Wir wollen uns Deutschland langsam nähern. Den Kulturschock vermeiden. Wie damals Portugal auf dem Rückweg von unserer Weltreise oder Andalusien bei unserer Afrikareise. Die nordischen Länder sind für uns Neuland und so entscheiden wir uns für Helsinki als unsere nordische Premiere.
Wir landen mitten in der Nacht nach einem schier endlos langen Reisetag. Am Flughafen ziehen wir die Daunenjacken aus dem Gepäck. Die, die an unseren schweißnassen Armen klebten bei der Anprobe in Taiwan. Gut 25 Grad Temperatur-Unterschied, mindestens.
Der Bus bringt uns in die nächtliche Stadt, wir steigen am Hauptbahnhof aus – und stehen direkt vor unserer ersten Überraschung: Zwei monumentale Figuren mit Leuchtkugeln in den Händen rahmen den Eingang ein und tauchen die Umgebung in fahles Licht. Sehr stimmungsvoll!
Unser Hotel liegt gleich daneben. Ein futuristisches Gebäude mit geschwungenen Formen blitzt weiter hinten hervor und von unserem Zimmer sehen wir es direkt gegenüber – Oodi, die Stadt-Bibliothek. Hier scheint es einiges zu entdecken zu geben!
Nach 24 Stunden Reise fallen wir um zwei Uhr morgens ins Bett. Die Hoffnung auf tiefen Schlaf hält genau vier Stunden. Dann ist die Nacht vorbei – willkommen Jetlag.
Also Frühstück. Und was für eines. So sehr wir die asiatische Küche genossen haben – beim Frühstück wurde es meist schwierig. Zu oft dampfte uns Congee entgegen, deftiger Reisschleim, nix für uns. Meist blieb es bei Ei und Toast. Und hier nun: Vollkornbrot! Käse! Overnight Oats! Ein kleines Paradies.
Unser Rundgang beginnt dort, wo wir angekommen sind: am Bahnhof von 1919. Er ist innen so beeindruckend wie außen, detailreich und atmosphärisch.
Dieser erste Eindruck zieht sich durch die ganze Innenstadt. Architektur mit Charakter, eine ruhige, fast gelassene Atmosphäre. Die weiße Kathedrale, das Wahrzeichen Helsinkis. Die orthodoxe Uspenski-Kathedrale, die an die russische Vergangenheit erinnert. Der Hafen mit der alten Markthalle, dahinter das glitzernde Wasser und die vorgelagerten Schären.

Wir probieren die berühmte Lachssuppe – cremig, mit Kartoffeln, Dill und großzügigen Stücken Lachs. Einfach, aber perfekt.
Überall begegnet uns Geschichte: russische Einflüsse, schwedische Traditionen, zweisprachige Straßenschilder. Und gleichzeitig merken wir, wie wenig wir eigentlich über Finnland wissen. Über die Geschichte, die Kultur und die eigenwillige Sprache mit den vielen Vokalen, die endlosen „ä“s und „ö“s, Wörter, von denen wir nicht mal ansatzweise tippen können, was sie wohl bedeuten mögen.

Wie wir schon in der ersten Nacht vermutet hatten, ein Highlight ist die Oodi-Bibliothek, die wir von unserem Zimmer aus sehen können. Ein organischer Bau, offen, hell und weit mehr als nur ein Ort für Bücher. Nähmaschinen stehen neben 3D-Druckern, dahinter Musikstudios, Werkstätten, Gaming-Räume. Alles frei zugänglich mit Bibliotheksausweis. Im oberen Stockwerk ein riesiger Raum: konzentriertes Arbeiten, lebendige Gespräche, ein Architekturvortrag, Menschen, die meditieren, spielende Kinder. Die Finnen sind Bildungs- und Glücksweltmeister – das mag auch an öffentlichen Räumen wie diesem liegen.

Am nächsten Tag setzen wir mit der Fähre über nach Suomenlinna, Helsinkis Weltkulturerbe. Nur eine Viertelstunde Fahrt und doch eine andere Welt. Die Festungsinsel, einst unter russischer Kontrolle, ist heute ein ruhiger Stadtteil mit etwa 800 Bewohnern, einer Schule – und natürlich: einer Bibliothek.

Wir streifen durch die alten Befestigungsanlagen, und sitzen schließlich am felsigen Ufer in der Sonne. Wir schauen aufs glitzernde Meer mit den vielen Felsen-Inselchen, das Ufer der Hauptstadt im Hintergrund. Wie ein Kurzurlaub.
Zurück in der Stadt merken wir schnell: Hier braut sich etwas zusammen. Bühnen werden aufgebaut, Stände errichtet. Junge Menschen laufen in bunten Overalls herum, übersät mit Aufnähern. Wir fragen die KI – und stoßen erstaunt auf eine nordische Tradition: das sind Studierenden-Anzüge, jede Fakultät in ihrer eigenen Farbe. Die Aufnäher dokumentieren Partys und andere studentische Pflichtveranstaltungen.
Dann kommt Vappu.
Am 30. April und 1. Mai feiert Finnland den Frühling – und vor allem die Studenten. Eine riesige, ausgelassene Feier. Wir folgen dem Rat der KI und gehen zum Hafen. Dort wird eine Brunnenfigur traditionell gewaschen und anschließend mit einer weißen Studentenmütze gekrönt.
Und dann lernen wir eine andere Seite der sonst so zurückhaltenden Finnen kennen. Hier ist die Hölle los. Musik, Menschenmassen, ausgelassene Stimmung. Nicht nur Studenten – ein Querschnitt der gesamten Gesellschaft ist gekommen, viele selbst mit den weißen Mützen auf dem Kopf. Sekt fließt, auf der Bühne wird getanzt und gesungen.
Dann der Höhepunkt: Mehrere Studenten schweben an einem Kran über die Statue auf dem Brunnen, bewaffnet mit Besen. Wasser marsch und unter dem Jubel der Menge beginnt das große Schrubben in luftiger Höhe. Später kriegt „Havis Amanda“ ihre Mütze aufgesetzt, begleitet von hunderten winkenden weißen Kappen im Publikum. Die Menge ist inzwischen auf mehrere Tausend angewachsen. Die ganze Innenstadt wirkt wie ein einziges Fest.
Wir beschließen, ins Hotel zu gehen. Der Jetlag sitzt uns noch in den Knochen, und für uns ist es der letzte Abend dieser Reise. Morgen geht es zurück.
Vier Monate. Acht Länder. Unzählige Eindrücke. Es wird dauern, das alles zu verarbeiten, die Bilder zu sortieren und immer mal wieder wehmütig zu werden.
Toll war es, alles. Aber diesmal können wir – anders als bei vorigen Reisen – eine Frage sofort beantworten. Was war das beste? Unser Campervan. Ganz eindeutig.
Aber – die wenigen Tage in Helsinki haben Lust gemacht, dieses ungewöhnliche Land mit der unverständlichen Sprache weiter zu erkunden.
Also, auf eine neues Abenteuer irgendwann, vielleicht im Campervan durch die finnische Einöde, wir werden sehen. Danke, dass Ihr dieses Mal mit dabei wart!






