Eigentlich klang es nach einem guten Plan – nach der Einöde und dem Staub der roten Erde auf dem Nullarbor ein paar Tage in Esperance, an der Küste des Southern Ocean, türkisblaues Meer und Bilderbuchstrände, die zu den schönsten Australiens gehören sollen. Doch – diese Idee hatten andere auch. Die Campingplätze in Esperance sind ausgebucht und selbst wenn wir ein Plätzchen für unseren Van finden sollten – auf das Getümmel haben wir keine Lust.
Also ändern wir die Richtung und landen im winzigen Salmon Gum. Der Platzwart trägt ein Fliegennetz übers Gesicht, erteilt seine Anweisungen mit militärischer Präzision – und zur Sicherheit auch schriftlich: Überall Schilder, die regeln, was man darf und was man besser lassen sollte. Irgendwie ist das so skurril, dass es schon wieder sympathisch ist. Genau die Art von Abwegen, die eine Reise spannend macht. Also beschließen wir, die Küste zunächst auszulassen und weiter nach Norden zu fahren – hinein in Australiens Siedlungsgeschichte, zu den Goldfields und in den Wheatbelt.
Kalgoorlie war das Zentrum des Goldrausches, gegründet 1895, als Glücksritter aus aller Welt hierher strömten. Die Gebäude an der breiten Hauptstraße spiegeln den Reichtum und die Pionierstimmung dieser Jahre wider: prunkvoll verzierte Fassaden im viktorianischen Stil, große Pubs, in denen man den Minenstaub mit einem Pint runterspülen kann, überdachte Gehwege, die Schatten spenden. Trotz unverkennbarem Australien-Feeling erinnert das Gesamtbild an die Kulisse eines Westernfilms.
Am Rand der Stadt klafft der „Super Pit“, eine der größten Goldminen der südlichen Hemisphäre. Vom Aussichtspunkt aus blickt man in ein gigantisches, terrassenförmiges Loch, so tief, dass die gewaltigen Transporter am Boden der Mine wie Spielzeug wirken. Tag und Nacht winden sie sich über die Serpentinen hinauf, beladen mit tonnenschwerem Gestein, in dem sich nur wenige Gramm Gold verbergen. Auch heute lebt Kalgoorlie von der Mining-Industrie, das merkt man selbst auf dem Campingplatz: ein völlig anderes Publikum als bisher, viele offenbar zeitweise in einer der Minen beschäftigt.

Wir fahren weiter nach Westen. Nach der roten Erde ändert sich das Bild: Hier beginnt der Wheatbelt. Riesige, bereits abgeerntete Getreidefelder säumen die Straße – gelb, stoppelig, weit bis zum Horizont. Doch die Eintönigkeit der Landschaft scheint ihre Bewohner geradezu anzuspornen, kreativ zu werden.
Das winzige Westonia wirkt wie ein lebendes Heimatmuseum – restaurierte Fassaden, ein liebevoll gestaltetes kleines Museum, in dem Alltagsszenen vergangener Zeiten nachgestellt sind. Der „Public Silo Trail“ führt zu künstlerisch gestalteten Getreidesilos, deren Außenwände zu überdimensionalen Leinwänden geworden sind. Und entlang des Tin Horse Highway stehen Dutzende Pferdeskulpturen aus ausrangiertem Farmgerät, skurril, witzig, typisch australisch.

Schließlich stoßen wir bei Albany wieder auf den Ozean. Der Ort selbst ist wenig attraktiv, aber der nahe Torndirrup Nationalpark dafür spektakulär: wilde Felsformationen und tiefblaues Meer, das tosend brandet. Nur ein paar Kilometer weiter finden wir in Denmark und am Greens Pool Traumbuchten mit Traumstränden und traumhaft türkisfarbenem Wasser, die Menschen und Hunde gleichermaßen glücklich machen.


Die Straße schlängelt sich weg von der Küste und führt hinein in dichte Karri-Wälder, die es nur in diesem Teil Western Australias gibt. Die schlanken, kerzengeraden Eukalyptusbäume wachsen bis zu neunzig Meter in den Himmel, ihre Kronen schließen sich weit oben zu einem Dach über dem lichten, duftenden Wald. Unser Stellplatz liegt in einer großen Lichtung, und als wir ankommen, ist er schon besetzt – von drei Kängurus. Sie dösen im Schatten, heben träge die Köpfe, mustern uns kurz und hoppeln dann gemächlich beiseite. Wir packen unsere Stühle aus und tun, was man da am besten tut: nichts, außer schauen. Denn die drei waren nicht allein: Über den kompletten Campingplatz verteilt sich eine ganze Gesellschaft von Kängurus – so nah bei uns, so schön.

Aber – es geht noch besser. In Kudardup kaufe ich für zwei Dollar im Campingbüro von Molloy Hideaway einen Vorrat Känguru-Futter – und mir damit eine Menge pelziger Freunde. Unglaublich, sie fressen mir wirklich aus der Hand, mit diesen weichen, samtigen Schnauzen. So nah, so friedlich – das ultimative Känguru-Erlebnis.
Einen haben wir aber noch – diesmal sind es Meeresbewohner. In Hamelin Bay, an einem dieser Traumstrände, die es hier einfach an jeder Ecke zu geben scheint, gleiten riesige Rochen auf der Suche nach Futter bis an den Strand. Wir waten durchs Wasser, und einer streicht Eric übers Bein als wolle er Kontakt aufnehmen – angenehm und weich fühlt es sich an.

Weit ist es jetzt nicht mehr bis Perth – zumindest nach australischen Maßstäben. Wir bummeln die Westküste hinauf durch die Margaret River Region. Wein und Surfen, das ist hier die perfekte Kombination. Am Surfers Point geraten wir in einen Surfwettbewerb und bekommen die hohe Kunst des Wellenreitens geboten – entspannt, fröhlich, ein Treffpunkt für Surffans jeden Alters. Wir kaufen eine Flasche feinen Sauvignon Blanc – lässt sich ebenso gut trinken wie der Shiraz aus dem Barossa Valley – und wissen: Die langen Strecken, die sind jetzt vorbei.

Noch ein paar Tage wollen wir in der Region bleiben, ohne Eile, ohne große Pläne. Mehr als hundert Kilometer am Tag müssen wir nicht mehr fahren. Einerseits ein angenehmer Gedanke – endlich ankommen –, andererseits schwingt Wehmut mit: Das war es jetzt fast. So viel gesehen, so viel erlebt. Aber noch sind wir unterwegs, und deshalb versuchen wir einfach, heute nicht an morgen zu denken.






