Ich war noch nie in China. Einmal kurz in Hongkong, aber zu kurz, um einen belastbaren Eindruck zu bekommen. Ich habe keine chinesischen Freunde, und ich weiß so gut wie nichts über Geschichte und Kultur des Landes. China ist so groß, so viele Völker, Sprachen, Kulturen, die man sicherlich nicht über ein Kamm scheren kann. Aber ich gebe offen zu: Ich habe Vorurteile, auf vielen Reisen gebildet und leider oft genug bestätigt. Auch auf dieser Reise bin ich hin und hergerissen zwischen Faszination und Unverständnis. So richtig politisch korrekt werden die nächsten Zeilen nicht.
In Südostasien begegnet man der chinesischen Kultur auf Schritt und Tritt. Vieles daran ist faszinierend: die prachtvollen chinesischen Shophouses in Kuala Lumpur und Singapur, die in Rot und Weihrauchnebel getauchten Tempel in George Town. Die großartigen Clanhäuser, deren Idee mir ausgesprochen gefällt: eine Anlaufstelle, ein Ort der Gemeinschaft, Kultur und Ahnenverehrung für Menschen, die aus derselben Region in China stammen.

Der Ahnenkult fasziniert mich als Genealogin besonders. Die Verstorbenen sind nicht einfach begraben und verschwunden, sie wirken weiter, nehmen Anteil am Glück oder Unglück der Nachfahren. Man ehrt sie in den Ahnenhallen, sorgt gut für sie – und erhält im Gegenzug Schutz und Segen. Wobei vieles, was man den Ahnen so hinstellt, nicht echt ist: „Geistergeld“ etwa kann man bündelweise für wenig Echtgeld kaufen. Hm – sie sind doch nicht blöd, die Ahnen.
Sehr dankbar sind wir den Chinesen für ihren Beitrag zur Kulinarik Malaysias: die Nyonya-Küche, diese grandiose Mischung malaiischer und chinesischer Geschmäcker, ist einfach unschlagbar.

Als wir Anfang Februar durch Südostasien reisen, ist das chinesische Neujahrsfest allgegenwärtig. Alles ist in Rot getaucht, das Jahr des Feuerpferdes steht bevor – ein dynamisches, unberechenbares Jahr. Ich lerne, dass ich im chinesischen Tierkreis eine Holzschlange bin, analytisch, gründlich, manchmal etwas zu sehr im Detail verloren. Was das Feuerpferdjahr für mich bedeuten soll: Gründlichkeit contra Leidenschaft, aufpassen, dass mein Holz nicht im Feuer verbrennt. Irgendwie passt das.

Das Feuerpferd ist überall sichtbar – auf den Straßen, in Geschäften, Tempeln und am Flughafen. Sogar Apple hat sein Logo temporär angepasst. Mich fasziniert, wie selbstverständlich Spiritualität, Aberglaube und Kommerz hier ineinandergreifen. Aber was mich irritiert: alles scheint sich stark um Wohlstand und Geld zu drehen. Auf einem kleinen Papierpferd, das ich kaufen wollte, stand die Hoffnung oder gar Forderung: „Viel Reichtum“. Die KI erklärt mir später, das sei weniger Gier als der Wunsch nach Glück und Sicherheit. Mag ja sein – aber bei mir bleibt ein gewisses interkulturelles Unverständnis.

Wo chinesische Kultur präsent ist, begegnet man zwangsläufig vielen Menschen chinesischer Herkunft – ob seit Generationen ansässig oder als Touristen unterwegs. Seit Chinesinnen und Chinesen verstärkt reisen, ist die Welt voller geworden. Reisen ist kein westliches Privileg – im Gegenteil, es ist großartig, wenn Menschen sich bewegen, Neues sehen. Aber ich habe zu oft chinesische Reisegruppen erlebt, die mit wuchtigem Selbstbewusstsein über Sehenswürdigkeiten hinwegrollen – laut, drängelnd, ohne Blick nach rechts oder links. Rücksicht scheint in der Gruppendynamik zu verschwinden. Gruppenreisende tendieren grundsätzlich dazu, vor allem auf sich selbst und weniger auf ihre Umgebung zu achten, aber bei Chinesen scheint dies noch stärker ausgeprägt zu sein. Schon chinesische Behörden fanden das so auffällig, dass sie ihren Landsleuten vor Jahren einen eigenen Touristen-Knigge verpasst haben.

Auf unseren Reisen hatten wir selten direkten Kontakt zu chinesischen Reisenden – Gruppen bleiben meist unter sich, chinesische Gruppen umso mehr, und dann ist da ja auch die Sprachbarriere. Nur einmal kamen wir in Usbekistan mit einem älteren Herrn ins Gespräch, einem sympathischen, gebildeten ehemaligen Richter – leider nur über Hände, Füße und Google Translate. Die jüngeren Mitglieder seiner Gruppe, die gut Englisch sprachen, saßen desinteressiert und wenig hilfsbereit daneben.
Dann noch die unterschiedlichen „Etiketten“: Unser „fröhliches“ Schneuzen ins Taschentuch gilt in China als unrein; das dort übliche und von Chinesen auch außerhalb der Heimat praktizierte hörbare Hochziehen der Nase empfinden wir als Zumutung.
Nimmt man dann noch die aktuelle Weltpolitik hinzu, verfestigen sich die Fronten fast von selbst.

Mit dem Abflug aus Südostasien dachten wir, das Thema hinter uns gelassen zu haben. Umso erstaunter waren wir in Melbourne, auf einen ganz ähnlichen Völkermix wie in Singapur zu treffen. Wir wohnten in der Innenstadt – hier sind rund 40 Prozent der Bevölkerung chinesischer Abstammung. Und auch in den nächsten Tagen werden wir einige chinesische Begegnungen haben.
Die Zahl chinesischer Individualreisender – vor zehn Jahren noch eine Seltenheit – steigt. Doch „Individual“ ist relativ: gereist wird oft in kleinen Gruppen. Auf eine solche treffen wir bei einer unserer ersten Campernächte. Auf einem sowieso schon engen Campingplatz hat sich direkt hinter uns eine Gruppe extrem gut gelaunter und perfekt ausgerüsteter Chinesen niedergelassen. Laut, in ihrem eigenen Kosmos und mit ausgeprägtem Desinteresse an den freundlichen australischen Nachbarn, deren Kontaktversuche abgeblockt werden.
Diese Rücksichtslosigkeit beginnt mich zu nerven. Und auch in den nächsten Tagen an den schönsten Aussichtspunkten, die die Great Ocean Road zu bieten hat, gewinnen sie keine Punkte – hier geht es nicht um Erlebnisse, um Erinnerungen – hier geht es knallhart um Fotos, irgendwas, was man vorzeigen kann in der Heimat. Klar sind viele Menschen auf schöne Bilder aus, aber das hier ist fordernd, rücksichtslos, die Schönheit der Natur ignorierend.
Und spätestens da haben sie sich meine Irritationen verfestigt, zu sehr negativen Vorurteilen. Schlechte Gefühle, auf denen ich nicht einfach sitzenbleiben will.
Soll ich nach China reisen, um mir eine Meinung zu bilden, die über Hörensagen und Reiseerlebnisse hinausgeht? Um Land und Leute besser zu verstehen? Bei Rumänien hatte es damals auch geklappt – ich war voller Vorurteile und kam als großer Fan des Landes zurück. Ich zögere. Komme von dem Gedanken aber nicht los. Und dann die Idee – wie wäre eine erste Annäherung? China light sozusagen?
Taiwan!
Komm, das machen wir!


