Nullarbor: Zwischen Roadhouses, Roadtrains und 90 mile straight

Legendäre Roadtrips gibt es einige. Die Route 66 zum Beispiel, der wir 2015 gefolgt sind – auch wenn sie in ihrem ursprünglichen Verlauf längst nicht mehr existiert. Oder der Manali-Leh Highway, den wir 2011 bewältigt haben – zwar mit Fahrer, aber heftig genug. Auf dieser Reise kam gleich zu Beginn eine weitere Traumstraße dazu: die Great Ocean Road.

Und dann ist da plötzlich noch eine. Nicht geplant, aber unumgänglich, wenn man von Melbourne nach Perth will: der Nullarbor.

Spätestens in Ceduna wird klar, dass dies kein gewöhnlicher Roadtrip ist. Hier liegt der letzte große Supermarkt für die nächsten Tage, die letzte Gelegenheit, Wasser, Diesel und Proviant zu besorgen – zumindest in annehmbarer Auswahl und zu normalen Preisen. Die Planung hat es in sich: Mitten auf der Strecke überquert man die Grenze nach Western Australia, und bei der Einreise wird streng kontrolliert: Frisches Obst, Gemüse, Honig – alles tabu, um Schädlinge fernzuhalten.

Zwischen Ceduna in South Australia und Norseman in Western Australia verläuft diese meist schnurgerade Straße durch eine baumlose Einöde – und gleichzeitig entlang einer der spektakulärsten Küsten des Kontinents: der Großen Australischen Bucht, hinter der dann nur noch die Antarktis kommt. Über 1.000 Kilometer liegen vor uns, dazwischen: kaum mehr als ein paar Roadhouses.

Der Name sagt schon alles: „Nullarbor“ kommt vom Lateinischen nulla arbor – kein Baum. Und auch kein Wasser. Genau deshalb ist diese Küstenregion bis heute weitgehend unberührt – maximal einige winzige Siedlungen, meist rund um die Roadhouses, dazwischen buschige Natur und sehr viel Leere.

Zunächst einmal ist der Nullarbor eine Straße mit dem offiziellen Namen Eyre Highway: eine Spur für jede Richtung, befestigt und geteert. Sie führt durch den Nullarbor Plain, von dem sie ihren Namen bekommen hat.

Wer hier fährt, ist vorwiegend in einem großen Auto unterwegs – Wohnmobile, Offroad-Gespanne oder riesige Trucks. Und weil die Strecke so lang ist, hängt man an letztere gerne den ein oder anderen zusätzlichen Anhänger dran – fertig ist der Roadtrain, ein LKW mit einem, manchmal sogar zwei oder drei Anhängern. Oder mit erheblicher Überbreite, teils so breit, dass nur das Ausweichen auf den unbefestigten Seitenstreifen hilft. Doch über große Abschnitte ist man allein mit sich und der Straße – und die Konzentration darf nicht nachlassen. Auch wenn es über Stunden ausschließlich schnurgeradeaus geht.

Die einzigen Fixpunkte sind die Roadhouses. Tanken, Essen, Schlafen. Mehr gibt es nicht. Die Preise sind entsprechend – Benzin, Bier und Mahlzeiten im Pub sind gut 75 % teurer als in Ceduna.

Am ersten Abend übernachten wir am Nullarbor Roadhouse. Auf einer großen staubigen Flächen stehen die Campervans nebeneinander, alle in eine Richtung ausgerichtet, als würden sie auf den Start eines Rennens warten. Viel zu tun gibt es hier nicht. So kochen wir Apfelkompott, weil die frischen Äpfel nicht über die Grenze nach Western Australia dürfen. Draußen laufen Dingos zwischen den Trucks herum, immer eine gewisse Distanz wahrend, aber recht freundlich.

Ein freundlicher Dingo

Nachts wird es nicht wirklich ruhig. Das Brummen der Trucks hört nie auf, viele lassen ihre Motoren einfach laufen. Und erstaunlich viele fahren auch im Dunkeln – trotz der allgegenwärtigen Warnung vor Kängurus auf der Straße.

Beim Tanken am nächsten Morgen sehe ich ein kleines Schild an der Zapfsäule für AdBlue: „Out of stock“. Pech, wenn man das jetzt braucht, denke ich noch.

ok, geschummelt – das alte Roadhouse, aber mit unserem Van!

Heute liegt einer der spektakulärsten Abschnitte der Strecke vor uns: die Steilküste der Großen Australischen Bucht. Theoretisch. Praktisch verschluckt an diesem Tag der Dunst alles, was spektakulär sein könnte. Die Klippen verschwinden im Grau. Ein bisschen schade – und doch passt es irgendwie.

Bei klarem Wetter spektakulär: Die Great Australian Bight

Der Nullarbor hat sogar seine eigene Zeit. Zwischen South und Western Australia liegen eigentlich anderthalb Stunden Zeitverschiebung – nur der Nullarbor hat seine eigene kleine Zeitzone: eine Dreiviertelstunde hinter South Australia und eindreiviertel Stunden vor Western Australia. Wo genau was gilt, ist allerdings nicht immer klar – selbst unsere Uhren waren da unterschiedlicher Meinung.

Nullarbor-Time: Wie spät isses denn jetzt wirklich?

Anschließend geht es weiter Richtung Westen. Bei Border Village endet South Australia und gleich dahinter beginnt Western Australia. Die Einreisekontrolle ist streng: Kühlschrank, Schränke, Vorräte – alles wird geprüft. Wir sind vorbereitet und dürfen passieren.

Hier nehmen sie es genau: Quarantine Checkpoint

Kurze Zeit später meldet sich unser Van: AdBlue nachfüllen. Jetzt ist das „Out of stock“-Schild vom Vorabend plötzlich alles andere als belanglos.

Wir lernen schnell: Ohne das läuft irgendwann gar nichts mehr – dann startet der Motor einfach nicht.
Plötzlich bekommt diese scheinbar endlose Strecke eine neue Spannung. Wir rechnen, vergleichen, hoffen. Das nächste Roadhouse: Mundrabilla. Bitte, bitte.
Und tatsächlich – sie haben welches. Selten war eine Zapfsäule so eine Erlösung.

Dort verbringen wir die zweite Nacht. Als wir morgens aus dem Van klettern, Richtung Roadhouse laufen, um ein bisschen Empfang zu kriegen, hören wir vom Angriff auf den Iran. Noch ahnen wir nicht, dass der Spritpreis in den nächsten Tagen heftig steigen wird und wir uns die Preise vom Nullarbor noch zurückwünschen werden.

Voll betankt kommt jetzt eine weitere Attraktion: der 90 Mile Straight. 146,6 Kilometer ohne eine einzige Kurve. Einfach nur geradeaus.

Hin und wieder tauchen Schilder auf: Royal Flying Doctor Service – Emergency Airstrip. Wer hier einen medizinischen Notfall hat, braucht ein Flugzeug. Und die Straße wird kurzerhand zur Landebahn.

Der Nullarbor hat sogar seine eigene Zeit. Zwischen South und Western Australia liegen eigentlich anderthalb Stunden Zeitverschiebung – nur der Nullarbor hat seine eigene kleine Zeitzone, eine Viertelstunde von South Australia und eindreiviertel Stunden von Western Australia entfernt.

Für etwas Abwechslung der anderen Art sorgt eine typisch australische Idee: Nullarbor Links, der längste Golfplatz der Welt. 18 Löcher über 1 365 Kilometer – eines an jedem Roadhouse. Und im kleinen Museum am Balladonia Roadhouse erfahren wir, dass hier 1979 Teile von Skylab abgestürzt sind. Australien hat einfach für alles Platz.

Und irgendwann ist es geschafft. Offiziell endet der Nullarbor in Norseman. Wir biegen vorher ab. Die Fraser Range Station fühlt sich an wie eine andere Welt: kein Verkehr, kein Brummen, nichts als Stille.

Und genau hier ist er dann, der Moment. Wir öffnen eine der Weinflaschen, die seit dem Barossa Valley mitreisen, stellen die Stühle in den roten Sand, schauen in die Weite und stoßen an. Auf die Strecke. Auf den Nullarbor.
Und darauf, dass wir nicht immer wissen müssen, was vor uns liegt – Hauptsache, wir fahren los.

We did it!

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