Und das Beste kommt zum Schluss

Und da ist er, mein letzter Abend in Lettland. Keine von diesen legendären „White Nights“, obwohl die Mittsommernacht unmittelbar bevorsteht. Denn es regnet und so fällt der späte Sonnenuntergang heute nicht auf. Ich bin in Riga, ein perfekter Abschluss meiner Reise ins Baltikum. Als sich der Bus vom Flughafen – dort habe ich mich von meinem tapferen litauischen Flitzer getrennt – der Brücke über die Daugava nähert, ahne ich schon, dass mich hier etwas ganz besonderes erwartet: das Panorama der Altstadt auf der anderen Flussseite ist beeindruckend. Leider stecken wir im Stau und ich würde so gerne jetzt sofort loslegen und Riga erobern. Der Busfahrer flucht, drängelt sich in jede noch so kleine Lücke und lässt uns irgendwann endlich am Bahnhof aussteigen. In zehn Minuten bin ich am Hotel, superzentral und ganz schön edel. Zum Abschluss der Reise hab ich mir ein bisschen was gegönnt, die Unterkünfte in Riga sind sowieso alle teuer. Es ist noch viel zu früh zum Einchecken, also Koffer abgeben und rein ins Vergnügen. Aber diese Stadt überfordert mich: zuerst zu dem mittelalterlichen Pulverturm auf der rechten Seite? Oder die riesige Säule hinter mir? Das Rathaus vor mir? Ah, ich kann mich nicht entscheiden! Also erst mal ins nächste Café. Einen Flat White später entscheide ich mich für einen Spaziergang zu den Markthallen. Die vielen Stände quellen über vor Beeren und Kirschen, es ist eine Pracht. Dem Fisch gehört eine ganze Halle, in der man frische oder geräucherte Exemplare kaufen kann. So viele gute Zutaten – leider ist die lettische Küche nicht die allerraffinierteste. Ich kaufe mir eine Schale Himbeeren, setze mich in die Sonne und schaue mir das Leben in Riga erst einmal an.
Und dann zurück in die Altstadt, ein bunter Mix von Gebäuden, Backstein neben Jugendstil, großzügige Plätze und verwinkelte Kopfsteingassen und viele Touristen. Riga ist kein Geheimtipp mehr, die Preise haben deutsches Niveau und die Deutschen scheinen hier auch die Mehrzahl der Touristen zu stellen. Aber dem Charme der Altstadt tut das keinen Abbruch. Eine Parkanlage bildet die Grenze zur Neustadt und hier merkt man, dass sich Mittsommer nähert. Auf langen Holztischen sind Blumen und Zweige ausgebreitet und jeder ist eingeladen, sich seinen eigenen Blumenkranz zu binden. Traditionell gekleidete Frauen geben Anleitungen und singen dazu – das ist ja besser als jedes Schweden-Klischee. Ich setze mich auf eine Bank, jetzt fangen sie auch noch an zu tanzen, kleine blonde Kinder, lauter Michels und Klein-Idas.
Am Abend laufe ich hinunter zum Fluss und auf einer der Brücken ans gegenüberliegende Ufer. Es ist fast 10, natürlich noch hell und das Licht ganz besonders intensiv. Städte am Fluss sind doch einfach immer besonders. Auch das moderne Riga ist sicherlich spannend, der futuristische Bau der Nationalbibliothek gibt einen Eindruck, aber ich werde dafür nicht genügend Zeit haben. Denn Riga hat so viel zu bieten und ganz besonders eindrucksvoll sind die vielen Jugendstilbauten. Glück gehabt, dass in Riga gerade Anfang des 20. Jahrhunderts viel Geld für den Bau und zu Sowjetzeiten zu wenig Geld für den Abriss vorhanden war. Eines der größten Jugendstilensembles der Welt in unterschiedlichen Erhaltungsgraden, von jetzt-sollte-aber-wirklich-was-passieren bis frisch renoviert. Im sehenswerten Museum, das eine komplette Jugendstilwohnung präsentiert, kaufe ich mir eine Führer zu den Jugendstilperlen Rigas. Diese Pracht macht mich sprachlos, damit habe ich nicht gerechnet. Zwischendrin entdecke ich ein originales Jugendstil-Café, die Preise sind selbst für unsere Verhältnisse gepfeffert, aber hier zu sitzen und auf die wunderbaren Häuserfassaden gegenüber zu schauen, rechtfertigt auch mal einen teures Kännchen Tee.

Das war es jetzt also mit dem Baltikum. Vorerst, denn es gibt noch so viel zu sehen und Estland fehlt mir komplett. Aber ich bin froh, dass ich nicht auch noch Tallinn in diese Reise gepackt habe. Drei Wochen Baltikum, das hört sich viel an und die Länder sind klein, aber das wäre mir zu stressig gewesen. Ich hätte aber auch nicht gedacht, dass Litauen und Lettland so unterschiedlich sind. Die Landschaft mag ähnlich sein, die Kulturen auch, aber eben nur ähnlich. Litauisch und lettisch hören sich für mich wie zwei vollkommen unterschiedliche Sprachen an, Litauen eher noch eindeutig östlich, Lettland fast schon schwedisch. Vilnius und Kaunas wirken wie Provinzhauptstädte gegen das hanseatisch vornehme Riga. Beim Essen gewinnt eindeutig Litauen – man wird satt in Lettland, aber das war’s dann auch schon. Der große Gegensatz zwischen Stadt und Land ist in beiden Staaten vorhanden und verliebt in die Technik des 21. Jahrhunderts sind sie auch beide. Nirgendwo hatte ich bisher eine so gute Netzabdeckung, WLAN im kleinsten Restaurant. Auch die nördliche Zurückhaltung teilen sich Litauer und Letten – als alleinreisende Frau sehr angenehm. Die sowjetische Vergangenheit scheint Litauen schon vollständiger abgelegt zu haben als Lettland, aber gerade in Riga leben auch noch viele Russen. Und in Sachen Naturerlebnis sind beide Länder absolute Highlights. Die baltischen Staaten sind keine Billigreiseländer, aber verglichen mit Skandinavien sicherlich ein Schnäppchen. Tolle Ferienhäuser an einsamen Seen, das bekommt man hier viel günstiger als in Schweden oder Finnland. Nur bei den Moskitos gibt es weniger Unterschiede.
Ich beende meine Reise mit vielen neuen Eindrücken und einem hochemotionalen Familienerlebnis. Und ich habe noch mehr Lust gekriegt auf Osteuropa. Ich bin mir sicher, dass dort noch viele Wunder zu entdecken sind.

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