Département 974 – Frankreichs Paradies

Nur 25 Minuten Flugzeit von Mauritius entfernt liegt Europa. Ein Eiland mitten im indischen Ozean, gerade mal so groß wie das Saarland, aber Teil Frankreichs. La Réunion heißt die wilde Schöne im tiefblauen Meer, auf die wir Anflug nehmen. So nah an Mauritius und doch so anders – eben noch die strahlenden Türkistöne der Westküste bei Mahébourg, jetzt hohe wolkenverhangene Berge und ein Blick auf Europas teuerste Straße. Die Nouvelle Route du Littoral spannt sich entlang der Küste über das Meer, knapp 9 Kilometer der geplanten 12,5 sind fertig und die Gesamtbaukosten werden auf 2,5 Milliarden Euro geschätzt. Im Vergleich zu manch einem Tiefbahnhof fast ein Schnäppchen.

Tschüß Mauritius
Bonjour La Réunion

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wir zücken nach drei Monaten erstmals wieder unsere Euros, legen deutsche SIM-Karten in die Handys ein und fühlen uns in unserem kleinen Apartment unterm Dach fast ein bisschen wie in einer freundlichen Mansardenwohnung in Paris. Die Hauptstadt von La Réunion heißt Saint-Denis, ein fröhlicher Mix aus kreolischen Villen, einem schönen Park, gemütlichen Cafés und einer Fußgängerzone, in der wir das Bummeln durch die Geschäfte genießen. Wären da nicht das wilde Meer und die schroffen Berge im Hintergrund, das könnte auch Südfrankreich sein.

Saint-Denis

Was in La Réunion sofort auffällt, ist der Kulturmix, der die Geschichte der Insel widerspiegelt. Wie Mauritius war Réunion bei Ankunft der Europäer unbesiedelt. Die weißen Eroberer brachten Sklaven aus Madagaskar und Ostafrika ins Land und warben später Menschen aus Indien und China als billige Arbeitskräfte an. Was daraus entstand, ist ein Happy End, eine echte multikulturelle Gesellschaft, wie wir sie so noch in keinem anderen Land erlebt haben. Fast jeder Mensch hier scheint Afrika, Europa und Asien in sich zu tragen. „Als identitätsstiftend für alle Réunionaisen wird heute die als Métissage bezeichnete Vermischung und das friedliche Zusammenleben aller Bevölkerungsgruppen betrachtet.“, schreibt Wikipedia, und das bringt es sehr gut auf den Punkt.

Die Fröhlichkeit und Vielfältigkeit der Menschen spiegelt sich wieder in ihren entspannten Städten. Dabei ist das Paradies nicht frei von Problemen, hohe Arbeitslosigkeit, europäische Preise bei geringerem Verdienst, all das macht Réunion zu schaffen. Doch die Menschen scheinen das Leben hier trotzdem zu genießen, zwischen Bergen und Meer, zwischen Europa, Afrika und Asien.

Ein entspannter Abend am Strand von Saint-Pierre

Die gemeinsame Sprache ist, wie in vielen Ländern mit Sklaverei-Geschichte, Kreol. Aber anders als auf Mauritius ist das Kreol in La Réunion sehr nah am Französischen, also für uns einigermaßen verständlich. Englisch wird – ganz wie in der kontinentalen Grande Nation – eher schlecht gesprochen und verstanden. Aber mit unserem bisschen Schulfranzösisch und einigen dann doch recht gut englisch sprechenden Einheimischen kommen wir durch.

La Dodo lé la – Der Dodo ist hier. Das war einmal, er lebt nur noch im Inselbier Bourbon weiter.

Ein ganz besonders netter Ort ist Saint-Pierre im Süden der Insel. Weder Hauptstadt noch mit spektakulären Stränden versehen, herrscht hier eine besonders entspannte Stimmung. Eine Promenade nebst Leuchtturm am Meer, ein freundlicher Stadtstrand, das ehemalige Fischerdörfchen Terre Saint – perfekt für ein Bier bei Sonnenuntergang -, eine Menge guter Restaurants und nicht zuletzt eine phantastische Stadtwohnung – hier kann man es aushalten. Im Le Caritologue genießen wir ein hervorragendes kreolisches Buffet, fast gegenüber im Afrik N Food begegnen wir zum ersten und sicher nicht letzten Mal der senegalesischen Küche – den Erdnusseintopf Mafe müssen wir unbedingt zu Hause nach kochen. Und unser Apartment mit Outdoor-Wohnzimmer und tropischer Bepflanzung würde ich trotz vergnügter Nachbarschaft mit entsprechender Geräuschkulisse jederzeit wieder mieten.

An der Promenade von Saint-Pierre

Die Städte auf La Réunion sind aber sicherlich nicht die Hauptattraktion der Insel. Und wer endlos lange Sandstrände möchte, wird besser auf Mauritius fündig. Auch sorglos ins blaue Meer eintauchen, könnte auf La Réunion unerfreulich enden – nirgendwo sonst auf der Welt ist die Gefahr eines Haiangriffs höher. Die eigentlichen Attraktionen von La Réunion liegen im Inneren der Insel. Und darüber berichten wir später.

Im Kegel der Ungewissheit

Uff, das ist grad noch mal gut gegangen. Für uns und für Mauritius. Der Übeltäter, der uns bedrohte, heißt Freddy und ist ein ausgewachsener Zyklon. 

Ich hätte ja eigentlich ein klein wenig sensibilisiert sein müssen. In Darwin geriet ich rund um Weihnachten 2016 mitten in die Zyklonsaison, im folgenden April war sie bei meinem ersten Mauritius-Besuch noch nicht vorbei. Beides mal hatte ich Glück, aber gepustet hatte es schon heftig. Und jetzt ist Februar, zwar sieben Jahre später, aber mein Gedächtnis offensichtlich kurzlebig.

Wenigstens beobachten wir Freddy schon, als er noch weit weg über dem indischen Ozean seine Kreise zieht. Und wir lernen, dass wir uns im „Kegel der Ungewissheit“ befinden. Dieser für uns ganz neue Zustand beschreibt das Gebiet, in dem’s gefährlich werden kann, aber nicht muss. Mauritius liegt zwar am unteren Rand, aber immerhin noch drin, in diesem Kegel. Hui.

Entstanden ist Freddy Ende Januar vor Nordaustralien und seither donnert er Richtung Afrika. Dass ein Zyklon den gesamten indischen Ozean überquert, ist erst vier Mal passiert. Zeit und Strecke genug, um zu einem wahren Monstersturm heranzuwachsen. Mauritius ist zwar winderprobt, aber der letzte wirklich üble Zyklon zog vor fast 20 Jahren über die Inseln. Von Tag zu Tag wächst die Sorge, dass Freddy in seine Fußstapfen treten könnte.

Wir haben uns deshalb für eine stabile Ferienwohnung entschieden – übrigens die allerallerschönste, in der ich je gewohnt habe. Wenn schon Untergang, dann wenigstens stilvoll. Von unserem großen Outdoorwohnzimmer blicken wir direkt auf’s Meer. Damit die coole Möblierung bei starkem Regen nicht nass wird, kann man unseren Terrassentraum mit einem großen Rolladen verschließen. Und hier wird mein englischer Wortschatz um den Begriff „Cyclone Bars“ erweitert, mit denen man den Rolladen mit langen Metallstangen so verstärkt, dass ihn auch starker Wind nicht in die Knie zwingt. Unser Vermieter Maurice rückt gleich mit Verstärkung an, um sie anzubringen. Er würde das zum ersten Mal machen, wäre bisher einfach noch nie notwendig gewesen.

Vier Mann gegen den Zyklon
Die Cyclone Bars stehen
Alle Schotten dicht

Der freundliche Wachmann klärt uns dann über die Warnstufen auf – 1 und 2 noch ganz ok, ab 3 in der Wohnung bleiben und bei 4 das Bett nicht verlassen. Angekündigt ist jetzt Stufe 3. Dann gehen wir doch besser noch mal einkaufen. Auf die Idee kamen andere allerdings auch. Auf dem Parkplatz des großen Supermarktes ist die Hölle los, drinnen um so mehr, superlange Schlangen vor den Kassen. Aber das ist Mauritius. Die Entspanntheit, Freundlichkeit und Fairness verlieren die Menschen auch beim Warten nicht – geschlagene anderthalb Stunden standen wir und alle anderen an, aber niemand verlor die Fassung oder versuchte sich vorzudrängeln. Trotz des Andrangs waren die Supermarkt-Regale erstaunlich gut gefüllt. Nur bei den überlebenswichtigen Pains au chocolat entstand ein Engpass. Aber zu denen hatten wir zum Glück gleich am Anfang gegriffen 🙂 Panic Buying stand am nächsten Tag in der Zeitung. Die netteste Panik, die ich je erlebt habe und weit entfernt von den Kämpfen an leeren Klopapierregalen in deutschen Supermärkten. 

Und dann geht’s los mit Freddy. Als wir am Montagmorgen aufwachen, weht schon eine steife Brise. Aber nicht steif genug, um nicht runter zum Strand zu gehen und einen Blick zu werfen auf das wilde Meer. Wo an den Tagen zuvor ein paar unschuldige Wellen so weit entfernt brachen, dass sie gar nicht erst in Strandnähe gelangten, brodelt und tost es jetzt. Drei- und vierreihig türmen sich die Wellen hintereinander auf, erst dunkelflaschengrün und dann in hellem Türkis brechend. Jedem Surfer würde es in den Fußsohlen jucken, eigentlich eine Pracht und zum Glück noch in der Ferne. Aber es bläst weiter, die Gischt sprüht Richtung Land, der Himmel wird dunkler und die Sturmböen heftiger.

Eine Frau trotzt der steifen Brise

Wo vorhin noch Strand war, schwappt jetzt Wasser. Unsere Häuser stehen immer noch zwei Meter über dem Strand und unsere Wohnung liegt sowieso nach hinten versetzt und im ersten Stock, aber jetzt gehen wir doch lieber. Freddys Weg können wir live im Internet verfolgen und weit weg ist er nicht mehr. Also rein in unser Urlaubsparadies, rauf auf’s Sofa, während der Sturm am großen Rolladen zerrt und die Cyclone Bars ächzend Widerstand leisten. In Florida habe ich vor vielen Jahren mal einen Wirbelsturm erlebt, dann die tropischen Regenstürme in Darwin und ich geb’s zu, bei Sturmflut sind mein Vater und ich früher durchaus gerne an den Hamburger Hafen gefahren. Aber ein echter Zyklon, davon war ich bisher weit entfernt.

Regen prasselt, der Wind heult in allen Tonlagen, das Meer donnert, das wird doch hoffentlich alles halten? So spannend ich das alles bisher fand – ein bisschen unwohl wird mir schon. Wenn jetzt doch der Rolladen oder ein Fenster zu Bruch geht? Das Meer bis ans Haus schwappt? Der Strom ausfällt? Die Straßen unpassierbar werden? Oder gar Menschen zu Schaden kommen?

Am frühen Abend ist dann klar: Freddy ist weitergezogen, ohne sich an Land zu trauen. Jetzt muss erst mal Réunion bangen und dann vor allem Madagaskar – die trifft es immer. Ein paar überflutete Straßen, überschwemmte Hotelanlagen und umgeknickte Bäume – nichts, was nicht schon am nächsten Vormittag wieder aufgeräumt ist. Wird noch etwas dauern, bis sich das Wetter endgültig beruhigt, aber passieren kann jetzt nichts mehr. Die Erleichterung merkt man allen an. Und ich nehme mir jetzt fest vor, die Zyklonsaison künftig bei der Reiseplanung zu berücksichtigen. Hätte ja auch ganz anders ausgehen können.

Nachtrag:
Freddy hat sich erst am 15. März aufgelöst. Kein Zyklon vor ihm hat länger gewütet. Madagaskar, Mozambique und Malawi wurden gleich zwei mal heimgesucht. 500 Tote und Zehntausende Obdachlose. Wir haben wirklich Glück gehabt.

Mauritius – da bin ich wieder

Ich weiß, ich werde wiederkommen, schrieb ich im April 2017 kurz bevor ich Mauritius verließ. Sechs Wochen war ich damals allein durch Mauritius und Rodrigues gereist. Und hatte so geschwärmt, dass Eric darauf bestand: die Erholung nach sieben Wochen namibischem Staub und Sand soll in Mauritius stattfinden.

Es ist ja immer so eine Sache, die Orte, an denen man Wunderbares erlebt hat, noch mal zu besuchen. Die ganzen schönen Erinnerungen, was passiert mit ihnen, wenn sich auf dem einstmals endlos weiten Meer plötzlich Ausflugsschiffe tummeln, zum früher einsamen Dörfchen eine brandneue Schnellstraße führt oder die herzlichen Menschen von damals heute mufflig daherkommen. Das ist alleine schon schwer zu verkraften, aber potenzieren tut es sich, wenn man angetreten ist, das schöne Land jemand anderem zu zeigen. Der sich im schlimmsten Fall insgeheim fragt, was denn hier eigentlich so toll sein soll.

Eric ging dieses Risiko mit Ägypten ein – in den frühen Neunzigern reiste er mehrmals und für viele Wochen dorthin. Aber Glück gehabt, Ägypten war toll, für ihn und für mich.

Und jetzt also „mein“ Mauritius. Schon nach der Ankunft bin ich etwas nervös, was soll ich Eric zeigen? Unser erstes Ziel Mahébourg schläft nach wie vor seinen gemütlichen Dornröschenschlaf und hoffentlich küsst es so bald niemand wach. Mir fällt recht schnell wieder ein, was ich damals so toll hier fand, diesen bröckelnden Charme, die Gemächlichkeit, die Geduld, mit der die Fischer den ganzen Tag bis zum Bauch im Wasser der türkisblauen Lagune stehen und angeln. Aber findet Eric das ebenso charmant? Doch, tut er!

Köstlich wie eh und je – Dhal Puri auf dem Markt in Mahébourg

Das Meer ist nach wie vor die Hauptattraktion von Mauritius, diese unglaublichen Farben, sie sind noch da.

Blick aus unserem Fenster in der Auberge SeaFever

Die Bilder des japanischen Ölfrachters Wakashio, der 2020 vor Mahébourg und dem wunderschönen Strand von Point D’Esny auf das Riff auflief, die verzweifelten Versuche der Mauritier, das Öl zu stoppen, mit bloßen Händen und ihren abgeschnittenen Haaren gegen die Pest anzukämpfen, hat mich damals so sehr berührt. Das Wasser ist wieder klar und die Strände strahlend weiß wie eh und je, aber die Menschen werden diesen Schock wohl nie vergessen. Und er hat zu einem neuen Bewusstsein geführt: junge Menschen engagieren sich aktiv für den Umweltschutz und selbst in Kinderbücher hat die ökologische Katastrophe Einzug gehalten.

Wir entscheiden uns, es ein wenig anders zu machen als ich vor sechs Jahren. Ich war damals mit dem Bus unterwegs, sehr gemächlich und entspannt, aber eben auch ohne die Möglichkeit, einfach mal spontan anzuhalten und die einsameren Gegenden zu erkunden. Deswegen mieten wir uns nach ein paar Tagen in Mahébourg ein Auto und fahren die Ostküste hoch.

Doch vor dem Strandspaß wird’s erst mal Ernst: Beim leider gar nicht so leckeren Hühnercurry beißt Eric auf einen Knochen und ein Stück Backenzahn verabschiedet sich aus seinem Mund. Zum Glück ist der Tipp unserer Hotellady ein sehr guter: Dr. Jayseery entpuppt sich als junger, freundlicher und äußerst kompetenter Zahnarzt, der den lädierten Zahn wunderbar restauriert. So viel Professionalität wurde mir bei meiner verlorenen Plombe in Costa Rica nicht zuteil – obwohl die Füllung jetzt schon seit mehreren Jahren hält. Unserem Kayakabenteuer steht jetzt nicht mehr im Weg und vorbei an affenbesetzten Felsen paddeln wir zum Grand Riviere South East oder einfach nur GRSE Wasserfall.

Und dann passiert doch, was ich befürchtet hatte. Die Île aux cerfs war 2017 eines meiner absoluten Highlights, ein Inseltraum, den ich fast allein für mich hatte, mit endlosen einsamen Stränden. Unglaublich, wie sich das in ein paar Jahren ändern kann. Zudem ja zwischenzeitlich auch noch eine längere touristische Covid-Pause herrschte. An einstmals menschenleeren Stränden Liegen und Sonnenschirme, auf dem türkisfarbenen Meer drängeln sich die Ausflugsboote und allein ist man hier nirgendwo mehr. Wunderschön ist es immer noch, aber die Magie von damals, die ist verschwunden. War es ein Fehler, hierher zu kommen? Nein, war es nicht. Irgendwann überwiegt bei mir die Freude, diesen Ort einmal für mich allein gehabt zu haben.

Immer noch toll – Île aux cerfs

So richtig wohl und zuhause fühlen wir uns dann aber an einem gar nicht so spektakulären Strand in Poste Lafayette – in das Eastern Blue Apartment würde ich sofort für immer einziehen. Da kann man sogar einen ordentlichen Zyklon überleben, aber davon später mehr.

Eastern Blue Apartment – würde mir das bitte jemand kaufen?

Weniger Glück mit der Unterkunft haben wir auf der Halbinsel Le Morne, klein und etwas muffig ist das Apartment hier, dafür sind die Strände in der Nähe einfach unglaublich – die große Attraktion sind die Kitesurfer, die über die Wellen fliegen.

Ein ganz besonderes Erlebnis ist für mich die Begegnung mit den Aldabra-Riesenschildkröten. Im La Vanille Nature Park versucht man, die ausgestorbenen Riesenechsen zu züchten und wieder heimisch werden zu lassen. Schon 2017 hatten mich die wunderbaren Tiere auf Rodrigues verzaubert – und hier ist es genauso. Diesmal sogar unbegrenzt, damals war das Erlebnis zeitlich limitiert. Und sie schmusen doch so gerne 🙂

Und was ist jetzt so ganz besonders toll an Mauritius, frage ich mich zum Schluss. Natürlich das Meer in all seinen Farben, die wogenden Zuckerrohrfelder, die bizarren Felsen, die kreolischen Villen wie die wunderbare Maison Eureka.

Maison Eureka

Aber am allertollsten ist die freundliche Gelassenheit der Menschen, der Mix von Völkern und Religionen, die in großer Toleranz miteinander auf dieser wunderschönen Insel leben. Einfach eine durch und durch gute Stimmung auf Mauritius, das macht den Zauber aus. Das ist das, was mich 2017 und auch heute fasziniert hat. Und deswegen: ich weiß, ich werde wiederkommen!

No’burg

Normalerweise planen wir unsere Reisen ja wenig und spät – für das südliche Afrika hatten wir aber eine grobe Route im Kopf. Von Namibia gen Süden Richtung Kapstadt und dann die Garden Route entlang.  Wir hatten sogar einen Reiseführer für Südafrika eingepackt. Aber – wir haben es gelassen und unser Visum in Namibia ausgereizt bis zum letzten Tag.

Tschüss wunderschönes Namibia!

Warum nicht ins schöne Südafrika? Ganz ehrlich – uns war von Tag zu Tag unwohler. Je mehr wir uns mit dem Land beschäftigt haben, je mehr Namibier und auch Südafrikaner uns darüber erzählt haben, desto mehr wuchsen unsere Vorbehalte. Vor allem, weil wir uns in Namibia einfach immer sicher gefühlt haben, sogar als uns der echte oder vermeintliche Polizist ins Hotel geleitete. Und Südafrika? Die Top three der Tipps lauteten: Um Gottes Willen nach Sonnenuntergang nicht anhalten an roten Ampeln – die Räuber lauern nur drauf. Auf gar keinen Fall durch bestimmte Wohngebiete fahren (aber was, wenn uns das Navi da hin führt?). Und ja nicht abends durch die Straßen laufen. Nein, das wurde uns irgendwann zu viel. Den endgültigen Ausschlag gaben dann aber die Meldungen über „Load Shedding“. Wir hatten bisher immer gedacht, das sei ein ausschließlich nepalesisches Phänomen, dieses täglich stundenweise Abschalten der Elektrizität. Aber Südafrika toppt hier alles. Seit Jahren und mittlerweile 12 Stunden am Tag kein Strom. Und jetzt haben sie sogar den Katastrophenzustand ausgerufen, wegen dieses selbstgemachten, auf Korruption und Missmanagement beruhenden Desasters.

Im Etosha-Nationalpark treffen wir ein älteres südafrikanisches Ehepaar, die uns noch mehr über ihr Land erzählen. Dass keines ihrer Kinder die Chance hätte, in ihrer Heimat zu studieren, weil nur noch eine winzige Zahl von Weißen an den Universitäten angenommen würde. Manch einer reibt sich vielleicht die Hände, bätschi-bätsch, während der Apartheid war’s grad andersrum, aber macht das ein Land auf Dauer zukunftsfähig? 

Sie berichten von 70 km langen LKW-Staus in ihrer Heimatstadt ganz im Osten Südafrikas, weil die Bahnstrecke gesprengt wurde, um den Fuhrunternehmern mehr Geld in die Kassen zu spülen. Warnen eindrücklich vor Johannesburg. Fragen uns, ob man das mit dem im Oktober 2022 erschossenen deutschen Touristen im Krüger Nationalpark in Deutschland mitgekriegt hätte. Und grämen sich, als wir sagen ja, das war in allen Zeitungen. 

Farmer Jansen in der Kalahari berichtet ähnliches, sein Sohn musste nach „Jo’burg“ reisen und Papa ist in Sorge. Jo’burg scheint ein echtes No’burg zu sein. Blickt man in die einschlägigen Reiseforen, machen sich die angeblichen Südafrikaprofis über alle Bedenken lustig. Bauer Jansen, der selbst länger in Südafrika lebte, sagt, die würden sich nur deswegen sicher fühlen, weil sie einfach nicht wüssten, welche Gefahren um sie herum existieren.

Wie dem auch sei, uns hat es Südafrika verleidet. Nach den wunderschönen Erfahrungen und Erlebnissen in Namibia soll die Erinnerung perfekt bleiben. Also fliegt Südafrika vorerst von unserer Liste. Bis auf eine Nacht. Denn ohne Stopover kommen wir nicht weiter und das verruchte „Jo’burg“ ist einfach die Drehscheibe hier. Also suchen wir nach einem flughafennahen Hotel mit Abholservice. Und finden es mit dem wirklich sehr empfehlenswerten One O Eight Boutique Hotel, das unseren Abstecher zu einem luxuriösen Vergnügen zum Schnäppchenpreis macht. 

Der ultrakurze Eindruck, den wir von  Südafrika bekommen, ist ein ganz und gar positiver. Eine sehr humorvolle Crew auf unserem kurzen Flug mit South African Airways, hervorragendes Essen, eine wirklich witzige Chauffeurin, eine perfekte Unterkunft (mit Generator) und das beste Frühstück unserer Reise. Also, wenn sie wenigstens das mit dem Strom in den Griff bekommen, dann machen wir vielleicht noch mal einen Anlauf.

Kurzer Kleiderwechsel oder Fake? 🙂

Eigentlich unfassbar, dass sich Namibia seit der Unabhängigkeit von Südafrika so viel besser entwickelt hat als das Mutterland der Apartheid. Die die Südafrikaner natürlich auch nach Namibia exportiert hatten. Nah ist die einstige Besatzungsmacht noch immer: der namibische Dollar ist an den südafrikanischen Rand gekoppelt und überall in Namibia kann man mit beiden Währungen zahlen. Ein Großteil der Produkte in namibischen Supermärkten stammt, wenn die Waren nicht aus Deutschland kommen, aus Südafrika. Aber alles in allem hatten wir den Eindruck, dass sich Namibia emanzipiert hat vom südlichen Nachbarn und selbstbewusst einen eigenen Weg eingeschlagen hat, der eben nicht auf Korruption und Klüngelei aufbaut. Die Grundversorgung scheint hier gut zu funktionieren, Nachhaltigkeit wird groß geschrieben und zumindest Farmer Jansen ist sehr glücklich, dass sich seine Vorfahren irgendwann aus Südafrika verabschiedet und ihr Glück in Namibia gesucht und gefunden haben. Da können wir ihn gut verstehen.

Traumhaftes Namibia

Namibia ist spektakulär. Die Weite, die Landschaft, die Tiere. Die Menschen sind entspannt und freundlich, man fühlt sich willkommen und sicher, das Essen ist klasse und selbst die hinterste Toilette im abgelegensten Nationalpark ist sauberer als ihr Pendant an einer deutschen Autobahn. Und nirgendwo auf der Welt haben wir so oft so traumhaft übernachtet. Ohne dafür ein Vermögen hinzulegen.

Den allergrößten Wow-Effekt erlebten wir in der Vingerklip Lodge: die an den Berg gebauten Chalets mit großen Terrassen bieten einen sensationellen Blick. Auf die Tafelberge, auf die Felsnadel, die der Lodge den Namen gibt, und auf das Tal, das der meist ausgetrocknete Ugab-Fluss gegraben hat. Als Zugabe ein Wasserloch, an dem sich Kudus, Springböcke und Zebras treffen. Selten hat mich ein Hotelzimmer beim Betreten sprachlos gemacht und noch nie haben wir mit solch spektakulärer Aussicht übernachtet. Gut essen kann man dort auch, aber ganz einzigartig wird es, wenn man den Tafelberg neben der Lodge besteigt und das Abendessen im Eagles Nest Restaurant genießt. Was für ein Blick über das Tal!

Ein Drittel unserer Nächte in Namibia haben wir im Zelt verbracht. Ich schwärmte ja bereits. Zumindest ich war bisher nicht unbedingt der ultimative Camping-Fan, obwohl wir in Australien, Neuseeland und den USA schon tolle Zelterlebnisse hatten. Aber das Campen in Namibia ist damit nicht zu vergleichen. Nirgendwo sonst haben wir so komfortabel, so spektakulär und so einsam gezeltet. Und das fast immer. Ein Highlight war unser letzter Zelteinsatz im Mountaincamp von Namibgrens – Openair-Toilette und -Dusche in die Felswand eingebettet, das Zelt in einem geschützten Unterstand, kaum dass wir da waren, tobten Paviane von einem Felsen zum anderen. Und dann wurde uns noch ein frischgebackenes Holzofenbrot bis ans Zelt geliefert. Der Abschied fiel sehr schwer.

Unser schönes Zelt durfte in Namibia bleiben, der sehr nette Jugenddiakon der Evangelischen Kirche von Windhoek hat sich darüber gefreut und wir sind wirklich neidisch auf die Abenteuer, die es noch erleben wird.

Wem Zelten zu unbequem ist, der sollte es mal mit Camping2Go der namibischen Hotelkette Gondwana Collection probieren. Ein perfekt ausgestattetes riesiges Zelt mit großem Bett, tollem Badezimmer, riesiger Outdoorküche – ich wollte da nicht mehr weg. Eigentlich waren wir ins abgelegene Palmwag gekommen, um Waldelefanten zu sehen, die regelmäßig die Lodge durchqueren. Aber – kein Elefantenglück in Namibia. Doch das Luxuszelterlebnis zum Schnäppchenpreis von knapp 80 Euro war den langen holprigen Anfahrtsweg auch ohne Dickhäuter wert.

Auf den Gästefarmen in Namibia kann man eine Menge Geld loswerden. Pro Nacht werden in den luxuriösen Lodges schon mal mehrere hundert Euro fällig. Aber selbst wenn sie schmerzhaft teure Zimmer anbieten – oft haben sie auch noch einen Campingplatz, der einen die schöne Farm genießen lässt ohne ein Riesenloch in die Reisekasse zu reißen. Zwischen 10 und 15 Euro pro Nacht und Person zahlt man für den maximalen Campinggenuss und die schöne Umgebung kriegt man ja eh gratis dazu.

Aber es gibt auch eine große Zahl von Gästefarmen, in denen sich Otto Normalreisender ein Zimmer leisten kann. Die Jansen Kalahari Farm wird uns wegen der freundlichen Giraffen und der großen Liebe ihres Eigentümers zu seinem Land in Erinnerung bleiben. Seit vielen Generationen gehört die Farm seiner Familie und seine Augen blitzen immer noch, wenn er von seinen Tieren, seinem Land spricht. Bei einem Farmdrive, bei dem wir ganz namibisch auf der Ladefläche seines Pickups stehend Richtung Dünen fuhren, gab er uns einen Überblick über seine schöne Farm. Rinder, Ziegen, Springböcke, ein bisschen Gemüse und etwas Tourismus – das ist hoffentlich das Überlebenskonzept. Du wirst nicht Farmer, um reich zu werden, sagt er uns, sondern um das Glück zu haben, auf diesem Land arbeiten zu können. Auch wenn es sehr hart sein kann. Die Dürre 2019 war furchtbar und verlustreich. Und kaum war sie überstanden, kam Corona und der gerade etablierte Tourismus auf der Farm brach zusammen. Es muss die ganz besondere Liebe zu  dem Land sein, die ihn trotzdem weitermachen lässt. Wir fahren schwungvoll auf eine der roten Dünen der Kalahari, mittlerweile steht die Sonne tief. Wir steigen vom Pickup, der Farmer zaubert einen Tisch mit Tischdecke hervor, eine Platte mit köstlichem Fingerfood, Wein und Bier. Die perfekte Ausrüstung für einen perfekten Sundowner.

Die Rivercrossing Lodge bei Windhoek könnte mit ihrer Lage hoch in den Bergen und mit wunderschönem Blick ein weiteres Highlight sein, würde unten im Tal nicht lautstark an einer neuen Umgehungsstraße gebaut werden. Genossen haben wir es trotzdem. Aber hier ging unsere Reise durch ein Land, das uns begeistert hat, leider auch zu Ende.

Mit ein wenig zeitlichem Abstand merken wir jetzt, welch tiefe Eindrücke die Erlebnisse in Namibia bei uns hinterlassen haben. Zwei weitere Länder haben wir seither bereist, die vor Schönheit nur so strotzen, aber wir sind immer noch gefangen von Namibia, der Natur, der Weite, dem Gefühl der Freiheit, das man hier ganz besonders stark empfindet.

Und dabei sind wir kaum eingetaucht in die Gesellschaft des Landes, hatten wenn überhaupt überwiegend Kontakt mit der weißen Bevölkerung. Ein Township zu besuchen oder eines der Himba-Dörfer rund um Uis, eine Herero-Siedlung – das ist eine Art Tourismus, vor der wir zurückschrecken. Es gab die kleinen Eindrücke, wie der fast skurrile Anblick der barbusigen Himba-Frau, die im kleinen Supermarkt von Uis ihren Einkaufswagen durch die Regalreihen schob. Aber zu Gesprächen kam es selten. Irritiert hat uns der schwarze Polizist, der uns bei einer Routineverkehrskontrolle stoppte und während wir noch nach dem Führerschein kramten, meinte, wir sollten weiterfahren, „Leute wie ihr haben einen Führerschein.“ Womit er weiße Leute meinte. Sehr genossen haben wir unseren Nachmittag in Otjiwarongo, nach dem überwiegend „weißen“ Windhoek gab uns diese fröhliche Stadt mit einem hohen schwarzen Bevölkerungsanteil die Gewissheit, dass wir uns mitten in Afrika befinden.

Doch auch wenn unsere kulturellen Eindrücke sich weitgehend auf deutsche Kolonialromantik in Swakopmund und Kolmanskoop beschränkten, wir haben den Eindruck, dass in Namibia eine Gesellschaft entstanden ist, die funktioniert mit ihren vielen unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen. Die die durch Südafrika aufgezwungene Apartheid Schritt für Schritt hinter sich lässt. Eine freundliche und offene Gesellschaft, die Namibia neben den unglaublichen Naturwundern zu einem perfekten Reiseziel macht.

Iss Dich glücklich in Namibia

Abenteuer haben wir erwartet, Natur und Tiere und fremde Kulturen, bei unserem ersten Ausflug ins südliche Afrika. Kulinarische Erwartungen hatten wir keine und sind wahrscheinlich deswegen so begeistert von den Genüssen, die uns die namibische Küche beschert hat. Und für ein paar Wochen vergesse ich mal, dass ich eigentlich kein Fleisch esse.

Das Zauberwort in Namibia lautet Braai, die namibische Variante des Grillens. Selten mit Kohle, vor allem mit Holz werden die überall anzutreffenden Grillstellen befeuert. In den Supermärkten sind leckerstem Grillgut lange Kühltheken gewidmet und auf vielen Campingplätzen stehen gut befüllte Tiefkühltruhen, wo man für ein paar Euro kiloweise Braii-Fleisch oder köstliche Boerewoers, eine besonders herzhaft gewürzte Grillwurst aus Wild, kaufen kann. Auf dem traumhaften Zeltplatz in Palmwag hätte man sich  Knoblauchbaguette, Kartoffelsalat und Fleisch zum Selbergrillen bis ans Zelt liefern lassen können, in der mindestens genauso schönen Kronenhof-Lodge bekamen wir die Boerewoers zum Selberbrutzeln als Gastgeschenk in die Hand gedrückt.

Kein Campingspaß ohne Braii
Ein Potije

Im Feuer kann nicht nur gegrillt, sondern auch gekocht werden. Und dafür braucht man einen Potjie, einen dreibeinigen gusseisernen Topf, den man direkt in die Glut stellen kann. So zaubern die kochkundigen Namibier fernab ihrer Küchen Ragouts und Eintöpfe, deren köstliches Aroma wir ab und an beim Campen erschnuppern konnten. Selber rangewagt haben wir uns nicht, obwohl sogar unser Reiseführer das Rezept für ein Potije-Curry enthält.

In Namibia dreht sich alles ums Fleisch. Wild und Rind stehen an erster Stelle und übertreffen wahrscheinlich jedes Biosiegel Europas um ein vielfaches. Das zarte Antilopenfleisch von Oryx, Kudu oder Eland sind ein absoluter Genuss, immer perfekt gebraten oder gegrillt, und mit ideal abgestimmten Gewürzen hält man sich hier nicht zurück.

Richtung Küste gibt’s dann Fisch und die Austern aus der Walvis Bay werden immer mal wieder als die besten der Welt bezeichnet. Für mich sind sie das, cremig, mit einem unglaublichen Aroma, das nicht vom Meerwasser übertüncht wird. Wirklich ganz hervorragend! Kabeljau in allen Variationen, roh und hauchdünn als Carpaccio, leicht mehliert gegrillt, gebraten oder gekocht: jedesmal wow! Swakopmund ist ein wunderbarer Ort, sich durch das atlantische Angebot zu schlemmen und besonders gefallen hat es uns im The Tug direkt am Meer und im Fish Deli, das zudem den besten Kartoffelsalat südlich von Hamburg serviert.

Die perfekten Austern

Namibische Portionen sind riesig, darauf muss man sich einstellen. Schon ein Frühstücks-Omelett „mit allem“ ist eine echte Herausforderung, mit Gemüse, Speck, Boerewors, Käse und und und. Riesige Steaks füllen den Teller mehr als aus, manch eine Nacht wurde durchaus beschwerlich wegen der zuvor genossenen Köstlichkeiten. Zumal auch die Palette der Nachtische nicht zu verachten ist. Das nationale Dessert „Malva Pudding“ ist ein in Sirup getränkter Kuchen und wird immer noch von einer Kugel Eis, Vanillesauce oder Sahne begleitet. Dagegen wirkt ein „Dom Pedro“ zunächst eher harmlos, entpuppt sich dann aber als ein äußerst gehaltvolles (und deswegen himmlisches) Glas voller geschmolzenen Vanilleeises mit Likör und Sahne.

Eine weitere echt namibische Spezialität ist Biltong, Streifen getrockneten Fleisches, in verschiedensten Geschmacksrichtungen. Ganz Namibia scheint Biltong zu kauen wie bei uns Kaugummi. Supermärkte, spezielle Biltong-Kioske und Farmen übertreffen sich mit den köstlichen Snacks und auch wir haben fleißig mitgekaut.

Biltong – ich werd’s vermissen

Die nationale Beilage ist Mielie Pap, ein polentaähnlicher Maisbrei, mal leicht flüssig, mal fest, aber wir haben es nur einmal probiert. Das dafür in einem der spektakulärsten Restaurants Namibias auf dem Gipfel eines riesigen Steilfelsens, im „Eagles Nest“ der Vingerklip Lodge, mit gigantischem Blick über eine atemberaubende Canyonlandschaft.

Abendessen-Blick auf das Ugab-Tal

Und mit „Rock Shandy“ habe ich leider erst etwas spät das perfekte Getränk für laue Sommerabende gefunden. Die Mischung aus Zitronenlimonade, Mineralwasser und Angostura Bitter ist einfach köstlich und fast besser als ein frisch gezapftes Hansa Bier. Das aber auch sehr zu empfehlen ist.

Rock Shandy Fan

Heimwehkranken Österreichern kann ich die namibische Variante des Almdudlers ans Herz legen: der Farmdudler ist durchaus lecker. Und auch die deutsche Seele muss nicht darben, jeder Supermarkt bietet verschiedene Vollkornbrote an und selbst auf eine reichliche Auswahl an Rotkohl und Sauerkraut muss man südlich des Äquators nicht verzichten.

Trotzdem möchte ich die Spaghetti mit rotem Pesto, die wir an manch einem sternenhellen Abend auf unserem Gaskocher in der Wildnis kochten, auf keinen Fall missen. Wahrscheinlich schmeckt es deshalb so gut in Namibia, weil in dieser wunderbaren Natur einfach alles so viel besser ist!

 

Am wilden Südatlantik

Wer Badeurlaub sucht, der ist in Namibia nicht gut aufgehoben. Trotz einer mehr als 1700 Kilometern langen Küstenlinie am Südatlantik. Aber das Meer ist hier wild und vor allem eisekalt. Mehr als 17 Grad Wassertemperatur kann man selbst im Hochsommer nicht erwarten, denn der Benguelastrom sorgt für unterkühlten Nachschub direkt aus der Antarktis. Dazu kommen hohe Wellen und starke Strömungen. Das heißt selbst für den Touristenort Swakopmund mit hübschen Stränden: besser nur auf’s Meer schauen. Aber das kann trotzdem ein durchaus spektakuläres Erlebnis sein.

Der Atlantik bei Swakopmund – Achtung brrrrr

Erst mal muss man allerdings überhaupt in die Nähe des Atlantiks kommen. Im Norden Namibias lässt schon der Name der weitgehend unzugänglichen Skelettküste nichts einladendes erwarten. Im Süden macht das Sperrgebiet immer noch seinem Namen alle Ehre – da kommt keiner rein, weder Diamantendiebe noch unschuldige Touristen. Bleibt eigentlich nur ein schmaler Zugang bei Lüderitz und die Gegend um Swakopmund und Walvis Bay.

Abendstimmung in Swakopmund

Wir stoßen auf dem Weg vom Landesinneren nach Swakopmund das erste Mal bei Henties Bay auf die Küste, biegen hier jedoch zunächst in entgegengesetzter Richtung nach Norden ab. Unser Ziel ist das „Cape Cross Seal Reserve“. An der brandungsumtosten Felsküste tummeln sich zehntausende von Pelzrobben und weil wir endlich mal die richtige Jahreszeit gewählt haben, besteht ein gr0ßer Teil von ihnen aus hinreißenden Robben-Babies. Als wir die Autotüren öffnen, schlägt uns Lärm und vor allem Gestank entgegen. So spektakulär diese Masse von wunderschönen Tieren ist – es ist eine Herausforderung für die Sinne. Wir laufen über Stege zum Ufer, links, rechts und unter uns liegen Robben, die den Schatten der Holzkonstruktion suchen, es fiept und brüllt und stinkt, aber es ist phantastisch. Im Meer sind tausende von Elternrobben auf Fischfang, sie gleiten elegant durch die Wellen. Zurück an Land folgen sie dem Gebrüll ihres Nachwuchses, um ihre Beute in die hungrigen Münder zu verstauen. Doch nicht allen gelingt das – an vielen Stellen muss man dann leider auch den Anblick toter Robbenbabies ertragen. Trotzdem: ein wildes, ein tolles Erlebnis!

Swakopmund haben wir gleich zweimal angesteuert – ein erfrischendes Städtchen mit gutem Essen und interessanter Geschichte, sehr geeignet, um nach vielen Kilometern auf staubigen Straßen ein bisschen Seeluft zu schnuppern.

Der Nachbarort Walvis Bay gewinnt keinen Schönheitspreis, viel Hafen, viel Industrie. Da wundert es doch sehr, dass sich ausgerechnet hier Flamingos angesiedelt haben. Bis zu 50.000 sollen es sein, die das mittelschöne Meer mit rosa Tupfen dekorieren.

Ein letztes Mal sehen wir das Meer in Lüderitz. Ein nettes Städtchen, sehr abgelegen am Rande des Sperrgebiets und wieder mit einer deutschen Vergangenheit, die man hier nicht erwartet.

In Lüderitz legen die Kreuzfahrtschiffe an, eine kleine AIDA dümpelt im Hafen und für ein paar Stunden scheint sich die Bevölkerungszahl des Ortes zu verdoppeln. Im Restaurant werden wir gefragt, wann denn unser Schiff ablegt, damit das Essen rechtzeitig auf den Tisch kommt. No ship, we have a car, antworten wir und als wir gemütlich aufgegessen haben, ist der Spuk auch schon vorbei. Weg ist sie, die AIDA. Welchen Eindruck von Namibia kann man kriegen, in den paar Stunden und in der Masse? Ich bin einfach nicht für Gruppenreisen gemacht, das wird mir mal wieder klar. Aber, muss ich ja auch nicht. Und die Kreuzfahrer müssen nicht mit einem Small car über staubige Straßen rattern und im Zelt schlafen. Also, alles gut. Dann tschüß, schöne Küste, für die einen geht’s weiter in den nächsten Hafen, für uns zurück in die Wüste.

 

 

 

 

In der Wüste

Eine ganz genaue Vorstellung von Namibia hatten wir nicht, bevor wir das Land bereisten. Und schon gar kein konkretes Bild vor Augen. Das geht wohl den meisten so. Dabei findet sich in Namibia eines der weltweit am häufigsten photographierten Naturwunder. Sucht man ein spektakuläres Wüstenbild, stößt man fast immer auf die Dünen von Sossusvlei. Das absolute Sinnbild für die Schönheit der Wüste.

Nicht nur die schönsten, auch die höchsten Dünen der Welt sollen es sein, die in diesem Teil des Namib-Naukluft-Nationalparks liegen. Um sie voll und ganz genießen zu können, campen wir am Eingang des Parks. Aber wir verzichten darauf, uns morgens um 7 in die Karawane der Photographen einzureihen, die den Sonnenaufgang auf einer der Dünen erhaschen wollen. Eigentlich sei es um die Zeit gar nicht möglich, ein Bild ohne Menschen, ohne Fußspuren im Sand, ohne springende Instagramer zu machen, sagte uns unser Campingplatzwirt vom Tag zuvor und das kommt uns doch ganz entgegen. Wir sind jetzt wirklich keine Langschläfer, aber morgens brauchen wir erst mal einen sehr gemütlichen Kaffee. Und während wir den schlürfen, starten um uns rum die Autos, um pünktlich zur Öffnung des Parks um 6 Uhr in selbigen zu eilen und es möglichst zum Sonnenaufgang bis zur Düne 45 zu schaffen. Bestimmt kommen sie mit spektakulären Bildern zurück, eine Seite der Düne bereits von der Sonne bestrahlt, eine noch im Schatten liegend. Und klar sind wir etwas neidisch, dass uns dieser Anblick entgeht, aber lieber in der Mittagshitze und dann nur wir und die Düne.

Vom Eingang des Parks führt eine tatsächlich fast bis zum Ende asphaltierte Straße durch die Mondlandschaft, aus der die Dünen in der Ferne herauswachsen. Und diese Weite der Landschaft haben wir tatsächlich ganz allein für uns. Dafür kommen wir aber auch in den Genuss der vollen und schattenlosen Mittagshitze. Aber egal. Die Wüste bezaubert auch so, die Spuren der morgens auf den Dünen herumspringenden Massen sind bereits verweht und so können wir uns der ganzen unberührten Pracht hingeben. Das pralle Orange der gigantischen Dünen vor tiefblauem Himmel, die flirrende Hitze über dem heißen Sand – Wahnsinn. Ich versuche, eine der Dünen zu besteigen, breche es aber schnell ab – jeder Schritt durch den perfekt geformten Sand kommt mir wie eine brutale Zerstörung vor. Wunderbare Motive gibt es auch vom Boden aus.

Ganz am Ende der geteerten Straße, etwa 65 Kilometer vom Eingang entfernt, beginnt die Sandpiste zur größten Düne im Sossusvlei. Ab hier geht es nur noch mit Allradantrieb weiter. Wir steigen am Parkplatz aus und schauen uns das Sandmeer an, durch das man fahren soll. Eigentlich gibt es ein Shuttle, aber weil wir so spät dran sind, hat das bereits Feierabend. Wir entscheiden uns ganz schnell dagegen, den Versuch mit unserem Small car zu wagen. Niemand ist mehr hier, der uns aus dem Sand ziehen könnte. Also starten wir zu Fuß. Ein riesiger Sandkasten. Eine Düne nach der anderen. Und bis zur allergrößten wären es vier Kilometer hin und zurück durch den Sand und die Hitze. Wir gucken uns an – tut es nicht auch die zweitgrößte Düne? Aber klar doch! Also drehen wir um und laufen zurück zum Parkplatz, ganz allein mit dem vielen Sand, ein paar schläfrigen Oryxen und kleinen Wüstenbewohnern, die um die Zeit wohl nicht mehr mit Besuch gerechnet haben.

Wir machen uns auf den Rückweg zum Campingplatz. Und sind so froh, die Wunder dieser Wüste ganz für uns allein gehabt zu haben. Auch wenn wir nicht die größte Düne besteigen konnten und auch wenn das Licht nicht immer optimal war. Aber ist nicht das, was Wüste ausmacht, ihre majestätische Einsamkeit?

Unterwegs in Namibia

49 Tage und mehr als 6500 Kilometer kreuz und quer durch Namibia, über meist ungeteerte Pisten, durch Wüsten-, Savannen- und Berglandschaften, so weit und so einsam, dass wir stundenlang kein Haus, keine Menschen, kein anderes Auto sehen. Die Weiten des Damaralands, die Namibwüste, karg und wasserlos, das monumentale Tal der Ugab-Terrassen, die Kalahariwüste, deren roter Sand jetzt in der Regenzeit mit grünem Flaum überzogen ist, die riesigen Dünen von Sossusvlei – so viele unglaubliche Eindrücke.

Unsere Route durch Namibia

Ohne Auto geht nichts in Namibia und öffentliche Verkehrsmittel sind hier eher ein Fremdwort. Fast jeder fährt einen Geländewagen, doch, wir erwähnten es ja schon, für uns Zu-spät-Kommer blieb nur ein durchaus geräumiger Allrad-SUV, der hier allerdings unter die „small cars“ fällt.

Vor der Kulisse ist jedes car small

Beim Autofahren sind in Namibia ganz andere Dinge wichtig als im europäischen dicht an dicht. Deutsche Vergangenheit hin oder her, hier wird links gefahren. Den Tank bitte so voll wie möglich, wer weiß, wann die nächste Tankstelle kommt. „One point eight“ Reifendruck, damit kommt man sowohl über Schotter als auch Teer oder Sand. Die Autos sind rundum mit einer durchsichtigen Folie abgeklebt gegen die wirbelnden Steine auf der Straße, die Reifen extra versiegelt und ohne Allradantrieb bleibt man sogar bei einigen Parkplätzen ausgesperrt.

Noch nicht mal in den Städten sind alle Straßen geteert, in der Einöde ist eine Asphaltdecke eher die Ausnahme. Kommt wirklich mal Gegenverkehr, wird man in eine Staubwolke getaucht, die erst nach mehreren hundert Metern den Blick auf die Welt wieder freigibt. Bodenrillen können die Fahrt ziemlich holprig machen und nach heftigem Regen stellen die bei uns zum Glück immer trockenen Flussbetten, durch die man alternativlos durch muss, sicherlich kein allzu großes Vergnügen dar. Und geht es erst mal bergauf, kann’s richtig gruselig werden. Den Spreetshoogte Pass, der die Namibwüste mit dem Khomas-Hochland verbindet, sind wir zwar heil hochgefahren. Runter wollten wir dort aber auf gar keinen Fall. Enge Kurven und 22% Steigung an der steilsten Stelle – aber wenigstens ist er meistens geplättelt…

Dazu kommen dann noch die Tiere. Antilopen aller Art, Wildschweine oder auch nur eine Ziegenherde tauchen gerne mal unvermutet auf der Straße auf. Aber auch die vielen kleineren Tiere, herzige Erdhörnchen, putzige Schildkröten oder hübsche Wüstenfüchse wollten wir in keinem Fall auf dem Gewissen haben.

In diesem großen menschenarmen Land sind die Annehmlichkeiten der Zivilisation dünn gestreut. Der nächste Supermarkt? Oder gar die nächste Tankstelle? Och, so 100 Kilometer entfernt, diese Auskunft kriegt man auf den einsam gelegenen Gästefarmen gar nicht so selten. Tankstellen gleichen den letzten Außenposten der Zivilisation, über und über verdreckte Geländefahrzeuge mit mehreren Reservekanistern und -reifen warten auf Befüllung. Das winzige Solitaire in der Namibwüste haben wir dann gleich zwei mal angesteuert – die einzige Tankstelle, der einzige Minisupermarkt, die einzige Apple Pie im Umkreis von vielen vielen vielen Kilometern trockener Wüste. Eine Kirche, ein Restaurant, ein kleiner Laden, ein Reifendienst und eine Tafel mit der Niederschlagsmenge seit 2009 – was braucht es schon mehr hier in der Wüste?

Natürlich fragen wir uns, ob wir mit unserem „small car“ hier wirklich durchkommen. Mit einem Reserverad und dem wackligen Wagenheber. Ich nehm’s vorweg: tun wir. Gut, zweimal machte ein Reifen schlapp, aber zum Glück war immer ein rettender Reifenprofi in der Nähe, um ihn innerhalb kürzester Zeit zu flicken. Aber als wir über 300 Kilometer von Sossusvlei Richtung Süden entlang des Namib-Naukluft-Parks fuhren, auf der ganze Strecke vielleicht fünf Autos begegneten und nicht eine Sekunde lang Handy-Empfang hatten, schwang sie schon ein bisschen mit, die Befürchtung, was jetzt wäre, wenn sich ein Reifen auf der Holperstrecke mit lautem Puff verabschiedet. Hätten wir das Reserverad auf dem weichen Untergrund rauf gekriegt aufs Auto? Und was wäre, wenn sich gleich zwei Reifen entleeren? Aber, unser excellent luck aus dem japanischen Tempel, wohl behütet in einer kleinen Schachtel in meinem Gepäck, hat uns auch hier wieder vor Schlimmerem bewahrt – schon unglaublich, dass die Reifen immer dann den Geist aufgaben, wenn ein hilfreicher Flickmeister in der Nähe war. Aber wir verstehen jetzt gut, warum unser Reiseführer empfiehlt, am besten gleich zwei Reserveräder mitzunehmen. 

Mit vollem Tank, one point eight Druck im Reifen, zwei Kanistern Wasser und mehreren Tüten Chips an Bord war es trotzdem ein riesiges Vergnügen, durch diese wunderbaren Landschaften zu fahren. Namibia ist ein Abenteuer, und zwar größtenteils ein ziemlich komfortables. Und die Erleichterung, nach vielen einsamen Kilometern heil angekommen zu sein, gehört wohl einfach mit dazu. Zwar liegen zwischen Eingang der Gästefarm und dem tatsächlichen Gebäude gerne mal zehn Kilometer auf sehr sehr unbefestigten Wegen, Gatter auf, Gatter zu, Achtung Schafe, Kühe, Springböcke. Aber dann taucht irgendwann ein großes Haus auf, fast wie eine Fata Morgana, mit kühlem Bier und perfektem Steak. Fahren ist anstrengend in Namibia, aber die Straßen bringen uns zu Orten höchster Glückseligkeit 🙂

So viele Tiere!

Windhoek, deutsches Erbe und die netten Zeltplätze – aber jetzt muss es endlich mal um das gehen, was Namibia eigentlich ausmacht – die Natur. Ganz besonders die Tierwelt. Und ganz besonders viele schöne Tiere sollen im Etosha-Nationalpark wohnen. Also machen wir uns auf Richtung Norden. 

Der Etosha-Nationalpark umfasst 23.000 Quadratkilometer, das ist so in etwa die Größe von Mecklenburg-Vorpommern. Mittendrin befindet sich die Etosha-Pfanne, fast 5000 Quadratkilometer groß, schneeweiß und wegen des hohen Salzgehalts des Bodens fast unbewachsen. Ansonsten viel Savanne und weil es gerade so ausgiebig regnet auch viel Steppengras.

Und viele Springböcke!

Um einen Eindruck von der Vielfalt des Parks zu bekommen, sind mehrere Tage notwendig. Wir haben ihn von Osten nach Westen durchquert, von drei der vier Eingänge aus, haben in und außerhalb des Parks übernachtet und eigentlich war alles toll. Der Campingplatz Olifantsrus im Park war doppelt so teuer und halb so komfortabel wie alle anderen außerhalb, aber dafür konnten wir stundenlang im bequemen Beobachtungsturm am Wasserloch sitzen um – na ja, ein paar Springböcke zu sehen. Aber es war ultraentspannt, so gemütlich in die Wildnis zu schauen und Springböcke sind ja einfach wunderschön.

Aber jetzt mal von Anfang an. Schon auf der Straße zum Park bekommen wir einen ersten Eindruck, was uns so alles erwarten könnte. Wie in einer ausgeklügelten Dramaturgie warnen die Schilder spannungssteigernd vor Warzenschweinen, Springböcken, Zebras, Giraffen und Elefanten. Letztere werden ein Mythos bleiben.

Unser erster Campingplatz hat ein gutes Restaurant, Oryx-Steaks wandern in unsere Mägen und leider schmeckt die edle Antilope ganz hervorragend. In den folgenden Wochen essen wir dann fast alles, was wir auch gesehen haben, von Impala über Eland bis hin zu Kudu und Springbock. Verzeiht mir, ihr wunderschönen Tiere, aber als Vegetarierin hätte ich in Namibia, eine der Grill-Hochburgen der Welt mit einer bei uns nicht ansatzweise zu erreichenden Fleischqualität, wirklich nichts zu suchen.

Oryx-Antilopen

Am nächsten Tag startet dann unser Abenteuer Etosha. Am Eingangstor wird genauestens vermerkt, wer mit welchem Auto und für wie lange in den Park fährt, ein prüfender Blick ins Wageninnere, Plastiktüten sind hier verboten und ich zittere kurz, sind doch all unsere Lebensmittel und unser Geschirr in eben solchen verpackt. Aber auch unter die Sitze gestopft, da müssten sie schon unter selbige schauen und großes Ehrenwort: wir haben nicht vor, sie während unserer Fahrt durch den Park aus ihrem Versteck zu befreien und in die schöne Natur fliegen zu lassen.

Eine Riesentrappe

Die ersten 15km geht es über eine locker zu befahrende geteerte Straße, dann ist das Besucherzentrum Namutoni erreicht. Noch mal registrieren, zahlen, tanken, Reifendruck kontrollieren. Jetzt also los! Nachdem wir die Station verlassen haben, geht es auf Schotterpisten weiter, häufig keine große Herausforderung, manchmal schon. Der viele Regen hat aus manchen Straßenabschnitten kleine Teiche gemacht, wie tief und wie schlammig, das erfährt man erst beim Durchfahren. Im Park darf maximal 60 gefahren werden, an vielen Stellen muss man froh um 40, manchmal 20 sein. Aussteigen ist hier strengstens verboten – die Löwen….

Also fahren wir, biegen an den Wegen zu den Wasserlöchern ab – vergebens. In der Trockenzeit sammeln sich die Tiere hier und unfassbare Beobachtungen und Photos sind möglich. Jetzt in der Regenzeit gibt es genügend Wasser, der Anmarsch zum Wasserloch ist für die Tiere nicht nötig. Also verlassen wir uns auf die Sichtungen von der Straße aus. Und die gibt es dann reichlich. Hunderte der eleganten Springböcke mit ihrer grazilen Zeichnung und dem reizenden kleinen Geweih. Kudus mit geschwungenen Hörnern und dem gestreiften Hinterteil. 

Ein edler Kudu

Ich wollte vor allem nach Afrika, um Giraffen in freier Wildbahn zu sehen. Die ließen sich Zeit, fast hatte ich es schon aufgegeben. Auf der traumhaften Jansen-Farm in der Kalahari lebte ein reizendes Pärchen, das uns abends beim Dinner zuschaute und auch mal an unserem Bungalow besuchte – supertoll, aber auf einer Farm, einer großen zwar, aber das ist eben doch keine freie Wildbahn. Und dann versuchten wir es ein zweites Mal mit Etosha – und wurden belohnt. Kleine Giraffen, große Giraffen, gemütlich kauend oder über die Straße trottend, allein oder zu sechst – mein Giraffenhunger ist für kurze Zeit ein wenig gestillt. 

Und Zebras! Große Herden in der weiten Landschaft, die selteneren Bergzebras in kleineren Gruppen am Rande der Berge.

Gnus und alle schon erwähnten, die unserem Appetit zum Opfer fielen.

Gnu: den haben wir leben lassen.

Die schönsten davon sind wahrscheinlich die Oryxe, mit ihren langen kerzengeraden Hörnern und ihren schwarzen Masken könnten sie auch geradewegs einem Märchenbuch entsprungen sein. Julia und die Rache des friedlichen Oryx.

Oryx ganz nah

Zwei Nashörner – ein Breitmaulnashorn in der Ferne, ein Spitzmaul am Wegesrand. Aber: da hat uns Nepal einfach schon die weltbesten Nashornerlebnisse geliefert und wir merken, dass es beeindruckender einfach nie wieder sein kann. War trotzdem toll!

Elefanten – auch da leider Fehlanzeige. Schade, aber erwähnte ich Nepal schon? 🙂

Und dann die Löwen. Das wäre natürlich was gewesen. Doch die meisten Löwenbegegnungen finden an Wasserlöchern statt – und die sind für die Großkatzen gerade einfach nicht attraktiv. Gibt’s überall Wasser, mag der Löwe offensichtlich nicht wandern. Und ganz ehrlich: ich las so häufig von Löwen, die gesichtet wurden, als sie gerade ein Zebra verspeisten. So wenig Hemmungen ich beim Oryx-Steak hatte – das will ich nicht sehen. Dann doch lieber Zebras, die das Leben genießen 🙂

Habe ich schon die kleinen Erdhörnchen erwähnt, die den Erdmännchen in Sachen Putzigkeit Konkurrenz machen? Die aufgeregten Helm-Perlhühner, die über die Straße spritzen? Die sehr hübschen, aber auch sehr scheuen Steinböckchen mit riesigen Ohren, die schnell im Buschland verschwinden? Die vielen Strauße, die ihre Jungen spazieren führen? Paviane? Etosha ist eine Wunderwelt, die wir unbedingt auch in der Trockenzeit noch mal erleben müssen. Das mit den verpassten Löwen kann ich bis dahin verschmerzen.