zu tragen . Wenn wenige Touristen da 20160306-Nepal-Chitwan-11sind, und das ist nach mehreren Feiertagen heute mal wieder der Fall, bekommen sie ein langes Bad im Fluss. Auch hier bleiben sie vor Touristen nicht ganz verschont, in wassertauglicher Kleidung darf man sich auf den im Fluss stehenden Elefanten setzen und wird von ihm geduscht. Glückliche Menschen auf – tja, glücklich wahrscheinlich nicht, aber zumindest mal sehr hübschen Elefanten, die zumindest stolz und und wenig gelangweilt wirken. Natürlich fragt sich die 20160307-Nepal-Chitwan-379sensibilisierte Westeuropäerin sofort, ob das nicht Tierquälerei sei, natürlich ist das Herumtragen von lachenden Touris nicht das, wofür diese Riesen geschaffen sind, aber hier scheinen sie gut herzupassen, agil und immer im Einsatz. Ganz anders als die hospitalisierenden Exemplare, die man in Zoos zu sehen bekommt. Ein wahrscheinlich sehr ausgefülltes Elefantenleben führen die Regierungselefanten, die für die Patrouillen im Nationalpark 20160306-Nepal-Chitwan-59eingesetzt werden. Den ganzen Tag durchwandern sie den Park mit einem Ranger, fressen dabei einen Großteil ihres Tagesbedarfs und verbringen die Nächte im Elefantencamp. In einer speziellen Aufzuchtstation bleiben die Jungen möglichst lange mit ihren Müttern zusammen und finden Spielkameraden. Die Station kann besucht werden, was wir natürlich tun, und wir können es gar nicht fassen, mit welcher Spielfreude die kleinen Elefanten 20160308-Nepal-Julia-Anforderung-07ganz unbedarft auf die Besucher zukommen und sich kraulen lassen. Um Nahrung scheint es ihnen dabei gar nicht zu gehen, wir sahen bei unserem Besuch niemanden, der ihnen etwas zusteckte, sondern vielmehr um Spiel und Spaß. Sie klauen sich einen Wanderstock, rüsseln ein wenig an den entgegengestreckten Armen herum und balgen sich dann in einer Sandkuhle. Einer ethischen 20160306-Nepal-Chitwan-16Bewertung steht einfach die große Freude und Faszination entgegen mit der ich diesen
Tieren hier so nah begegnen kann. In jedem Fall würde es eine große Zahl der Elefanten hier nicht geben, wenn der Park keine touristische Infrastruktur hätte. Also genieße ich das letzte Mal meinen Logenplatz beim Elefantenbad und freue mich ganz einfach, dass ich die Gelegenheit hatte, den Dickhäutern so nah zu sein.

Wilhelma auf nepalesisch

So wirklich konkrete Vorstellungen hatten 20160307-Nepal-Chitwan-373wir nicht von Nepal als wir den Flug von Bangkok nach Kathmandu buchten. Viele Berge und tibetisch-buddhistische Kultur, dachten wir. Das mit den Bergen haben wir im diesigen Pokhara abgehakt, ein bisschen buddhistisches in Kathmandu, es ist nämlich ein zutiefst hinduistisches Land. Stattdessen sind wir vollkommen unerwartet in einem wunderbaren 20160307-Nepal-Chitwan-333Dschungelparadies gelandet.
Nashörner tummeln sich in unserem Vorgarten, zum Frühstück sehen wir den Elefanten beim Baden zu und die träge auf Sandbänken dümpelnden Krokodile sieht man zu jeder Tageszeit. Wir können die Szenen, die sich uns hier bieten, kaum fassen. Großartigen Aufwand muss man nicht betreiben, einfach nur auf den Balkon heraustreten oder – noch besser – ein Sundowner-Bierchen in einer der wohl 20160307-Nepal-Chitwan-263spektakulärsten Bars der Welt einnehmen. Vom Liegestuhl sieht man die Tierwelt an sich vorbei ziehen, links ein Rhino, das sich im Wasser kühlt, daneben die seltenen Schnabelkrokodile, die nur für Fische eine Gefahr darstellen, in kurzem Abstand ein Krokodil, das auch mit Menschen vorlieb nehmen würde, im Hintergrund wandert ein Elefant vorbei. Wir kommen aus dem Staunen nicht heraus!

20160307-Nepal-Chitwan-230Wir befinden uns am Rande des Chitwan-Nationalparks, unser Hotel steht – nur durch den Rhino-Vorgarten und die Elefanten-Badestelle vom Ufer getrennt – am Fluss, der die Grenze zum Park bildet. WIr schauen auf den Dschungel, der eher einem europäischen Wald ähnelt, und wundern uns, warum die Tiere vollkommen ohne Scheu immer wieder ihr Schutzgebiet verlassen und sich den Menschen präsentieren.

Gestern wollten wir dann auch ihnen mal 20160307-Nepal-Chitwan-325einen Besuch abstatten und machten uns mit zwei Guides in einem Einbaum auf zu einer Halbtagestour. Eine ziemlich wacklige Angelegenheit, die nach dem Stocherkahnprinzip funktioniert. So glitten wir den Fluss hinab, beäugt von Krokodilen am Ufer und begleitet von bunten Vögeln. Nach etwa einer Stunde waren wir am Einstieg zum Dschungel angekommen. 20160307-Nepal-Chitwan-296Zunächst gab es eine Einführung von unserem Guide und innerlich mussten wir etwas lächeln, als er uns Verhaltensmaßregeln für Rhino-, Bären- oder Elefantenangriffe mit auf den Weg gab. Am besten rauf auf einen Baum, nur beim Bär, der hinterher klettern kann, lohnt sich der offene Kampf Mensch gegen Bestie. Dschungel-Seemannsgarn… Der sandige Laubwald kam so harmlos daher und vom Land schallte immer wieder Musik herüber und erinnerte uns daran, dass wir der Zivilisation nahe waren. Zunächst waren es vor allem Pflanzen, auf die uns unser Guide hinwies, duftende Clerodendren, aromatische Curryblätter und viele Sorten Elefantengras. Im Park gibt es drei Sorten Wild wir sehen immer wieder Rehe und Hirsche mit prächtigen Geweihen durchs Unterholz springen. Plötzlich Gebell – hat sich ein Hund in den Dschungel verirrt? Von wegen, das war ein „barking deer“, 20160307-Nepal-Chitwan-324ein bellender Hirsch. Dann plötzlich stockt unser Guide, wird etwas nervös und zieht uns hinter einen Baum. Keine zehn Meter von uns entfernt steigt ein Rhinozeros aus einem Wasserloch. Schlammbedeckt starrt es zu uns herüber und sieht gar nicht so nett aus wie die freundlich dahindümpelnden Nashörner bei unserem Hotel. Der Guide testet schon mal, ob der Baum hinter dem wir Schutz gesucht haben uns tragen würde, der erste Ast bricht aber bereits unter 20160307-Nepal-Chitwan-348seinem Gewicht. So ganz wohl ist mir nicht mehr in meiner Haut, weglaufen bringt eh nix („They can run up to 40 km/h“) und den Kampf würden wir wohl eher verlieren. Zumal uns der Guide zuvor von einem ehemaligen Kollegen berichtet hat, der mehr oder minder zerlöchert ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Nach einigen atemlosen Momenten, die Eric doch tatsächlich fürs Photographieren nutzt, zieht das Rhino ab und verschwindet im Wald. Uff, so ganz übertrieben war die Sicherheitseinführung wohl doch nicht.

Wir sehen Adler, Hornbills, Kormorane 20160307-Nepal-Chitwan-346und Papageien und nähern uns langsam der Dschungelgrenze. Dort rasten zum Finale Krokodile, in der Ferne nähern sich auf der anderen Uferseite zwei Elefanten und die Sonne geht langsam über der Steppe unter. Wir setzen mit dem Boot über und lassen das wunderbare Erlebnis mit einem Bier ausklingen.

Ach, habe ich schon erwähnt, dass ich tags zuvor von einem Elefanten geduscht wurde? Hier werden einfach alle Dschungelträume erfüllt…
20160306-Nepal-Chitwan-100520160306-Nepal-Chitwan-1007

 

Rhinozeros -Aug in Aug mit der Bestie

Rhinozeros acht Meter entfernt

Glaubt es oder nicht -vorgestern wurde meine Nachtruhe morgens um vier gestört, weil sich unter meinem Fenster ein Rhinozeros zum Schlafen gebettet hatte.
Ich wurde geweckt durch sein regelmäßig von sich gegebenes Schnauben. Immer wieder stieß es laut prustend die Luft aus seinen Nüstern. Ich vermute einmal, dass sein Riechorgan ebenfalls von der staubigen Luft Nepals in Mitleidenschaft gezogen ist -auch hier, im Chitwan Nationalpark. Wenn das mal keine Schlafapnoe gibt 🙂
Ehrlich gesagt, konnte ich das Geräusch im Halbschlaf gar nicht richtig zuordnen. Aber als ich auf dem Weg zum Frühstück dann unseren Dschungelführer vom Vortag traf, da berichtete er davon, dass das Tier die Nacht genau dort verbracht habe. Er selbst hat sein Zimmer auch an der Stelle und wurde ebenfalls vom Schnauben geweckt. Hier ist also kein Ort, an dem man nachts mal kurz nach draußen gehen sollte -auch nicht auf eine Zigarette. Es könnte die letzte gewesen sein…
Dem Panzernashorn auf dem Foto, dem sind wir übrigens just auf unserer Dschungelwanderung begegnet. Es war keine acht Meter von uns entfernt. Alles ohne Netz und doppelten Boden.
So -ein bisschen Prahlerei muss schon auch mal sein 😜

Von Pokhara nach Chitwan

Travel with Luxury

So lautet das Versprechen auf dem Busticket. Und Mountain Overland tut alles dafür, dieses zu halten. Die Federung des Buses (hat er eine?) ist so hart eingestellt, dass jeder Sitz ein Massaaaaaaagesessel ist. Hoppla. Dabei sind die Straßen noch gar nicht ganz so schlecht.
„Um sieben ist Abfahrt, also seid um 6:45 am Busbahnhof“, hatte uns der Ticketverkäufer tags zuvor erklärt. Wegen einer großen Baustelle auf der Strecke würden die Busse zurzeit früher starten, denn diese müsse bis elf Uhr passiert sein, sonst käme man nicht mehr durch.
Der ‚local bus‘, also der günstigere, wäre bereits um halb sieben gestartet und hätte das Ziel dann dennoch erst eine Stunde später erreicht. Soweit die Theorie.
Hoppla -da fliegt etwas schwarzes an mir vorbei! Ach, Julias kleinen Rucksack hat es aus der Gepäckablage über mir geschleudert.
20160306-Nepal-Chitwan-196Wo war ich stehen geblieben? Ach ja, bei der Relativitätstheorie.
Wir hatten unseren Concierge also gebeten, ein Taxi für 6:35 Uhr zu bestellen. Aber der alte Fuchs schüttelte nur mitleidig den Kopf und sagte, es reiche, wenn der Wagen um 6:45 Uhr am Hotel sei. Auf 06:40 Uhr konnten wir ihn noch herunter handeln, die fünf Minuten, die man für die Fahrt tatsächlich benötigt.
Auch nach so vielen Monaten nehmen wir Zeitangaben einfach noch immer viel zu ernst.
Heute Früh waren wir dann pünktlich an der Rezeption, allein, das Taxi war nicht zu sehen.
06:47 Uhr: Don’t worry.“, beruhigt uns der Manager, fügt aber hinzu, er habe dem Fahrer ja extra gesagt, er solle nicht nach nepalesischer, sondern nach englischer Zeit kommen.
20160306-Nepal-Chitwan-14806:50, ein Motorengeräusch ist zu hören. Aber nein, nur ein Motorrad.
06:52, kein Geräusch ist zu hören, aber der Manager meint: „He is comming.“ Und tatsächlich fährt ein Taxi die Auffahrt herauf.
07:00 Uhr, wir besteigen den Bus -alles hat geklappt. Aber der bleibt dann erst einmal 15 Minuten stehen, bevor er tatsächlich startet.
Um dann gleich in einem Stau zu verharren, der durch einen Stadtlauf hunderter Schüler ausgelöst wurde. Feinstaubalarm? Mit solchen Kleinigkeiten gibt sich hier niemand ab. Hier liegt Grobstaub in der Luft und hat Mühe zu schweben. Die Kinder müssen abgehärtet werden!
Wo müssen wir um elf Uhr durch die Baustelle sein? Ach, egal -bestimmt handelt es sich um Nepali time!
Hoppla! Eine Wasserflasche zischt an mir vorbeeeeei…

Stromlos

New Pokhara Guesthouse, abends, kurz nach 8. Im dämmrigen Licht einer Energiesparlampe liegen zwei traurige Globonauten auf den Betten und werfen einen letzten wehmütigen Blick in ihre Laptops, wohlwissend, dass die Akkus dem Vergnügen ein baldiges Ende bescheren werden. 20:09 Uhr: ein lautes Rattern ertönt, so, als ließe jemand ein Mofa auf Hochtouren laufen. Es kommt Leben in die Bude, die Globonauten schauen sich unsicher an, das ist doch, Mensch probier mal – Eric drückt den Lichtschalter, die Neonröhre flackert, fängt sich, leuchtet! Jetzt kommt Bewegung in die Szenerie, hast Du das Ladekabel, her damit! Ich hab noch 23 %, ich darf zuerst! Und tatsächlich, das Kabel wird angeschlossen und das Lämpchen leuchtet auf! Das ist unser Generator, der da draußen lärmt, nicht der vom Nachbarn. Gerettet…

Beim Einchecken drückte uns unser Wirt IMG_0356einen Zettel in die Hand, „Load-Shading Time Table“ steht drauf, damit können wir wenig anfangen und er erklärt, das seien die Zeiten, zu denen es keinen Strom gibt. Na ja, die ein oder andere Stunde können wir ja durchaus verzichten. Wir werfen einen ersten Blick darauf, 13 Stunden am Tag keinen Strom. Zweimal in 24 Stunden gibt es welchen, mitten in der Nacht und dann noch mal gen Nachmittag. In den Zimmern hängen zwei Lampen, die 24h trübe leuchten können, eine im Bad und eine im Schlafraum. Der Ventilator, den wir bei den angenehmen Temperaturen sowieso nicht brauchen, und der altersschwache Fernseher, den wir erst recht nicht nutzen wollen, sind also eher Dekoration.

Die Energierestriktionen sind nicht Folge des Erdbebens, sondern der Energiepolitik des Landes. Das Load-Shading heißt eigentlich Load-Shedding, bedeutet so viel wie Lastabwurf und existiert schon so lange, dass es bereits Apps gibt, die den täglich wechselnden Stromkalender für jede Region anzeigen. In Kathmandu merkte man nicht so viel davon, weil die Hotels, Restaurants und Läden häufig eigene Generatoren haben, hier in Pokhara, immerhin der drittgrößten Stadt des Landes, schlägt es voll zu. Die Läden bleiben dunkel, in den Restaurants wird auf offenem Feuer gekocht und no power, no milkshake. Bittere Realität seit vielen Jahren für die freundlichen Nepalesen. Alle scheinen es trotzdem mit Gelassenheit zu nehmen. Wir haben eh immer eine Taschenlampe dabei und jetzt eben auch unser Ladekabel, sollten wir auf ein Café oder Restaurant mit Generator treffen. Warum uns unser Wirt gerade heute Abend die Gnade des außerplanmäßigen Stroms zukommen lässt, bleibt ein Rätsel, kommt aber wie gerufen – wir haben uns nämlich im Stundenplan vertan und Power gibt’s offiziell erst heute Nacht um eins. Mal wieder excellent luck gehabt.

Ziegen, die auf Ziegen starren

20160228-Kathmandu-Nikon-51520160228-Kathmandu-Nikon-51220160228-Kathmandu-Nikon-437

Wie unglaublich interessant waren doch unsere ersten acht Tage in Patan und in Kathmandu! Es war wie eine Reise in eine andere Welt. Das Gefühl haben wir sonst oft auf unseren Indienreisen gehabt, insbesondere als wir vor einiger Zeit Varanasi besuchten. Hier, in dieser Doppelstadt in Nepal, gab es dieses Gefühl also auch ganz stark und wir genossen es uns dort einfach durch die Gassen treiben zu lassen und diese Atmosphäre in uns aufzusaugen. Ein wenig geordneter und vor allem hygienischer geht es in Nepal dann allerdings doch zu 😄.

Nun sind wir also in Pokhara angekommen, dem Ort, den nicht nur unser Taxifahrer vom ersten Abend in Nepal uns als Paradies anpries. Und was soll ich sagen -es gibt zweifelsohne verschiedenste Vorstellung von einem Paradies. Diese würde für mich nicht dazuzählen. Vielleicht liegt es an dem diesigen Wetter, das die Berge um den See vor unseren Blicken verbirgt. Aber es liegt ganz sicher auch daran, dass Pokhara ein Ort ohne eigentliche Attraktion ist und in erster Linie als Startpunkt für diverse Trekkingtouren dient. Dazu hat sich hier eine umfangreiche Infrastruktur gebildet, die sich wieder einmal in allen Punkten den Bedürfnissen der Massen angepasst hat und jeden Trend aufnimmt. Spätestens wenn die Essensstände mit organic Food werben oder Gluten free Speisen anbieten weiß man, dass man die Gegend zu spät besucht.
20160225-Kathmandu-Nikon-158Unsere Busfahrt gestern war eine eher gemächliche siebeneinhalbstündige Tour durch hügelige Landschaften. Anders als in vielen Ländern der Region wurde der Bus nicht von einer Klimaanlage heruntergekühlt und es gab auch kein Entertainment, das einen laut beschallte.
Zunächst aber klapperten wir einige Stadtteile und Vororte Kathmandus ab und lasen einige Fahrgäste auf. Insgesamt waren sieben Ausländer an Bord, die man ganz einfach bei einem Blick über die Sitzreihen erkennen konnte. Immer wenn man einen Kopf die Nackenstütze überragen sah, handelte es sich um einen Westler.
Schon bald gerieten wir in einen Verkehrsstau, der aber eigentlich auf der Gegenspur stattfand. Aber er wirkte sich auch auf uns aus, denn auf den engen und kurvigen Straßen konnten die Fahrzeuge oft nicht aneinander vorbeikommen und so standen auch wir immer wieder.
Überall auf der Strecke fällt der sorglose Umgang mit Müll auf, der vor allem bei Plastik zum Problem wird. Hinzu kommt eine scheinbar das ganze Land überziehende Staubschicht, die sich auf alles niedergelegt hat.
Unser Busfenster fungiert oft wie ein Schaufenster in eine andere Welt, eine andere Zeit. Das Leben spielt sich auf der Straße ab und so sieht man die Menschen auf Teppichen sitzen, die auf dem Boden ausgebreitet wurden. Eine Gruppe Mädchen speist ganz selbstverständlich vor der Haustüre auf dem Boden -bei uns wäre es ein Picknick.
Zwei Frauen und zwei Männer sitzen und liegen auf Matten, eine von ihnen laust den anderen den Kopf.
20160228-Kathmandu-Nikon-451Ein altes Paar sitz vor seiner Hütte auf dem Betonboden und an einem dort aus dem Boden ragenden Wasserhahn. Er hat seinen Oberkörper entblößt und sie schrubbt ihm den Rücken.
Andernorts zerstößt eine Frau in einem großen Mörser Gewürze -auch sie sitzt auf der Erde.
Eine Kuh wagt sich neugierig zu nahe an einen Holzkohleofen heran, schreckt zurück und galoppiert davon.
Große schwarze Ziegen stehen vor einem Holzverschlag und schauen interessiert in diesen hinein. Bei genauerem Hinsehen erkenne ich, dass es sich um einen Schlachter handelt und die Zaungäste einen Blick in ihre traurige Zukunft tun und auf ihre zerkleinerten Artgenossen in der Auslage starren.
Und immer wieder sieht man Menschen, die mit Stirngurten schwerste Lasten auf dem Rücken transportieren.

20160303-Nepal-Pokhara-05Und nun Pokhara, das für bedeutend mehr Touristen bereit ist als zurzeit hier sind. Vor einem Jahr, so bekommen wir immer wieder gesagt, war die Tourismuswelt hier noch in Ordnung. Vor dem Beben und der Versorgungskrise. Wir bemerken letztere eigentlich nur an den überall zu bestaunenden ewig langen Warteschlangen für Benzin, die aber tatsächlich schon in der Zeit unseres Aufenthaltes deutlich kürzer geworden sind. Und an den sehr kurzen Verfügbarkeiten von Strom, die uns mit all unserer Elektronik doch ein wenig zu schaffen macht.
Aber schon im kommenden Jahr, da sind wir sicher, werden viele Touristen auch Nepal wieder auf dem Plan haben. So wie wir bereits jetzt.

Fahrt nach Pokhara

Nach acht Tagen ist Schluss mit dem schönen wilden Patan. Der Entschluss ist gefasst, am nächsten Morgen nehmen wir den Bus nach Pokhara. In unserem Guesthouse haben wir Stephanie kennengelernt, eine Rechtsmedizinerin, die in Chemnitz lebt und interessanterweise recht bald nach der Wende vom Westen in den Osten gegangen ist, auch nicht so häufig. Sie will ebenfalls nach Pokhara, dann machen wir die Reise doch zu dritt.
Der Bus startet um sieben Uhr morgens und zwar von Kathmandu. Um ganz sicher zu gehen, sollen wir um sechs ein Taxi nehmen. Uuuuh…. Aber egal, wir können ja ganz früh ins Bett gehen…

Schon beim Frühstück sehen wir, dass die P1080019Einheimischen ein Fest auf dem Platz vor unserem Hotel veranstalten werden. Eine Straßenküche wird aufgebaut, ein großes Festzelt kommt dazu. Es ist die Zeit der großen Hochzeiten, wir sehen jeden Abend festlich geschmückte Menschen durch die Straßen laufen und zwei Deutsche, die wir ebenfalls im Guesthouse kennengelernt haben, sind extra für eine Hochzeit von Freunden angereist und berichten uns, dass es astrologisch ein perfekter Monat zum heiraten sei.
Also freuen wir uns darauf, Zaungäste einer nepalesischen Hochzeit zu sein, mit traditionellen Kleidern, Tänzen und Gesängen. Nach unserem letzten Spaziergang durch Patan kommen wir ins Hotel zurück, wollen noch ein wenig ausruhen, bevor wir zum gemütlichen Abendessen auf der Dachterrasse übergehen. Das Hochzeitsfest scheint gerade zu pausieren, nur wenige Menschen sitzen im Zelt. Na gut, dann schauen wir halt nachher mal vorbei.
Eric klärt noch etwas an der Rezeption, ich sinke aufs Bett, freue mich auf ein kurzes Spätnachmittagsschläfchen, schließe die Augen, räkele mich in den Laken als plötzlich – BUMM BUMM BUMM. Wilde Technobeats lassen das Bett vibrieren, die historischen Fenster bieten keinen Schutz vor der Party, ich würde mich nicht wundern, wenn Scooter neben mir im Bett sitzen und mir Hyper, Hyper ins Ohr brüllen würde. Ich schaue kurz hinaus, die Lautsprecher sind perfekt auf unser Zimmer ausgerichtet. Von traditionellen Gesängen und Tänzen keine Spur. Die wollen Spaß und zwar richtig!
Um acht gehen wir hoch auf die Dachterrasse und bekommen ein leckeres nepalesisches Curry serviert. Die Gemeinde unten ist mittlerweile bei „We will rock you“ in der Techno-Hardrockvariante angekommen. Wir schauen vom Balkon aus runter, sie tanzen und johlen, es gibt ein DJ-Pult, auf dem sich mehrere Leute tummeln und die Menge anheizen.
Um viertel vor neun sind wir wieder unten in unserem Zimmer, mir schwant schon, dass unsere Ohrstöpsel hier wenig ausrichten werden. Aber ist ja noch nicht mal neun (obwohl ich recht müde bin, ich könnte jetzt schlafen, wenn nicht BUMM – How – BUMM – is – BUMM – the -BUMM – fish). Wollen wir mal nicht spießig sein, geheiratet wird idealerweise nur ein mal im Leben und es ist erst neun. Gut, nehm ich halt meine Kopfhörer und guck mir auf Youtube mit maximaler Lautstärke einen Tatort an (es gibt fast alle mit Hansjörg Felmy, 70er-Atmosphäre pur!). Gegen zehn fallen mir zunehmend die Augen zu, ich probier’s jetzt einfach. Ich quäle mich noch mal aus dem Bett, suche nach den Ohrstöpseln, stecke sie so tief wie möglich in die Ohren, lege mich wieder hin, brülle Eric ein „Gute Nacht!“ zu, ziehe die Decke dicht über die Ohren, seufze tief und – Ruhe. Mitten im Song haben sie abgebrochen. Ganz traue ich dem Frieden nicht, der DJ braucht eine kleine Verschnaufpause, ein Stromausfall, die Ruhe vor dem endgültigen Sturm. Aber nein – es bleibt ruhig! Wow!!! Ich kann mich kaum darüber freuen, weil ich umgehend in Tiefschlaf verfalle.
Um 5 klingelt der Wecker und wie gerne würde ich noch mal unter die Decke kriechen. Aber nein, auf nach Pokhara. Zu dieser frühen Stunde kriegen wir trotzdem ein leckeres Frühstück, das Taxi wartet bereits auf uns, wir sind – natürlich – viel zu früh an der Bushaltestelle. Ein sogenannter Touristenbus, um den wir sehr froh sind, DCIM100MEDIAnachdem wir später einige Local Busses überholen, die sehr gut gefüllt sind. Der Bus hält alle zwei Stunden an Raststätten mit sauberen Toiletten und gutem Essen, die Sitze lassen sich komfortabel nach hinten klappen, ein kleines nepalesisches Mädchen in der ersten Reihe sorgt für allerbeste Unterhaltung. So ein fröhliches Kind, sie grinst mir zu, wir spielen über mehrere Reihen hinweg Verstecken hinterm Sitz, sie präsentiert lachend ihre leckeren Chips, ich kontere mit meinen noch Leckereren und einer Mandarine, sie sticht mich mit Weintrauben aus. Die Fahrt geht über eine holprige Gebirgsstraße mit anfänglichem Stau, die Überholmanöver unseres Busfahrers sind Präzisionswunder, manchmal passiert er die entgegenkommenden Fahrzeuge mit nur wenigen DCIM100MEDIAZentimetern Abstand. Wir fahren in die Berge, der Dunst bleibt, aber die Szenerien werden ländlich – kunstvoll aufgetürmte Heustapel, Bauern, die dem von zwei Rindern gezogen Holzpflug folgen, Stephanie berichtet von zwei Geiern, die am Ortseingang saßen. Mit anderthalb Stunden Verspätung kommen wir in Pokhara an, egal, es war eine angenehme Fahrt. Die Stadt ist der Ausgangspunkt für Treks rund um den Annapurna. Eric und ich haben ein Hotel vorgebucht, Stephanie kommt mit und mietet sich für eine Nacht ein. Sie wird morgen in aller Frühe zu einem 220 km langen Trek aufbrechen, ganz alleine. Wir werden es uns in Pokhara wohl erst mal gemütlich machen. Wir verabschieden uns, sie ist uns echt schon ans Herz gewachsen. Viel Spaß und Erfolg, liebe Stephanie!