Von der Küste ins Outback

Wir lassen die Great Ocean Road hinter uns – und mit dem Meer verschwinden auch die Touristenströme. Unser nächstes Ziel: Koroit. Eigentlich ein eher unspektakulärer Ort mit ein paar historischen Gebäuden. Für Australier mit irischen Wurzeln jedoch eine kleine Pilgerstätte. Der irischste Ort Australiens soll Koroit sein. Gegründet von Iren, Austragungsort des Koroit Irish Festival – und im Pub gibt’s Guinness vom Fass.

Welcome to Ireland – Das Koroit Hotel

Wir entscheiden uns trotzdem für ein australisches Bier. Den Alkohol brauchen wir dann auch – der Wirt knöpft uns knapp 20 Euro für zwei Pint ab. Kein Ausreißer des „Koroit Hotel“ – Bier ist in Down Under einfach teuer. Stilecht holen wir uns gegenüber Fish and Chips und lernen gleich noch eine australische Spezialität kennen.
„Would you like Chicken Salt with it?“
Ich schaue fragend. Sie sagt: ihr Favourite. Also: ja, bitte, mit Chicken Salt.
Und tatsächlich – ziemlich lecker. Wir rätseln, wie die Australier diesen Brathähnchen-Geschmack ins Salz bekommen. Wird das etwa langsam im Hühnerfett gegart? Später klärt uns Wikipedia auf: eine reine Würzmischung, die noch nie ein Huhn gesehen hat. Aber egal, es funktioniert.

Am nächsten Tag machen wir noch einen kurzen Abstecher zum Tower Hill Wildlife Reserve in einem erloschenen Vulkankrater. Schon am Parkplatz stehen Menschen um zwei Bäume. Wir hatten gar nicht mehr damit gerechnet – aber da sitzen Koalas. Direkt über uns. Und dann beschließt einer plötzlich, den Baum zu wechseln.

Er rutscht erstaunlich geschickt den Stamm hinunter, völlig unbeeindruckt vom Publikum, watschelt ein paar Meter weiter und klettert am nächsten Baum wieder hinauf. Oben angekommen, platziert er sich in einer Astgabel und schaut auf uns herab, fast ein bisschen triumphierend. Als wüsste er genau, was für einen Auftritt er da gerade hingelegt hat.
Die Emus, die kurz danach über den Parkplatz laufen, haben es schwer, nach diesem Auftritt überhaupt noch etwas Aufmerksamkeit zu bekommen. Ganz klar: das war unser ultimatives Koala-Erlebnis!

Etwa 150 Kilometer hinter Koroit überqueren wir die Grenze nach South Australia und bei Kingston ist es wieder da, das Meer. Und an vielen Stellen hat man es ganz für sich alleine. So wie im Coorong-Nationalpark, wo wir nach schweißtreibender Wanderung durch die Dünen auf einen menschenleeren Traumstrand treffen.

Alles unser – die Küste des Coorong-Nationalparks

Jetzt stellt sich die Frage: Adelaide – ja oder nein? Eine der lebenswertesten Städte der Welt. Aber wir schauen uns an: Großstadt? Jetzt gerade? Eher nicht.

Den Wein vor den Toren der Stadt nehmen wir allerdings sehr gerne mit. Im Barossa Valley haben einst deutsche Einwanderer den Weinbau geprägt. Australischer Shiraz – durchaus berühmt. Wobei wir bisher eher die 8-Euro-Supermarktversion kannten.

Dass in Australien vieles früh schließt, daran haben wir uns inzwischen gewöhnt. Unvergessen unsere erste Reise: Ankunft in Sydney, voller Vorfreude auf einen Stadtbummel – und um fünf waren alle Geschäfte zu und die Bürgersteige hochgeklappt. Australische Work-Life-Balance. Unser Kanzler wäre not amused.

Die Zeiten haben sich etwas gebessert. Aber im Barossa Valley enden Weinproben immer noch um vier. Wir kommen um drei auf dem Campingplatz an – und sprinten direkt weiter zum nächsten Weingut.

Um 15:40 Uhr betreten wir, leicht verschwitzt und außer Atem, das stilvolle Hauptgebäude von Ellerton Vineyard. „Shiraz, bitte.“ Die Dame lächelt und schenkt ein.

Es war ein Fehler, sich all die Jahre mit Yellow Tail zufriedenzugeben.

Was hier ins Glas kommt, ist große Winzerkunst. Reben, 130 Jahre alt. Vollmundig, vielschichtig, einfach was ganz Besonderes. Und weil wir nur einmal hier sind – und in den letzten Jahren am australischen Shiraz genug gespart haben – greifen wir zu. Zwei richtig gute Flaschen wandern ins Heck unseres Vans. Eigentlich eine Sünde, sie durchschütteln zu lassen.

Nicht fallen lassen, die teuren Tropfen

Für einen Euro besorgen wir uns zwei Weingläser im Second-Hand-Laden. Und nehmen uns vor: Die Flaschen werden nur geöffnet, wenn es etwas zu feiern gibt.

Die Zeit, die wir durch den ausgelassenen Abstecher nach Adelaide gespart haben, investieren wir in die Eyre-Halbinsel. Die Austern und Pelikane in Coffin Bay, die Felsküste bei Kiana – Australien ist einfach wunderbar!

Grandios und zufällig hinter einem Parkplatz gefunden – Die Küste bei Kiana

Je weiter wir die Küste entlangfahren, desto häufiger hören wir auf Campingplätzen die gleiche Frage:
„Are you doing the Nullarbor?“

Als wir unser Auto in Melbourne gemietet haben, hatten wir noch nie davon gehört. Später lasen wir von einer Straße, die durch eine baumlose Ebene mitten im Outback führt und recht lang ist – ein bisschen beeindruckend, aber noch ohne große Bedeutung für uns.

Doch je öfter wir unterwegs die Frage hörten, desto mehr dämmerte uns, was das tatsächlich heißt: eine legendäre Strecke durch eine 200.000 Quadratkilometer große Fläche auf einer einzigen Straße, endlose Weite und kaum Infrastruktur. Plötzlich drehten sich unsere Gedanken um Wasservorräte, Tankstopps und die Abstände zwischen den Roadhouses. Denn ja – wir werden den Nullarbor fahren.

Und irgendwo zwischen all diesen Überlegungen wird uns klar: Bis zur ersten geöffneten Flasche liegen noch ein paar Tage und viele, viele Kilometer vor uns.
Der Nullarbor wartet. Der Wein auch.

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