Sieh, das Gute liegt so nah

Wir sind wirklich brav, was das Virus angeht. Wir nutzen keine öffentlichen Verkehrsmittel mehr, wenn wir zufällig Freunde treffen, halten wir eher drei Meter Abstand und Masken haben wir natürlich auch schon. Wir halten uns fit und drehen regelmäßig eine Runde durch den Park, spazierender- oder joggenderweise. Aber den teilen wir mittlerweile mit so vielen Menschen, dass der entspannte Walk eher zum stressigen Slalom wird. Und Globonauten sind wir ja schließlich auch noch. Also, raus aus der Stadt, wenigstens für ein paar Stunden. Ein Auto haben wir seit unserer Reise nicht mehr, Car-Sharing ist eine gute Alternative, die wir bisher sorglos in Anspruch nahmen. Jetzt ziehen wir mit einer Flasche Badreiniger – killt 99,9 % aller Viren und Bakterien – und einer Rolle kostbaren Küchenpapiers los und beginnen unseren Trip mit einer ausgiebigen Putzorgie. Aber egal, Mrs. Teilzeit und Mr. Kurzarbeit haben keine Zeitdruck. Nach einer halben Stunde über die leere Autobahn haben wir die Großstadt hinter uns gelassen und parken im idyllischen Bissingen an der Teck. Eric hat eine Route ausgesucht, die am Fuß der Alb startet – hochfahren kann ja jeder (wir geben zu: die letzten zwei Wochenenden haben wir das auch gemacht). Für alle, die nicht mit der Schwäbischen Alb vertraut sind: sie wächst sehr plötzlich aus der lieblichen Landschaft empor. Wikipedia beschreibt es treffend: Die Alb ist eine Hochebene, die nach Nordwesten durch einen sehr markanten Steilabfall begrenzt wird. Oder aus Bissinger und damit auch aus unserer Sicht: einen sehr markanten Steilanstieg. Wir lassen das Dorf hinter uns und laufen durch duftige Frühlingswiesen. Die Obstbäume rechts des Weges sind in voller Blüte, was für eine Pracht. Links beginnt der Wald, in den dann bald auch unser Weg abzweigt. Und dann geht’s hoch. Und zwar richtig. Der schmale Weg schlängelt sich in Serpentinen hinauf. Uns kommen einige verwegene Mountainbiker entgegen – das würde ich mich nicht trauen. Einmal vom Weg abgekommen geht es steil hinab – wer da fällt, der stürzt richtig ab. Als wir endlich oben sind, haben wir 400 Höhenmeter gemeistert und könnten es sogar beweisen, der moderne Globonaut misst ja jeden seiner Schritte elektronisch. Die Hochebene, die uns erwartet, ist weit und karg, Gras und Felsen, aber mit spektakulärem Blick hinunter ins Tal und zur Burg Teck. Hier weht ein kühler Wind, aber die Sonne scheint trotzdem fast sommerlich vom knallblauen Himmel. Eine kurze Pause auf einer Bank, dann weiter. Jetzt läuft es sich einfach, kaum noch Höhenunterschiede, fast gemütlich. Wir finden ein schönes Plätzchen und packen unsere Vorräte aus – auf Wegzehr in einem netten Landgasthof kann man in diesen Zeiten ja leider nicht bauen. Aber wir sind gut präpariert und eine halbe Stunde später wohlig satt. So ein Radler dazu wäre allerdings echt nett gewesen…

 

 

 

 

Durch das idyllische Tal mit Kühen im Hintergrund dringt nerviges Getöse – Motorräder. Warum bitte können dieseDinger nicht mit Elektroantrieb fahren? Die Typen
drauf können sich auch gerne Kopfhörer mit „sportlichem Sound“ aufsetzen. Wir jedenfalls laufen entlang des Tals bis zum Biohof Ziegelhütte. Normalweise bestimmt ein äußerst idyllischer Stopp, der kleine Hofladen ist geschlossen, bietet aber in keimfreien Zeiten Kuh- und Ziegenkäse und selbstgebackene Kuchen. In der Ferne grasen die Milchproduzenten, wir aber biegen nach links ab und machen uns an den Abstieg. Der führt wieder durch einen Wald und die Zipfelbachschlucht hinunter. Wie perfekt, dieser Name. Wie im alleridyllischten Märchen schlängelt sich der Fluss hinunter ins Tal, mal schmal in seinem Bett, mal in viele kleine Wasserfälle geteilt und ab und an überquert von kleinen Holzbrücken. Würzig duftender Bärlauch wächst rechts und links, weiter unten blüht er weiß und wo bleibt jetzt bitte Schneewittchen? Am Ende der Schlucht wartet das fast ebenso idyllische Dörflein Hepsisau, das ich bisher nur aus Erzählungen einer Studienfreundin kannte. Bei ihr klang es doch eher wie „abgelegenes Kaff“, ein so hübsches Örtchen hätte ich nicht erwartet. Vor dem Backhaus lassen wir uns am Dorfbrunnen nieder, Radler, jetzt wäre der perfekte Zeitpunkt für ein Radler! Corona sagt nein und so laufen wir weiter durch’s Dorf zurück Richtung Bissingen. Gelbe Rapsfelder, dazwischen ein paar Reiterinnen – ist Stuttgart wirklich nur 30 km entfernt? Kurz entsteht die Idee, hier nach einem Häuschen Ausschau zu halten, dann hätten wir eine Stadtwohnung und ein Landidyll. Als wir zum Schluss noch auf eine Schafherde treffen, verfestigt sich der Plan. Und nachdem wir in Bissingen noch den Landmetzger besucht haben, sind wir uns eigentlich sicher. Jetzt müssen wir nur noch das kleine einsame Holzhäuschen finden, inmitten einer Blumenwiese, aber bitte mit perfektem Internet. Wer einen Tipp hat, bitte melden!

   

P.S. Wer diese schöne Wanderung auch machen möchte: Es waren insgesamt etwa 15 km mit heftigen An- und Abstiegen, in Bissingen/Teck Richtung Dorfweiher, weiter aus dem Ort hinaus, dann links hoch in den Wald Richtung Breitenstein (der Weg heißt hier „hochgehadelt“), oben angekommen links dem roten Dreieck folgen, durch den Biohof Ziegelhütte, dahinter links die Straße runter und in der Linkskurve ab in die Botanik ins Zipfelbachtal bis hinunter nach Hepsisau, von dort links halten Richtung Bissingen.

 

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.