Endlich ist sie nun also doch gekommen -die Regenzeit.
Nachdem wir bereits gestern am späten Nachmittag einen herrlichen Tropenguss samt grellen Blitzen und tiefem Donnergrollen von unserer Terrasse in Nosara aus genießen konnten, begleitete uns der Regen heute auf unserer Fahrt in Richtung Süden doch dauerhafter. Nach einem gemütlichen Frühstück brachen wir auf, nicht ohne von unserem doch schon etwas tattrigen aber sehr freundlichen und redseligen Gastgeber mehrfach verabschiedet worden zu sein. Er hatte zu Hochzeiten des Space-Shuttle-Programms bei der NASA in Florida gearbeitet und sich dann als Rentner nach Costa Rica zurückgezogen. Hier hat er nun ein einigermaßen großes Haus auf einem Bergkamm, das einem Blicke in 360 Grad eröffnet, natürlich auch aufs Meer. Bis nicht vor allzu langer Zeit haben sie die Appartements wohl noch zu zweit vermietet, doch, wie er Julia sofort anvertraute, hat sich seine ’schlechte‘ Frau von ihm getrennt. Nun lebt er hier also alleine mit seinen Gästen, schnappt sich morgens sein Surfbrett und macht den Strand unsicher -so tattrig ist er dann doch noch nicht. Dem Appartement merkte man ebenfalls an, dass es schon einmal bessere Zeiten hatte. So gab es zwar eine Küchenzeile, doch war die Ausstattung mit Geschirr und Kochutensilien von absolut einfachster Art und Kühlschrank wie Herd waren sehr ungepflegt. Aber immerhin konnten wir selbst kochen und so gab es an drei Tagen leckeres Gemüse mal mit Linguine, mal mit Tortillas und mal mit von Jonathan zubereiteten Kochbananen. Auch wenn uns die Nationalspeise Casado durchaus schmeckt, so war das Selbstgekochte doch eine gute Abwechslung. Casado bedeutet übersetzt übrigens „verheiratet“, was wohl daher kommt, dass auf dem Teller viele verschiedene Zutaten miteinander „verbunden“ werden. Es finden sich da in der Regel Reis, Bohnen, Kochbananen, Salat, Fleisch oder Fisch.
Am Vormittag starteten wir also und fuhren zunächst auf den mittlerweile gewohnt holprigen Pisten entlang des Pazifiks, bevor wir nach etwa eineinhalb Stunden tatsächlich Teer unter den Reifen hatten. Das Fahren auf diesen Pisten ist tatsächlich anstrengend und mir einem Computerspiel zu vergleichen, bei dem es auf Reaktionsschnelle ankommt. Denn ständig muss man im Blick haben, ob ein Schlagloch, ein Fußgänger, ein entgegenkommendes Auto, eine Kuh, ein Pferd oder alles zusammen auf einen zukommt. Zudem gibt es viele Stellen, an denen die Piste aus einer Folge vieler kleiner Bodenwellen besteht, die das Auto dann wie auf Glatteis ausbrechen lassen. Aber ich sag Euch: Es macht Spaß! Die restlichen dreieinhalb Stunden Fahrt auf guter Straße sehen dann nämlich so aus, dass man mit Geschwindigkeiten unterwegs ist, die jedem zuhause in Deutschland den Geduldsfaden reißen lassen würde. Die maximale Geschwindigkeit die man in Costa Rica überhaupt fahren kann beträgt 80 km/h und selbst die wird oft auf 60 km/h herunter gedrosselt oder durch ein sehr langsam vorausfahrendes Gefährt immer näher gen null gebremst.Interessant war da heute auch der Motorradfahrer, der Sein Pferd am Zügel hinter sich Gassi führte. Überholen ist zudem auf fast ausschließlich einspurigen Straßen eine Aktion, die den Mitfahrern schon mal das Blut in den Adern gefrieren lässt -und das bei 35 Grad im Schatten.
Unsere Fahrtpausen planten wir nach Attraktionen am Wegesrand, die uns eine sehr freundliche Hotelbetreiberin schon Tage zuvor empfohlen hatte. So stoppten wir bei einem Café, um auf dem dazugehörigen Mangobaum im Hinterhof die farbenprächtigen Aras zu bewundern und legten ein Päuschen bei einer Brücke ein, unter der um die zwanzig Krokodile im Fluss und am Ufer dümpelten.
Bis wir endlich am Hotel ankamen war es schon bald halb fünf und so stand eigentlich nur noch Essen auf dem Programm. Leider befolgte ich meine eigene oberste Regel nicht. Sie lautet: Niemals das Haus ohne Kamera verlassen! Wegen des Regens ließ ich sie aber im Hotelzimmer zurück. Und was passiert? Auf dem Rückweg, schon mit vollen Bäuchen, hatten wir Tierbegegnungen. Es ist eine sehr dunkle Straße, die wir da zurück gehen mussten und dennoch sahen wir sie sofort: Eine Faultierfamilie -Mutter, Vater, Kind, die wie an der Wäscheleine festgeklammert an einem über die Straße gespanntem Seil hingen und vom Regen nassgesogen wie Steifftiere wirkten. Das Foto musste dann Jonathan mit seinem Handy schießen. Als wir uns endlich von diesem unglaublichen Anblick lösen konnten, da wartete schon die nächste Überraschung auf uns: Ein weiteres Seil, die wohl extra für die Tiere gespannt werden, um ihnen das Überqueren der Straße zu ermöglichen und darauf ein längliches Tier auf allen Vieren unterwegs. Ich leuchtete es an und vermutete einen Affen in den Schemen erkannt zu haben. Doch Adlerauge Julia sah es besser und rief aus: Ein Ameisenbär!
Seit vier Tagen sind wir zu dritt. Mein Patenkind Jonathan ist zu uns gestoßen und lässt uns das Reisen noch mal anders erleben. Es ist noch etwas lustiger geworden und wir finden uns in einer Doppelrolle wieder: Reisende und Reiseführer. Reiseführer und -führerin. Reiseführende. Gender equality steht bei ihm hoch im Kurs. Jedenfalls gefällt es uns sehr.
Wir holten ihn am Flughafen in Managua ab und steuerten zunächst erneut Granada an, die angenehme und lebendige Kolonialstadt im Norden des Nicaragua-Sees. Wir schlendern durch die Straßen, machen einen Abstecher zum Seeufer, blicken vom Kirchturm aus über die Dächer der Stadt und verbringen einen Abend, der so entspannt hätte sein können, wenn sich Jonathan und Eric nicht in den Kopf gesetzt hätten, mir Skat beizubringen. Daran sind schon andere gescheitert, ich mache gute Miene zum für mich unverständlichen Spiel und verstehe immer noch nicht, was das mit dem Reizen soll. Na ja, sind ja noch zwei Wochen Zeit.
So gemütlich so gut: wir wollen wieder zurück nach Costa Rica und bequem kann ja jeder. Er soll einen Eindruck vom Rucksackreisen bekommen und so marschieren wir morgens los Richtung Busbahnhof. Die Busse in die Provinzstadt Rivas fahren doch ständig, da müssen wir uns nicht nach den Abfahrtzeiten erkundigen, sondern gehen einfach hin. Und tatsächlich empfängt uns ein Busfahrer und lotst uns zu seinem amerikanischen Schulbus. Ja klasse, noch viel Platz, haben wir ja Glück. Noch rasch etwas Wasser eingekauft, dann kann die Fahrt losgehen. Hm. Wir warten. Und warten. Langsam füllt sich der Bus, jetzt könnte er doch echt langsam mal starten. Ne, immer noch nicht und am Ende haben wir anderthalb Stunden im Bus gesessen bis er endlich losrollt. Na ja, dafür haben wir wenigstens Sitzplätze. Kurz bevor wir Rivas erreichen, fragt uns der Schaffner nochmals, wo wir denn hinwollen. Costa Rica? Da können wir hier umsteigen! Der Bus hält auf freier Strecke, gegenüber steht ein anderer Bus, auf dem „Border Costa Rica steht“. Ich renne rüber, um dem Fahrer klar zu machen, dass wir mitwollen, während Eric und Jonathan sich um unser Gepäck kümmern, das auf dem Busdach mitgefahren ist. Ich spreche mit dem Fahrer, da werde ich von hinten schon in den Bus gedrängelt, der ist proppenvoll, auch im Gang stehen schon viele Menschen, aber bitte immer weiter durchgehen. Hm, wo sind jetzt Eric und Jonathan? Ich will schon anfangen, mich gegen den Strom zur Tür zurück durchzukämpfen, da sehe ich Eric, der ganz vorne im Bus steht. Und Jonathan? Eric deutet nach hinten: er steht am hintersten Ende des Busses. Durch die Hintertür wurden alle gequetscht, die vorne nicht mehr reinkamen, nur für Eric war kein Platz mehr, also sollte er es vorne probieren. Und so verteilen wir uns perfekt über den ganzen Bus, Eric vorne, ich in der Mitte und Jonathan hinten. Blickkontakt geht, aber verständigen können wir uns sonst nicht. Aber wozu gibt es Whatsapp. Ich schreibe Jonathan, dass er sich nicht von der Stelle rühren soll bis wir ihm sagen, dass wir aussteigen und nach einer dreiviertel Stunde ist es so weit: wir können die Sardinenbüchse wieder verlassen und stehen vor der Grenze. Das klappt alles unerwartet geschmeidig und schon sind wir in Costa Rica. Genug Abenteuer, wir laufen zur Mietwagenfirma und schnappen uns das bestellte Auto. Jonathan ist ein wenig erleichtert, aber die Busfahrt war trotzdem ein Erlebnis. Wir steuern nochmals die Canas Castilla bei den netten Schweizern Agi und Guido an und auch Jonathan erliegt dem Zauber der Finca sofort. Die Affen toben über den Bungalow, Agi zeigt uns später ein Faultier, wie wir es besser bisher noch nicht gesehen haben, und sogar meine Katze vom ersten Aufenthalt taucht wieder auf. Aus einer geplanten Nacht werden zwei und so haben wir die Gelegenheit, vormittags einen schönen aber schweißtreibenden Spaziergang über die Finca und nachmittags einen Abstecher an den Pazifik zu machen. Ein spektakulärer Sonnenuntergang gehört uns an dem menschenleeren Strand fast ganz allein. Und nun schaun wir mal, wie wir die nächsten zwei Wochen noch verbringen. Bisher jedenfalls mit viel Spaß, Staunen und Gesprächen. Vielleicht kriegen wir ihn ja mal dazu, hier selber von seinen Eindrücken zu berichten.
Nichts kann ich berichten, denn fast nichts habe ich erlebt. Ich habe mich in die Hütte zurückgezogen, da auf die Veranda schon lange die Sonne ihren Weg gefunden hat. Sie brannte mir auf die Füße und ich trat den Rückzug an. Es ist heiß, so um die 34 Grad und die Luft ist verdammt feucht. Tropen eben. Man schwitzt hier garantiert jeden Tag einen ganzen Menschen aus.
Der Deutsche hier auf der Ranch, der hat eine Herde Pferde. Er erklärte beim Frühstück, dass die Tiere in der Trockenzeit nur wenig Futter finden und er auch nur wenig auftreiben könne. Sie setzen sich dann ihrer Rangordnung entsprechend durch -der Chef frisst und wenn etwas übrig bleibt, bedienen sich die Nächststärkeren. Die drei schwächsten Herdentiere seien nun tatsächlich doch sehr abgemagert. Er ist sehr froh um das Einsetzen der Regenzeit und kündigte schon mal an, dass in den nächsten Tagen die männlichen Termiten ausschwärmen würden. Man könne dann kein Licht anmachen, da sich sonst ein schwarzer Pulk darauf stürzen würde. Das Ganze dauere dann aber nur drei, vier Stunden. Schon gestern fielen die Unmengen kleiner Mückchen auf, die am Seeufer den Boden mit einer schwirrenden Schicht überzogen. Glücklicherweise stechen sie nicht. Und glücklicherweise finden sie den Weg zur Finca nicht, die am Fuße des kleineren der beiden Vulkane nur wenig höher als der See liegt.
Ein Tausendfüßler verirrte sich ins Haus -ich musste ihn töten.
Auch schleppen sich immer wieder halbtote Käfer über den Fußboden. Am nächsten Morgen haben sie dann ihr Leben ausgehaucht. Sie erinnern an etwas kleinere Maikäfer. Wie schaffen sie den Weg in die Hütte, wo dich an allen Fenstern Moskitogitter hängen? Sie brummen heftig wenn sie fliegen und gehen auch regelmäßig auf Kollisionskurs mit uns. Am Morgen, als Julia Kaffee zubereitete, da blickte sie plötzlich entgeistert in Richtung Bett (in dem ich noch saß) und streckte den Zeigefinger wild gestikulierend in meine Richtung. Der eine oder andere Schrei entfuhr ihr ebenfalls -aber nichts das mir erklärte, was sie da sah. Sie hatte einen handgroßen schwarzen Skorpion entdeckt, der sich von ihrem Kopfkissen weg und unter die Matratze bewegte. Mit meiner Sandale in der Hand ging ich auf Jagd. Ich schüttelte die Matratze, sprang auf ihr herum, um das Tier herauszutreiben. Es blieb verschwunden. Buenas noches…
Der Deutsche berichtete auch von Haien, die es in dem See gäbe. Nicht hier, aber an anderer Stelle in diesem, am Bodensee gemessenen, mehr als 15 mal so großen Nicaraguasee . Es sind tatsächlich Süßwasserhaie, die außer hier nur noch in einem weiteren See in Afrika vorkämen. Wiki kennt zwar noch drei, vier weitere Orte, selten ist er aber allemal. Wiki weiß auch, dass der Bullenhai Menschen zum fressen gern hat. Auf den erdigen Straßen des zehn Minuten entfernten Ortes kommen einem Kühe mit beeindruckenden Hörnern entgegen. Stiere hauen sich Ihre Köpfe ein. Aber auch Pferde, hellbraune Schweine und natürlich Hühner tummeln sich dort, wo sie gerade wollen. Überall stehen sehr hohe Mangobäume, von denen immer wieder Früchte herunterfallen. Die Schweine lutschen sie genüsslich aus. -Ich sollte hier mal einen Schweinebraten essen… Papageie krächzen unbeholfene Lieder -nein, sorry, das ist zu viel der Ehre. Sie sind schön, wunderbar grün. Die Laute, die sie von sich geben, sind es nicht.
Abends stehen im See Frauen um Holzpodeste im hüfthohen Wasser. Die Podeste dienen als Waschtische, auf denen sie die Kleidung reinigen. Männer wiederum stehen um kleine Boote und verteilen den Fang des Tages unter sich.
Das einfache open air Restaurant am Seeufer bereitet uns leckeren Fisch und frischen Maracujasaft. Später kredenzen sie nicaraguanisches Toña Bier in Ein-Liter-Flaschen. Latinomusik schallt angenehm aus Lautsprechern. Wir sind die einzigen Gäste. Später machen wir uns auf den Rückweg. Es ist ein holpriger Weg, wie so oft. Aber die letzten 10 Minuten zur Finca, die sind fast nur Steine. Lavabrocken, die einer der beiden Riesen über die Insel gespuckt hat. Der Weg führt uns aber auch durch einen kleinen Wald. Es ist der Glühwürmchenwald. Wir bleiben immer wieder stehen, schalten unsere Taschenlampen aus und bewundern das Feuerwerk das sie jeden Abend für uns zünden. Es ist hier, auf der an eine Acht erinnernden Insel Ometepe, doch noch reichlich idyllisch. Alles geht seinen ruhigen Gang.
Keine Hektik.
Ideal, um nichts zu erleben.
Koloniale Architektur zieht mich magisch an. Und Kolonialhotels haben ihren ganz besonderen Reiz für mich. Wo immer in der Welt wir unterwegs waren, haben wir versucht – je nach Geldbeutelinhalt – einen kolonialen Eindruck von außen oder von innen zu bekommen.
Besonders in Asien schaffen sie es wunderbar, den einstigen Glanz wiederzubeleben und eine Atmosphäre zu kreieren, die einen ganz nah an die Zeit vor hundert Jahren heranrücken lässt. Das Raffles Hotel in Singapur ist so ein Ort, wo es nur für einen Singapore Sling im Innenhof gereicht hatte. Im Imperial in Delhi gab es einen High Tea und übernachten durften wir im Oberoi Grand in Kalkutta und im Majapahit in Surabaya, Indonesien. Rajasthan wartete mit Märchenhotels auf, im Galle Fort Hotel in Sri Lanka hatten wir das Glück, in eine riesige Suite upgegradet zu werden. Einige Schätze konnten wir entdecken, bevor die große Reisewelle über sie hinweg brach, so die Villa Santi in Luang Prabang in Laos oder das heutige The Plantation in Pnomh Penh, in dem wir damals noch für 20 Euro übernachtet hatten.
Und da lag es ja nur nahe, in der Kolonialstadt Granada wieder nach so einem Highlight zu suchen. Und eigentlich hatten wir es mit dem Real La Merced auch gefunden. Ein ganz wunderbar restauriertes Haus eines italienisches Kaufmannes, Anfang des 20. Jahrhunderts gebaut und mit dem damals ersten Swimming Pool versehen. Zweistöckig um einen Innenhof mit eben jenem Pool gruppiert, offene Flure mit schönen Kolonialmöbeln, was will man mehr.
Na, vielleicht ein Fenster im Zimmer, stellten wir fest als wir unseren Raum bezogen, hübsch gemacht, aber nur mit einem Oberlicht über den bestimmt drei Meter hohen Holztüren versehen. Na ja, man kann ja draußen sitzen, genügend Schaukelstühle gibt es dort ja. Aber, eine erste kleine Enttäuschung, zumal wir fünf Nächte lang bleiben und uns mehr als Dämmerlicht im Zimmer gewünscht hätten. Nacht eins war erholsam und lang, ein Spaziergang durch das heiße Granada weckte aber schon die Vorfreude auf unser Hotel mit dem schönen Pool. Reichlich verschwitzt laufen wir dort am frühen Abend ein und fragen am Empfang nach Badehandtüchern. Ja, können wir haben, aber bitte schnell schwimmen, heute Abend fände nämlich eine Hochzeit im Hotel statt. Ah ja. Das wird sich ja dann bestimmt auf ein Essen beschränken, die Zimmer gehen ja alle zum Innenhof, der einzig möglichen Partylocation.
Ich nehme ein herrliches Bad im Pool, kämpfe mich dann zwischen den eintreffenden Gästen hindurch in den ersten Stock zu unserem Zimmer, ziehe mich um und setze mich wieder nach unten. Mittlerweile ist das Brautpaar eingetroffen, es gibt Sekt, Photos werden geschossen und im Hintergrund läuft Musik. Ich beobachte aus der Ferne und wünsche dem Paar in Gedanken alles Gute. Es ist kurz vor acht, da dreht der DJ auf. Das Hotel erzittert und die Party startet. Nach einer halben Stunde rufe ich über Facetime Eric kurz im Zimmer an, vielleicht ist das Hotel ja ein akustisches Wunder und oben nichts zu hören. Die Verbindung kommt zustande, wir sehen uns, können uns aber nicht hören. Also brüllen wir: Ist es oben auch so laut? Was sagst Du? Laut, oben, im Zimmer? Jaa!
Ich packe meine Sachen und gehe auf dem Weg nach oben am Empfang vorbei. Hm, wie sie sich das gedacht haben? Ich dachte, wir hätten in ein Hotel und nicht in eine Diskothek eingecheckt? Don’t worry, it will stop at midnight. Äh, midnight? 12 o’clock? Er reagiert eher, na sagen wir, gelassen.
Hinter mir betreten vier Personen mit großem Gepäck die Lobby. Beim näheren Hinschauen erkenne ich, dass es sich um Musikinstrumente handelt. Zwei große Trommeln und zwei große Trompeten. Ich geh dann mal rauf ins Zimmer.
Ich berichte Eric, dass ich mit dem Rezeptionisten sprach. Kurz darauf wird die Musik leiser. Ja wunderbar, laut ist es zwar immer noch, aber so und mit Ohrstöpseln können wir vielleicht schlafen. Die Musik wird jetzt sogar ausgeblendet. Also, das wäre doch wirklich nicht nötig gewesen! Wir grinsen uns an, da… TÄTÄRÄTÄTÄ – BUMM – BUMM. Die Kapelle marschiert auf, es hört sich an, als würden sie rings um den Pool ihre Runden drehen, damit auch alle was davon haben. Ok, es ist mittlerweile 9 Uhr, da darf man noch feiern. NICHT WAHR, ERIC? brülle ich. Zum Glück ist das Internet ganz gut und so stopfe ich mir die Kopfhörer in die Ohren und gebe mich einem weiteren Tatort hin – in Maximallautstärke. So langsam nähern wir uns Mitternacht. Und – um kurz nach 12 endet das laute Fest. Um in ein ekstatisches Fest überzugehen. Etwa 20 Minuten wird so laut gekreischt, dass wir schon befürchten, die gesamte Gesellschaft sei in den Pool gefallen. Wahrscheinlich waren sie gebeten worden, zum Ende zu kommen und hatten sich kollektiv auf Revolution geeinigt. Irgendwann wird dann auch die Musik wieder voll aufgedreht, aber weil das mit dem Kreischen so schön war, behalten sie es gleich mal bei. Wir versuchen es trotzdem, jetzt geht’s auf eins zu und wir sind definitiv müde. Und der Schlaf kommt dann auch.
Um sechs läutet die Kirche gegenüber Sturm – es ist Sonntag und Erster Mai, da muss man sich doch mal ein bisschen freuen dürfen. Ab acht können wir dann definitiv nicht mehr schlafen und beratschlagen. Bisschen viel, dieses Hotel, für das man europäische Preise im bitterarmen Nicaragua zahlt. Fünf Tage Erholung im kolonialen Ambiente, das war der Plan. Jetzt sitzen wir in einem dunklen Zimmer und gähnen um die Wette. Gut, es ist Mittelamerika, da muss man sich an die Lebensfreude der Menschen anpassen, aber wenn die sich umgekehrt an unsere Preise anpassen, dann wird’s schwierig. Mit dem Meister an der Rezeption muss man ja offensichtlich gar nicht sprechen, dann schreib ich doch mal dem Manager. Wir würden morgen abreisen, wirklich wohl fühlen wir uns nicht, er möge uns doch bitte unser Geld für die noch ausstehenden Nächte zurück geben und ein Discount auf die vergangene Nacht wäre doch auch nicht schlecht. Gut, ich gebe zu, etwas deutlichere Worte habe ich dann schon formuliert. Und nach einigem Hin und Her findet sich tatsächlich eine gute Lösung – er schenkt uns noch eine Nacht in einem schönen Zimmer mit großem Fenster und Balkon und dann reisen wir ab.
So verbringe ich unseren letzten Abend in Granada auf einem Balkon mit Blick auf die Stadt, genieße dabei ein kühles Bier und denke mir, dass es gut war, dass wir uns beschwert haben. Das tun wir äußerst selten in fernen Ländern, die besserwisserischen Deutschen, das wollen wir jetzt wirklich nicht sein. Beschwert und trotzdem relativ freundlich geblieben, so ist es ok. Und ich hoffe, die Hochzeit hat dem Brautpaar gefallen.
Seit zwei Tagen sind wir in Nicaragua. Hätte ich jetzt auch nicht gedacht, dass ich hier mal hin kommen würde. Eric hat ja bereits zur politischen Bildung beigetragen, da hole ich doch zunächst mal nach, was wir in Costa Rica noch so erlebt haben und wie wir hierher gekommen sind.
Die wilde Pazifikküste mit der bunten Surferszene mussten wir nach einer Woche hinter uns lassen, weil auf unseren treuen Mietwagen ein neuer Einsatz wartete. Vielleicht an dieser Stelle mal ein Loblied auf Alamo. Wir haben ja schon einige Mietwagenfirmen erlebt, aber keine war so unproblematisch, kundenfreundlich und professionell. Keiner versuchte, uns irgendwelche überflüssigen Versicherungen anzudrehen und bis zuletzt konnten wir uns überlegen, wo wir den Wagen abgeben wollen. Letztlich entschieden wir uns für Penas Blancas, den Grenzübergang zu Nicaragua, und einen kurzen Aufenthalt zuvor in der Grenzregion mit der vagen Vorstellung, einen Nationalpark zu besuchen. Ins Blaue hinein buchten wir die Cabanas Canas Castilla.
Die Strecke von Nosara in den Norden führt über die Panamericana. Natürlich nur eine ganz normale Straße, was soll sie auch sonst sein, meistens gerade mal zweispurig und Tempo achtzig ist das höchste der Gefühle. Aber es ist die Panamericana, eine der legendären Straßen, und wie auf der Route 66 entsteht schon ein gewisses Kribbeln im Magen, wenn man hier entlang fährt. Je näher wir der nicaraguanischen Grenze kamen, desto mehr Trucks begegneten uns, ein Großteil des Schwerlastverkehrs ins Nachbarland wird über das kleine Penas Blancas abgewickelt. Etwa zehn Kilometer vor der Grenze biegen wir aber in den Dschungel ab, auf einer Schotterpiste geht es rein in die Botanik und irgendwann stehen wir vor einer richtigen Finca. Pferde, Hühner und ein beeindruckend aufgeplusteter Puter erwarten uns und in der Open-Air-Rezeption werden wir auf deutsch begrüßt. Die Schweizer Agi und Guido haben sich hier ihr eigenes kleines Paradies geschaffen, ein Leben in der Natur, direkt am Fluss, umgeben von Tieren und ein paar selbstgebauten Bungalows, die sie vermieten. Zu jedem blitzsauberen Häusle gehört eine Terrasse mit Schaukelstuhl und Hängematte, die ich dann die nächsten Stunden erst mal
nicht verlasse. Muss man auch nicht, denn von hier aus kann man wunderbar die vielen Klammeraffen, die sich durch die Bäume schwingen beobachten, den Brüllaffen vom anderen Ufer lauschen und den Geiern beim Kreisen zuschauen. Nach kurzer Zeit gesellt sich eine Katze zu mir, eine sehr anmutige, noch recht scheu und immer mit einem Auge in den Büschen. Es raschelt und sie schleicht sich an einen kleinen Graben heran, durch den ein fetter Krebs kriecht. An den traut sie sich dann doch nicht ran. Also kriegt sie die Reste unseres Dosenthunfischs. Dann aber springt sie wieder ins Gebüsch, mittlerweile ist es zappenduster und ich leuchte mit meiner Taschenlampe hinterher. Aug in Aug stehen sich da die schöne Katze und ein Gürteltier gegenüber. Beide scheinen sehr unschlüssig, ob Angriff oder Verteidigung angezeigt wäre, bis das Gürteltier nachgibt und im Dunkel verschwindet. Ha, die tapfere Katze hat gewonnen! Wir schlafen besonders gut, weil uns die Katze auf der Fußmatte vor unserer Tür bewacht und wachen davon auf, dass die Affen kleine Zweige auf das Dach unseres Bungalows werfen. Wir können sie sogar vom Bett aus sehen, unglaublich, wie sie sich mit allen fünfen von Baum zu Baum hangeln, der Schwanz scheint genauso kräftig und beweglich wie Arme und Beine zu sein. Der vage Plan mit dem Nationalpark, dessen Name uns auch schon entfallen ist, wird aufgegeben, hier müssen wir gar nicht weg um Abenteuer zu erleben. Agi und Guido haben Naturlehrpfade auf der Finca angelegt, genau das richtige für einen entspannten Spaziergang, zumal sie auch immer wieder an besonders schönen Stellen Bänke gezimmert haben. Noch mehr Affen, bunte Vögel und natürlich Rinder und Pferde. Danach noch ein kleiner Ausflug ins drei Kilometer entfernte Städtchen und einen Kaffee mit spektakulärem Blick über den Nicaragua-See, mehr Aktivität brauchen wir gar nicht. Hängematte, Buch und Katze (so ein ganz kleines Döschen Whiskas konnte ich mir doch nicht verkneifen, seither ist die Liebe groß), das ist doch ein perfekter Abend.
Und am nächsten Morgen geht’s dann los, auf nach Nicaragua. Wir haben echt Glück, auch Guido, unser Vermieter, will nach Granada und so fahren wir gemeinsam in unserem Auto an die Grenze. Überall Trucks, vom Örtchen selber sieht man kaum was, die Laster geben den Blick auf den Straßenrand nur selten frei und wir hätten Alamo im Leben alleine nicht gefunden. Guido identifiziert sowohl die LKW-Lücke, durch die wir zur Tankstelle gelangen als auch das winzige Mietwagenbüro. Alles läuft reibungslos (obwohl wir eigentlich dachten, wir hätten eine Abdeckung an der Stoßstange verloren) und jetzt stehen wir da mit unseren Rucksäcken zwischen Unmengen von Lastern. Guido führt uns erst zu einem Schalter, an dem wir ausreisen, dann ins Niemandsland, in dem diverse Afrikaner auf ihre Weiterreise hoffen. Auch hier haben sie ihr Flüchtlingsproblem, tausende von Kubanern auf dem Weg in die USA waren hier im letzten Jahr gestrandet, weil Nicaragua die Grenze für sie geschlossen hatte. Erst die Intervention des Papstes brachte Bewegung in das Ganze, aber die Grenze ist für Flüchtlinge ist immer noch dicht und so sitzen jetzt die Afrikaner hier fest, die auf dem Weg von Brasilien in die USA sind. Recht martialisch steht eine Gruppe nicaraguanischer Soldaten in der brütenden Hitze und bewacht den Übergang. Wir müssen zuerst in ein Zelt, in dem zwei Männer sitzen, einer schaut uns tief in die Augen, der andere schneidet Stempelabdrücke mit einer Schere aus. Guido parliert mit den beiden, wir kriegen ein Zettelchen mit dem Stempel und können wieder gehen. Was denn das war, fragen wir Guido, und er erklärt uns, dass dies die Gesundheitskontrolle sei. Dann war das also ein Arzt, der mich so prüfend anblickte, sage ich, und Guido lacht „Der andere mit der Schere wahrscheinlich auch.“ Arbeitsbeschaffung auf nicaraguanisch.
Und nun ab zur eigentlichen Einreise, in einem gut klimatisierten, aber einigermaßen heruntergekommenen Gebäude. Das hätten sie vor ein paar Monaten neu eingeweiht, grinst Guido, seines Zeichens Maurer und also vom Fach. Geht alles ganz schnell, Gesundheitsmärkchen zeigen, 12 Dollar bezahlen und schon sind wir in Nicaragua.
Hinter der Grenze herrscht Goldgräberstimmung, Männer mit dicken Geldbündeln kommen auf uns zu und fragen, ob wir Geld wechseln wollen. Guido kennt einen von ihnen und so tauschen wir dann auch unsere ersten Cordobas. Mit dem Taxi geht es zum Busbahnhof in die Provinzstadt Rivas. Hier tobt das Leben, wie man sich Mittelamerika eigentlich vorstellt, sehr bunt, sehr laut, sehr spaßig. Guido hatte uns schon gesagt, dass es in Nicaragua viel lebendiger zugeht als in Costa Rica und dieser Busbahnhof bestätigt es. Wir steigen in einen alten amerikanischen Schulbus, die lokalen Busse sind fast alle entsprechend
umgerüstete Gefährte, und los geht es Richtung Granada. Der Fahrer hält an jeder Milchkanne, die hinteren Türen werden geöffnet und auch eben solche eingeladen, Säcke mit irgendwas, ein Fahrrad kommt aufs Dach und wird wieder heruntergereicht, als der Besitzer aussteigt. Die Landschaft ist der in Costa Rica ähnlich, nur etwas verdorrter, und rechts sehen wir die Vulkane der Ometepe-Insel, die im Nicaragua-See liegt. Nach etwa einer Stunde sind wir schon in Granada mit seinen schönen Kolonialbauten und bunten Häusern. Guido verabschiedet sich, er macht sich auf zu einem Freund, und wir sind doch etwas erschlagen von den vielen neuen Eindrücken. Wow, wir sind in Nicaragua!
Lange ist es her, dass ich in Tübingen meinen Zivildienst leistete. 20 Monate arbeitete ich bei der ESG, der Evangelischen Studierendengemeinde im Schlatterhaus. Das dürfte so in etwa 1988/89 gewesen sein und war eine schöne Zeit, in der ich neben meiner Lieblingstätigkeit, der Stocherkahnbetreuung, unter anderem auch immer wieder Einsätze in der Cafeteria im Untergeschoss hatte. Wenn ich mich recht entsinne, dann hätte ich das offiziell gar nicht tun dürfen, denn, und jetzt kommt’s, das war natürlich politische Agitation. Die subversive Handlung bestand darin, dass ich hier auch Kaffee zubereitete und an die Kundschaft verkaufte, der ideologisch belastet war. Es handelte sich um fair geernteten, vertriebenen und konsumierten Kaffe aus dem revolutionären Nicaragua.
Die ESG hatte hier ein nachgerade heiliges Unterstützerprojekt, das bei den wöchentlich stattfindenden Gemeinderatssitzungen unter den jungen und manchem älteren Studenten, geplant und diskutiert wurde. Einige der Studentengemeinderäte waren sogar schon in Nicaragua gewesen und hatten sich als Erntehelfer eingebracht. Sie schwärmten immer wieder bei Besuchen in meinem Büro ausführlich über Land und Leute und Revolution. In den Fluren des Schlatterhauses, oder war es in der Cafeteria, hingen auch selbstgeschossene Fotos eines Reisenden an der Wand. In meiner Erinnerung waren sie vor allem tropisch üppig grün mit leuchtend hervorstechenden roten Punkten, den Kaffeebohnen.
Wie sehr einige über das Projekt wachten, erfuhr ich dann auch am eigenen Leib. Als ich mit meinem Freund Johannes ein erstes Workcamp in den Slums Kairos organisierte, da kam eines Tages Tommy zu mir ins Büro und nahm mich zur sehr breiten Brust. Er setzte eine bedeutungsschwere Miene auf und sprach: „Also Du, Eric, dass eines klar ist -das Nicaragua-Projekt, das ist DAS Projekt der ESG. Und das bleibt auch so! Nicht dass Du glaubst, Du könntest hier Dein Ägypten-Projekt einschmuggeln und Nicaragua beiseite drängen.“ -Ähm, das hatte ich mir noch nicht einmal ansatzweise vorgestellt..
Aber die 80er Jahre, die waren natürlich auch eine schwierige Zeit in Nicaragua. Nachdem die Revolution der Sandinisten gegen die Samoza-Diktatur noch 1979 erfolgreich verlaufen war und sie mit Ihrer Partei, der FSLN, die Macht übernommen hatten, versuchte nun die USA, die Festigung der revolutionären Strukturen zu erschüttern, indem sie die paramilitärischen Contras logistisch und finanziell massiv unterstützten. Diese terrorisierten die Bevölkerung und zogen mordend, plündernd und brandschatzend vor allem von Honduras aus durch das Land. Die USA finanzierten die Contras, indem sie während Reagans Präsidentschaft mit ihrem Erzfeind Iran geheime Waffengeschäfte abschlossen und die Einnahmen daraus dann an die Terroristen, die der US-Präsident Freiheitskämpfer nannte, weiterleiteten. Und da das noch nicht genug Mittel waren, gab die CIA den Contras auch ihren Seegen dafür, dass diese im großen Stil Drogen anbauten und dann in die USA lieferten, wo sie wiederum amerikanische Jugendliche ins Verderben stürzten.
Als der Internationale Gerichtshof in Den Haag die USA wegen militärischer und paramilitärischer Umtriebe in Nicaragua schuldig sprachen und zur Zahlung von mehr als 2,5 Milliarden Dollar verurteilte, konterten die damit, dass Den Haag nicht befugt sei, über die USA zu urteilen. Die USA hat den Internationalen Gerichtshof bis heute nicht anerkannt und selbstredend auch nie gezahlt… Obwohl es in Nicaragua mittlerweile zu mehreren demokratischen Regierungswechseln kam, bei denen auch viele revolutionäre Reformen rückgängig gemacht wurden, blieben die USA dem Land gegenüber immer distanziert und kritisch.
Und heute? Tja heute gibt es hier im Fernsehen 20.000 amerikanische Sender und in der schönen, von kolonialen Gebäuden geprägten Stadt Granada, in der wir gerade sind, gehören etliche der renovierten Prachtbauten Amerikanern oder anderen Ausländern. Und schon am ersten Tag erlebten wir, wie sich eine Losverkäuferin ganz selbstverständlich über die zurückgelassenen Reste unseres Essens hermachte. Nicaragua ist heute nach Haiti das ärmste Land Amerikas.
Geändert hat sich in diesem Land wohl eher nur kosmetisch etwas: Die ganz offensichtlich brutalen Diktatoren gibt es nicht mehr.
Und wieder haben wir es an den Pazifik geschafft. Vor fast genau sechs Monaten waren wir schon mal an der amerikanischen Pazifikküste angekommen. Wir hatten die USA noch nicht mal ganz durchquert, wären wir vom Atlantik an der Ostküste gestartet, hätte es deutlich länger als die 25 Tage damals gedauert. Hier in Costa Rica hätten wir es von der Karibik bis an den Pazifik an einem Tag schaffen können, wenn uns nicht die vielen Vulkane, Nasenbären und Kolibris daran gehindert hätten.
Wir sind auf der Nicoya-Halbinsel im Westen Costa Ricas und wollten uns mal so richtig dem Nichtstun hingeben. In Samara fand sich ein schönes Hotel mit gutem Yoga und ein freundlicher Strand mit schöner Brandung. Unser Zimmer hatte ein Outdoor-Wohnzimmer mit Hängematte, zum hübschen Pool waren es nur ein paar Schritte und es hätte alles so nett sein können, wenn da nicht diese Straße gewesen wäre, die sowohl große Trucks als auch Motorradfahrer angelockt hat. Brumm, brumm machte es während wir einen großen Leguan beobachteten, der an unserem Balkon vorbei kroch, das abendliche Gläschen Rotwein wurde vom lauten Knattern eines angebohrten Auspuffs begleitet. Nö, da wollen wir wieder weg. Also auf zum nächsten Strand nach Nosara. Gerade mal 20 Kilometer entfernt, aber die haben es mal wieder in sich. Zuerst eine Schotterpiste, gut, die kennen wir ja schon. Dann aber auch wieder geteerte Straßenstücke und die sind hinterhältig. Sie gaukeln einem vor, dass man einen Zahn zulegen kann und aufeinmal tauchen riesige Schlaglöcher auf, tiefer als auf jeder Schotterpiste. Und dann stehen wir plötzlich vor einem Fluss. Einem ohne Brücke. Das haben wir im Reiseführer gelesen, dass viele kleinere Straßen durch Flüsse führen und deswegen ein Allradantrieb erforderlich sei. Alles kein Problem, wenn der Fluss nicht zu tief ist. Knietief funktioniert noch, mehr sollte es aber nicht sein. Also steige ich aus und mache den Test. Ich wate in den Fluss hinein, scheint nicht so schlimm zu sein, da kommt eine Amerikanerin in einem Jeep angefahren und grüßt freundlich. Wir sollten hinter ihr her fahren, der direkte Weg sei nicht so gut, man müsse einen leichten Bogen fahren. Und dann sagt sie mir noch, ich sei ja mutig. Aha? Wir folgen ihr und sind in kurzer Zeit am anderen Ufer. Warum fand sie mich denn jetzt mutig? Hat das vielleicht etwas damit zu tun, dass die kleinen Restaurants und Pensionen, an denen wir jetzt vorbei kommen, auffällig häufig den Begriff „Crocodile“ im Namen tragen?
Jedenfalls kommen wir unbeschadet in Nosara an und beziehen unser sehr stylisches Hotel mitten im Dschungel. Aus Containern sind tolle kleine Bungalows entstanden und die nächste Straße scheint meilenweit weg. Wir machen uns erst mal auf zum Strand, der ist ein paar hundert Meter entfernt und ganz in der Hand von Surfern. Ein wirklich schöner Strand, keinerlei Bebauung, tolle Wellen und eine sehr relaxte Stimmung. Morgen leihen wir uns zumindest mal zwei Bodyboards und stürzen uns in die Fluten. Aber für heute tut es ein schöner Spaziergang, denn uns treibt mal wieder der Hunger. Es ist Sonntag und da sind viele Restaurants geschlossen. Zum Glück finden wir einen Open Air-Mexikaner und was dann kommt, ist das beste mexikanische Essen, das wir jemals hatten. Die Fischtacos sind nicht nur wunderhübsch angerichtet, sondern geschmacklich auch noch so fein, so raffiniert. Da können El Chico und Co in der Heimat einpacken. Also, morgen findet ihr uns dann entweder in den Wellen des Pazifik oder kauend und grinsend bei El Chile am Playa Guiones in Nosara.
Zunächst einmal mussten wir unsere Sieben Sachen packen, denn vor dem Vergnügen stand der Check Out. Bis zehn hatten wir Zeit und so konnte alles sehr gemütlich vonstatten gehen. Pünktlich um 10:45 Uhr stellten wir das reisebereite Auto auf dem Parkplatz von „100% Aventura“ ab. Um dort hin zu gelangen fuhren wir mal wieder eine Schlaglochpiste entlang. Das macht tatsächlich Spaß und so langsam mutmaßen wir, dass die Costa-Ricaner die Straßen mit Absicht nicht alle mit Asphalt überziehen…
Wie würdet Ihr wohl schauen?? Hm?
„100% Aventura“ -„100% Abenteuer“. So nennt sich der Vergnügungspark für den wir uns entschieden haben. Wir sahen schon immer wieder im Land Hinweisschilder für diese Art Park. Sie bieten vor allem zwei Aktivitäten an. Nämlich einmal das Wandeln auf Hängebrücken in den Baumkronen des Regenwaldes und zum anderen Fahrten mit dem Tarzanseil durch und über die Grüne Hölle. Ja, genau die Konstruktion, die man bei uns von den Kinderspielplätzen kennt. Letzteres, so waren wir uns einig, wollen wir erleben.
Und nun war es also soweit.
Eigentlich war in mir nur der Gedanke da gewesen, wie schön das sein muss, durch und über den Dschungel zu gleiten. Was uns aber wohl beiden nicht so ganz bewusst war, das war, dass es auch etwas mit Überwindung zu tun haben würde. OK, vielleicht ein wenig naiv. Aber durchaus nützlich diese Erwartungshaltung 😄. Dies änderte sich aber sehr schnell. Denn kaum hatte ich den Motor abgestellt, da kam auch schon ein dynamischer Mitarbeiter des Parks und instruierte uns in perfektem Englisch und in klaren, präzisen Sätzen, was wir nun als nächstes zu tun hätten. Nun war ich ja nie beim Militär, aber so stelle ich mir das in etwa vor: kurze, klare und bestimmte Anweisungen -man könnte auch Befehle dazu sagen.
„Hallo guys, macht Ihr die Hängebrücken oder Ziplining?“
„Ziplining“
„Ihr lasst alles im Auto zurück! Keine losen Gegenstände! Keine Wasserflaschen oder sonst etwas! Wir tolerieren keine Getränkeflaschen, keinen Alkohol und kein Rauchen auf dem Gelände! Müsst Ihr auf die Toilette, dann geht jetzt! Sie sind dort vorne links. Wollt ihr Fotos schießen, dann muss die Kamera fest an Euch befestigt sein! Eure Hände könnt ihr dafür nicht verwenden, denn die braucht Ihr zum Festhalten. Ihr geht nun hier geradeaus zu den Jungs und macht, was sie Euch sagen. Sie legen Euch die Riemen an.“
Gesagt getan. Also alles wieder ins Auto gebracht, abgeschlossen und Richtung Toilette marschiert. Doch schon auf dem Weg dahin muss ich an den Jungs am Eingangsbereich vorbei und sofort will der erste mich schnappen. Ich schaffe es aber ihn von der Dringlichkeit meines Vorhabens zu überzeugen und verspreche gleich wieder zurück zu kommen.
Und in der Tat lauerte der gleiche Junge mit seinem Trägergestell auf mich, als ich den Rückweg einschlug. Also ergab ich mich und wurde in ein Riemenwerk gesteckt, wie ich es vom einmaligen Klettern mit meinem Freund Armin kenne. Es handelt sich um eine Konstruktion aus Riemen, die so gebunden sind, dass man praktisch wie in eine Hose darin hinein steigt. Dazu noch ein Riemenwerk von oben über den Kopf gestülpt, schnell noch zwei Gleitrollen rechts und links an den Gurten mit Karabinern eingehakt, Helm auf die Rübe und dann Abmarsch zum Buddycheck. Genau -es erinnert mich ans Tauchen. Man legt alles Zubehör an, prüft es selbst und dann lässt man es eine weitere Person noch einmal gegenkontrollieren. Als wir diesen dann passierten, versammelten sich die englischsprachigen Besucher, sorry: Abenteurer, auf einem kleinem Platz im Wald. Wir waren ca. 15 Personen.
Auftritt des nächsten Kommandeurs.
Dieser ist jedoch rhetorisch sehr gut und versucht durch Scherze die Situation zu entspannen. Aber er ist es auch, der einem gleichzeitig die Ernsthaftigkeit der bevorstehenden Unterweisung klar macht. Er geht alle zu beachtenden Handgriffe und Verhaltensweisen mit uns durch: Ihr werdet mit der Rolle in das Tarzanseil gehängt. Eure stärkere Hand, die verwendet Ihr, um zu bremsen. Dafür muss sie hinter der Rolle gehalten werden und zwar möglichst weit von ihr entfernt. Denn wenn Ihr sie zu nahe an der Rolle habt, dann fangt Ihr an, Euch um Eure eigene Achse zu drehen! Und dann wird es nicht so lustig… Die Handschuhe die Ihr bekommen habt, sie sind mit einem dicken Stück Leder versehen. Das ist Eure Bremse. Die andere Hand, die umfasst das Seil, an dem Ihr aufgehängt seid. Bringt diese Hand niemals vor das Laufrad -sonst könnt Ihr Euch die Maniküre sparen… Solltet Ihr auf der Strecke stehen bleiben, weil Ihr zu sehr gebremst habt, dann könnt Ihr versuchen, Euch wie Affen am Seil entlang zu hangeln. Es führt aber teilweise sehr hoch über dem Wald entlang. Oder Ihr wartet, bis einer von uns zu Euch kommt und Euch rettet.
OK. So weit, so beeindruckend. Erst jetzt wurde mir klar, dass man nicht einfach nur hinunter gleitet, sondern dass man auch was für das Gelingen beitragen muss 😳.
Also los, hin zum ersten Seil, das tatsächlich nur die Länge hat, wie ich es aus meiner Jugend kenne. Allerdings ist es auch der Start zu einer fast ununterbrochenen Fahrt von Plattform zu Plattform, die nach und nach immer höher im Wald installiert sind. Zunächst habe ich tatsächlich etwas Probleme, da ich ab und an mit der Bremshand an die Leine gerate und dann zu taumeln beginne. Aber es geht alles gut. Und die Dramaturgie der Anlage ist so gestaltet, dass man sich gar nicht so groß um die immer tiefer werdenden Abgründe Sorgen machen kann.
Und dann, endlich, wartet Superman auf einen! Superman gibt es sogar gleich zwei mal. Dahinter verbergen sich zwei besonders lange Flüge, bei denen man nicht in der Hocke durch den Wald gleitet, sondern rücklings am Seil aufgehängt über den Wald hinweg fliegt! Die eine Strecke ist fast 1,6 Kilometer lang und man hängt bis zu 80 Metern über dem Erdboden an dem Seil. Es werden hohe Geschwindigkeiten erreicht und selber Hand anlegen, das geht da nicht mehr. Man kann die Geschwindigkeit maximal durch ausbreiten der Arme drosseln. Man schwebt eineinhalb Minuten durch die Lüfte. Ich breitete die Arme auch tatsächlich aus, vor allem aber, weil es so ein unglaubliches Gefühl vermittelte, wie ein Vogel zu fliegen. Es war genial!!!
Und dann, nach dem zweiten Supermanflug, stellen einem die Helfer die Gewissensfrage:
„Do you want to do the giant Tarzan swing?“
„Ähm, vielleicht. Ich muss mir das erst mal ansehen.“
„She said yes“, sagt einer von ihnen und zeigt auf Julia.
„Ähm, dann dann bedeutet das wohl, dass ich auch springe“, antworte ich.
Es wird noch einmal alles festgezurrt und dann gehe ich den Weg zum Schafott.
Dort sitzen dann erst einmal einige Leute herum und sehen eigentlich recht entspannt aus. Doch schnell wird klar: Das sind Leute, die dort eine Denkpause einlegen und sich überlegen, ob sie den Sprung wagen sollen oder nicht. Denn ganz schnell sind wir an der Reihe. Wie schon zuvor stelle ich Julia die Frage, ob sie lieber vor oder nach mir starten mag. Sie will erneut vorangehen, verankert den Karabiner samt Seil an dem Geländer und schreitet dann den schmalen Steg entlang, hinaus in die freie Höhe. Einige Sekunden vergehen. Ich warte und einer der mit sich ringenden spanisch sprachigen Touristen meint: „She is very brave.“ Ja, ist sie. Und dann: Ein Schrei! Nein, viele Schreie. Eine Mischung aus Angst und Entzückung, so scheint mir. Weg ist sie, steht nicht mehr auf dem Steg.
„Next!“, lautet der Befehl.
Also bin ich es, der den Karabiner einhakt und schreitet. Es ist wie eine Hängebrücke ohne Ankunft an einem anderen Ende konstruiert, komplett aus Seilen und einem Boden aus Gitterrosten, durch den man in die Tiefe blicken konnte. Man konnte sich aber auch der ungehinderten Sicht hingeben, indem man einfach den Blick seitlich richtete. Ich schwankte immer weiter nach vorne und, habe ich es schon erwähnt, fühlte meine mich ab und an heimsuchende, leichte Höhenangst aufsteigen. Ich meine, zurecht. Als ich am Abgrund stand und die beiden Helfer mich startklar machten, da lagen etwa 45 Meter zwischen mir und dem Erdboden. Ich blickte in die grüne Hölle hinab und ruckzuck öffnete sich die Absperrung, die sich etwa auf Bauchhöhe vor mir befand.
Beine nach hinten und überkreuz verschränkt lassen. Beide Hände sollen das Seil vor mir umklammern. Nicht loslassen, sage ich mir.
Jump! Und ich falle. Ich falle und es ist ein freier Fall, der etwa drei Sekunden dauert.
Ich hab das getan? Bin ich wahnsinnig?
Ich falle und sehe grün. Die Bäume leuchten mir entgegen. Ich bin in einem unbeschreibbaren Zustand. Julia sagt, auch ich schrie beim Fallen und fing dann irgendwann an zu lachen.
Nach den drei Sekunden setzt dann das Pendel ein, das heißt, das Seil hat nun Zug und man durchläuft den ersten Schwung, der einem ein Achterbahngefühl im Bauch verschafft. Und dann pendelt man weiter und nach ein paar Schwüngen wird man von den Jungs am Boden abgefangen.
Unfassbar!
Wir sprangen vom 45 Meterturm, ohne Wasser unter uns, hinab in die Tiefe!
Wir sind jetzt wieder zu Dritt. Ein jeepähnlicher Mitsubishi mit Allradantrieb trägt uns über die Schotterpisten und rüttelt uns ordentlich durch. Jetzt schauen wir mal, was der Nordwesten Costa Ricas so zu bieten hat. Erst mal schauen wir uns den Vulkan Arenal etwas näher an, fahren am Rande des Arenal-Sees und haben (wir sind ja noch in La Fortuna) wieder mal Glück, dass sich die Wolken an der Vulkanspitze für kurze Zeit verziehen. Sehr majestätisch, dieser Berg, und zum Glück seit Jahren nicht mehr ausgebrochen. Kann aber jederzeit wieder passieren und ob sich die Gäste im „Erupciones Inn“ am Fuße des Vulkans dann so wohl fühlen werden? Ist ja fast wie ein „Tsunami Guesthouse“ in Fukushima…
Am nächsten Tag verlassen wir La Fortuna und fahren Richtung Berge nach Monteverde. 150 Kilometer, zunächst über die gut ausgebaute Uferstraße, später jedoch über schlaglochübersäte Pisten, so dass wir für die Strecke über drei Stunden brauchen. Reine Luftlinie sind wir nur knapp 30 Kilometer von La Fortuna entfernt, aber einen direkten Weg verhindern ein großer See und mehrere Berge. Voller good vibrations kommen wir dann im Monteverde Inn an, direkt an einem kleinen Privatdschungel und mit spektakulärem Blick ins Tal. Vom Balkon vor unserem Zimmer entdecken wir einen Nasenbären, der von einem Baum klettert und durchs Unterholz stapft. Hier oben ist deutlich kühler und windiger als im tropischen La Fortuna, aber die Luft ist phantastisch und der Blick genauso, also ziehen wir uns wärmer an und genießen die Aussicht.
Wir sind vor allem wegen des Nebelwalds hier, ein Regenwald, in dem es eigentlich immer feucht ist, weil er in Wolken oder Nebel eingehüllt ist – oder sind die da, weil es immer feucht ist?. Also am nächsten Tag rauf auf die noch holprigere Piste und ab in die Wolken. Eric hat zunehmend Spaß an der Fahrerei und überlegt schon, mal einen Vierradantrieb-Kurs zu machen. Unser Auto ist nur die Billigvariante mit einem Schalter für alle vier an oder aus. Die echten Profis fahren mit diversen Hebeln und Zwischenstufen, aber dafür müssten wir wohl doch noch nach Afrika. Nun denn, wir erreichen den im Dunst liegenden Wald und sind verzaubert. Die Bäume sind moosbedeckt und von diversen Schlingpflanzen umwunden, der Dunst trägt zum märchenhaften Charakter bei. Wir wählen einen gut markierten Weg und wandern durch den Regenwald. Die zauberhafte Atmosphäre führt dazu, dass wir uns langsam und vorsichtig bewegen und uns nur flüsternd unterhalten – so als wollten wir Schneewittchen nicht aufwecken. Uns begegnen kaum andere Menschen und wenn, dann wispern sie genauso wie wir – ein hingehauchtes „Hola“ oder „Hi“ – die Magie scheint alle zu erfassen. Ein Kolibri schwirrt um die Blüten eines Strauches und wir sind erstaunt, wie laut man die Flügelschläge hören kann – die englische Bezeichnung „Humming Bird“ ist da ganz treffend. Der Weg führt tief hinunter und entsprechend auch wieder steil nach oben. Irgendwann beschließen wir, noch einige Kräfte für abends aufzusparen, da gibt es nämlich einen Nachtspaziergang durch unseren hoteleigenen Dschungel.
Mit Taschenlampen bewaffnet stehen wir ein paar Stunden später auf einer dämmrigen Lichtung und erfreuen uns an
Nasenbären und Agutis, recht großen Nagetieren. Der nächtliche Spaziergang ist nett, aber außer einer Maus sehen wir kaum Tiere, die nicht auch am Tage den Wald unsicher machen. Als wir uns schon auf den Rückweg machen wollen, scheppert das Walkie-Talkie unseres Guides Jenaro, „Armadillo“ sagt er und joggt den Weg wieder zurück. Wir folgen ihm im Laufschritt und sehen uns fragend an. Was das wohl sein mag? An einem Gebüsch leuchtet Jenaro ins Unterholz und wir sehen – ein Gürteltier. Wow, das hatten wir nicht erwartet.
Zu viel Dschungel macht müde, also verbringen wir den nächsten Tag vorwiegend an einem sehr schönen Ort unseres Hotels: dem Hängematten-Garten. Auf einer Lichtung im Wald sind mehrere Hängematten zwischen Bäumen aufgespannt und zwar die breiten megabequemen mittelamerikanischen Matten. So dümple zumindest ich mehrere Stunden lesend und in die Baumkronen blickend. Ein kleiner Nasenbär fühlt sich wohl unbeobachtet und schnüffelt über die Lichtung. So kann man’s aushalten.
Aber damit uns nicht zu wohl wird, haben wir für den nächsten Tag das Abenteuer gebucht und zwar gleich 100%. Was wir da über den Gipfeln erlebt haben, das erzählen wir euch ein anderes Mal…
La Fortuna heißt ein kleiner Ort am Fuße des Vulkans Arenal. Nach zweieinhalbstündiger Boots- und vierstündiger Busfahrt werden wir an unserem Hotel abgesetzt. Wir sind etwas außerhalb, inmitten eines wunderschönen Gartens mit bunten Vögeln. Die Entdeckung der Natur muss warten – wir haben Hunger und als wir aus dem Ort zurück kommen, fallen wir ins Bett. Der nächste Morgen begrüßt uns mit Vogelgezwitscher und einem Tipp unserer Vermieterin folgend machen wir uns auf ins Ökoreservat Danaus.
Ein paar hundert Quadratmeter, die einfach der Natur überlassen wurden, die Tiere kamen dann von ganz alleine. Wir sind so gut wie allein dort und machen uns auf den Weg durch den Dschungel. Grellfarbene Vögel sausen über unsere Köpfe, Schmetterlinge flattern herum und nach etwas längerer Suche haben wir auch unseren ersten Frosch gefunden: ein roter Pfeilgiftfrosch mit dunkelblauen Beinen! Ich hätte ihn gar nicht entdeckt, dass er gerade mal daumennagelgroß ist, habe ich nicht gewusst. Aber Eric hat scharfe Augen und wir sehen immer mehr, eine ganze Froschfamilie scheint hier unterwegs zu sein.
In einem See mitten im Reservat dümpelt ein Kaiman vor sich hin und große Vögel sitzen und brüten auf den Ästen am Ufer. Kahnschnäbel heißen sie und sie sehen sehr putzig aus. Nach der ersten Runde durch den Park machen wir eine kleine Pause an einer Futterstation, ein paar aufgeschnittene Bananen reichen aus, um Kolibris, unwirklich bunte Tangaren und andere Piepmätze anzulocken.
Dann starten wir zur zweiten Runde, wir haben noch kein Faultier gefunden. Immer noch begegnet uns niemand und wir nehmen uns viel Zeit, die Bäume abzusuchen. Und wieder ist Eric der Entdecker:
weit oben in den dichten Blättern hängt ein Faultier, man kann kaum ausmachen, wo vorne oder hinten ist, ob wir den Kopf oder das Hinterteil sehen. Jedenfalls ist es sehr pelzig und bewegt gaaaanz laaangsaaam einen Arm. Boah, haben wir Glück! Ist ja auch La Fortuna!